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Full text of "Solschenizyn, Alexander Zweihundert Jahre Zusammen Band 2"

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Alexander 

Solschenizyn 

»Zweihundert Jahre 
zusammen« 

Die Juden in der Sowjetunion 


Aus dem Russischen von Andrea Wöhr 
und Peter Nordqvist 


Herbig 







Russischer Originaltitel: 
Dvesti let vmeste. Cast’II. 
Moskau: Russkij put, 2002 


Kapitel 1-8 wurden von Andrea Wöhr, 
Kapitel 9-15 von Peter Nordqvist übersetzt. 


Alle Anmerkungen stammen vom Verfasser. 

Die römisch bezifferten Fußnoten enthalten Erläuterungen 
durch Übersetzer und Verlag. 


Besuchen Sie uns im Internet unter 
http://www.herbig-verlag.de 


2. Auflage 2004 

© 2002 Alexander Solschenizyn für die russische Ausgabe 
© 2003 Librairie Artheme Fayard für die französische 
und alle weiteren Ausgaben 

© 2003 für die deutsche Ausgabe 
F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 
Alle Rechte Vorbehalten 
Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzei 
Herstellung und Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger 
& Karl Schaumann GmbH, Heimstetten 
Gesetzt aus der 11,5/14 Punkt Adobe-Garamond 
Druck und Binden: GGP Media, Pößneck 
Printed in Germany 
ISBN 3-7766-2356-X 



Inhalt 


Zum Geleit 

7 

Kapitel 1 

In der Februarrevolution 

25 

Kapitel 2 
Das Jahr 1917 
44 

Kapitel 3 

Bei den Bolschewiken 

78 

Kapitel 4 
Im Bürgerkrieg 
128 

Kapitel 5 

In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 

170 

Kapitel 6 

Die Zwanzigerjahre 

208 

Kapitel 7 

Die Dreißigerjahre 

290 


5 



I?i halt 


Kapitel 8 

In den Lagern des Gulag 
343 

Kapitel 9 

Im Krieg mit Deutschland 
358 

Kapitel 10 

Vom Kriegsende bis Stalins Tod 

404 

Kapitel 11 

Die Zeit bis zum Sechs-Tage-Krieg 
424 

Kapitel 12 

Die Abkehr vom Bolschewismus 

448 

Kapitel 13 

Der Wendepunkt zur Anklage Russlands 

468 

Kapitel 14 

Der Beginn des Exodus 

491 

Kapitel 15 

Über die Assimilation 
515 

Nachwort 537 
Abkürzungsverzeichnis 539 
Anmerkungen 541 
Karte 598 
Personenregister 600 


6 



Zum Geleit 


E in jeder, der wie ich im vorliegenden Werk Untersuchungen über 
die gewichtige Rolle der Juden im Leben der Völker und Länder ihrer 
Diaspora anstellt, gerät bei der Überlegung, wer eigentlich Jude sei be¬ 
ziehungsweise wen man als Juden anzusehen habe, unweigerlich ins Zau¬ 
dern. Solange die jüdische Bevölkerung lediglich abgesonderte Enklaven 
innerhalb anderer Völker bildete, sah man sich zu einer solchen Frage¬ 
stellung nicht veranlasst. In dem Maße aber, wie sich die Juden assimi¬ 
lierten oder einfach immer umfassender in ihr Umfeld integrierten, er¬ 
hob sich diese Frage und wurde, ganz besonders von jüdischer Seite, 
des Langen und Breiten erörtert. Natürlich fielen auch in Russland die 
Antworten in der Phase ab der Russischen Revolution bis hin zum Be¬ 
ginn der jüdischen Emigration sowie in der Zeit danach immer wieder an¬ 
ders aus. Schon deswegen scheint mir der Versuch lohnend, einen Über¬ 
blick über die diversen Meinungen diesbezüglich zu geben. Man trifft hier 
erstaunlicherweise vom ersten Schritt an auf auseinander klaffende An¬ 
sichten und auf Kontroversen, deren Facettenreichtum und Vielfalt frap¬ 
pierend sind. 

Die vor der Russischen Revolution erschienene »Jüdische Enzyklopä¬ 
die« bietet unter dem Stichwort »Jude« keinerlei Definition, sondern ver¬ 
weist lediglich darauf, dass »bereits in den ältesten Teilen der fünf Bücher 
Mose die Bezeichnung >Juden< für die Israeliten verwendet wird, um diese 
von den Ägyptern zu scheiden«, und führt einige konkurrierende Hypo¬ 
thesen bezüglich der Etymologie dieses Wortes an. 1 Die neuere »Kleine Jü¬ 
dische Enzyklopädie« begnügt sich mit der Definition: »Person, die dem 
jüdischen Volk angehört.« 2 

Augenscheinlich wollten sich damit jedoch nur wenige zufrieden 
geben. »Wen soll man als Juden ansehen? Wer ist Jude?« und auch »Was 
ist >Jüdischkeit<?« - heute stellt sich hier auch für die Juden selbst keine 
leichte Frage. So schreiben russisch-jüdische Autoren über den Begriff 


7 



Zu m Geleit 


»jüdisch«: »Weder in Israel noch im Ausland sind sich die Juden selbst über 
den Gehalt dieses schillernden Begriffes einig. Je mehr der unbedarfte 
Neuling versucht, sich ihm anzunähern, desto mehr entgleitet ihm dieses 
unfassbare Bild.« 3 »74 Jahre nach der Russischen Revolution und 43 Jahre 
nach der Wiedergeburt des Staates Israel ist der Versuch den Juden zu de¬ 
finieren eine Aufgabe, die nach wie vor Kopfzerbrechen bereitet.« 4 

Nur für die gläubigen Juden stellte sie nie eine Schwierigkeit dar. Die 
Definition der orthodoxen Rabbiner lautet: »Jude ist, wer von einer jüdi¬ 
schen Mutter geboren ist oder nach den Vorschriften der Halacha zum Ju¬ 
dentum übergetreten ist.« 5 (Als Halacha wird die religiöse Reglementie¬ 
rung des Lebens der Juden, die »Gesamtheit der in der Thora, im Talmud 
und in der späteren rabbinischen Literatur enthaltenen Gesetze« 6 be¬ 
zeichnet.) 

»Was hat uns die Kraft zu leben gegeben und gibt sie uns heute, und 
worin liegt die Bedeutung dieses Lebens? Auf das eine wie das andere fin¬ 
den wir die Antwort in der Religion.«? Arthur Koestler schrieb: »Das end¬ 
gültig unterscheidende Charakteristikum des Juden ... ist nicht seine 
Rasse, Sprache oder Kultur, sondern seine Religion.« 8 Auch heute liest 
man in einer israelischen Zeitschrift: »In aller Fülle vermag sich das na¬ 
tional Jüdische nur in einer religiösen Lebensweise zu entfalten.« 9 

Doch schon in der Welt des Altertu m s war ein anderer gemeinschafts¬ 
stiftender Impuls zu beobachten, der eher national als religiös geprägt war. 
S. Ja. Lurje fuhrt das Beispiel der Essener an, einer »jüdischen Sekte, die 
das Heil darin sah, sich nicht auf nationaler, sondern auf individueller 
Ebene zu vervollkommnen. Die Essener begriffen sich als >Diener des Frie¬ 
dens^ und wurden seitens der ördichen Machthaber, die ihre Ansichten 
respektierten, vom Militärdienst freigestellt. »Nichtsdestoweniger zogen 
die Essener trotz ihrer Skepsis bezüglich der Heiligkeit des Tempels und 
der Opfer und ungeachtet ihrer entschieden antimilitaristischen Prinzi¬ 
pien freiwillig an der Seite der kämpfenden Juden in die Schlacht, als dem 
für die Juden der Welt wichtigsten Zentrum Gefahr drohte ... So einge¬ 
fleischt war ihr jüdischer Patriotismus, dass er über ihre Überzeugungen 
siegte, die doch sonst ihr ganzes Leben bestimmten.« 10 

Auch im 19. Jahrhundert wurde die Meinung geäußert, dass »die Ur¬ 
sprünge der Juden als Volk vor denen des Judaismus hegen«. »Wir müssen 
unseren Begriff der >Jüdischkeit< ständig ausdehnen«, »wir müssen uns von 


8 



Zum Geleit 


den Begrenzungen des halachischen Judaismus losmachen und uns in eine 
weitere Welt begeben.« 11 

Im säkularen 20. Jahrhundert schließlich wurde der auf die Religion ge¬ 
gründete Begriff des Jüdischen zwangsläufig weiter erschüttert und ver¬ 
wässert. Verdrängt zeigt sich das religiöse Motiv bei den Überlegungen, 
die G. Sliosberg (nach der Revolution) anstellte: »Worin besteht das Kri¬ 
terium für die Zugehörigkeit zum Judentum? Es ist die ethnische Zuge¬ 
hörigkeit, in der über Jahrtausende hinweg das nationale Wesen der Juden 
beschlossen war, welches sich im ununterbrochen weiter geknüpften Band 
der spezifisch jüdischen Kultur und im einheitlichen geistigen Wesen 
sämtlicher Juden in allen Ländern äußert.« 12 

Bereits Mitte des 20. Jahrhunderts erhob dann Hannah Arendt war¬ 
nend ihre Stimme: »Judentum wurde zu Jüdischkeit, einer psychologi¬ 
schen Qualität, die Judenfrage zu einem individuellen Problem.« 13 Ganz 
ähnlich sagt es der israelische Schriftsteller Arnos Oz: »Nun hat eine tra¬ 
gische Neigung, an Stelle des Judaismus ein Surrogat zu setzen, nämlich 
einen gewissen Seelenzustand, den man in der ganzen Welt >Jüdischkeit< 
nennt, ihre Wirkung getan ... Doch ist dies nur einer von vielen Trieben 
des Judaismus, ein einziges Zweiglein, ein einziger Spross.« 14 

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schließlich äußerte einer der 
angesehensten jüdischen Intellektuellen: »Ich respektiere die religiösen 
Überzeugungen, ... aber ... ich bestehe darauf, dass Judentum nicht un¬ 
bedingt mit Religion zu tun hat, dass wir, wenn wir vom Judentum spre¬ 
chen, etwas anderes meinen. Welches >andere< genau, ist äußerst schwie¬ 
rig zu bestimmen. Gewisse gemeinsame Werte? Zweifellos. Eine gemein¬ 
same Geschichte? Zweifellos. Gemeinsame Persönlichkeitsmerkmale? 
Zweifellos.« 15 

Das »Oberste Gericht der Gerechtigkeit Israels« erließ 1958 in einem 
konkreten Rechtsfall unter Bezug auf das rabbinische Schriftgut das fol¬ 
gende Urteil: »Ein Jude, der zu einem anderen Glauben konvertiert ist, 
bleibt im Sinne der Halacha dennoch Jude ... Selbst wenn er das jüdische 
Gesetz bricht, hört ein Jude nicht auf, Jude zu sein.« 16 Für einen Juden ist 
»der Übertritt... zu einem anderen Glauben im Grunde unmöglich«. 17 

Der im vorliegenden Buch mehrfach erwähnte bekannte Menschewik 
Solomon Schwarz sagte (1966) von sich selbst, er sei ein »weltlicher, ein 
nicht-religiöser Jude«, aber: »Ich empfinde mein Judentum im tiefsten 


9 



Zum Geleit 


Herzen, und niemand hat es in der Hand, mich davon zu scheiden. Viel 
wichtiger aber ist, dass Hunderttausende, vielleicht Millionen solcher 
weldichen, nicht-religiösen Juden existieren ... Davon gibt es viele auch 
unter den so genannten Amerikanern jüdischer Religion, für die sich die 
Zugehörigkeit zur jüdischen Religion größtenteils einfach in gewissen Ri¬ 
tualen erschöpft.« 18 

Mit noch wesendich größerer Überzeugung werden säkulare Einschät¬ 
zungen in der heutigen Zeit zum Ausdruck gebracht: »Es ist unzulässig, 
... einen eindeutigen und geradlinigen Bezug herstellen zu wollen, durch 
welchen die Rolle oder die Absichten des modernen Judentums, das zer¬ 
splittert ist und weder eine universale Art des Umgangs mit dem Glauben 
noch eine einheidiche säkulare Kultur noch eine gemeinsame Ideologie 
besitzt, auf die Überlieferungen über die Eroberung des Gelobten Landes 
durch die Vorväter und auf die 3000 Jahre alte Moral dieser Vorväter zu- 
rückgefuhrt werden.« 19 

In der Tat, eine lange Wegstrecke liegt dazwischen. Heute »machen die 
orthodoxen Juden nur einen kleinen Teil des Weltjudentums aus«. 20 

Heutzutage schreibt man wie selbstverständlich über »die Lösung des 
jüdischen Problems, das heißt des Problems der Erhaltung der Juden als 
ethnischer Gemeinschaft« 21 (Hervorhebung von mir - A. S.). 

Doch besteht die Tendenz, diesen Begriff der ethnischen Gemeinschaft 
auch noch grob zu einer Blutsgemeinschaft zu vereinfachen. So heißt es im 
»Buch über das russische Judentum« an einer Stelle einfach: »Nikolaj Met- 
ner 1 (in dessen Adern jüdisches Blut floss).« 22 Die »Kleine Jüdische Enzy¬ 
klopädie« schließt in ihr Namensverzeichnis ohne Zögern Juden ein, die 
zum Christentum konvertiert sind oder eine Person wie den Gardeoffi¬ 
ziers- und Gutsbesitzerssohn Ilja Metschnikow 11 , der »von der jüdischen 
Herkunft seiner Mutter verhältnismäßig spät erfuhr« 23 , doch damit 
scheinbar über genügend Grundlagen verfugte, in die Enzyklopädie auf¬ 
genommen zu werden. Es werden sogar Namen von solchen genannt, die 
dem jüdischen Bewusstsein ihr Leben lang fern standen. Wird hier also 


I Nikolaj Karlowitsch Metner (1879-1951): Komponist, Klaviervirtuose 

II Ilja Iljitsch Metschnikow (1845-1916): Biologe, einer der Begründer der Im¬ 
munologie, Nobelpreisträger (1908), seit 1904 Direktor des Pasteur-Instituts in 
Paris 


10 



Zum Geleit 


die Definition des Judentums bereits vom Blut an Stelle vom jüdischen 
Geist hergeleitet? 

Ju. Karabtschiewskij empörte sich ganz zu Recht »im Ausland im Wer 
ist wer der dort geehrten und berühmten Juden auch den Schriftsteller 
Boris Pasternak vorzufinden. Was sollte er für ein Jude sein ...? Er hatte 
sich selbst doch nie als Jude gefühlt und sich wiederholt energisch von der 
jüdischen Gemeinschaft distanziert, die ihm eindeutig auf die Nerven 
ging.« 24 Dies entspricht den Tatsachen. Betrachtet man die tiefe Authen¬ 
tizität von Pasternaks evangelischen Versen, so steht außer Frage, wo sein 
Geist eine Heimstatt fand. 

1994 begann in Russland die Publikation der »Russischen Jüdischen 
Enzyklopädie«. Den Anfang machten die Bände mit den Biografien, und 
dafür waren Persönlichkeiten auszuwählen. Hier findet sich schon in der 
Einleitung die folgende Erklärung: »Als Juden gelten unabhängig vom 
Glaubensbekenntnis Personen, bei denen ein Elternteil oder beide Eltern 
jüdischer Herkunft sind.« 25 

An den Wettkämpfen der »Makkabiade«, des israelischen Weltsport- 
fests, können »nur Juden teilnehmen«. 26 Ist dies dahingehend zu verste¬ 
hen, dass auch hier wieder das Blut das entscheidende Abstammungs¬ 
merkmal darstellt? 

Doch warum moniert man dann so vehement und schneidend bei allen 
rundum, sie klassifizierten die Juden »nach dem Blut«? Hier wäre doch ein 
klarsichtigerer Umgang mit dem eigenen Nationalismus angebracht. 

Ein anderes Beispiel bietet Louis Brandeis, führender Zionist in Ame¬ 
rika und ab 1916 Mitglied des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten 
Staaten. Er erklärt: Wenn aus irgendeinem Grunde »Menschen jüdischen 
Blutes Leid erfahren, so strömen unser Mitgefühl und unsere Hilfe in¬ 
stinktiv zu ihnen, in welchem Land sie auch wohnen, ohne dass dabei 
nach Nuancen ihres Glaubens oder Unglaubens gefragt wird«. 27 Amos 
Oz fugt hinzu: »Jude sein bedeutet zu fühlen: Wo immer ein Jude verfolgt 
oder gequält wird, da wird man selbst verfolgt und gequält.« 28 (Ge¬ 
nau diese Wahrnehmung ist es, die den Juden immer wieder aus allen 
möglichen schwierigen Situationen heraushilft! Wenn wir Russen nur 
ebenso empfänden ...!) Dieser innere Zusammenhalt des Judentums, die 
Art der Juden, sich in der Not gegenseitig zu helfen und wie Pech und 
Schwefel zusammenzuhalten, hat nicht selten beträchtliches Erstaunen 


11 



Zum Geleit 


hervorgerufen, bei vielen Autoren, in vielen Ländern, zu verschiedensten 
Zeiten. Sergij Bulgakow beobachtet bei den Juden »eine besondere orga¬ 
nische Geschlossenheit, die in einem solchen Maße keinem anderen Volk 
zu Eigen ist«, »der nationale Geist und die Geschlossenheit des Judentums 
werden durch nichts untergraben, an ihnen scheitern jegliche Kräfte aus 
anderen Völkern, sofern sie als Konkurrenten oder Widersacher auftre- 
ten«. 29 

Die Juden wären allerdings nicht Juden, wenn sie es bei so einfachen 
und unzweideutigen Begriffen und Erklärungen bewenden ließen. Nein, 
man trifft hier auf eine bunte Vielfalt von Überlegungen. 

Wir zitieren noch einmal Amos Oz: »>Was bedeutet dies — Jude zu 
sein, in der modernen säkular ausgerichteten Gesellschaft des letzten Drit¬ 
tels des 20. Jahrhunderts?< Wenn nicht >die Synagoge< - die Gemeinschaft 
der Juden — das Entscheidende ist... was ist es dann? Und wenn es nicht 
nur um >die Synagoge< geht, worum geht es dann?« 30 »In meinem Wort¬ 
schatz bedeutet Jude einen Menschen, der sich als Jude ansieht oder des¬ 
sen Los es ist, Jude zu sein. Jude ist man, wenn man einwilligt, Jude zu 
sein. Zeigt man dieses Einverständnis offen, so ist man aufgrund eigener 
Wahl Jude. Kann man es nur vor sich selbst zugeben, so ist man gezwun¬ 
genermaßen oder unter dem Druck der Umstände Jude. Will man aber 
keinerlei Verbindung zwischen sich und dem Judentum wahrhaben, so 
ist man ... kein Jude, selbst wenn die religiösen Regeln einen als solchen 
definieren ... Jude zu sein bedeutet an der jüdischen Gegenwart teilzuha¬ 
ben, ... an den Handlungen und den Errungenschaften der Juden als 
Juden. Es heißt auch, die Verantwortung ftir Unrecht, das von Juden als 
Juden begangen wurde, mitzutragen (die Verantwortung - nicht die 
Schuld!).« 31 

Eine solche Sichtweise - dass die Zugehörigkeit zu einem Volk durch 
Geist und Bewusstsein bestimmt wird—scheint mir die treffendste. Ich teile 
sie voll und ganz. 

I. Bikerman dagegen wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, eine 
Definition des Jüdischen zu geben: »Kein Volk, und schon gar nicht ein 
Kulturvolk, kann in eine Formel gefasst werden.« 32 

Ähnlicher Meinung ist N. Berdjajew: »Nation lässt sich wahrhaft nicht 
durch rationale Definitionen erfassen ... Das Sein einer Nation wird 
weder durch Rasse noch durch Sprache, Religion, Staatsgebiet oder Staats- 


12 



Zum Geleit 


Souveränität angemessen erfasst, noch erschöpft es sich in diesen Kenn¬ 
zeichen, wenn sie auch mehr oder weniger wesendich für das Leben einer 
Nation sind. Der Wahrheit am nächsten kommt man, indem man eine 
Nation über das gemeinsame historische Schicksal definiert ... Doch bei 
der Gemeinsamkeit hinsichtlich des historischen Schicksals haben wir es 
mit einem Mysterium zu tun, das sich dem Verstand nicht erschließt ... 
Das jüdische Volk hat ein tiefes Empfinden für diese geheimnisvolle Ein¬ 
heit im historischen Schicksal.« 33 Auch M. Gerschenson staunt: »Die Ko¬ 
härenz der jüdischen Geschichte ist verblüffend. Es scheint, als ob irgend¬ 
ein persönlicher Wille hier einen weitsichtigen Plan verwirkliche, dessen 
Ziel uns unbekannt ist.« 34 

Dies klingt allerdings sehr vage. Für das praktische Leben kommt man 
nicht umhin, eine griffigere Definition zu suchen - und sie wird gesucht. 
»In der Diaspora, wo die Juden überall verstreut leben, beweglich und 
unbeständig, ... ist die einzig mögliche Vorgehensweise«, jene als Juden 
anzusehen, »die sich selbst als Juden betrachten.« 35 »Es erscheint uns 
als das Richtigste, nur jene als Juden einzuordnen, die nicht nur jüdi¬ 
scher Herkunft waren, sondern auch in ihrem eigenen Kreis als Juden 
galten.« 36 »Jude ist der Mensch, den die anderen als solchen betrachten. 
Das ist die schlichte Wahrheit, von der man ausgehen muss.« 37 
Doch so einfach verhält es sich mit dieser Wahrheit nun auch wieder 
nicht. Denn bei der Wahrnehmung der Juden durch die Masse der je¬ 
weiligen »Einheimischen« schwang sehr häufig auch eine Empfindung 
der Fremdheit mit. Wer dafür eine gewisse Antenne hat, zieht nicht ohne 
Bitterkeit den Schluss: » Jude zu sein ist keine Volkszugehörigkeit, sondern 
eine soziale Rolle. Die Rolle des Fremdlings - der anders ist als die ande¬ 
ren.« 38 

Leben unter fremden Völkern bedeutet auch Leben in fremden 
Staaten. »Darin liegt das Wesentliche der jüdischen Frage«, ist in einem 
Werk Bikermans hervorgehoben, »wie es uns möglich wird, in jenen Staa¬ 
ten, in welchen wir leben und auch in Zukunft leben werden, nicht 
mehr Fremde zu sein. Nicht in dem Sinn, dass unsere Umgebung keine 
Fremden mehr in uns sehen wird, sondern dass wir in unserem ganzen 
Wesen keine mehr sind ... Diese jüdische Frage< bedeutet nicht an die 
anderen einen Anspruch, sondern an uns selbst.« 39 Und Grigorij Landau 
bemerkt: »Wir hängen zwar von den Völkern, unter denen wir leben. 


13 



Zum Geleit 


ab«, doch »in gewissem Maße gestalten wir selbst unser Schicksal und 
bestimmen durch unsere Handlungen und unsere Befindlichkeit mit, 
welche Einstellung die Umgebung zu uns hat ... Wir können uns dieser 
Aufgabe nicht endedigen: uns zu erkennen, unsere Stärken und Schwä¬ 
chen, unsere Fehler und Sünden, unsere Nöte und unsere Krankheiten. 
Es liegt darin ... eine Pflicht gegenüber unserem Volk und seiner Zu¬ 
kunft.« 40 

Genau entgegengesetzter Ansicht war ein Zeitgenosse der oben Zitier¬ 
ten, der bedeutende und von vielen hoch geschätzte Publizist Jabotinsky: 
»Für jene, die meinem Lager angehören, ist überhaupt nicht essenziell, wie 
die übrigen Völker zu den Juden stehen. Würden sie uns Heben, die grö߬ 
ten Sympathien für uns hegen, ihre Arme für uns ausbreiten, so würden 
wir ebenso unbeugsam >Distanzierung< fordern.« Eine weitere Aussage von 
ihm lautet: »So wie wir sind, sind wir uns gut genug, anders werden und 
wollen wir nicht sein.« 41 

Von Ben-Gurion wird erzählt, er solle einmal »der ganzen Welt zu ver¬ 
stehen gegeben haben: >Wichtig ist, was die Juden tun, und nicht, was die 
Gojim dazu sagen.<« 42 

Berdjajew erklärte sich diese Geftihlslage der Juden folgendermaßen: 
»Wenn eine Nation ihren Staat, ihre Selbstständigkeit und ihre Souverä¬ 
nität verfiert, ist dies fiir sie ein großes Unglück, eine schwere Krankheit, 
die die Seele dieser Nation versehrt. Dass das jüdische Volk... seinen Staat 
ganz verloren hat und unbehaust in der Welt lebte, hat vielfältige Brüche 
in der Seele des jüdischen Volkes verursacht und sie verkrüppelt. So haben 
sich bei den Juden Ressentiments gegen all jene Völker aufgestaut, die in 
ihren eigenen Staaten leben«, und ihr Hang zum Internationalismus »ist 
nur die Kehrseite ihres krankhaften Nationalismus«. 43 

Wladimir Solowjow schrieb: »Auf die Spitze getriebener Nationafismus 
richtet das Volk, das ihm anheim gefallen ist, zugrunde und macht aus ihm 
einen Feind der Menschheit, doch die Menschheit wird immer stärker sein 
als ein einzelnes Volk.« Diese Worte waren auf die russischen Nationalis¬ 
ten gemünzt, denen sie eine Warnung sein sollten, doch im gleichen Zu¬ 
sammenhang sieht sich Solowjow, auch wenn er eine tiefe Zuneigung zu 
den Juden empfindet, zu der Aussage veranlasst: »Die eigene exklusive 
Mission zu postulieren und das eigene Volk in den höchsten Himmel zu 
heben, ist eine alt-judäische Auffassung.« 44 


14 



Zum Geleit 


Im Folgenden werden Gedanken des zeitgenössischen Jerusalemer Rab¬ 
biners Adin Steinsalz vorgestellt, der die Juden unter der ständigen Ein¬ 
wirkung zweier Triebkräfte sieht. Eine davon »ist unsere erstaunliche Fä¬ 
higkeit, uns in gewissen Aspekten zu verändern, uns anzupassen, den 
Menschen ähnlich zu werden, unter denen wir leben,... die Fähigkeit, ... 
die uns umgebende Kultur aufzusaugen ... Unsere Adaptation kommt 
einer innerlichen Umwandlung gleich. Mit der Sprache des fremden Volks 
kommt ein tiefes Verständnis seines Geistes, seiner innigsten Hoffnungen, 
seiner Lebensweise und seiner Gedanken zu uns. Wir ahmen nicht einfach 
nach, sondern werden ein Teil dieses Volkes.« Er äußert sogar etwas über¬ 
steigert: »Wir sind imstande, dieses Volk besser zu verstehen, als es selbst 
sich versteht.« Deswegen »kommt bei den anderen Völkern das Gefühl 
auf, dass die Juden nicht nur ihr Geld nehmen, sondern ihnen voller Raf¬ 
finement die Seele rauben und auf diese Weise cjie Dichter, Dramatiker 
und Künsder dieses Volkes werden, das nach einiger Zeit mit ihrem Mund 
spricht und mit ihrem Gehirn denkt«. 45 

Ja - die Juden verstehen es auf erstaunliche Weise, in sich Stammestreue 
und Universalismus zu vereinen, und übernehmen talentiert die Kultur 
der sie umgebenden Völker. Aber bei dieser hochgradigen Anpassung, 
wenn moderne gebildete Juden sich mit der Weltkultur identifizieren, als 
sei sie ihre eigene geistige Heimat, darf man nicht übersehen, dass eine 
derartig universale Anpassung fast niemals die Möglichkeit bietet, tief in 
das Leben einer verwurzelten Bevölkerung, in die tiefsten Tiefen ihrer Tra¬ 
dition und Geschichte einzutauchen. Die außerordendiche Begabtheit 
der Juden steht außer Zweifel. Norman Podgorez, über lange Jahre Re¬ 
dakteur der konservativen amerikanisch-jüdischen Zeitschrift »Commen- 
tary«, äußert allerdings einen wichtigen Gedanken dazu (wiedergegeben 
von M. Wartburg): »Die Juden standen in fremden Kulturen sozusagen 
immer »auf den Schultern< der einheimischen Völker, womit ihr Intellekt 
frei war von den wirtschaftlichen, militärischen, politischen und anderen 
»gewöhnlichem Sorgen, die normalerweise eine Nation beschäftigen und 
dabei einen beträchtlichen Teil von deren eigener kollektiver Schöpfer¬ 
kraft abziehen.« 46 

Kommen wir zurück zu Steinsalz’ Betrachtungen über die zwei Trieb¬ 
kräfte. Die erste formt aus den Juden »Menschen, die über die außerge¬ 
wöhnliche Fähigkeit verfugen, unter den unterschiedlichsten Umständen 


15 



Zum Geleit 


zu überleben«. Unaufhörlich wirkt aber auch die andere Kraft: »In unse¬ 
rer Seele hallt ständig ein mächtiger Ruf«, welcher gegen die Anpassung 
gerichtet ist. »In uns gibt es einen Kern«, der unveränderlich ist - und eben 
deshalb lösen sich die Juden niemals zur Gänze in den anderen Völkern 
auf. Die Juden sind ein Volk, »das man in Stücke reißen kann, doch diese 
Stücke werden weiterleben und wieder nachwachsen«. Zudem sind die 
Juden »flexibler und schmiegsamer als sonst etwas in der Welt. Gleichzei¬ 
tig sind wir härter als Stahl.« Und »diese Charakterzüge sind so tief in uns 
verwurzelt, dass wir uns nicht einfach willkürlich entschließen können, sie 
abzulegen«. 47 

Schon die Geburt des jüdischen Volkes fand ja statt »in heimatloser 
Wanderschaft, in der Wüste Sinai. Tief im Inneren kannte es sich ... als 
niemals sesshaft ... Die Heimatlosigkeit ist ihm angeboren.« »Durch die 
ganze Geschichte der jüdischen Diaspora zieht sich ein seltsamer Gegen¬ 
satz: Je mehr das Judentum physisch zersplittert wird, desto stärker wird 
es innerlich zusammengeschweißt.« 48 

Denn schließlich haben die Juden ja nicht in ihrem eigenen Land über¬ 
lebt, sondern in der Diaspora. In der Diaspora haben sie auch »das spezi¬ 
fische kulturelle, religiöse und gesellschaftliche Leben geschaffen, das wir 
jüdische Zivilisation nennen«. 49 »Viele Gesellschaften sind untergegangen 
und gehen unter, sobald sie ihre Staatlichkeit verlieren«, aber »das Juden¬ 
tum als gesellschaftliches System steht vor unseren Augen als markantes 
Beispiel einer erstaunlichen Überlebensfähigkeit und des Talents, nach 
Katastrophen, die alles in Schutt und Asche legten, wieder aufzuerstehen 
... Das Judentum hat eine ganz neue Gemeinschaftsgrundlage geschaffen, 
... die geistige Einheit.« 50 

Ja, dies ist unzweifelhaft wahr. 

Rein intuitiv ist die folgende Einschätzung der gemeinschaftlichen Ver¬ 
bundenheit unter den Juden. G. Sliosberg beschreibt die Eindrücke Pro¬ 
fessor Hermann Cohens, des Begründers der Marburger Schule, von sei¬ 
ner Begegnung mit Juden in St. Petersburg, wo er sich 1914 aufhielt: »Eine 
solche von wahrhaft jüdischem Geist durchdrungene Versammlung hätte 
wohl nirgendwo anders in der Welt als in Russland und zwar genau in St. 
Petersburg stattfinden können.« Doch danach war es ihm auch »kaum 
möglich, sich von dieser rein jüdischen Atmosphäre loszureißen, die ihn 
in Wilna umgab«, dem - »litauischen Jerusalem«. 51 Dieser Eindruck über- 


16 



Zum Geleit 


zeugt durch seine absolute Wahrhaftigkeit, man kann ihn nachvollziehen 
un d nachfuhlen. 

Aber was ist dies genau? Amos Oz schreibt ein halbes Jahrhundert spä¬ 
ter: »Schon ein flüchtiger Blick genügt, und man ist sich sicher, dass all 
diese Menschen Juden sind. Fragen Sie mich nicht, was das ist - ein Jude. 
Man sieht es sofort, dass man unter Juden ist... Da wirkt ein Zauber. Das 
ist eine Herausforderung, das ist ein großes Wunder.« 52 

Diese »Herausforderung« und dieses »Wunder« empfand auch M. Ger- 
schenson, dessen folgende Aussagen aus der Zeit der Russischen Revolu¬ 
tion stammen: »Mag sich auch das jüdische Volk restlos in der Welt zer¬ 
streuen, der jüdische Geist würde dadurch nur erstarken.« »Wer ist Jude? 
Der, in dem der nationale Wille des Judentums wirkt. Woran ist das zu er¬ 
kennen? Das kann man nicht erkennen ... Das jüdische Reich ist nicht 
von dieser Welt.« 53 w 

Auch Dostojewskij sah die Frage mystisch: »Noch sind nicht alle Zei¬ 
ten und Fristen gekommen, mögen auch 40 Jahrhunderte vergangen sein. 
Das endgültige Wort der Menschheit über diesen großen Stamm wird erst 
noch gesprochen werden.« 54 

Man kann nicht gerade sagen, dass nach all dem Gehörten die Antwort 
nun klar und eindeutig vor uns läge, aber bei diesen Definitionen, die uns 
gegeben wurden, wollen wir es bewenden lassen. 

Dennoch ist eines sofort augenfällig: Gerade im Fall der Juden, denen 
doch dieses Buch gewidmet ist, steht man vor größten Schwierigkeiten, 
eine allgemeine nationale Einschätzung abzugeben. Wahrscheinlich gibt es 
auf Erden keine differenziertere Nation und keine, in der sich so konträ¬ 
re Charaktere und Typen finden. Selten gibt es in einem Volk ein so reich¬ 
haltiges Spektrum an Typen, Charakteren und Anschauungen, eine Palet¬ 
te, die von den großen geistigen Leuchten der Menschheit bis hin zu düs¬ 
teren Geschäftemachern reicht. Welche Regel man in Bezug auf die Juden 
auch aufzustellen versucht, welche summarische Charakteristik man auch 
abgeben möchte, sofort werden einem mit vollem Recht eindrucksvolle 
und überzeugende Ausnahmen vorgefuhrt werden. 

* 


17 



Zum Geleit 


Die Vorstellung von der Auserwähltheit der Juden als Volk Gottes ist aus 
dem Alten Testament allgemein bekannt und bedarf somit keiner erneu¬ 
ten Darlegung. Eine Vielzahl orthodoxer jüdischer Gelehrter wie auch 
einfacher Gläubiger werden bis heute von dieser Idee geleitet. 

Wäre es denn ohne eine religiöse Grundlage überhaupt erklärbar, dass 
die Juden in der Diaspora eine so unvergleichliche Beständigkeit bewiesen 
haben? 

Aber auch in diesem Punkt gehen die Meinungen auseinander. Perez 
Smolenskin, der Urvater der palästinophilen Bewegung in Russland, 
meinte: »Nicht dank der Religion hat sich das Judentum erhalten, sondern 
die Religion selbst ist nur ein Produkt des nationalen Strebens nach Selbst¬ 
erhaltung.« 55 Ein israelischer Wissenschaftler unserer Zeit fragt, wie diese 
Auserwähltheit zu verstehen sei: »Wer hat wen geschaffen? Die Thora die 
Juden oder die Juden die Thora?« Er erklärt: »Die Thora hat die Fortdau¬ 
er des jüdischen Volkes gesichert. Aber bei einem anderen Volk wäre die 
Fortdauer der Thora nicht gesichert gewesen, mit ihren 613 Geboten, mit 
dem hochkomplizierten Ritual.« 56 

Ein russisch-orthodoxer Theologe, der Kirchenhistoriker A. W Karta- 
schow, schrieb 1937: »Das Judentum ist eine große Weltnation. Allein 
das Geschenk der Bibel und der Urbeginn dreier monotheistischer Welt¬ 
religionen sind Tatsachen, die dem Theologen und Historiker hinrei¬ 
chenden Grund geben, eine solche Behauptung aufzustellen. Eine Nation, 
die in der Wirtschaft, der PoÜtik, der Kultur der Welt eine überaus be¬ 
deutende Rolle spielt, welche in keinerlei Verhältnis dazu steht, dass die 
Juden statistisch gesehen eine Minderheit bilden. Eine Nation, die Jahr¬ 
tausenden der Diaspora getrotzt und sich behauptet hat ... Dies ist 
eine Macht, die zwar kein Staatsgebiet besitzt, aber auf ihre Weise eine 
Großmacht darstellt. Sie ist kein Objekt philanthropischen Mitleids, son¬ 
dern ein gleichberechtigtes Subjekt im weltweiten Wettstreit der Gro߬ 
mächte.« 57 

Berdjajew schreibt: »Die jüdische Frage ... ist die Achse, um die sich die 
Religionsgeschichte dreht. Das Schicksal der Juden in der Geschichte ist 
ein Mysterium ... Kein einziges Volk der Welt hätte eine Diaspora von so 
langer Dauer überlebt, es hätte aller Wahrscheinlichkeit nach seine Iden¬ 
tität eingebüßt und wäre in anderen Völkern aufgegangen. Doch der un- 
erforschliche Ratschluss Gottes hat bestimmt, dass dieses Volk bis zum 


18 



Zum Geleit 


Ende der Zeiten vor dem Untergang bewahrt bleibt. Schon gar nicht ließe 
sich das Schicksal der Juden in der Geschichte natürlich erklären, wollte 
man es vom Standpunkt eines materialistischen Geschichtsverständnisses 
aus betrachten.« 58 

»Dass die Juden der Auflösung widerstanden haben, ... zeigt für [S.J 
Bulgakow die Auserwähltheit des Judentums an, auch wenn es Christus 
nicht angenommen hat.« 59 Bulgakow selbst merkte an, dass »das Schick¬ 
sal der christlichen Welt mit dem geistigen Schicksal des Volkes Israel auf 
geheimnisvolle Weise unauflösbar verknüpft ist«. 60 

Dass Gott für seine Menschwerdung und jedenfalls flir die Anfänge der 
Verkündigung eben diese Nation erkoren hat und dass sie schon deshalb 
auserwäblt ist, kann ein Christ nicht leugnen. »Kreuzige, kreuzige ihn!« - 
das war die ganz gewöhnliche erbitterte Grausamkeit, wie eine dumpfe, 
fanatische Menge sie gegenüber der Lichtgestalt jhres eigenen Propheten 
unweigerlich an den Tag legt; wir aber sind uns immer dessen bewusst, 
dass Jesus Christus aus einem bestimmten Grunde zu den Juden kam, ob¬ 
wohl nebenan die verstandesmächtigen Hellenen und etwas ferner die 
alles beherrschenden Römer lebten. 

Wie wollte man dieses Rätsel der religiösen Auserwähltheit nicht aner¬ 
kennen?! 

Stark bewegt schreibt Apostel Paulus: »Ich möchte selber verflucht und 
von Christus getrennt sein um meiner Brüder willen, die der Abstammung 
nach mit mir verbunden sind. Sie sind ja Israeliten ...«, doch »... nicht 
alle, die aus Israel stammen, sind Israel«; und »... nicht die Kinder des 
Fleisches sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung ...« 
(Römer 9,3.4.6.8). 

Das Bewusstsein einer besonderen Vorbestimmung und historischen 
Erwähltheit half den Juden, sich über eine beispiellos lange Zeit der Zer¬ 
streuung zu erhalten. Dasselbe Gefühl der Erwähltheit jedoch entzweite 
die Juden mit den Völkern, unter denen sie lebten. Die viele Jahrhunder¬ 
te dauernde Erwartung des Messias, und mit ihm auch des weltumfassen¬ 
den Triumphes, diktierte den Juden natürlich Stolz, aber auch Fremdheit 
gegenüber anderen Völkern. »Die Hauptrolle spielte dabei das Gefühl, 
geistig eine primäre Stellung in Art einer Primogenitur einzunehmen. 
Dieses Gefühl empfanden die Juden, wo sie auch lebten und welche Sit¬ 
ten sie auch übernahmen.« 61 


19 



Zum Geleit 


Wie viel demütiger wäre da die Einstellung, dass alle Völker Kinder des 
einen Gottes sind und dass ein jedes Volk seine eigene Bestimmung hat. 

Gershom Scholem, der große israelische Historiker und Fachmann ftir 
jüdische Mystik, hat gewarnt: Für Juden sei »Weldichkeit unmöglich« und 
»wenn die Juden versuchen, sich nur aus der Geschichte heraus zu erklä¬ 
ren, kommen sie unweigerlich zur Selbstauslöschung, zum völligen Fias¬ 
ko, denn in diesem Fall verschwindet jeglicher Impuls zu ihrer Existenz als 
Nation«. 62 

Im Verlauf bestimmter geologischer Prozesse kann es dazu kommen, 
dass Minerale aus Gesteinsformationen ausgewaschen werden und ande¬ 
re Kristalle an ihre Stelle treten, in deren Formen eine starke Ähnlichkeit 
mit der Erscheinungsweise des älteren Minerals erhalten bleibt (man 
spricht hier von Pseudomorphose). In ähnlicher Weise musste in säkula¬ 
ren Zeiten bei den Juden an die Stelle der älteren Vorstellung von ihrer Er- 
wähltheit unvermeidlich eine neue Idee treten — einfach die ihrer Einzig¬ 
artigkeit in geschichdicher und menschlicher Hinsicht. 

Und diese kann nicht bestritten werden. 

Die Einzigartigkeit des jüdischen Volkes steht außer Zweifel und ist ftir 
jedermann ersichdich. Die Juden selbst verstehen und erleben sie jedoch 
unterschiedlich. 

Man sieht sich sogar nach einem »psychologischen Schutz vor der Last 
der eigenen Einzigartigkeit« 63 um. »Kein anderes Volk hat eine solche 
Schule des Leidens durchlaufen, ... kein anderes Volk kannte diese An¬ 
spannung der Seele in der Not, dieses Grauen beim Gedanken an den un¬ 
ausweichlichen Untergang.« 64 »Die Juden stellen nur in einem Sinn eine 
Ausnahmeerscheinung dar: Sie sind von der Welt erwählt, diskriminiert 
zu werden.« 65 »Ein Teil [der Juden] ... wäre nicht abgeneigt, sich ihrer Ein¬ 
zigartigkeit zu endedigen.« 66 

Im Allgemeinen aber wird im jüdischen Bewusstsein die Einzigartigkeit 
des eigenen Volkes dennoch nicht als Verhängnis empfunden, sondern als 
etwas, worauf man stolz sein kann. »Jude zu sein ist nach wie vor eher eine 
Ehre als ein Fluch.« 67 »Die Leute möchten dieses Gefühl, ... etwas Be¬ 
sonderes zu sein, nicht hergeben, sie möchten es nicht gegen etwas ande¬ 
res >eintauschen< ... Herzugeben, dass man ein besonderes Zeichen trägt, 
bedeutet etwas Ernstes und Wertvolles zu verlieren.« 68 »Unsere Anomalie 
als Staat, als Volk und als Bewegung ... Sollen wir die Größe und die Lei- 


20 



Zum Geleit 


den, die mit dieser Anomalie verbunden sind, preisgeben oder im Gegen¬ 
teil die Anomalie wertschätzen und sie auf jede erdenldiche Weise auszu¬ 
bauen versuchen?« »Wir haben hier mit einem Phänomen zu tun, das 
nicht nur unverwüsdich ist, sondern sich auch mit keiner historischen 
oder philosophischen Theorie erklären lässt.« 69 »Ob wir es wollen oder 
nicht, unsere Erfolge und Niederlagen und auch unsere Sünden und Ver¬ 
dienste haben weltgeschichtlichen Charakter und weltgeschichdiche Be¬ 
deutung ... Der Kampf für die Zukunft der Juden ist auch ein Kampf für 
die eine oder andere Gestalt der ganzen übrigen Welt.« 70 »Das Besondere, 
das in der Weltgeschichte nicht seinesgleichen hat«, liegt darin, dass die 
Juden fähig waren, in sich das Nationale und das Universale zu vereinen. 
Dieses »Volk ist zutiefst national und doch kosmopolitisch — beides zu¬ 
gleich«. »Die widersprüchliche Einheit dieser beiden Prinzipien (Selbst¬ 
behauptung und Assimilation) stellt das höchste Qesetz des jüdischen Le¬ 
bens dar.« 71 »Unser Selbstbewusstsein war insgesamt sowohl kosmopoli¬ 
tisch breit als auch elitär verengt.« 72 

Bei einem Blick in die nahe Zukunft der Menschheit erscheint die Fä¬ 
higkeit, Nationales und Universales in sich vereinigen zu können, als viel¬ 
leicht die wichtigste (und siegreiche) Eigenschaft für die kommenden 
Jahrhunderte. Man kann sie uns, den Russen, und allen Völkern nur wün¬ 
schen. 

Das Gefühl der Einzigartigkeit kann im Bewusstsein aber auch eine vor¬ 
schnelle tendenziöse Haltung erzeugen. 

Dem Bestreben eines jeden Volkes, ein höheres Ideal zu haben, eine hö¬ 
here Bestimmung aufscheinen zu sehen, die es über seine physische Exis¬ 
tenz hinaushebt, kann kein Vorwurf gemacht werden, mit diesem Bestre¬ 
ben erhebt sich jedes Volk in die Reiche des Geistes. Es muss sich nicht 
unbedingt um Messianismus auf direktes götdiches Geheiß hin handeln, 
es kann auch einfach eine suchende Haltung und die Empfindung irgend¬ 
einer besonderen eigenen Mission sein. Die Frage ist nur: Wonach soll ge¬ 
sucht werden? 

Wenn doch alle so dächten wie manche Israelis (Nathan Schtscharan- 
skij), nämlich dass Erwähltheit »nur auf einer Ebene annehmbar ist, und 
zwar als besonders hohe moralische Verantwortung«. 73 Und 60 Jahre vor 
ihm wurde gesagt: »Verantwortungslosigkeit ... kann keine zuverlässige 
Grundlage für unser jüdisches Leben sein, das Leben eines kleinen Volkes, 


21 



Zum Geleit 


das in alle Himmelsrichtungen verstreut ist ... Mag es auch nicht leicht 
sein, wir müssen alle Anstrengungen unternehmen, uns zu erkennen und 
die anderen zu verstehen.« 74 

Die Redaktion des in Jiddisch herausgegebenen jüdischen Sammelban¬ 
des »Am Scheideweg« stellte 1939, am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, 
mehreren europäischen Intellektuellen die Frage: »Sollen Juden aktiv am 
allgemeinen politischen Leben teilnehmen? Sollten sie sich nicht allein auf 
jüdische Politik beschränken?« 75 

Der berühmte Schriftsteller Stefan Zweig, ein Kosmopolit und assimi¬ 
lierter österreichischer Jude, antwortete darauf folgendermaßen: Am po¬ 
litischen Leben nicht teilzunehmen ist uns, wie auch jedem anderen, nicht 
mehr möglich. Die Frage muss anders gestellt werden: »ob sie in führen¬ 
der Stellung... am politischen und sozialen Leben der Zeit... teilnehmen 
sollten«. Wir können »unser ganzes bisheriges weltgesinntes Fühlen, un¬ 
sere internationale, übernationale Haltung und Gesinnung« unter keinen 
Umständen mehr »hinter uns werfen«. Aber »für [eben] so gefährlich halte 
ich es, ... wenn die Juden in irgendeiner politischen oder sozialen Bewe¬ 
gung als Führer auftreten. Nach dem Gesetz der Gerechtigkeit... hätte na¬ 
türlich ... ein Jude das gleiche Recht wie jeder andere ... Aber wie die 
Dinge heute liegen, ist nur das Recht gleich und nicht die Verantwortung. 
Sie ist hundertfach und tausendfach größer für einen Juden als für jeden 
anderen geworden.« «... wirklich nur dienen , und zwar in der zweiten, der 
fünften, der zehnten Reihe, und nie an der vordersten, der sichtbarsten 
Stelle. Es ist ihre [der Juden] Pflicht, der heute so unendlich bedrohten Ju¬ 
denschaft dieses Opfer an Eitelkeit zu bringen.« (Lehrreich ist hier die 
Lektion über die moralische Verbindung eines jeden Juden mit dem 
Schicksal seines Volkes.) »Diese Zurückhaltung scheint mir heute ebenso 
wie in der politischen Betätigung auch in jedem anderen Beruf äußerste 
Pflicht. ... Das einzige Entgelt und der einzig erdenkbare Sinn des unge¬ 
heuren Leidens, das heute über den jüdischen Menschen verhängt ist, 
müßte sein, ihn innerlich zu erziehen. Nur dann wäre diese fürchterliche 
Prüfung nicht völlig vergeblich gewesen, wenn sie den jüdischen Men¬ 
schen vom äußeren Wirken in die innerliche Leistung zurückfuhrt.« 76 

Welche erhabenen, bemerkenswerten, goldenen Worte! Sie sind für 
Juden, für Nichtjuden, für jedermann gültig. Zurückhaltung - ein Heil¬ 
mittel gegen viele Übel! Nur zieht sich durch alles auch wie ein roter Faden 


22 



Zu m Geleit 


die quälende Erkenntnis, wie schwierig doch Selbstbeschränkung für die 
Menschen ist. 

Max Brod, ein überzeugter Zionist und, wie man meinen möchte, in 
allem konträr denkender Opponent Zweigs, antwortete auf jene Frage fast 
buchstäblich dasselbe: »Es ist sehr gefährlich für die Juden, sich in das po¬ 
litische Leben der anderen Völker einzumischen ... Eine solche Teilnah¬ 
me wird uns gewiss zermalmen und vernichten.« Der Jude »muss sich be¬ 
schränken, sich zurückhalten ... Zurückhalten, aber nicht beiseite treten! 
Zurückhaltung bedeutet, in einer fremden Politik nicht nach einer Füh¬ 
rerrolle oder nach Auszeichnungen zu streben, sondern verantwortungs¬ 
bewusst, offen und klar zu handeln, auf keinen Fall versteckt und hinter 
den Kulissen.« 77 

Diese letzte Bemerkung ist wiederum vortrefflich. (Und wiederum, wie 
schwer fällt es doch, um ehrlich zu sein, den Julien und allgemein allen 
Menschen, dieser Maßgabe zu folgen!) 

Auch im heutigen Israel sagen weise Juden ganz klar: »Wenn wir uns in 
die Angelegenheiten anderer Völker eingemischt haben, ist das ftir diese 
Völker und ebenso ftir das jüdische Volk selbst immer schlecht ausgegan¬ 
gen.« 78 Wir haben »in der neueren Geschichte ... oftmals Ungerechtig¬ 
keiten in den Grundlagen der bestehenden Gesellschaften aufgedeckt, 
doch unsere Verantwortungslosigkeit als Minderheit hat der Schaffung 
neuer, noch weitaus schlechterer Grundlagen Vorschub geleistet.« Wir 
waren »angestammte Erteiler von Ratschlägen«. 79 

Gestreng auf die sowjetischen Jahrzehnte zurückblickend schreibt eine 
moderne jüdische Autorin aus der Diaspora: »Und natürlich war diese Ge¬ 
schichte [der Juden] wie bei anderen Völkern auch nicht nur eine der 
Frommen, sondern auch eine der Schamlosen, nicht nur eine von Schutz¬ 
losen und in den Mord Getriebenen, sondern auch eine von Bewaffneten 
und den Tod Bringenden, nicht nur eine der Verfolgten, sondern auch 
eine der Verfolgenden. Es gibt darin Seiten, die man nicht aufschlägt, 
ohne zu erbeben. Und es sind diese Seiten, die systematisch und gezielt 
aus dem Bewußtsein der Juden verdrängt worden sind.« 80 

Nach einer Schlussfolgerung E. Renans war es von Anfang an das Los 
der Juden, ein Sauerteig für die ganze Welt zu sein. Dieses Bild wird be¬ 
stätigend oder polemisch auch von einigen Autoren unserer Zeit aufge¬ 
griffen: »Wir wurden zu einem Sauerteig unter den Nichtjuden, in deren 


23 



Zum Geleit 


Umkreis wir lebten.« 81 »... Es heißt, dass gerade darin die Erwähltheit des 
jüdischen Volkes besteht, ewig in der Diaspora zu leben. >Wir sind die 
Hefe ... Unsere Aufgabe ist es, den fremden Teig zum Gären zu brin¬ 
gen^« 82 

Viele Beispiele aus der Geschichte und eine allgemeine lebendige Emp¬ 
findung lassen uns einräumen, dass dies sehr richtig erfasst ist. Mit einem 
moderneren Bild könnte man von Katalysatorwirkung sprechen. Bei einer 
chemischen Reaktion genügt die Anwesenheit einer kleinen Menge des 
Katalysators, um auf die gesamte Masse des Stoffes zu wirken. 

Hinzu kommt nicht nur die unzweifelhaft vorhandene geistige Beweg¬ 
lichkeit, das jüdische »Vertrauen auf den Verstand und das Gefühl, dass 
man mit konstruktiven Bemühungen alle Probleme lösen kann« 83 , son¬ 
dern auch ein feines Gespür für Strömungen der Zeit. Mir scheint, kein 
anderes Volk in der ganzen Geschichte der Menschheit ist feinfühliger als 
die Juden. Sondert ein staadicher oder gesellschaftlicher Organismus auch 
nur die ersten Fäulnismoleküle ab, so weichen die Juden schon vor ihm 
zurück, obwohl sie ihm bis jetzt treu anhingen, und sagen sich von ihm 
los. Kaum tritt an einem Ort der erste Spross eines künftigen mächtigen 
Stammes aus der Erde, nehmen ihn die Juden schon wahr, preisen ihn, 
prophezeien ihm Großes und errichten einen Schutzwall um ihn. »Die¬ 
se Wesensart, immer auf der Seite der >fortschritdichsten< Ideen zu ste¬ 
hen, ... ist wirklich sehr charakteristisch für uns Juden.« 84 

Der hier vorgestellte Überblick über die verschiedenen Meinungen hatte 
das Ziel, dem Leser bis zu einem gewissen Grade ein umfassenderes Be¬ 
wusstsein zu vermitteln, mit dem er nun die weitere Lektüre angehen 
kann. 


24 



Kapitel 1 

In der Februarrevolution 


M it der Februarrevolution nahmen 123 Jahre Benachteiligung der jü¬ 
dischen Untertanen in Russland (gerechnet ab dem Ukas von Ka¬ 
tharina der Großen 1791) ein Ende. 

Ein Rückblick auf die Atmosphäre jener Februartage ist lohnend - was 
für eine Gesellschaft war das, die auf diesen Moment der Emanzipation 
zuging? 

In der ersten Woche der Petrograder Revolutionsgeschehnisse erschie¬ 
nen keine Zeitungen. Als es wieder welche gab, stießen sie in die Fanfa¬ 
ren; am allerwenigsten wurde über lebenswichtige staatliche Weichenstel¬ 
lungen nachgedacht, stattdessen überboten sie einander in Schmähungen 
alles ehemals Gewesenen. Kühn griff die Zeitung der Konstitutionellen 
Demokraten »Retsch« [»Die Rede«] aus und appellierte: »Von nun an 
muss das ganze russische Leben bei der Wurzel beginnend umgeformt 
werden.« 1 (Ein tausendjähriges Leben! Warum denn gleich »bei der Wur¬ 
zel beginnend«?) Die Zeitung »Birshewyje Wedomosti« [»Börsennach¬ 
richten«] trat mit einem Aktionsprogramm auf: »Mit Stumpf und Stiel 
alles Unkraut ausreißen, mideidslos. Man darf sich nicht daran stören, 
wenn auch einige Nutzpflanzen darunter sind, besser alles wird sauber aus¬ 
gejätet, mit den unvermeidlichen Opfern.« 2 (Ist dies wirklich im März 
1917 geschrieben und nicht 1937?!) 1 Der neue Außenminister Miljukow 
biederte sich an: »Bis jetzt konnten wir uns unserer Regierung vor den 
Bündnisgenossen nur schämen ... Russland war ihnen ein Klotz am 
Bein.« 3 

Selten vernahm man in diesen ersten Tagen sachliche Äußerungen da¬ 
rüber, was denn nun überhaupt in Russland geschehen sollte. Auf den 
Straßen Petrograds herrschte Chaos, Hunderte von Polizisten waren unter 
Arrest genommen worden, immer wieder flammten unkontrollierte 

1 Anspielung auf den Höhepunkt des Großen Terrors unter Stalin 


25 



Kapitel 1 


Schießereien auf, aber alles wurde überflutet vom allgemeinen Jubel, wenn 
auch in jeder konkreten Frage die Unstimmigkeit der Ideen und Ansich¬ 
ten und die Uneinigkeit der Schreiber unverkennbar war. Die ganze Pres¬ 
se und die Gesellschaft waren sich wohl nur in einem Punkt einig - dass 
unverzüglich die Gleichberechtigung für die Juden eingefuhrt werden 
müsse. 'Wortgewandt schrieb Fjodor Sologub in den »Börsennachrich¬ 
ten«: »Das allerwesendichste Prinzip der bürgerlichen Freiheit, ohne das 
unsere Erde keine heilige Erde sein kann, unser Volk kein gerechtes Volk 
und die Heldentat des ganzen Volkes keine heilige Tat, ... besteht in der 
Aufhebung aller an Glauben oder an Rasse geknüpften Beschränkungen.« 

Die Emanzipation der Juden wurde in beträchtlichem Tempo vorange¬ 
trieben. Am 1. März (alten Stils), einen Tag vor der Abdankung des Zaren 
und einige Stunden, bevor der berühmte »Befehl Nr. 1« erging, der die 
Armee fatal zugrunde richten sollte, setzten die vom Dumakomitee ent¬ 
sandten Kommissare W. Maklakow und M. Adshemow im Justizministe¬ 
rium eine erste Verordnung in die Tat um. Sie bestand darin, alle Juden, die 
den vereidigten Prozessbevollmächtigten als Rechtshelfer unterstellt waren, 
im Rang von Mitgliedern der Rechtsanwaltschaft zu erfassen. »Bereits am 

3. März Unterzeichneten der Vorsitzende der Staatsduma, M. Rodsjanko, 
und der Vorsitzende Minister der Provisorischen Regierung, Fürst G. 
Lwow, eine Erklärung, in der >die Abschaffung aller Beschränkungen auf¬ 
grund des Standes, des Glaubensbekenntnisses und der Nationalität als 
eines der wichtigsten Ziele der neuen Machthaber bezeichnet wurde.« 4 Am 

4. März brachte Kriegsminister Gutschkow den Vorschlag ein, den Juden 
den Weg zur Offizierslaufbahn zu eröffnen, und Bildungsminister Manuj- 
low schlug vor, die Quotenregelung für die Juden abzuschaffen. Beide Vor¬ 
schläge wurden anstandslos angenommen. Am 6. März schritt Handels¬ 
und Industrieminister Konowalow zur Aufhebung der »nationalen Be¬ 
schränkungen im Gesetz über die Aktiengesellschaften«, beseitigte also das 
Verbot des Landerwerbs durch jüdisch geführte Gesellschaften. 

Die Maßnahmen wurden zügig umgesetzt. Am 8. März waren in Mos¬ 
kau bereits 110 jüdische »Rechtshelfer« als Anwälte eingetragen, desglei¬ 
chen 124 am 9. März in Petrograd 5 und 60 am 8. März in Odessa. 6 Am 9. 
März nahm die Kiewer Stadtduma, ohne die nächsten Wahlen abzuwar¬ 
ten, aufgrund eines außerordendichen Beschlusses fünf jüdische Stadtver¬ 
ordnete in ihre Reihen auf. 7 


26 



In der Februarrevolution 


»Am 20. März erließ die Provisorische Regierung einen Beschluss, der 
von Justizminister Kerenskij unter Mitwirkung der Mitglieder des poli¬ 
tischen Büros im Beisein der jüdischen Abgeordneten der 4. Staatsduma 
aufgesetzt worden war ... Durch diesen am 22. März bekannt gemach¬ 
ten Gesetzgebungsakt wurden »Beschränkungen von Rechten russischer 
Bürger aufgrund deren Zugehörigkeit zu einem bestimmten Glaubens¬ 
bekenntnis, einer bestimmten Glaubenslehre oder einer bestimmten 
Nationalität« aufgehoben. Dies war im Grunde genommen der erste 
große Gesetzgebungsakt der Provisorischen Regierung. »Auf Ersuchen des 
politischen Büros [im Beisein der jüdischen Abgeordneten] wurden die 
Juden in diesem Regierungsbeschluss nicht speziell erwähnt.« 8 

Um jedoch »alle Beschränkungen abzuschaffen, die für die Juden in un¬ 
serem ganzen Recht bestanden, und ... die rechtliche Benachteiligung der 
Juden vollständig zu tilgen«, erinnert sich G. B. Sliosberg, »war es nötig, 
eine vollständige Liste sämtlicher Beschränkungen aufzustellen ... Die Er¬ 
stellung eines Verzeichnisses der aufzuhebenden Gesetze mit die Juden 
diskriminierenden Inhalten erforderte große Bedachtsamkeit und Erfah¬ 
rung« (diese Aufgabe übernahmen Sliosberg und L. M. Bramson). 9 Die 
»Kleine Jüdische Enzyklopädie« teilt mit, dass dieses Gesetz »ein Ver¬ 
zeichnis der russischen Gesetzesartikel enthielt, die mit Annahme des Be¬ 
schlusses außer Kraft gesetzt wurden. Fast alle diese Artikel - es waren etwa 
150 - enthielten die einen oder anderen Diskriminierungen für Juden. 
Der Aufhebung unterlagen insbesondere alle Verbote, die mit der Existenz 
des Ansiedlungsrayons zusammenhingen; damit wurde die bereits 1915 
erfolgte faktische Aufhebung dieser Besiedlungsgrenze gesetzlich veran¬ 
kert.« 10 

Zug um Zug wurden die Beschränkungen aufgehoben: Bewegungsfrei¬ 
heit, Wohnsitznahme, Zugang zu Bildungseinrichtungen, Teilnahme an 
der lokalen Selbstverwaltung wurden gewährt, Eigentumserwerbsrecht in 
ganz Russland, Zugang zu Staatsaufträgen, Beteiligung an Aktiengesell¬ 
schaften, das Recht, nichtjüdische Hausangestellte, Arbeiter und Hand¬ 
lungsgehilfen zu beschäftigen, das Recht, Ämter im Staats- oder Militär¬ 
dienst zu bekleiden, die Annahme von Vormundschaften oder Pflegschaf¬ 
ten. Da man die Aufkündigung eines Abkommens mit den Vereinigten 
Staaten noch gut in Erinnerung hatte, wurden solche Beschränkungen 
auch für »Ausländer aus nicht mit Russland Krieg führenden Staaten«, also 


27 



Kapitel 1 

hauptsächlich für nach Russland einreisende amerikanische Juden, aufge¬ 
hoben. 

Die Bekanntmachung des Gesetzes rief zahlreiche emotionale Reaktio¬ 
nen hervor. So zum Beispiel beim Mitglied der Staatsduma N. Fridman: 
»In den vergangenen 35 Jahren musste das russische Judentum Hetze und 
Erniedrigungen erdulden, die sogar in der Geschichte unseres leidgeprüf¬ 
ten Volks ihresgleichen suchen und präzedenzlos sind. Alles ... wurde dem 
staadichen Antisemitismus zum Opfer gebracht.« 11 Der Anwalt O. O. 
Grusenberg erklärte: »War die vorrevolutionäre russische Staatsordnung 
ein ungeheuer großes Gefängnis, ... so war die stinkendste und grausams¬ 
te Zelle beziehungsweise Folterkammer uns, dem Sechsmillionenvolk der 
Juden zugedacht ... Und mit der Wucherervokabel >Prozente< machten 
jüdische Kinder zum ersten Mal ... in der staatlichen Schule Bekannt¬ 
schaft ... 1 Alle Juden waren gleich einem Zug Verurteilter auf dem Weg in 
die Zwangsarbeit, aneinander geschmiedet mit einer Kette, die in sozialer 
Verachtung und Ausgrenzung bestand ... Die Blutspritzer unserer Väter 
und Mütter, die Blutspritzer unserer Schwestern und Brüder fielen auf un¬ 
sere Seele, sie entzündeten in ihr eine unstillbare revolutionäre Flamme 
und fachten diese an.« 12 

Die Ehefrau Winawers, Rosa Georgijewna, erinnert sich: »Dieses Er¬ 
eignis traf mit den Feiern des jüdischen Pessach-Festes zusammen. Es kam 
mir vor wie ein zweiter Auszug aus Ägypten. Welch einen langen, langen 
Weg der Leiden und des Kampfes hatten wir durchlaufen, und wie schnell 
ging nun alles vonstatten! Eine große jüdische Kundgebung wurde einbe¬ 
rufen«, wo Miljukow eine Ansprache hielt: »Endlich ist der Schandfleck 
von Russland abgewaschen, das sich nun mit ruhigem Gewissen der Ge¬ 
meinschaft der zivilisierten Völker anschließen kann.« Winawer »schlug 
der Versammlung vor, zum Gedenken an dieses Ereignis in Petrograd ein 
großes Haus des jüdisches Volkes zu erbauen, das den Namen >Haus der 
Freiheit erhalten sollte«. 13 


1 Anspielung auf die Quotenregelung im Schulwesen, vgl. dazu Alexander Sol- 
schenizyn, »Zweihundert Jahre zusammen«. Die russisch-jüdische Geschichte 
1795-1916 , München: Herbig, 2002 (im Folgenden abgekürzt: » Russ.-jüdGe¬ 
schichte«), S. 263ff. 


28 



In der Februarrevolution 


Drei Mitglieder der Staatsduma, M. Bomasch, I. Gurewitsch und N. 
Fridman veröffentlichten eine Ansprache »An das jüdische Volk«: Nun 
»wären unsere Misserfolge an der Front ein nicht wieder auszugleichendes 
Unglück für das noch nicht wieder erstarkte freie Russland ... Die freien 
jüdischen Krieger ... werden mit verzehnfachter Energie weiter ihren hel¬ 
dischen Einsatz leisten und neue Kräfte für einen beharrlichen Kampf 
schöpfen.« Natürlich wurde sogleich geplant, dass »sich das jüdische Volk 
unverzüglich an die Organisation der eigenen Kräfte machen wird. Längst 
überlebte Formen unseres Gemeindelebens müssen reformiert werden ... 
auf freiheitlicher, demokratischer Grundlage.« 14 

Der Schriftsteller und Journalist David Ajsman antwortete auf das 
Gleichberechtigungsgesetz mit folgendem Appell: »Unsere Heimat! Unser 
Vaterland! Es ist in Not. Mit aller Leidenschaft... werden wir unsere Hei¬ 
materde verteidigen ... Seit jener Zeit, als der Tempel verteidigt wurde, 
gab es für uns keine so heilige kühne Aufgabe mehr.« 

Sliosberg erinnert sich allerdings: »Das Glück, noch zu meinen Lebzei¬ 
ten die Emanzipation der Juden in Russland und ihre Befreiung aus einer 
rechdosen Lage, gegen die ich drei Jahrzehnte lang - soweit es in meinen 
Kräften stand - gekämpft habe, verkündet zu sehen, erfüllte mich nicht 
mit der Freude, die natürlich gewesen wäre« - denn sofort begann der Zer¬ 
fall. 15 

Siebzig Jahre später äußerte ein jüdischer Autor sogar den Zweifel: »Hat 
denn der formalrechdiche Akt die reale Situation in einem Land, in dem 
jede Rechtsnorm rasch all ihre Wirkung verlor, verändert?« 16 

Darauf lässt sich antworten, dass dieses Gesetz immerhin verabschiedet 
wurde; das Erreichte sollte nicht in seiner Bedeutung geschmälert werden. 
Zur damaligen Zeit verbesserte das Gesetz umfassend die Lage der Juden 
und veränderte sie einschneidend. Dass später das ganze Land mit allen 
dort lebenden Völkern in den Abgrund stürzen würde, spielte sich auf 
einer ganz anderen Ebene ab, da, wo der große Atem der Weltgeschichte 
wehte. 

Die rascheste und deutlichste Veränderung vollzog sich im Gerichts¬ 
wesen. Hatte früher der Antikorruptionsausschuss unter Batjuschin gegen 
D. Rubinstein ermittelt, der eindeutig keine reine Weste besaß, so wurde 
jetzt der Spieß umgedreht. Das Verfahren wurde eingestellt, und Rubin¬ 
stein suchte nunmehr selbst die Außerordentliche Untersuchungskom- 


29 



Kapitel 1 


mission im Winterpalast auf und forderte mit Erfolg die Einleitung eines 
Ermitdungsverfahrens gegen die Batjuschin-Kommission. 1 Tatsächlich 
wurden noch im März General Batj uschin, Oberst Resanow und andere 
Untersuchungsführer verhaftet, das Verfahren gegen sie begann im April 
und brachte zutage, dass sie den Bankiers und Zuckerfabrikanten, gegen 
die sie ermittelten, erhebliche Geldbeträge abgepresst hatten. Nun wur¬ 
den die von Batjuschin verplombten Safes der Wolga-Kama-Bank, der Si¬ 
birischen Bank und der Junker-Bank geöffnet, und den Banken wurden 
alle Unterlagen zurückgegeben. (Weniger erfolgreich ging die Angelegen¬ 
heit für Simanowitsch und Manus aus. Simanowitsch wurde als ehemali¬ 
ger Sekretär Rasputins verhaftet, er bot den Wachsoldaten 15 000 Rubel, 
wenn sie ihn telefonieren heßen, doch diese »schlugen ihm die Bitte na¬ 
türlich ab«. 17 Manus, der verdächtigt wurde, mit dem deutschen Agenten 
Kolyschko gemeinsame Sache gemacht zu haben, lieferte sich durch die 
Tür einen Schusswechsel mit dem Spionageabwehrdienst. Zunächst ver¬ 
haftet, gelang ihm später die Flucht ins Ausland.) Welche Atmosphäre in 
der Außerordendichen Untersuchungskommission der Provisorischen 
Regierung herrschte, kann man deutlich aus den Vernehmungsprotokol¬ 
len der letzten Märztage ersehen. Protopopow, befragt, wie es zu seiner 
Ernennung als Innenminister kam, meinte in der Antwort unbedingt an 
sein Rundschreiben erinnern zu müssen, dass in Moskau »das Wohnrecht 
für die Juden erheblich verbessert wurde«. Worin hatten Protopopows 
Hauptaufgaben bestanden? »Zum Ersten war das die Lebensmittelversor¬ 
gung, [darauf] folgte die fortschrittliche Bewegung: die jüdische Frage ...« 
Der Direktor des Polizeidepartements A. T. Wassiljew versäumte nicht 
zu betonen, dass er sich für die Verteidigung der (jüdischen) Zuckerfabri¬ 
kanten eingesetzt hatte: »Grusenberg rief mich am Morgen zu Hause 
an und dankte mir für meine Unterstützung«; »Rosenberg ... kam sich 
bei mir für meine Bemühungen um seine Sache zu bedanken.« 18 So such¬ 
ten die Verhörten bei den Untersuchungsführern um Strafmilderung für 
sich an. 

Zum kennzeichnenden Merkmal dieser Märzwochen wurden die ener¬ 
gischen Maßnahmen gegen bekannte beziehungsweise berüchtigte Juden¬ 
hasser. Als Erster wurde am 27. Februar Justizminister Schtscheglowitow 

1 Vgl. Solschenizyn, Russ.-jiid. Geschichte, S. 488ff. 


30 



In der Februarrevolution 


verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, höchstpersönlich Anordnung gegeben 
zu haben, den Ritualmordprozess gegen Beilis parteiisch zu betreiben. 1 In 
den darauf folgenden Tagen wurden Staatsanwalt Wipper und Senator 
Tschaplinskij, die als Ankläger im Beilis-Prozess fungiert hatten, verhaftet. 
(Eine konkrete Anklage wurde allerdings nicht gegen sie erhoben, und im 
Mai 1917 musste Wipper lediglich seinen Posten als Oberstaatsanwalt bei 
der Kassationskammer des Strafsenats räumen; die wirkliche Abrechnung 
sollte ihn erst unter den Bolschewiken ereilen.) Dann wurde dem Ermitt¬ 
lungsrichter Maschkewitsch eindrücklich nahe gelegt, seinen Rücktritt 
einzureichen, weil er in der Sache Beilis neben einem Gutachten, das 
gegen die Existenz von Ritualmordpraktiken sprach, auch eines als Be¬ 
weismittel zugelassen hatte, das sie belegte. Justizminister Kerenskij for¬ 
derte alle Prozessunterlagen zum Fall Beilis beim Bezirksgericht Kiew an 19 , 
eine spektakuläre Wiederaufnahme des Verfahren^ stand in Aussicht, doch 
der weitere turbulente Verlauf des Jahres 1917 vereitelte dieses Vorhaben. 
Auch Dr. Dubrowin, der Vorsitzende des »Bundes des Russischen Vol¬ 
kes« 11 wurde verhaftet und sein Archiv beschlagnahmt. Festgenommen 
wurden auch Glinka-Jantschewskij und Polubojarinowa, beide Verleger 
ultrarechter Zeitungen. Die Buchläden der Monarchistischen Gesellschaft 
wurden einfach niedergebrannt. Zwei Wochen lang wurde nach den 
untergetauchten N. Markow und nach Samyslowskij gefahndet (nicht nur 
in St. Petersburg, sondern auch in Kiew und Kursk fanden nächdiche 
Haussuchungen statt) - nach Samyslowskij wegen seiner Aktivitäten im 
Beilis-Prozess und nach Markow wohl wegen gewisser Reden, die er als 
Abgeordneter vor der Staatsduma gehalten hatte. Dagegen wurde Pu- 
rischkewitsch kein Haar gekrümmt — vermutlich dank seiner revolutio¬ 
nären Reden vor der Duma im November und wegen seiner Mitwirkung 
an der Ermordung Rasputins. Es ging auch die niederträchtige Mär von 
der angeblichen Beteiligung Stolypins an der Ermordung von Iollos um, 
und in Krementschug wurde gerade die Stolypinstraße in Iollosstraße um¬ 
benannt. 


I Zum Beilis-Prozess vgl. Solschenizyn, Russ.-jiid. Geschichte, S. 436ff. 

II Bund des Russischen Volkes: rechtsradikale Organisation unter der Führung 
von Alexander Dubrowin (1855—1918) undNikolaj Markow II. (1876-1943); 
vgl. Solschenizyn, Russ.-jiid. Geschichte, S. 418 


31 



Kapitel 1 


Eine Verhaftungswelle rollte durch ganz Russland, bei der Hunderte 
von Menschen diesmal wegen ihrer früheren Posten oder ihrer früheren 
Auffassung festgenommen wurden. 

Betont werden muss, dass die Verkündung der Gleichberechtigung der 
Juden kein einziges Pogrom auslöste. Dies ist nicht nur im Vergleich zum 
Jahr 1905 bemerkenswert, sondern auch, weil den ganzen März und den 
ganzen April lang die wichtigsten Nachrichten, die verschiedenen Zei¬ 
tungen und Reden eine Flut von Informationen verbreiteten, dass Juden¬ 
pogrome jetzt, gerade im Moment, vorbereitet würden - und irgendwo 
hätten sie angeblich auch schon begonnen und seien im Gange. 

Am 5. März tauchten Gerüchte auf, dass im Kiewer oder aber im Pol- 
tawaer Gouvernement Pogromgefahr bestünde und dass jemand in Petro¬ 
grad ein handgeschriebenes antisemitisches Flugblatt plakatiert habe. Das 
Exekutivkomitee des Rates der Arbeiter- und Soldatendeputierten (IK 
SRSD) antwortete darauf mit der Einrichtung einer speziellen »auswärti¬ 
gen Kommission — besetzt mit Rafes, Alexandrowitsch und Suchanow - 
für die Verbindung zu den lokalen Sektionen ...« Ihre Aufgabe bestand 
darin, »Kommissare in die verschiedenen Städte und in erster Linie in jene 
Bezirke zu schicken, wo die Schwarzen Hundertschaften, die Handlanger 
des alten Regimes, versuchen, in der Bevölkerung nationalen Zwist zu 
säen«. 20 In der Zeitung »Iswestija SRSD« [»SRSD-Nachrichten«] erschien 
der Artikel »Pogrom-Agitation«. Dort hieß es: »Es wäre ein enormer Feh¬ 
ler, der einem Verbrechen gleichkäme, die Augen vor dem erneuten Ver¬ 
such des gestürzten Herrschergeschlechts zu verschließen ...« — aha, dort 
lokalisierte man also die Drahtzieher ... »Im Kiewer und im Poltawaer 
Gouvernement wird gegenwärtig unter den wenig entwickelten und rück¬ 
ständigen Bevölkerungsschichten Agitation gegen die Juden betrieben ... 
Den Juden wird die Schuld an der Niederlage unserer Armee, an der Re¬ 
volutionsbewegung in Russland und am Sturz des Absolutismus angelas¬ 
tet... Alte Winkelzüge, ... die umso gefährlicher sind, als gerade in einem 
solchen Moment wieder darauf zurückgegriffen wird ... Es müssen un¬ 
verzüglich entschiedene Maßnahmen gegen die Pogromhetzer getroffen 
werden.« 21 Daraufhin erließ der Befehlshaber des Kiewer Militärbezirks 
General Chodorowitsch den Befehl, dass sämdiche Militäreinheiten alle 
Vorkehrungen zu treffen hätten, um eventuellen andsemitischen Unru¬ 
hen vorzubeugen. 


32 



In der Februarrevolution 


Auch danach erschienen noch bis lange in den April hinein im Abstand 
von zwei bis drei Tagen in verschiedenen Zeitungen immer neue Gerüch¬ 
te, dass Judenpogrome vorbereitet 22 oder zumindest Stapel von »Pogrom¬ 
literatur« per Eisenbahn verschickt würden. Besonders hartnäckig hielten 
sich in der Stadt Kischinjow Gerüchte über ein bevorstehendes Pogrom, 
das - analog dem Pogrom des Jahres 1903 - Ende März, gerade zwischen 
dem russisch-orthodoxen und dem jüdischen Osterfest losbrechen sollte. 

Noch viele einzelne Alarmmeldungen trafen ein (sogar über angebliche 
Pogrompläne der Mogiljower Polizeibeamten, in direkter Nähe zum 
Hauptquartier des Oberbefehlshabers) - und keine einzige bestätigte sich. 

Man muss sich zumindest ein wenig mit den Gegebenheiten dieser Mo¬ 
nate auseinander gesetzt und die ganze »Februaratmosphäre« erspürt 
haben - die Demontage der Rechten, den Jubel der Linken, die Verblüf¬ 
fung und Verwirrung des einfachen Volkes -, um jnit Gewissheit sagen zu 
können, dass gerade damals Judenpogrome am allerwenigsten wahr¬ 
scheinlich waren. Wie hätte aber der einfache jüdische Durchschnittsbür¬ 
ger aus Kiew oder Odessa die grauenvollen Pogromtage vergessen können, 
die er vor zwölf Jahren erlebt hatte? Es ist verständlich, dass er schon zehn 
Atemzüge zuvor beim leisesten Anzeichen Gefahr witterte. 

Anders verhielt es sich freilich mit den gut informierten Zeitungsre- 
dakdonen. Das Unken und Alarmgeschrei, dessen sich die Zeitungen, die 
aufgeklärten Anführer des liberalen Lagers und die Möchtegern-Intelli- 
genzija des sozialistischen Lagers befleißigten, kann man nicht anders 
denn als politische Provokation bezeichnen. Eine Provokation, die jedoch 
glücklicherweise ins Leere lief. 

Der einzige echte Zwischenfall ereignete sich am 28. April auf dem 
Bessarabischen Markt in Kiew: Ein kleines Mädchen hatte in einem jüdi¬ 
schen Laden ein Stück Band gestohlen und war weggelaufen, der Hand¬ 
lungsgehilfe setzte ihr nach und schlug sie. Die aufgebrachte Menge hätte 
den Gehilfen und die Ladeninhaberin beinahe gelyncht, doch die Miliz 
trat dazwischen. Im Rogatschower Landkreis geschah es, dass die Men¬ 
schen ihrem Ärger über die Teuerung Luft machten, indem sie sämtliche 
Läden - darunter auch viele jüdische - verwüsteten. 

Wo und bei wem aber erregten die neuen Freiheiten für Juden tatsäch¬ 
lich großen Unwillen? Dies war unser legendäres revolutionäres Finnland 
und unser mächtiger Bündnispartner Rumänien. (Man vergleiche zu Finn- 


33 



Kapitel 1 


land die Erläuterungen Jabotinskys in unserem Band »Zweihundert Jahre 
zusammen«, Die russisch-jüdische Geschichte 1795—1916, München 2002, 
Kapitel 10, S. 415.) In Finnland war den Juden auch früher verboten ge¬ 
wesen, sich auf Dauer anzusiedeln, und ab 1858 war es nur »den Nach¬ 
kommen jüdischer Soldaten erlaubt, die hier«, also in Finnland, während 
des Krimfeldzugs »gedient hatten«. »Das Passgesetz von 1862 ... bestätig¬ 
te noch einmal das Einreiseverbot nach Finnland ftir Juden.« »Ein befriste¬ 
ter Aufenthalt war je nach Gutdünken des ördichen Gouverneurs gestat¬ 
tet.« Juden war es nicht möglich, die finnische Staatsbürgerschaft zu er¬ 
werben. Um zu heiraten, mussten sich Juden nach Russland begeben. Vor 
finnischen Gerichten hatten Juden eingeschränktes Zeugenrecht. Mehrere 
Versuche, Erleichterungen oder die Gleichberechtigung zu erwirken, schei¬ 
terten. 23 Nun, als in Russland die Gleichberechtigung der Juden eingefuhrt 
worden war, dachte man in Finnland, das zu diesem Zeitpunkt seine Un¬ 
abhängigkeit noch nicht endgültig erklärt hatte, gar nicht daran, im Parla¬ 
ment einen Gesetzesentwurf über die Emanzipation der Juden einzubrin¬ 
gen. Juden, die ohne Bewilligung eingereist waren, wurden keineswegs am 
nächsten Tag, sondern womöglich noch in der nächsten Stunde, mit dem 
ersten abfahrenden Zug, wieder abgeschoben. (So geschehen am 16. März, 
ein Vorfall, der in der russischen Presse großes Aufsehen erregte.) Doch 
man war so sehr gewohnt, Finnland wegen seiner Unterstützung ftir die Re¬ 
volutionäre immer Lob zu zollen, dass die liberalen und sozialistischen 
Kreise sich lediglich zurückhaltend äußerten. Nur der »Bund« rügte die fin¬ 
nischen Sozialisten (die viel Einfluss besaßen) offen in einem Telegramm, 
dass bis jetzt Regeln nicht abgeschafft waren, »die sich in Finnland seit dem 
Mittelalter erhalten haben«. Der »Bund«, die »Partei des jüdischen Prole¬ 
tariats Russlands, bringt seine feste Überzeugung zum Ausdruck, dass Sie 
diesen Schandfleck tilgen werden, der das Ansehen des freien Finnland be¬ 
einträchtigt«. 24 Doch diese Überzeugung sollte sich als irrig erweisen. 

Hohe Wellen schlugen in der Presse nach der Februarrevolution auch 
die Judenverfolgungen in Rumänien. Es war sogar zu lesen, dass in Jassy 
der Gebrauch des Jiddischen sowohl bei Versammlungen als auch in der 
Öffentlichkeit untersagt sei. Der allrussische Kongress der zionistischen 
Studentenorganisation »Hechawer« beschloss daraufhin, »energisch gegen 
die Verwehrung der Bürgerrechte ftir die Juden im verbündeten Rumä¬ 
nien und in Finnland zu protestieren, die eine Beleidigung des Weltju- 


34 



In der Februarrevolution 


dentums und eine Demütigung für die Weltdemokratie darstellt«. 23 Ru¬ 
mänien hatte wegen seiner großen Niederlagen im Krieg einen harten 
Stand. Premierminister Bratianu rechtfertigte sich im April in Petrograd, 
dass »die Mehrzahl der Juden in Rumänien aus Russland eingewandert« 
sei, dadurch habe sich »die rumänische Regierung veranlasst gesehen, die 
Juden in den politischen Grundrechten einzuschränken«, aber er ver¬ 
sprach die Gleichberechtigung. 26 Doch dann lesen wir im Mai: »Faktisch 
tut sich in dieser Richtung nichts.« 27 (Ebenfalls im Mai teilte der Kom¬ 
munist Rakowskij aus Rumänien mit: »Unerträglich ... ist die Lage der 
Juden«, man lege ihnen die Niederlage des Landes zur Last und beschul¬ 
dige sie, im besetzten Teil Rumäniens mit den Deutschen zu fraternisie¬ 
ren. »Würden jene, die in Rumänien die Macht ausüben, nicht [die Mei¬ 
nung der Bündnispartner] furchten, so könnte einem um das Leben der 
Juden angst und bange werden.« 28 ) 

Was die Reaktionen auf die Februarrevolution in der Welt und bei den 
Bündnispartnern betraf, so spiegelte sich in ihrem Ton Genugtuung und 
häufig sogar Begeisterung, die jedoch auch von dem kurzsichtigen Kalkül 
getragen wurde, Russland würde nun im Krieg unbesiegbar sein. In Gro߬ 
britannien und den Vereinigten Staaten wurden Massenkundgebungen 
abgehalten, um die Unterstützung für die Revolution und für die Rechte 
der russischen Juden zu demonstrieren. (In »März 1917« zitiere ich in den 
Kapiteln 510 und 621 einige dieser Stimmen.) Aus Amerika kam nach 
kurzer Zeit das Angebot, Russland ein Replikat der Freiheitsstatue zu schi¬ 
cken. (Doch die Dinge in Russland Hefen falsch, und es wurde nichts mehr 
daraus.) Im Unterhaus des englischen Parlaments wurde am 9. März be¬ 
züglich der Juden in Russland eine Anfrage an den Außenminister gestellt, 
ob er Beratungen mit der russischen Regierung über zukünftige Garantien 
für die russischen Juden und über Entschädigungen an diese wegen der 
Vergangenheit plane. In seiner Antwort drückte er das absolute Vertrauen 
der britischen Regierung in die neue russische Regierung aus. 29 

Der Präsident der Alliance Israehte Universelle 1 sandte aus Paris Glück¬ 
wünsche an Premier Fürst Lwow, und dieser antwortete: »Von jetzt an 
wird das freie Russland es verstehen, den Glauben und die Gebräuche aller 


1 Zur 1860 in Paris gegründeten AIU vgl. Solschenizyn, Russ.-jüd. Geschichte, 
S. 175ff. 


35 



Kapitel 1 


seiner Völker zu achten, die für immer durch die Religion der Vater¬ 
landsliebe verbunden sein werden.« Die »Börsennachrichten«, »Die Rede« 
und viele andere Blätter gaben die Worte der Gewogenheit Jacob Schiffs, 
des »bekannten Führers der russlandfeindlichen Kreise in Nordamerika« 
wieder: »Ich bin immer ein Feind der russischen Autokratie gewesen, die 
meine Glaubensbrüder mideidlos verfolgt hat. Erlauben Sie mir jetzt ... 
dem russischen Volk zu der erhabenen Tat, die es so großartig vollbracht 
hat, zu gratulieren.« 30 Schiff »lädt das neue Russland zum Abschluss um¬ 
fangreicher Kreditgeschäfte in Amerika ein«. 31 Tatsächlich »gewährte er in 
dieser Zeit der Kerenskij-Regierung mit einem bedeutenden Kredit 
Unterstützung.« 32 Später erschienen in der rechtsgerichteten russischen 
Emigrantenpresse Untersuchungen, durch die bewiesen werden sollte, 
dass Schiff die Revolution selbst aktiv finanziert hatte. Es ist nicht ausge¬ 
schlossen, dass er die kurzsichtigen Hoffnungen wesdicher Kreise teilte, 
die russische liberale Revolution könnte Russland im Krieg stärken, wobei 
gesagt werden muss, dass die Schritte, die Schiff offen unternahm und die 
immer von Feindseligkeit gegenüber der russischen Autokratie geprägt 
waren, sogar größeres Gewicht hatten als irgendeine eventuelle verdeckte 
Unterstützung für die Revolution. 

Die tragenden Kräfte der Februarrevolution selbst riefen wiederholt 
und bewusst die Juden insgesamt als geknechtete Nation auf, sie zu unter¬ 
stützen. Auf Schritt und Tritt findet man Zeugnisse, dass die russischen 
Juden ihrerseits die Revolution begeistert begrüßten. 

Aber es gibt auch ganz andere Zeugnisse. Der Sozialist Grigorij Aron- 
son, Gründer und Leiter des Witebsker Sowjet (»Rates«) der Arbeiter¬ 
deputierten (dem später auch der zukünftige Historiker Je. W. Tarle an¬ 
gehörte), berichtet Folgendes: Schon am ersten Tag, als die Nachricht von 
der Revolution Witebsk erreicht hatte, tagte der neugegründete Sicher¬ 
heitsrat in der Stadtduma. Von dort wurde Aronson sofort zu einer Ver¬ 
sammlung der Vertreter der jüdischen Gemeinde eingeladen (natürlich 
der Honoratioren, keiner einfachen Bürger). »Offensichdich bestand das 
Bedürfnis, sich mit mir als Repräsentanten einer heraufdämmernden 
neuen Zeit darüber zu verständigen, was man im Weiteren tun und wie 
man sich verhalten solle ... Ich fühlte, dass diese Menschen und ihre Inte¬ 
ressen mir fremd waren, ebenso wie die Atmosphäre, die bei dieser Ver¬ 
sammlung herrschte und die auf mich ziemlich angespannt wirkte ... Ich 


36 



In der Februarrevolution 


hatte das Gefühl, dass diese Gemeinde zu einem Großteil jener alten Welt 
angehört, die dabei ist, in die Vergangenheit zu entschwinden.« 33 »Es ge¬ 
lang uns bis zum Ende nicht, die irgendwie spürbare gegenseitige Kühle 
zu überwinden. Die Gesichter der Menschen, mit denen ich durch die Ar¬ 
beit und persönliche Beziehungen verbunden war, drückten nicht nur kei¬ 
nerlei Schwung und Zuversicht aus, in manchen Augenblicken schien es, 
dass sie, diese ohne Eigennutz im öffentlichen Geschehen Tätigen, sich in 
gewissem Maße als Elemente der alten Ordnung empfanden.« 34 

Dies ist gewiss ein aussagekräftiges Zeugnis. So konsterniert, reserviert 
und unschlüssig verhielten sich die religiösen konservativen Juden natür¬ 
lich nicht nur in Witebsk. Das weise Judentum, das die jahrhundertealten 
Erfahrungen schwerer Prüfungen in sich trug, war offenkundig bestürzt 
über den blitzartigen Fall der Monarchie und hegte ängsdiche Vorahnun¬ 
gen 

Dem Zeitgeist des gesamten 20. Jahrhunderts entsprechend, war je¬ 
doch die dynamische Masse eines jeden Volkes, darunter auch des jüdi¬ 
schen, verweltlicht; sie war nicht mehr durch Traditionen gehemmt und 
brannte ungestüm darauf, eine »Schöne Neue Welt« zu erbauen. 

Die »Kleine Jüdische Enzyklopädie« verzeichnet eine »starke Zunahme 
der politischen Betätigung des Judentums, die sogar noch von dem stür¬ 
mischen Elan abstach, der die russische Gesellschaft nach dem Februar 
1917 erfasst hatte«. 35 

Bei meinen eigenen jahrelangen Studien der »Februarpresse« und zeit¬ 
genössischer Erinnerungen an die Februarrevolution war auch für mich 
diese »starke Zunahme«, dieses stürmische Drängen, unübersehbar. In 
jenen Unterlagen, die von den verschiedensten Zeitzeugen und Beteilig¬ 
ten der Ereignisse stammen, sind jüdische Namen zahlreich, und das jü¬ 
dische Thema kehrt beständig und in vielen Facetten wieder. Aus den Er¬ 
innerungen des Vorsitzenden der Staatsduma Rodsjanko, des Stadthaupt¬ 
manns Balk, General Globatschows und vieler anderer geht hervor, dass 
schon in den ersten Revolutionstagen die große Anzahl von Juden im Tau¬ 
rischen Palais 1 auffiel, sie waren Mitglieder der Kommandantur und der 

1 Das Taurische Palais, der ehemalige Palast des Fürsten Grigorij Potemkin, war 
1906-1917 Tagungsort der Staatsduma sowie der Konstituierenden Versamm¬ 
lung, nach der Februarrevolution des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Sol- 
datendepuuerten. 


37 



Kapitel 1 


Untersuchungskommissionen, handelten mit Broschüren. Auch der den 
Juden wohlgesinnte W. D. Nabokow schrieb, dass es am 2. März am Ein¬ 
gang zum Taurischen Platz vor dem Dumagebäude »zu einem unglaub¬ 
lichen Gedränge kam, Geschrei erhob sich; am Eingangstor befragten 
irgendwelche jungen Leute jüdischen Typs die Eintretenden«. 36 Balk be¬ 
richtet, dass die Menge, die in der Nacht zum 28. Februar das Hotel »As- 
toria« verwüstete, aus »bewaffneten ... Soldaten, Matrosen und Juden« be¬ 
stand. 37 Ich nehme an, dass hier auch eine gewisse späte Gereiztheit des 
Emigranten mitspielt, im Tenor »den Juden haben wir den ganzen Schla¬ 
massel zu verdanken«, aber auch ein unbeteiligter Beobachter, der ameri¬ 
kanische Methodistenpfarrer Dr. Simons, der damals zehn Jahre in Petro¬ 
grad gelebt hatte und die Stadt gut kannte, berichtete 1919 vor einem Aus¬ 
schuss des amerikanischen Senats: »Bald nach der Februarrevolution 1917 
waren überall [in Petrograd] Gruppen von Juden zu sehen, die auf Bän¬ 
ken, Seifenkisten und anderem standen und Reden hielten ... Die Juden 
hatten in Petrograd beschränktes Wohnrecht, aber nach der Revolution 
kamen sie in Scharen angereist, und die Mehrheit der Agitatoren waren 
Juden ... [Es handelte sich um] glaubensabtrünnige Juden.« 38 Einige Tage 
bevor 60 Offiziere (nach Listen, die man bereits parat hatte) niederge¬ 
metzelt wurden, kam ein gewisser »Student Henoch« nach Kronstadt und 
wurde zum Initiator und Vorsitzenden des Kronstädter »Komitees der Re¬ 
volutionären Bewegung«. (Der Befehl der Komitees lautete, alle Offiziere 
bis zum letzten Mann zu verhaften und abzuurteilen. »Von unbekannter 
Seite wurden sorgsam Fehlinformationen ausgestreut« und lösten zuerst 
in Kronstadt und danach in Sweaborg Blutbäder aus, in einem Moment, 
der geprägt war von »völliger Unklarheit der Lage, sodass jede Lügenge¬ 
schichte wie eine reelle Tatsache erschien«. 39 ) Für die blutige Fortsetzung 
sorgte in Kronstadt ein gewisser »Doktor Roschal«, ein Psychoneurologe, 
der sein Studium noch nicht abgeschlossen hatte. (S. G. Roschal war nach 
dem Oktoberumsturz Kommandant der Stadt Gatschina, im November 
wurde er zum Kommissar der gesamten Rumänischen Front ernannt, wo 
er bei seiner Ankunft getötet wurde. 40 ) In Petrograd wurde auf der Wassi- 
lij-Insel eine Revolutionsmiliz eingerichtet, ihr Sprachrohr waren Solo¬ 
mon und Kaplun (Letzterer sollte später der blutige Handlanger Sinow- 
jews werden). Die Petrograder Anwaltschaft richtete eine besondere 
»Kommission zur Überprüfung der Korrektheit von Festnahmen in der 


38 



In der Februarrevolution 


Revolutionszeit« ein (von den Verhaftungen waren in Petrograd Tausende 
von Personen betroffen). Dies bedeutete, dass über das Schicksal der Ver¬ 
hafteten - wie auch aller vormaligen Gendarmen und Polizeibeamten — 
ohne gerichtliches Verfahren entschieden werden konnte. An der Spitze 
der Kommission stand der Rechtsanwalt Goldstein. Doch auch die un¬ 
vergleichliche Schilderung des Unteroffiziers Timofej Kirpitschnikow, der 
die Revolution auf den Straßen ins Rollen brachte, ist überliefert, aufge¬ 
zeichnet noch im März 1917 und bewahrt von einem Geschichtsinteres¬ 
sierten namens Jakow Markowitsch Fischman (dankenswerterweise durf¬ 
te ich mich auf diese Notizen beziehen, als ich »Das Rote Rad« schrieb). 

Wie die »Jüdische Enzyklopädie« resümiert, »nahmen zum ersten Mal 
in der Geschichte Russlands Juden hohe Posten in der zentralen und ört¬ 
lichen Verwaltung ein«. 41 

An der Staatsspitze taten sich im Exekutivkomitee des Sowjets der 
Arbeiter- und Soldatendeputierten, welches das Land in jenen Monaten 
unsichtbar regierte, zwei Personen, Nachamkis-Steklow und Gimmer- 
Suchanow, hervor: Sie diktierten der selbstzufrieden-blinden Provisori¬ 
schen Regierung in der Nacht vom 1. auf den 2. März ein Programm, 
durch das sich diese für die ganze Zeit ihres Bestehens von vornherein 
selbst entmachtete. 

In seinen Betrachtungen erklärt G. A. Landau den Schulterschluss der 
Juden mit der Revolution so, dass hier eine Gesetzmäßigkeit am Wirken 
gewesen sei, die alle erfasste: »Das Unglück Russlands - und das Unglück 
des russischen Judentums - bestand darin, dass die Ergebnisse der ersten 
Revolution noch nicht verdaut waren, sie hatten sich noch nicht zu einer 
neuen Ordnung gefugt, und es war noch keine neue Generation herange¬ 
wachsen, als schon der große und die Kräfte übersteigende Krieg losbrach. 
Als die Stunde des Zusammenbruchs dann gekommen war, stand diesem 
eine Generation gegenüber, in der von Anfang an sozusagen nur die 
abgestandene Luft der vorigen Revolution gewirkt hatte, eine Generation, 
in der sich früherer geistiger Schwung nur als ein Trägheitsmoment erhal¬ 
ten hatte, das nicht mehr lebendig mit der Gegenwart verknüpft 
war, sondern in seelischer Starre einer zehn Jahre zuvor gelebten Zeit 
nachhing. Der organische revolutionäre Geist vom Beginn des 20. Jahr¬ 
hunderts war zur mechanischen >permanenten Revolution< der Kriegszeit 
geworden.« 42 


39 



Kapitel 1 


Meine eigenen langjährigen und eingehenden Studien haben es mit sich 
gebracht, dass ich eine Vorstellung über das Wesen der Februarrevolution 
und gleichzeitig über die Rolle der Juden in ihr gewonnen habe. Daraus 
habe ich für mich die folgende Erkenntnis gezogen und kann sie hier 
wiederholen: Nein, die Februarrevolution haben nicht die Juden den Rus¬ 
sen beschert, sondern sie ist zweifellos von den Russen selbst durchgeftihrt 
worden. Ich denke, dies habe ich auch im »Roten Rad« genügend ver- 
deudicht. Wir selbst haben diese Katastrophe vollbracht - unser gottge¬ 
salbter Zar, die Hofkreise, die talendosen Generäle, die verknöcherten 
Verwaltungsbeamten, und mit ihnen ihre Opponenten, die elitäre Intelli- 
genzija, die Oktobristen 1 , die Mitglieder der Semstwos [der ländlichen 
Selbstverwaltung], die Konstitutionellen Demokraten (Kadetten), die re¬ 
volutionären Demokraten, die Sozialisten und die Revolutionäre, und 
Hand in Hand mit ihnen ein schurkischer Teil der Reservesoldaten, die 
unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Petersburger Kasernen 
untergebracht waren. Genau dies war es, wodurch das Verderben zu uns 
kam. Zwar gab es in der Intelligenzija bereits viele Juden, doch liefert das 
in keiner Weise eine Handhabe, die Revolution als eine jüdische Revolu¬ 
tion zu betiteln. 

Man kann Revolutionen danach einteilen, wer die treibenden Kräfte 
waren, und in diesem Sinne muss die Februarrevolution als eine russische 
Revoludon, genauer noch, als eine Revolution des russischen Volkes ein¬ 
gestuft werden. Urteilt man aber, wie es dem dialektischen Materialismus 
anhängende Soziologen gerne tun, danach, wer am meisten, oder am 
schnellsten, oder am eindeutigsten und nachhaltigsten von dieser Revolu¬ 
tion profitiert hat, so könnte man sie wohl anders bezeichnen (als jüdi¬ 
sche? Aber dann auch als deutsche? Schließlich konnte das wilhelminische 
Deutschland in der ersten Zeit durchaus Siege verzeichnen). Für die übri¬ 
ge russische Bevölkerung allerdings brachte die Revolution fast von Be¬ 
ginn an nur Schaden und Auflösung mit sich, was sie aber deshalb noch 
nicht zu einer »nicht-russischen« Revolution macht. Die jüdische Gesell¬ 
schaft in Russland erhielt ihrerseits durch die Februarrevolution bereits 
alles, wofür sie gekämpft hatte. Den Oktoberumsturz hätte sie überhaupt 


1 Oktobristen: Splitterpartei der Konstitutionellen Demokraten; vgl. Solscheni- 
zyn, Russ.-jüd. Geschichte, S. 414. 


40 



In der Februarrevolution 


nicht mehr nötig gehabt, wenn man einmal einen ganz bestimmten mord¬ 
lustigen Teil der jüdischen religionsfernen Jugendlichen ausnimmt, bei 
denen sich gleich wie bei ihren russischen internationalistischen »Brü¬ 
dern« ein großer Hass gegen die russische Staatsordnung aufgestaut hatte 
und die es danach drängte, die Revolution zu »vertiefen«. 

Wie sollte ich mich nach diesen Erkenntnissen durch den »März Sieb¬ 
zehn« und danach den »April Siebzehn« voranarbeiten? Als ich die Re¬ 
volution im wahrsten Sinne des Wortes Stunde für Stunde beschrieb, stieß 
ich in den Quellen ständig auf eine Vielzahl von Episoden und Gesprä¬ 
chen über das jüdische Thema. Aber hätte ich gut daran getan, alles so 
unmittelbar auf die Seiten von »März Siebzehn« hinüberschwappen 
zu lassen? Das Buch und die Leser wären wohl - wie es so oft in der Ge¬ 
schichte geschehen ist - der simplen und pikanten Versuchung erlegen, 
alles auf die Juden, auf ihr Handeln und ihre Ideen zu schieben und zu¬ 
zulassen, dass in diesen die Hauptursache der Ereignisse gesehen wurde, 
womit sich die Betrachtung von den tatsächlichen Hauptursachen ent¬ 
fernt hätte. 

Um einem solchen Selbstbetrug der Russen vorzubeugen, habe ich kon¬ 
sequent, durch mein ganzes Erzählen hindurch, das eigendich jüdische 
Thema im »Roten Rad« deudich zurückgenommen - im Vergleich zu der 
damaligen Diskussion in Öffendichkeit und Presse. 

Die Februarrevolution wurde von russischen Händen und von russi¬ 
scher Unvernunft vollbracht. Eine bedeutende, ja dominierende Rolle 
spielte zugleich ftir die Ideologie dieser Revolution eine gewisse grund¬ 
sätzliche Unversöhnlichkeit gegenüber den historischen Machthabern 
Russlands, zu der die Russen gar keinen ausreichenden Anlass hatten, sehr 
wohl aber die Juden. Die russische Intelligenzija machte sich diese Hal¬ 
tung zu Eigen (vergleiche dazu in unserem Band »Zweihundert Jahre zu¬ 
sammen«, Die russisch-jüdische Geschichte 1795-1916, München 2002, 
Kapitel 11). Besonders drastisch verstärkte sich diese Unversöhnlichkeit 
nach dem Beilis-Prozess sowie nach der massenhaften Aussiedlung der 
Juden im Jahre 1915 1 , und sie trug den Sieg über gemäßigtere Ansichten 
davon. Die Unversöhnlichkeit sollte über die Mäßigung siegen. 


1 Zu dieser Aussiedlungsaktion aus dem fronmahen Bereich vgl. Solschenizyn, 
Russ.-jüd. Geschichte , S. 470ff. 


41 



Kapitel 1 


Eine gesonderte Betrachtung muss man allerdings dem Exekutivkomi¬ 
tee des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten zukommen lassen, 
das sich bereits in den ersten Stunden der Revolution bildete. Dieses Exe¬ 
kutivkomitee stellte eine straff geführte Schattenregierung dar, die der li¬ 
beralen Provisorischen Regierung jegliche tatsächliche Machtbefugnis ent¬ 
zog. Kriminell daran war, dass es vermied, direkt und offen zu zeigen, dass 
es die Macht an sich riss. Über den »Befehl Nr. 1« entmachtete es das Of¬ 
fizierskorps und stützte sich dabei auf die bereits durchsetzte Petrograder 
Garnison. Nicht die Rechtsanwälte, nicht die Holzindustriellen und nicht 
die Bankiers haben das Land auf kürzestem Wege ins Verderben geführt, 
sondern jenes Exekutivkomitee. Im Sommer 1917 erklärte das Komitee- 
Mitglied Iossif Goldenberg dem französischen Diplomaten Claude Anet: 
»Der Befehl Nr. 1 war kein Fehler, sondern eine Notwendigkeit ... Am 
Tag, als wir die Revolution durchfuhrten, begriffen wir, dass wir die alte 
Axmee vernichten müssen, weil sie sonst die Revolution niederringen wird. 
Wir mussten uns entweder für die Armee oder für die Revolution ent¬ 
scheiden, und wir schwankten nicht: Wir haben die Letztere gewählt ... 
und, wie ich zu sagen wage, einen genialen Schlag [geführt] .« 43 So also zer¬ 
schlug das Exekutivkomitee mitten im Krieg mit voller Absicht die Armee. 

Ob nun wohl die Frage angemessen ist, wer denn diese so erfolgreichen 
und Verderben bringenden Individuen waren, die das Exekutivkomitee 
bildeten? Ja, sie ist angemessen, zumindest in Fällen, in denen die Hand¬ 
lungen der Führungsspitze den Gang der Geschichte jäh verändern. Es 
sollte nicht unerwähnt bleiben, dass 1917, solange sich viele Mitglieder 
des Komitees hinter Pseudonymen verbargen und zwei Monate lang die 
Publizität scheuten, sich sowohl die Öffentlichkeit als auch die Zeitungen 
brennend für die personelle Zusammensetzung des Exekutivkomitees 
interessierten. Wer Russland regierte, war ungewiss. Dann stellte sich he¬ 
raus, dass dem Komitee ein Dutzend Soldaten angehörten - reine Staffa¬ 
ge und einfältige Naturen obendrein, die nichts mitzureden hatten. Von 
den etwa 30 übrigen wirklich Handelnden erwies sich etwa die Hälfte als 
jüdische Sozialisten. Auch Russen, Kaukasier, Letten und Polen gehörten 
dem Exekutivkomitee an, die Russen machten aber weniger als ein Vier¬ 
tel aus. 

Der gemäßigte Sozialist W. B. Stankewitsch hält fest, dass »das Ver¬ 
blüffendste an der Besetzung des Exekutivkomitees die große Anzahl von 


42 



In der Februarrevolution 


Elementen fremder Herkunft [war], ... die in eklatantem Missverhältnis 
zu deren Anzahl in Petrograd und im ganzen Land stand«, und fragt: 
»Waren dies imgesunde Schaumblasen auf den Wogen des russischen of¬ 
fen tlichen Lebens ...? Oder zeigte sich hier eine Folge der Verfehlungen 
des alten Regimes, das die Elemente fremder Herkunft gewaltsam ver¬ 
scheucht und in die linken Parteien abgedrängt hatte? Oder war es ledig¬ 
lich das Ergebnis freien Wettbewerbs ...?« Dann »bleibt die Frage offen, 
wen mehr Schuld trifft - jene Personen fremdländischer Herkunft, die 
dort waren, oder jene Russen, die nicht dort waren, obwohl sie es hätten 
sein können«. 44 

Als Sozialist sieht man darin vielleicht wirklich eine Schuld. Aber, Hand 
aufs Herz: Überhaupt gar nicht erst in diesen wirbelnden, schmutzigen 
Strom zu steigen wäre doch eigendich das Beste gewesen — ftir uns, ftir sie 
und ftir alle diese Menschen. 


43 



Kapitel 2 

Das Jahr 1917 


A ls die Provisorische Regierung Anfang April 1917 zu ihrem Erstau¬ 
nen entdecken musste, dass die Finanzen Russlands, die bereits zer¬ 
rüttet gewesen waren, innerhalb eines einzigen Monats der Revolution 
einen rapiden Schwund erlitten hatten, legte sie mit großem Wirbel und 
in der Hoffnung, begeisterten Patriotismus zu entfachen, die »Freiheits¬ 
anleihe« auf. 

Gerüchte über die Anleihe begannen bereits im März zu kursieren, 
und Finanzminister Tereschtschenko teilte der Presse mit, dass für die 
Freiheitsanleihe, die doch erst bevorstand, bereits »Informationen von 
den Banken eintreffen, dass es für ein mehrmillionenfaches Anleihevolu¬ 
men Zeichnungswillige gibt«, und zwar »hauptsächlich von jüdischen 
Bankiers, was zweifellos mit der Abschaffung der religions- oder nationa¬ 
litätsbedingten Beschränkungen in Verbindung zu bringen ist«. 1 In der 
Tat - kaum hatte die öffentliche Zeichnungsphase begonnen, als die Zei¬ 
tungen schon voll von Meldungen waren, dass gerade Juden die Anleihe 
in großem Umfang kauften. In großen Lettern prangten Aufrufe auf 
den Titelseiten: »Jüdische Bürger! Zeichnet die Freiheitsanleihe!« oder 
»Jeder Jude muss diese Staatsanleihen besitzen!« 2 In der Moskauer Sy¬ 
nagoge wurden auf einen Schlag Anleger mit einer Gesamtinvestitions¬ 
summe von 22 Millionen Rubel geworben. Die jüdischen Einwohner von 
Tiflis kauften in den ersten zwei Tagen für 1,5 Millionen Rubel Freiheits¬ 
anleihen, die Minsker Juden innerhalb einer Woche für eine halbe Mil¬ 
lion, die Saratower Gemeinde für 800 000 Rubel. In Kiew zeichneten die 
Brodskij-Erben Anleihen im Wert von einer halben und Klara Ginsburg 
im Wert von einer Million. Auch die Juden im Westen reagierten: Jacob 
Schiff kaufte für eine Million, Rothschild in London ebenfalls für eine 
Million. In Paris »beschlossen die russischen Juden auf Vorschlag des Ba¬ 
rons Ginsburg, ... sich aktiv zu beteiligen ... Die Zeichnung ergab bereits 
mehrere Millionen.« 3 Auch ein »Jüdisches Komitee zur Förderung des Er- 


44 



Das Jahr 1917 


folgs der >Freiheitsanleihe«< wurde gegründet und startete einen großen 
Aufruf. 4 

Nach Ablauf eines Monats jedoch war der Absatz der Anleihe weit hin¬ 
ter den Erwartungen der Provisorischen Regierung zurückgeblieben. An¬ 
fang Mai, Anfang Juni und schließlich noch einmal Ende Juli wurden in 
den Zeitungen zur Ankurbelung der Nachfrage Namenslisten aller Perso¬ 
nen veröffentlicht, die ftir mehr als 25 000 Rubel gezeichnet hatten (da¬ 
neben wurden jene Reichen mit »Schande!« gebrandmarkt, die keine An¬ 
leihen übernommen hatten) . 5 An diesen Listen erstaunt weniger die Über¬ 
fülle jüdischer Namen (an zweiter Stelle standen wohl die russifizierten 
Deutschen, trotz ihrer komplizierten Lage während des Krieges mit 
Deutschland), als die Abwesenheit des russischen Großbürgertums, mit 
Ausnahme einiger der prominentesten Vertreter der Moskauer Kauf¬ 
mannschaft. 

Auf der politischen Bühne aber »begann ein stürmisches Anwachsen 
der linken und zentristischen Parteien; viele Juden schalteten sich in das 
politische Geschehen ein«. 6 Nach der Februarrevolution jagten sich von 
den ersten Tagen an in den hauptstädtischen Zeitungen die Meldungen 
über spezielle Kundgebungen, Versammlungen und Sitzungen der jüdi¬ 
schen Parteien, in erster Linie des »Bund«, aber auch der Partei »Poale 
Zion« [»Arbeiter Zions«], der Zionisten, der Zionisten-Sozialisten, der 
Territorialisten sowie der Jüdischen Sozialistischen Arbeiterpartei (SERP). 
Bereits am 7. März finden wir in den Zeitungen die bevorstehende Ein¬ 
berufung eines Allrussischen Jüdischen Kongresses erwähnt. Diese Idee, 
von Dubnow bereits »lange vor der Revolution« aufgebracht, fand jetzt 
»allgemeine Anerkennung«. Doch wegen der »heftigen Meinungsver¬ 
schiedenheiten zwischen den Zionisten und den Bundisten« fand 1917 
kein Kongress statt (auch nicht 1918, »wegen des Bürgerkriegbeginns und 
des Widerstandes der bolschewistischen Machthaber«). 7 »In Petrograd 
wurde die Gruppe des Jüdischen Volkes 1 unter Leitung von M. Winawer 
wiederhergestellt.« 8 Sie waren keine Sozialisten, sondern Liberale. Zu¬ 
nächst hofften sie auf ein Bündnis mit den jüdischen Sozialisten. Wina¬ 
wer erklärte; »Der >Bund< gehörte zur Avantgarde der Revolutionsbewe- 


1 Zur »Gruppe des Jüdischen Volkes« vgl. Solschenizyn, Rtiss.-jüd. Geschichte , 
S. 344. 


45 



Kapitel 2 

gung, und wir begrüßen diese Partei.« 9 Doch die Sozialisten lehnten be¬ 
harrlich ab. 

Die stürmische Belebung jüdischer Parteiaktivitäten in Petrograd ist in¬ 
direkt ein Indiz, dass die Revolution in der Hauptstadt eine hinsichtlich 
ihrer Zahl und ihrer Energien bereits bedeutende jüdische Bevölkerung 
antraf. Ein »jüdisches Proletariat« aber gab es in Petrograd kaum, und 
darum erstaunt der Erfolg des »Bund« ganz besonders. Die Bundisten gin¬ 
gen hier energischer als alle anderen vor: Einmal versammelte sich die Pe- 
trograder Parteiorganisation im Anwaltsklub (die Moskauer Sektion traf 
sich sogar im Bolschoj-Theater), ein andermal, am 1. April, in derTeni- 
schew-Schule, und im Michajlowskij-Theater wurde eine Kundgebung 
mit Konzert veranstaltet. »Vom 14. bis 19. April fand in Petrograd die All¬ 
russische Konferenz des >Bund< statt, die von neuem die Forderung nach 
nationaler und kultureller Selbstbestimmung für das Judentum in Russ¬ 
land erhob.« 10 (»Nach Abschluss der Reden sangen alle Teilnehmer der 
Konferenz die Hymne des >Bund< mit dem Titel >Di Schwue< [>Der 
Schwur<], die Internationale und die Marseillaise.« 11 ) Im Übrigen musste 
der >Bund< wie schon früher die Balance zwischen nationalen und revolu¬ 
tionären Positionen finden. Wie er 1903 (vor allem gegenüber Lenin) da¬ 
rauf gepocht hatte, im Verhältnis zur Russischen Sozialdemokratischen 
Arbeiterpartei (RSDRP) die Autonomie in Nationalitätenfragen auszuü¬ 
ben und sich dann 1905 nichtsdestotrotz zielstrebig in eine gemeinsame 
allrussische Revolution stürzte, so geschah etwas Ähnliches auch jetzt, im 
Jahre 1917: Bundisten übernahmen hochrangige Positionen im Exekutiv¬ 
komitee des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten sowie etwas 
später bei den Kiewer Sozialdemokraten. »Ende 1917 bestanden im Land 
fast 400 Parteisektionen des >Bund<, die ungefähr 40000 Mitglieder um¬ 
fassten.« 12 

Auch über Poale Zion kommt man aus dem Staunen nicht heraus. An¬ 
fang April trat - in Moskau — eine Allrussische Konferenz dieser Partei zu¬ 
sammen, in deren Resolutionen stand, dass ein Allrussischer Jüdischer 
Kongress einberufen und die Frage der Emigration nach Palästina disku¬ 
tiert werden sollte. Andererseits wurde zeitgleich auf einer Odessaer Kon¬ 
ferenz von Poale Zion ein unversöhnliches klassenkämpferisches Pro¬ 
gramm proklamiert: »Dank der Anstrengungen der jüdischen revolutio¬ 
nären Demokratie wurde trotz des Widerstands der Bourgeoisie von 


46 



Das Jahr 191 7 


rechts und des >Bund< von links ... die Entscheidung über die Geschicke 
des jüdischen Volkes den schmutzigen Händen der »wohlhabenden und 
sesshaftem Juden entrissen ... Lasst es nicht zu, dass die bourgeoisen Par¬ 
teien den Kehricht einer alten Ordnung wieder herein tragen ... Gebt eure 
Stimmen nicht den Speichelleckern, die, anstatt zu kämpfen, kniefällig in 
Audienzzimmern antisemitischer Minister um Rechte für das Volk bettel¬ 
ten ... und nicht an das revolutionäre Handeln der Massen glaubten.« Im 
April 1917 erfolgte die Spaltung von Poale Zion 13 : Der »radikal-sozialis¬ 
tische« Flügel trennte sich ab und schloss sich den Zionisten an. Die ver¬ 
bleibende Stammpartei - die »sozialdemokratische« Poale Zion - sollte 
später der Dritten Internationale beitreten. 14 

Die Jüdische Sozialistische Arbeiterpartei (SERP) hielt ebenfalls eine 
Allrussische Konferenz ab und schloss sich bei diesem Anlass mit den Zio- 
nisten-Sozialisten zur »Vereinigten Jüdischen Sozialistischen Arbeiterpar¬ 
tei« (OESRP, auch »Varejnikte« genannt«) zusammen; sie nahm Abstand 
von territorialen Ambitionen zugunsten des Propagierens einer »»exter¬ 
ritorialem jüdischen Nation« mit eigenem Sejm [Parlament] und »natio¬ 
nal-personaler« Autonomie. Die »OESRP rief die Provisorische Regierung 
dazu auf, die Gleichwertigkeit der Sprachen zu deklarieren und einen 
Sowjet (>Rat<) ftir Nationalitätenfragen einzurichten«, der unter anderem 
»jüdische Schulen und soziale Einrichtungen finanzieren sollte«. Gleich¬ 
zeitig bestand eine »enge Kooperation« zwischen der OESRP und den So¬ 
zialrevolutionären (SR). 15 

Doch die »einflussreichste politische Kraft in jüdischen Kreisen wurde 
die zionistische Bewegung«. 16 Bereits in den ersten Märztagen stand in der 
Resolution der Petrograder Zionistenversammlung: »Wir rufen das russi¬ 
sche Judentum auf, die Provisorische Regierung in jeder Hinsicht zu 
unterstützen, im Interesse eines Aufblühens des jüdischen Lebens in Russ¬ 
land kräftig zuzupacken, zusammenzuhalten und sich zu organisieren 
sowie auf ein nationales und politisches Wiedererstehen der jüdischen Na¬ 
tion in Palästina hinzuwirken.« Wie doch die Ereignisse zusammentrafen, 
inspiriert von einer Laune der Geschichte: Ausgerechnet im März 1917 
rückten die englischen Truppen auf Jerusalem vor! Bereits am 19. März 
stand in einem Aufruf der Odessaer Zionisten: Nun ist »die Zeit gekom¬ 
men, in der sich Staaten auf nationaler Grundlage neu organisieren. [Russ¬ 
land machte es gerade umgekehrt. - A.S.] Weh über uns, wenn wir die- 


47 



Kapitel 2 


sen historischen Moment ungenutzt verstreichen lassen.« Im April sahen 
sich die Zionisten bedeutend gestärkt durch die öffendiche Erklärung 
Jacob Schiffs, er schließe sich jetzt ebenfalls dem Zionismus an, »wobei er 
seinen Schritt mit der Befürchtung erklärte, als Ergebnis der bürgerrecht¬ 
lichen Gleichstellung der Juden in Russland könnte deren Assimilation 
eintreten. Schiff sieht Palästina als das Zentrum an, von dem aus die jüdi¬ 
sche Kultur ihre Ideale verbreiten kann.« 17 Anfang Mai fand im Saal der 
Petrograder Fondsbörse eine stark besuchte zionistische Kundgebung statt, 
bei der mehrere Male die zionistische Hymne gesungen wurde. Ende Mai 
trat im Petrograder Konservatorium der VII. Allrussische Zionistenkon¬ 
gress zusammen. Hier wurden die Aufgaben der Zionisten folgenderma¬ 
ßen formuliert: »Kulturelle Wiedergeburt des jüdischen Volkes«, »Grund¬ 
legende soziale Reform der Wirtschaftsordnung im Sinne der Verwandlung 
eines Volkes von Ladenbesitzern und Handwerkern in ein Volk der Bauern 
und Arbeiter«, Intensivierung der Emigration nach Palästina und »Mobi¬ 
lisierung des jüdischen Kapitals zur Finanzierung der Siedlungstätigkeit«. 
Diskutiert wurden auch der Plan Jabotinskys, eine jüdische Legion inner¬ 
halb der britischen Armee zu schaffen, und der Plan J. Trumpeldors, »in 
Russland eine jüdische Armee zu gründen, die über den Kaukasus mar¬ 
schieren sollte, um Erez Israel [das »Gelobte Land«] von der Türkenherr¬ 
schaft zu befreien«. Die beiden letzten Vorschläge wurden abgelehnt - der 
Zionistische Weltkongress bewahrte im Weltkrieg Neutralität. 18 

Auf demselben Kongress wurde beschlossen, bei den bevorstehenden 
Gemeindewahlen, denen Wahlen zur Konstituierenden Versammlung fol¬ 
gen sollten, für Parteien zu stimmen, die »nicht weiter rechts als die sozi¬ 
alistische Volkspartei« stünden, und die Unterstützung sogar »Kadetten« 
wie D. Pasmanik zu entziehen. Dieser beklagte sich später: »Es ergab sich 
etwas völlig Unsinniges: Das ganze russische Judentum, seine gesamte 
Groß- und Kleinbürgerschicht inbegriffen, schien auf einmal sozialistisch 
geworden zu sein.« 19 Pasmaniks Befremden ist mehr als berechtigt. 

Eigenständig versammelte sich in Petrograd Anfang April die Konfe¬ 
renz der zionistischen Studentenorganisation »Hechawer« mit Teilneh¬ 
mern aus 25 Städten und aus allen Universitäten Russlands. Ihr Beschluss 
lautete, dass die Juden nicht dafür gelitten hätten, die Gleichberechtigung 
in Russland zu erhalten, sondern ftir die Wiedergeburt der jüdischen Na¬ 
tion im Mutterland Palästina. Es wurde ferner beschlossen, in Russland 


48 



Das Jahr 1917 


unverzüglich Legionen für die Eroberung Palästinas zusammenzustellen. 
»Im Sommer und Herbst 1917 nahm die zionistische Bewegung Russ¬ 
lands weiter an Stärke zu. Im September erreichte sie eine Mitgliederzahl 
von 300 OOO.« 20 Weniger bekannt ist, dass sich 1917 auch die jüdischen 
»orthodoxen Vereinigungen großer Beliebtheit erfreuten, sie lagen zwar 
hinter den Zionisten, aber vor den sozialistischen Parteien« (wie z.B. bei 
den »Wahlen zu den leitenden Räten der neu strukturierten jüdischen Ge¬ 
meinden«). 21 

Kundgebungen (»Im Hass wie in der Liebe haben sich die Juden mit 
dem nationalen demokratischen Russland vereint!«), Vorträge (»Die jüdi¬ 
sche Frage und die russische Revolution«), »Generalversammlungen der 
jüdischen Mittelschüler« (neben den Generalversammlungen der Gym¬ 
nasiasten) in Petrograd und anderen Städten wechselten einander ab. In 
Petrograd selbst befand sich das zentrale Organ der jüdischen Studenten¬ 
schaft, das allerdings vom »Bund« und von anderen Linken abgelehnt 
wurde. In der Provinz lösten sich viele Komitees der »Kriegsopferhilfe«, 
die für jüdische Flüchdinge und Deportierte eingerichtet worden waren, 
wieder auf: »Die demokratischen Elemente halten es für angebracht, nun¬ 
mehr für ihre soziale Tätigkeit einen weiter ausgreifenden Ansatz zu wäh¬ 
len.« Stattdessen entstand im April ein Zentrales Jüdisches Komitee für die 
Kriegsopferhilfe. Anfang Mai wurde die Jüdische Volksunion konstituiert, 
die alle jüdischen Kräfte vereinigen und die Gründung einer Allrussischen 
Jüdischen Konferenz sowie eine gemeinsame Liste für die Wahlen zur 
Konstituierenden Versammlung vorbereiten sollte. 

Ende Mai gab es auch einen anderen Versuch: Das Organisationsko¬ 
mitee der Jüdischen Demokratischen Vereinigung berief eine Konferenz 
aller jüdischen demokratischen Gruppen Russlands ein, und die Einberu¬ 
fung eines Allrussischen Jüdischen Kongresses wurde weiterhin lebhaft 
diskutiert. (Wieder sagte der »Bund« wegen der andersartigen Ausrich¬ 
tung seines Programms ab. Die Zionisten dagegen drängten darauf, die 
Palästinafrage in das Programm des Kongresses aufzunehmen - und er¬ 
hielten nun ihrerseits eine Absage.) Eine Allrussische Konferenz zur Vor¬ 
bereitung dieses Jüdischen Kongresses fand im Juli 1917 in Petrograd 
statt. 22 Getragen von der Schwungkraft und Begeisterung, die hier wirk¬ 
ten, verkündete Winawer, dass die Zeit nun reif sei für die Idee einer ein¬ 
zigen, auf verschiedene Länder verteilten jüdischen Nation, und dass den 


49 



Kapitel 2 


russischen Juden die Lage der Juden in Rumänien oder Polen nicht gleich¬ 
gültig sein dürfe. Der Jüdische Kongress wurde für Dezember 1917 an¬ 
beraumt. 

Welch eine mächtige Flut nationaler Aktivitäten ergoss sich hier! Sogar 
im turb ulenten Wirbel unseres Jahres 1917 sticht hervor, auf welch unter¬ 
schiedlichen Ebenen, mit welchem Nachdruck, aber auch wie methodisch 
die Juden sich sozial und politisch betätigten. 

Eindrucksvoll entwickelten sich auch die Aktivitäten der Juden im kul¬ 
turellen Bereich und im Gesundheitswesen. Hier »entfaltete sich zwischen 
Februar und November 1917 eine wahre Blüte«. Nachdem die Redaktion 
von »Jewrei Rossii« [»Juden Russlands«] nach Petrograd verlegt worden 
war, folgte die »Jewrejskaja Nedelja« [»Jüdische Woche«] nach, das jiddi¬ 
sche »Petrograd-Togblat« und entsprechende Ausgaben in anderen Gro߬ 
städten wurden gegründet. Die Gesellschaft Tarbut [»Kultur«] und die 
»Kultur-lige« richteten »Dutzende Kindergärten, Grund- und Mittel¬ 
schulen und pädagogische Fachschulen« ein, wo jeweils in Hebräisch oder 
Jiddisch unterrichtet wurde. In Kiew entstand ein jüdisches Knabengym¬ 
nasium. In Moskau fand im April der 1. Allrussische Kongress für jüdi¬ 
sche Kultur und jüdisches Schulwesen statt, von hier kam der Appell, den 
Unterhalt der jüdischen Schulen staatlicherseits zu finanzieren. Die Ge¬ 
sellschaft der Freunde der jüdischen Sprache und Kultur veranstaltete 
ebenfalls einen Kongress. In Moskau wurde das Habima-Theater eröffnet, 
»das erste professionelle Theater der Welt, in dem auf Hebräisch gespielt 
wird« 23 , und im April eröfifnete eine Ausstellung jüdischer Malerei. Eben¬ 
falls im April fand eine Konferenz der Gesellschaft für Gesundheitsschutz 
der jüdischen Bevölkerung statt. 

All dies ist besonders beeindruckend vor dem Hintergrund der allge¬ 
meinen Orientierungslosigkeit, die 1917 das staatliche, wirtschaftliche 
und kulturelle Leben Russlands prägte. 

Ein großes Ereignis im Leben der Juden war in diesen Monaten die Öff¬ 
nung der Offizierslaufbahn in der russischen Armee ftir junge Männer jü¬ 
discher Herkunft. Es handelte sich um eine breit angelegte Bewegung: Im 
April ordnete der für die Gardeeinheiten zuständige Stab des Petrograder 
Militärbezirks direkt an, alle Studenten jüdischen Glaubens sollten von 
den Truppenführern unverzüglich nach Nishnij Nowgorod zum vorberei¬ 
tenden Schulbataillon abkommandiert werden, um dann in die Offiziers- 


50 



Das Jahr 1917 


schulen weiterverlegt zu werden. 24 Dies kam mehr oder weniger einer 
Massenbeförderung junger Juden zu Offizieren gleich. »Bereits Anfang 
Juli 1917 wurden in der Konstantin-Militärschule (Kiew) 131 Juden, die 
dort einen beschleunigten Ausbildungsgang durchlaufen hatten, zu Offi¬ 
zieren befördert. Im Sommer 1917 rückten in Odessa 160 jüdische Ka¬ 
detten in Offiziersränge auf.« 25 Im Juni wurden in Russland 2600 Juden 
zu Fähnrichen befördert. 

Es gibt Zeugnisse, dass die Zöglinge der Kadettenanstalten ihre neuen 
jüdischen Kameraden mancherorts feindselig empfingen, zum Beispiel in 
der Alexander-Anstalt (wohin mehr als 300 Juden abkommandiert wur¬ 
den). In der Michail-Schule schlug ein Teil der Kadetten eine Resolution 
vor: »Gegen die Juden an sich haben wir nichts, aber wir halten ihre Zu¬ 
lassung zu den Kommandeurskreisen der russischen Armee für undenk¬ 
bar.« Die Offiziere der Militärschule distanzierten sich von dieser Erklä¬ 
rung, und eine Gruppe sozialistischer Militärschüler (141 Kadetten) 
sprach den Initiatoren »ihren Tadel« aus, denn »die antijüdischen Auftrit¬ 
te seien eine Schande für die Armee der Revolution«. 26 Die Resolution 
wurde abgewiesen. 

Als die jüdischen Fähnriche zu ihren Truppen kamen, waren auch hier 
die Soldaten ihnen gegenüber oft misstrauisch und feindselig eingestellt. 
Dass ein Jude in der Rolle eines Offiziers auftrat, war für den russischen 
Soldaten etwas nie da Gewesenes, ganz Ungewohntes. (Diejenigen Auf¬ 
steiger aber, die sich revolutionär gaben, erfreuten sich bald großer Be¬ 
liebtheit.) 

Andererseits gibt auch das Verhalten der jüdischen Kadetten in der 
Odessaer Militärschule Anlass zu Verwunderung. Ende März waren 240 
jüdische Neuzugänge aufgenommen worden. Drei Wochen später, ge¬ 
nauer gesagt am 18. April (alten Stils), fand in Odessa die Maiparade 
statt 1 , bei der sie unter demonstrativem Absingen alter jüdischer Lieder 
mitzogen. Ob sie wohl begriffen, dass ihnen damit kaum die Sympathien 
der russischen Soldaten zuflogen? Aber wen sonst wollten sie als Offiziere 
denn befehligen? Wenn es eigene jüdische Bataillone gegeben hätte, so 


1 Am 18. April nach dem Julianischen Kalender, d.h. am 1. Mai nach dem Gre¬ 
gorianischen Kalender, der in Russland seit Februar 1918 allgemein gebräuch¬ 
lich ist: Der 1. Februar alten Stils wurde damit der 14. Februar neuen Stils. 


51 



Kapitel 2 


wäre dies noch angegangen. Doch wie General Denikin betonte, wurden 
zwar im Laufe des Jahres 1917 erfolgreich diverse nationale Truppenein¬ 
heiten gebildet (polnische, ukrainische, transkaukasische; lettische Trup¬ 
pen gab es bereits seit längerer Zeit), »nur eine Nation forderte nicht nach 
Selbstbestimmung im Sinn des Diensts beim Militär, und dies waren die 
Juden. Jedes Mal, wenn von irgendwoher als Reaktion auf Beschwerden 
[nämlich wie schlecht die jüdischen Offiziere in der Armee akzeptiert wür¬ 
den] der Vorschlag eingebracht wurde, spezielle jüdische Regimenter ein¬ 
zurichten, rief dies in jüdischen Kreisen und bei den Linken einen Sturm 
der Entrüstung hervor und wurde als infame Provokation bezeichnet.« 27 
(Die Zeitungen berichteten damals, dass der Plan, eigene jüdische Regi¬ 
menter zu schaffen, auch in Deutschland aufgetaucht sei und dort eben¬ 
falls verworfen worden sei.) 

Doch bestand offenbar bei den neuen jüdischen Offizieren durchaus das 
Bedürfnis nach nationaler Einigung — in einer anderen Form. In Odessa 
beschloss die Versammlung der jüdischen Offiziere am 18. August, eine 
Sektion für die Kommunikation zwischen allen Fronten einzurichten, »um 
die Situation der jüdischen Offiziere vor Ort zu erhellen«. Im August »ent¬ 
standen Vereinigungen jüdischer Soldaten, und im Oktober gab es solche 
Vereinigungen bereits an allen Fronten und in vielen Garnisonen. Bei einer 
Konferenz in Kiew vom 10. bis 15. Oktober 1917 wurde der Allrussische 
Verband jüdischer Soldaten gegründet.« 28 (Doch einige Journalisten heg¬ 
ten auch jetzt, da eine »Revolutionsarmee« bestand, weiterhin aus alter Ge¬ 
wohnheit ihre Aversionen gegen die Gesamtheit der Offiziere und gegen 
die Existenz von Offiziersrängen an sich. So hetzte A. Alperowitsch in den 
»Börsennachrichten« noch am 5. Mai gegen das Offizierskorps. 29 ) 

Aus verschiedenen Quellen geht hervor, dass sich Juden bei der Aushe¬ 
bung des Jahres 1917 ungern als einfache Soldaten zur Armee einziehen 
ließen. Es scheinen Betrugsversuche ans Tageslicht gekommen zu sein, bei 
denen irgendwelche Kranke unter falschem Namen zur ärztlichen Muste¬ 
rung vorgeschickt wurden, da manche Musterungsbehörden forderten, 
Juden müssten bei der Musterung einen Ausweis mit Lichtbild vorlegen 
(aus Naivität wurde so etwas normalerweise nicht verlangt). Ein Protest¬ 
sturm erhob sich, dies laufe der Abschaffung der Beschränkungen in Ffin- 
blick auf die Nationalität zuwider - und das Innenministerium gab An¬ 
weisung, die Forderung nach Lichtbildern zu streichen. 


52 



Das Jahr 1917 


Anfang April erging eine telegrafische Anordnung der Provisorischen 
Regierung, alle Juden, die wegen Spionageverdachts verschickt worden 
waren 1 , zurückzuholen, ohne im jeweiligen Fall eine individuelle Unter¬ 
suchung durchzuführen. Die Heimatorte der einen waren vom Feind be¬ 
setzt, die der anderen nicht, aber viele der Verbannten baten um Geneh¬ 
migung, in Städten des europäischen Teils Russlands leben zu dürfen. Be¬ 
sonders Petrograd erlebte einen starken Zustrom an Juden, deren Zahl 
1917 auf »etwa 50000« anstieg. 30 Auch »in Moskau nahm die Zahl der 
Juden sehr stark zu (auf 60 000)«. 31 

Zahlenmäßig weniger bedeutend, aber überaus zupackend war der Zu¬ 
wachs, den die jüdische Gemeinde in Russland aus dem Ausland erhielt. 
Wir wollen gar nicht eingehender über die beiden berühmten Züge spre¬ 
chen, die verplombt durch das feindliche Deutschland fuhren — zusam¬ 
men mit Lenin kamen 30 Personen, mit Nathanson und Martow-Zeder- 
baum 160, überwiegend Juden, fast alle jüdischen Parteien waren vertre¬ 
ten. (Die Passagierlisten der »exterritorialen Wagons« wurden erstmals von 
W. Burzew veröffentlicht.) 32 Kaum einen dieser fast 200 Menschen er¬ 
wartete in Russland nur eine unbedeutende Rolle. 

Noch weitaus zahlreicher, zu Hunderten, strömten nun Juden aus den 
Vereinigten Staaten nach Russland, die einen vor langer Zeit emigriert, die 
anderen Revolutionäre oder Männer, die sich der Wehrpflicht entzogen 
hatten. Jetzt betitelte man sie als »Revolutionskämpfer« und »Opfer der 
Zarenzeit«, und die russische Botschaft in den Vereinigten Staaten stellte 
auf Anweisung Kerenskijs problemlos jedem Antragsteller, der zur Bestä¬ 
tigung zwei Zeugen von der Straße mitbrachte, einen russischen Pass aus. 
(In einer besonderen Situation befand sich die aktive Gruppe um Trotz- 
kij, die zunächst in Kanada wegen begründeten Verdachts auf Verbin¬ 
dungen mit Deutschland festgenommen worden war. Aber Trotzkij war 
nicht mit dem windigen russischen Reisepass unterwegs, sondern mit 
einem soliden amerikanischen, der ihm aus unerklärlichen Gründen wäh¬ 
rend seines.kurzen Aufenthalts in den Staaten ausgestellt worden war. Er 
befand sich zudem im Besitz einer beträchtlichen Geldsumme, deren Her¬ 
kunft im Gang der Ermittlungen nicht geklärt werden konnte. 33 ) Bei einer 
überschwänglichen »russischen Kundgebung in New York (unter dem 

1 Vgl. dazu Solschenizyn, Russ.-jüd. Geschichte, S. 469ff. 


53 



Kapitel 2 


Vorsitz P. Rutenbergs, der Gapon zuerst instruiert und später fiir dessen 
Hinrichtung gesorgt hatte 1 ), wandte sich Abraham Kagan, der Redakteur 
der jüdischen Zeitung »Forwerts« [»Vorwärts«] »im Namen von zwei 
Millionen russischen Juden, die in den Nordamerikanischen Vereinigten 
Staaten leben« an den russischen Botschafter Bachmetjew: »Wir haben 
unsere Heimat immer geliebt. Wir haben uns immer durch Bande der 
Brüderschaft mit der ganzen Bevölkerung Russlands verbunden gefühlt 
... Unsere Herzen sind voller Ergebenheit gegenüber der roten Flagge der 
russischen Befreiung und der dreifarbigen Nationalflagge des freien Russ¬ 
lands.« Im Weiteren erklärte er, dass die Selbstaufopferung der Narodo- 
wolzen »unmittelbar durch die Zunahme der Judenverfolgung ausgelöst 
worden sei« und dass »solche Menschen wie Sundelewitsch, Deutsch, 
Gerschuni, Liber und Abramowitsch zu den Tapfersten gehört hatten«. 34 

Die »Rückkehrer« kamen augenscheinlich nicht nur aus New York an, 
da die Provisorische Regierung im August Fahrten aus Wladiwostok für 
die aus Amerika zurückkehrenden »politischen Emigranten« verbilligte. 
In London wurde Ende Juli (nachdem bereits viele Juden nach Russland 
abgereist waren) bei einer Kundgebung in Whitechapel »festgestellt, dass 
allein in London 10000 Juden den Wunsch geäußert hatten, hach Russ¬ 
land zurückzukehren«, und es wurde die Resolution verabschiedet, es sei 
erfreulich, dass »die Juden zurückkehren, um fiir ein neues soziales und 
demokratisches Russland zu kämpfen«. 35 

Viele dieser Rückkehrer, die der Revolution zueilten, erwartete in Russ¬ 
land ein außerordentliches Schicksal, sie stürzten sich mit Begeisterung ins 
Geschehen. Unter ihnen finden sich späterhin berühmte Namen wie W. 
Wolodarskij, M. Urizkij und Ju. Larin (der bald zum Schöpfer der »Öko¬ 
nomie des Kriegskommunismus« werden sollte). Weniger bekannt ist, 
dass auch Swerdlows Bruder Wenjamin sich unter ihnen befand (dieser 
stieg zwar nicht weiter auf als bis zum Stellvertretenden Volkskommissar 
für Verkehrswesen und zum Präsidiumsmitglied des Obersten Rats für 
Volkswirtschaft (WSNCh) 36 , aber auch dies ist nicht wenig). Moissej 
Charitonow, ein Mitstreiter Lenins in der Emigration und im selben Zug 
wie Lenin angekommen, erlangte bereits im April 1917 skandalöse Be¬ 
rühmtheit, als er den Anarchisten bei ihrem großen Raubzug Unterstüt- 

1 Vgl. dazu Solschenizyn, Russ.-jüd. Geschichte, S. 348. 


54 



Das Jahr 1917 


zung leistete; später war er nacheinander Sekretär der Gouvernementsko- 
mitees der Russischen Kommufiistischen Partei (der Bolschewiken, 
RKPb) in Perm, Saratow und Swerdlowsk sowie Sekretär des Zentralko¬ 
mitee-Büros im Uralgebiet. Semjon Dimanstein, ein Mitglied der Pariser 
Bolschewistengruppe, sollte das Jüdische Kommissariat (Jewkom) im 
Volkskommissariat für Nationalitätenfragen und später die Jüdische Sek¬ 
tion (Jewsekzija) beim Allrussischen Zentralen Exekutivkomitee leiten, 
auch war ihm die allgemeine Betreuung der jüdischen Fragen übertragen. 
(Erstaunlich ist, dass er mit seinen 18 Jahren innerhalb eines Jahres »die 
Rabbinerprüfung ablegte« und andererseits in die Russische Sozialdemo¬ 
kratische Arbeiterpartei [RSDRP] eintrat.) 37 Dann ist da die Gruppe, die 
Trotzkij aus New York mit sich gebracht und in hohe Posten lanciert hatte, 
darunter der Juwelier G. Melnitschanskij, der Buchhalter Friman, der Set¬ 
zer A. Minkin-Menson (bald leiteten sie die sowjetischen Gewerkschaften, 
die Zeitung »Prawda« [»Wahrheit«] und die Ausgabe von Banknoten und 
Wertpapieren) und der Anstreicher Gomberg-Sorin (er wurde Vorsitzen¬ 
der des Petrograder Revolutionsgerichts). 

Andere nach der Februarrevolution Zurückgekehrte sind inzwischen 
ganz in Vergessenheit geraten, und dies zu Unrecht, denn sie schalteten 
sich in sehr wichtigen Bereichen in den Gang der revolutionären Ereig¬ 
nisse ein. So nahm der Biologe Professor Iwan Salkind aktiv am Oktober¬ 
umsturz teil und übernahm dann unter Trotzkij die praktische Leitung des 
Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten. Semjon Kogan- 
Semkow war ab November 1918 »Politkommissar der Ishewsker Rüs- 
tungs- und Stahlproduktion«, das heißt der für die Strafmaßnahmen zu¬ 
ständige Kommissar, der nach der Niederwerfung des großen Ishewsker 
Arbeiteraufstands vom Oktober 1918 eingesetzt wurde. 38 (Die Zahl der 
Opfer ging in die Tausende, allein auf dem Platz vor der Ishewsker Ka¬ 
thedrale wurden 400 Arbeiter durch Erschießung hingerichtet. 39 ) Tobin- 
son-Krasnoschtschokow sollte später (als Sekretär des ZK-Büros Fernost 
und Regierungschef) den ganzen sowjetischen Fernen Osten unter sich 
haben. Hirschfeld-Staschewskij kommandierte unter dem Namen Wer- 
chowskij eine Abteilung deutscher Kriegsgefangener und Überläufer, 
schuf also die Grundlage ftir die internationalen Abteilungen der bol¬ 
schewistischen Kräfte; später war er Chef des militärischen Aufklärungs¬ 
dienstes an der Westfront (1920), und mit Beginn der »Friedens«-Zeit »or- 


55 



Kapitel 2 


ganisierte er im Auftrag des Kollegiums der Tscheka [»Allrussische Außer¬ 
ordentliche Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution und Sa¬ 
botage«] ... das Spionagenetz in den Ländern Westeuropas«. Er wurde mit 
dem Titel »Ehrenvoller Tschekist« ausgezeichnet. 40 

Es gesellten sich auch Mitstreiter hinzu, die gar keine Bolschewiken 
waren, zumindest nicht sofort, aber die Partei Lenins undTrotzkijs nahm 
auch sie weitherzig auf. Jakow Fischman, Mitglied des Militärisch-Revo¬ 
lutionären Komitees (WRK), das den Umsturz im Oktober 1917 führte, 
scherte zwar im Juli 1918 kurzfristig aus und beteiligte sich am Aufstand 
der linken Sozialrevolutionäre, dennoch wurde er in die RKPb aufge¬ 
nommen und man vertraute ihm über Jahre hinweg Funktionen in der 
Aufklärungsabteilung der Roten Arbeiter- und Bauernarmee (RKKA) an. 
Jefim Jartschuk kam zwar als Anarchist und Syndikalist zurück, doch 
wurde er vom Petrograder Sowjet zur Stärkung des Kronstädter Sowjet ab¬ 
geordnet, von wo er im Oktober 1917 eine Abteilung Matrosen zum 
Sturm auf das Winterpalais führte. Wsewolod Wolin-Eichenbaum (ein 
Bruder des Literaturwissenschaftlers Boris Eichenbaum), kam 1917 als 
eingefleischter Anarchist nach Russland zurück, er wurde der Ideologe der 
Machno-Bewegung und Vorsitzender des Militärischen Revolutionsrats 
unter Machno - der bekanntlich den Bolschewiken mehr genützt als ge¬ 
schadet hat. 1 Wolin und ein Dutzend anderer Anarchisten wurden unblu¬ 
tig ins Ausland abgeschoben. 41 

Die Hoffnungen der Rückkehrer waren begründet - dies waren die 
Monate, in denen die Stellung vieler Juden in Russland deutlich aufge¬ 
wertet wurde. »Jetzt existiert die jüdische Frage in Russland nicht mehr.« 42 
(Eine Gegenstimme findet man in einem Zeitungsessay David Ajsmans, 
der die Zweifel Sura Alperowitschs, der Gattin eines aus Minsk nach Pe¬ 
trograd umgesiedelten Kaufmanns, wiedergibt: »Jetzt haben sie also das 
Sklaventum abgeschafft, nichts weiter?« Und was sei damit, dass »uns der 
gestrige Zar Nikolaus da Kischinjow beschert hat«? 43 ) 11 In jenen Tagen 
entwickelt auch D. Aisman den Gedanken: »Die Juden müssen unter allen 
Umständen die Eroberungen der Revolution verankern ... Ein Schwan- 


I Zu Machno siehe unten S. 153. 

II Zum Kischinjower Pogrom von 1903 vgl. Solschenizyn, Russ.-jüd. Geschichte, 


S.311ff. 


56 



Das Jahr 1917 


ken gibt es hier nicht und kann es nicht geben. Egal, welche Opfer dazu 
nötig sind - sie müssen gebracht werden ... Dies ist das A und O, [sonst] 
geht alles unter ... Sogar den ungebildetsten Schichten der jüdischen 
Masse ist dies klar.« Was mit den Juden im Fall eines »Triumphs der Kon¬ 
terrevolution« geschähe, »steht außer Diskussion«. Ajsman ist überzeugt, 
dass es zu allgemeinen Hinrichtungen kommen würde. Darum müssen 
»die ekligen Ausgeburten zertreten werden, ehe noch die Brut geschlüpft 
ist. Noch im Keim muss dies erstickt werden ... Die Juden werden ihre 
Freiheit zu verteidigen wissen.« 44 

Die Ausgeburten zertreten ... und sogar im Keim muss dies erstickt wer¬ 
den ... Durch und durch das bolschewistische Programm, nur im Stil des 
Alten Testaments ausgedrückt. Doch was ist diesl Wessen Keim? Sind die 
Monarchisten gemeint? Die rührten sich ja nicht mehr, ihre Aktiven lie¬ 
ßen sich an weniger als einer Hand abzählen. Es mussten also jene gemeint 
sein, die ihre Stimme gegen die um sich greifende Schrankenlosigkeit der 
Sowjets, der Komitees und der blindwütigen Menge erhoben, jene, die der 
Auflösung des Lebens Einhalt gebieten wollten, besonnene Bürgersleute, 
ehemalige Beamte und vor allem Offiziere, kurze Zeit später auch der aus 
den Soldaten gekommene General Kornilow. 1 Unter diesen Konterrevo¬ 
lutionären waren auch Juden, aber in vieler Hinsicht war dieses Element 
mit dem russischen identisch. 

Bei diesem Exkurs, der uns etwas vom nationalen und jüdischen Thema 
wegfuhrt, dürfen wir auch die Presse nicht vergessen. 1917 konsolidierte 
sie sich hinsichtlich ihres Einflusses, ihrer Auflagenstärke und der Mitar¬ 
beiterzahl. Vor der Revolution gab es das Recht auf Rückstellung von der 
Einberufung zum Militärdienst nur für eine begrenzte Zahl von Mitar¬ 
beitern, und dies nur bei den Zeitungen (und Druckereien), die schon vor 
dem Krieg bestanden hatten. (Sie galten als »Unternehmen, die für die 
Verteidigung arbeiteten«, selbst dann, wenn sie erbittert gegen die Regie¬ 
rung und gegen die Zensur in der Kriegszeit kämpften.) Jetzt im April er¬ 
hielten die Zeitungen auf Drängen der Verleger umfangreichere Privile- 


1 Lawr Georgijewitsch Kornilow (1870-1918): Kosake, nach der Februarrevolu¬ 
tion 1917 der Kommandierende des Petrograder Militärbezirks, scheiterte im 
August 1917 mit dem Versuch der Machtübernahme zur Stabilisierung der po¬ 
litischen Lage, Mitbegründer der Weißen Armee 


57 



Kapitel 2 


gien, die zum einen die Zahl der vom Militärdienst befreiten Mitarbeiter 
betrafen, außerdem wurden sie auch auf alle politischen Zeitungen ausge¬ 
dehnt, die jetzt neu erschienen (und teilweise künsdich in ihrer Bedeu¬ 
tung hochgespielt wurden - es genügte, sich mit einer Auflage von 30 000 
Exemplaren zumindest zwei Wochen lang auf dem Markt gehalten zu 
haben). Weitere Vergünsdgungen gab es für die jungen Mitarbeiter eben¬ 
so wie für die »politischen Emigranten« und die »aus der Verbannung Be¬ 
freiten« - ausreichende Voraussetzungen, um eine nicht unbedeutende 
Zahl von Ankömmlingen zu verlocken, sich bei den linksgerichteten Zei¬ 
tungen um eine Anstellung zu bewerben. Gleichzeitig wurden verschie¬ 
dene Zeitungen der Rechten wie die »Malenkaja Gaseta« [»Kleine Zei¬ 
tung«] und die »Narodnaja Gaseta« [»Volkszeitung«] geschlossen, weil sie 
die Bolschewiken beschuldigt hatten, in Verbindung mit Deutschland zu 
stehen. Bemerkenswert ist die Darstellung, welche die »Birshewyje We- 
domosti« [»Börsennachrichten«] zähneknirschend gaben, als im Mai viele 
Zeitungen gefälschte Telegramme der Zarin abgedruckt hatten (eine Fäl¬ 
schung, jawohl, aber man bezeichnete es dann als »harmlosen Scherz eines 
Telegrafenfräuleins«, für den sie natürlich nicht zur Verantwortung gezo¬ 
gen wurde) und diese später dementieren mussten: »Es stellte sich heraus, 
dass weder im Sonderarchiv der Post- und Telegrafenhauptverwaltung, wo 
die Telegramme Ihrer Majestäten aufbewahrt wurden, noch im Archiv der 
Kriegszensur, noch bei den Dienststellen des Haupttelegrafenamts Spuren 
dieser Korrespondenz aufzufinden waren.« 45 Womit unterstellt wird, Te¬ 
legramme habe es zwar vielleicht gegeben, doch seien deren Spuren von 
geschickter Hand beseitigt worden. O du gelobte Pressefreiheit in unse¬ 
rem Land! 


* 

Der besonnene Winawer warnte bereits in den frühen Märztagen auf einer 
Versammlung im Jüdischen Klub von Petrograd: »Es ist nicht nur Frei¬ 
heitsliebe, sondern auch Zurückhaltung erforderlich ... Wir sollten keine 
ehrenvollen und prominenten Positionen anstreben ... Eilt nicht zu sehr, 
unsere Rechte wahrzunehmen.« 46 Aus den Quellen geht hervor, dass Wi¬ 
nawer (ebenso wie Dan, Liber und Bramson) »zu verschiedenen Zeit¬ 
punkten Ministerposten angeboten wurden, doch sie alle lehnten ab, da 


58 



Das Jahr 1917 


sie der Meinung waren, Juden sollten nicht der Regierung Russlands an¬ 
gehören«. Was der Jurist Winawer allerdings natürlich nicht ablehnen 
konnte, war seine sensationsträchtige Berufung in den Senat, wo er (neben 
G. Blumenfeld, O. Grusenberg und I. Gurewitsch) einer von vier jüdi¬ 
schen Senatoren wurde. 47 Unmittelbar zu den Ministern zählte kein ein¬ 
ziger Jude, aber vier Juden waren einflussreiche stellvertretende Minister. 
Dabei handelt es sich um W. Gurewitsch unter Awxentjew im Innenmi¬ 
nisterium, S. Lurje im Ministerium für Handel und Industrie sowie 
S. Schwarz und A. Ginsburg-Naumow im Arbeitsministerium, auch P. 
Rutenberg sollte nicht unerwähnt bleiben. Schließlich ist A. Galpern zu 
nennen, der ab Juli, nach Nabokow, als Geschäftsführer der Provisori¬ 
schen Regierung fungierte 48 , sowie A. N. Mandelstam, Direktor des De¬ 
partements Nr. 1 im Außenministerium. Leutnant Scher war ab Juli 
Adjutant des Moskauer Militärbezirkskommandeurs, A. Michelson leite¬ 
te ab Mai im Generalstab die Verwaltung für den Nachschub der Aus¬ 
landstruppen. Naum Glasberg war Kommissar der Provisorischen Regie¬ 
rung für die Pioniertruppenverwaltung. Einige Juden wurden im Mai 
durch Tschernow ins Oberste Agrarkomitee berufen, ein Gremium, das 
alle Fragen regelte, welche die Zuteilung von Land an Bauern betrafen. 
Natürlich waren ein Großteil dieser Stellen keine Schlüsselposten und hat¬ 
ten für den gesamten Gang der Ereignisse im Land wenig Gewicht, wenn 
man sie mit dem entscheidenden Einfluss vergleicht, den das Exekutivko¬ 
mitee in diesen Monaten besaß. Die nationale Zusammensetzung dieses 
Komitees wurde in der Öffentlichkeit zum Gegenstand heftiger Diskus¬ 
sionen. 

Bei der so genannten Staatsberatung im August 1 , die der Besorgnis er¬ 
regenden Lage im Land gewidmet war, erhielten außer den Delegierten 
der Sowjets, Parteien und Verbände zusätzlich auch die nationalen Ver¬ 
tretungen eigene Sitze, acht davon die jüdische Vertretung, sodass unter 
anderem G. Sliosberg, M. Liber, N. Fridman, G. Landau und O. Gru¬ 
senberg teilnehmen konnten. 


1 Die Staatsberatung trat vom 12. bis 15. August 1917 im Moskauer Bolschoj- 
Theater zusammen, einberufen von der Provisorischen Regierung, um einen 
breiten Konsensus der staatlichen und gesellschaftlichen Kräfte sowie der Stän¬ 
de zu erzielen. 


59 



Kapitel 2 


Das beliebteste Schlagwort des Jahres 1917 war die »Vertiefung der Re¬ 
volution«, und genau dies taten alle sozialistischen Parteien. I. O. Lewin 
schreibt: »Es steht außer Zweifel, dass in der Partei der Bolschewiken und 
in allen anderen Parteien, die so sehr zur so genannten Vertiefung der Re¬ 
volution beigetragen haben - Menschewiken, Sozialrevolutionäre und an¬ 
dere -, die Juden zahlenmäßig wie hinsichtlich der ihnen zugefallenen 
Führungspositionen unverhältnismäßig stärker vertreten sind, als es 
ihrem prozenmalen Anteil an der Bevölkerung Russlands entspricht. Dies 
ist eine unbestreitbare Tatsache; sie bedarf zwar der Erklärung, doch es 
wäre unsinnig und zwecklos, sie abzuleugnen«, und der einleuchtende 
»Hinweis auf die Rechtlosigkeit der Juden in Russland vor der Februar¬ 
revolution ... gibt allein keine erschöpfende Antwort«. 49 Die personelle 
Zusammensetzung der Zentralkomitees der sozialistischen Parteien ist be¬ 
kannt. Dabei war im Verlauf des Jahres 1917 die Zahl der Juden in der 
Führungsspitze der Menschewiken, der rechten und linken Sozialrevolu¬ 
tionäre und der Anarchisten weitaus höher als bei den Bolschewiken. »Auf 
dem Kongress der Sozialrevolutionären Partei, der Ende Mai-Anfang Juni 
1917 stattfand, waren 39 von 318 Delegierten Juden. Dem auf diesem 
Kongress gewählten 20-köpfigen Zentralkomitee (ZK) der Partei gehör¬ 
ten sieben Juden an. Zu den Führern des rechten Flügels der Partei zähl¬ 
te A. Goz, zu denen des linken Flügels M. Nathanson.« 50 (Was war nur 
aus Nathanson, dem »weisen Mark«, dem Gründer der russischen Narod- 
niki-Bewegung 1 , geworden: Im Weltkrieg nahm er finanzielle Unterstüt¬ 
zung von den Deutschen an, im Mai 1917 fuhr er [in jenem verplombten 
Eisenbahnwagon] durch Deutschland; in Russland angekommen, begann 
er Lenin sofort zu unterstützen und stellte sich mit seiner Autorität hinter 
dessen Plan, die Konstituierende Versammlung aufzulösen; er war sogar 
der Erste, der den Gedanken laut aussprach, obwohl Lenin selbst natür¬ 
lich ohnehin schon alles klar war.) 

Im Sommer 1917 fanden die Wahlen zu den örtlichen Selbstverwal¬ 
tungsorganen statt. Hier siegten die sozialistischen Parteien, und »die 
Juden nahmen sogar in einer Reihe von Städten, die außerhalb des An¬ 
siedlungsrayons lagen, aktiv an der lokalen Arbeit in den Dörfern und 
Städten teil«. So war »der Sozialrevolutionär O. Minor ... Vorsitzender der 


1 Zu Mark Nathanson siehe Solschenizyn, Russ.-jiid. Geschichte, S. 209ff. 


60 



Das Jahr 1917 


Stadtduma in Moskau, A. Weinstein (Rachmiel), der dem ZK des >Bund< 
angehörte, bekleidete diese Funktion in Minsk, der Menschewik I. Po- 
lonskij in Jekaterinoslaw und der Bundist D. Tschertkow in Saratow. G. 
Schrejder wurde Stadtoberhaupt von Petrograd, und A. Ginsburg-Nau- 
mow war das stellvertretende Stadtoberhaupt von Kiew.« 51 

Diese Politiker wurden jedoch großenteils durch den Oktoberumsturz 
weggefegt. Nicht sie bestimmten in der Folge den Gang der Ereignisse in 
Russland, sondern andere, die weniger hochrangige Führungsposten in¬ 
nehatten, stattdessen aber im ganzen Land und in großer Zahl, besonders 
innerhalb der Sowjets, repräsentiert waren. Zu ihnen zählt L. Chintschuk, 
der Vorsitzende des Moskauer Sowjet der Arbeiterdeputierten (SRD), 
desgleichen Nassimowitsch und M. Trilisser im Irkutsker Sowjet. (Trilis- 
ser gehörte nach dem Oktober dem Zentralen Exekutivkomitee der Räte 
Sibiriens an und war später ein hochrangiger Tschekist. 52 ) 

ln der Provinz waren die jüdischen sozialistischen Parteien in den »Sow¬ 
jets der Arbeiter- und Soldatendeputierten überall auf breiter Ebene re¬ 
präsentiert«. 53 Dasselbe galt ftir die Demokratische Konferenz im Sep¬ 
tember, die Lenin so erboste, dass er befahl, das Alexander-Theater zu um¬ 
stellen und alle Versammelten zu verhaften. (Der Theaterdirektor, 
Genosse Naschatyr, hätte die Konsequenzen von Lenins Drohung beina¬ 
he am eigenen Leib spüren müssen, aber Trotzkij konnte Lenin davon ab¬ 
bringen. Sogar nach dem Oktoberumsturz gab es, wie Bucharin mitteilte, 
im Moskauer Sowjet der SoldatenAepuzieztzn noch »Zahnärzte, Apothe¬ 
ker usw. - Personen, die mit einem Soldaten so viel zu tun haben wie mit 
dem Kaiser von China«. 54 

Über alles aber, über ganz Russland, herrschte vom Frühjahr bis zum 
Herbst 1917 — nein, doch wohl nicht die kraft- und willenlose Provisori¬ 
sche Regierung!? - das mächtige und unzugängliche Exekutivkomitee 
(IK) des Petrograder Sowjets und dann ab Juni auch das Zentrale Exeku¬ 
tivkomitee (ZIK), das nun gesamtrussische Bedeutung erlangte. Diese 
beiden Gremien lenkten de facto die Geschicke Russlands. Nach außen 
gaben sie sich wie aus einem Guss, innerlich jedoch waren sie uneinig und 
zerrissen von Widersprüchen und Wirrnissen parteiideologischen Ur¬ 
sprungs. Das Petrograder Exekutivkomitee des Sowjet der Arbeiter- und 
Soldatendeputierten (IK SRSD) hatte zunächst (wie bereits erwähnt) in 
schöner Eintracht den »Befehl Nr. 1« erlassen, verhielt sich jedoch im Wei- 


61 



Kapitel 2 


teren zur Kriegsfrage äußerst schwankend - sollte man die Armee auflö- 
sen oder sie verstärken? (Ziemlich unerwartet war auch, dass das Komitee 
die »Freiheitsanleihe« entschieden befürwortete, was wiederum die Bol¬ 
schewiken aufbrachte, doch dafür sah es sich im Einklang mit der positi¬ 
ven Resonanz der Öffentlichkeit - unter anderem der liberalen Juden - 
auf die Anleihe.) 

Das Präsidium des ersten Allrussischen ZIK des SRSD - es handelte 
sich um das erste Mal, dass Russland von Sowjets (»Räten«) geführt wurde 
- bestand aus neun Personen, darunter der Sozialrevolutionär A. Goz, der 
Menschewik F. Dan, der Bundist M. Liber und der Sozialrevolutionär R. 
M. Gendelman. (Im März forderten Gendelman und Steklow beim Kon¬ 
gress der Sowjets strengere Haffbedingungen für die Zarenfamilie und zu¬ 
sätzlich die Verhaftung aller Großfürsten — ein Anzeichen dafür, wie sicher 
sie sich an der Macht fühlten.) Weitere Präsidiumsmitglieder waren der 
prominente Bolschewik L. Kamenew, der Georgier Tschcheidse, der Ar¬ 
menier Saakjan sowie Kruschinskij, wahrscheinlich ein Pole, und Nikol- 
skij, wohl ein Russe - eine gewagte Besetzung für ein Kollegium, das den 
Weg Russlands in diesem kritischen Moment bestimmen sollte. 

Außer dem ZIK des SRSD gab es, ebenfalls auf gesamtrussischer Ebene, 
ein Ende Mai gewähltes Exekutivkomitee des Sowjet der Bauerndeputier¬ 
ten. Von 30 Mitgliedern waren gerade einmal drei tatsächlich Bauern. 
Schon in vor-bolschewistischer Zeit gab es also das Phänomen, dass die 
Machtorgane nur eine Scheinrepräsentation darstellten. D. Pasmanik 
stellte fest, dass von diesen 30 Mitgliedern sieben Juden waren: »Dies ist 
eine beklagenswerte Erscheinung, gerade im Lichte jüdischer Interessen 
betrachtet.« »Alle werden ihrer überdrüssig, wenn man überall auf sie 
stößt.« 55 Dieser Bauern rat gab eigene Kandidatenempfehlungen für die 
baldige Konstituierende Versammlung ab, eine wahre Hochzeiterliste, 
angefangen mit Kerenskij, auch der lärmende Ilja Rubanowitsch ist 
aufgeführt, der gerade erst aus der Pariser Emigration eingetroffen war, 
bis hin zum Terroristen Abraham Goz und dem wenig bekannten Gure- 
witsch ,.. 56 (Übrigens vermeldet die Zeitung in der gleichen Nummer, 
dass ein Fähnrich Golman, Vorsitzender des Mogiljower Gouverne¬ 
mentssowjet der Bauern.., wegen Fahnenflucht verhaftet worden ist. 57 ) 

Selbstverständlich lassen sich die Schritte der Exekutivkomitees nicht 
allein aus ihrer nationalen Zusammensetzung erklären, o nein! (Viele die- 


62 



Das Jahr 1917 


ser Funktionäre hatten ihren Ursprungsgemeinden unwiderruflich den 
Rücken gekehrt, hatten sozusagen den Weg vergessen, der sie zumindest 
als Gast zurück ins Schtetl hätte fuhren können.) Wichtig ist, dass jeder 
im Rat felsenfest glaubte, er könne mit seinem Talent und seinem Revo¬ 
lutionsgeist die Angelegenheiten der Arbeiter, Soldaten und Bauern am 
allerbesten richten, und er werde sie mit seiner Bildung und seinem Ideen¬ 
reichtum sachkundiger regeln als dieses ganze plumpe, unbedarfte Volk. 

Ein Großteil der Russen, vom einfachen Mann aus dem Volk bis gar 
zum höchsten General, war, wenn es all diese Redner und Leiter von 
Kundgebungen und Versammlungen ansah, wie vor den Kopf geschlagen, 
dass die Personen, die jetzt die Leitung und das Sagen hatten, urplötzlich 
so eklatant anders aussahen als früher. 

W. Stankewitsch, im Exekutivkomitee der einzige Sozialist im Of¥i- 
ziersrang, nennt ein Beispiel: »Diese Tatsache [die hohe Zahl der Juden im 
Komitee] hatte schon an und ftir sich enormen Einfluss darauf, wie sich 
die Stimmungen und Sympathien in der Öffentlichkeit entwickelten ... 
Dazu eine kleine Begebenheit: Als Kornilow zum ersten Mal im Komitee 
zu Gast war, nahm er rein zufällig so Platz, dass er auf allen Seiten von 
Juden umgeben war, und ihm gegenüber saßen zwei nicht nur ganz ein¬ 
flusslose, sondern auch noch unscheinbare Komiteemitglieder, die ich mir 
nur deswegen gemerkt habe, weil sie geradezu karikaturhaft ausgeprägte 
jüdische Gesichtszüge trugen. Wer weiß, wie dies die Einstellung Korni- 
lows zur Russischen Revolution beeinflusst haben mag.« 58 

Aber auch die Einstellung der neuen Machthaber gegenüber allem Rus¬ 
sischen mag davon beeinflusst worden sein ... Es ist Ende August, der 
Kornilow-Aufstand ist losgebrochen. Der Verfall Russlands ist mit Hän¬ 
den zu greifen, das Land ist dabei, den Krieg zu verlieren, die Armee ist 
demoralisiert, das Hinterland in Auflösung begriffen. General Kornilow, 
von [Kriegsminister] Kerenskij geschickt hinters Licht geführt, appelliert 
an das Volk mit Worten, wie sie ihm aus dem Herzen kommen, ja er heult 
fast vor Schmerz: »Russen! Unsere große Heimat liegt im Sterben. Nah ist 
die Stunde ihres Endes ... Alle, in deren Brust ein russisches Herz schlägt, 
alle, die an Gott glauben - lauft in die Gotteshäuser, betet zu Gott dem 
Herrn, dass Er das große Wunder einer Rettung unserer Heimaterde ge¬ 
schehen lasse.« 59 Der Ideologe der Februarrevolution Gimmer-Suchanow, 
eines der führenden Mitglieder des Exekutivkomitees, kommentiert hä- 


63 



Kapitel 2 


misch: »Peinlich, unintelligent und ideenlos, ein Zeugnis politischer und 
literarischer Unbildung ... ein geschmackloser Abklatsch im Susdaler 
Stil!« 60 

Ja, es klingt pathetisch und ungeschickt. Ja, eine klare politische Posi¬ 
tion fehlt - Kornilow ist kein in politischen Dingen versierter Mann. Aber 
sein Herz blutet. Suchanow aber — verspürt er Schmerz? Er kennt nicht 
das Gefühl, eine lebendige Kultur und ein lebendiges Land erhalten zu 
wollen, er dient der Ideologie, der Internationale, und in Kornilows Auf¬ 
ruf kann er nur das Fehlen einer politischen Idee erblicken. Ja, seine Ant¬ 
wort ist beißend. Zum einen enthält sie einen Vorwurf: »ein Abklatsch«, 
aber mehr als das: »... als befände man sich in Susdal«, da bemüht einer 
schon wieder die russische Geschichte, das Heilige Russland, die alte 
Kunst und all dieses Zeug. Mit dieser Geringschätzung gegenüber der Es¬ 
senz der russischen Geschichte gaben Suchanow und seine Kumpane, 
diese obenauf schwimmenden internationalistischen Schaumkronen, der 
Februarrevolution in diesem unglückseligen Exekutivkomitee die Rich¬ 
tung vor. 

Es geht hier nicht um die nationale Herkunft Suchanows und anderer 
Personen, sondern gerade um ihre nicht-nationale, ihre antirussische und 
anti-konservative Einstellung. Eigendich könnte man doch auch von 
einer Provisorischen Regierung - wenn sie eine staadiche Aufgabe für ganz 
Russland zu erfüllen hat und sich ganz aus Russen zusammensetzt - er¬ 
warten, dass sie wenigstens ab und zu und irgendwie zum Ausdruck 
bringt, dass sie mit russischem Herzen empfindet?! Aber nein, Fehlanzei¬ 
ge. Das Maximum an Kontinuität und »Patriotismus im Handeln« dieser 
Männer hegt noch im Bestreben, Russland, das sich schon aufzulösen be¬ 
ginnt (die »Kronstädter Republik« - und nicht nur sie - hat sich bereits 
»von Russland abgespalten«), zum militärischen Sieg führen zu wollen! 
Sieg, koste es, was es wolle! Bündnistreue! (Angespornt auch durch die 
Bündnispartner selbst und deren Regierungen, deren Öffendichkeit, 
deren Finanzwelt. So zitieren die Zeitungen im Mai die Washingtoner 
»Morning Post«: »Amerika hat der russischen Regierung zu verstehen ge¬ 
geben«, dass im Falle eines Separatfriedens die Vereinigten Staaten »alle Fi¬ 
nanzvereinbarungen mit Russland kündigen würden«. 61 Fürst Lwow rea¬ 
giert prompt: »Das Land muss ein Machtwort sprechen und seine Armee 
in den Kampf schicken.« 62 ) Welche Folgen eine Fortsetzung des Krieges 


64 



Das Jahr 1917 


ftir Russland haben würde, kümmert niemanden. Diese Absonderlichkeit, 
dieser Verlust des nationalen Selbsterhaltungstriebs zieht sich wie ein roter 
Faden durch fast jede Sitzung der Provisorischen Regierung und fast jede 
Debatte. 

Manchmal nimmt das lachhafte Formen an. Millionen Rubel ver¬ 
schleudert die Provisorische Regierung, wobei sie mit großer Feinfühlig¬ 
keit darauf achtet, die »kulturellen Bedürfnisse der nationalen Minder¬ 
heiten« zu fördern, doch bei der Sitzung vom 6. April (in der Osterwoche) 
lehnt sie den Antrag des traditionsreichen »großrussischen W. W. Andre- 
jew-Orchesters« ab, es »aus Fondsmitteln der ehemaligen Eigenen Kanz¬ 
lei Seiner Majestät« wie früher mit Dotationen auszustatten. (Diese Fonds 
waren von der Provisorischen Regierung beschlagnahmt worden). Dabei 
hatte Andrejew für das komplette Orchester nur 30 000 Rubel pro Jahr er¬ 
beten - ein Betrag, der etwa den Bezügen von drei stellvertretenden Mi¬ 
nistern entsprach. »Abgelehnt!« (Löst doch euer »großrussisches« Orches¬ 
ter auf, was ist das überhaupt für eine monströse Bezeichnung!) Es kann 
sich wohl nur um ein Missverständnis handeln, und Andrejew wiederholt 
sein Gesuch. Doch bei der Sitzung vom 27. April wird der Antrag mit 
einer für diese laxe Regierung ungewöhnlichen Entschiedenheit zum 
zweiten Mal abgelehnt. 63 

Niemals vernahm man in jenem Jahr von dem russischen Minister und 
Historiker Miljukow auch nur eine einzige russische nationale Note. Aber 
auch der »Hauptfigur der Revolution« Kerenskij dürfte schwerlich, egal in 
welchem Stadium, nationaler Geist nachzuweisen sein. Misstrauisch und 
kratzbürstig sträubt er sich stattdessen gegen gleich welche Vertreter kon¬ 
servativer Kreise, zumal wenn es sich um russisch-nationale Kreise han¬ 
delt. Bei seiner letzten Rede im Vorparlament 1 - Trotzkijs Trupps erobern 
Petrograd bereits Gebäude für Gebäude, das Parkett des Marienpalais 
steht bereits in Flammen - versucht Kerenskij noch im Brustton der Über¬ 
zeugung zu beweisen, dass er mit »Rabotschij Put« [»Weg des Arbeiters«] 
(die spätere »Prawda«) und der rechten »Nowaja Rus« [»Neues Russland«] 
zwei Zeitungen verboten habe, die in ihrer Ausrichtung identisch seien ... 

* 


1 Vorparlament: Bezeichnung für den Provisorischen Rat der Republik 


65 



Kapitel 2 


Das »verfluchte Inkognito« des Exekutivkomitees wurde natürlich nicht 
stillschweigend hingenommen. Das ungelöste Rätsel quälte zunächst nur 
die gebildete Öffentlichkeit Petrograds, was sich wiederholt in Form boh¬ 
render Fragen in den Zeitungen niederschlug. Zwei Monate lang bemüh¬ 
te sich das Exekutivkomitee um Geheimhaltung, doch im Mai musste es 
sich offenbaren, und die Zeitungen berichteten mit wenigen Ausnahmen, 
wer hinter den Pseudonymen stand. (Steklow-Nachamkis wahrte noch 
sein Inkognito, auch Boris Ossipowitsch Bogdanow, der resolute Ständi¬ 
ge Leiter dieses Sowjets, behielt diesen Familiennamen bei, womit Bog- 
danow-Malinowskij einen »Namensvetter« hatte). Diese unverständliche 
Geheimnistuerei rief Verärgerung hervor, die nun auch das einfache Volk 
erfasste. Als im Plenum des Sowjets im Mai verkündet wurde: »Wir schla¬ 
gen Sinowjew und Kamenew vor«, erhoben sich im Saal Stimmen: »Nen¬ 
nen Sie uns ihre richtigen Namen!« 

Eine solche Geheimhaltung der Namen wollte dem einfachen Mann 
damals nicht in den Kopf - nur Diebe verheimlichten ihre Namen und 
wählten Decknamen. Warum scheut sich Boris Kaz, seinen Namen anzu¬ 
geben und nennt sich stattdessen »Kamkow«? Warum verbirgt sich Lurje 
hinter dem Pseudonym Larin, warum gibt sich Mandelstam als Ljadow 
aus? Bei vielen waren die Decknamen zwar ein Überbleibsel aus der Zeit 
der Untergrundtätigkeit, als sie sich verbergen mussten, doch der Toms- 
ker Sozialdemokrat Schotman hatte sein Pseudonym »Danilow« erst 1917 
angenommen, und nicht nur er allein - wozu all dies? 

Unzweifelhaft bleibt nur eines: Ein Revolutionär, der einen Deckna¬ 
men annahm, tat dies, weil er jemanden in die Irre fuhren wollte, aber viel¬ 
leicht ging es nicht nur um die Polizei und die Regierung? Schließlich 
hatte so ja auch der einfache Bürger keine Möglichkeit, zu begreifen oder 
zu erraten, wer seine neuen Anführer waren. 

Im Freiheitsrausch der ersten Monate nach der Februarrevolution 
waren viele jüdische Redner nicht in der Lage zu erkennen oder sie be¬ 
merkten nicht, dass gerade ihr häufiges Auftauchen auf Tribünen und 
Kundgebungen allmählich mit konsternierten und scheelen Blicken be¬ 
trachtet wurde. Im zentralen Teil Russlands hatte es zur Zeit der Februar¬ 
revolution keinerlei »Antisemitismus im Volk« gegeben, so etwas existier¬ 
te nur im Ansiedlungsrayon. (Abraham Kagan konnte 1917 erklären: 
»Wir liebten Russland trotz aller Restriktionen, die wir unter dem alten 


66 



Das Jahr 1917 


Regime hatten hinnehmen müssen, da wir wussten, dass nicht das russi¬ 
sche Volk daran schuld ist« — sondern nur das Zarentum. 64 ) Gerade im 
Volk flammte jedoch bereits in den wenigen ersten Monaten nach der 
Februarrevolution Verärgerung über die Juden auf, sie breitete sich wie 
ein Buschfeuer aus und wurde von Monat zu Monat stärker. Sogar die 
regimefreundlichen Zeitungen berichteten zum Beispiel über die Verbit¬ 
terung in den Warteschlangen der Städte. »Alles hatte sich in jenem wie 
eine Ewigkeit scheinenden Moment verändert, der zwischen dem alten 
und dem neuen Russland lag. Aber mehr als alles andere hatten sich die 
Warteschlangen verändert. Seltsam - als alles »nach links< schwenkte, 
machten die Schlangen einen Rechtsruck. Wenn Sie Lust haben ... 
Schwarzhundertschaftler-Agitation 1 zu hören ... brauchen Sie sich nur 
irgendwo anzustellen.« Auch Folgendes ist zu vernehmen: »Man sieht 
nie einen Juden, der ansteht, die haben das ja nicht nötig, sie haben ge¬ 
nug Getreide gehortet.« Auch vom entgegengesetzten Ende der Schlange 
»flüstert man sich schon die Legende von den Juden, die gehortet haben, 
zu«. »Die Warteschlangen sind die gefährlichsten Brutstätten der Konter¬ 
revolution.« 65 Der Schriftsteller Iwan Nashiwin beschreibt den Herbst 
1917 in Moskau. Die antisemitische Propaganda ist bei den hungrigen 
Warteschlangen der Revolutionszeit auf lebhafteste Resonanz gesto¬ 
ßen: »Was für ein Gesindel...! Überall haben sie sich eingenistet... Aha, 
Automobile haben sie jetzt, die Raffzähne, und geben groß an ... Wetten, 
dass kein einziger Jud’ Schlange steht ... ?! Na wartet, euch werden wir 
noch ...!« 66 

Eine jede Revolution führt im Allgemeinen zu einer Art Dammbruch, 
der an den Menschen hässliche, missgünstige und bösartige Seiten zutage 
treten lässt. Dies geschah auch im russischen Volk, das seit langem sei¬ 
nen starken christlichen Glauben verloren hatte. Nun ergoss sich die Woge 
des Volkszorns über die Juden, die in großer Zahl überall, wo sie früher 
nicht gewesen waren, Karriere machten und bekannt wurden und dabei 
noch nicht einmal ihre Freude über die Revolution verhehlten - ja und 
dann teilten sie noch nicht einmal das Schicksal der darbenden Warte¬ 
schlangen! 


1 Zu den Schwarzen Hundertschaften vgl. Solschenizyn, Russ.-jüd. Geschichte, 
S. 397. 


67 




Kapitel 2 


Die Zeitungen des Jahres 1917 berichten von zahlreichen Zwischenfäl¬ 
len. Als auf dem Sennaja-Platz [»Heuplatz«] und auf dem Apraxin-Markt 
bei jüdischen Händlern Warenvorräte entdeckt wurden, »erhob sich der 
Ruf >Haut die Judenläden kurz und kleinb, denn >die Jidden sind an allem 
schuld< ... Das Wort >Jud< war in aller Munde.« 67 Bei einem Kaufmann in 
Poltawa (offensichdich einem Juden) wurden Vorräte an Mehl und Speck 
gefunden. Man begann, seinen Laden zu zertrümmern, und der Ruf 
wurde laut, bei den Juden alles kaputtzuschlagen. Mitglieder des Rates der 
Arbeiterdeputierten kamen die Gemüter zu beruhigen, unter ihnen ein 
gewisser Drobnis, der verprügelt wurde. 68 Im September verwüsteten in 
Jekaterinoslaw Soldaten die Läden und schrieen dabei: »Haut die Bour¬ 
geois! Haut die Jidden!« 

Auf dem Kiewer Wladimir-Markt griff sich ein Junge ein Gewicht und 
schlug es einer Frau, die sich nicht ordnungsgemäß nach Mehl angestellt 
hatte, auf den Kopf. Sofort gab es Geschrei: »Das Judenpack schlägt uns 
Russen!« Und schon war eine Schlägerei im Gange. (Geschehen im selben 
Kiew, wo bereits Losungen in ukrainischer Sprache flatterten: »Es lebe die 
freie Ukraine ohne Juden und ohne Polen!«) Sogar in Petrograd wurde bei 
jedem kleinen Raufhandel auf der Straße oder oft auch ohne ersichtlichen 
Anlass geschrieen: »Schlagt die Juden!« In einer Petrograder Straßenbahn 
»riefen zwei Frauen dazu auf, den Rat der Arbeiter- und Soldatendepu¬ 
tierten aufzulösen, in dem ihren Worten nach lauter >Deutsche und Juden < 
säßen. Beide wurden verhaftet und sie werden ihre Strafe erhalten.« 69 

Die »Russkaja Wolja« [»Russische Freiheit«] schreibt: »Vor unseren 
Augen lebt der Antisemitismus in seiner primitivsten Form ... wieder auf 
und erstarkt... Man braucht nur [in Petrograd] die Gespräche in der Stra¬ 
ßenbahn, in den Schlangen vor diversen Geschäften und Läden oder bei 
einer der unzähligen spontanen Kundgebungen an jeder Ecke oder Kreu¬ 
zung zu belauschen ... Den Juden wird ihre Übermacht in der Politik vor¬ 
geworfen, es heißt, sie hätten die Parteien und Sowjets unter ihre Fuchtel 
gebracht, ja sogar die Armee zugrunde gerichtet ... Angeblich plündern 
sie und horten Waren.« 70 

Viele jüdische Sozialisten, die bei den Fronttruppen agitierten, hatten 
grenzenlosen Erfolg während der Frühlingsmonate des Jahres 1917, als 
man zum »demokratischen Frieden« aufrufen konnte und nicht Krieg zu 
fuhren brauchte. Damals schimpfte niemand, dass sie Juden waren. Als 


68 



Das Jahr 191 7 


aber das Exekutivkomitee im Juni eine neue Linie einschlug und dazu auf¬ 
rief, den Angriff zu unterstützen, ja sogar Begeisterung dafür zu wecken, 
ertönte es: »Haut die Juden!«, und dieselben jüdischen Agitatoren beka¬ 
men mehr als einmal die Fäuste der tobenden Soldaten zu spüren. 

Über das Exekutivkomitee selbst hieß es in Petrograd, es sei »von den 
Juden unterwandert«. Schon im Juni hatte sich diese Meinung in der Pe- 
trograder Garnison und in den Fabriken weithin festgesetzt - und genau 
dies schrie man dem Komiteemitglied Wojtinskij entgegen, als er ein In¬ 
fanterieregiment aufsuchte, um den Soldaten die Teilnahme an der dro¬ 
henden Demonstration auszureden, die sich die Bolschewiken für den 10. 
J un i ausgedacht hatten. 

W. D. Nabokow, der mit Sicherheit nicht des Antisemitismus verdäch¬ 
tigt werden kann, scherzt, man hätte die Ältestenkonferenz des Vorparla¬ 
mentes (Oktober 1917) »gut und gern einen Sanhedrin nennen können«: 
»Zum Großteil handelte es sich um Juden. Nur Awxentjew, ich, Pesche- 
chonow und Tschajkowskij waren Russen ...«Es war Mark Wischnjak, 
der ebenfalls dort saß, der ihn auf diesen Umstand hinwies. 71 

Bis zum Herbst hatten sich Eindrücke zuhauf von der Tätigkeit der 
Juden in Machtpositionen angesammelt, sodass sogar »Iskry« [»Funken«], 
die illustrierte Beilage des sehr moderaten Blattes »Russkoje Slowo« [»Das 
russische Wort«], in der Ausgabe vom 29. Oktober - also schon zum Zeit¬ 
punkt der Oktoberkämpfe in Moskau -, eine beißend antijüdische Kari¬ 
katur brachte, was man bei der früher herrschenden Stimmung in der Öf¬ 
fentlichkeit niemals gewagt hätte. 

Das Exekutivkomitee des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputier¬ 
ten kämpfte entschlossen gegen den Antisemitismus. (Ich halte es für 
möglich, dass die schroffe Absage im April 1917 an das Ansinnen des ver¬ 
dienten Plechanow auf einen Platz im Exekutivkomitee eine Reaktion auf 
seinen - aus Lenins Publikation bekannten - gegen den »Bund« gerichte¬ 
ten »Stamm der Gaditer« 1 darstellte. 72 Denn wäre sie sonst erklärlich?) Am 
21. Juni lancierte der 1. Kongress der Sowjets einen Aufruf zum Kampf 
gegen den Antisemitismus (»fast die einzige Resolution, die vom Kongress 
einstimmig, ohne Einwände und Debatten, angenommen wurde« 73 ). Als 
Ende Juni (28.-29.) das neu gewählte Büro des Zentralen Exekutivkomi- 


»Stamm der Gaditer«: vgl. dazu Solschenizyn, Russ.-jüd. Geschichte, S. 241. 


69 



Kapitel 2 


tees (ZIK) zusammentrat, wurde ein Bericht »über die Zunahme der anti¬ 
semitischen Agitation ... vor allem in den nordwesdichen und südwest¬ 
lichen« Gouvernements, verlesen. Es wurde unverzüglich der Beschluss 
gefasst, 15 ZIK-Mitglieder dorthin zu schicken. 74 Diese sollten mit be¬ 
sonderen Vollmachten ausgestattet und der »Abteilung zur Bekämpfung 
der Konterrevolution« unterstellt werden. 

Die Bolschewiken aber, die ihre Bewegung unter dem Kampfruf »Nie¬ 
der mit den kapitalistischen Ministern« führten, taten nichts, um diese 
Strömung zu unterdrücken, und empfanden nicht einmal Abscheu davor, 
gar noch Öl ins Feuer zu gießen (gemeinsam mit den Anarchisten, wenn 
auch ein gewisser Bleichman deren Anführer war), mit dem Tenor, das 
Exekutivkomitee schlage nur deshalb gegenüber der Regierung so überaus 
milde Töne an, weil alles von Kapitalisten und Juden unterwandert sei. 
(Wir erkennen hier einen Kunstgriff der Narodowolzen aus dem Jahr 
1881 wieder ...) 

Auch als der 3. und der 4. Juli 1 herannahten, die Tage des Bolschewi¬ 
kenaufstands, der im Grunde nicht gegen die machdose Provisorische Re¬ 
gierung, sondern gegen den Konkurrenten, das Exekutivkomitee, gerich¬ 
tet war, stachelten die Bolschewiken heimlich die Wut der Soldaten auf 
die Juden an: Da, schaut, da im Komitee haben die sich breit gemacht! 

Als der Juliaufstand der Bolschewiken niedergeschlagen war, setzte sich 
der gegen die Rädelsführer eingerichtete Untersuchungsausschuss des ZIK 
zum großen Teil aus jüdischen Mitgliedern des ZIK-Büros zusammen. 
Diese konnten sich, von ihrem »sozialistischen Gewissen« geleitet, kein 
Herz fassen, alles aufzudecken und den Bolschewikenaufstand ohne Um¬ 
schweife als Verbrechen zu bezeichnen — bald lösten sie den Ausschuss wie¬ 
der auf, und das Ergebnis war gleich null. 

Später, als es schon auf den entscheidenden Aufstand der Bolschewiken 
zuging, warnte auf einer vom ZIK am 19. Oktober anberaumten Garni¬ 
sonsbesprechung »ein Vertreter des 176. Infanterieregiments, ein Jude«: 


1 Julitage: Einer gescheiterten Offensive folgte eine Phase der politischen Instabi¬ 
lität, in der am 2. (15.) Juli die Konstitutionellen Demokraten die Regierung 
verließen; die Bolschewiken wollten die Krise ftir sich nutzen. Am 4. (17.) Juli 
setzte die Provisorische Regierung die Armee ein, am 5. (18.) wurden die 
Demonstrationen gestoppt und der Putschversuch der Bolschewiken somit ver¬ 
eitelt. 


70 



Das Jahr 1917 


»Dort unten [auf der Straße] schreien sie, dass die Juden an allem schuld 
sind.« 75 Gendelman berichtete im ZIK in der Nacht auf den 25. Oktober 
über seine Rede vom selben Tag in der Peter- und Pauls-Festung, wo er die 
Garnison vom Aufstand abzubringen versuchte. Ihm sei zugerufen wor¬ 
den: »Ah, Gendelman, das heißt, ein Jud’ und ein Rechter.« 76 Als Goz am 
27. Oktober mit einer Delegation, der er Vorstand, zu Kerenskij nach Gat¬ 
schina fahren wollte, wurde er am Baltischen Bahnhof von Matrosen fast 
erschlagen und es wurde geschimpft, dass »die Sowjets in die Hände der 
Juden gefallen sind«. 77 Auch bei den Petrograder Wein-Pogromen, die auf 
den ruhmreichen bolschewistischen Sieg folgten, erscholl wieder der Ruf: 
»Haut die Jidden!« 

Trotzdem gab es im ganzen Jahr 1917 keinen einzigen Judenpogrom. 
Die Pogrome in Kaluscha und in Ternopol, deretwegen es viel Aufsehen 
gegeben hatte, gingen auf sturzbesoffene, wild,, randalierende Revolu¬ 
tionssoldaten zurück, die sich auf dem Rückzug und außerhalb der Ge¬ 
walt ihrer Kommandeure befanden. Alles, was ihnen in die Hände geriet, 
wurde zerstört, alle Geschäfte und Buden auf ihrem Weg. Da diese zum 
Großteil Juden gehörten, entstand das Gerede von den »Judenpogromen«. 
Ein ähnlicher Vernichtungszug fand in jenen Tagen auch in Stanislawow 
statt, wo wesentlich weniger Juden lebten - und hier sprach man nicht von 
Judenpogrom. 

Mitte 1917 entstand (anders als noch im März und April) eine neue Be¬ 
drohung durch erboste Bürger oder alkoholisierte Soldaten. Unvergleich¬ 
lich schwerer aber wog der Niedergang des Landes; aus ihm erwuchs den 
Juden mittelbar eine Bedrohung. Erstaunlicherweise schien die jüdische 
Öfifendichkeit und die in vielem mit ihr identische Presse all die Übles ver¬ 
heißenden Erfahrungen des Jahres 1917 nicht zu verarbeiten und nicht 
daraus zu lernen. Sie blickte nur auf einzelne »Pogrom-Erscheinungen« 
und reagierte nicht in der Richtung, aus der die wirkliche Gefahr kam. Ge¬ 
nauso verhielt sich die Exekutive. In den Tagen, als den Deutschen bei Ter¬ 
nopol der Durchbruch gelang, hielten das ZIK des SRSD und das IK des 
Sowjets der Bauerndeputierten in der Nacht auf den 10. Juli eine ge¬ 
meinsame Katastrophensitzung ab. Sie gestanden sich ein, dass der Revo¬ 
lution (an erster Stelle) und dem Land (an zweiter Stelle) der Untergang 
drohte, sie erhoben die Provisorische Regierung zur »Regierung der Ret¬ 
tung der Revolution« und statuierten in einem Aufruf an die Bevölkerung: 


71 



Kapitel 2 


»Dunkle Kräfte bereiten sich vor, dem leidgeprüften Russland von neuem 
zuzusetzen. Sie hetzen die ungebildeten Massen gegen die Juden auf.« 78 

Kaum hatte der Abgeordnete Maslennikow am 18. Juli auf einer 
Sondersitzung der Staatsduma (ein verschwindendes, schwaches Grüpp- 
chen) eine Rede gegen das Exekutivkomitee gehalten und dabei die ech¬ 
ten Namen von dessen Mitgliedern verlesen, schon wurde noch am selben 
Ahend auf einer Sitzung der Fraktionen des Exekutivkomitees Alarm ge¬ 
schlagen: Dies sei ein Fall von Konterrevolution, auf den der gerade er¬ 
schienene Ministerialerlass des Innenministers Zereteli über die Nieder¬ 
schlagung der Konterrevolution Anwendung zu finden habe! (Der Erlass 
war zwar nach dem Juli-Aufstand herausgegeben, auf die'Bolschewiken 
allerdings nicht angewandt worden.) Am übernächsten Tag rechtfertigte 
sich Maslennikow in der Zeitung »Retsch« [»Die Rede«]: Ja, er habe Stek- 
low, Kamenew und Trotzkij namentlich genannt, aber er habe nicht im 
Geringsten vorgehabt, Hetze gegen das ganze jüdische Volk zu betreiben, 
»und in jedem Fall hat mir, als ich diese Männer angriff, der Wunsch fern 
gelegen, das jüdische Volk für deren Handeln verantwortlich zu ma¬ 
chen«. 79 

Schließlich stürzte Mitte September die ganze Ordnung der Nach-Fe- 
bruar-Zeit unwiderruflich in sich zusammen. Am Vorabend des bereits 
unabwendbaren bolschewistischen Umsturzes warnt Ja. Kantorowitsch in 
»Retsch« vor der Gefahr: »Aus allen Spalten werden die dunklen Kräfte 
und die bösen Geister Russlands hervorkriechen und in einem Triumph- 
Reigen schwarze Messen feiern ...« Ja, dies sollte tatsächlich in Bälde ge¬ 
schehen. Nur - welche Messen waren dies? «... Schwarze Messen des zoo¬ 
logischen Patriotismus und der pogromfreudigen wahren russischem 
Staatlichkeit«. 80 Im Oktober organisierteTrumpeldor in Petrograd eine jü¬ 
dische Selbstschutztruppe zur Verteidigung im Fall von Pogromen, doch 
diese sollte sich als unnötig erweisen. 

Der Verstand der Russen hatte sich verwirrt, aber auch der Verstand der 
Juden hatte sich verwirrt. 

Einige Jahre nach der Revolution schrieb G. Landau mit einem kum¬ 
mervollen Rückblick auf deren Verlauf: »Die Teilnahme der Juden am rus¬ 
sischen Aufruhr hat erstaunlich selbstmörderische Züge. Ich spreche nicht 
speziell von der Mitwirkung am Bolschewismus, sondern an der ganzen 
Revolution in ihrem gesamten Verlauf. Es geht hier nicht nur um die rie- 


72 



Das Jahr 1917 


sige Anzahl von Parteiaktivisten, von Sozialisten und Revolutionären, die 
sich in sie eingebracht haben, sondern um das Ausmaß an seelischer und 
geistiger Unterstützung, das sie ihr entgegengebracht haben ... Sehr, sehr 
vielen von ihnen waren doch auch pessimistische Erwartungen - insbe¬ 
sondere in Bezug auf Pogrome - nicht fremd, und trotzdem akzeptierten 
sie weiterhin auch die Rebellion, die Katastrophen und Pogrome entfes¬ 
selte. Eine tödliche Anziehung schien sie wie Nachtfalter ins Feuer zu 
locken - ein Feuer, in dem sie der Untergang erwartete ... Es ist eindeu- 
dg, dass irgendwelche mächtigen Beweggründe die Juden in diese Rich¬ 
tung trieben, und ebenso unbestreitbar ist ihre selbstmörderische Bedeu¬ 
tung ... Die Juden unterschieden sich damit zwar nicht von der übrigen 
russischen Intelhgenzija und der russischen Gesellschaft... Aber wir hät¬ 
ten uns unterscheiden müssen , ... wir als altes Volk der Städter, der Kauf¬ 
leute, der Handwerker und der Intelligenzija mussten uns unterscheiden 
von einem Volk mit Grund und Boden und Macht, einem Volk der Bau¬ 
ern, der Gutsbesitzer und der Beamten.« 81 

Wir wollen auch jene nicht vergessen, die sich unterschieden haben. 
Man muss ständig im Hinterkopf behalten, dass das Judentum immer sehr 
verschiedenartig war, dass es sozusagen über breite Flankenbereiche ver¬ 
fügt, die ein weites Spektrum an Stimmungen und Handlungen abde¬ 
cken. So hatten sich 1917 im russischen Judentum Kreise erhalten - in der 
Provinz natürlich vielerorts, aber auch in der Hauptstadt -, die vernünf¬ 
tige Ansichten pflegten, und im Lauf der Monate, als es auf den Oktober 
zuging, weiteten sich diese Kreise aus. 

Bemerkenswert sind hier vor allem die Anschauungen der. Juden zur 
Einheit Russlands - in jenen Monaten, als nicht nur andere Nationen, 
sondern sogar die Sibirier trachteten, Russland in Stücke zu reißen. »In der 
ganzen Revolutionszeit waren die Juden neben den Großrussen die glü¬ 
hendsten Verteidiger der Idee einer Großmacht Russland.« 82 Welches ei¬ 
nende Band hätte denn nun, da die Juden in Russland die Gleichberech- 
dgung erlangt hatten, zwischen ihnen und den Völkern der Randgebiete 
bestanden? Wäre das Land in lauter autonome Gebiete aufgesplittert wor¬ 
den, so hätte dies auch eine Aufsplitterung des Judentums bedeutet. Im 
Juli argumentierten Winawer und Nolde auf dem 9. Kongress der Kon¬ 
stitutionellen Demokraten offen gegen eine territoriale Abgrenzung der 
Nationalitäten und traten für die Einheit Russlands ein. 83 Ebenso stellten 


73 



Kapitel 2 


sich im September in der Sektion der Nationalitäten der Demokratischen 
Konferenz die jüdischen Sozialisten - wie die Zentralsten - gegen einen 
föderativen Aufbau Russlands. Heute ist in einer israelischen Zeitschrift 
zu lesen, dass die jüdischen Einheiten Trumpeldors »sich sogar auf die 
Seite der Provisorischen Regierung schlugen und den Kornilow-Aufstand 
zum Scheitern brachten«. 84 Dies mag so sein; allerdings habe ich bei mei¬ 
ner intensiven Beschäftigung mit dem Jahr 1917 keine solchen Angaben 
gefunden. Wer war dagegen in den frühen Maitagen 1917 bei der randa¬ 
lierenden, patriotischen, ihrem Wesen nach antirevolutionären »Schwarz¬ 
meer-Delegation« mit seinen Aufrufen zur Verteidigung Russlands der 
Starredner? Der jüdische Matrose Batkin, sieh einer an. 

D. Pasmanik veröffentlicht die im September 1915 geschriebenen Brie¬ 
fe des Millionärs und Dampfschiffbesitzers Schulim Bespalow an den In¬ 
dustrie- und Handelsminister Schachowskoj: »Die maßlosen Profite aller 
Industriellen und Kaufleute werden unsere Heimat in den unausweich¬ 
lichen Untergang treiben.« Er schlägt ein Gesetz vor, das eine Obergrenze 
von 15% Profit festsetzt, und spendiert dem Staat umgehend eine halbe 
Million Rubel. Bedauerlicherweise wurde diese Profitbegrenzung niemals 
eingeffihrt. Die nach Freiheit gierenden progressiven Kreise, jene Konowa- 
lows und Rjabuschinskijs 1 , waren sich in Kriegszeiten nicht zu fein, auch 
Gewinne von 100% einzustreichen. Als Konowalow selbst Handels- und 
Industrieminister wird, schreibt ihm Schulim Bespalow am 5. Juli 1917: 
»Gegenwärtig treiben die überzogenen Profite der Industriellen unsere 
Heimat in den Ruin. 50% vom Wert allen Eigentums und aller Kapital¬ 
vermögen müssen jetzt eingezogen werden.« Bespalow war bereit, sie zu 
geben. Bei Konowalow stieß er auch hier auf taube Ohren. 85 

Im August erklärte O. O. Grusenberg (der bald darauf Mitglied der 
Konstituierenden Versammlung wurde) auf der Moskauer Staatskonfe¬ 
renz: »In diesen Tagen ist das jüdische Volk ... ergriffen von einem ge¬ 
meinsamen Gefühl der Hingabe an seine Heimat, von einer gemeinsamen 


! Alexander Iwanowitsch Konowalow (1875-1948): 1915-1917 Stellvertreten¬ 
der Vorsitzender des Militärisch-Industriellen Komitees, Abgeordneter der IV. 
Duma, nach der Februarrevolution Konstitutioneller Demokrat, Handelsmi¬ 
nister (März-Mai und September-Oktober 1917). - Pawel Pawlowitsch Rjabu- 
schinskij (1871-1924): Konowalows Vertrauter, Textilhersteller, Bankier, Politi¬ 
ker national-liberaler Ausrichtung 


74 



Das Jahr 1917 


Sorge, ihren Bestand als Ganzes und die Eroberungen der Demokratie zu 
verteidigen« und bereit, für die Landesverteidigung »alle seine materiellen 
und intellektuellen Ressourcen herzugeben, das Liebste zu geben, seine 
Blüte, seine ganze Jugend«. 86 

Dies wurde in dem Bewusstsein ausgesprochen, dass das Februar-Regi¬ 
me für das russische Judentum am förderlichsten sei, dass es ihm wirt¬ 
schaftlichen Erfolg und politische und kulturelle Blüte verheiße, und die¬ 
ses Bewusstsein täuschte nicht. 

Je näher der Oktoberumsturz rückte, je offensichdicher die bolschewis¬ 
tische Bedrohung zunahm, desto weitere Kreise des jüdischen Volkes wur¬ 
den von diesem Bewusstsein durchdrungen und nahmen immer mehr eine 
oppositionelle Haltung gegenüber dem Bolschewismus ein. Dies griff be¬ 
reits auf die sozialistischen Parteien über, und in den Tagen des Oktober¬ 
umsturzes waren viele jüdische Sozialisten klar gegen diesen eingestellt — 
was aber durch ihr sozialistisches Bewusstsein wieder abgeschwächt wurde: 
Ihre Opposition erschöpfte sich in Verhandlungen und Zeitungsartikeln — 
solange die Bolschewiken diese Zeitungen noch nicht verboten hatten. 

Es muss wiederum deudich gesagt werden, dass auch der Oktoberum¬ 
sturz nichts om Judentum vollzogen wurde (wenn er auch unter der ruhm¬ 
reichen Gesamtfuhrung Trotzkijs verlief und der junge Grigorij Tschud- 
nowskij sich mit energischen Schritten bei der Verhaftung der Provisori¬ 
schen Regierung und bei der Abrechnung mit den Verteidigern des 
Winterpalais hervortat). Man hält uns entgegen, und dies im Großen und 
Ganzen zu Recht, wie denn ein 170-MiUionen-Volk von einer kleinen jü¬ 
dischen Minderheit in den Bolschewismus getrieben hätte werden sollen. 
Ja, Folgendes ist richtig: 1917 haben wir uns die Suppe schon selbst ein¬ 
gebrockt, mit unserer eigenen Wirrköpfigkeit, angefangen im Februar 
und einschließlich der Monate von Oktober bis Dezember. 

Mit dem Oktoberumsturz fielen die Würfel zur Vernichtung Russ¬ 
lands. Aber auch die Zustände davor verhießen dem Volk wenig Gutes, 
denn bereits damals war uns jedes verantwordiche staatsbürgerliche Den¬ 
ken abhanden gekommen, was wir im Lauf des Jahres 1917 ausgiebig be¬ 
wiesen. Das Beste, was Russland allenfalls noch zu erwarten hatte, war eine 
plumpe, kraftlose und verkorkste Pseudodemokratie, die sich nicht auf 
wirtschaftlich unabhängige Bürger mit einem gut entwickelten Rechtsbe¬ 
wusstsein stützen konnte. 


75 



Kapitel 2 


Nach den Oktoberkämpfen in Moskau standen Vertreter des »Bund« 
und von Poale Zion weder auf der Seite der Kadettenanstalten noch der 
Bolschewiken, sondern bildeten eine dritte, selbstständige Verhandlungs¬ 
partei bei den Waffenstillstandsverhandlungen. Nicht wenige Juden 
waren auch unter den Zöglingen der Pionierschule, die am 25. Oktober 
das Winterpalais verteidigt hatten. In den Erinnerungen Sinegubs, eines 
der Verteidiger, tauchen ständig jüdische Namen auf, auch ich selbst habe 
im Gefängnis einen von diesen Männern kennen gelernt. Im November 
trat bei den Wahlen zur Stadtduma von Odessa der jüdische Block gegen 
die Bolschewiken an - und erhielt mehr Stimmen als diese, wenn auch nur 
mit einem hauchdünnen Vorsprung. 

Bei den Wahlen zur Konstituierenden Versammlung »stimmten mehr 
als 80% der jüdischen Bevölkerung Russlands« für die zionistischen Par¬ 
teien. 87 Lenin berichtet über 550000 Stimmen für die jüdischen Natio¬ 
nalisten. 88 »Die meisten jüdischen Parteien bildeten eine nationale Ein¬ 
heitsliste, aus der sieben Abgeordnete gewählt wurden, davon sechs Zio¬ 
nisten« - und Grusenberg. »Zum Erfolg der Zionisten« trug auch die 
(kurz vor den Wahlen veröffentlichte) Erklärung des englischen Außen¬ 
ministers Balfour (über die Gründung einer »nationalen Heimstätte« für 
die Juden in Palästina) 1 bei, »die von der Mehrheit der russischen Juden 
mit Begeisterung aufgenommen wurde. (In Moskau, Petrograd, Odessa, 
Kiew und vielen anderen Städten fanden festliche Umzüge, Kundgebun¬ 
gen und Gottesdienste statt.)« 89 

Vor dem Oktoberumsturz war der Bolschewismus keine Strömung ge¬ 
wesen, die unter den Juden starken Rückhalt hatte, doch unmittelbar vor 
dem Umsturz schlossen Nathanson, Kamkow und Steinberg im Namen 
der linken Sozialrevolutionäre mit den Bolschewiken Trotzkij und Kame- 
new eine Vereinbarung über den gemeinsamen Kampf 90 , und einige Juden 
entpuppten sich bei den ersten bolschewistischen Siegen als - sogar höchst 
talentierte - Bolschewiken. Bei den ruhmreichen lettischen Regimentern 
der 12. Armee, die so viel ftir den bolschewistischen Umsturz getan hat- 


1 Arthur James Earl of Balfour (1848-1930) sicherte als englischer Außenminis¬ 
ter (1916—1919) nach der Besetzung Palästinas durch die Briten in der so ge¬ 
nannten Balfour-Erklärung vom 2. November 1917 den Juden das Recht auf 
eine »nationale Heimstätte in Palästina« zu. 


76 



Das Jahr 1917 


ten, war der Posten des Kommissars in den Händen von Semjon Na- 
chimson. »Jüdische Militärs spielten eine bedeutende Rolle bei der Vor¬ 
bereitung und Durchführung des bewaffneten Aufstands vom Oktober 
1917 in Petrograd und in anderen Städten des Landes sowie bei der end¬ 
gültigen Niederwerfung der Meutereien und des bewaffneten Wider¬ 
stands gegen die neue Sowjetmacht.« 91 

Bei der »historischen« Sitzung des Sowjetkongresses in der Nacht auf 
den 27. Oktober wurden bekanndich das »Dekret über den Frieden« und 
das »Dekret über das Land« angenommen. Was nicht in die Geschichte 
einging, war, dass nach dem »Dekret über den Frieden«, aber vor dem 
»Dekret über das Land«, eine Resolution verabschiedet wurde, die es als 
eine »Ehrensache der lokalen Sowjets« erklärte, »nicht zuzulassen, dass 
vonseiten düsterer Kräfte Judenpogrome und irgendwelche anderen Po¬ 
grome verübt werden«. 92 (Pogrome vonseiten der lichten roten Kräfte 
lagen nicht im Bereich des Denkbaren.) 

Die jüdische Frage rangierte sogar auf diesem Kongress, der doch ein 
Kongress der Arbeiter- und Bauerndeputierten war, zum x-ten Male vor 
den Angelegenheiten der Bauern. 


77 



Kapitel 3 

Bei den Bolschewiken 


D ie Juden bei den Bolschewiken: Dieses Thema ist überstrapaziert 
worden. Was wurde nicht schon alles darüber geschrieben ... Wer 
immer beweisen will, dass die Revolution keine russische war und dass sie 
von »Fremden« gemacht wurde, verweist auf die jüdischen Namen und 
die Pseudonyme, eifrig bemüht, die Russen von der Schuld an der Revo¬ 
lution des Jahres 1917 zu endasten. Die jüdischen Autoren hingegen - so¬ 
wohl jene, die früher die intensive Beteiligung von Juden innerhalb des 
bolschewistischen Machtapparats bestritten, als auch jene, die eine solche 
Mitwirkung niemals leugneten - sind einhellig der Meinung, es habe sich 
dabei um keine Juden im Geiste gehandelt, sondern um Abtrünnige , aus 
der Art Geschlagene. 

Dem stimmen wir zu. Menschen sollten danach beurteilt werden, wel¬ 
cher Geist in ihnen steckt. Ja, es waren Abtrünnige. 

Nun waren aber die russischen Bolschewiken in der Führungsspitze 
ebenfalls keine Russen im Geiste, häufig war ihre Einstellung geradewegs 
antirussisch und auf jeden Fall anti-orthodox. Sie sahen die reiche russi¬ 
sche Kultur gebrochen durch die Linse politischer Doktrin und politi¬ 
schen Kalküls. 

Die Frage sollte anders gestellt werden: Wie viele zufällig zusammenge¬ 
würfelte Abtrünnige benötigt man, um eine gar nicht mehr zufällige Strö¬ 
mung ins Leben zu rufen? Einen wie großen Teil der eigenen Nation? Hin- 
sichdich der russischen Abtrünnigen wissen wir, dass es bei den Bolsche¬ 
wiken erdrückend viele, ja unverzeihlich viele davon gab. Wie umfassend 
und wie aktiv wirkten aber jüdische Abtrünnige an der Stärkung der bol¬ 
schewistischen Macht mit? 

Eine weitere Frage betrifft die Einstellung des Volkes zu diesen Ab¬ 
trünnigen. Die Reaktion des Volkes auf aus der Art Geschlagene kann 
unterschiedlich sein - von Verwünschungen bis zu Lobeshymnen, vom 
Meiden bis zum Mitmachen. Diese Einschätzung und Einstellung tritt im 


78 



Bei den Bolschewiken 


Handeln der Masse des Volkes - sei diese nun russisch, jüdisch oder let- 
dsch - zutage, sie zeigt sich im Leben selbst und nur in geringem Maße, 
nur reflektiert, in Darlegungen der Historiker. 

Nächste Fragestellung: Können sich Völker von ihren Abtrünnigen los¬ 
sagen? Und liegt in dieser Verleugnung Sinn? Soll sich ein Volk seiner Ab¬ 
trünnigen erinnern oder nicht, soll es sich die schwarzen Schafe, die ihm 
entstammen, ins Gedächtnis zurückrufen? In dieser Frage darf es keinen 
Zweifel geben: Es muss sich erinnern. Jedes Volk muss sich an sie als etwas 
zu ihm Gehörendes erinnern, daran ist nicht zu rütteln. 

Es gibt wohl kein charakteristischeres Beispiel ftir einen Abtrünnigen 
als Lenin. Nichtsdestotrotz kann nicht abgestritten werden, dass Lenin 
Russe war. Jawohl, das althergebracht Russische schien ihm abstoßend 
und widerwärtig, die ganze russische Geschichte und mehr noch der or¬ 
thodoxe Glaube. Es scheint, dass er aus der russischen Literatur nur von 
Tschernyschewskij und Saltykow-Schtschedrin geschöpft hat und den li¬ 
beralen Geist Turgenjews und das Anklagende bei Tolstoj gerade so inter¬ 
pretierte, wie es ihm ins Konzept passte. Noch nicht einmal zur Wolga, an 
der er seine Jugend verbracht hatte, lässt er Anhänglichkeit erkennen (und 
gegen die Bauern seines Landguts zog er wegen Feldfrevels vor Gericht). 
Er lieferte im Gegenteil das ganze Wolgagebiet mideidlos der schreck¬ 
lichen Hungersnot des Jahres 1921 aus. Dies alles steht fest. Aber es waren 
wir Russen, die das Milieu geschaffen haben, in dem Lenin aufwuchs, be¬ 
reits mit Hass im Herzen. In uns war ja jener orthodoxe Glaube schon zu 
schwach, in dem er ansonsten hätte aufwachsen können, anstatt ihn zu 
vernichten. Vielleicht ist er ja gar nicht so sehr aus der Art geschlagen? 
Wie auch immer - Lenin ist Russe, und die Verantwortung ftir ihn fällt 
auf uns Russen zurück. Betrachtet man die ethnische Herkunft Lenins, so 
floss in seinen Adern zwar kein rein russisches Blut, sondern das vieler Na¬ 
tionen: Sein Großvater väterlicherseits, Nikolaj Wassiljewitsch, war halb 
Kalmücke, halb Tschuwasche und die Großmutter, Anna Alexejewna 
Smirnowa, war Kalmückin; der Großvater mütterlicherseits, Israel (durch 
Taufe in »Alexander« geändert) Dawidowitsch Blank war Jude, die Gro߬ 
mutter, Annajohannowna (Iwanowna) Großschopf, war die Tochter eines 
Deutschen und einer Schwedin, Anna Beata Estedt. Doch dies ändert 
nichts an der Sache. Es gibt uns mitnichten das Recht, Lenin als unrus¬ 
sisch zu bezeichnen. Wir müssen Lenin nicht nur als echtes Produkt des 


79 



Kapitel 3 


russischen Staates akzeptieren - denn alle Völker, die in seinem Stamm¬ 
baum stehen, haben sich in die Geschichte des Russischen Reiches einge¬ 
bracht -, sondern mehr noch als ein Produkt, das aus dem russischen Volk 
entstanden ist, ein Produkt jenes Landes und seiner gesellschaftlichen 
Atmosphäre, die wir Russen geschaffen haben - auch wenn Lenin hin- 
sichdich seines Geistes, der Russland nicht nur entfremdet, sondern in 
mancher Hinsicht sogar radikal ÄWft-russisch war, auf uns wirklich wie 
eine fremde Gestalt wirken mag. Lossagen können wir uns jedenfalls von 
ihm nicht. 

Und die jüdischen Abtrünnigen? Wie wir gesehen haben, zog es die 
Juden 1917 nicht speziell zu den Bolschewiken. Aber die aktive Beteili¬ 
gung der Juden an den revolutionären Verschiebungen machte sich auch 
hier bemerkbar. Beim letzten Kongress der Russischen Sozialdemokrati¬ 
schen Arbeiterpartei (RSDRP), der - allerdings gemeinsam mit den Men¬ 
schewiken- 1907 in London abgehalten wurde, überschritt bei insgesamt 
302-305 Delegierten die Zahl der Juden schon viel versprechend die 
Marke von 160, betrug also mehr als die Hälfte. Nach der Aprilkonferenz 
1917 (Lenin hatte gerade erst seine explosiven »Aprilthesen« verkündet) 
finden wir schließlich G. Sinowjew, L. Kamenew und Ja. Swerdlow im 
neuen neunköpfigen Zentralkomitee (ZK) der bolschewistischen Partei. 
Im Sommer 1917 wird beim VI. Kongress der nun in Russische Kommu¬ 
nistische Partei der Bolschewiken (RKPb) umbenannten RSDRP ein 
elfköpfiges ZK gewählt, dem unter anderem Sinowjew, Swerdlow, Sokol- 
nikow, Trotzkij und Urizkij angehören. 1 Dann folgt die »historische Sit¬ 
zung« an der Karpowka 1 (in der Wohnung Gimmers und Frau Flakser- 
mans) am 10. Oktober 1917, bei der der Entschluss zum bolschewisti¬ 
schen Umsturz fällt. Unter den zwölf Sitzungsteilnehmern sind Trotzkij, 
Sinowjew, Kamenew, Swerdlow, Urizkij und Sokolnikow. Dort wird auch 
das erste »Politbüro« gewählt (dem eine so viel versprechende Geschichte 
bevorsteht), unter dessen sieben Mitgliedern sich wiederum Trotzkij, 
Sinowjew, Kamenew und Sokolnikow befinden. Durchaus nicht wenig. 
D. S. Pasmanik sagt es deudich: »Kein Zweifel, die jüdischen Abtrünni¬ 
gen hatten die Quote weit überschritten ... und waren unter den bol¬ 
schewistischen Kommissaren zu zahlreich vertreten.« 2 


1 Karpowka: Fluss in St. Petersburg, Zufluss der Newa 


80 



Bei den Bolschewiken 


Natürlich betrifft dies die bolschewistische Führungsspitze und kündet 
noch keine jüdische Massenbewegung an. Außerdem agierten die Juden 
im Politbüro nicht As Block. Kamenew und Sinowjew waren zum Beispiel 
gerade gegen einen so baldigen Umsturz. Dagegen war Trotzkij der allein 
herrschende Spiritus Rector des Oktoberumsturzes; seine Darstellung der 
eigenen Rolle in seinen »Lehren des Oktober« ist keinesfalls übertrieben. 
Lenin, der sich feige versteckte, brachte sich nicht wesentlich in den Um¬ 
sturz ein. 

Im Grunde genommen vertrat Lenin ganz im Geist des Internatio¬ 
nalismus schon seit dem Streit mit dem »Bund« 1903 die Ansicht, eine 
»jüdische Nationalität« dürfe nicht bestehen, sie existiere auch nicht, 
alles andere sei eine reaktionäre Erfindung, die nur Zwietracht unter den 
revolutionären Kräften säe. (Stalin stieß ins selbe Horn und bezeich- 
nete die Juden als »Nation auf dem Papier«; er prophezeite ihre Assimila¬ 
tion, die unvermeidlich sei.) Entsprechend hielt Lenin auch den Anti¬ 
semitismus für ein Manöver des Kapitalismus, ein praktisches Mittel, 
dessen sich die Konterrevolution bediente; er sah darin nichts Organi¬ 
sches. Lenin begriff jedoch sehr gut, welch starke mobilisierende Kraft 
im ganzen ideologischen Kampf die jüdische Frage besaß. Zudem war 
er natürlich immer bereit, die besondere Verbitterung, die mehr noch 
als bei anderen in den Herzen der Juden lebte, für die Revolution zu nut¬ 
zen. 

Von den ersten Revolutionstagen an konnte Lenin diese Möglichkeit 
dringend gebrauchen! Wie er so vieles in staatlichen Fragen nicht vorher¬ 
gesehen hatte, so auch nicht, in welchem Maße Juden aus den gebildeten 
- und mehr noch den halbgebildeten - Schichten, die sich infolge des 
Krieges bereits über ganz Russland verteilt hatten, in den entscheidenden 
Monaten und Jahren für den Erhalt von Lenins Staat sorgen würden, an¬ 
gefangen damit, dass Juden die Stellen der zuhauf gegen den Bolsche¬ 
wismus streikenden russischen Beamten übernahmen. Es handelte sich 
dabei um jene Schicht grenznah wohnender Juden, die nach dem Krieg 
nicht mehr in ihre Heimatgebiete zurückgekehrt waren. (Von den im 
Krieg ausgesiedelten Juden kehrten nach der Revolution zum Beispiel vor 
allem die »Elemente aus den Schtetln« nach Litauen zurück, doch der »ur- 
baneTeil« der litauischen Juden »und die Jugend blieben in den russischen 
Großstädten«. 3 ) 


81 



Kapitel 3 


Insbesondere »nach der Aufhebung der Beschränkungen in Zu¬ 
sammenhang mit dem Ansiedlungsrayon im Jahr 1917 erfolgte ein regel¬ 
rechter Exodus der Juden aus diesem Bereich in Richtung des russischen 
Landesinneren«. 4 Dies ist kein Auszug von Flüchtlingen oder Aussiedlern 
mehr, sondern einer von Umsiedlern. Sowjetische Quellen vermelden 
1920: »Allein in Samara haben sich in den letzten Jahren mehrere Zehn¬ 
tausend jüdischer Flüchtlinge und Aussiedler niedergelassen«; in Irkutsk 
»ist die jüdische Bevölkerung auf 15000 angewachsen, ... große jüdische 
Siedlungen haben sich sowohl in Zentralrussland als auch im Wolgagebiet 
und im Ural gebildet«. Aber der größere Teil »lebt weiterhin auf Kosten 
der Fürsorgeämter und verschiedener Wohlfahrtsorganisationen«. Die 
Zeitung »Iswestija« [»Nachrichten«] ruft auf: »Die Parteiorganisationen, 
die jüdischen Sektionen und Abteilungen der Partei und des Volkskom¬ 
missariats für Nationalitätenfragen müssen eine breite Agitationstätigkeit 
vor Ort entfalten, damit die Menschen nicht zu den >Gräbern ihrer 
Ahnem zurückkehren und stattdessen im sowjetischen Russland in den 
produktiven Arbeitsprozess eintreten.« 5 

Man versetze sich in die Lage eines kleinen Häufchens Bolschewiken, 
die die Macht an sich gerissen haben und noch ganz angreifbar sind: Wem 
nur können sie vertrauen? Wen sollen sie zu Hilfe holen? Semjon (Schi¬ 
mon) Dimanstein, seit seiner Jugend Bolschewik und seit Januar 1918 
Leiter des eigens beim Volkskommissariat fiir Nationalitätenfragen einge¬ 
richteten Jüdischen Kommissariats, gibt wieder, welche Gedanken Lenin 
ihm gegenüber aussprach: »Was der Revolution einen großen Dienst 
erwiesen hat, ist der Umstand, dass sich wegen des Krieges eine bedeu¬ 
tende Zahl von Juden, die zur mittleren Intelligenzija gehörten, in den 
russischen Städten aufhielt. Sie durchbrachen den Generalstreik, mit dem 
wir unmittelbar nach der Oktoberrevolution konfrontiert waren und der 
für uns äußerst gefährlich war. Die jüdischen Elemente (wenn auch bei 
weitem nicht alle) sabotierten diese Sabotage und retteten dadurch die Re¬ 
volution, als sie in Gefahr war.« Lenin hielt es »nicht für sinnvoll, dieses 
Moment in der Presse besonders hervorzuheben, ... doch er unterstrich, 
dass es uns nur dank dieser Reserve gut ausgebildeter und mehr oder we¬ 
niger nüchtern und intelligent denkender neuer Beamter gelungen war, 
den Staatsapparat zu übernehmen und ihn durchgreifend umzugestal¬ 
ten«. 6 


82 



Bei den Bolschewiken 


So holten die Bolschewiken von den ersten Tagen ihrer Macht an Juden 
in den sowjetischen Apparat - manche in leitende Positionen, manche 
zu ausfiihrenden Tätigkeiten. Was geschah nun? Viele, sehr viele folgten 
dem Ruf - und zwar augenblicklich. Die bolschewistischen Machthaber 
hatten dringenden Bedarf an Vollzugsgehilfen, die ihnen treu und rück¬ 
haltlos ergeben waren. Viele davon fand sie unter den jungen, weltlich 
ausgerichteten Juden, im Verein mit deren slawischen und internationa¬ 
len Gesinnungsgenossen. Es handelte sich dabei nicht unbedingt um »Ab¬ 
trünnige«, es waren auch Parteilose, gar nicht revolutionär Eingestellte 
darunter, die bis dahin eigendich apolitisch gewesen waren. Bei vielen 
stand unter Umständen keine Ideologie dahinter, sondern es waren simp¬ 
le praktische Erwägungen. Jedenfalls aber war es ein Massenphänomen. 
Die Juden strebten jetzt nicht in die ländlichen Gegenden, nach denen 
früher ihr Verlangen ging und die ihnen verboten gewesen waren, sondern 
in die Hauptstädte. »Tausende Juden strömten zu den Bolschewiken, da 
sie in ihnen die entschlossensten Verteidiger der Revolution, die zuverläs¬ 
sigsten Internationalisten sahen« und »in den unteren Schichten der Par¬ 
teistrukturen gab es eine Überzahl von Juden«. 7 

»Ein Jude, ein Mensch, von dem man wusste, dass er nicht aus dem Adel 
stammen konnte, aus keiner Popen- und aus keiner Beamtenfamilie, fiel 
sofort unter die Kategorie, die bei dem neuen Clan Aussichten hatte.« 8 
Um die Juden zur Mitwirkung am Bolschewismus zu ermuntern, »nahm 
bereits Ende 1917, sobald die Bolschewiken ihre Behörden in Petrograd 
organisierten, eine Jüdische Abteilung des Kommissariats für Nationalitä¬ 
tenfragen ihre Tätigkeit auf«. 9 Kurz darauf, 1918, wurde diese Abteilung 
in ein eigenes »Jüdisches Kommissariat« umgewandelt, und im Mai 1919 
wurde auf dem VIII. Parteitag der RKPb die Ausrufung einer »Jüdischen 
Kommunistischen Union Sowjetrusslands« als eines organischen, aber 
auch eigenständigen Bestandteils der RKPb vorbereitet. (Ziel war, diese 
Union in die Kommunistische Internationale [Komintern] aufzunehmen 
und so die Stellung des »Bund« endgültig zu untergraben.) Auch bei der 
Russischen Nachrichtenagentur ROSTA wurde eine eigene jüdische Ab¬ 
teilung geschaffen. 

D. Schub merkt rechtfertigend an, dass wegen der Pogrome, die im Ak¬ 
tionsgebiet der Weißen (also ab 1919) stattgefunden hatten 10 , »bedeuten¬ 
de Kräfte der jüdischen Jugend der kommunistischen Partei zuströmten«. 


83 



Kapitel 3 


Diese Meinung ist keinesfalls haltbar. Der Massenzustrom der Juden in 
den sowjetischen Apparat fällt bereits auf Ende 1917 und auf das Jahr 
1918. Es besteht kein Zweifel, dass die Verbindung jüdischer Kader mit 
den Bolschewiken durch die Ereignisse von 1919 (vgl. unten Kapitel 4) 
nur verstärkt wurde, nicht aber erst dadurch entstand. 

Ein anderer - kommunistischer - Autor erklärt »die besonders heraus¬ 
ragende Rolle des jüdischen Revolutionärs in unserer Arbeiterbewegung« 
damit, dass bei den jüdischen Arbeitern »einige psychologische Züge be¬ 
sonders ausgeprägt sind, die für eine Führerpersönlichkeit notwendig 
sind«, während sich diese Züge bei den russischen Arbeitern noch im Ent¬ 
wicklungsstadium befinden: beispiellose Energie, Kultiviertheit, Solida¬ 
rität und systematisches Denken und Handeln. 11 

Die Rolle der Juden im Bolschewismus als Organisatoren wird selten be¬ 
stritten. D. S. Pasmanik betont: »Die Entstehung des Bolschewismus an 
sich war ein Ergebnis der Besonderheiten der russischen Geschichte, ... 
aber die Organisiertheit des Bolschewismus entspringt zum Teil der Tätig¬ 
keit der jüdischen Kommissare.« 12 Auch Beobachter aus Amerika wür¬ 
digten seinerzeit die dynamische Rolle der Juden im Bolschewismus: 
»Deutlich kommt der konstruktive Genius der jüdischen Unbefriedigt- 
heit darin zum Ausdruck, wie rasch die Russische Revolution die Phase 
der Destruktivität hinter sich gelassen hat und in die konstruktive Phase 
eingetreten ist.« 13 In der Aufschwungphase des Oktobers sprachen viele 
Juden noch selbst mit stolz erhobenem Kopf über ihre Tätigkeit im Bol¬ 
schewismus. 

Es sei daran erinnert, dass die Bolschewiken in den ersten Monaten und 
Jahren nach dem Oktober mit der größten Bereitschaft Juden in ihrem 
Staats- und Parteiapparat einsetzten — in ähnlicher Weise, wie vor der Re¬ 
volution die Revolutionäre und Radikalliberalen nicht aus Sympathie für 
die Juden, sondern im Sinne ihrer eigenen politischen Zwecke gern und 
aktiv die Diskriminierung der Juden ins Feld geführt hatten. Wieder ge¬ 
schah dies nicht aus Affinität zu den Juden, sondern wegen des beträcht¬ 
lichen Profits, den man aus ihren Fähigkeiten und ihrer Auffassungsgabe 
ziehen konnte. Außerdem standen sie der russischen Bevölkerung nicht so 
nahe. Entsprechend griff man auch gern auf Letten, Ungarn und Chine¬ 
sen zurück - mit ziemlicher Sicherheit würden diese nicht in Gefühlsdu¬ 
selei verfallen ... 


84 



Bei den Bolschewiken 


In ihrer Masse stand die jüdische Bevölkerung den Bolschewiken miss¬ 
trauisch, wenn nicht gar feindselig gegenüber. Da jedoch die Februarre¬ 
volution den Juden endlich die vollständige Freiheit gebracht hatte (und 
mit ihr, wie wir gesehen haben, eine echte Blüte gut organisierter jüdischer 
Aktivitäten in Gesellschaft, Politik und Kultur), legten die Juden insbe¬ 
sondere den jüdischen Bolschewiken immerhin keine Steine in den Weg, 
sich innerhalb weniger Monate an die Spitze zu arbeiten, und diese nutz¬ 
ten die ihnen zufallende Macht mit brutaler Konsequenz aus. 

Ende der 1940er-Jahre, als die kommunistische Macht sich mit dem 
Weltjudentum überwarf, begannen Kommunisten wie Juden, diese leb¬ 
hafte Beteiligung der Juden an der kommunistischen Revolution pikiert 
beziehungsweise aus Vorsicht zu verschweigen und unter den Teppich zu 
kehren; Versuche, daran zu erinnern und die Dinge beim Namen zu nen¬ 
nen, wurden von jüdischer Seite als extremer Antisemitismus eingestuft. 

In den 70er- und 80er-Jahren wurde unter dem Druck diverser Ent¬ 
hüllungen der Blick auf die Revolutionsjahre wieder etwas freier. Recht 
häufig äußerten sich nun auch jüdische Stimmen öffendich zum Thema, 
zum Beispiel der Dichter Naum Korshawin: »Wenn die Beteiligung der 
Juden an [der Revolution] mit einem Tabu belegt wird, wird es unmög¬ 
lich, überhaupt über die Revolution zu sprechen. Es gab einmal Zeiten, 
da war man stolz auf diese Beteiligung ... Die Juden haben an der Revo- 
ludon teilgenommen, und das in unverhältnismäßig großer Zahl.« 14 M. 
Agurskij erklärt: »Die Beteiligung der Juden an der Revolution und am 
Bürgerkrieg ging sogar noch über diese außerordendiche Beteiligung an 
der Staatsfuhrung hinaus, sie war weitaus umfangreicher.« 15 Der israeli¬ 
sche Sozialist S. Zirjulnikow konstatiert: »Zu Beginn der Revolution dien¬ 
ten die Juden ... als Basis des neuen Regimes.« 16 

Es gibt jedoch nicht wenige jüdische Autoren, die bis heute entweder 
den Beitrag der Juden zum Bolschewismus verleugnen, ja ihn wütend von 
der Hand weisen, oder aber - was häufiger ist - jede Erwähnung des The¬ 
mas als schmerzhaft empfinden. 

Indessen ist nicht zu bezweifeln, dass die jüdischen Abtrünnigen einige 
Jahre lang allenthalben wichtige Führerrollen im Bolschewismus innehat¬ 
ten, man findet sie an der Spitze der Krieg führenden Roten Armee (Trotz- 
kij), des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees WZIK (Swerdlow), 
der beiden Hauptstädte (Sinowjew und Kamenew), der Komintern (Si- 


85 



Kapitel 3 


nowjew), der Internationale der Gewerkschaften Profintern (Dridso-Lo- 
sowskij) und des Komsomol (Oskar Rywkin, nach ihm Lasar Schazkin, 
Letzterer stand auch der Kommunistischen Internationale der Jugend 
vor). 

»Im ersten Rat der Volkskommissare (SNK, Sownarkom) saß allerdings 
erst ein Jude, doch dieser eine war Trotzkij, der zweitwichtigste Kommu¬ 
nist nach Lenin, und er übertraf an Einfluss alle anderen.« 17 Von Novem¬ 
ber 1917 bis zum Sommer 1918 lag ohnehin die tatsächliche Regierungs¬ 
gewalt nicht in den Händen des SNK, sondern des so genannten »Kleinen 
Sownarkom«, der aus Lenin, Trotzkij, Stalin, Karelin und Proschjan be¬ 
stand. Nach den Oktobergeschehnissen kam dem Präsidium des WZIK 
eine Bedeutung zu, die nicht weniger wichtig war als die des SNK. Zu sei¬ 
nen sechs Mitgliedern zählten der Vorsitzende Swerdlow, Kamenew, Wo- 
lodarskij sowie Steklow-Nachamkis. 

M. Agurskij bemerkt treffend, wie verblüffend diese Entwicklung für 
ein Land sein musste, in dem man überhaupt nicht gewohnt gewesen war, 
Juden an der Macht zu sehen: »Der Präsident des Landes ein Jude, ... der 
Kriegsminister ein Jude ... - dies war eine Vorstellung, mit der sich die 
einheimische Bevölkerung Russlands kaum anfreunden konnte.« 18 Ver¬ 
blüffend war auch noch ein anderer Aspekt, nämlich wie dieser Präsident 
und wie dieser Kriegsminister agierten. 

* 

Die erste der überaus wichtigen Handlungen, die die Bolschewiken Vor¬ 
nahmen, bestand darin, im Separatfrieden von Brest einen riesigen Teil 
Russlands an die Deutschen abzutreten, nur um auf dem verbliebenen Teil 
den Bolschewismus fest verankern zu können. An der Spitze der Brester 
Delegation stand Ioffe. Federführend ftir jene Außenpolitik war Trotzkij. 
Sein bevollmächtigter Sekretär I. Salkind übernahm die Diensträume des 
früheren stellvertretenden Außenministers Neratow, führte im alten Ap¬ 
parat des Außenministeriums eine Säuberung durch und machte sich 
daran, das neue Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten 
(NKID) aufzubauen. 

Bei der schon erwähnten Anhörung im amerikanischen Senat Anfang 
1919 teilte Dr. A. Simons, der von 1907 bis 1918 der methodistischen Bi¬ 
schofskirche in Petersburg vorgestanden hatte, eine wichtige Beobachtung 


86 



Bei den Bolscheiuiken 


mit: »Während Lenin und Trotzkij und ihre Helfershelfer nicht mit har¬ 
ten Worten an die Adresse der Bündnispartner sparten, hörte ich von 
ihnen kein einziges Mal irgendwelche Grobheiten über Deutschland.« 
Gleichzeitig konnte er bei Gesprächen »mit den Offiziellen der Sowjetre¬ 
gierung feststellen, dass diese bestrebt waren, sich möglichst freund¬ 
schaftliche Beziehungen zu Amerika zu erhalten. Dieses Bestreben wurde 
von Personen aus dem diplomatischen Korps der Bündnisländer als Ver¬ 
such gedeutet, einen Keil zwischen Amerika und seine Allii erten zu trei¬ 
ben. Außerdem rechneten sie damit, dass unser Land [die Vereinigten 
Staaten] im Falle eines Zusammenbruchs des bolschewistischen Regimes 
zum Fluchtziel der bolschewistischen Dämonen werden könnte.« 19 

In dieser Berechnung liegt eine gewisse, vielleicht sogar unumstößliche 
Logik. Es war vermutlich Trotzkij mit seinen frischen Erfahrungen aus 
Amerika, der seine Clique in dieser Hoffnung bestärkte. 

Viel umfangreicher und noch dazu sehr wohl begründet waren die 
Hoffnungen, die die bolschewistische Führungsspitze in die Spitze der Fi¬ 
nanzwelt der Vereinigten Staaten setzte. 

Trotzkij selbst war ohne Zweifel ein Internationalist, und man kann sei¬ 
nen demonstrativen Erklärungen Glauben schenken, in denen er alles Jü¬ 
dische von sich abwies. Urteilt man aber danach, wen er ernannt hat, so 
standen ihm dennoch die jüdischen Abtrünnigen näher als die russischen. 
Trotzkij umgab sich fast immer mit Juden als engsten Mitarbeitern (zwei 
der drei oberen Sekretärsposten nahmen Glasman und Sermuks ein, und 
der Chef seiner persönlichen Leibwache war Drejzer 20 ). Als ein autorita¬ 
tiver und mitleidsloser Stellvertretender Volkskommissar fiir militärische 
Angelegenheiten benötigt wurde - welch eine hohe Stellung! -, ernannte 
Trotzkij ohne zu zögern den Arzt Efraim Skljanskij, der weder Truppen¬ 
kommandeur noch Stabskommandeur gewesen war. Skljanskij war in sei¬ 
ner Funktion als Stellvertretender Vorsitzender des Militärischen Revolu¬ 
tionsrates der Republik nun hinsichdich seiner Entscheidungsmacht 
höher eingestuft als der Oberkommandierende General S. S. Kamenew. 

Trotzkij hatte sich hier wirklich keine Gedanken gemacht, wie unpas¬ 
send die Ernennung eines Arztes in den Augen der Truppe und die Beför¬ 
derung von Skljanskij als Person in den Augen ganz Russlands wirken 
würde, um so etwas scherte er sich erst gar nicht. Allerdings zeigt der be¬ 
rühmte Ausspruch Trotzkijs, »Russland ist noch nicht reif, dass an seiner 


87 



Kapitel 3 

Spitze ein Jude steht«, dass ihm diese Frage nicht gleichgültig war, wenn 
es um ihn persönlich ging. 

Bezeichnend ist auch die berühmte Szene bei der Eröffnung der Kon¬ 
stituierenden Versammlung am 5. Januar 1918 durch ihren Alterspräsi¬ 
denten, den Semstwo-Abgeordneten S. P. Schewzow. Swerdlow entreißt 
ihm dreist die Glocke, schubst ihn von der Tribüne und eröffnet noch ein¬ 
mal selbst die Versammlung. Man bedenke, mit welch glühenden Hoff¬ 
nungen die ganze russische Öffentlichkeit über Jahre hinweg diese Kon¬ 
stituierende Versammlung sehnlich erwartet hatte, über die vorauseilend 
schon so viel gesprochen worden war, die ihr kostbar war wie eine heilige 
Sonne, die über Russland Glück verströmen würde. Nun wurde all dies 
innerhalb weniger Stunden erstickt, erdrückt zwischen Swerdlow auf der 
einen und dem Matrosen Shelesnjak auf der anderen Seite. 

Schon zuvor hatte man die Allrussische Kommission für die Wahlen zur 
Konstituierenden Versammlung aufgelöst und ihre Aufgaben einem jun¬ 
gen Privatmann namens Brodskij übergeben. Die Angelegenheiten der in 
Aussicht stehenden Konstituierenden Versammlung wurden von Urizkij 
verwaltet, und ein gewisser Drabkin richtete diesem eine neue Geschäfts¬ 
stelle ein. All diese Schritte führten dazu, dass allmählich das Bild einer jü¬ 
disch dominierten Regierung entstand. Noch etwas früher hatte ein durch 
keinerlei Verdienste geadelter Gordon einige in ganz Russland bekannte 
und geachtete Mitglieder der Konstituierenden Versammlung, unter 
ihnen die für ihre umfangreichen Wohltätigkeitsaktionen berühmte Grä¬ 
fin Panina, verhaftet. (Nach Angaben der Zeitung »Den« [»Der Tag«] 
schrieb Gordon talentlose patriotische Artikelchen für den »Petrograder 
Kurier«, später handelte er mit Kraut und chemischen Produkten, dann 
wurde er Bolschewik. 21 ) 

Auch eines darf nicht vergessen werden: Die neuen Herren versäumten 
es nicht, umgehend ihrer Raffgier Genüge zu tun oder schlicht gesagt die 
Wehrlosen zu berauben. »Das eingeheimste Geld wird in der Regel in Ju¬ 
welen angelegt ... Skljanskij hat in Moskau den Ruf des >größten Brilli- 
antenkäufersc« In Litauen wurde das mitgeführte Gepäck der Gattin Si- 
nowjews, Slata Bernstein-Lilina, bei der Ausreise kontrolliert - und »zum 
Vorschein kamen Juwelen im Wert von mehreren Zehntausend Millionen 
Rubel«. 22 (Dabei hängen wir immer noch der Legende an, die ersten Re¬ 
volutionsführer seien selbstlose Idealisten gewesen.) In der Allrussischen 


88 



Bei den Bolschewiken 


Außerordentlichen Kommission frir den Kampf gegen Konterrevolution 
und Sabotage (WTschK oder Tscheka) waren nach der Schilderung eines 
glaubwürdigen Zeugen, der 1920 durch diese Knochenmühle hindurch¬ 
gegangen ist, gewöhnlich Polen oder Letten als Gefängnisdirektoren ein¬ 
gesetzt, »während die für die Bekämpfung der Spekulation zuständige 
Tscheka-Abteilung, die also ein weniger gefährliches, aber sehr einträgli¬ 
ches Gebiet bearbeitete, sich in der Hand von Juden befand«. 23 

Neben jenen, die solche offiziellen, sichtbaren Posten einnahmen, ver¬ 
fügte die Leninsche Struktur, die von Anfang an konspirativ aufgebaut 
war, noch über eine mächtige Stütze in anderen Figuren, die unsichtbar 
und stumm blieben und die nicht dazu bestimmt waren, irgendwann in 
irgendwelche Annalen einzugehen. Zu diesen zählten außer dem gauner¬ 
haften Ganezkij, einem Favoriten Lenins, auch alle Schattenfiguren aus 
dem Dunstkreis von Parvus. (Auch jene Jewgenija.Sumenson, die im Som¬ 
mer 1917 kurz an der Oberfläche erschien und sogar wegen verdächtiger 
Finanztransaktionen mit Deutschland verhaftet wurde, blieb weiter in 
Verbindung mit der bolschewistischen Führungsspitze - doch sie taucht 
in keiner Liste des Apparats auf.) Nach den »Julitagen« 1 wurden in der Zei¬ 
tung »Russkaja Wolja« [»Russische Freiheit«] nüchterne Fakten über die 
subversive Tätigkeit Parvus’ und seines engen Mitarbeiters Surabow ver¬ 
öffentlicht; Letzterer »nimmt jetzt in den Petrograder sozialdemokrati¬ 
schen Kreisen eine wichtige Stellung ein«. »Tatkräftige Mitarbeiter« von 
Parvus waren »auch die Herren Binstock, Lewin, Perasitsch, die sich jetzt 
in Petrograd befinden, und andere«. 24 Ein weiteres Beispiel ist »Samuil 
Saks, der über seine Schwester mit Sinowjew verschwägert war und die Pe¬ 
trograder Niederlassung von Parvus’ Firma leitete. Sax war der Sohn eines 
reichen Petrograder Fabrikanten; dieser hatte den Bolschewiken 1917 eine 
ganze Druckerei geschenkt. Ein weiterer Mann aus Parvus’ Mannschaft 
war Saul Pikker (alias Alexander Martynow). 25 Zu einem früheren Zeit¬ 
punkt hatte Lenin einmal mit ihm als Theoretiker eine öffendiche De¬ 
batte geführt. Als dann die Stunde schlug und die Partei es verlangte, zog 
sich Martynow von der Bildfläche zurück. 

Noch einige markante Figuren seien genannt. Allgemein bekannt (in 
Zusammenhang mit den Massenmorden auf der Krim) wurde Rosalia Sal- 


1 Siehe oben S. 70. 


89 



Kapitel 3 


kind-Semljatschka, eine Furie des Terrors. Sie zählte zusammen mit W. Sa- 
gorskij, I. Selenskij und I. Pjatnizkij von 1917 bis 1920, also lange 
vor Kaganowitsch, zu den Sekretären des Moskauer Parteikomitees der 
Bolschewiken. 26 Am allerwenigsten erstaunt noch, dass »den revolutionä¬ 
ren Einrichtungen Odessas nicht wenige Juden angehörten«, da in Odes¬ 
sa, wie wir schon gesehen haben, mehr als ein Drittel der Bevölkerung 
Juden waren. Hier war es ganz natürlich, wenn jemand wie W. Judowskij 
Vorsitzender des Militärisch-Revolutionären Komitees (WRK) und da¬ 
nach des »Odessaer Rats der Volkskommissare« wurde, und wenn Ja. 
Gamarnik als Vorsitzender des Gouvemementskomitees der Partei 
fungierte. 27 Gamarniks Laufbahn setzte sich in Kiew fort, dort wurde 
er Vorsitzender im Partei-, im Revolutions- und im Exekutivkomitee 
des Gouvernements; später wurde er Vorsitzender des Revolutionskomi¬ 
tees Fernost (Dalrewkom) und des Regions-Exekutivkomitees, danach 
Sekretär des Parteikomitees der Region Fernost, Sekretär im Weißrus¬ 
sischen Zentralkomitee und Mitglied des Militärischen Revolutionsrats 
im Militärbezirk Weißrussland. 28 Wenden wir uns dem aufgehenden 
Stern Lasar Kaganowitsch zu, des Parteikomitee-Vorsitzenden im Nishnij 
Nowgoroder Gouvernement im Jahr 1918. Im August und September 
beginnen die Aufzeichnungen in den Protokollen des Nishnij Nowgoro¬ 
der WRK, in denen es um grausamste Terrormaßnahmen geht, die 
im Gouvernement durchgefuhrt werden sollen, allesamt mit der Anmer¬ 
kung: »Kaganowitsch anwesend«. 29 Sein wachsamer Blick ruhte auf al¬ 
lem ... 

Aufgrund einer Fahrlässigkeit kam es zum Abdruck eines Fotos, das Ju. 
Larin kommentiert als »eine Fotografie des Sitzungspräsidiums bei einer 
Versammlung des Leningrader [d.i.: Petrograder] Sowjet nach der Okto¬ 
berrevolution. Juden bildeten die absolute Mehrheit am Präsidiums¬ 
tisch.« 30 

Keiner könnte wohl die Namen all jener aufzählen, die wichtige und häufig ent¬ 
scheidende Positionen einnahmen. Lediglich einige Werdegänge sollen hier zur Il¬ 
lustrierung etwas näher beschrieben werden: 

— Arkadij Rosengolz: Einer der Anführer des Oktoberumsturzes in Moskau, danach 
Mitglied des Militärischen Revolutionsrats einer Reihe von Armeen und des Mi¬ 
litärischen Revolutionsrats der Republik sowie »einer der engsten Mitarbeiter« 
Trotzkijs. Eine lange Reihe weiterer Posten, z.B. im Volkskommissariat für Finan¬ 
zen, in der Arbeiter- und Bauerninspektion (RKI), einem kontrollierenden und 


90 



Bei den Bolschewiken 


untersuchenden Organ, schließlich sieben Jahre lang auch Volkskommissar für 
Außenhandel. 

- Semjon Nachimson: Im Oktober 1917 Kommissar bei den unsagbaren lettischen 
Schützeneinheiten, furioser Militärkommissar des Jaroslawler Militärbezirks. 
Beim Jaroslawler Aufstand getötet. 

- Samuil Zwilling: Nach dem Sieg über den Orenburger Kosakenführer (Ataman) 
Dutow Leiter des Orenburger Gouvernements-Exekutivkomitees. (Wurde bald 
darauf getötet.) 

- Sorach Grinberg: Kommissar für Bildung und Kunst der »Nördlichen Kommu¬ 
ne«, machte Opposition gegen den Gebrauch des Hebräischen, galt als »rechte 
Hand« Lunatscharskijs. 

- Jewgenija Kogan (die Ehefrau Kujbyschews): Bereits 1917 Sekretärin des Partei¬ 
komitees im Samarer Gouvernement, 1918-1919 Mitglied des Armee-Revolu¬ 
tionsgerichts im Wolga-Gebiet, 1920 zum Taschkenter Stadtkomitee und 1921 
nach Moskau versetzt, wo sie es in den 30er-Jahren bis zum Sekretär des Moskau¬ 
er Städtischen Parteikomitees brachte. 

- Semjon Shukowskij, der Sekretär Kujbyschews: In leitender Funktion bei ver¬ 
schiedensten Politabteilungen diverser Armeen. Auch er wurde immer wieder ver¬ 
setzt, einmal zur Propagandaabteilung des ZK von Turkestan, dann wieder zur 
Baltischen Flotte als Leiter der politischen Verwaltung (für die Bolschewiken spie¬ 
len Entfernungen keine Rolle), dann direkt zum ZK der Partei. 

- Die Gebrüder Belenkij: Abram war Chef der Leibgarde Lenins in dessen fünf letz¬ 
ten Lebensjahren; Grigorij brachte es vom Bezirkskomitee des Moskauer Stadtbe¬ 
zirks Krasnaja Presnja bis zum Leiter der Agitprop-Abteilung der Komintern; 
Jefim war im Obersten Volkswirtschaftsrat (WSNCh), in der Arbeiter- und Bau¬ 
erninspektion (RJ3) und im Volkskommissariat für Finanzen tätig. 

- Dimanstein: Zunächst im Jüdischen Kommissariat und in der Jüdischen Sektion, 
dann im ZK von Li tauen-Weißrussland, des Weiteren Volkskommissar für Bil¬ 
dung in Turkestan und Leiter des Hauptkomitees für politische Bildung (Glaw- 
politproswet) in der Ukraine. 

- Samuil Filler: Ursprünglich Apothekerlehrling aus dem Gouvernement Cherson, 
stieg er bis ins Präsidium der Moskauer Tscheka und danach in die RKI auf. 

- Anatolij (Isaak) Koltun (»desertiert und kurz darauf emigriert«, 1917 zurückge¬ 
kehrt): Führungsposition bei der Zentralen Kontrollkommission der Partei 
(ZKK), in Kasachstan sowie in den Städten Jaroslawl und Iwanowo bei der Par¬ 
teiarbeit; später kehrte er zur ZKK zurück; ist dann in Moskau bei Gericht tätig- 
und plötzlich findet man ihn wieder als Direktor eines Forschungsinstituts! 31 

Besonders auffällig ist die Rolle der Juden bei den für die Lebensmittelversorgung zu- 

ständigen Organen der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik 

(RSFSR), die in jenen Jahren des Kriegskommunismus den Lebensnerv darstellten. 

Hier seien nur einige Schlüsselposten erwähnt: 

- Moissej Frumkin: 1918-1922 Kollegiumsmitglied des Volkskommissariats für 
Lebensmittelversorgung (Narkomprod) der RSFSR; ab 1921, in der größten 
Hungerzeit, Stellvertretender Volkskommissar für Versorgung; außerdem war er 


91 



Kapitel 3 


Vorsitzender des Leitungsgremiums der Haupdebensmittelverwaltung (Glawpro- 
dukt), dort arbeitete I. Rafailow als sein Geschäftsführer. 

- JakowBrandenburgskij-Goldsinskij (1917 aus Paris zurückgekehrt) kam sofort ins 
Petrograder Versorgungskomitee; ab 1918 im Volkskommissariat für Versorgung; 
in den Bürgerkriegsjahren außerordentlicher Bevollmächtigrer des Allrussischen 
Zentralen Exekutivkomitees (WZIK) für die Durchführung der Getreiderequisi¬ 
tionen in einer Reihe von Gouvernements. 

— Isaak Selenskij: 1918-1920 in der Versorgungsabteilung des Moskauer Stadtsow¬ 
jet; danach Kollegiumsmitglied des Narkomprod der RSFSR. Später im ZK-Se- 
kretariat sowie Sekretär des ZK-Büros Zentralasien. 

— Semjon Woskow (1917 aus Amerika eingereist, Beteiligter des Oktoberumsturzes 
in Petrograd): Ab 1918 Versorgungskommissar des unermesslichen Nördlichen 
Gebiets. 

- Miron Wladimirow-Scheinfinkel: Ab Oktober 1917 Leiter der Petrograder Le¬ 
bensmittelverwaltung, danach Kollegiumsmitglied des Narkomprod der RSFSR; 
ab 1921 Volkskommissar ftir Lebensmittelversorgung der Ukraine; anschließend 
Volksagrarkommissar der Ukraine. 

— Grigorij Susmanowitsch: 1918 Kommissar der Armee zur Requirierung von Le¬ 
bensmitteln in der Ukraine. 

- Moissej Kalmanowitsch: Ab Ende 1917 Versorgungskommissar der Westfront; 
1919-1920 Versorgungskommissar der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetre¬ 
publik (SSR), danach der Litauisch-Weißrussischen SSR und Vorsitzender einer 
Sonderkommission ftir Versorgung an der Westfront. (Auf dem Gipfel seiner Kar¬ 
riere Vorsitzender des Leitungsgremiums der Staatsbank der UdSSR.) 32 

Erst in jüngster Zeit wurden Details veröffendicht, die aufzeigen, wie der große west¬ 
sibirische Bauernaufstand des Jahres 1921 (»Ischimer Aufstand«) begann. Inden¬ 
baum, der Versorgungskommissar des Tjumener Gouvernements, hatte nach den 
brutalen Zwangsrequisidonen des Jahres 1920, als das Gebiet zum 1. Januar 1921 die 
vorgegebenen Getreideablieferungsmengen zu 102% erfüllt hatte, »zum Abschluss 
der Abheferung« noch eine zusätzliche Arbeitswoche vom 1. bis zum 7. Januar aus¬ 
gerufen, die somit genau auf die russisch-orthodoxe Vorweibnachtswoche fiel. Genau¬ 
so wie die anderen Gebietsverwalter erhielt auch der Ischimer Versorgungskommis¬ 
sar folgende Direkuve: »Die Abheferungen müssen ohne Rücksicht auf die Folgen 
durchgefuhrt werden, bis hin zur Beschlagnahmung des gesamten Getreides im Dorf 
(Hervorhebung von mir—A. S.), dem Erzeuger ist dabei nur die Hungernorm zu be¬ 
lassen.« In einem persönlichen Telegramm Indenbaums wurde gefordert, »gnadenlos 
zu bestrafen, bis hin zur Beschlagnahmung der ganzen Getreidevorräte im Dorf«. Bei 
der Zusammenstellung der Einheiten zur Lebensmittelrequisition nahm man mit 
Wissen Indenbaums ehemalige Straftäter und Asoziale auf, die nicht lange fackelten, 
die Bauern zu verprügeln. Der Lette Matwej Lauris, ein Mitglied des Gouverne¬ 
mentskomitees für Versorgung, missbrauchte seine Macht zur persönlichen Berei¬ 
cherung und zur Befriedigung seiner geschlechtlichen Begierden. Wenn er mit seiner 
Abteilung in einem Dorf sein Lager aufschlug, forderte er von den Bewohnern 31 


92 



Bei den Bolschewiken 


Frauen fiir die Nacht — ftir sich und für seine Einheit. Auf dem X. Parteitag der RKPb 
berichtete die Tjumener Delegation, dass »die Bauern, die sich der Getreideabliefe¬ 
rung widersetzten, in Erdlöcher gestellt wurden, man übergoss sie mit Wasser und 
ließ sie zu Eis gefrieren«. 33 

Von manchen Namen erfuhr man erst viele Jahre später, nur aus den Nachrufen 
in der »Iswesuja«: »Genosse Isaak Samojlowitsch Kieselstein ist seiner Tuberkulose er¬ 
legen.« Er war Delegierter des VI. Parteitags und zählte zur »Gruppe der Fünf« (»Pjat- 
jorka«), die in Moskau den Oktoberaufstand vorbereitet hatte. Als die Regierung 
nach Moskau umzog, »leistete er als Bevollmächdgter des Tscheka-Kollegiums groß- 
ardge Arbeit«; später gehörte er dem Militärischen Revolutionsrat der V. und der XIV. 
Armee an, »stets ein treuer Soldat der Partei und der Arbeiterklasse«. 34 Wie viele sol¬ 
cher »unbekannten fleißigen Arbeiter« — unterschiedlicher Volkszugehörigkeit — es 
wohl unter den Würgern Russlands gegeben hat? 

Neben den obligatorischen Decknamen der Revolutionszeit fällt bei den jüdi¬ 
schen Bolschewiken ein besonders häufiger Gebrauch von Pseudonymen oder in der 
einen oder anderen Weise geänderten Familiennamen auf. (Ein Nachruf aus dem Jahr 
1928: Wir trauern um den langjährigen Bolschewiken Lew Michajlowitsch Michaj- 
low, in Klammern: Ab 1906 in der Partei als Politikus bekannt. Doch Politikus ist 
nur ein Deckname, seinen wahren Namen - Jelinson - nahm er mit ins Grab. 35 ) Was 
konnte Aron Rufelewitsch bewogen haben, den ukrainischen Namen Taratuta anzu¬ 
nehmen? Schämte sich Iossif Aronowitsch Tarschis seines Namens oder fühlte er sich 
stärker, wenn er sich Pjatnizkij nannte? Waren es bei jenen Juden, die sich Gont- 
scharow und Wassilenko nannten, dieselben oder andere Beweggründe gewesen? 
Und - ob sie wohl in ihren Familien als Verräter galten? Oder nur als Feiglinge? 


Lebendige Eindrücke sind überliefert worden. I. E Nashiwin beschreibt 
seine Beobachtungen, die er zu einer Zeit machte, als die Sowjetmacht 
noch jung war: Im Kreml, in der Geschäftsführung des Rats der Volks¬ 
kommissare »herrschte überall eine unglaubliche Schlamperei und Un¬ 
ordnung. Überall sah ich Letten, Letten, Letten und Juden, Juden, Juden. 
Ich war nie ein Antisemit, aber hier stach ihre Zahl buchstäblich ins Auge, 
es waren obendrein lauter Grünschnäbel.« 36 

Sogar der freiheitsliebende und überaus tolerante Korolenko äußert in 
seinem Tagebuch im Frühjahr 1919 nicht nur sein Mideid mit den Juden, 
die unter den Pogromen litten, sondern hält auch fest: »Unter den Bol¬ 
schewiken sind viele Juden und Jüdinnen, und ihr typischer Charakterzug 
ist eine ins Auge springende und irritierende extreme Taktlosigkeit und 
Überheblichkeit.« Des Weiteren: »Der Bolschewismus hat sich in der 
Ukraine bereits überlebt. Man begegnet der >Kommune< allenthalben mit 
Hass. Dass man überall jüdische Gesichter unter den bolschewisüschen 


93 



Kapitel 3 


Funktionären antrifft (besonders in derTscheka), steigert noch die altein¬ 
gefleischte und nach wie vor sehr präsente Judenfeindlichkeit.« 37 

In den ersten Jahren der bolschewistischen Herrschaft zeigte sich das 
ganze zahlenmäßige Übergewicht der Juden beileibe nicht nur in der Par¬ 
tei- und Machtspitze. Noch eklatanter und für die Bevölkerung deutlicher 
wahrnehmbar war es in den Weiten Russlands. Hier betraf es die Mittel¬ 
schicht und die darunter stehenden Schichten in den Gouvernements und 
Landkreisen, wo sich die namenlose Masse der »Streikbrecher« niederließ, 
die der noch ungefestigten bolschewistischen Macht »zu Hilfe eilte«, ihr 
den Rücken stärkte und sie rettete. Im »Buch über das russische Juden¬ 
tum« ist zu lesen: »Was unbedingt erwähnt werden muss, ist die Tätigkeit 
der zahlreichen jüdischen Bolschewiken, die vor Ort im zweiten Glied als 
Agenten der Diktatur fungierten und unermessliches Unglück über die 
Bevölkerung des Landes brachten«; es folgt der Zusatz: »darunter auch 
über die jüdische Bevölkerung«. 38 

Eine so universale Präsenz der Juden unter den Bolschewiken in diesen 
schrecklichen Tagen und Monaten musste zwangsläufig verheerende Fol¬ 
gen für die Juden selbst nach sich ziehen. Dies geschah unweigerlich auch 
im Fall des Mordes an der Zarenfamilie, über den nun so vieles offen 
gelegt worden ist und debattiert wird, wobei die Russen hier mit einer 
regelrecht selbstquälerischen Häme die Beteiligung der Juden überbeto¬ 
nen. Aber es ging ja gar nicht anders, als dass sich die besonders Dynami¬ 
schen unter den Juden (und es gab viele davon) bei den richtungsweisen¬ 
den Aktionen und nicht selten auch in führenden Positionen wiederfin¬ 
den würden. So waren auch bei der Ermordung der Zarenfamilie - die 
Leibgarde (und das Mörderkommando) setzte sich aus Letten, Russen und 
Ungarn zusammen - Schaja (alias Filipp) Goloschtschokin und Jakow 
Jurowskij (ein getaufter Jude) zwei von jenen, die dabei eine fatale Rolle 
spielten. 

Der Dreh- und Angelpunkt lag bei Lenin. Er wagte den Entschluss zu 
diesem Mord (obwohl seine Macht noch ganz ungefestigt war), da er treff¬ 
sicher darauf spekulierte, dass er auf die absolute Gleichgültigkeit der mit 
Russland verbündeten Mächte (der mit der Zarenfamilie verwandte eng¬ 
lische König hatte Zar Nikolaus noch im Frühjahr 1917 das Asyl verwei¬ 
gert) und auf die resignierte Schwäche der konservativen Schichten des 
russischen Volkes bauen könnte. 


94 



Bei den Bolschewiken 


Goloschtschokin, der 1912 für vier Jahre ins Gouvernement Tobolsk 
und 1917 noch weiter in den Ural versetzt worden war, hatte gute Be¬ 
kanntschaft mit Swerdlow geschlossen (mit dem er 1918 übrigens, wie in 
Telegrammen zwischen Jekaterinburg und Moskau festgehalten ist, in 
Duzfreundschaft stand). Dieser Goloschtschokin hatte seit 1912 (auch 
dies gemeinsam mit Swerdlow) dem Zentralkomitee der Partei angehört; 
nach dem Oktoberumsturz wurde er Sekretär des Permer und des Jeka¬ 
terinburger Gouvernementskomitees. Später wurden seine Kompetenzen 
erweitert, und er war als Sekretär des Parteikomitees im Uralgebiet fak¬ 
tisch der Herrscher über den ganzen Ural. 39 

Der Mordplan und die Entscheidung für die Mordmethode reiften in 
den Köpfen Lenins und seiner nächsten Umgebung, doch unabhängig 
davon machten sich auch die Herren des Ural - Goloschtschokin und der 
Vorsitzende des Uralsowjet Beloborodow - Gedanken. Inzwischen weiß 
man, dass Goloschtschokin Anfang Juli 1918 mit dem Plan nach Moskau 
fuhr, den Kreml zu überzeugen, dass die Variante mit einem angeblichen 
Fluchtversuch untauglich und es besser sei, die Zarenfamilie direkt zu er¬ 
schießen und dies öffentlich bekannt zu geben. Lenin brauchte nicht lange 
überzeugt zu werden, es stand ftir ihn außer Zweifel, dass die Zarenfami¬ 
lie »vernichtet« werden müsse, nur hatte er Bedenken, wie die Bevölke¬ 
rung Russlands und der Westen darauf reagieren würden. Doch es gab be¬ 
reits Anzeichen, dass alles still bleiben würde. 

(Natürlich hing die Entscheidung theoretisch auch noch von Trotzkij, 
Kamenew, Sinowjew und Bucharin ab, doch sie alle hielten sich damals 
nicht in Moskau auf, und wenn man ihren Charakter bedenkt - mit Aus¬ 
nahme Kamenews —, so besteht kein Grund zu der Vermutung, dass einer 
von ihnen widersprochen hätte. Von Trotzkij ist bekannt, dass seine Hal¬ 
tung dazu gleichgültig bis billigend war. In seinem Tagebuch schreibt er 
1935 darüber, dass er nach Moskau kam und »in einem Gespräch mit 
Swerdlow beiläufig fragte: >Ja und wo ist der Zar?< - >Natürlich erschos¬ 
sen^ antwortete er. — >Und wo ist die Familie?« — >Die Familie auch.« — 
»Alle?«, fragte ich, offenbar etwas erstaunt wirkend. - »Alle«, antwortete 
Swerdlow. »Wieso?« Er wartete, wie ich reagieren würde. Ich gab keine Ant¬ 
wort. »Wie kam es zu der Entscheidung?«, fragte ich. - »Das ist von uns 
hier besprochen worden .. .< Ich hakte die Angelegenheit innerlich ab und 
stellte ihm keine weiteren Fragen mehr. Im Grunde war diese Entschei- 


95 



Kapitel 3 


düng nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig gewesen ... Die Hin¬ 
richtung der Zarenfamilie war nicht nur nötig, tun den Feind einzu¬ 
schüchtern, ihn in Schrecken zu versetzen, ihm die Hoffnung zu nehmen, 
sondern auch, um die eigenen Reihen aufzurütteln, ihnen zu zeigen, dass 
es kein Abweichen gab, dass entweder der absolute Sieg oder der absolute 
Untergang unser harrten.« 40 ) 

M. Heifez stellt Überlegungen an, wer an dieser erwähnten Bespre¬ 
chung mit Lenin teilgenommen haben konnte: Selbstverständlich Swerd- 
low und Dsershinskij, höchstwahrscheinlich Petrowskij und Wladimirskij 
vom Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (NKWD), Stutschka 
vom Volkskommissariat ftir Justiz, vielleicht auch W. Schmidt. Und so 
etwas war ein regelrechtes Standgericht über den Zaren gewesen. Was Go- 
loschtschokin betraf, so kehrte dieser am 12. Juli nach Jekaterinburg zu¬ 
rück und wartete auf das letzte Signal aus Moskau. Dann gab Swerdlow 
die endgültige Anordnung Lenins nach Jekaterinburg weiter. Ausgetüftelt 
wurde die Operation von Jakow Jurowskij. Als Sohn eines seinerzeit nach 
Sibirien verbannten Kriminellen hatte der Unglücksbringer Jurowskij be¬ 
reits in diesem Teil Russlands das Licht der Welt erblickt. Im Juli 1918 
wurde er zum Kommandanten des Ipatjew-Hauses 1 ernannt. Er organi¬ 
sierte in allen technischen Details den Mord, der von einer Abteilung Un¬ 
garn und Russen (unter ihnen Pawel Medwedew und Pjotr Jermakow) 
vollzogen wurde, und die Beseitigung der Leichen. 41 (Hier wirkte auch der 
Gebietskommissar für technische Versorgung P. L. Wojkow mit, der Ben¬ 
zinfässer und Schwefelsäure stellte, um die Leichen verschwinden zu las¬ 
sen.) 

In welcher Weise die tödlichen Schüsse bei dem Massaker im Keller des 
Ipatjew-Hauses aufeinander folgten und wessen Schüsse die entscheiden¬ 
den waren, konnten später natürlich nicht einmal mehr die Henker selbst 
genau sagen. In der Folge behauptete »Jurowskij, in zweifellos krankhaf¬ 
ter Prahlerei, seine Priorität: Aus meinem Colt wurde Zar Nikolaus 
niedergestreckt und war auf der Stelle tot.«< Doch dieselben Lorbeeren fie¬ 
len auch Jermakow zu - dem »Genossen Mauser«. 42 


1 Das Haus des russischen Kaufmanns N. N. Ipatjew in Jekaterinburg wurde von 
den Sowjets für die Unterbringung der Zarenfamihe requiriert, die hier auch er¬ 
mordet wurde. 


96 



Bei den Bolschewiken 


Goloschtschokin wollte keinen Ruhm - den heimste dann umso 
mehr der Prahlhans Beloborodow ein. In den 20er-Jahren war allgemein 
bekannt, dass er der Hauptmörder des Zaren gewesen sei; er prahlte so¬ 
gar noch 1936 damit, als er während einer Rundreise bei einer Parteikon¬ 
ferenz in Rostow am Don auf der Tribüne stand. (Nur ein Jahr später 
wurde er selbst erschossen.) 1941 wurde auch Goloschtschokin hinge¬ 
richtet, Jurowskij dagegen (er war nach dem Mord nach Moskau umge¬ 
zogen und hatte etwa ein Jahr im näheren Umkreis Dsershinskijs »gear¬ 
beitet« - sich also die Hände mit Blut besudelt) starb eines natürlichen 
Todes. 43 

Generell warf die Nationalitätenfrage während der ganzen Revolution 
auf alle Ereignisse noch ein eigenes Licht. Jede Täter- und Mittäterschaft, 
angefangen beim Mord an Stolypin, berührte natürlich die Gefühle 
der Russen. Doch schauen wir einmal, wie im Fall des Mordes an Gro߬ 
fürst Michail Alexandrowitsch, dem Bruder des Zaren, die Mörder hie¬ 
ßen: Andrej Markow, Gawriil Mjasnikow, Nikolaj Shushgow, Iwan Kolpa- 
schtschikow - dies scheinen doch alles Russen gewesen zu sein. 

Oh, ein jeder Mensch muss reiflich darüber nachdenken, ob sein Han¬ 
deln einen hellen Strahl des Guten über seine Nation wirft, oder ob er den 
schwarzen Morast des Bösen über sie ausgießt! 

So viel über die Henker der Revolution. Was ist nun aber mit den Op¬ 
fern - den unzähligen Erschossenen, den mit ganzen Schiffen Versenkten, 
den Geiseln, den Gefangenen? Die Offiziere waren Russen, die Adeligen 
größtenteils Russen, die Semstwo-Mitglieder Russen und die in den Wäl¬ 
dern aufgestöberten Bauern, die nicht zur Roten Armee wollten, eben falls 
Russen. Nun lernte auch die geistig so hoch stehende, diese antisemitis¬ 
musfeindliche russische Inteüigenzija ihre Folterkeller und ihr tödliches 
Los kennen. Wäre es nun noch möglich, die Namen all jener in den ers¬ 
ten Jahren der Sowjetmacht Erschossenen und Ersäuften, beginnend im 
September 1918, zu rekonstruieren und in statistische Tabellen zu¬ 
sammenzufassen, so wären wir vor den Kopf geschlagen, dass in diesen Ta¬ 
bellen die Revolution plötzlich so gar nichts mehr von ihrem internatio¬ 
nalen Charakter zeigte, sondern stattdessen antislawische Züge trug. (Im 
Übrigen hatte dies schon Marx und Engels vorgeschwebt.) 

Das ist es, was das Erscheinungsbild der Revolution auf grausame Art 
prägt und was sie am besten definiert: Der entscheidende Aspekt ist. 


97 



Kapitel 3 


wen diese Revolution vernichtet hat, die Toten unwiederbringlich und 
unwiderruflich hinwegtragend - fort von dieser schmutzigen Revolution, 
fort von diesem verdammten Land, fort von diesem verirrten Volk. 

* 


Was Lenin anging, so behielt er in diesen Monaten die um das jüdische 
Thema entstandene Spannung ständig im Blick. Bereits im April 1918 
veröffendichte der »Rat der Volkskommissare der Stadt Moskau und des 
Moskauer Gebiets« ein Rundschreiben an die Räte, nach außen hin zwar 
nur ftir das eigene Gebiet bestimmt, aber dennoch in einer so großen Zei¬ 
tung wie der »Iswestija«. 44 Es behandelte »die Frage antisemitischer Po¬ 
gromhetze« und »vorhegende Tatbestände von Judenpogromen in einigen 
Städten des Moskauer Gebiets« (ohne auch nur eine Stadt genau zu nen¬ 
nen). »Sondersitzungen der Räte zum Thema der jüdischen Frage und der 
Bekämpfung des Antisemitismus« sowie »Kundgebungen und Vorträge« 
im Rahmen einer Agitationskampagne seien nötig. Wer aber wurde als der 
Hauptschuldige hingestellt, wen sollte man vernichten? Natürlich die or¬ 
thodoxe Geistlichkeit. So steht in Punkt 1: »Es sind durchgreifende Ma߬ 
nahmen zur Bekämpfung der konterrevolutionären Tätigkeit und Agita¬ 
tion der Geistlichen zu treffen, und im Weiteren ist die antisemitische 
Agitation des Klerus im Geiste der Schwarzen Hundertschaften aufs 
Genaueste im Auge zu behalten.« (Welche Maßnahmen, das wird hier 
nicht weiter ausgefiihrt, aber wir kennen sie ja nur zu gut ...) Zugleich 
heißt es in Punkt 2: »Die Einrichtung einer speziellen jüdischen Kampf¬ 
truppe wird nicht für notwendig erachtet.« (Es war also die Schaffung 
einer jüdischen Garde im Gespräch gewesen.) In Punkt 4 wird das Jüdi¬ 
sche Kommissariat beauftragt, gemeinsam mit dem Kriegskommissariat 
»vorbeugende Maßnahmen zur Bekämpfung der Judenpogrome zu tref¬ 
fen«. 

Vom Höhepunkt dieses Jahres 1918 stammt eine »spezielle Rede über 
den Antisemitismus und die Juden«, die Lenin auf Grammofonplatten 
aufzeichnen ließ: Die »verfluchte Zarenmonarchie« habe »die unwissen¬ 
den Arbeiter und Bauern gegen die Juden« aufgehetzt. »Die zaristische Po¬ 
lizei hat im Verein mit den Gutsbesitzern und Kapitalisten Judenpogrome 
veranstaltet. Nur dort, wo das Joch der Gutsherren und Kapitalisten die 


98 



Bei den Bolschewiken 


Arbeiter und Bauern weiter in undurchdringlicher, finsterer Ahnungslo¬ 
sigkeit hält, bleibt die Feindschaft gegenüber den Juden hartnäckig beste¬ 
hen ... Unter den Juden sind Arbeiter, fleißige 'Werktätige - und sie ma¬ 
chen die Mehrheit aus. Sie sind unsere Brüder, sie sind wie wir verknech- 
tet durch das Kapital, sind unsere Genossen im Kampf für den Sozial is mus 
... Schande über den verfluchten Zarismus ... Schande über die, die 
Feindschaft gegenüber den Juden säen ...« Damals wurden »Grammofo¬ 
ne und Plattenaufzeichnungen dieser Rede mit Agitationszügen an die 
Front und in die Städte und Dörfer des Landes verschickt. Man spielte die 
Rede in Klubs, bei Kundgebungen und bei Versammlungen ab. Die Rot¬ 
armisten, Arbeiter und Bauern lauschten den Worten ihres Führers Lenin 
und begannen zu begreifen, worum es ging.« 45 Gedruckt wurde die Rede 
damals jedoch nicht - mit Absicht? Erst Agurskij senior machte sie 1926 
in seinem Buch zugänglich. 

Am 27. Juli 1918 (unmittelbar nach der Erschießung der Zarenfami¬ 
lie) beschloss der Rat der Volkskommissare (Sownarkom) ein eigenes Ge¬ 
setz gegen den Antisemitismus: »Der Sownarkom erklärt die antisemiti¬ 
sche Bewegung als eine Gefahr für die Sache der Arbeiter- und Bauernre¬ 
volution.« Es gipfelt in der (nach der Aussage Lunatscharskijs von Lenin 
eigenhändig hinzugefugten) Anweisung: »Der Sownarkom weist alle Ab¬ 
geordneten in den Sowjets an, energische Maßnahmen zu ergreifen, um 
die antisemitische Bewegung endgültig auszumerzen. Wer Pogrome 
durchfuhrt oder zu Pogromen aufhetzt, ist als vogelfrei zu erklären.« Ge¬ 
zeichnet: Wl. Uljanow (Lenin). 46 

Sollte irgendjemandem die Bedeutung dieses Worts » vogelfrei « in den 
Monaten des Roten Terrors noch unverständlich geblieben sein, so gibt 
uns zehn Jahre später der kommunistische Aktivist Larin - er war einige 
Zeit Volkskommissar und gilt sogar als Schöpfer des »Kriegskommu¬ 
nismus« - klipp und klar zu verstehen: »Aktive Antisemiten sind als »vo¬ 
gelfrei* zu erklären, das heißt sie sind zu erschießen.« 47 

Auch die berühmte Antwort Lenins an Dimanstein aus dem Jahr 1919 
liegt auf dieser Linie. Der Anlass war folgender: Dimanstein »sprach bei 
Lenin vor, um die Zurückhaltung« eines von Gorkij verfassten Flugblatts 
zu erreichen, welches solche Lobeshymnen auf die Juden enthielt, dass 
»der Eindruck entstehen konnte, die Revolution stütze sich im Wesent¬ 
lichen auf die Juden, insbesondere auf Personen aus deren Mittelschicht«. 


99 



Kapitel 3 


Lenin entgegnete dasselbe, was wir schon gelesen haben: Dass es doch ge¬ 
rade die Juden gewesen seien, die unmittelbar nach den Oktobergescheh¬ 
nissen die Sabotage der Staatsbeamten unterlaufen und so die Revolution 
gerettet hatten. Folglich sei »die Meinung Gorkijs über die große Bedeu¬ 
tung dieser Personen ... vollkommen richtig«. 48 Auch die »Jüdische 
Enzyklopädie« lässt keinen Zweifel: »Lenin weigerte sich, die während des 
Bürgerkrieges in einer umfangreichen Stückzahl gedruckte, ihrem Inhalt 
nach übertrieben pro-jüdische Proklamation M. Gorkijs >Über die Juden< 
konfiszieren zu lassen, ungeachtet der Befürchtungen, diese könne in den 
Händen der Feinde der Revolution zu einem antisemitischen Trumpf wer¬ 
den.« 49 

In den Augen der Weißen offenbarte sich hierin natürlich prompt ein 
authentischer Beweis der Verschmelzung von Judentum und Bolsche¬ 
wismus. 

Dieses unsensible, in seiner Kurzsichtigkeit erstaunliche Sich-Hinweg- 
setzen der Revolutionsführer über den Eindruck, der beim Volk erweckt 
wurde, und die Gefühle, die dort aufkeimten, zeigte sich auch darin, dass 
Juden an der Zerschlagung der orthodoxen Geisdichkeit mitwirkten: Ge¬ 
rade im Sommer 1918 brach der bolschewistische Sturm gegen die ortho¬ 
doxen Kirchen Zentralrusslands und insbesondere des Moskauer Gebiets 
los ( dam als umfasste dieses Gebiet mehrere Gouvernements), ein Toben, 
dem erst eine Welle von Aufständen in den Gemeinden Einhalt gebot. 

Bereits im Dezember 1917 riss den Bauarbeitern in der Kronstädter 
Festung der Geduldsfaden. Sie protestierten, und ihre Resolution wurde 
in den »Kronstädter Nachrichten« abgedruckt: »Wir Handwerker und 
Arbeiter haben bei unserer Generalversammlung vom heutigen Datum 
[28. Dezember] die Frage der Einteilung orthodoxer Geisdicher zum tur¬ 
nusmäßigen Milizdienst besprochen und bemerkt, dass eigenartigerweise 
vom Exekutivkomitee des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten 
kein einziger jüdischer Rabbiner, kein mohammedanischer Mullah, kein 
polnischer römisch-katholischer Geisdicher und kein deutscher Pastor 
als Milizionär eingeteilt worden ist - nur orthodoxe Geisdiche. Offenbar 
besteht das ganze Exekutivkomitee ausschließlich aus Nicht-Orthodo¬ 
xen ...« 50 (Es sei angemerkt, dass sogar auf dieser Festungsinsel [Kron¬ 
stadt] im »Gefängnis der Völker« [dem Russischen Reich] für die Gläubi¬ 
gen aller Glaubensbekenntnisse Gotteshäuser bereitstanden.) 


100 



Bei den Bolschewiken 


Sogar auf die Seiten der »Prawda« gelangte ein (spöttisch mit »Haut die 
Jidden!« betitelter) Aufruf der Arbeiter aus Archangelsk »an alle russischen 
Arbeiter und Bauern, die ein Bewusstsein haben«: »Geschändet, entweiht, 
ausgeraubt« würden überall »nur die russisch-orthodoxen Kirchen, nicht 
aber die jüdischen Synagogen ... Der Tod durch Hunger und Krankheit 
rafft Hunderttausende unschuldiger russischer Leben dahin«, doch »die 
Juden sterben nicht an Hunger und Krankheiten«. 51 (In den Sommer 
1918 fällt auch ein gerichdiches »Verfahren wegen antisemitischer Vor¬ 
kommnisse in der Moskauer Basiliuskathedrale« ...) 

Höchst unklug beteiligten sich die jüdischen Aktivisten am nicht nach¬ 
lassenden allgemeinen Wüten der Bolschewiken bei deren Hetzkampag¬ 
ne gegen das orthodoxe Christentum (das im Vergleich zu anderen Reli¬ 
gionen viel stärker verfolgt wurde), bei der Verfolgung der Geisdichen und 
der Verunglimpfung Jesu Christi in Pamphleten. Auch russische Schrei¬ 
berlinge taten sich hierbei hervor, man denke nur an Demjan Bednyj 
(Jefim Pridworow) und manch anderen. Den Juden aber hätte Zurück¬ 
haltung angestanden. 

Am 9. August 1920 schreibt Patriarch Tichon an den Vorsitzenden des 
Rats der Volkskommissare Uljanow-Lenin (mit Kopie an den Vorsitzen¬ 
den des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees Kalinin) und fordert 
die Ablehnung des Untersuchungsbeamten des Volkskommissariats für 
Justiz, Spitzberg, »eines ehemaligen Scheidungsanwalts«, der jetzt im Auf¬ 
trag des Justizministeriums »die Bestandsaufnahme der Reliquien der Or¬ 
thodoxen Russischen Kirche« durchfuhrt und »dabei die Reliquienschrei¬ 
ne und Grabstätten mit den Gebeinen von Heiligen, die von der Kirche 
anerkannt sind, aufbricht«. Unter Berufung auf die Verfassung der RSFSR 
besteht der Patriarch auf »einer Ablehnung des Untersuchungsrich¬ 
ters Spitzberg wegen Befangenheit bei den bevorstehenden Ermittlungen 
bezüglich der >Aktivitäten< [des Patriarchen], ... da Spitzberg eine Person 
ist, die Ermitdungen und Verhöre >voreingenommen< fuhrt, was bei 
den vorangegangenen Kirchenprozessen deutlich zutage getreten ist, ... 
und schließlich ist er auch ein Mensch, der religiöse Glaubensinhalte öf¬ 
fentlich verhöhnt hat, den kirchlichen Ritus offen verspottet hat und in 
gedruckten Werken, nämlich im Vorwort zu dem Buch >Das Geschwür 
der Religion< (1919) Jesus Christus mit schrecklichen Namen belegt 
hat«. 52 


101 



Kapitel 3 


Das Papier wird an den Kleinen Rat der Volkskommissare weitergelei¬ 
tet und dort bei der Sitzung vom 2. September 1920 besprochen. Refe¬ 
riert wird von eben jenem Spitzberg selbst. Der Beschluss lautet: »Der Ein¬ 
spruch des Bürgers Belawin (Patriarch Tichon) wird zurückgewiesen (ein¬ 
stimmig angenommen).« 53 Aber dann kommen Kalinin Bedenken, und er 
schreibt heimlich und in einschmeichelnden Worten an Krassikow im 
Volkskommissariat für Justiz, dass er denke, es sei »erforderlich, Genossen 
Spitzberg tatsächlich durch jemand anderen zu ersetzen, und zwar aus 
praktischen politischen Gründen«, da »bei der Verhandlung das Publikum 
wahrscheinlich größtenteils orthodoxen Glaubens sein werde«. Man 
könne so »die geisdichen Kreise ... der Möglichkeit berauben, ihr Haupt¬ 
argument ins Feld zu führen, es gehe bei dem Prozess um die Stillung na¬ 
tionaler Rachegelüste u.Ä.« 54 

Bleibt das Aufbrechen der Reliquienschreine. Welchen Reim sollte sich 
die Masse auf eine so klar auf der Hand liegende und provozierende 
Schändung machen? »>Würden denn Russen oder Orthodoxe etwas so 
Unerhörtes tun?<, wird in Russland getuschelt. >Das haben alles die Jidden 
ausgeheckt. Die haben keine Skrupel, sie haben ja sogar Christus selbst ge¬ 
kreuzigt^« 55 Sind etwa für solche Stimmungen nicht die Machthaber ver- 
antwordich, die mit ihrem Berserkertum dem Volk ein solches Schauspiel 
lieferten? 

Sergij Bulgakow, der die Geschicke des orthodoxen Christentums unter 
den Bolschewiken besonders genau beobachtete, schrieb 1941: In der 
UdSSR übertraf die Verfolgung, der die Christen ausgesetzt waren, »hin- 
sichdich ihrer Grausamkeit und ihres Ausmaßes alles jemals da Gewese¬ 
ne. Natürlich darf man dies nicht zur Gänze den Juden anlasten, doch 
deren Einfluss darf hier auch nicht heruntergespielt werden.« 56 »Im Bol¬ 
schewismus trat vor allem die WillenskxaJt und Energie des Judentums in 
Erscheinung.« »Der jüdische Anteil am russischen Bolschewismus ist lei¬ 
der unermesslich und unverhältnismäßig groß, und er ist in erster Linie 
eine Versündigung des Judentums am heiligen Israel ... Nicht das >heilige Is¬ 
raels sondern das seiner Willkür folgende Judentum trat als Machtfaktor 
im Bolschewismus und in der Erstickung des russischen Volks in Erschei¬ 
nung.« »Die Verfolgung des Christentums entsprang hier zwar dem ideo¬ 
logischen und praktischen Programm des Bolschewismus insgesamt, ohne 
Ansehen der Volkszugehörigkeiten, doch in die Tat umgesetzt wurde sie 


102 



Bei den Bolschewiken 


am meisten vonseiten der jüdischen >Kommissare< des Atheismus.« Eben¬ 
so ist die Tatsache, dass jemand wie Gubelman-Jaroslawskij die Vereini¬ 
gung der kämpferischen Atheisten leitete, »vor dem Angesicht des ganzen 
orthodoxen russischen Volks ein Akt ... dreister Flegelei gegenüber der 
Religion«. 57 

Eine offenkundige Dreistigkeit war auch die Umbenennung von Städ¬ 
ten und Orten. Dies war eigendich ein allgemein sowjetischer und kei¬ 
neswegs ein jüdischer Brauch. Aber könnte man leichthin behaupten, dass 
es für die Einwohner von Gatschina keinen nationalen Beigeschmack 
hatte, wenn ihre Stadt zu Trotzk wurde? Oder wenn Pawlowsk in Sluzk, 
der Palastplatz in Urizkij-Platz, der Isaaksplatz in Worowskij-Platz, der Li- 
tejnyj-Prospekt in Wolodarskij-Prospekt, der Wladimir-Prospekt in 
Nachimson-Prospekt, das Admiralitätsufer in Roschal-Uferstraße, die 
Taurische Straße in Sluzkij-Straße umbenannt wurde und wenn die 
prächtige Michailstraße nun den Namen des mittelmäßigen Malers Isaak 
Brodskij trug? 

Sie trieben es zu bunt. Es konnte einem schwindlig werden. Ganz den 
Überblick verlor man in den Weiten Russlands: Zuerst wurde Jelisawet- 
grad in Sinowjewsk umbenannt, und dann gab es kein Halten mehr. Die 
Stadt, in welcher der Zar ermordet worden war, hieß nun zu Ehren eines 
der Mörder Swerdlowsk. 

Ganz ofifensichdich hatte sich im Bewusstsein der Russen bereits 1920 
die Vorstellung festgesetzt, dass hier seitens der jüdischen Bolschewiken 
eine nationale Rache im Gange sei, wenn diese Idee interessanterweise 
(siehe die oben erwähnte Warnung Kalinins) sogar in die Urkunden der 
sowjetischen Regierung geriet. 

Natürlich war auch die Entgegnung Pasmaniks richtig: »Für böswillige 
oder beschränkte Menschen ist die Erklärung einfach: Der jüdische Ka- 
hal 1 hat beschlossen, die Herrschaft über Russland zu ergreifen, bezie¬ 
hungsweise das rachsüchtige Judentum rechnet mit Russland für frühere 
Verfolgungen ab, die es in diesem Land erlitten hat.« 58 Selbstverständlich 


1 Kahal (von hebr. »kehila«, »Gemeinde«; PI. »Kehilot«): autonome Organisa¬ 
tionsform der jüdischen Gemeinden in Polen bzw. im Ansiedlungsrayon, mit 
der Verwaltung, Gerichtsbarkeit und Regelung des religiösen Lebens betraut; 
vgl. Solschenizyn, Russ.-jiid. Geschichte , S. 34. 


103 



Kapitel 3 


lassen sich der Sieg und die Herrschaft der Bolschewiken auf diese Weise 
nicht erklären. Wenn aber der Pogrom von 1905 eine brennende Erinne¬ 
rung im Gedächtnis der eigenen Familie hinterlassen hat und wenn die ei¬ 
genen Stammesgenossen 1915 mit Nagaikas aus den wesdichen Gouver¬ 
nements vertrieben worden sind, dann wäre es doch prinzipiell möglich, 
dass sich einer drei oder vier Jahre später mit dem Revolver für so man¬ 
chen Peitschenhieb rächt. Wir wollen keine Vermutungen anstellen, in 
welchem Grade die jüdischen Kommunisten sich wohl bewusst an Russ¬ 
land gerächt und alles Russische vernichtet und kurz und klein geschlagen 
haben. Würde man jedenfalls ein solches Gefühl ganz ableugnen, so leug¬ 
nete man damit auch jede Verbindung zwischen der Ungleichbehandlung 
der Juden unter dem Zaren und der Teilnahme der Juden am Bolsche¬ 
wismus - eine Verbindung, die andererseits immer wieder zur Debatte ge¬ 
stellt wird. 

I. M. Bikerman, »konfrontiert mit der Tatsache dieser unmäßigen Be¬ 
teiligung der Juden an der barbarischen Zerstörung«, spricht - offenbar in 
einer Entgegnung an jene, die den Juden das Recht auf Rache für die frü¬ 
heren Peinigungen einräumen - den Juden dieses Recht ab. »Man will die 
Verantwortung für den zerstörerischen Eifer unserer Stammesgenossen 
auf den Staat abwälzen, der die Juden durch Hetze und Verfolgungen auf 
den Weg der Revolution getrieben haben soll.« Eben dies verneint Biker¬ 
man: »Gerade dadurch, wie jemand auf das Böse reagiert, das ihn be¬ 
drückt, unterscheidet sich der eine Mensch vom anderen und die eine 
menschliche Gemeinschaft von der anderen.« 59 

Immerhin zieht er auch das folgende Resümee bei einer Betrachtung 
der historischen Geschicke des Judentums im Jahr 1939, als sich die 
nächste Epoche als düstere Wolke am Horizont ankündigt: »Der hervor¬ 
stechende Unterschied der Juden im Vergleich zu ihrer Umgebung be¬ 
stand darin, dass die Juden immer nur der Amboss und nie der Hammer 
sein konnten.« 60 

Ich unternehme es nicht, mich hier in weltgeschichtliche Fragen zu ver¬ 
tiefen, ich möchte mich auch auf keine Debatte mit einer solchen Trag¬ 
weite einlassen, doch eine klare Einschränkung möchte ich machen: Bi- 
kermans Aussage mag für die gesamte Weltgeschichte zutreffen, doch ab 
dem Jahr 1918 und auch noch in den darauf folgenden 15 Jahren agier¬ 
ten in Russland die Juden, die sich der Revolution angeschlossen hatten, 


104 



Bei den Bolschewiken 


auch als Hammer - und sie machten einen beträchtlichen Anteil seiner 
Schlagkraft aus. 

Hier schaltet sich B. Pasternak in unsere Wechselrede ein. Er schrieb 
»Doktor Schiwago« zwar erst nach dem Zweiten Weltkrieg und nach der 
Shoa, die über die Juden hereingebrochen war und die den Menschen eine 
bittere Last und eine vollkommen veränderte Weitsicht hinterlassen hat, 
doch hegt der Fokus des Romans gerade auf den Jahren unserer Revolu¬ 
tion. Pasternak vermerkt »diese schamhafte, nur Unbill mit sich bringen¬ 
de, sich selbst verleugnende Absonderung« und »ihre [der Juden] Schwä¬ 
che und Unfähigkeit, Schläge abzuwehren«. 

Verblüffend, dass wir ein- und dasselbe Land vor Augen hatten. Zwar 
unterschiedlichen Alters, erlebten wir doch dieselben 20er- und 30er- 
Jahre. Einem Zeitzeugen jener Jahre musste es die Sprache verschlagen: 
Sollte Pasternak tatsächlich nicht bemerkt haben (und ich glaube es ihm ), 
was vor sich ging? Seine Eltern, der Vater Kunstmaler, die Mutter Pianis¬ 
tin, gehörten jenen hochkultivierten jüdischen Kreisen an, die mit der rus¬ 
sischen Intelligenzija vereint lebten; Pasternak war bereits in einer beacht¬ 
lichen Tradition aufgewachsen: Die Gebrüder Rubinstein, der scharfsin¬ 
nige Lewitan, der feingeistige Gerschenson und die Philosophen Frank 
und Schestow brachten sich in aller Großzügigkeit in die russische Kultur 
ein und verschenkten sich an Russland. Diese spezifische Wahl, diese 
hochherzige Untrennbarkeit von Dienst und Leben erschien Pasternak 
wahrscheinlich als die Norm, und alle verkorksten und schrecklichen Ab¬ 
weichungen von dieser Norm bildeten sich einfach nicht auf der Netzhaut 
seines Auges ab. 

Doch bei Tausenden anderen prägten sie sich ein. Hier ein Zeuge die¬ 
ser Jahre — noch einmal ist es Bikerman: »Die allzu augenfällige Beteili¬ 
gung der Juden am bolschewistischen Wüten bannt die Blicke der russi¬ 
schen Menschen und die Bücke der ganzen Welt auf uns.« 61 

Nein, die Juden waren tatsächlich nicht die wichtigste treibende Kraft 
des Oktoberumsturzes, und dieser war zudem unnötig für das russische 
Judentum, das durch die Februarrevolution bereits in vollem Umfang 
seine Freiheit erlangt hatte. Nachdem der Umsturz aber einmal stattge¬ 
funden hatte, wechselte das aktive, junge, verweltlichte Judentum behän¬ 
de die Pferde und jagte nun nicht minder zuversichtlich im bolschewisti¬ 
schen Galopp mit. 


105 



Kapitel 3 


Natürlich hatten ihnen dies nicht die Melamdim 1 eingebläut. Aber 
doch war es so, dass der besonnene Teil des jüdischen Volkes die Revol¬ 
verhelden laufen ließ. So geschah es, dass fast eine ganze Generation ab¬ 
trünnig wurde und davonpreschte. 

G. Landau sucht nach Motiven für diesen dynamischen Wechsel der 
Pferde, das Überlaufen der jüdischen Jugend zu den neuen Siegern: »Hier 
kam Verschiedenes zum Tragen: die Verbitterung gegenüber der alten Welt 
und die Distanz zum allgemeinen Staatsgeschehen und Alltagsleben Russ¬ 
lands, die von jener Welt künsdich aufrechterhalten worden war; dann 
auch eine besondere Art des rationalen Denkens, wie sie den Juden so häu¬ 
fig zu Eigen ist« und »ein drängender Wille, der sich bei nichtsnutzigen 
Seelen in Durchtriebenheit und Dreistigkeit verwandelt«. 62 

Es gibt auch entschuldigende Erklärungen: »Die materiellen Bedin¬ 
gungen nach dem bolschewistischen Umsturz schufen eine Lage, welche 
die Juden dazu zwang, sich den Bolschewiken anzuschließen.« 63 Weit ver¬ 
breitet ist die Erklärung, dass »42% der jüdischen Bevölkerung Russlands 
im Handel tätig gewesen waren«, wohin sollten sie sich nun wenden, da 
sie dieser Quelle beraubt waren und sich in einer ausweglosen Lage be¬ 
fanden? »Um nicht hungers zu sterben, waren sie gezwungen, in den 
Dienst der Regierung einzutreten, häufig ohne dabei wählerisch sein zu 
dürfen«, sogar wenn es um Führungs- und Verwaltungsaufgaben ging. Es 
blieb ihnen nichts übrig, als dem sowjetischen Staats- und Parteiapparat 
beizutreten, wo »es von Anbeginn der Oktoberrevolution an eine große 
Zahl jüdischer Mitarbeiter gab«. 64 

Es hätte keinen Ausweg gegeben? Aber hatten denn etwa die Zehn¬ 
tausende russischer Beamter, die sich geweigert hatten, dem Bolsche¬ 
wismus zu dienen, gewusst, wohin sie sich wenden sollten? Nicht hungers 
zu sterben — und wovon lebten die nichtjüdischen Bürger? Außerdem 
gab es doch noch die Hilfe von Joint, vom ORT 11 und ähnliche Unter¬ 
stützung seitens spendenfreudiger Juden im Westen? In die Dienste 
der Tscheka einzutreten war niemals der einzige verbleibende Ausweg ge- 

I Melamed, PL Melamdim: Lehrer an den jüdischen Elementarschulen, vgl. Sol- 
schenizyn, Russ.-jüd. Geschichte, S. 96. 

II Joint: »Komitee für die Verteilung von Hilfsgütern an jüdische Kriegsopfer«, vgl. 
Solschenizyn, Russ.-jüd. Geschichte , S. 481; ORT: »Gesellschaft zur Förderung 
des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden«, vgl. ebd., S. 298. 


106 



Bei den Bolschewiken 


wesen. Es gab mindestens eine Alternative - nicht zu gehen, standhaft zu 
bleiben. 

Im Endeffekt, so Pasmanik, wurde »der Bolschewismus fxir das hun¬ 
gernde Judentum ein ebensolches Gewerbe wie früher die Tätigkeit als 
Schneider, Makler oder Apotheker«. 65 

Bei der oben erwähnten Betrachtungsweise kann man natürlich reins¬ 
ten Gewissens 70 Jahre später räsonieren: Für jene, die »nicht in die Ver¬ 
einigten Staaten emigrieren wollten, um Amerikaner zu werden, und 
nicht nach Palästina emigrieren wollten, um Juden zu bleiben, war der 
Kommunismus der einzige Ausweg«. 66 Man beachte wiederum - der ein¬ 
zige Ausweg. 

Dies ist nun in der Tat ein Von-sich-Weisen historischer Verantwor¬ 
tung ... 

Manch einer sagt es mit Worten, die vollmundiger und gewichtiger 
klingen: »Ein Volk, das solche Verfolgungen erlitten hat« — und dies im 
ganzen Verlauf der Geschichte »musste unweigerlich mit einem bedeu¬ 
tenden Teil seiner Angehörigen zum Träger der internationalistischen re¬ 
volutionären Doktrin des Sozialismus werden«, da »diese ihren jüdischen 
Adepten die Hoffnung vermittelte, sie würden nicht länger die Parias der 
Gesellschaft sein«, und zwar nicht im »schimärenhaften Palästina der 
Vorväter, sondern auf russischer Erde«. Weiter heißt es: »Bereits w ähr end 
des Bürgerkrieges und unmittelbar danach füllten sie, die häufig viel 
durchsetzungsfähiger waren als die Aufsteiger aus der einheimischen 
Unterschicht, so manches soziale Vakuum, das die Revolution hinterlas¬ 
sen hatte ... Ein großer Teil von ihnen brach dabei... mit der eigenen na¬ 
tionalen und geistigen Tradition.« In der Folge »schlugen alle möglichen 
assimilierten Juden — vor allem als sie massenweise aufzutreten begannen 
und dies aber alles noch in der ersten Generation steckte — Wurzeln in re¬ 
lativ oberflächlichen Schichten der für sie neuen Kultur«. 67 

Doch andere fragen auch: Wieso »erwiesen sich die jahrhundertealten 
Traditionen der alten Kultur als machtlos gegen die Begeisterung fiir die 
barbarischen revolutionären Parolen des Bolschewismus«? 68 Als »die Re¬ 
volution und mit ihr der Sozialismus über Russland ... hereinbrach, wur¬ 
den nicht nur diese Juden in ihrer Vielzahl und mit ihrer Energie von der 
vordersten Bugwelle der Zersetzung erfasst. Damals mangelte es auch dem 
übrigen Judentum an einer verbindenden Idee, und es stand den Vorgän- 


107 



Kapitel 3 


gen mit akzeptierendem Staunen und den Folgen dieser Vorgänge mit 
hilfloser Verblüffung gegenüber.« 69 Wie kam es nur, dass »bedeutende 
Schichten des Judentums die Revolution mit einer Begeisterung begrü߬ 
ten, die für ein Volk, das eine jahrtausendealte Geschichte der Enttäu¬ 
schungen durchlebt hat, unverzeihlich ist«? Wie kam es, dass das rationa¬ 
listische »nüchterne jüdische Volk sich von revolutionären Phrasen betö¬ 
ren ließ«? 70 

Pasmanik erinnert (1924) auch an »jene Juden, die laut über eine ge¬ 
netische Verbindung zwischen dem Bolschewismus und dem Judaismus 
tönten, die laut damit prahlten, wie große Sympathien die jüdischen Mas¬ 
sen für die Herrschaft der Kommissare hegten«. 71 Pasmanik nannte gleich 
selbst »die beiden Punkte, in denen auf den ersten Blick tatsächlich ein 
gewisser Bezug zwischen Judaismus und Bolschewismus hergestellt wer¬ 
den kann, nämlich die Idee des Glücks auf Erden und der sozialen Gerech¬ 
tigkeit ... Der Judaismus hat als Erster diese zwei großen Prinzipien auf¬ 
gestellt.« 72 

Eine aufschlussreiche Diskussion zu dieser Frage in der englischspra¬ 
chigen jüdischen Zeitung »The Jewish Chronicle« stammt aus dem Jahr 
1919, als die revolutionäre Glut noch nicht erloschen war. Ein gewisser 
Mr. Mentor, der ständige Korrespondent dieser Zeitung, bezeichnete es 
als unvernünftig, wenn die Juden so täten, als ob sie keinerlei Bezug zum 
Bolschewismus hätten. In Amerika unterstützte der Rabbiner Dr. Juda 
Magnes die Bolschewiken, er hielt also den Bolschewismus nicht ftir eine 
Erscheinung, die mit der jüdischen Religion unvereinbar gewesen wäre. 73 
Eine Woche später schreibt er wiederum: Der Bolschewismus sei im 
Grunde ein großes Übel, aber, so paradox es klinge, auch die Hoffnung 
der Menschheit. Auch in der Französischen Revolution sei viel Blut ge¬ 
flossen, aber die Geschichte habe sie rehabilitiert. Der Jude sei seiner 
Natur nach ein Idealist, und es sei nicht nur kein Wunder, sondern im 
Gegenteil sogar sehr logisch, dass er den Versprechungen der Bolschewi¬ 
ken hinterhergelaufen sei. »Bedeutsam ist die Tatsache, dass es den Bol¬ 
schewismus gibt, bedeutsam ist die Tatsache, dass so viele Juden Bolsche¬ 
wiken geworden sind und dass die Ideale des Bolschewismus in vielen 
Punkten mit den höchsten Idealen des Judaismus übereinstimmen, die 
zum Teil die Grundlage für die Lehre des Gründers des Christentums ge¬ 
bildet haben. Als denkender Jude sollte man sich mit all dem sorgfältig 


108 



Bei den Bolscheivikeii 


auseinander setzen. Wer am Bolschewismus nur die abstoßenden Aspek¬ 
te erblickt, handelt übereilt ...« 74 

Ist aber denn Judaismus nicht in erster Linie das Bewusstsein der Ein¬ 
heit und der Größe Gottes - und ist er nicht schon deshalb unvereinbar 
mit dem gotdosen Bolschewismus? 

I. Bikerman fuhrt weitere Gedanken aus und sucht zusätzliche Beweg¬ 
gründe für die so umfangreiche Beteiligung der Juden an dem bolsche¬ 
wistischen Unternehmen: »Angesichts solcher Tatsachen könnten wir an 
der Zukunft unseres Volkes verzweifeln, wenn wir nicht wüssten, dass ... 
die schlimmste aller Epidemien diejenige ist, die durch die Kraft des Wor¬ 
tes übertragen wird. Warum das jüdische Bewusstsein sich als so anfällig 
für diese Art von Infektion erwies, wäre ein zu ausuferndes Thema.« Der 
Grund liege »nicht nur in den Umständen, die gestern herrschten«, son¬ 
dern auch »in den Vorstellungen, die wir aus grauer Vorzeit geerbt haben 
und die einen als Juden anfällig machen für jene Erkrankungen, mit denen 
leichtfertige, subversive Ideologien uns infizieren«. 75 

Dem schließt sich auch Sergij Bulgakow an: »Die geistige Identität, die 
das Judentum im russischen Bolschewismus angenommen hat, stellt bei¬ 
leibe keine Manifestation des Anditzes Israels dar, Israel zeigt sich hier viel¬ 
mehr im Zustand einer Entsetzen erregenden geistigen Krise, die zudem 
mit brutalster Verrohung einhergeht.« 76 

Was das Argument der in der Vergangenheit erlittenen Bedrängnis als 
primär zugrunde liegendem Motiv für das Überwechseln, ja Überströmen 
ins Lager der Bolschewiken betrifft, so muss auch noch an zwei andere 
kommunistische Revolutionen - in Bayern und in Ungarn - erinnert wer¬ 
den, die fast zeitgleich mit der Revolution Lenins stattfanden. Wir lesen 
bei I. Lewin: »In beiden Ländern ist die Zahl der am bolschewistischen 
Regime beteiligten Juden enorm. In Bayern ... finden wir unter den Kom¬ 
missaren die Juden Levine, Levien, Axelrod, den anarchistischen Ideolo¬ 
gen Landauer und Ernst Toller.« »In Ungarn stellten Juden bis zu 95% der 
Führer in der bolschewistischen Bewegung ... Dabei war der Rechtsstatus 
der Juden in Ungarn ausgezeichnet, rechdiche Einschränkungen bestan¬ 
den für sie dort seit langem nicht mehr, im Gegenteil nahmen die Juden 
im Kultur- und Wirtschaftsleben Ungarns eine Stellung ein, die Antise¬ 
miten dazu verleiten konnte, von jüdischer Übermacht zu sprechen.« 77 
Dies lässt sich noch durch die Aussage eines bekannten zeitgenössischen 


109 



Kapitel 3 


jüdischen Publizisten aus Amerika ergänzen, dass die Angelegenheiten der 
deutschen Juden ebenfalls »florierten und dass diese in Deutschland eine 
hohe Stellung erreicht hatten«. 78 Hier wie dort hatten also nicht Verfol¬ 
gungen die Juden zu Revolutionären gemacht? Und nicht die Pogrome? 
(Wobei allerdings nicht übersehen werden darf, dass der Gärstoff des Um¬ 
sturzes in Ungarn wie in Bayern von Bolschewiken verbreitet wurde, in 
Gestalt von »heimkehrenden Kriegsgefangenen«, um die man einen gro¬ 
ßen Propagandarummel entfaltete. Wir werden in Kapitel 4 noch einmal 
auf diese beiden Umstürze zurückkommen.) 

Was all jene Aufständischen - und auch viele Juden auf der anderen 
Seite des Ozeans — einte, war ein plötzlich aufgeflammter, ungezügelter re¬ 
volutionärer Internationalismus, ein stürmisches Drängen nach Revolu¬ 
tion, die man als Weltrevolution und »permanente« Revolution verwirk¬ 
lichen wollte. Die raschen Erfolge der Juden in der bolschewistischen Ver¬ 
waltung blieben in Europa und in den USA natürlich nicht unbemerkt 
und riefen dort schändlicherweise nichts als freudige Billigung hervor. Die 
jüdische Öffentlichkeit in Amerika war am Wendepunkt vom Februar 
zum Oktober weiterhin voller Sympathie für die Russische Revolution. 

* 


Zur selben Zeit schliefen die Bolschewiken nicht und betrieben zielstre¬ 
big ihre finanziellen Transaktionen mit dem Ausland, die sie vor allem 
über Stockholm abwickelten. Bereits seit Lenins Rückkehr nach Russland 
im April 1917 erhielten sie heimlich Unterstützung aus deutschen Quel¬ 
len über die schwedische »Nya Banken« von Olof Aschberg. Doch auch 
einige russische Bankiers, die es eilig gehabt hatten, sich vor der Revolu¬ 
tion ins Ausland zu retten, wurden zu freiwilligen Förderern der Bolsche¬ 
wiken. Der amerikanische Forscher Antony Sutton, dem es - wenn auch 
mit einer Verspätung von einem halben Jahrhundert - gelungen ist, an 
wichtige Archivmaterialien zu gelangen, teilt uns mit, dass gemäß dem 
Jahresbericht 1918, den der amerikanische Botschafter in Stockholm ans 
State Department geschickt hatte, »einer dieser russischen Bankiers<« der 
berühmt-berüchtigte Dmitrij Rubinstein war, welcher der Februarrevolu¬ 
tion seine Befreiung aus dem Gefängnis verdankte. Er »ließ sich in Stock¬ 
holm nieder und wurde der Finanzagent der Bolschewiken«. »Ein weite- 


110 



Bei den Bolschewiken 


rer russischer Bankier war Abram Shiwotowskij, ein Verwandter Trotz- 
kijs und Lew Kamenews.« Zum Konsortium gehörten neben Shiwotow¬ 
skij auch »Denisow von der früheren »Sibirischen Bank<, Kamenka von der 
>Asow-Don-Bank< und Dawidow von der »Außenhandelsbank««. Andere 
»bolschewistische Bankiers« waren Grigorij Lessin, Stifter, Jakow Berlin 
sowie deren Agent Isidor Kohn. 79 

Unterdessen strömten aus Amerika all jene Rückkehrer (teils langjähri¬ 
ge, teils frisch gebackene »Revolutionäre«) Russland entgegen, die jetzt 
davon träumten, die Schöne Neue Welt zu festigen und weiter aulzubau¬ 
en. Einige wurden schon in Kapitel 2 erwähnt. Immer weiter und weiter 
strömten sie über die Ozeane, Monat für Monat, von New York aus gen 
Osten, von San Francisco aus gen Westen - sowohl Menschen, die in der 
Vergangenheit russische Untertanen gewesen waren, als auch amerikani¬ 
sche Enthusiasten, die kein Russisch sprachen. 

1919 schrieb A. W. Tyrkova-Williams in einem Buch, das in England 
erschienen ist: »Unter den bolschewistischen Organisatoren waren sehr 
wenige Russen, genauer gesagt, sehr wenige Menschen, die von der ge¬ 
samtrussischen Kultur und den Interessen des russischen Volkes durch¬ 
drungen waren ... Einige waren eindeutig Ausländer, doch daneben hatte 
der Bolschewismus auch viele Anhänger unter den Emigranten gefunden, 
die seit vielen Jahren im Ausland lebten. Manche von ihnen waren niemals 
zuvor in Russland gewesen. Unter ihnen waren besonders viele Juden. Sie 
beherrschten die russische Sprache nur schlecht. Das Volk, über das sie 
nun die Macht an sich gerissen hatten, war ihnen fremd, und sie verhiel¬ 
ten sich wie Sieger in einem besiegten Land.« Während im zaristischen 
Russland »Juden zu keinem einzigen wichtigen Posten zugelassen wurden« 
und »die Schulen und der Staatsdienst ihnen verschlossen waren«, gab es 
»in der Sowjetischen Republik in allen Komitees und Kommissariaten 
Juden zuhauf. Oft änderten sie ihre jüdischen Namen in russische ... Aber 
diese Maskerade konnte niemanden täuschen.« 80 

Ebenfalls im Jahre 1919 berichtet R. B. Dennis bei der schon erwähn¬ 
ten Anhörung der Overman-Kommission im Senat von seinen Eindrü¬ 
cken. Dennis, Dozent an der Universität Illinois, war im November 1917 
nach Russland gekommen. Nach seiner »Ansicht, die mit der Meinung 
anderer Amerikaner, Engländer und Franzosen übereinstimmte,... legten 
diese Leute in Russland die größte Brutalität und Rigorosität bei ihren Re- 


111 


Kapitel 3 


pressalien gegen das Bürgertum an den Tag«. »Bürgertum« wird hier ohne 
anklagenden Beiklang verwendet und meint einfach die Bürger der Städ¬ 
te. Eine weitere Aussage: Einige von jenen, die in den Schützengräben wie 
im Hinterland »Mordpropaganda« betrieben, »hatten noch ein oder zwei 
Jahre zuvor in New York gelebt« (also 1917-1918). 81 

Im Februar 1920 schrieb Winston Churchill im Londoner »Sunday 
Herald« (im Artikel »Zionismus gegen Bolschewismus: Der Kampf um 
die Seelen des jüdischen Volkes«): »Jetzt hat diese bemerkenswerte Bande 
von Persönlichkeiten aus dem Untergrund der großen Städte Europas und 
Amerikas das russische Volk am Schopf und an der Kehle gepackt und sich 
zu den unbestrittenen Herren des riesigen Russischen Reichs aufge¬ 
schwungen.« 82 

Unter diesen Ankömmlingen aus Übersee waren viele bekannte und 
noch viel mehr unbekannte Namen. Auch M. M. Grusenberg war dabei. 
Er hatte sich unter anderem in England aufgehalten (wo er Bekanntschaft 
mit Sun Yat-sen schloss), hatte lange in denVereinigten Staaten gelebt, »in 
Chicago eine Schule für Emigranten eingerichtet« und war im Juli 1918 
nach Moskau zurückgekehrt. 1919 ist er bereits Generalkonsul der RSFSR 
in Mexiko (man setzte damals große Hoffnungen auf eine Revolution in 
diesem Land, nicht umsonst steuerte später auch Trotzkij diese Ufer an) 
und gehört seit demselben Jahr auch den zentralen Organen der Komin¬ 
tern an. Arbeitet in Skandinavien und in der Schweiz, wird in Schotdand 
verhaftet. Ab 1923 ist er mit einem eigenen Agentenstab unter dem Deck¬ 
namen Borodin in China tätig, ist »politischer Chefberater des Zentral¬ 
exekutivkomitees der Kuo-min-tang 1 «, indessen fördert er das Vorankom¬ 
men Mao Tse-tungs undTchou En-lais. Tschiang Kai-schek durchschaut 
jedoch die subversive Tätigkeit Grusenbergs und verweist ihn 1927 des 
Landes. Grusenberg überlebt in der UdSSR alle Gefahren des Terrorjahres 
1937 und wird während des sowjetisch-deutschen Krieges (unter Dridso- 
Losowskij) Chefredakteur der sowjetischen Nachrichtenagentur (Sow- 
informbüro). 1951 wird er hingerichtet. 83 (Über die Erschießungen jüdi¬ 
scher Bolschewiken in den 30er-Jahren Näheres unten in Kapitel 7.) 

Unter den Umsiedlern ist auch Samuil Agurskij, der einer der Führer 
Weißrusslands wird. 1938 wird er verhaftet und deportiert. Er ist der Vater 


1 Kuo-min-tang: Nationale Volkspartei Chinas 


112 



Bei den Bolschewiken 


des so früh verstorbenen Publizisten M. Agurskij (der einen ganz anderen 
Weg als sein Vater gegangen ist). 84 

Ein anderer ist Solomon Slepak, ein prominentes Komintern-Mitglied. 
Er war 1919 über Wladiwostok zurückgekehrt und hatte dort bei bluti¬ 
gen Angelegenheiten mitgemischt. 1921 begibt er sich nach China, um 
Sun Yat-sen eine Allianz mit den Kommunisten schmackhaft zu machen. 
Sein Sohn Wladimir muss sich später in einer weltweites Aufsehen erre¬ 
genden Aktion 1 aus der Falle befreien, in die sich sein Vater freiwillig im 
Streben nach dem glücklichen Kommunismus begeben hat. 85 Solche und 
noch paradoxere Lebensläufe gibt es Hunderte. 

Aus der Emigration strömten auch die Zerstörer der »bourgeoisen« jü¬ 
dischen Kultur herbei. Sehr bald zählte das Jüdische Kommissariat neben 
S. Dimanstein Mitglieder wie den Sozialrevolutionär Dobkowskij, den 
oben genannten Agurskij, außerdem Kantor und Schapiro - »ehemalige 
Anarchisten, die emigriert waren und nun aus London oder New York an¬ 
reisten, dem russischen Judentum entfremdet«. Die Aufgabe des Kom¬ 
missariats bestand darin, ein Zentrum der jüdischen kommunistischen 
Bewegung zu errichten. Im August 1918 verkündete die in Jiddisch he¬ 
rausgegebene neukommunistische Zeitung »Der Emes« (»Wahrheit«) den 
»Beginn der Diktatur des Proletariats auf der jüdischen Straße«, sofort be¬ 
gannen die Angriffe gegen die Thoraschulen und die Heiligen Bücher. Im 
Juni 1919 wurde, unterschrieben von S. Agurskij und Stalin, das Zentral¬ 
büro der jüdischen Gemeinden aufgelöst 86 , welches jenen konservativen 
Teil des Judentums repräsentiert hatte, der die bolschewistische Seite nicht 
akzeptieren wollte. 


* 


Die Beobachtung, dass die jüdischen Sozialisten in erster Linie nicht den 
Bolschewiken zuneigten, bleibt weiterhin gültig. Wer aber waren die an¬ 
deren Parteien und wo waren sie geblieben? »Der Zerfall einer Reihe alter 

1 Wladimir Semjonowitsch Slepak (geb. 1927): Funkingenieur, beantragte 1970 
die Ausreise aus der Sowjetunion nach Israel, die ihm verweigert wurde. Danach 
engagierte er sich in der vom Staat verfolgten Moskauer Helsinki-Gruppe für 
Menschenrechte (gegr. 1976), 1978 zu fünf Jahren Verbannung verurteilt, ver¬ 
ließ das Land erst im Oktober 1987, lebt in Israel. 


113 


Kapitel 3 


jüdischer polinscher Parteien ... stärkte die Stellung der jüdischen Sek¬ 
tion ... Der >Bund<, die Zionisten-Sozialisten und Poale Zion [>Arbeiter 
Zions<] spalteten sich, und ein bedeutender Teil ihrer Parteiführer lief ins 
Lager der Sieger über und sagte sich von den Ideen des demokratischen 
Sozialismus los« - zum Beispiel M. Rafes, M. Frumkina-Esther, A. Wein¬ 
stein und M. Litwakow. 87 

Konnte es wahr sein — auch der »Bund«? Dieser in der Revolution des 
Jahres 1905 so kämpferische »Bund«, der sogar der Linie Lenins so un¬ 
versöhnlich gegenübergestanden hatte, der früher so kategorisch gewesen 
war, was die kulturelle und nationale Autonomie der Juden anging? Ja, 
auch der »Bund« ... »Nach der Etablierung der Sowjetmacht spaltete sich 
die Führung des »Bund« in Russland in Rechte und Linke (1920). Ein be¬ 
deutender Teil der Rechten emigrierte, die Linken lösten den »Bund« auf 
(1921) und ein Teil von ihnen wurde in die Kommunistische Partei der 
Bolschewiken aufgenommen.« 88 Unter den ehemaligen Bundisten ist der 
aalglatte David Saslawskij - er wurde für Jahrzehnte zum scharfzüngigen 
Star der Stalinschen Publizistik (die Diffamierungskampagne gegen [den 
Dichter] Mandelstam wie gegen Pasternak wurde in seine Hände gelegt). 
Daneben gibt es die Brüder Israil und Grigorij Leplewskij. (Für Israil 
wurde sofort ab 1918 die Tscheka zum Lebenswerk. Grigorij bekleidete ab 
1920 eine hohe Stellung im Volkskommissariat des Inneren, er war sogar 
bevollmächtigter Stellvertreter des Volkskommissars, später Vorsitzender 
des Kleinen Sownarkom der RSFSR, und von 1934 bis 1938 Stellvertre¬ 
tender Generalstaatsanwalt der UdSSR. 1939 fiel er den Repressionen 
zum Opfer.) Solomon Kotljar schaffte sofort den Sprung auf die Ebene 
eines Ersten Parteisekretärs in den Gouvernementskomitees von Oren- 
burg, Wologda und des Terek-Gebiets und im Orjoler Bezirksparteikomi¬ 
tee. Der Bundist Abram Heifez war nach dem Februar 1917 nach Russ¬ 
land zurückgekehrt, er gehörte in der Ukraine dem Präsidium des Haupt¬ 
komitees des »Bund« und seinem Zentralkomitee an. Im Oktober 1917 
stand er jedoch bereits aufseiten der Bolschewiken und zählte ab 1919 zur 
Spitze der Komintern. 89 

Nach 1917 schlossen sich die linken Flügel der Zionisten-Sozialisten 
und der Jüdischen Sozialistischen Arbeiterpartei (SERP) den linken Bun¬ 
disten an, 1919 wurden sie in die Kommunistische Partei (RKP) aufge¬ 
nommen, desgleichen 1921 der linke Flügel von Poale Zion. 90 (Gemäß 


114 



Bei den Bolschewiken 


einer Erhebung der Kommunistischen Partei zählte diese noch 1926 an¬ 
nähernd 2500 ehemalige Bundisten zu ihren Mitgliedern. Natürlich 
kamen manche von ihnen später unter die Räder: »Unter Stalin wurden 
die meisten von ihnen grausam verfolgt.« 91 ) 

Bikerman ruft aus: »Der Bund, der sich als Vertreter der jüdischen Ar- 
beitermassem dargestellt hatte, schloss sich mit dem größeren und aktive¬ 
ren Teil seiner Mitglieder den Bolschewiken an!« 92 

David Asbel erklärt sich in seinen Memoiren die Motive eines solchen 
Überlaufens teilweise am Beispiel seines Onkels, des etwas weiter oben er¬ 
wähnten Aron Isaakowitsch Weinstein, eines wichtigen Bundisten: »Frü¬ 
her als andere begriff er, dass seine Partei ebenso wie die anderen sozialis¬ 
tischen Parteien dem Untergang geweiht war ... Ihm war auch klar, dass 
er nur dann überleben und sich für die Interessen der Juden einsetzen 
konnte, wenn er sich den Bolschewiken anschloss.« 93 

Wie viele hatten wohl dasselbe Motiv für ihren Wechsel zu den Kom¬ 
munisten - erstens, zu überleben, und zweitens, die Interessen der Juden 
zu verteidigen? Für eine gewisse Zeit gelang ihnen sowohl das eine wie das 
andere. 

Nicht weniger bemerkenswert ist, dass auch die anderen sozialistischen 
Parteien - die Sozialrevolutionäre und die Menschewiken, in deren Par¬ 
teiführung die Juden bekanntlich zahlreich vertreten waren - nach den 
Oktobergeschehnissen keineswegs wie eine steinerne Mauer gegen den 
Bolschewismus standen. Geflissentlich sahen sie sogar darüber hinweg, 
dass die Bolschewiken ihre Konstituierende Versammlung gesprengt hat¬ 
ten, sie zeigten nur Verlegenheitsgesten und Schwanken, spalteten sich 
ebenfalls, erklärten sich im Bürgerkrieg bald als neutral, bald nahmen sie 
eine abwartende Haltung ein, und die Sozialrevolutionäre öffneten für die 
Bolschewiken ein Teilstück der Ostfront und machten sich daran, im Rü¬ 
cken der Weißen Zersetzungsarbeit zu betreiben. 

Aber auch unter den Anführern des Arbeiterwiderstands gegen die Bol¬ 
schewiken 1918 stößt man auf jüdische Namen. Von den 26 Unterzeich¬ 
nern eines im Taganka-Gefängnis [in Moskau] verfassten »Offenen Brie¬ 
fes der Gefangenen, betreffend den Arbeiterkongress« sind erkennbar ein 
Viertel Juden. 94 Die Bolschewiken waren auch gegenüber diesen Men¬ 
schewiken erbarmungslos. Im Sommer 1918 wurde die Erschießung des 
großen Menschewikenfuhrers R. Abramowitsch nur durch einen Brief an 


115 



Kapitel 3 


Lenin verhindert, der aus einem österreichischen Gefängnis von dem dort 
schließlich begnadigten Friedrich Adler kam, der 1916 den Premiermi¬ 
nister Österreichs ermordet hatte. Grigorij Binstock und Semjon Wein¬ 
stein blieben standhaft - sie wurden nach zahlreichen Verhaftungen 
schließlich ins Ausland ausgewiesen. 95 

Im Februar 1921 unterstützten die Menschewiken in Petrograd zwar 
die Kundgebungen der hungrigen und betrogenen Arbeiter und stachel¬ 
ten sie zu Protesten und Streiks an, doch gingen sie zu unentschlossen vor. 
Es fehlte ihnen der Mut, sich an die Spitze dieser Bewegung zu setzen, als 
es zum Kronstädter Aufstand kam. Büßen mussten sie dann trotzdem 
dafür. 

Nicht wenige Menschewiken sind bekanndich auch zu den Bolschewi¬ 
ken übergelaufen - der Wechsel des Parteiabzeichens stellte hier ja keine 
Schwierigkeit dar. Einer, der sich »anschloss«, war Boris Magidow (er 
wurde Leiter der Politabteilung bei der 10. Armee, später im ganzen Don- 
bass-Gebiet, Sekretär der Gouvernementskomitees von Poltawa und Sa¬ 
mara und ZK-Instrukteur). Direkte Überläufer waren Abram Deborin (er 
schwang sich unter den Roten zu hohen Professorenehren auf und gab vor 
uns allen seine Weisheiten vom dialektischen und historischen Materia¬ 
lismus von sich) und Alexander Goichbarg (Sibirisches Revolutionskomi¬ 
tee, Ankläger im Prozess gegen die Koltschak-Minister, im Kollegium des 
Volkskommissariats für Justiz, brachte es bis zum Vorsitzenden des Klei¬ 
nen Sownarkom). Manche, wie I. Ljachowezkij-Majskij, hielten sich 
lange, bis es zu ihrer Verhaftung kam 96 , zahlreiche andere wurden zer¬ 
malmt, beginnend beim Prozess gegen das vorgebliche »Unionsbüro der 
Menschewiken« 1931, das ein reines Fantasieprodukt war (auch Gimmer- 
Suchanow, im März 1917 taktischer Theoretiker des Exekutivkomitees, 
geriet in diese Mühle); in der ganzen Sowjetunion wurde mit großen Raz¬ 
zien nach ihnen gefahndet. 

Unter den Überläufern aus der Sozialrevolutionären Partei ist Jakow 
Liwschiz hervorzuheben: Seit 1919 Stellvertretender Vorsitzender der 
Gouvernements-Tscheka in Tschernigow und danach in Charkow, später 
Vorsitzender der Gouvernements-Tscheka Kiew, machte er rasch Karriere 
bis hin zum Stellvertretenden Vorsitzenden der Staatlichen Politischen 
Verwaltung (GPU) der Ukraine. Von den kommunistischen Anarchisten 
schlug sich Lasar Kogan auf die Seite der Bolschewiken (Sonderabteilung 


116 



Bei den Bolschewiken 


der Armee, Stellvertretender Kommandeur der Tscheka-Truppen, ab 
1930 stand er der Obersten Lagerverwaltung (Gulag) vor, ab 1931 war er 
Leiter des Weißmeerkanalbaus des Volkskommissariats des Inneren 
(NKWD). Man findet aber auch sehr verschlungene Lebenswege: Ilja Kit- 
Wijtenko, Leutnant der österreichischen Armee, gerät in russische Ge¬ 
fangenschaft; er arbeitet sich bei den Bolschewiken in die unteren Kom¬ 
mandeursgrade der Tscheka bzw. GPU und später der Armee vor und ist 
in den 30er-Jahren einer der Reformer der Roten Arbeiter- und Bauern- 
axmee (RKKA). Er war 20 Jahre lang inhaftiert ,, 97 

Kommen wir zu den Zionisten. Wir erinnern uns, dass sie 1906 be¬ 
schlossen und verkündet hatten, sie dürften im Kampf, den ganz Russland 
gegen das Joch der Autokratie führte, nicht abseits stehen, sondern wür¬ 
den sich ihm aktiv anschließen. Im Gegensatz dazu erklärten sie im Mai 
1918, als ganz Russland unter einem nicht geringeren Joch stöhnte, dass 
sie in Fragen der innerrussischen Politik nun Neutralität bewahren wür¬ 
den, »offensichtlich in der Hoffnung, einer Beschuldigung wegen konter¬ 
revolutionären Verhaltens« seitens der Bolschewiken »zuvorkommen zu 
können« 98 . Zuerst funktionierte dies auch. 1918 und in der ersten Hälfte 
des Jahres 1919 wurden sie von den Bolschewiken nicht behelligt, im 
Sommer 1918 hielten sie in Moskau noch den allrussischen Kongress der 
jüdischen Gemeinden und in Hunderten von Gemeinden die »Palästina¬ 
woche« ab, ihre Zeitungen konnten ungehindert erscheinen, die Jugend¬ 
organisation »Hechaluz« [»Pionier«] wurde gegründet. 99 Im Frühjahr 
1919 begannen die lokalen Behörden hie und da die zionistische Presse zu 
verbieten. Im Herbst 1919 wurden einige Zionisten verhaftet (»Spionage 
für England«). Im Frühjahr 1920 veranstalteten die Zionisten in Mos¬ 
kau ihre allrussische Konferenz, und nun wurden sämdiche Teilnehmer 
(90 Personen) ins Butyrka-Gefängnis geworfen; einige von ihnen wurden 
zu Freiheitsstrafen verurteilt, eine aus Amerika angereiste jüdische Ge¬ 
werkschaftsdelegation konnte jedoch ihre Freilassung erwirken. »Das 
Tscheka-Präsidium erklärte die zionistische Organisation als konterrevo¬ 
lutionär und untersagte ihr die Betätigung innerhalb Sowjetrusslands ... 
Von da an begann für die Zionisten die Zeit des Untergrunds.« 100 

Der tiefsinnige M. Heifez ruft in Erinnerung, dass der Oktoberumsturz 
zeidich genau mit der Balfour-Erklärung zusammenfiel, dem ersten reel¬ 
len Schritt auf dem Weg zur Schaffung einer selbstständigen jüdischen 


117 




Kapitel 3 


Staatlichkeit. Und was ist geschehen? »Ein Teil der jüdischen Generation 
beschreitet den Weg Herzls und Jabotinskys. Der andere [wesendich grö¬ 
ßere - A. S.] Teil hat der Versuchung nicht widerstehen können und ver¬ 
stärkt jetzt die Lenin-, Trotzkij- und Stalin-Bande« (dasselbe war Chur¬ 
chills Befürchtung gewesen). »Der Weg Herzls schien damals langwierig 
und fast irreal. Der Weg Trotzkijs und Bagrizkijs dagegen ermöglichte es 
den Juden, sofort wieder Rückgrat zu bekommen und in Russland nicht 
nur zur gleichgestellten, sondern zur privilegierten Nation zu werden.« 101 

Hier ist der bekannteste Überläufer natürlich Lew Mechlis (von Poale 
Zion). Seine Karriere ist weithin bekannt: Er war in Stalins Sekretariat 
ebenso wie im Redaktionskollegium der »Prawda«, war Leiter der Politi¬ 
schen Hauptverwaltung der Roten Armee, Erster Stellvertretender Volks¬ 
kommissar für Verteidigung und Volkskommissar ftir staatliche Kontrol¬ 
le. Er hatte 1942 unsere Krim-Landungstruppen auf dem Gewissen. 
Nachdem er noch dem ZK-Organisationsbüro angehört hatte, erhielt er 
ein Ehrengrab in der Kremlmauer. 102 

Natürlich gab es im russischen Judentum auch eine bedeutende 
Schicht, die den Bolschewismus nicht annahm. Die Rabbiner, die Privat¬ 
dozenten, die bekannten Ärzte und die große Masse der Durchschnitts¬ 
bürger zeigten den Bolschewiken die kalte Schulter. Tyrkova fuhrt die 
oben zitierte Passage ihres Werks wie folgt fort: »Dieses Übergewicht der 
Juden innerhalb der sowjetischen Behörden trieb jene russischen Juden 
zur Verzweiflung, die trotz der grausamen Ungerechtigkeiten des Zaren¬ 
regimes Russland als ihre Heimat ansahen, die ihr Leben und ihre An¬ 
schauungen mit der russischen Intelligenzija teilten und sich genauso wie 
diese weigerten, in irgendeiner Weise mit den Bolschewiken zusammen¬ 
zuarbeiten.« 103 Diese Juden aber konnten ihre Stimme damals nicht öf¬ 
fentlich geltend machen, und die Seiten unseres Buches werden natürlich 
nicht von ihren Namen beherrscht, sondern von denen der Sieger, die den 
Gang der Ereignisse lenkten. 

Etwas separat treten zwei berühmt gewordene, 1918 von jüdischer 
Hand gegen die Bolschewiken unternommene terroristische Akte hervor: 
der Mord an Urizkij durch Leonid Kannegisser und Fanny Kaplans At¬ 
tentat auf Lenin. Auch in dieser Hinsicht war es jüdisches Schicksal, unter 
den Ersten zu sein! Nun, bei den Schüssen auf Lenin handelte es sich eher 
um eine Rache der Sozialrevolutionäre. Was aber Kannegisser betrifft, der 


118 



Bei den Bolschewiken 


aus erblichem, von seinem Großvater auf ihn gekommenem Adel stamm¬ 
te und im Sommer 1917 in die Offiziersschule aufgenommen worden war 
(er war übrigens mit dem Dichter Sergej Jessenin befreundet), so stimme 
ich der Deutung Mark Aldanovs zu: Der Auslöser waren hier die Gefüh¬ 
le eines Juden gewesen, der wollte, dass den Namen Urizkij und Sinow- 
jew in den Augen des russischen Volkes und in den Augen der Geschich¬ 
te ein anderer jüdischer Name entgegenstand. In diesem Geiste übergab 
er vor dem Attentat seiner Schwester eine Notiz, dies sei seine Rache für 
den Frieden von Brest. Es mochte auch ein Gefühl der Beschämung wegen 
der Beteiligung der Juden an der Etablierung der bolschewistischen Macht 
mitgespielt haben, auch der Wunsch nach Vergeltung für die Hinrichtung 
seines Kameraden aus der Artillerieschule durch die Petrograder Tscheka. 

Übrigens sind in letzter Zeit neue Untersuchungen über die dubiosen 
Umstände beider Attentate erschienen. 104 Es gibt sehr überzeugende Er¬ 
wägungen, dass Fanny Kaplan gar nicht auf Lenin geschossen hat, sondern 
nur verhaftet worden ist, um »die Ermitdungen abschließen« zu können 
- dass sie also ein Opfer war, das gerade ins Konzept passte. Es wird auch 
argumentiert, die Behörden hätten alles so eingerichtet, dass Kannegisser 
schließlich einen Schuss abgeben konnte. Das Letztere bezweifle ich stark: 
Nur um einer Provokation willen hätten die Bolschewiken nicht ihren ge¬ 
schätzten Tscheka-Vorsitzenden ans Messer geliefert. Irritierend ist aller¬ 
dings eines: Während des später einsetzenden Roten Terrors, als im Land 
Tausende unter die Sippenhaft fielen und Unschuldige, die wirklich gänz¬ 
lich unbeteiligt waren, erschossen wurden, wurde die ganze Familie Kan- 
negissers aus dem Gefängnis endassen und konnte bald darauf aus dem 
Land ausreisen - das sah den Bolschewiken nun gar nicht ähnlich! Oder 
hatte es hier mächtige Fürsprecher in der obersten Riege der Bolschewi¬ 
ken gegeben? Aus einer Publikation aus jüngerer Zeit erfahren wir sogar, 
dass die Verwandten und Freunde Leonid Kannegissers Pläne für einen 
bewaffneten Angriff auf die Petrograder Tscheka schmiedeten, um ihn zu 
befreien; später wurden sie alle aus der Haft endassen und konnten in Pe¬ 
trograd unbehelligt weiterleben. Die Erklärung für diese ungewöhnliche 
Milde der bolschewistischen Machthaber wird darin gesehen, dass diese es 
sich nicht mit den einflussreichen Petrograder jüdischen Kreisen verder¬ 
ben wollten. Die Kannegisser-Familie hing weiterhin dem jüdischen 
Glauben an, und Rosalia Eduardowna, die Mutter Kannegissers, sagte bei 


119 



Kapitel 3 


einem der Verhöre aus, ihr Sohn habe Urizkij getötet, weil dieser »vom Ju¬ 
dentum abgefallen« sei. 105 

Hier ein weiterer jüdischer Name, der zu Unrecht viel zu wenig bekannt 
ist, obwohl er es verdient hätte, berühmt zu werden: Alexander Abramo- 
witsch Wilenkin, ein Held des antibolschewistischen Untergrunds. 1914 
geht er mit gerade einmal 17 Jahren freiwillig zur Kavallerie und zieht in 
den Krieg; er wird vier Mal mit dem Georgskreuz ausgezeichnet. Zum Of¬ 
fizier befördert, ist er zum Zeitpunkt der Revolution bereits Stabs-Ritt¬ 
meister. 1918 gehört er der Untergrundorganisation »Bund zur Verteidi¬ 
gung Russlands und der Freiheit« an. Er fällt den Tschekisten nur deshalb 
in die Hände, weil er nach dem Zusammenbruch der Organisation noch 
zurückgeblieben ist, um Unterlagen zu vernichten. Gesammelt, klug, 
energisch und mit einer unversöhnlichen Haltung gegenüber den Bol¬ 
schewiken inspiriert er im Untergrund wie in den Gefängnissen viele an¬ 
dere zum Widerstand - und natürlich erschießen ihn die Tschekisten. 
(Die Informationen über Wilenkin stammen von Wassilij Fjodorowitsch 
Klementjew, Hauptmann der russischen Armee, der 1918 im Untergrund 
sein Kamerad und 1919 im sowjetischen Gefängnis sein Zellengenosse 
war.) 106 

Wir gedenken dieser Kämpfer gegen den Bolschewismus - mit ihren 
ganz unterschiedlichen Beweggründen - auch als Juden. Bedauerlich, dass 
es so wenige gab—wie ja überhaupt alle vereinigten weißen Kräfte im Bür¬ 
gerkrieg nicht zahlreich waren. 


* 


Der Sieg der Bolschewiken wurde auch durch einen ganz im Stillen, im 
Alltag stattfindenden Vorgang zementiert: Aus dem ganzen früheren An¬ 
siedlungsrayon strömten unaufhörlich Verwandte in die Nähe jener her¬ 
bei, die Posten in den Machtorganen der Bolschewiken und damit auch 
alle möglichen Vorteile im praktischen Leben ergattert hatten, vor allem 
in den Hauptstädten mit ihren von geflüchteten »Ehemaligen« hinterlas- 
senen »herrenlosen« Wohnungen. Dies war eben jener bereits angespro¬ 
chene »große Exodus«. G. A. Landau schreibt: »Die Juden näherten sich 
der Macht an, sie übernahmen hie und da Spitzenpositionen im Staat... 
Es ergab sich natürlich ganz von selbst, dass sie ihre Verwandten, Be- 


120 



Bei den Bolschewiken 


kannten, Kindheitsfreunde und Jugendfreundinnen etc. nachholten - wie 
dies eine jede Gesellschaftsschicht tut ... Der ganz natürliche Vorgang, 
dass man Ämter an Menschen vergab, die man kannte, denen man ver¬ 
traute, die man protegierte, auch an solche schließlich, die einem - Be¬ 
kanntschaft, Verwandtschaft oder Beziehungen ausnutzend - zusetzten 
und sich aufdrängten, ließ die Zahl der Juden im sowjetischen Apparat 
ungewöhnlich stark hochschnellen.« 107 Wir reden gar nicht einmal davon, 
wie viel Verwandtschaft sich um Sinowjews Frau Lilina herum breit mach¬ 
te, auch nicht von der legendär großzügigen Vergabepraxis Sinowjews bei 
der Versorgung »seiner Leute« mit Posten. Hier handelt es sich lediglich 
um ein auffälliges Beispiel, doch eigentlich ging die Umsiedlung im Stil¬ 
len und nicht sofort wahrnehmbar vor sich - und zu Zehntausenden. Aus 
Odessa kamen Massen nach Moskau. (Sogar Trotzkij schanzte ja seinem 
nicht allzu sehr geliebten Vater eine Sowchose unweit von Moskau zu.) 
Diese Ortswechsel lassen sich auch in den Biografien mitverfolgen, wie 
zum Beispiel derjenigen David Asbels (nicht zu verwechseln mit Mark 
Asbel): 1919 zog er, noch ein ganz junger Bursche, aus seinem Geburtsort 
Tschernigow ungehindert nach Moskau, wo bereits zwei seiner Tanten 
lebten. Zunächst wohnte er bei der einen in der Gagarin-Gasse (es han¬ 
delte sich um die schon erwähnte Tante Ida 1 , »eine erfolgreiche Ge¬ 
schäftsfrau, die der Ersten Moskauer Kaufmannsgilde angehörte«, ihr 
Mann war einer der Rückkehrer aus Amerika). Später zog er zu seiner an¬ 
deren Tante Ljolja in das »1. Haus der Sowjets« (das heutige Hotel »Na¬ 
tional«), wo der hohe sowjetische Parteiadel wohnte. Von ihrem Nach¬ 
barn, dem später berühmt gewordenen Ulrich, ist das Bonmot überliefert: 
»Eigenartig, dass im >National< keine Synagoge eröffnet wird. Es leben 
doch fast nur Juden hier.« Die aus St. Petersburg umgesiedelte sowjetische 
Elite ließ sich im »2. Haus der Sowjets« (dem heutigen Hotel »Metropol«) 
sowie im 3., 4. und 5. Haus der Sowjets (die sich im Geistlichen Seminar 
in der Boshedomskij-Gasse, in der Mochowaja-Wosdwishenka-Straße 
und der Scheremetjew-Gasse befanden) nieder: Für die Bewohner stand 
ein Restaurant zur Verfügung, außerdem erhielten sie »über einen nur für 
sie eingerichteten Verteiler üppige Delikatessenlieferungen. Kaviar, Käse, 
Butter und Störrücken verschwanden nie von ihren Tischen« (und das im 


1 Vgl. Solschenizyn, Russ.-jüd. Geschichte , S. 483. 


121 



Kapitel 3 

Jahr 1920). »Alles waren Sondereinrichtungen, eigens für die neue Elite: 
Kindergärten, Schulen, Klubs, Bibliotheken.« (In ihrer »Experimental- 
und Musterschule« wird 1921/22, im Jahr der tödlichen Hungerkatastro¬ 
phe an der Wolga und der Hilfe der »American Relief Administration« 
(ARA), die Schulkantine aus eben jenem ARA-Fonds mit »»amerikani¬ 
schem Frühstück< versorgt: süßem Reisbrei, Kakao, Weißbrot und Eier¬ 
kuchen«. Dabei »dachte keiner mehr daran, wie sie eben noch [im Unter¬ 
richt] krakeelt hatten, dass man alle Bourgeois an den Laternenpfählen 
aufknüpfen müsse«.) »Die Knirpse aus den Nachbarhäusern hassten die 
aus den >Sowjethäusern< wie die Pest und verdroschen sie bei der erstbes¬ 
ten Gelegenheit erbarmungslos.« Dann kam die Zeit der Neuen Ökono¬ 
mischen Politik (NÖP), und »die Bewohner des »Nationah begannen ... 
in komfortable Wohnungen und Villen umzuziehen, die früher den Aris¬ 
tokraten und der Bourgeoisie gehört hatten«. Was tun, als 1921 »der Som¬ 
mer im schwülen Moskau bevorstand«? Man lud auf die Datscha im Um¬ 
land von Moskau ein, auf ein konfisziertes Landgut. Dort »war alles 
wie zu Zeiten der früheren Besitzer geblieben«. Nur schottete man diese 
Besitzungen jetzt durch hohe Mauern ab und stellte eine Wache vors 
Tor. Die Kommissarinnen fuhren nun mit ihren Kindern in die besten 
ausländischen Urlaubsorte. Inmitten des Niedergangs, der Mangelwirt¬ 
schaft und der Warenschiebereien jener Zeit bereicherten sie sich durch 
lukrative Verkaufs- und Spekulationsgeschäfte. »Nachdem sie Kaufleuten, 
die ins Ausland flohen, eine enorme Menge an Stoffen zu einem Spott¬ 
preis abgekauft hatten«, verkauften Tante Ida und Onkel Mischa diese 
unter der Hand weiter und wurden damit »wahrscheinlich zu den reichs¬ 
ten Leuten Moskaus«, doch 1926 erhielt der Onkel eine Freiheitsstrafe 
von fünf J ahr en wegen »volkswirtschaftlicher Konterrevolution«. Am 
Ende der NÖP-Phase gab man ihm zusätzlich zehn Jahre Lagerhaft 
dazu. 108 

»Als die Bolschewiken >die Regierung wurdem, drängte außerdem di¬ 
verses jüdisches Lumpenproletariat in ihre Nähe, das hier zum ersten Mal 
eine Möglichkeit erblickte, an den staadichen Kuchen heranzukom¬ 
men.« 109 Da offener Handel und privates Unternehmertum offiziell ver¬ 
boten waren, vollzog sich im Familienalltag vieler jüdischer Familien ein 
Umbruch: »Mit den Personen reiferen Alters ging es größtenteils bergab, 
dafür aber machten junge Burschen und Mädchen, die keinen geistigen 


122 



Bei den Bolschewiken 


und sozialen >Ballast< mitschleppten, Karriere und wurden plötzlich zu Er¬ 
nährern ihrer älteren Familienmitglieder ... Daher kommt auch die große 
Zahl der Juden im sowjetischen Apparat.« Man bemerke: Der Autor recht¬ 
fertigt diesen Vorgang nicht als den »einzigen Ausweg«, sondern sieht vol¬ 
ler Bitternis das Essenzielle: »Dieser zerstörerische Prozess traf im jüdi¬ 
schen Milieu nicht auf den angemessenen Widerstand«, sondern fand 
»willige Vollzieher und einen günstigen Nährboden«. 110 

So trat eine Vielzahl von Juden in die sowjetische Herrscherklasse ein. 

Konnte dies, so gut es auch bemäntelt wurde, den Augen der russischen 
Unterschicht verborgen bleiben? 

Wie reagierte der Durchschnittsbürger darauf? Er tat es mit Kalauern - 
»Rosa aus dem Sownarchos, der Mann von Rebekka aus der Tscheka« — 
oder mit Witzeleien, wie sie in Moskau schon ab 1918 zahlreich in Um¬ 
lauf waren: »Tee von Wysozkij, Zucker von Brodskij im Russland von 
Trotzkij«. Aus der Ukraine schallte es zurück: »Jetzt mal hoppla, auf geht’s, 
los, die Jidden sind jetzt hier der Boss!« 

Inoffiziell flüsterte man sich die Parole zu: »Keine Juden in die Sowjets!« 

Besorgt schrieben 1924 die Autoren des Sammelbands »Russland und 
das russische Judentum«: Natürlich sei klar, »dass nicht alle Juden Bol¬ 
schewiken und nicht alle Bolschewiken Juden sind, aber man braucht jetzt 
auch nicht lange, um zu belegen, wie maßlos und vor allem wie maßlos 
übereifrig sich die Juden an der Misshandlung des halb toten Russlands 
durch die Bolschewiken beteiligt haben. Eingehend sollte man vielmehr 
klären, wie diese Beteiligung der Juden an dem Vernichtungswerk sich auf 
das Bewusstsein des russischen Volkes auswirken muss. Die russischen 
Menschen haben niemals früher Juden an der Macht erlebt.« 111 

Jetzt aber erlebte man sie auf Schritt und Tritt, und ihre Macht war bru¬ 
tal und schrankenlos. 

»Bei der ganzen Frage der Verantwortung des Judentums für die jüdi¬ 
schen Bolschewiken müssen wir in erster Linie die Psychologie der Nicht¬ 
juden, all jener russischen Menschen, die unmittelbar unter den Gräuel¬ 
taten gelitten haben, berücksichtigen ... Jene Juden, die im öffentlichen 
Leben stehen und den blutigen Tragödien in der Zukunft Vorbeugen ... 
und das russische Judentum vor Pogromen bewahren möchten, müssen 
diese Tatsache im Auge haben.« 112 »Man muss die psychologische Reak¬ 
tion der russischen Menschen begreifen, wenn sie sich plötzlich der Macht 


123 


Kapitel 3 


dieses ganzen verkommenen Abschaums ausgesetzt fühlen, mit seiner 
Überheblichkeit und Rohheit, seiner Selbsteingenommenheit und Flegel¬ 
haftigkeit.« 113 

Der Geschichte zu gedenken sollte keine Abrechnung miteinander sein. 
Es sollte nicht um gegenseitige Beschuldigungen gehen, sondern darum, 
zu erklären, wie es zu so einer übermäßigen Beteiligung der Juden am Auf¬ 
stieg (1918) eines Staates kam, der nicht nur empfindungslos gegenüber 
dem russischen Volk und ohne organische Verbindung zur russischen Ge¬ 
schichte war, sondern seinen Einwohnern auch alle Extreme des Terrors 
bescherte. 

Die Frage des jüdischen Mitwirkens bei den Bolschewiken ist nicht e ine 
Frage der »Fremdartigkeit« oder »Andersartigkeit« dieser Macht. Wenn 
wir von der Überfülle jüdischer Namen in der Führung des revolutionä- 
ren Russlands sprechen, bietet sich ja ein im Grunde nicht neues Bild: Wie 
viele deutsche und baltische Namen hatte es nicht 150 oder 200 Jahre lang 
in der Führung des zaristischen Russlands gegeben? Die Frage ist vielmehr, 
in welche Richtung diese Macht das Land und das Volk lenkte. 

Aber auch D. Pasmaniks Überlegung ist wichtig: »Es sollen einmal alle 
verständigen russischen Menschen eine Frage beantworten: Hätte der Bol¬ 
schewismus, auch mit Lenin an der Spitze, siegen können, wenn es in 
Russland ein sattes, mit Land versorgtes und mit den Segnungen der Kul¬ 
tur bedachtes Bauerntum gegeben hätte? Hätten damals alle »Weisen von 
Zion« zusammengenommen, sogar unter der Leitung eines Trotzkij, die¬ 
sen großen revolutionären Aufruhr bewerkstelligen können?« 114 Er hat 
Recht: Sie wären natürlich nicht dazu imstande gewesen. 

Doch dies schmälert nicht die Dringlichkeit, mit der sich die Juden Ge¬ 
danken über die jüdischen Bolschewiken machen sollten. Sie sollten sich 
von diesem Abschnitt der Geschichte betroffen fühlen, und dies bis zum 
heutigen Tag. Ihr Nachdenken sollte im Geist einer nüchternen ge- 
schichdichen Betrachtung stattfinden und nicht die massenhafte Beteili¬ 
gung der Juden an der Verwaltung und an den bestialischen Taten der Bol¬ 
schewiken leichthin abtun, es habe sich hierbei um den Abschaum ge¬ 
handelt, der sich vom Judentum gelöst habe - warum sollten hier also die 
einen ftir die anderen zur Verantwortung gezogen werden? 

D. M. Sturman erinnert mich zu Recht an meine eigenen Worte über 
sämdiche kommunistischen Führer aus jeder beliebigen Nation: »Sie 


124 



Bei den Bolschewiken 


alle haben sich, indem sie sich der Unmenschlichkeit verschrieben haben, 
vom Volk, dem sie entstammen, entfernt.« 115 Das stimmt. Doch auch 
die Worte Pasmaniks aus den 20er-Jahren sind richtig: »Wir können es 
nicht bei der Erklärung bewenden lassen, das jüdische Volk sei nicht für die 
einen oder anderen Handlungen einzelner seiner Mitglieder zur Verant¬ 
wortung zu ziehen. Wir sind für Trotzkij verantwortlich, solange wir uns 
nicht von ihm abgrenzen.« 116 Sich abzugrenzen ist aber nicht dasselbe wie 
etwas einfach abzutun, es bedeutet im Gegenteil, klar und deudich seine 
Missbilligung gegenüber dem Handeln solcher Menschen auszusprechen, 
mit absoluter Konsequenz, und die Lehren fiir sich daraus zu ziehen. 

Nach eingehender Auseinandersetzung mit der Biografie Trotzkijs stim¬ 
me ich der Meinung zu, dass Trotzkij in seinen Affinitäten nichts spezi¬ 
fisch Jüdisches an den Tag legte, sondern ein leidenschafdicher Interna- 
donalist war. Bei einem solchen Stammesgenossen wäre es ja vielleicht am 
einfachsten gewesen, ihn zu verurteilen? Doch sobald Trotzkijs Stern seit 
dem Herbst 1917 am Aufsteigen war, sahen zu viele Menschen ein Objekt 
ihres Stolzes in ihm, und er wurde unter den radikalen linken Kreisen des 
amerikanischen Judentums fast zu einem Idol. 

Doch von »amerikanisch« konnte eigentlich nicht die Rede sein! In den 
50er-Jahren saß, damals noch ein ganz junger Mann, Wladimir Gerschuni 
mit mir in Lagerhaft, ein leidenschafdicher Sozialist und Internadonaiist, 
an dem kein Anflug von Religiosität oder zumindest jüdischen Bewusst¬ 
seins erkennbar war. In den 60er-Jahren trafen wir uns in Freiheit wieder, 
und er übergab mir seine Aufzeichnungen. Darin fand ich die Aussage, 
Trotzkij sei der Prometheus des Oktober, und dies nicht aus irgendeinem 
Grund, sondern haargenau weil Trotzkij Jude war: »Nicht weil er als sol¬ 
cher geboren wurde, sondern weil er ein Kind des prometheischen Volkes 
war, das noch so viel mehr für die Menschheit hätte tun können, wenn 
nicht Ketten heimlicher oder offener Feindschaft es an den Felsen dump¬ 
fer Bosheit geschmiedet hätten.« 

»Alle Forscher, welche die Beteiligung der Juden an der Revolution 
nicht gutheißen, neigen dazu, diesen Juden ihre Nadonalität nicht zuzu¬ 
gestehen. Diejenigen — darunter auch viele israelische Historiker -, wel¬ 
che die jüdische Hegemonie als Sieg des jüdischen Geistes interpretierten, 
haben deren Zugehörigkeit zum Judentum begeistert hervorgehoben.« 117 

Bereits in den 20er-Jahren, unmittelbar nach dem Bürgerkrieg, kur- 


125 



Kapitel 3 


sierten Argumente zugunsten eines Wegschiebens der Verantwortung. 118 
I. O. Lewin untersuchte sie im Sammelband »Russland und die Juden« (es 
seien nicht so viele Juden unter den Bolschewiken gewesen; es bestünde 
keine Handhabe, ein ganzes Volk ftir einzelne seiner Mitglieder zur Ver¬ 
antwortung zu ziehen; die Juden seien im zaristischen Russland verfolgt 
worden, und darum, ... im Bürgerkrieg hätten sie bei den Bolschewiken 
Schutz vor Pogromen gesucht, und darum ...) und entgegnete, es gehe ja 
»nicht um strafrechdiche Verantwortung«, die unweigerlich eine persön¬ 
liche Verantwortung sei, sondern um moralische Verantwortung. 118 

Pasmanikwar nicht der Ansicht, man würde sich von einer solchen mo¬ 
ralischen Verantwortung reinwaschen können, doch er suchte sich zu trös¬ 
ten: »Warum muss die Masse der Juden für die Scheußlichkeiten einzel¬ 
ner jüdischer Kommissare den Kopf hinhalten? Dies ist zweifellos zutiefst 
ungerecht. Aber ... dass die Juden in Kollektivhaftung genommen wer¬ 
den, beweist lediglich, dass die Existenz eines eigenen jüdischen Volkes an¬ 
erkannt wird. In dem Augenblick, wo die Juden aufhören, ein Volk zu sein 
und sich in Russen, Deutsche oder Engländer jüdischen Glaubensbe¬ 
kenntnisses verwandeln, befreien sie sich von der Last der kollektiven Ver¬ 
antwortung.« 119 

Das 20. Jahrhundert zeigte uns jedoch gerade die Anerkennung der 
Juden als Volk, das in Israel Anker geworfen hat. Die Übernahme kollek¬ 
tiver Verantwortung durch ein Volk — für das russische gilt das ebenso — 
und seine Fähigkeit zum Aufbau eines würdigen Lebens müssen aber 
Hand in Hand miteinander gehen. 

Ja, es gibt viele Gründe, warum die Juden zu den Bolschewiken liefen 
- und im Bürgerkrieg kamen weitere gewichtige Gründe dazu. Wenn aber 
bei den russischen Juden das Gedenken an diese Phase weiterhin vor allem 
von Selbstrechtfertigung bestimmt wird, dann sinkt das Niveau ihres Selbst¬ 
verständnisses oder wird verloren gehen. 

In derselben Weise könnten sich ja auch die Deutschen hinsichdich der 
Hiderzeit herausreden: »Dies waren keine echten Deutschen, sondern der 
Abschaum«, wir wurden nicht gefragt. Doch ein jedes Volk hat die mora¬ 
lische Verantwortung ftir seine Vergangenheit zu übernehmen - auch ftir 
die schmachvollen Seiten. Auf welche Weise kann es dies tun? Indem es 
den Versuch macht, zu begreifen: Warum hat man so etwas zugelassen? 
Worin lag hier unser Fehler? Könnte dies wieder geschehen? 


126 



Bei den Bolschewiken 


Dies ist der Geist, in dem sich das jüdische Volk der Verantwortung für 
seine revolutionären Mordgesellen und deren dienstwillige Chargen, die 
sich so leicht anheuern ließen, stellen muss, und dies nicht vor den Augen 
anderer Völker, sondern vor sich selbst und vor seinem Gewissen, vor 
Gott. So wie auch wir Russen die Verantwortung £ur die Pogrome tragen 
müssen, für die erbarmungslosen brandschatzenden Bauern, für die un¬ 
zurechnungsfähigen Revolutionssoldaten und für die Matrosen, die wie 
wilde Tiere wüteten. (Ich denke, dass ich diese plastisch genug in »Das 
Rote Rad« beschrieben habe. Hier werde ich nur ein Beispiel hinzufügen, 
nämlich den Rotgardisten Basow, der als Geleitsoldat für Schingarjow, 
einen Fürsprecher des Volkes und Verfechter der Wahrheit, eingeteilt war . 1 
Zuerst ließ sich Basow von der Schwester des Arrestanten ein Trinkgeld 
geben und dafür bezahlen, dass er den Gefangenen von der Peter- und 
Pauls-Festung in das Marienkrankenhaus eskortierte - dafür also, dass er 
Schingarjow keinen einzigen Moment der Freiheit ließ -, und einige Stun¬ 
den später, noch in derselben Nacht, führte er Matrosen ins Krankenhaus: 
Sie sollten Schingarjow und Kokoschkin erschießen . 120 In diesem absto¬ 
ßenden Typen steckt doch auch so viel von uns!!) 

Verantwortung tragen - damit meine ich: So Verantwortung überneh¬ 
men, wie wir es für die Mitglieder unserer Familie tun. 

Will man aber keine Verantwortung dafür übernehmen, wie die Mit¬ 
glieder des eigenen Volkes handeln, so verliert der Begriff Nation jeglichen 
lebendigen Sinn. 


1 Vgl. Solschenizyn, Russ.-jiid. Geschichte , S. 421. 


127 



Kapitel 4 

Im Bürgerkrieg 


T rotzkij brüstete sich einmal, dass er »sogar« zu Zeiten des Bürgerkrie¬ 
ges aus seiner Kommandozentrale im Eisenbahnwagon »Zeit fand«, 
sich mit den Neuerscheinungen der französischen Literatur bekannt zu 
machen. 

Er hat wohl nicht erfasst, was seine Worte aussagten. Nicht die Zeit ist 
wichtig, sondern der Platz, den er dafür in seinem Herzen fand, es blieb 
ihm noch Raum, zwischen Aufrufen »an die revolutionären Matrosen« 
oder die zwangsrekrutierten rotarmistischen Einheiten und dem knapp 
hingeworfenen Befehl, jeden Zehnten aus einer Einheit, die sich vom 
Feind hatte zurückdrängen lassen, zu erschießen; lange genug, um bei der 
Vollstreckung noch zugegen zu sein, blieb er dann nicht mehr. 

In den ausgedehnten Ebenen Russlands führte er einen blutigen Krieg. 
Die beispiellosen Leiden der Einwohner dieses Landes und ihr Schmerz 
ließen ihn kalt, auf den Flügeln des internationalistischen Rausches hob 
er sich weit, weit über all dies hinweg. 

Die Februarrevolution war sozusagen eine Revolution der Russen; 
So unbesonnen, fehlerhaft: und unheilvoll sie auch gewesen war, strebte 
sie doch nicht danach, alles, was aus dem früheren Leben stammte, zu¬ 
sammenzuschießen, das ganze frühere Russland auszuradieren. Doch so¬ 
fort nach dem Oktober 1917 nahm die Revolution internationale For¬ 
men an und wurde im Wesentlichen destruktiv. Sie nährte sich, indem 
sie die Vorgefundenen Strukturen verschlang und vernichtete. Alles, was 
erbaut war, sollte zertrümmert, alles, was angebaut war, requiriert, 
alles, was sich widersetzte, erschossen werden. Die Roten waren mit 
nichts Anderem als ihrem großen sozialen Experiment beschäftigt, das 
auf Wiederholung, Ausweitung und internationale Verwirklichung ab¬ 
zielte. 

Der mit solcher Leichtfüßigkeit, ohne langes Zaudern geführte Okto¬ 
berumsturz artete in einen auf vielen Schauplätzen ausgetragenen erbit- 


128 


Im Bürgerkrieg 


terten dreijährigen Bürgerkrieg aus, der allen Einwohnern Russlands un¬ 
sagbare blutige Leiden bescherte. 

Das unmenschliche Vorhaben und Experiment der Roten kumulierte 
mit der nationalen Vielfalt des ehemaligen Imperiums und der Schock¬ 
welle, die wie eine Art Rückstoß des nun beendeten Ersten Weltkrie¬ 
ges durch das Land lief. Vergleicht man die Umstände mit der Franzö¬ 
sischen Revolution, so hatten damals abgesehen von einer kurzfristigen 
Invasion feindlicher Truppen keine Ausländer auf dem Gebiet des 
Ein-Nationen-Staates Frankreich agiert. Jene Revolution und all ihre 
Schrecken trugen also von A bis Z nationale Züge. Die russische Revo¬ 
lution jedoch erhielt zusätzlich ein eigenes schreckliches Gepräge durch 
das außer Rand und Band geratene Völkerkonglomerat: Rotarmistische 
Letten (mit russischer Staatsbürgerschaft) und ehemalige deutsche bzw. 
österreichische Kriegsgefangene waren in umfangreichem Maße invol¬ 
viert, zum Teil waren sie sogar zu kompletten Regimentern zusammen¬ 
gefasst wie die Ungarn, auch eine nicht unbeträchdiche Anzahl von Chi¬ 
nesen war dabei, wenn auch das Gros der roten Kampftruppen natürlich 
von Russen gestellt wurde, die einen zusammengetrieben durch Mobili¬ 
sierungskommandos unter der Androhung erschossen zu werden, sollten 
sie sich weigern, andere wiederum eingetreten im aberwitzigen Glauben, 
sich eine glückliche Zukunft zu erfechten. In diesem bunten Völkerge¬ 
misch waren die Juden, auch sie russische Untertanen, niemals zu überse¬ 
hen. 

Der politisch aktive Teil des russischen Judentums, der die Herrschaft 
der Bolschewiken im zivilen Bereich Ende 1917 gestützt hatte, trat nun 
auch voller Entschlossenheit in die militärischen Strukturen der Bolsche¬ 
wiken ein. In den ersten Jahren nach den Oktobergeschehnissen, als der 
Rausch des Internationalismus noch nicht abgeklungen war, fiel die 
Macht in dem riesigen Land wie von selbst jenen in die Hände, die sich 
den Bolschewiken angeschlossen hatten. Die Schrankenlosigkeit dieser 
Machtfulle war überraschend für sie selbst, und bald begannen sie (die 
einen natürlich im Namen hoher Ideale, die anderen aus niederen Be¬ 
weggründen, »bei manchen war es sturer Fanatismus, bei anderen Anpas- 
sungsgeschick« 1 ) ihre Macht ohne Skrupel und ohne Scheu vor Kontrol¬ 
le auszunutzen. Dass der Bürgerkrieg bereits 1919 in ganz Südrussland 
Judenpogrome entfachen würde, die in ihrer Grausamkeit und hinsicht- 


129 


Kapitel 4 


lieh ihrer Opferzahl präzedenzlos waren, wäre damals niemand imstande 
gewesen sich auszumalen. 

Was ein Krieg unter Beteiligung vieler Nationalitäten bedeutete, kön¬ 
nen wir an jenem Morden ermessen, das die Roten bei der Niederschla¬ 
gung des Aufstands in der Kronstädter Festung im März 1921 veranstal¬ 
teten. Ein bekannter Sozialrevolutionär und Soziologe schreibt: »Drei 
Tage lang mordete und vergewaltigte der lettische, baschkirische, ungari¬ 
sche, tatarische, russische, jüdische und internationale Abschaum, dem 
niemand Schranken setzte und der im Blut- und Alkoholrausch wie von 
Sinnen war.« 2 

Andere Erinnerungen einfacher Bürger geben wieder, wie in der Stadt 
Tula am Dreikönigstag ein orthodoxer Umzug durch das Tor des Kreml 
schritt und von Salven einer »internationalen Einheit« niedergemäht 
wurde. 

Waren diese internationalen Trupps auch erbarmungslos, so wäre man 
doch mit der »Roten Garde« allein nicht ausgekommen. Die bolschewis¬ 
tischen Machthaber benötigten eine reguläre Armee. 1918 »stellte Lew 
Trotzkij mithilfe Skljanskijs und Jakow Swerdlows die Rote Armee auf«, 
in deren Reihen »viele Juden kämpften. Einige Verbände, zum Beispiel die 
Brigade des Iossif Furman, bestanden zur Gänze aus Juden.« 3 Im Kom¬ 
mando der Roten Arbeiter- und Bauernarmee (RKKA) wurden die jüdi¬ 
schen Kader mit der Zeit immer zahlreicher und machtvoller, was auch 
nach dem Bürgerkrieg über lange Jahre so blieb. Mehrere jüdische Auto¬ 
ren und Enzyklopädien behandelten die Mitwirkung von Juden in der Mi¬ 
litärführung. 

Der israelische Forscher Aron Abramowitsch erstellte in den 80er-Jah- 
ren anhand zahlreicher sowjetischer Publikationen, darunter dem Werk 
»50 Jahre Streitkräfte der UdSSR«, der »Sowjetischen Flistorischen Enzy¬ 
klopädie« und einer Sammlung von »Direktiven der Frontkommandos 
der Roten Armee« eigene detaillierte Namenslisten ausnahmslos von 
Juden auf, die beginnend mit dem Bürgerkrieg bis einschließlich des 
Zweiten Weltkrieges in der Roten Armee Führungspositionen innegehabt 
hatten. Diese Listen fuhren auch auf, von welchem bis zu welchem Datum 
der jeweilige Kommandeur seine Funktion bekleidet hatte. 


130 



Im Bürgerkrieg 


Blättern wir kurz die Seiten durch, die A. Abramowitsch dem Bürgerkrieg widmet. 4 
Es handelt sich um umfangreiche Listen, beginnend mit den Mitgliedern des Mili¬ 
tärischen Revolutionsrats der Republik (außer Trotzkij und E. Skljanskij gehörten 
diesem auch A. Rosengolz und Ja. Drabkin-Gussew an). Auf Anordnung Trotzkijs 
»wurden Frontkommandos mit entsprechenden Stäben und neue Armeen gebildet«, 
und »in fast allen militärischen Revolutionsräten der Frontkommandos und Armeen 
waren auch Juden vertreten« (der Autor zählt die bekanntesten Namen auf: D. Waj- 
man, Je. Pjatnizkij, L. Glesarow, L. Petscherskij, I. Slawin, M. Lissowskij, G. Bitker, 
Bela Kun, Brilliant-Sokolnikow, I. Chodorowskij). Bereits zuvor, zu Beginn des 
Bürgerkrieges, stand Urizkij dem »Außerordentlichen Stab des Petrograder Militär¬ 
bezirks« vor, und das Petrograder Komitee zur Verteidigung der Revolution umfasste 
unter anderem Swerdlow (Vorsitzender), Wolodarskij, Drabkin-Gussew, Ja. Fisch- 
man (von den linken Sozialrevolutionären) und G. Tschudnowskij. Ab Mai 1918 
gab es zwei Juden unter den insgesamt elf Mihtärbezirkskommissaren: E. Jaroslaw- 
skij-Gubelman in Moskau und S. Nachimson in Jaroslawl. Während des Krieges 
waren Juden auch als Armeekommandeure eingesetzt: M. Laschewitsch bei der 
3. bzw. später der 7. Armee der Ostfront, W. Lasarewitsch bei der 3. Armee der 
Westfront, G. Sokolnikow bei der 8., N. Sorkin bei der 9. und I. Jakir bei der 
14. Armee der Südfront. »Stabschefs der Armeen waren ...«, »in den Militärischen 
Revolutionsräten der Armeen waren jeweils ein oder zwei von drei Mitgliedern 
Juden« (es folgt eine Aufzählung für alle 20 Armeen). »Von den Divisionskomman¬ 
deuren waren Juden ...« (lange Aufzählung), »Kriegskommissare bei den Divisionen 
waren ...« (es folgt eine drei Mal so lange Liste jener fiir die ideologische Führung 
zuständigen Befehlshaber), »Stabschefs bei den Divisionen waren ... (lange Liste), 
»Brigadekommandeure ...«, »Brigadekommissare«, »Regiments- und Abteilungs¬ 
kommandeure ...« (kurze Liste), »Leiter der Politabteilungen ...«, »Vorsitzende 
der militärischen Revolutionsgerichte waren ...« »Besonders hoch war der prozen¬ 
male Anteil der Juden unter den politischen Mitarbeitern in allen Gliedern der Ro¬ 
ten Armee ...« »Eine bedeutende Rohe spielten die Juden bei der Belieferung der 
Fronten, Armeen und Divisionen. Wir nennen einige Namen ...« »Die Juden 
nahmen auch im Sanitätsdienst hohe Posten als Leiter der medizinischen Verwaltung 
bei den Frontkommandos und Armeen sowie als Oberärzte in Verbänden und 
Einheiten ein ...« Abramowitsch vermerkt ferner, dass »jene Juden, die ... Befehls¬ 
haber von Verbänden, Einheiten und Unterabteilungen wurden, sich durch ihren 
Mut, ihr Fleldentum und ihr Geschick als Heerführer auszeichneten«, doch »der 
summarische Charakter dieses Kapitels erlaubt es nicht, eine genauere Beschreibung 
der Heldentaten jüdischer Rotarmisten, Kommandeure und Politarbeiter einzufu¬ 
gen«. (In der Liste der Armeebefehlshaber wurde versehentlich Tichon Chwesin nicht 
genannt, der aufeinander folgend die 4. Armee der Ostfront, die 8. Armee der Süd¬ 
front, die Don-Heeresgruppe und die 1. Armee der Turkestanischen Front kom¬ 
mandierte 5 .) 

Zu manchen Befehlshabern findet man in der »Russischen Jüdischen Enzyklo¬ 
pädie« Ergänzungen und Erläuterungen. (An dieser Stelle bietet es sich an, auf diese 
Enzyklopädie hinzuweisen. 1994 begonnen - in einer neuen Zeit, als viele Ver- 


131 


Kapitel 4 


bore aufgehoben wurden —, traf sie die faire Wahl, über alles zu schreiben, ohne etwas 
zu verschweigen, auch über das, was heute kein Ruhmesblatt mehr darstellt.) 

Drabkin-Gussew wurde 1921 als Befehlshaber der Politischen Verwaltung der ge¬ 
samten Roten Armee eingesetzt. Später leitete er die Kommission für die Erfassung 
und Erforschung von Dokumenten zur Geschichte der Oktoberrevolution und der 
Kommunisdschen Partei (Istpart) und war eine prominente Persönlichkeit in der 
Komintern. Er erhielt ein Ehrengrab in der Kremlmauer. 

Michail Gaskowitsch-Laschewitsch leitete diverse Militärische Revolutionsräte 
und danach den Militärbezirk Sibirien und war Erster Stellvertretender Vorsitzender 
des Militärischen Revolutionsrats der UdSSR (beerdigt ist er jedoch nur auf dem 
Marsfeld 1 ). Israil Rasgon war militärischer Kommandeur im Stab des Petrograder Mi¬ 
litärbezirks (er schlug den Kronstädter Aufstand nieder), dann befehligte er die Rote 
Armee in Buchara (Niederschlagung des zentralasiatischen Aufstandes) und war im 
Stab der Schwarzmeerflotte. 

Boris Goldberg war Gouvernements-Militärkommandeur des Tomsker und spä¬ 
ter des Permer Gebiets, dann des Wolga-Militärbezirks und befehligte die Armee der 
Reserve der Republik, später war er »einer der Gründer der sowjeuschen Zivilluft¬ 
fahrt«. Modest Rubinstein war Stellvertretender Vorsitzender des Militärisch-Revo¬ 
lutionären Komitees der Sonderarmee und Leiter der Politischen Abteilung der Hee¬ 
resgruppe bei der Armee. Boris Ippo war Leiter der Polidschen Verwaltung der 
Schwarzmeerflotte. (Später wurde er zur Politischen Verwaltung der Ostseeflotte und 
jener der Turkestanischen Front versetzt, war Leiter der Politischen Verwaltung des 
Militärbezirks Mittelasien und der Kaukasischen Armee.) Michail Landa war Leiter 
der Politischen Abteilung der Armee, danach Stellvertretender Leiter der Polidschen 
Verwaltung der Roten Arbeiter- und Bauern-Armee (später war er Leiter der Polid¬ 
schen Verwaltung des Weißrussischen und danach des Sibirischen Militärbezirks). 

Lew Berlin war Kommissar der militärischen Wolga-Flotille (später arbeitete er in 
der Polidschen Verwaltung der Krim-Armee und danach der Ostseeflotte). 15 

Und wie viele markante Persönlichkeiten waren erst auf den weniger hohen Kom¬ 
mandoebenen tädg! Boris Skundin, vor kurzem noch ein bescheidener Geselle in der 
Uhrmacherwerkstatt von Swerdlow senior, brachte es im Bürgerkrieg bis zum Mili¬ 
tärkommissar einer Division, zum Kommissar im Armeestab, zum politischen In¬ 
spekteur der Front und schließlich zum Stellvertretenden Leiter der Politabteilung 
der 1. Reiterarmee. Awenir Chanukajew war Befehlshaber einer Partisanenabteilung. 
1919 wegen Banditentums bei der Eroberung Aschchabads vor ein Revolutionsge- 
richt gestellt, wurde er freigesprochen und noch im selben Jahr (1919) zum politi¬ 
schen Bevollmächtigten der Turkmenischen Kommission des Zentralexekutivkomi¬ 
tees des Rats der Volkskommissare für Kaschgarien, Buchara und Chiwa ernannt. 
Moissej Winnizkij (»Mischka der Japaner«) gehörte bereits seit 1905 bald einer jüdi¬ 
schen Selbstschutzabteilung an, bald führte er eine Bande von Räubern; der Febru- 


1 Marsfeld in Leningrad: sowjeüsche Ehrenstätte, die gegenüber der Kremlmauer 
einen allgemeineren Charakter trug 


132 


Im Bürgerkrieg 


arrevolution verdankte er seine Befreiung aus der Zwangsarbeit. Er leitete einen jü¬ 
dischen revolutionären Kampftrupp in Odessa - aber auch die Unterwelt der Stadt. 
1919 kommandierte er bei der Roten Armee ein Spezialbataillon und ein Schützen¬ 
regiment, »das aus Anarchisten und Kriminellen bestand«. Dann wurde er erschos¬ 
sen (von seinen eigenen Leuten). Auch der Kriegskommissar Isaj Zalkowitsch ist 
nicht vergessen worden: 1921 befehligte er bei der Niederschlagung des Kronstädter 
Aufstands eine Abteilung aus Offiziersschülern. 7 

Auch außergewöhnliche Frauen nahmen Funktionen im Kommando ein: Na- 
deshda Ostrowskajas Aufstieg führte sie vom Rang einer Vorsitzenden des Wladimi- 
rer Gouvernementskomitees bis zur Leiterin der Politabteilung der 10. Armee. Re¬ 
bekka Plasdnina war im Revolutionskomitee des Archangelsker Gouvernements 
sowie im Gouvernementskomitee — über sie wird weiter unten noch zu berichten 
sein. Soll man auch Cacilia Selikson-Bobrowskaja dazuzählen, die in ihrer Jugend in 
Warschau Näherin war und im Bürgerkrieg Leiterin der Militärischen Abteilung des 
Moskauer Komitees der Kommunistischen Partei wurde? 8 Nicht zu vergessen sind die 
Furie Jewgenija Bosch und ihre Schwester Jelena Rosmirowitsch. 

Uns Sowjetbürgern war der Begriff »Korps des Roten Kosakentums« vertraut. 
Doch dies waren keine Kosaken, die sich dem roten Bewusstsein zugewandt hatten, 
sondern eine Banditenhorde (zur Täuschung verkleideten sie sich auch in Uniformen 
der Weißen), die aus allen Nationen bis hin zu Rumänen und Chinesen gebildet war, 
mit einem ganzen lettischen Kavallerieregiment, und mit dem russischen Befehlsha¬ 
ber Witalij Primakow; Leiter der Politabteilung des Korps war I. I. Minz (in der 2. 
Division war es Isaak Grinberg), S. Turowskij war Stabschef, A. Schilman Leiter der 
operativen Einheit, S. Dawidson Redakteur der Divisionszeitung, und Ja. Rubinow 
leitete die Verwaltungsabteilung des Stabes. 9 

Da wir schon beim Aufzählen sind, sollten wir auch einen Blick auf die 
berühmten Spitzen der Roten Armee werfen, wo sich Namen finden, die 
niemals verblassen werden: 

Wladimir Antonow-Owsejenko, Wassilij Bljucher, Semjon Budjonnyj, 
Boris Dumenko, Pawel Dybenko, Oleko Dunditsch, Michail Frunse, 
Wassilij Kikwidse, Grigorij Kotowskij, Jepifan Kowtjuch, Filipp Miro- 
now, Michail Murawjow, der oben genannte Witalij Primakow, Jefim 
Schtschadenko, Nikolaj Schtschors, Dmitrij Shloba, Iwan Sorokin, Sem¬ 
jon Timoschenko, Wassilij Tschapajew, MichailTuchatschewskij, Ieronim 
Uborewitsch, Klim Woroschilow. Wären sie wohl nicht auch ohne die 
Juden ausgekommen? 

Es gab schließlich auch Hunderte und Tausende russischer Generäle und 
Offiziere aus der Armee des Zarenreichs, die nun in der Roten Armee den 
Bolschewiken dienten, zwar nicht in den politischen Abteilungen (dort¬ 
hin wurden sie nicht berufen), doch immerhin auf nicht unbedeutenden 


133 



Kapitel 4 


Posten (wenn auch mit den Kommissaren im Nacken; häufig unter der 
Drohung - besonders im Fall militärischer und taktischer Rückschläge - 
dass es ihre Familien büßen müssten). Diese Militärs waren von uner¬ 
messlichem Nutzen für die Roten und trugen unter Umständen sogar ent¬ 
scheidendend zu deren Sieg bei. »Allein von den Offizieren des General¬ 
stabs blieb fast die Hälfte bei den Bolschewiken.« 10 

Auch die anfangs vorhandene verhängnisvolle Empfänglichkeit russi¬ 
scher Bauern (wenn natürlich auch beileibe nicht aller) ftir die bolsche¬ 
wistische Propaganda soll nicht unerwähnt bleiben. Schulgin nennt die 
Dinge ungeschönt beim Namen: »Die Parole >Tod den Bourgeois< hat in 
Russland deswegen so starken Widerhall gefunden, weil Blutgeruch leider 
zu viele Russen in Rausch versetzt, und dann wüten sie wie die Berser¬ 
ker.« 11 

Wir wollen aber auch nicht unbedacht einer sehr extremen Meinung 
nachlaufen, wie: »Die eifrigsten Schützen bei derTscheka... sind gar nicht 
irgendwelche >ritualgläubigen Judern, sondern Generäle und Offiziere, die 
bis vor kurzem noch treue Diener des Throns gewesen sind.« 12 Die hätte 
man bei der Tscheka gerade geduldet - wenn sie dorthin geladen wurden, 
dann höchstens zu ihrer eigenen Erschießung! Die Schärfe im Ton ver¬ 
wundert. Natürlich dienten in der Tscheka nicht »irgendwelche ritual¬ 
gläubigen«, sondern »linientreue« junge Juden mit revolutionärem Müll 
im Kopf. Größtenteils waren sie wohl auch nicht als Schützen , sondern als 
Ermittler eingesetzt. 

Ende 1917 gegründet, gewann die Tscheka im Nu an Kraft und flößte 
bereits Anfang 1918 der ganzen Bevölkerung Todesangst ein. Es war diese 
Tscheka, die den Roten Terror in Gang setzte, und dies lange bevor er offi¬ 
ziell am 5. September 1918 ausgerufen wurde. Sie begann ihn ab dem 
Zeitpunkt ihrer Gründung im Dezember 1917 und setzte ihn nach dem 
Ende des Bürgerkrieges noch lange fort. Bereits im Januar 1918 gab es die 
»standrechtliche Exekution ohne Verfahren und Gerichtsverhandlung«. In 
der Folge wurden Hunderte und später Tausende unschuldiger Geiseln 
verschleppt, in nächdichen Massenerschießungen hingerichtet oder auf 
Schiffe geladen und mit ihnen versenkt. Der Historiker S. P. Melgunow, 
der selbst während seiner Haft in den Tscheka-Verliesen das Henkersbeil 
bereits im Genick spürte, hat in seinem berühmten Werk die Geschichte 
des Roten Terrors auf unvergessliche Weise beschrieben: »Es gab keine 


134 



Im Bürgerkrieg 


Stadt, keinen Amtsbezirk, in dem nicht Abteilungen der allmächtigen All¬ 
russischen Außerordentlichen Kommission (Tscheka) aufgetaucht wären, 
die von jetzt ab zum Hauptnerv der staadichen Verwaltung wurde und die 
letzten Spuren von Recht unter sich begrub.« »Es gab keinen Ort [in der 
RSFSR], wo nicht Erschießungen stattgefunden hätten.« »Durch einen 
einzigen mündlichen Befehl eines Menschen [Dsershinskijs] wurden viele 
Tausende von Menschen zum sofortigen Tod verurteilt.« Für den Fall, dass 
es doch ein Verfahren gab, wurde unverhüllt vorgeschrieben (M. Lazis im 
Bulletin »Der Rote Terror« vom 1. November 1918 und in der »Prawda« 
vom 25. Dezember 1918): »Suchen Sie bei den Ermittlungen nicht nach 
Unterlagen und Beweisen, dass der Angeklagte in Wort oder Tat gegen die 
Sowjetmacht gehandelt hat. Die erste Frage, die Sie ihm vorlegen müssen, 
ist, zu welcher Klasse er gehört, welcher Herkunft er ist, welche Erziehung 
und Ausbildung er genossen hat oder was sein Beruf ist. Das sind die Fra¬ 
gen, die das Schicksal des Angeklagten bestimmen müssen ...« Melgunow 
hält fest: »Dies ist kein originaler Gedanke von Lazis, er übernimmt nur 
Robespierres Worte im Konvent ... über die Schreckensherrschaft: >Um 
die Feinde des Vaterlands hinzurichten, reicht es aus, ihre Angaben zur 
Person zu ermitteln. Nicht ihre Bestrafung, sondern ihre Vernichtung ist 
geforderte« Die Direktiven des Zentrums werden über die »Tscheka-Wo- 
chenblätter« in ganz Russland verbreitet, Melgunow fuhrt daraus viele Zi¬ 
tate an: »In Kiew wird die Zeitschrift >Rotes Schwert« herausgegeben ... 
Wir lesen in einem Artikel des Redakteurs Lew Krajnij: >Die alten Grund¬ 
sätze von Moral und Humanität, welche die Bourgeoisie erfunden hat, 
gibt es ftir uns nicht und kann es auch nicht geben .. .< Sofort echot ein 
gewisser Schwarz: >Der proklamierte Rote Terror muss auf proletarische 
Weise realisiert werden ... Sollte es nötig sein, dass wir zur Zementierung 
der proletarischen Diktatur in der ganzen Welt sämdiche Diener des Za¬ 
rentums und des Kapitals ausrotten, so werden wir davor nicht zurück¬ 
schrecken.«« 13 

Es war ein gezielter, geplanter und viele Jahre dauernder Terror. Melgu¬ 
now fuhrt auch Schätzungen zur Zahl der Opfer an (genaue Zahlen waren 
in jenen Jahren praktisch nicht zu bekommen) und zeigt ein »nie da ge¬ 
wesenes Ausmaß des Mordens« auf. Doch »diese Schrecken ... werden 
wohl hinsichdich der Opferzahl noch von jenen in den Schatten gestellt, 
die den Süden nach der Beendigung des Bürgerkrieges erfassten. Die 


135 


Kapitel 4 


Macht Denikins brach in sich zusammen. 1 II Neue Machthaber nahmen 
seine Stelle ein, und mit ihnen zog sich eine blutige Spur rächenden - aus¬ 
schließlich rächenden! - Terrors durchs Land. Es handelte sich nicht mehr 
um einen Bürgerkrieg, sondern um die Vernichtung des früheren Geg¬ 
ners.« In Wellen gingen Razzien, Durchsuchungen, neue Razzien und 
Verhaftungen durchs Land. »Gefängnisinsassen werden zeilenweise he¬ 
rausgeholt und vom ersten bis zum letzten Mann erschossen ... mit Ma- 
schinengewehrsalven, da es zu viele Opfer sind, als dass man sie mit ein¬ 
zelnen Gewehrschüssen hinrichten könnte ...« »15- oder 16-jährige Ju¬ 
gendliche werden ebenso hingerichtet wie 60-jährige Männer.« Eine 
Ankündigung der Tscheka vom Oktober 1920 für das Kuban-Gebiet 
lautet: »Kosakensiedlungen und sonstige Ortschaften, die den Weißen 
oder den >Grünen< u Unterschlupf gewähren, werden vernichtet, die ganze 
erwachsene Bevölkerung wird erschossen, alles Eigentum beschlag¬ 
nahmt.« Nach dem Rückzug Wrangels nannte man die Krim den 
»Allrussischen Friedhof« (nach unterschiedlichen Erhebungen wurden 
120000 oder sogar 150000 erschossen). »In Sewastopol wurde nicht nur 
erschossen, sondern auch erhängt, nicht zu Dutzenden, sondern zu Hun¬ 
derten«, und »den Nachimow-Prospekt säumten Aufgeknüpfte ..., Men¬ 
schen, die auf der Straße verhaftet und auf der Stelle, ohne Verfahren, hin¬ 
gerichtet worden waren«. Der Terror auf der Krim dauerte auch im Jahr 
1921 an. 14 

So sehr man sich jedoch auch in die Geschichte der Tscheka, der 
Sonderabteilungen und der Truppen für Sonderaufgaben (TschON) ver¬ 
tiefen mag - allzu viele Verbrechen und allzu viele Namen werden für 
immer unbekannt bleiben, begraben unter den modernden Überresten 
der mundtot gemachten Zeugen und bedeckt von der Asche der von den 
Bolschewiken verbrannten Papiere. Schon das, was erhalten geblieben 
ist, spricht eine allzu beredte Sprache. So findet sich im Trotzkij-Archiv 
der Columbia University die Kopie eines geheimen »Auszugs aus dem Pro¬ 
tokoll der Politbüro-Sitzung des ZK der Kommunistischen Partei« vom 
18. April 1919. 

I Anton Iwanowitsch Denikin (1872-1947): Mitbegründer und Oberkomman- 
dierender der Weißen Armee 

II »Grüne«: diverse sowohl gegen die Weißen als auch die Roten im Hinterland 
operierende Banden 


136 


Im Bürgerkrieg 


»Anwesend: die Genossen Lenin, Krestinskij, Stalin undTrotzkij. 

Angehört ... Punkt 3. Erklärung des Genossen Trotzkij: Unter den 
Tscheka-Mitarbeitern an der Front, den Exekutivkomitee-Mitarbeitern 
an und hinter der Front sowie bei den zentralen Sowjetbehörden ist der 
Anteil der Letten und Juden sehr hoch. An der Front selbst ist ihr Anteil 
dagegen verhältnismäßig unbedeutend. Unter den Rotarmisten ist es auf¬ 
grund dessen zu einer starken chauvinistischen Agitation gekommen, die 
dort einen gewissen Widerhall findet. Nach Ansicht des Genossen Trotz¬ 
kij ist eine Umverteilung der Parteikräfte im Hinblick auf eine gleichmä¬ 
ßigere Verteilung der Mitarbeiter aller Nationalitäten zwischen Front und 
Hinterland unerlässlich. 

Beschluss: Den Genossen Trotzkij und Smilga wird vorgeschlagen, einen 
entsprechenden Bericht als Direktive des ZK an die Kommissionen aus¬ 
zuarbeiten, welche die Kräfte zwischen den zentralen und lokalen Orga¬ 
nisationen und der Front verteilen.« 15 

Es ist schwer zu glauben, dass diese Besprechung zu einem Ergebnis ge¬ 
führt hat. Ein moderner Forscher, der sich mit »dem Problem der Rolle 
und des Stellenwerts der Juden (und der Vertreter anderer nationaler Min¬ 
derheiten) im sowjetischen Apparat« befasst hat, zieht anhand von zu¬ 
gänglich gewordenen Archivmaterialien den Schluss, »dass in der Phase, 
als die Tätigkeit der Straforgane sich im Anfangsstadium befand, in der 
Zeit des Roten Terrors, nationale Minderheiten etwa 50% des zentralen 
Apparats der Tscheka stellten. In den verantwordichen Funktionen konn¬ 
te [ihr] Anteil im Apparat auch bis 70% gehen.« 16 Der Verfasser fuhrt sta¬ 
tistische Daten mit Stand vom 25. September 1918 an: Unter den natio¬ 
nalen Minderheiten stechen vor dem Hintergrund einer Vielzahl von Let¬ 
ten und einer beträchdichen Anzahl von Polen ganz deudich auch die 
Juden hervor, vor allem unter den »verantwordichen und aktiven Mitar¬ 
beitern der Tscheka«, den Kommissaren und den Untersuchungsführern. 
Zum Beispiel waren von den »Untersuchungsführern der Abteilung für 
die Bekämpfung der Konterrevolution - der wichtigsten in der ganzen 
Tscheka-Struktur - die Hälfte Juden«. 17 

Einige Tschekisten der ersten Stunde und ihr Werdegang sollen hier vorgestellt wer¬ 
den. Wir folgen den Angaben der »Russischen Jüdischen Enzyklopädie«. 18 

Der bescheidene Wenjamin Gerson war seit 1918 bei der Tscheka und ab 1920 
der persönliche Sekretär Dsershinskijs. Der bereits erwähnte Israil Leplewskij, ein 


137 



Kapitel 4 


Bundist, wechselte 1917 zu den Bolschewiken und war ab 1918 bei derTscheka, er 
leitete die Abteilung der Staadichen Politischen Verwaltung (GPU) im Podolsker 
Gouvernement, dann die Sonderabteilung in Odessa. (Er stieg sogar zum Leiter der 
Vereinigten Staadichen Polidschen Verwaltung [OGPU] der UdSSR und später zum 
Volkskommissar des Inneren der Weißrussischen und der Ukrainischen SSR auf.) Si- 
nowij Kaznelson kam gleich nach dem Oktober 1917 zurTscheka, er war Leiter der 
Sonderabteilungen mehrerer Armeen und dann der ganzen Südfront, danach zählte 
er zur Spitze der Allrussischen Tscheka (WTschK) 1 , war Vorsitzender der Tscheka im 
Archangelsker Gouvernement und im Transkaukasus und später der GPU im Nord¬ 
kaukasus und in Charkow, Stellvertretender Volkskommissar des Inneren der Ukrai¬ 
ne und Stellvertretender Leiter der Hauptverwaltung der Straflager (Gulag). Solo¬ 
mon Mogiljowskij war bereits 1917 Vorsitzender des Standgerichts von Iwanowo- 
Wosnesensk, ab 1918 leitete er die Tscheka der Stadt Saratow, dann war er wieder 
beim Standgericht, diesmal bei einem militärischen, später fungierte er als Stellver¬ 
tretender Leiter der Untersuchungsabteilung der Moskauer Tscheka, als Leiter der 
Ausländsabteilung der Allrussischen Tscheka und als Vorsitzender der Transkaukasi¬ 
schen Tscheka. 

Ermaß wohl Ignatij Wisner, der die Untersuchungen gegen den Dichter Nikolaj 
Gumiljow betrieb, die Dimension seines Handelns? Die Zeit dazu wird er kaum ge¬ 
habt haben ... Er diente in der Sonderabteilung beim Präsidium der WTschK, baute 
die Tscheka in Brjansk auf, war Untersuchungsführer im Prozess gegen die Kron- 
städter Aufständischen und Sonderbevollmächtigter des Präsidiums der WTschK 
und GPU für besonders wichtige Angelegenheiten. Lew Lewin-Belskij, kurz zuvor 
noch Bundist, füngierte 1918-1919 als der Tscheka-Vorsitzende im Simbirsker Gou¬ 
vernement, danach als Leiter der Sonderabteilung der 8. Armee, später war er Tsche¬ 
ka-Vorsitzender im Astrachaner Gouvernement und ab 1921 bevollmächtigter Ver¬ 
treter der WTschK im Fernen Osten und ab 1923 der OGPU in Zentralasien. Seit 
Anfang der 30er-Jahre diente er in der Moskauer OGPU-Verwaltung. (Später stieg 
er zum Stellvertretenden Volkskommissar des Inneren der UdSSR auf). 

Naum (Leonid) Etingon trat 1919 in die Tscheka ein; er war Tscheka-Vorsitzen¬ 
der im Gouvernement Smolensk (später war er bei der baschkirischen GPU, noch 
später zählte er zu den Organisatoren der Ermordung Trotzkijs). Isaak (Semjon) 
Schwarz war 1918-1919 erster Vorsitzender der Allukrainischen Tscheka. An seine 
Stelle rückte Jakow Liwschiz, 1919 zunächst Chef, dann Stellvertretender Vorsitzen¬ 
der der Operativen Geheimdienstlichen Abteilung der Kiewer Gouvemements- 


1 Tscheka bzw. WTschK: im Dezember 1917 gegründete »Allrussische Außeror- 
dendiche Kommission für den Kampf gegen Konterrevolution und Sabotage«; 
im Februar 1922 abgelöst von der GPU (»Staatliche Politische Verwaltung«), die 
im Dezember 1922, nach Gründung der UdSSR, in OGPU (»Vereinigte Staat¬ 
liche Politische Verwaltung«) umbenannt wurde. Diese wurde im Juli 1934 
durch das NKWD (»Volkskommissariat für Inneres«), einschließlich Hauptver¬ 
waltung für Staatssicherheit, abgelöst, die schließlich das NKGB (»Volkskom¬ 
missariat für Staatssicherheit«) bildete (bis 1946). 


138 



Im Bürgerkrieg 


Tscheka. Später wurde er Stellvertretender Leiter der Tscheka im Tschernigower und 
im Charkower Gouvernement, Chef des operativen Stabs der Allukrainischen Tsche¬ 
ka, und schließlich, 1921-1922, Vorsitzender der Kiewer Gouvernements-Tscheka. 

Große Bekanntheit hat Matwej Berman erlangt. Seine Tscheka-Karriere begann in 
einem Landkreis im Nordural, 1919 wurde er zum Assistenten des Chefs der Jeka¬ 
terinburger Gouvernements-Tscheka ernannt, dann zum Vorsitzenden der Tomsker 
(ab 1920) bzw. der Burjatisch-Mongolischen Tscheka (ab 1923); 1924 wurde er Stell¬ 
vertretender Leiter der OGPU von ganz Zentralasien, 1928 Leiter der Wladiwosto- 
ker OGPU, 1932 Leiter der gesamten Hauptverwaltung der Straflager, ab 1936 Stell¬ 
vertretender Volkskommissar im Volkskommissariat des Inneren (NKWD). (Sein 
Bruder Boris Berman trat 1920 in die Organe der Staatssicherheit ein, 1936 wurde 
er Stellvertretender Leiter der Auslandsspionage des NKWD.) Viel beigetragen zur 
Identifizierung des Bildes vom Juden mit dem vom Tschekisten hat auch der »Solda- 
tenfuhrer« des Jahres 1917 Boris Posern, ein Kommissar der Petrograder Kommune. 
Er Unterzeichnete gemeinsam mit Sinowjew und Dsershinskij am 2. September 1918 
den Aufruf zum »Roten Terror«. 

(Nicht erwähnt in der Enzyklopädie ist Alexander Iosselewitsch, Sekretär der Pe¬ 
trograder Tscheka, er hatte im September 1918 nach Gleb Bokij die Listen mit den 
Namen der im Rahmen des Roten Terrors zu Erschießenden gegenzuzeichnen.) 

Nur allzu gut bekannt sind die folgenden Namen: Jakow Agranow, ein Tschekist, 
der einen phänomenalen Eifer bei der Organisation von Gewaltmaßnahmen an den 
Tag legte. Er erfand die angebliche Taganzew-Verschwörung 1 (und ist der Mörder 
Gumiljows) und leitete auch die »grausamen Verhöre der Kronstädter Aufständi¬ 
schen«. Allgemein bekannt ist auch Jakow Bljumkin, der an der Ermordung des deut¬ 
schen Botschafters (1918) beteiligt war. Er wurde verhaftet, amnestiert, arbeitete da¬ 
nach in Trotzkijs Sekretariat, dann in der Mongolei, im Transkaukasus und im Mitt¬ 
leren Osten, 1929 wurde er erschossen. 

Hinter jedem führenden Tschekisten stand dabei noch ein großer Stab von 
Mitarbeitern ... Bei den Verhören, in den Verliesen der Tscheka und bei 
den Erschießungen machten mit ihnen Hunderte und Tausende unschul¬ 
diger Menschen Bekanntschaft. 

Unter diesen Opfern finden wir auch Juden. Bei dem kommunistischen 
Großschlag gegen die »Bourgeoisie« waren dies vor allem Kaufleute. »Im 
Maloarchangelskij-Landkreis setzte die kommunistische Abteilung einen 
Händler (Juschkewitsch) auf die glühende eiserne Herdplatte, weil er die 

1 Taganzew-Verschwörung: Anfang 1921 führte die GPU Ermüdungen gegen 
eine angebliche »Petrograder Kampforganisation« um den ehemaligen Senator, 
Mitglied des Staatsrates und Juristen N. S. Taganzew durch, die im August 1921 
mit der Erschießung von etwa 100 Personen, darunter des Dichters Nikolaj Gu- 
miljow, endeten. 


139 



Kapitel 4 


Abgaben nicht bezahlt hatte.« (Ebenda: Die Bauern, die der Getreideab¬ 
lieferungspflicht nicht nachgekommen waren, wurden an Seilen in Zieh¬ 
brunnen hinabgelassen, um sie »zu ersäufen«, oder Menschen wurden 
wegen Nichtzahlung der Revolutionssteuer in Eissäulen verwandelt - je 
nach Phantasie der Henker.) 19 [Der Schriftsteller] Korolenko fuhrt den 
Fall der Müller Aronow und Mirkin an, die standrechdich erschossen wur¬ 
den, weil sie die unsinnige Preisvorgabe der Kommunisten ftir das Mehl 
nicht eingehalten hatten. 20 Ein weiteres Beispiel: Der ehemalige Kiewer 
Gouverneur Sukowkin hatte sich 1913 ftir Beilis eingesetzt. Als die Roten 
kamen, sperrten sie ihn ein. Tausende Kiewer Juden unterschrieben ein 
Gesuch zu seiner Verteidigung, doch die Tscheka erschoss ihn. 

Wie ist bei all dem zu erklären, dass die Bevölkerung Russlands, insge¬ 
samt genommen, den neuen Terror als »jüdischen Terror« ansah? Wie viele 
Juden, die eine reine Weste hatten, wurden in dieser Weise beschuldigt? 
Warum setzte sich sowohl bei den Roten (wie wir schon gelesen haben) als 
auch in den weißen Reihen und generell im Volk der Eindruck fest, dass 
die Tschekisten und die Juden praktisch eins seien? Und wer hatte Schuld 
an diesem Eindruck? Das waren viele, darunter auch die Weiße Armee - 
davon später mehr. Doch in jedem Fall trugen nicht zuletzt auch diese 
Tschekisten selbst mit ihrem eifrigen Dienst an der Spitze der Tscheka zu 
einer solchen Gleichsetzung bei. 

Heute ertönen bittere Klagen: Es seien doch schließlich nicht nur diese 
Juden allein an die Macht gekommen? Warum sollte man von diesen jü¬ 
dischen Tschekisten ein nachsichtigeres Vorgehen als vom Rest erwarten? 
Ein gerechtfertigter Einwand. Doch diese Entgegnungen ändern nicht die 
bittere Gewissheit: Diesen jüdischen Tschekisten, die damals - ihrer Stel¬ 
lung und ihrem Rang nach — an der Spitze standen, diesen Vertretern der 
russischen Juden (so schrecklich dies auch klingt) eröffnete sich eine so un¬ 
erhörte Machtfulle, wie sie sich die Tschekisten selbst noch vor kurzem nie 
ausgemalt hätten. Und diese (nicht v on ihrem Volk gewählten) Repräsen¬ 
tanten dieses Volkes brachten nicht die Selbstbeherrschung und abwä¬ 
gende Nüchternheit auf, sich zu besinnen, anzuhalten, sich zu entfernen. 
Gemäß der russischen Redensart: Ach, greif lieber nicht so schnell zu, blas 
erst mal auf die Finger! Was das jüdische Volk betraf, die bereits umfang¬ 
reiche und aktive jüdische städtische Öffendichkeit - es mussten doch 
auch vernünftige ältere Leute dabei gewesen sein?! —, so hatte es diese 


140 




Im Bürgerkrieg 


Tschekisten zwar nicht gewählt, war aber auch nicht in der Lage, ihnen 
Einhalt zu gebieten - man sei schließlich nur eine kleine Minderheit in 
diesem Land ... (Und schon in jenen Jahren hörte man ja nicht mehr auf 
die Alten.) 

G. Landau schreibt: »Die Zerschlagung der Klassenordnung hatte alle 
organischen Schichten des Judentums gründlich durcheinander gebracht 
und zerstörte in ihm die Kraft zum Widerstand und sogar die innere Re¬ 
sistenzfähigkeit. Der triumphierende Bolschewismus rollte über es hin¬ 
weg.« Landau findet, dass über die Ideen des Sozialismus, des separatisti¬ 
schen Nationalismus und der permanenten Revolution hinaus »uns etwas 
verblüffte, das wir im jüdischen Milieu am wenigsten anzutreffen erwar¬ 
tet hatten: Grausamkeit, Sadismus und Lust an der Gewalttätigkeit, die 
vermeindich einem Volk fremd war, das von einem körperlichen, kämp¬ 
ferischen Dasein weit entfernt gewesen war. Gestern noch hatten sie nicht 
mit einem Gewehr umgehen können, heute befanden sie sich plötzlich 
unter der Mörderbande, die überall das Henkersbeil schwang.« 21 

Hier noch einiges über die bereits erwähnte Rebekka Plastinina-Majsel 
aus dem Revolutionskomitee des Archangelsker Gouvernements: »Sie war 
für ihre Grausamkeit im ganzen Norden Russlands berüchtigt, ... [sie] 
durchlöcherte Genicke< und Stirnen mit großer Bereitwilligkeit... Sie er¬ 
schoss eigenhändig über 100 Personen.« Gleich darauf ist die Rede von 
einem gewissen »Bak, der wegen seiner Jugend und seiner Grausamkeit 
den Namen >der Blutjunge< trug«, er betätigte sich zunächst »in Tomsk, 
dann war er Vorsitzender der Gouvernements-Tscheka« in Irkutsk. 22 (Die 
Plastinina machte konsequent Karriere und gehörte in den 40er-Jahren 
schließlich dem Obersten Gerichtshof der RSFSRan. 23 ) Manche erinnern 
sich an das Erschießungskommando Mandelbaums im Norden in der 
Archangelsker Region, manche an die Abteilung von »Mischka dem Japa¬ 
ner« in der Ukraine ... 

Welche Einstellung hätte man sonst von den Tambower Bauern erwar¬ 
ten körmen, wenn zu einer Zeit, als die Unterdrückung des großen Bau¬ 
ernaufstands in diesem Gouvernement im zentralrussischen Schwarzerde¬ 
gebiet in ihre schlimmste Phase gekommen war, in der düsteren Höhle des 
Tambower Gouvernementskomitees die Sekretäre P. Rajwid und Pinson 
saßen und Eidman Leiter der Propagandaabteilung war - gerade diejeni¬ 
gen, die sich die Getreide-Zwangsablieferung ausgedacht hatten? (Hier 


141 



Kapitel 4 


war auch A. G. Schlichter, wir haben ihn noch aus Kiew in Erinnerung 1 , 
von 1905, jetzt war er Vorsitzender des Gouvernements-Exekutivkomi¬ 
tees.) Der Versorgungskommissar im Tambower Gouvernement, der 
durch seine unmäßigen Requisitionen den Aufstand ausgelöst hatte, hieß 
Ja. Goldin, und der berüchtigte Leiter der Requisitionseinheit, der Bau¬ 
ern Spießruten laufen ließ, wenn sie den Ablieferungsforderungen nicht 
nachkamen, war N. Margolin. (Ja, er nahm auch Hinrichtungen vor.) 
Nach den Worten Kakurins, des Stabsleiters unter Tuchatschewskij, war 
Lew Lewin in diesen Monaten der bevollmächtigte Tscheka-Vertreter im 
Tambower Gouvernement. Sicher, nicht immer waren es Juden! Doch 
wenn ab Februar 1921 - als Moskau selbst die Unterdrückung des Auf¬ 
standes in die Hand nahm - Efraim Skljanskij der »Zwischenbehördlichen 
Kommission für den Kampf gegen das Banditentum« Vorstand, welche die 
oberste Leitung dieser Maßnahmen hatte, so erfuhr der Tambower Bauer 
dies aus den Proklamadonen und machte sich seinen eigenen Reim da¬ 
rauf. 

Was sollte man über den Völkermord am Don sagen, durch den Hun¬ 
derttausende von Donkosaken im besten Mannesalter vernichtet wurden? 
Was sollte man bei dieser Geschichte, bei diesen unbeglichenen Rech¬ 
nungen, die zwischen dem (revolutionär gesinnten) Juden und dem Ko¬ 
saken standen, schon erwarten - was sollte sich im Gedächtnis des Kosa¬ 
ken festsetzen? 

Im August 1919 rückte die Freiwilligenarmee in Kiew ein und hob 
mehrere Tscheka-Gefängnisse aus, wo sie die Leichen von erst kurz zuvor 
Erschossenen vorfand. Schulgin 24 fuhrt Namenslisten an, die anhand der 
Traueranzeigen in dem nun wieder erscheinenden »Kiewljanin« [»Der 
Kiewer«] erstellt wurden: Es waren fast alles slawische Namen, und dabei 
wurde eine »Auslese der besten Russen« erschossen. Über die Kiewer 
Tscheka und ihr Kommando liest man in den Unterlagen des »Sonder- 
Untersuchungsausschusses fiir Südrussland« (Aussagen eines in Kiew ver¬ 
hafteten Tscheka-Ermitders) 25 : »Die Zahl der Tscheka-Mitarbeiter 
schwankte zwischen 150 und 300 ... Das prozentuale Verhältnis von 
Juden und übrigen Tscheka-Mitarbeitern lag bei 75 : 25, während die 
Führungspositionen fast ausschließlich in jüdischen Händen waren.« 14 


1 Vgl. Solschenizyn, Russ.-jüd. Geschichte, S. 360ff. 


142 



Im Bürgerkrieg 


von 20 Mitgliedern der Kommission (also der Spitze), die über das Schick¬ 
sal von Menschen zu entscheiden hatten, waren Juden. »Alle Verhafteten 
wurden entweder bei der Tscheka oder im Lukjanow-Gefängnis festge¬ 
halten ... Für die Erschießungen war ein spezieller Schuppen eingerichtet 
worden, der sich neben dem Haus an der Institutsstraße 40, Ecke Lewa- 
schewskaja-Straße befand, wohin die Gouvernements-Tscheka aus der Je- 
katerininskaja-Straße umgezogen war. In diesen Schuppen führte der 
Henker (manchmal waren es aber auch ... >Amateure< aus den Reihen der 
Tschekisten) sein völlig nacktes Opfer und forderte es auf, sich bäuchlings 
hinzulegen. Dann tötete er das Opfer durch einen Schuss in den Nacken. 
Bei den Erschießungen verwendete man Revolver (meistens Colts), doch 
da aus kurzer Entfernung geschossen wurde, zerplatzte gewöhnlich der 
ganze Schädel des Hingerichteten ... Das nächste Opfer wurde auf die¬ 
selbe Weise hereingefuhrt und musste sich daneben legen ... Wenn die 
Anzahl der Opfer größer war ... als in dem Schuppen Platz hatte, muss¬ 
ten die nächsten Opfer auf den zuvor Erschossenen Platz nehmen oder 
wurden sofort beim Eintreten in den Schuppen erschossen ... Alle Opfer 
gingen gewöhnlich ohne Widerstand zur Hinrichtung.« 

Dies war es, worüber »man im Volk zu wispern anfing«. Hier eine Pe- 
trograder Szene, die von [dem Schriftsteller] Remisow geschildert wird (mit 
seiner Vergangenheit als revolutionärer Demokrat ist er des Antisemitismus 
unverdächtig): »Hier fand kürzlich bei der Offiziersschule ein Manöver 
statt, und dabei sagt ein Rotarmist: >Genossen, lasst uns nicht an die Front 
gehen, wir kämpfen doch bloß wegen dieser Jidden!< Einer mit Aktenta¬ 
sche fragt ihn: >Aus welchem Regiment bist du?< Und der andere wieder: 
»Genossen, gehen wir nicht an die Front, das müssen wir nur wegen der 
Juden!< Da kommandiert der mit der Aktentasche: »Schießt auf ihn!< Zwei 
Rotarmisten kamen heraus, und der Mann lief weg. Er war noch nicht bis 
zur Ecke gekommen, da hatten sie ihn schon eingeholt und schossen, und 
zwar so, dass sein Gehirn herausfloss und eine ganze Lache Blut.« 26 

Auch der Kronstädter Aufstand hatte schon antisemitische Züge (und 
war umso mehr zum Scheitern verurteilt): Man zerstörte Porträts von 
Trotzkij und Sinowjew, aber nicht von Lenin. Sinowjew traute sich nicht, 
hinzufahren und sich mit den Kronstädter Aufständischen auseinander zu 
setzen - sie hätten ihn unter Umständen in Stücke gerissen. So wurde Ka- 
linin geschickt. 


143 



Kapitel 4 


Im Februar 1921 fanden in Moskau Arbeiterstreiks statt - unter der Pa¬ 
role: »Nieder mit den Kommunisten und den Juden!« 

Wir haben bereits erwähnt, dass die Mehrzahl der russischen Sozia¬ 
listen - und unter ihnen waren viele Juden - im Bürgerkrieg natürlich 
für Lenin und nicht ftir Koltschak waren, und viele von ihnen kämpf¬ 
ten direkt für die Bolschewiken. (Ein Beispiel ist der Bundist Solomon 
Schwarz: Unter der Provisorischen Regierung war er Departements¬ 
direktor in einem der Ministerien, im Bürgerkrieg Freiwilliger in der 
Roten Armee - ohne Angabe, in welchem Rang -, dann emigrierte er. Im 
Ausland veröfifendichte er ein Buch, dann ein zweites über die Lage der 
Juden in der UdSSR, seine Einschätzungen werden wir später noch zitie¬ 
ren.) 

Es schien so, als hätten nicht nur die jüdischen Bolschewiken ihre Seite 
im Bürgerkrieg gewählt, die der Roten, sondern scheinbar auch das ganze 
Judentum. Dass sie nichts zu dieser Wahl getrieben hätte, kann man nicht 
sagen. Doch dass sie keinen anderen Ausweg hatten, kann man auch nicht 
sagen. 

Ebenfalls von Kiew handelt Schulgins Beschreibung eines riesigen Exo¬ 
dus , in dem die Menschen am 1. Oktober 1919, dem Fest von Mariä 
Schutz und Fürbitte, die zur Übergabe an die Bolschewiken verurteilte 
Stadt verließen - eines Exodus nur von Russen, mit Sack und Pack, zu 
Fuß, über die Dnjepr-Brücken. Schulgin nimmt an, dass es etwa 60000 
waren. Doch »Juden waren bei diesem Auszug nicht dabei, man bemerk¬ 
te sie nicht unter diesen vielen Tausend Russen (Männern, Frauen und 
Kindern), die mit Bündeln in der Hand über die prächtige Kettenbrücke 
zogen, unter dem traurigen Netz des Regens«. Dabei gab es damals, so 
Schulgin, über 100000 Juden in Kiew, und ja auch viele reiche und 
schwerreiche Juden, doch sie gingen nicht weg, sie blieben und warteten 
auf die Bolschewiken. »Die Juden wollten unser Schicksal nicht teilen. 
Damit zogen sie zwischen ihnen und uns einen neuen und vielleicht den 
tiefsten Graben.« 27 

Ähnliches geschah an vielen anderen Orten. Hier das Zeugnis des So¬ 
zialrevolutionärs S. Maslow: »Es ist wirklich eine Tatsache, dass in den 
Städten Südrusslands, und vor allem in den ukrainischen Städten rechts¬ 
seitig des Dnjepr, die viele Male von Hand zu Hand wechselten, das Er¬ 
scheinen der Sowjetmacht in den jüdischen Vierteln - und nicht selten 


144 


Im Bürgerkrieg 

auch nur dort - die größte Freude und die am deudichsten geäußerten 
Sympathien hervorrief.« 28 

Ein moderner amerikanischer Historiker (Bruce Lincoln, der Verfasser 
eines großen Werks über unseren Bürgerkrieg) »sagte, die ganze nkr alni- 
scheTscheka habe fast zu 80% aus Juden bestanden« und dies »sei dadurch 
zu erklären, dass dort bis zur Ankunft der Roten unaufhörlich grausame 
Pogrome stattgefunden hätten, die blutigsten seit den Zeiten Bogdan 
Chmelnizkijs«. 29 Zu den Pogromen kommen wir in Kürze, an dieser Stel¬ 
le sei jedoch festgehalten, dass die zeidiche Abfolge genau umgekehrt war: 
Diese 80% gehörten der Tscheka schon 1918 oder Anfang 1919 an, die 
Welle der Pedjura-Pogrome lief aber erst im Laufe des Jahres 1919 (und 
die Pogrome der Weißen erst im Herbst desselben Jahres) durch das Land. 

Doch man wird nie eine Antwort auf die uralte Frage finden, wer schuld 
war und wer das Verderben herbeigefiihrt hat. Das Vorgehen der Kiewer 
Tscheka nur daraus zu erklären, dass sie zu drei Viertel aus Juden bestand, 
ist natürlich falsch. Doch liegt hier wiederum auch eine Problematik vor, 
bei der die Juden Erinnerungs- und Bewältigungsarbeit zu leisten haben. 

Es gab ja doch in diesen Jahren Juden - jawohl! -, die an ihre Stam¬ 
mesgenossen appellierten im Bemühen, sich auf einem hohen geistigen 
Niveau mit der Tragödie, die Russland und mit ihm das russische Juden¬ 
tum ereilt hatte, auseinander zu setzen. In dem Aufruf »An die Juden aller 
Länder!« schreibt diese Autorengruppe 1923: »Das unmäßig eifrige Mit¬ 
wirken der jüdischen Bolschewiken an der Knechtung und Zerstörung 
Russlands ... wird uns zur Last gelegt ... Die Sowjetmacht wird mit der 
Macht der Juden gleichgesetzt, und der erbitterte Hass gegen die Bol¬ 
schewiken verwandelt sich in einen ebenso starken Hass gegen die Juden 
... [Wir] gehen von der festen Überzeugung aus, dass die Bolschewiken 
fiir die Juden genauso wie für alle Völker, die Russland besiedeln, das grö߬ 
te der möglichen Übel sind, dass es unsere heilige Pflicht vor der Mensch¬ 
heit, vor der Kultur, vor der Heimat und vor dem jüdischen Volk ist, mit 
all unseren Kräften zu kämpfen, dass das internationalistische Gesindel, 
das sich hier zusammengetan hat, nicht weiter über Russland herrscht.« 30 
Doch in der jüdischen Öffendichkeit »stießen diese Äußerungen auf 
große Empörung«. 31 (Mehr darüber im nächsten Kapitel.) 

* 


145 


Kapitel 4 

Der Bürgerkrieg dehnte sich teilweise auch über die Grenzen Russlands 
hinaus aus. Wir sprechen dies hier kurz an (obwohl die Geschehnisse in 
Europa eigendich nicht das Thema dieses Buches sind). 

1920 machten sich die Bolschewiken (eingedenk des im Leitartikel von 
Nachamkis-Steklow in der »Iswestija« 32 beschriebenen »nationalen Auf¬ 
bruchs und der nationalen Begeisterung der Russen«, die sie geschickt für 
sich ausnutzen wollten ...) nach Polen auf. In Polen wurde die Rote Armee 
von der jüdischen Bevölkerung offensichtlich überaus freudig empfangen. 
Aus einer sowjetischen Quelle stammt die Information, dass an den 
Kämpfen gegen die Polen bei Minsk ganze Bataillone jüdischer Arbeiter 
teilnahmen. 33 Die »Jüdische Enzyklopädie« schreibt: »Die Polen warfen 
den Juden wiederholt vor, ihre Gegner zu unterstützen und >antipolnisch<, 
>probolschewistisch< und sogar >proukrainisch< eingestellt zu sein.« In der 
Zeit des sowjetisch-polnischen Krieges wurden viele Juden »[von der pol¬ 
nischen Armee] umgebracht, weil man ihnen Spionage für die Rote Armee 
vorwarf«. 34 Im Übrigen sollten wir uns aber erinnern, dass 1915 im Krieg 
auch seitens der russischen Befehlshaber Beschuldigungen gegen die 
Juden wegen Spionage vorgebracht worden waren — es konnte natürlich 
auch hier eine Übertreibung vorliegen. 

Die Sowjets stellten für Polen auf die Schnelle eine revolutionäre »pol¬ 
nische Regierung« auf, an deren Spitze F. Dsershinskij stand. Ihr gehörten 
auch Ju. Marchlewski und F. Kohn an. Natürlich waren sie von Spezialis¬ 
ten für das »blutige Handwerk« und leidenschaftlichen Propagandisten 
umgeben. (Unter diesen finden wir A. I. Rotenberg, der noch vor kurzem 
in Mogiljow Apotheker gewesen war. Nach dem Misserfolg des roten Um¬ 
sturzes in Polen ging er bald mit Bela Kun und Salkind-Semljatschka an 
die mörderische »Säuberung« der Krim. 1921 stand die nächste ruhmrei¬ 
che Arbeit an - die »Säuberung« Georgiens, wieder unter der Leitung von 
Dsershinskij. Von den 20er-Jahren bis in die 30er hinein war Rotenberg 
Leiter der Moskauer Abteilung des Volkskommissariats für Innere Ange¬ 
legenheiten.) 

Die rote Revolution schwappte nicht nur nach Polen, sondern auch 
nach Ungarn und Deutschland über. Ein amerikanischer Forscher 
schreibt: »In Ost- wie in Mitteleuropa wirkte sich die Beteiligung der 
Juden an der revolutionären Bewegung entscheidend auf die Intensität 
und Langlebigkeit der antisemitischen Vorurteile aus.« »Anfang 1919 


146 



Im Bürgerkrieg 


führten die hauptsächlich von Juden geleiteten Räte in Berlin und Mün¬ 
chen die ersten Aufstände durch«, und »in der damaligen Kommunisti¬ 
schen Partei Deutschlands ... war der Anteil jüdischer Aktivisten ... un¬ 
verhältnismäßig hoch, obwohl die jüdische Gemeinde insgesamt 
diese Partei nicht besonders unterstützte«. »Von elf ZK-Mitgliedern waren 
vier Juden mit Hochschulbildung«, unter ihnen Rosa Luxemburg, die 
im Dezember 1918 schrieb: «... um die höchsten Ziele der Menschheit 
gilt dem Feinde das Wort: Daumen aufs Auge, Knie auf die Brust«! 
Der Aufstand in München wurde von einem Juden »mit bohemienhaftem 
Äußeren«, dem Theaterkritiker Kurt Eisner, geleitet. Er wurde ermordet, 
wer aber in dem konservativen katholischen Bayern an die Macht 
kam, war »eine neue Regierung linker jüdischer Intellektueller, die die 
»Bayerische Räterepublik ausriefen« (G. Landauer, E. Toller, E. Mühsam, 
O. Neurath). Eine Woche später wurde die Republik »durch eine noch 
radikalere Gruppe gestürzt«, welche die »Zweite Bayerische Räterepublik« 
ausrief, an deren Spitze Eugen Levine stand. 35 Die Enzyklopädie schreibt 
über ihn: Geboren in einer jüdischen Kaufmannsfamilie in St. Peters¬ 
burg, Sozialrevolutionär, nahm an der Revolution von 1905 teil, erwarb 
später die deutsche Staatsangehörigkeit und schloss sich dem »Sparta¬ 
kusbund« Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts an. Nun stand er 
also an der Spitze der bayerischen Regierung, zu der auch die bereits ge¬ 
nannten E. Mühsam, E. Toller und Max Levien aus Russland zählten. 36 
Im Mai 1919 wurde der Aufständischenrepublik ein Ende gesetzt. »Dass 
die Führer der niedergeschlagenen kommunistischen Aufstände Juden 
gewesen waren, war eine der wichtigsten Ursachen für das Wiedererste¬ 
hen des politischen Antisemitismus im Deutschland der Revolutions¬ 
zeit.« 37 

»Hauen die Juden bei der Revolution in Russland und Deutschland 
eine »sehr beachdiche< Rolle gespielt, so vrnrde diese Rolle in Ungarn füh¬ 
rend ... 31 der 49 Volkskommissare waren dort Juden«, dazu zählte in ers¬ 
ter Linie Bela Kun, »der Außenminister (und de facto Regierungschef)«, 
der, wie wir gelesen haben, eineinhalb Jahre später die Krim mit Blut über¬ 
schwemmen sollte. Auch Mätyäs Rakosi, Tibor Samueli und György 
Lukacs waren dabei. »Der Premierminister Sändor Garbai war allerdings 
ein Nichtjude, doch Rakosi witzelte später, dass Garbai deswegen zum 
Vorsitzenden des Ministerrats gewählt worden war, damit man jemanden 


147 



Kapitel 4 


hatte, der am Sabbat die Hinrichtungsbefehle unterschreiben konnte.« 
»Die Standbilder der ungarischen Könige und Helden wurden von den 
Podesten gestürzt, die Nationalhymne wurde verboten und das Tragen der 
Nationalfarben unter Strafe gestellt.« »Die Tragik der Situation wurde 
noch dadurch verschärft, dass im Verlauf der Geschichte die ungarischen 
Juden wesendich wohlhabender als ihre osteuropäischen Landsleute ge¬ 
lebt und wesendich erfolgreicher als diese in der ungarischen Gesellschaft 
Karriere gemacht hatten.« 38 

Die direkte Abhängigkeit, die zwischen der Ungarischen Sowjetrepu¬ 
blik und unserem Bürgerkrieg besteht, ist auch daraus ersichdich, dass 
Korps der Roten Armee sich vorbereiteten, der Ungarischen Sowjetrepu¬ 
blik zu Hilfe zu eilen - doch sie waren nicht schnell genug zur Stelle, und 
diese fiel (im August 1919). 

* 

Der Zusammenbruch des so verhassten Russischen Imperiums kam alle 
teuer zu stehen, auch die Juden. G. Landau schreibt: »Revolution ist über¬ 
haupt immer etwas Schreckliches, Riskantes, Gefährliches. Besonders 
schrecklich und gefährlich ist sie für eine Minderheit, die in vielerlei Hin¬ 
sicht der Masse der Bevölkerung fremd ist ... Eine solche Minderheit 
muss sich, um ihr Leben zu sichern, ganz und gar an das Gesetz anlehnen, 
sich auf eine unumstößliche, kontinuierliche Erhaltung der Ordnung, ein 
nachwirkendes Rechtswesen stützen. Eine Revolutionszeit, in der alles aus 
den Fugen gerät und alles erlaubt ist, muss gerade über eine solche Min¬ 
derheit mit besonderer Wucht hereinstürzen.« 39 

Dies stand noch am Horizont, jenseits der Schwelle der ersten verlo¬ 
ckenden Jahrzehnte. In den nächsdiegenden Jahren, jenen des Bür¬ 
gerkrieges, herrschte Gesetzlosigkeit, und über die jüdische Bevölkerung 
brachen Plünderungen und Pogrome herein, wie sie die Juden auch 
nicht entfernt unter dem Zaren erlebt hatten, und diese Pogrome gin¬ 
gen zunächst keineswegs von den Weißen aus. Infolge der besonders star¬ 
ken jüdischen Besiedlungsdichte [in der Ukraine] war es unausweichlich, 
dass sich in diesen Jahren außer den Roten und den Weißen noch eine 
dritte Kraft in das Schicksal der Juden einmischte: der ukrainische Sepa¬ 
ratismus. 


148 


Im Bürgerkrieg 


Im April 1917, als der Ukrainische Volksrat, die Rada, gegründet 
wurde, »glaubte das Judentum noch nicht an den Erfolg der ukrainischen 
Nationalstaatlichkeit«, was bei den Wahlen zu den Stadträten (Dumas) im 
Sommer zum Ausdruck kam: Die Juden sahen »keinerlei Anlass«, für die 
ukrainischen Separatisten zu stimmen. 40 Ab Juni 1917 aber, als sich schon 
die Ausbildung einer realen ukrainischen Staatsgewalt abzeichnete, unter 
der man, wie es aussah, würde leben müssen, wurden Vertreter der Juden 
in die Kleine Rada [»Kleine Nationalversammlung«] geschickt, es wurde 
ein Vize-Sekretariat für nationale Angelegenheiten der Juden (»Jüdisches 
Ministerium«) eingerichtet, das einen Entwurf fiir die von der jüdischen 
Öffendichkeit seit langem ersehnte »national-personale Autonomie« erar¬ 
beitete. 0ede Nationalität, in diesem Fall die jüdische, richtete ihren eige¬ 
nen Verband ein, der das Recht hatte, Gesetze gemäß den Bedürfnissen 
und Interessen dieser Nationalität zu verabschieden und der zur Unter¬ 
stützung Finanzzuwendungen aus der Staatskasse erhielt; ein Vertreter die¬ 
ses Verbandes saß in der Regierung.) Die frisch gebackene ukrainische Re¬ 
gierung verhielt sich zunächst den Juden gegenüber wohlwollend, doch 
dies änderte sich Ende 1917. Der Gesetzentwurf zur jüdischen Autono¬ 
mie erntete in der Rada Hohn und Gelächter, wurde aber doch im Janu¬ 
ar 1918 mit Mühe und Not durchgebracht. Die Juden wiederum summ¬ 
ten nur ungern zu, als mit dem »Dritten Universal« [»Proklamation«] vom 
7. November 1917 die Ablösung der Ukraine von Russland eingeleitet 
wurde, denn sie befürchteten nun ein für die jüdische Bevölkerung ge¬ 
fährliches Abgleiten in die Anarchie und die Aufsplitterung des russischen 
Judentums. Die jüdischen Bürger mokierten sich über die ukrainische 
Sprache und ukrainische Schilder, sie hauen vor dem ukrainischen Na¬ 
tionalbewusstsein Angst und glaubten vielmehr an den russischen Staat 
und an die russische Kultur. 41 Lenin schrieb: Wie die Großrussen, so »ig¬ 
norieren« auch die Juden »die Bedeutung der nationalen Frage in der 
Ukraine«. 42 

Aber es ging auf die Abspaltung zu, und die jüdischen Abgeordneten - 
mit Ausnahme der Bundisten — wagten nicht, gegen das »Vierte Univer¬ 
sal« zu stimmen (11. Januar 1918; die vollständige Ablösung der Ukrai¬ 
ne). Diesem Beschluss folgte sogleich der bolschewistische Ansturm auf 
die Ukraine. Dem ersten »ukrainischen« Zentralkomitee der Kommunis¬ 
tischen Partei der Ukraine, das noch in Moskau auf die Beine gestellt wor- 


149 



Kapitel 4 


den und dann nach Charkow verlagert worden war, gehörten unter der 
Leitung Georgij Pjatakows auch Semjon Schwarz und Serafima Gopner 
an. Als man diese Organe Ende Januar 1918 nach Kiew verlegte, wurde 
Grigorij Tschudnowskij zum Kiewer Kommissar ernannt, Kreuzberg zum 
Kommissar der Finanzen, Reichstein zum Pressekommissar und Schapiro 
zum Kommissar bei der Armee. »Es fehlte sowohl in der bolschewistischen 
Führung ... als auch in solchen Zentren wie Odessa und Jekaterinoslaw 
nicht an jüdischen Namen - ausreichend, um dem Gerede innerhalb der 
Rada-treuen Truppen über >die jüdischen Bolschewikem und >die bol¬ 
schewistischen Juden< Nahrung zu geben. Die Zungen über das jüdische 
Verräterpack zu wetzen war beinahe eine Alltagserscheinung.« »Auf dem 
Höhepunkt der Straßenkämpfe [im Kampf um Kiew] wurde im Namen 
der zionistischen Fraktion eine Anfrage über die antisemitischen Exzesse 
eingebracht.« Die Debatte wuchs sich »zu einem verbalen Feuergefecht 
zwischen den ukrainischen Abgeordneten und den Vertretern der natio¬ 
nalen Minderheiten« aus. 43 

Ein Graben der Feindschaft hatte sich zwischen den Juden und den 
ukrainischen Separatisten gebildet. 

»Die ukrainische Regierung und die Führer der ukrainischen Parteien 
wurden nach Shitomir evakuiert; die jüdischen Vertreter folgten ihnen 
nicht nach«, sondern blieben bei den Bolschewiken. Weiter Fest man, 
dass die Bolschewiken in Kiew »Unterstützung seitens einer größeren 
Gruppe jüdischer Arbeiter fanden, die nach der [Februar-] Revolution aus 
England zurückgekehrt waren«, jetzt »schlugen diese sich vollständig auf 
die Seite des sowjetischen Regimes, ... nahmen Kommissarsposten und 
... Ämter ein« und stellten eine »jüdische Sonderabteilung der Roten 
Garde« auf. 44 

Bald darauf, Anfang Februar 1918, kehrte die Regierung der »Unab¬ 
hängigen Ukraine« nach ihrem Friedensschluss mit Deutschland in Brest- 
Litowsk unter dem Schutz der deutschen und österreichischen Bajonette 
nach Kiew zurück, und die »Hajdamaken« 1 und »freien Kosaken« ergrif¬ 
fen und erschossen die jüngst noch am Werk gewesenen »Jiddenkommis- 
sare«, wo sie sie nur zu fassen bekamen. Dies waren aber noch keine Ju- 


1 Hajdamaken: lose Verbände aus Bauern, Kosaken, russischen Soldaten u.a. in 
der Ukraine. Vgl. Solschenizyn, Russ.-jüd. Geschichte, S. 32. 


150 



Im Bürgerkrieg 


denpogrome, außerdem wurde die Petljura-Regierung 1 bald darauf fiir sie¬ 
ben Monate von Hetman Skoropadskyj 11 abgelöst. »Die Befehlshaber der 
deutschen Besatzungstruppen, die im Frühjahr 1918 in Kiew standen, 
hatten ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerungs¬ 
gruppe.« (Diese Gruppe war keineswegs klein: 1919 waren 21% der Ein¬ 
wohner Kiews Juden.) 45 Unter der Regierung des Hetman wurde der Jude 
Sergej Gutnik von der Kadettenpartei Minister für Handel und Indus¬ 
trie. 46 Die Zionisten konnten sich unter dem Hetman ungehindert ent¬ 
falten; es kam zur Wahl einer eigenen jüdischen Provisorischen National¬ 
versammlung und eines Jüdischen Nationalen Sekretariats. 

Doch nach dem Sturz des Hetmans kehrte im Dezember 1918 das Di¬ 
rektorium Pedjuras aus Winniza zurück nach Kiew, nun mit Winnit- 
schenko an der Spitze. Der »Bund« und Poale Zion unterstützten das 
ihnen in seiner sozialistischen Ausrichtung nahe stehende Direktorium 
und hofften, dass nun die Ära der Gleichberechtigung mit den Ukrainern 
anbrechen würde. Das jüdische Sekretariat unternahm ebenfalls versöhn¬ 
liche Schritte. Nichtsdestotrotz hieß es in Pedjuras zentralem Organ »Wi- 
drodshennja« [»Wiedergeburt«]: »Der ukrainische Staat war für die Juden 
eine Überraschung. Die Juden hatten das nicht vorhergesehen, trotz ihrer 
ungewöhnlichen Fähigkeit, jede Neuigkeit zu wittern. Sie ... stellen ihre 
Kenntnisse der russischen Sprache heraus, sie ignorieren die Tatsache der 
ukrainischen Staadichkeit ... Das Judentum ist erneut ins Lager unserer 
Feinde übergewechselt.« 47 Den Juden wurde an allen Siegen der Bolsche¬ 
wiken in der Ukraine die Schuld gegeben. Ukrainische Freiheitskämpfer 
(»Setschewiki«) raubten gut situierte Familien, die in großer Zahl nach 
Kiew übersiedelt waren, in deren Wohnungen aus. Wilder noch ging es in 
den kleinen Schtedn zu, die einmal von militärischen Einheiten, ein an¬ 
dermal von selbstherrlichen Atamanen [Kosakenfuhrern] mit räuberi- 

! Simon Wassiljewitsch Pedjura (1879-1926): federführender Politiker der ukrai¬ 
nischen Unabhängigkeitsbewegung (zusammen mit Wladimir Kirillowitsch 
Winnitschenko, 1880-1951), 1918 Mitglied der Regierung (des Direktoriums), 
ab Februar 1918 an ihrer Spitze, emigrierte 1920 nach Polen und kam über Bu¬ 
dapest, Wien und Genf Ende 1924 nach Paris 

11 Pawel Petrowitsch Skoropadskyj (*1873 in Wiesbaden, f 1945 in Metten/Bay¬ 
ern): Angehöriger eines alten ukrainischen Adelsgeschlechts, General, nach der 
deutsch-österreichischen Invasion in der Ukraine zum Hetman ausgerufen 
(April—Dezember 1918) 


151 


Kapitel 4 


sehen Attacken überzogen wurden. Schließlich läutete das Pedjura-Regi- 
ment mit einem Pogrom in Sarny jenes Jahr der landesweiten Pogrome 
ein. 

Ein jüdischer Abgeordneter versuchte in der Kleinen Rada vergeblich, 
der zunehmenden Pogromstimmung Einhalt zu gebieten: »Wir müssen 
die Ukrainer warnen, dass es ihnen nicht gelingen wird, ihren Staat auf¬ 
zubauen, wenn sie ihn auf Antisemitismus gründen. Die Herren aus dem 
Direktorium sollten wissen, dass sie es mit einer Weltnadon zu tun haben, 
die schon viele ihrer Feinde überlebt hat«, und er drohte, den Kampf mit 
dieser Regierung aufzunehmen. 48 Schnell drifteten nun die jüdischen Par¬ 
teien nach links, womit sich ihre Sympathien unausweichlich immer stär¬ 
ker dem Bolschewismus zuwandten. 

Nach der Aussage Arnold Margolins, des Stellvertretenden Außenmi¬ 
nisters des Direktoriums, »erinnert die Lage in der Ukraine an die 
schlimmsten Jahre unter Chmelnizkij oder unter Gonta«. 49 D. Pasmanik 
bemerkt bitter, dass die Zionisten und die jüdischen Nationalisten »lange 
Zeit die chaotische Regierung von Pedjura und Winnitschenko unter¬ 
stützten, sogar dann noch, als in der Ukraine bereits grausame antijüdi¬ 
sche Pogrome stattfanden«. 50 Wie konnten die jüdischen Sozialisten, fragt 
I. Bikerman, »die mit Pedjura und anderen Helden der Ukrainischen Re¬ 
volution an einem Tisch saßen und gemeinsam mit ihnen die Welt um¬ 
formten, die >Heldentaten< vergessen, die deren Brüder im Geiste bei den 
Pogromen begingen ... ? Das jüdische Blut, das die Nachfahren und Nach¬ 
folger Chmelnizkijs, Gontas und Shelesnjaks 1 vergossen haben, wird am 
liebsten vergessen« — wegen sozialistischer Sympathien. 31 »Zwischen De¬ 
zember 1918 und August 1919 veranstalteten die von Pedjura geführten 
Kampfverbände Dutzende von Pogromen, in deren Verlauf nach Angaben 
einer Kommission des Internationalen Roten Kreuzes etwa 50000 Perso¬ 
nen getötet wurden. Der größte Pogrom fand am 15. Februar 1919 in 
Proskurow statt, ... nach einem gescheiterten bolschewistischen Um¬ 
sturzversuch.« 52 »Unablässig gab es Judenpogrome. Diese hatten fast 
gleichzeitig mit dem Aufbau der ukrainischen Macht begonnen, nahmen 


1 Bogdan Chmelnizkij: ukrainischer Kosakenfuhrer (Hetman, ca. 1593-1657), 
ebenso wie später Iwan Gonta (t 1768) und Maxim Shelesnjak, die den Bauern¬ 
aufstand gegen den polnischen Adel anftihrten 


152 


Im Bürgerkrieg 


in der Zeit des so genannten Direktoriums besonders brutale Züge an und 
hörten so lange nicht auf, wie noch ukrainische Streitkräfte existierten.« 53 

Wir wollen S. Maslow dazu hören: »Auch bei Pogromen in der Zaren¬ 
zeit waren Juden umgebracht worden, aber noch nie so viele und noch nie 
mit einer solchen Gefühllosigkeit, ja Hartherzigkeit, wie dies jetzt ge¬ 
schieht.« »Bei den Judenpogromen, die von aufständischen Bauernein¬ 
heiten angezettelt werden, metzeln diese manchmal in den eroberten 
Schtetln die gesamte jüdische Bevölkerung ohne Ausnahme nieder. Weder 
Kinder, noch Frauen, noch Greise werden verschont.« 54 Gerade zu dieser 
Zeit wurde in den Städten viel unverkauftes Gut gelagert, und die Bauern 
aus den umhegenden Ortschaften kamen mit Pferdewägen, um die Über¬ 
reste zu plündern, nachdem die Pogromisten abgezogen waren. 55 »In der 
ganzen Ukraine ertönt nicht selten, wenn die Aufständischen Züge über¬ 
fallen, der Befehl in den Wagons: Kommunisten und Juden raus aus dem 
Zug!< Wer sich meldet, wird direkt vor den Wagons erschossen.« In ande¬ 
ren Fällen werden die Papiere kontrolliert oder mittels des Wortes »Ku- 
kurusa« [»Mais«] die Aussprache auf jüdischen Akzent überprüft, und 
wenn diese nicht lupenrein ist, »wird derjenige, der verdächtig ist, Jude zu 
sein, beiseite geführt und erschossen«. 56 

Ein amerikanischer Forscher meint: »Die Massenmorde an den Juden 
Weißrusslands und der Ukraine in der Zeit des Bürgerkrieges waren in 
Wirklichkeit weniger das Ergebnis einer bewusst geführten Politik, als der 
Reaktionen im Volk und bei den Bauern.« 57 

Besonders verantwortungslos und darum äußerst brutal gingen bei den 
Pogromen in der Ukraine die Banden vor, die unter ihren Anführern Gri- 
gorjew, Sokolowskij, Seljonyj, Struk, Angel, Tjutjunik, Jazejko, Wolynez, 
Kosyr-Sirka ein Willkürregiment im Land führten. Mit ihnen nicht in 
eine Reihe gesteht werden kann Machno. 1 

Machno selbst - ein Mann, in dem der Revolutionär und der Bandit 
eine organische Verbindung eingegangen sind - wurde auf der Woge des 


1 Nestor Iwanowitsch Machno (1889—1934): Anarchist, 1910-1917 zu Zwangs¬ 
arbeit verurteilt, 1918-1921 Anführer der Bauernverbände in der Ukraine, die 
sich gegen die Okkupation durch deutsche und österreichische Truppen, gegen 
die Weißen und gegen die Rote Armee stellten, schlug sich mehrmals auf die 
Seite der Sowjetmacht, floh nach der Niederlage durch die Rote Armee 1921 
nach Rumänien, 1922 nach Polen und kam 1923 nach Paris. 


153 



Kapitel 4 


ungezügelt tobenden Bürgerkrieges weit nach oben getragen. Seine kri¬ 
minellen und pathologischen Gewaltaktionen zu untersuchen würde den 
Rahmen dieses Buches sprengen. Jedenfalls lag ihm Antisemitismus fern, 
und seine Anarcho-Kommunisten verabschiedeten Resolutionen mit dem 
Ziel eines »unversöhnlichen Kampfes gegen alle Spielarten des Antisemi¬ 
tismus«. Einige Zeit lang war Aron Baron der Stabsleiter von Machno und 
Lew Sadow-Sinkowskij der Leiter seiner Spionageabwehr; der bereits er¬ 
wähnte Wolin-Eichenbaum war Leiter der Agitprop-Abteilung, Arschi- 
now ein wichtiger Berater und Kogan der Vorsitzende des Sowjets von 
Guljaj-Polje. 1 Es gab auch eine Kompanie von 300 jüdischen Kämpfern 
unter dem Befehl Taranowskijs, doch diese Abteilung verriet Machno; 
später vergab Machno Taranowskij und beförderte ihn zum Stabschef. Es 
ist zu lesen, dass »Massen von mittellosen Juden in die Machno-Armee 
eintraten« und dass Machno sogar den Ataman Grigorjew, den er in einen 
Hinterhalt gelockt hatte, angeblich wegen Antisemitismus erschoss. Im 
Mai 1919 ließ Machno die Bauern des Dorfes Uspenowka hinrichten, 
weil sie in der jüdischen Bauernkolonie Gorkoje einen Pogrom durchge- 
fuhrt hatten. Doch während Machno »unbestreitbare Verdienste gegen¬ 
über dem Judentum erworben hat« (und später in Paris bis zu seinem Tod 
»ständig von Juden umgeben war«), wurde seine Armee, wegen ihrer Un¬ 
lenkbarkeit, zugleich auch die Urheberin mehrerer Judenpogrome, zum 
Beispiel im Dezember 1918 bei Jekaterinoslaw 58 und im Sommer 1919 in 
Alexanderowsk. Dennoch — und dies hält auch die Enzyklopädie fest: 
»Machno und die anderen Anführer [seiner] Bewegung bekämpften die 
Pogrome entschieden und richteten die Pogromisten hin.« 59 

Vor uns liegt der Band »Jüdische Pogrome. 1918-1921«. Er wurde 
1923 im Auftrag des Jüdischen sozialen Hilfskomitees fiir Pogromgeschä¬ 
digte erstellt, erschien aber erst 1926. 60 (Insbesondere das Jahr des Er¬ 
scheinens erklärt, warum hier alles verborgen bleibt, was die von den 
Roten veranstalteten Pogrome betrifft. Das Werk thematisiert dagegen 
»die Rolle, welche die Pedjura-Armee, die Freiwilligenarmee und die pol¬ 
nische Armee beim Pogrom-Bacchanal der beschriebenen Zeit gespielt 
haben«.) 


1 Guljaj-Pole: Zentrum der Machno-Bewegung, ehemalige Militärsiedlung in der 
Ukraine 


154 



Im Bürgerkrieg 


Die militärischen Einheiten hinterließen vor allem in den großen Städ¬ 
ten und an den Knotenpunkten, die auf ihrer Marschroute lagen, ihre 
Brandspur, während die Trupps der »Väterchen« (Banditenfuhrer) auch 
im Hinterland wüteten, sodass es keinen Ort gab, wo die Juden vor Po¬ 
gromen sicher gewesen wären. 

Die Pogrome der Pedjura-Verbände, die von einer gezielten, vorsätzlich 
grausamen, manchmal ohne Raub von Besitzgütern einfach auf methodi¬ 
sche Vernichtung ausgerichteten Vorgehensweise geprägt waren, fanden 
1919 ihren schlimmsten Ausdruck in den Pogromen, die in Proskurow 
(Februar) und im benachbarten Felschtin, in Shitomir (Februar), Ow- 
rutsch (März), Trostinez (Mai), Uman (Mai) und Nowomirgorod (Mai) 
stattfanden. Die Banden wüteten dagegen am schlimmsten in Smela 
(März 1919), Jelisawetgrad (Mai), Radomysl (Mai), Wapnjarka (Mai), 
Slowetschno (Mai) und Dubowo (Juni) und die Denikin-Einheiten in 
Fastow (September 1919) und Kiew (Oktober). In Weißrussland gab es 
auch Pogrome von polnischer Seite - in Borissow und im Kreis Bobrujsk. 
Außerdem verübten dort (sowohl 1919 als auch 1920, bis in den Som¬ 
mer 1921 hinein) Einheiten Bulak-Balachowitschs, die von Polen unter¬ 
stützt wurden, Pogrome in Mosyr, Turow, Petrakow, Kopotkewitschi, 
Kowtschizy und Gorodjatitschi. 

Angesichts der vernichtenden Pogromwellen ergriff das ukrainische Ju¬ 
dentum blankes Entsetzen. Wenn eine kurze Atempause eintrat, flüchte¬ 
te die jüdische Bevölkerung in Massen aus den Orten, wo Pogrome statt¬ 
gefunden hatten oder stattzufinden drohten. Ganze Schted und Klein¬ 
städte erlebten einen Massenexodus in die nächsdiegenden Großstädte 
oder in Richtung der rumänischen Grenze (in der vergeblichen Hoffnung, 
dort Rettung zu finden). Manchmal war es einfach »eine panische Flucht, 
ohne Richtung und Ziel«, wie aus den Städten Tetiew oder Radomysl. 
»Die blühendsten und dicht besiedeltsten Orte verwandelten sich in 
Öden. Die jüdischen Städte und Schted glichen düsteren Friedhöfen: aus¬ 
gebrannte und zerstörte Häuser, tote und trosdose Straßen ... Eine ganze 
Reihe jüdischer Ortschaften wie Wolodarka, Boguslaw, Borschtschagow- 
ka, Snamenka, Fastow, Tefiopol und Kutusowka wurden niedergebrannt 
und sind nur noch ein Haufen von Ruinen.« 61 

* 


155 



Kapitel 4 


Kommen wir nun zu den Weißen. Man hätte meinen mögen, wenn im 
Bürgerkrieg noch irgendwo in gewissem Maße Möglichkeiten zur Demo¬ 
kratie bestanden hätten, dann wäre das mit Sicherheit nicht im Würge¬ 
griff der Roten gewesen, sondern gerade bei den Weißen: unter Denikin, 
unter Wrangel. Den Weißen gehörten nicht nur Monarchisten, nicht nur 
Nationalisten aus verschiedenen Völkern an, sondern auch viele liberale 
Splittergruppen verschiedener Couleur und Sozialisten unterschiedlicher 
Ausrichmng - solche, die mit den Bolschewiken niemals gemeinsame 
Sache machen würden. An der Ostfront waren vor dem Koltschak-Putsch 
die Verhältnisse ähnlich. Wenn dem so war - warum sollte sich dort nicht 
auch ein Platz für jene Juden finden, welche die politische Ausrichtung 
und die Sympathien jener Gruppen teilten? 

Doch der verhängnisvolle und für beide Seiten nicht rückgängig zu ma¬ 
chende Verlauf der darauf folgenden Ereignisse sollte die Juden hindern, 
den Weg zur Weißen Armee zu gehen. 

Die »Kleine Jüdische Enzyklopädie« teilt mit, dass zunächst »viele Ros¬ 
tower Juden die Weiße Bewegung unterstützten. Am 13. Dezember 1917 
übergab der Großkaufmann A. Alperin dem Führer der Donkosaken A. 
Kaledin 800 000 Rubel, die von Rostower Juden gespendet worden waren, 
zu dem Zweck, Kosakeneinheiten für den Kampf gegen die Sowjetmacht 
zu organisieren.« 62 Aber auch eine andere Begebenheit trug sich in Rostow 
zu: Als General Alexejew (ebenfalls im Dezember 1917) gerade seine erste 
Truppe zusammenstellte, benötigte er Geld, das er in Rostow und Nachi- 
tschewan von den Bürgern erbat (und nicht gewaltsam einzog!). Das Gro߬ 
bürgertum bestand dort vor allem aus Juden beziehungsweise Armeniern. 
Die Reichen Rostows verweigerten es ihm - nur ein Bagatellbetrag kam zu¬ 
sammen — und Alexejew war im Winter, mit einer schlecht ausgerüsteten 
Truppe, zum Rückzug gezwungen, dem so genannten »Eismarsch«. 

Auch später hieß es: »Die Bevölkerung antwortete nur mit ein paar 
Groschen auf alle Appelle der Freiwilligenarmee, als aber an deren Stelle 
die Bolschewiken erschienen, spendete man fügsam auf den ersten Aufruf 
hin Millionen harter Rubel und ganze Geschäftslager an Waren.« 63 (Auch 
als der Ex-Premier Fürst G. Je. Lwow, seinerseits auf der Suche nach 
Unterstützung, Ende 1918 in Washington und New York weilte, traf er 
sich mit einer Delegation amerikanischer Juden, doch ein Hilfsverspre¬ 
chen erhielt er nicht. 64 ) 


156 



Im Bürgerkrieg 


Pasmanik erwähnt allerdings einen Brief, gemäß dem Ende 1918 »über 
3,5 Millionen Rubel ... ausschließlich im engsten Kreis von Juden« ge¬ 
sammelt worden waren, dazu gab es diverse »Versprechungen und Beteu¬ 
erungen« der weißgardistischen Oberbefehlshaber, dass man mit den 
Juden gut umgehen werde. Ungeachtet dessen wurde den Juden untersagt, 
im Schwarzmeer-Gouvernement Land zu kaufen (wegen »übermäßiger 
Spekulationen einiger Personen, die der jüdischen Nationalität angehö¬ 
ren«), wenn dieses Verbot auch bald wieder aufgehoben wurde. 65 

Ebenfalls aus Rostow und aus derselben Zeit, als die Weiße Bewegung 
erst im Entstehen begriffen war — noch deutete sie sich erst vage an und 
schien fast aussichtslos zu sein -, ist mir persönlich ein anderer Fall be¬ 
kannt, der unseres Bekannten A. I. Archangorodskij, eines älteren Juden, 
der in der Industrie als Ingenieur in leitender Position tätig war und sich 
aufrichtig als russischen Patrioten ansah. In jener Februarnacht, als die Ju¬ 
gend zum »Eismarsch« fortzog, wollte er seinen widerstrebenden Sohn, 
einen Studenten, buchstäblich fortjagen, damit er mit den Freiwilligen 
zöge (die Tochter allerdings ließ den Bruder nicht gehen). Die »Jüdische 
Enzyklopädie« hält fest: »Die Rostower Juden traten in die Partisanenein¬ 
heiten der Kosaken und in das Studentenbataillon von L. Kornilows Frei¬ 
willigenarmee ein.« 66 

1975 erzählte mir in Paris der letzte Kommandeur des Kornilow-Regi- 
ments M. I. Lewitow, dass nicht wenige der bereits erwähnten jüdischen 
Offiziersanwärter aus dem unter Kerenskij beförderten Jahrgang in den 
»Kornilow-Putschtagen« im August 1917 treu zu den Putschisten standen. 
Von der Weißen Armee stellte er besonders den Georgskreuz-Träger Kaz- 
man aus der 1. Kutepow-Division heraus. 

Es ist allerdings bekannt, dass viele Weiße von den ihnen mit Sympa¬ 
thie oder neutral gegenüberstehenden Juden nichts wissen wollten. Da 
andere Juden so zahlreich aufseiten der Roten kämpften, erwuchs bei den 
Weißen gegenüber den Juden günstigstenfalls Misstrauen, oft aber be¬ 
herrschte sie auch die blanke Wut. In einer neuen Untersuchung lesen wir: 
»Im ersten Jahr des Bestehens der Weißen Bewegung gab es dort praktisch 
keinen Antisemitismus (jedenfalls nicht als reguläre Erscheinung), und 
Juden dienten sogar in den Reihen der Freiwilligenarmee. 1919 aber ... 
veränderte sich die Lage grundlegend. Erstens wurde nach dem Sieg der 
Entente über Deutschland die weithin verbreitete Überzeugung der Weiß- 


157 



Kapitel 4 


gardisten, die Deutschen hätten die Bolschewiken unterstützt, nun durch 
die Mär abgelöst, die Juden seien die Hauptstütze des Bolschewismus. 
Zweitens gerieten die Weißen nach der Eroberung der Ukraine unter den 
Einfluss des dort herrschenden hemmungslosen Antisemitismus, und dies 
bereitete ihrer Einbeziehung in antijüdische Exzesse die Bahn.« 67 

Die Weiße Armee »war von Trotzkij und Nachamkis wie hypnotisiert, 
was dazu führte, dass sie den ganzen Bolschewismus mit dem Judentum 
gleichsetzte, und dies zog Pogrome nach sich«. 68 In den Vorstellungen 
der Weißen war Russland, zu dessen Befreiung sie auszogen, von den jü¬ 
dischen Kommissaren usurpiert. Nimmt man dazu die kaum erst zu¬ 
sammengestellte, mehr schlecht als recht zusammengehaltene und kaum 
kontrollierbare Armee, die mangelhafte Führung in den Weiten des Lan¬ 
des und die Willkür, der man allgemein überall in diesem Krieg ihren Lauf 
ließ, so ist es von solchen Vorstellungen nicht mehr weit bis zum Auf¬ 
flammen spontaner - und leider weißer- Pogrome. »A. I. Denikin ... ver¬ 
trat wie eine Reihe anderer Befehlshaber der Südarmee (W. S. Maj-Ma- 
jewskij) eine den Kadetten und Sozialrevolutionären nahe Position und 
bemühte sich, die Gräueltaten seines Heeres zu unterbinden. Doch diese 
Versuche waren wenig erfolgreich.« 69 

Natürlich dachten viele Juden an ihren Selbstschutz. So verging ganz 
entgegen den ursprünglichen Hoffnungen auf ein humanes Vorgehen der 
Freiwilligenarmee - nachdem nun auch noch die Denikin-Armee Pogro¬ 
me verübte - praktisch allen Juden die Lust, sich den Weißen anzuschlie¬ 
ßen. 

Pasmanik führt ein aussagekräftiges Beispiel an: »Alexandrowsk ist den 
Bolschewiken abgenommen worden, die Freiwilligenarmee rückt in die 
Stadt ein. Allgemeine und ungeheuchelte Freude bei der ganzen Bevölke¬ 
rung ... Bereits in der ersten Nacht wird die halbe Stadt geplündert. Das 
Klagegeschrei und Stöhnen der gepeinigten Juden erfüllt alsbald die 
Stadt ... Frauen werden vergewaltigt, ... Männer zusammengeschlagen 
und ermordet, aus den jüdischen Wohnungen wird alles, was nicht 
niet- und nagelfest ist, geraubt. Der Pogrom dauert drei Tage und drei 
Nächte an. Der Stadtkommandant, Kosakenleutnant Sliwa, erklärt auf die 
Klagen der Gemeindeverwaltung: Wir halten es immer so: Wird eine 
Stadt eingenommen, gehört sie drei Tage lang uns.<« 70 Für diese Plünde¬ 
rungen und Gewalttaten seitens der Soldaten der Freiwilligenarmee kann 


158 



Im Bürgerkrieg 

allein Hass auf die jüdischen Kommissare nicht als hinreichende Erklä¬ 
rung gelten. 

Einer der höchsten weißen Generäle, A. von Lampe, beharrt darauf, 
dass die Gerüchte über die »weißen« Judenpogrome »tendenziös übertrie¬ 
ben« seien. Diese Raubzüge hätten bei einer Armee, die ohne eine Versor¬ 
gungsabteilung und ohne regelmäßige Nachschublieferungen aus dem 
Hinterland auskommen musste, die unvermeidlichen »Requisitionen« zur 
Versorgung der Truppe dargestellt; es seien nicht speziell die Juden, son¬ 
dern alle Bewohner der eingenommenen Stadt betroffen gewesen, unter 
ihnen seien die Juden häufig »zahlenmäßig mehr und auch reicher« gewe¬ 
sen und hätten darum »mehr gelitten«. »Ich behaupte ganz definitiv«, 
schreibt von Lampe, »dass es im Gebiet, wo die weißen Armeen operier¬ 
ten, keine Judenpogrome, das heißt keine organisierte Vernichtung und 
Plünderung der Juden ... gegeben hat... Es gab Plünderungen und sogar 
Morde,... die später von einer bestimmten Presse zu Judenpogromen auf¬ 
gebauscht wurden ... Zur Strafe wurden die 2. Kubankosaken-Infanterie- 
brigade und das Ossetische Reiterregiment aufgelöst.« Doch »wie die jü¬ 
dische litt auch die chrisdiche Bevölkerung des von den Unruhen ergrif¬ 
fenen Gebiets«. 71 Es gab (nach Angaben der ansässigen Bevölkerung) auch 
Erschießungen von Kommissaren und Tschekisten, denen die Flucht 
nicht rechtzeitig gelungen war. Unter diesen befanden sich nicht wenige 
Juden. 

Anders stellen sich die Geschehnisse in Fastow im September 1919 dar, 
wie wir in der »Jüdischen Enzyklopädie« lesen können: Dort waren es die 
Kosaken, die »ihr Unwesen trieben, ... sie mordeten, vergewaltigten, 
raubten und verhöhnten die religiösen Gefühle der Juden (die Kosaken 
drangen während des Jom Kippur in die Synagoge ein, verprügelten die 
Betenden, vergewaltigten Frauen und zerfetzten die Thorarollen). Etwa 
1000 Menschen starben.« 72 Als »stiller Pogrom« wurde die methodische 
Plünderung - ein Häuserblock nach dem anderen — der Kiewer Juden 
während der kurzzeitigen Rückeroberung durch die Weißen im Oktober 
1919 berüchtigt. Schulgin schreibt: »Die Befehlshaber verboten jegliche 
Pogrome aufs Strengste. Aber ... erstens gaben die >Jidden< wirklich An¬ 
lass zu Arger, und zweitens hatten die >Helden< nichts zu essen ... Die Frei¬ 
willigen fristeten in den Großstädten überhaupt ein Hungerdasein« - 
nachts überfielen sie Häuser, allerdings ohne Mord und Gewalttaten. Dies 


159 



Kapitel 4 


»geschah, als Denikins Stern bereits am Sinken war ... Es war der Anfang 
vom Ende der Freiwilligenarmee.« 73 

»Auf dem Weg, dem der Angriff und insbesondere der Rückzug« der 
Weißen Armee, während der grausamen Rückzugskämpfe im November 
und Dezember 1919, folgte, veranstalteten die Weißen »eine lange Reihe 
von Judenpogromen« (wie Denikin eingestand), deren Ziel nicht nur in 
Plünderungen, sondern auch in Rache bestand. Allerdings, so Bikerman, 
»waren Morde, Plünderungen und Vergewaltigungen nicht die unver¬ 
meidlichen Begleiter der [Weißen] Armee, wie es unsere [jüdischen] na¬ 
tionalistisch gesinnten Sozialisten behaupten und dabei das an sich schon 
Schreckliche Rir ihre Zwecke noch übertreiben«. 74 

Schulgin haut in dieselbe Kerbe: »Nach echtem weißen Verständnis ist 
all dies — eine wehrlose Bevölkerung niederzumetzeln, Frauen und Kinder 
umzubringen, fremdes Eigentum zu rauben - einfach undenkbar.« Somit 
»liegt die Schuld der echten Weißen im vorliegenden Fall darin, es zuge¬ 
lassen zu haben. Sie hielten das üble Gesindel, das ins weiße Lager einge¬ 
drungen war, nicht entschieden genug an der Kandare.« 75 

Auch Pasmanik schreibt: Natürlich »begreifen alle, dass General Deni¬ 
kin keine Pogrome wollte, doch als er im April und Mai 1919 in Nowo- 
rossijsk und Jekaterinodar stand - dies war also noch vor Beginn des Vor¬ 
stoßes nach Norden -, fühlte ich, dass sich die Atmosphäre des Antisemi¬ 
tismus verdichtet hatte und alles durchdrang«. 76 Dies waren die Umstände 
- teils Rachsucht, teils Gewährenlassen -, die den 1919 ausbrechenden 
»weißen« Pogromen den Boden bereiteten. 

Dabei waren es »nach einhelliger Meinung derjenigen, die das Unglück 
hatten, die einen wie die anderen Pogrome [die der Pedjura-Verbände wie 
die der Weißen Armee] zu überleben, Pedjuras Leute, die mehr als alle an¬ 
deren den Juden nach dem Leben trachteten, ihre Seelen vernichten woll¬ 
ten: Sie waren es hauptsächlich, die mordeten.« 77 

»Es war nicht die Freiwilligenarmee, von der die ersten Judenpogrome 
im neuen Russland ausgingen. Sie begannen zunächst im erneuertem 
Polen, kaum dass dieses wieder ein freier und unabhängiger Staat gewor¬ 
den war. In Russland selbst gaben die ukrainischen Truppen des Demo¬ 
kraten Petljura und des Sozialisten Winnitschenko den Startschuss ... Die 
Ukrainer brachten es dahin, dass Pogrome eine Alltagserscheinung wur¬ 
den.« 78 


160 



Im Bürgerkrieg 


Die Freiwilligenarmee begann zwar nicht mit den Pogromen, aber sie 
führte sie fort, motiviert durch die irrige Überzeugung, dass alle Juden 
aufseiten der Bolschewiken stünden. »Besonderen Hass rief bei den Wei߬ 
gardisten und den Pedjura-Verbänden L. Trotzkij hervor; fast jeder Po¬ 
grom wurde vom Ruf begleitet: >Das kriegt ihr für Trotzkij !«< Sogar 
»die Kadetten, die früher jede Art von Antisemitismus und umso mehr 
die Pogrome immer verurteilt hatten, ... forderten bei ihrer Charkower 
Konferenz im November 1919, ... die Juden sollten Jenen jüdischen 
Elementen, die sich aktiv an der bolschewistischen Bewegung betei¬ 
ligen, einen rücksichtslosen Krieg ansagem«. Dabei »behaupteten die 
Kadetten, ... dass die weißgardistischen Machthaber alles täten, um 
Pogrome zu bekämpfen«. Gemeint war damit, dass ab Anfang Oktober 
1919 »die Befehlshaber dieser [Freiwilligen-]Armee über die Pogro- 
misten verschiedene Strafmaßnahmen verhängten, die bis zur Erschie¬ 
ßung gingen«, wonach »die Pogrome ftir einige Zeit aufhörten«. Doch 
»zwischen Dezember 1919 und März 1920 nahmen die Pogrome beim 
Rückzug der Freiwilligenarmee aus der Ukraine einen besonders erbitter¬ 
ten Charakter an«, und es wurde den Juden vorgeworfen, »dass sie von 
hinten auf die abmarschierenden Kämpfer schossen«. (Es ist wichtig, 
dem gegenüberzustellen, dass »in Sibirien, wo A. KoltschaksTruppen ope¬ 
rierten«, »keine Pogrome stattfanden«. »Koltschak ließ Pogrome nicht 
zu.«) 79 

D. O. Linskij, der selbst in der Weißen Armee gedient hat, schreibt 
stark emotional bewegt: »Dem Judentum eröffnete sich die vielleicht nie¬ 
mals wiederkehrende Möglichkeit, für die russische Erde in einerWeise zu 
kämpfen, dass von den Lippen der Verleumder die Behauptung ein ftir alle 
Mal verschwinden würde, Russland sei ftir die Juden nur ein geografischer 
Ort, nicht aber ihr Vaterland.« Im Grunde »gab es hier fraglos keine an¬ 
dere Wahl: Der Sieg ... der dem Bolschewismus feindlich gesinnten Kräf¬ 
te würde durch alle Leiden zu einer Wiedergeburt des ganzen Landes und 
darunter auch des jüdischen Volkes fuhren ... Das Judentum hätte sich 
vollständig in die Sache der Russen hineingeben, ihr sein Leben und seine 
Mittel opfern sollen ... Man hätte hinter den dunklen Flecken auf den 
weißen Gewändern die reine Seele der weißen Bewegung erahnen sollen 
... In den Reihen einer Armee, in der es viele junge Juden gegeben hätte, 
einer Armee, die sich auf umfangreiche materielle Hilfe durch das Juden- 


161 


Kapitel 4 


tum hätte stützen können, hätte dem Antisemitismus die Luft zum Leben 
gefehlt, und der Pogrombewegung hätten Kräfte von innen her Wider¬ 
stand entgegengesetzt. Das Judentum hätte die russische Armee unter¬ 
stützen sollen, die zur unsterblichen Heldentat eines Kampfes um die rus¬ 
sische Erde auszog ... Das Judentum wurde von der Heldentat einer Mit¬ 
wirkung an dieser russischen Aufgabe fern gehalten, aber das Judentum 
hätte die Pflicht gehabt, jene, die es abhielten, selbst fern zu halten.« All 
dies schreibt Linskij »gestützt auf die schmerzhafte Erfahrung meiner ei¬ 
genen Mitwirkung an der Weißen Bewegung. Bei all den schweren und 
düsteren Seiten, welche die Weiße Bewegung offenbart hat, beugen wir 
voller Ehrfurcht und Ergriffenheit unser unbedecktes Haupt vor dieser 
einzigen Tatsache, die Respekt einflößt: dass die Weißen gegen jene 
Schande der russischen Geschichte gekämpft haben, für die es sich einge¬ 
bürgert hat, ... sie als >Russische Revolutiom zu bezeichnen.« Dies war 
»eine große Bewegung zur Verteidigung der niemals untergehenden 
Schätze des menschlichen Geistes«. 80 

Doch die Weiße Armee trat nicht im Geringsten für die Juden ein, die 
zu ihr stießen. Wie viele Erniedrigungen mussten Juden wie Pasmanik 
hinnehmen, der in der Weißen Armee kämpfte (und wiederum bei vielen 
Juden Empörung hervorrief, weil er »zu den Pogromisten gehörte«)! »Die 
Freiwilligenarmee lehnte es systematisch ab, in ihre Reihen jüdische Fähn¬ 
riche und Offiziersschüler aufzunehmen, sogar j ene, die im Oktober 1917 
tapfer gegen die Bolschewiken gekämpft hatten. Dies war ein moralischer 
Schlag, den man dem russischen Judentum zufligte.« »Niemals werde ich 
das Büd vergessen«, schreibt Pasmanik, »wie elf jüdische Fähnriche zu mir 
nach Simferopol kamen, um sich zu beschweren, dass sie aus der kämp¬ 
fenden Truppe ausgesondert und hinter die Frondinie zurückgenommen 
worden waren ... - zum Grützekochen.« 81 

Dazu schreibt W. Schulgin: »Wenn in den Reihen der Weißen ebenso 
viele Juden gewesen wären wie bei den revolutionären Demokraten< oder 
seinerzeit bei den konstitutionellen Demokraten< ... [Aber] nur eine ver¬ 
schwindend kleine Gruppe von Juden schloss sich der weißen Bewegung 
an, ... nur vereinzelte Juden, deren Selbstentsagung in dieser Zeit, als sich 
der Antisemitismus schon deutlich abzeichnete, gar nicht hoch genug ge¬ 
schätzt werden kann. Im Lager der Roten dagegen waren mehr als genug 
Juden und ... darüber hinaus standen sie, was noch wichtiger war, in der 


162 



Im Bürgerkrieg 


>Kommandospitze<.« »Kennen wir nicht alle die bittere Tragödie einzelner 
Juden, die in die Freiwilligenarmee eintraten? Das Leben dieser jüdischen 
Freiwilbgen war in gleichem Maße von einer feindlichen Kugel bedroht 
wie von einem Schuss in den Rücken, den einer jener TIelden hinter der 
Frontlinie< abgeben konnte, welche die Lösung der jüdischen Frage auf 
ihre eigene Weise angingen.« 82 

Doch es ging nicht nur um die »Helden hinter der Frondinie«. Auch 
bei den weißen Offiziersjüngelchen aus Intelligenzija-Familien flammte 
jetzt eine antijüdische Geisteshaltung auf, die absolut im Widerspruch zu 
der ganzen Tradition stand, in der sie erzogen worden waren. 

Je länger sich dies fortsetzte, desto mehr verurteilte es die Weiße Armee 
dazu, auf einsamem Posten zu kämpfen und schließlich ein Debakel zu er¬ 
leben. 

Linskij berichtet, dass Juden zu Zeiten der Freiwilligenarmee nicht in 
den Staatsdienst und in den (von General A. M. Dragomirow gegründe¬ 
ten) Aufklärungs- und Agitationsdienst (OswAg) der Weißen Armee auf¬ 
genommen wurden. Dass die Publikationen des OswAg antisemitische 
Propaganda enthalten hätten und dass man angeblich Plünderer nicht zur 
Rechenschaft gezogen hätte, widerlegt er jedoch. Nein, »das Oberkom¬ 
mando wollte keine Judenpogrome, aber ... es konnte den Stimmungen 
in der Masse der Soldaten, die nach Pogromen gierten, nicht entgegen¬ 
wirken ... Aus psychologischen Gründen konnte es nicht so große Härte 
an den Tag legen ... Diese Armee war eine andere, man konnte die flir 
Friedens- oder Kriegszeiten vorgesehene übliche Militärsatzung der russi¬ 
schen Armee nicht auf sie anwenden«, die Psyche der Soldaten war be¬ 
reits durch den Bürgerkrieg angeschlagen. 83 »Man wollte keine Pogrome, 
aber die Denikin-Regierung konnte sich nicht entscheiden, ein Macht¬ 
wort gegen die antisemitische Propaganda zu sprechen«, obwohl die Po¬ 
grome der Denikin-Armee enormen Schaden zufugten. Die Freiwilligen¬ 
armee »nahm insgesamt eine feindselige Haltung gegenüber dem gan¬ 
zen russischen Judentum ein« 84 , schließt Pasmanik. I. Lewin entgegnet, 
dass »der ganzen Bewegung die Ansichten einer einzelnen Fraktion - der 
aktiven Pogromisten - unterstellt würden«, während ja »die weiße Bewe¬ 
gung überaus komplex war und diverse Strömungen in sich vereinigte, ... 
die häufig diametral entgegengesetzt waren«. 85 Außerdem: »Auf die Bol¬ 
schewiken zu setzen, sich hinter ihrem Rücken zu verstecken aus Furcht 


163 



Kapitel 4 


vor eben diesen Pogromen, ist eindeutig und offensichtlich ein Wahnsinn 
... Der Jude sagt: Entweder die Bolschewiken oder die Pogrome, während 
er sagen müsste: Je länger die Bolschewiken an der Macht sind, desto 
näher sind wir dem Untergang.« 86 Dennoch: Immer wieder führten die 
weißen Agitatoren den Ausdruck »kommunisdsch.es Judenpack« im 
Munde. 

All dies wurde von Wrangel auf der Krim entschlossen unterbunden, 
dort kam nichts dergleichen vor. (Dem Geisdichen Wostokow ver¬ 
bot Wrangel sogar höchstpersönlich, judenfeindliche Predigten zu hal¬ 
ten.) 

Im Juli 1920 schreibt der uns schon bekannte jüdische Millionär Schu- 
lim Bespalow aus Paris an Wrangel auf die Krim: »Die Heimat muss ge¬ 
rettet werden. Die Ackerbauern und die Fabrikbesitzer werden sie retten. 
Bis der Wert des Rubels und das normale Leben wiederhergestellt sind, 
sollte jeder 75% seines Vermögens hergeben.« 87 

Aber es war schon zu spät... 

Als die Wrangel-Armee die Krim räumte, ging ein Teil der jüdischen Be¬ 
völkerung mit. 88 

Ja, die Weiße Bewegung benötigte dringend, sogar verzweifelt, die 
Unterstützung der öffendichen Meinung im Westen (die vom Schicksal 
des russischen Judentums erheblich mitbestimmt wurde). Besser gesagt, 
sie hätte sie nötig gehabt, ließ aber, wie wir gesehen haben, der Atmo¬ 
sphäre der Judenfeindlichkeit in verhängnisvoller und nicht wieder gut¬ 
zumachender Weise Raum zur Ausbreitung und verhinderte später auch 
die Pogrome nicht. Kriegsminister Winston Churchill »war der Haupt¬ 
verfechter einer Intervention des Westens in Russland und militärischer 
Hilfe für die Weiße Armee«. Wegen der Pogrome wandte er sich direkt an 
Denikin: »Meine Aufgabe, im Parlament Unterstützung für die nationale 
russische Bewegung zu erhalten, wird ungemein erschwert«, wenn die Po¬ 
grome nicht aufhörten. »Churchill fürchtete auch die Reaktion einfluss¬ 
reicherjüdischer Kreise aus der britischen Elite.« 89 In Amerika dachten die 
jüdischen Kreise ähnlich. 

Die Pogrome hörten aber nicht auf, was die überaus dürftige, unwillig 
gegebene Hilfe des Westens für die Armeen der Weißen größtenteils er¬ 
klärt. Zudem führten die Interessen der Wall Street die amerikanische Fi¬ 
nanzwelt von selbst dazu, die Bolschewiken als wahrscheinliche zukünfti- 


164 




Im Bürgerkrieg 


ot Herren über die Reichtümer Russlands zu unterstützen. Die Atmo¬ 
sphäre in den USA und in Europa wurde zudem durch die Sympathien 
für diese Erbauer einer neuen Welt, ihr grandioses Ansinnen, ihre erhabe¬ 
ne soziale Aufgabe bestimmt. 

Trotzdem erstaunt während des ganzen Bürgerkrieges das Verhalten 
jener, die jüngst noch die Alliierten Russlands gewesen waren: ihr eigen¬ 
nütziges Denken und ihre blinde Gleichgültigkeit gegenüber der Weißen 
Bewegung, den Nachfolgern des verbündeten kaiserlichen Russlands. Sie 
nötigten die Weißen, eine Delegation nach Versailles zu schicken, in der 
sie Seite an Seite mit den Bolschewiken saßen; danach fand eine aberwit¬ 
zige Versöhnung mit den Bolschewiken auf den Prinzeninseln statt. Die 
Entente, die keine einzige der weißen Regierungen anerkannt hatte, ge¬ 
währte eilig all den neuen Nationalstaaten, die an den Rändern Russlands 
entstanden waren, die Anerkennung - ein direktes Bestreben, den Zerfall 
Russlands herbeizufuhren. Die Engländer hatten es eilig, die Ölfelder von 
Baku zu besetzen, und die Japaner hatten Ambitionen auf den Fernen 
Osten und Kamtschatka. Die Amerikaner waren für die Weißen in Sibi¬ 
rien nur hinderlich, und sie ermöglichten auch noch den Bolschewiken, 
die Primorje-Region am Japanischen Meer zu erobern. Für jede Hilfe, die 
die alten Bündnispartner den Weißen leisteten, verlangten sie eine Vergü¬ 
tung - von Koltschak in Form von Gold, im Süden Russlands bekamen 
sie Schwarzmeerschiffe und Konzessionen. (Dies ging bis zu beschämend 
kleinlichen Aktionen wie denen der Engländer, die einen Teil der militä¬ 
rischen Ausstattung des Zaren mitnahmen, als sie aus den Nordgebieten 
um Archangelsk abzogen, einen weiteren Teil übergaben sie den Roten, 
den Rest warfen sie ins Meer, damit er nur nicht den Weißen zufiele.) Im 
Frühling 1920 forderte die Entente Denikin und Wrangel ultimativ auf, 
den Kampf gegen die Bolschewiken einzustellen. (Im Sommer 1920 
unterstützte Frankreich Wrangel durch kleine Versorgungsheferungen, 
damit er Polen aus der Klemme befreite. Doch schon ein halbes Jahr spä¬ 
ter ließ man sich von Wrangel knauserig mit Militärbesitz für die Lebens¬ 
mittelversorgung russischer Soldaten bezahlen, die sich auf die Halbinsel 
Gallipoli zurückgezogen hatten.) 

Was die nicht sehr zahlreichen Okkupationstruppen der Entente dem 
Land gaben, beobachtete ein so seriöser Diplomat wie Fürst Grigorij Tru- 
bezkoj, der das Beispiel der in Odessa eingerückten französischen Armee 


165 



Kapitel 4 


vor Augen hatte: »Die Politik der Franzosen in Südrussland und ihre Ein¬ 
stellung zu Fragen der russischen Staadichkeit war verblüffend in ihrer 
Konfusion und in ihrer Fehleinschätzung der Lage.« 90 

* 

Die schwarze Phase der Judenpogrome in der Ukraine zog sich durch das 
ganze Jahr 1919 bis in den Jahresbeginn 1920 hinein. Die Wucht, das Aus¬ 
maß und die Brutalität dieser Pogrome übertrafen bei weitem alles, was in 
unserem Buch über die Jahre 1881-1882, 1903 und 1905 zu lesen war. 1 
Der hohe Sowjetbeamte Ju. Larin schrieb in den 20er-Jahren, dass in der 
Ukraine während des Bürgerkrieges »eine unendliche Reihe von Massen¬ 
pogromen an der jüdischen Bevölkerung« stattfanden, »die von der Zahl 
sowohl der Opfer als auch der Täter alles früher Vorgefallene bei weitem 
überschreiten«. Winnitschenko soll gesagt haben: »Die Pogrome hören 
dann auf, wenn die Juden aufhören, Kommunisten zu sein.« 91 

Niemand hat die genaue Zahl der Opfer dieser Pogrome exakt berech¬ 
net. Natürlich war es unter den damaligen Umständen weder während der 
Ereignisse noch im Nachhinein möglich, eine zuverlässige Statistik zu fuh¬ 
ren. Im Buch »Judenpogrome« liest man: »Die Zahl der in der Ukraine 
und in Weißrussland in der Zeit von 1917 bis einschließlich 1921 Getö¬ 
teten schwankt zwischen 180000 und 200000 ... Allein schon die An¬ 
zahl der Waisen, die über 300 000 liegt, zeugt von den kolossalen Ausma¬ 
ßen der Katastrophe.« 92 Die erste sowjetische Enzyklopädie gibt dieselben 
Zahlen an. 93 Laut einer jüngeren jüdischen Enzyklopädie »wurden, nach 
unterschiedlichen Einschätzungen, zwischen 70000 und 180000 bis 
200000 Juden umgebracht«. 94 

Ein zeitgenössischer Historiker, der die Daten aus jüdischen Quellen 
zusammenfuhrt, kommt auf 900 Ahzxrtwpogrome, von denen 40% von 
den Petljura-Abteilungen und Anhängern des ukrainischen Direktoriums, 
25% von den Trupps der ukrainischen Bandenftihrer, 17% von den Leu¬ 
ten Denikins und 8,5% von der Ersten Reiterarmee Budjonnyjs und an¬ 
deren Roten verübt wurden. 95 

Wie viele zerstörte Schicksale verbergen sich hinter diesen Zahlen! 


1 Vgl. Solschemzyn, Russ.-jüd. Geschichte, S. 181ff., 311ff., 358ff. 


166 



Im Bürgerkrieg 


Im Laufe des Bürgerkrieges begannen die nationalistischen und sozia¬ 
listischen jüdischen Parteien mit den Roten zusammenzugehen. Die »Var- 
ejnikte« wurde zur »Komvarejnikte« [»Kommunistische Varejnikte«], 
»nahm das kommunistische Programm an und bildete zusammen mit der 
kommunistischen Fraktion des »Bund« im Juni 1920 den (gesamtrussi¬ 
schen) »Kombund«. In der Ukraine bildete eine Splittergruppe der »Var¬ 
ejnikte« gemeinsam mit dem ukrainischen »Kombund« den »Komvar- 
band« - d.h. den Jüdischen Kommunistischen Verband —, auch dieser 
ging dann in der Kommunistischen Partei der Bolschewiken auf. 96 In 
Kiew enthielt 1919 die offizielle sowjetische Presse Texte in dreierlei Spra¬ 
chen: Russisch, Ukrainisch und Jiddisch. 

»Die Bolschewiken zogen enormen Nutzen für sich aus diesen Pogro¬ 
men [in der Ukraine], sie schlachteten sie äußerst geschickt aus, um nicht 
nur in Russland, sondern auch im Ausland Einfluss auf die öffendiche 
Meinung zu nehmen ... und dies in vielen Kreisen - nicht nur jüdischen, 
sondern allgemein in der Gesellschaft in Ländern des europäisch-ameri¬ 
kanischen Raums.« 97 

Dabei klebte auch an den Fingern der Roten Blut von Judenpogromen 
- gerade die Roten begingen sie früher als alle anderen. »Einheiten der 
Roten Armee, die aus der Ukraine abzogen, veranstalteten im Frühling 
1918 Pogrome mit dem Schlachtruf >Haut die Jidden und die Bourgeois^« 
»Besonders grausame Pogrome veranstaltete die Erste Reiterarmee bei 
ihrem Rückzug aus Polen Ende August 1920.« 98 Doch über die Pogrome 
der Roten Armee während des Bürgerkrieges ist meist der Mantel des 
Schweigens gebreitet worden. Wenige Stimmen bilden eine Ausnahme, 
zum Beispiel Bikerman: »Im ersten Winter der Bolschewikenherrschaft 
verübten die unter dem roten Banner kämpfenden Truppen eine Reihe 
bludger Pogrome, unter denen besonders jene von Gluchow und Now- 
gorod-Sewerskij wegen der großen Anzahl der Opfer, der vorsätzlichen 
rohen Gewaltakte und der gemeinen Verhöhnung der Gequälten hervor¬ 
stachen und damit auch noch die Gräuel des Pogroms von Kalusch in den 
Schatten stellen. Die roten Truppen, die unter dem Druck der Deutschen 
zurückwichen, verwüsteten während ihres Rückzugs die auf ihrem Wege 
liegenden jüdischen Schtetl.« 99 

Auch S. Maslow schreibt unmissverständlich: »Als die Reiterarmee 
Budjonnyjs von der polnischen Front an die Krimfront verlagert wurde, 


167 



Kapitel 4 


... säumten ihren Weg Tausende getöteter Juden, Tausende vergewaltigter 
Frauen und Dutzende jüdischer Ortschaften, in denen alles geraubt wor¬ 
den war, was nicht niet- und nagelfest war ... In Shitomir markierte eine 
jede der Seiten, und dies fast jedes Mal, sobald ein neuer Machthaber in 
die Stadt einrückte, ihre Machtübernahme mit einem Pogrom. All diese 
Pogrome - seitens Pedjura, der Polen oder der Sowjets - hatten eine Be¬ 
sonderheit: die beträchtliche Anzahl der Getöteten.« 100 Besonders eifrig 
waren das Bogunskij- und das Taraschtschanskij-Regiment, die übrigens 
vom ukrainischen Direktorium zu Budjonnyj übergelaufen waren - sie 
wurden angeblich wegen dieser Pogrome entwaffnet und die Anstifter er¬ 
hängt. 

Der bereits zitierte Sozialist S. Schwarz resümiert (1952) aus gewisser 
historischer Entfernung: »In den Jahren der Revolution, besonders in den 
Jahren des Bürgerkrieges ... nahm der Antisemitismus ungewöhnlich 
stark zu,... er ergriff, vor allem im Süden,... das Gros der städtischen und 
ländlichen Bevölkerung.« 101 

Leider geriet der Widerstand der russischen Bevölkerung gegen die Bol¬ 
schewiken (ohne den wir überhaupt nicht das Recht hätten, uns ein Volk 
zu nennen) ins Stocken und kam in vielerlei Hinsicht vom Wege ab - auch 
was die Juden betraf. Die Bolschewiken dagegen versuchten die Juden zu 
sich zu locken, und diese kamen zu ihnen. Der ganze Bürgerkrieg vertief¬ 
te diesen Graben mehr und mehr. 

»Während die Revolution die Juden im Großen und Ganzen für un¬ 


verdächtig hielt, konterrevolutionär zu sein, so verdächtigte die Konterre¬ 
volution im Gegenteil das ganze Judentum, revolutionär zu sein.« So »ver¬ 
wandelte sich der Bürgerkrieg für das Judentum in eine unerträgliche 
Qual, die das Judentum noch in falschen revolutionären Einstellungen be¬ 
stärkte«, und es »erkannte nicht das tatsächliche - Rettung bringende - 
Wesen der Weißen Armeen«. 102 

Wir sollten auch die allgemeine Lage im Bürgerkrieg nicht außer Acht 
lassen. »Es war im wahrsten Sinne des Wortes eine Zeit der Wirren, es 
herrschte vollkommene Führungslosigkeit... Jeder, der konnte und woll¬ 
te, erschlug und beraubte wen er konnte. Hunderte und Tausende Offi¬ 
ziere der russischen Armee wurden vom rebellierenden Pöbel verprügelt, 
Gutsbesitzerfamilien wurden ausgelöscht, ... Gutshäuser brannten ... 
Kulturelle Schätze wurden fortgeschleppt und vernichtet... Mancherorts 


168 


Im Bürgerkrieg 


■wurde auf den Gütern alles Lebende erschlagen, sogar wehrlose Tiere. Auf 
den Straßen der Städte ... wurden Menschen gnadenlos gelyncht. Werks¬ 
und Manufakturbesitzer wurden aus ihren Betrieben und Wohnhäusern 
verjagt... Zehntausende wurden zum Ruhm der proletarischen Revolu¬ 
tion in ganz Russland erschossen, ... andere ... verfaulten in stinkenden, 
verseuchten Gefängnissen als Geiseln. Man musste nichts anstellen und 
sich nichts zuschulden kommen lassen, dass einem das Beil an den Hals 
gesetzt wurde, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht, einem 
Stand oder einer Klasse genügte. Es wäre ein wahres Wunder gewesen, 
wenn man unter solchen Umständen, als ganze Bevölkerungsgruppen 
dem Tod geweiht wurden, nicht auch die >Juden< als Gruppe aufs Korn ge¬ 
nommen hätte ... Es war der Fluch der Zeit, dass man ... eine Klasse, 
einen Stand, einen Stamm einfach als Schädlinge bezeichnen konnte ... 
Eine ganze gesellschaftliche Klasse zur Vernichtung zu bestimmen ... ist 
Revolution, aber Juden zu erschlagen und auszurauben soll ein Pogrom 
sein ...? Die Judenpogrome in Südrussland sind ein Bestandteil des ge¬ 
samtrussischen Pogroms.« 103 

Diese traurige Erwerbung hatten also die Völker Russlands, darunter 
auch das russische Judenmm, gemacht - nach der so glückreich gewon¬ 
nenen Gleichberechtigung, nach der Revolution, die mit so azurblauen 
Hoffnungen im Februar/März 1917 begonnen hatte. Die unter den rus¬ 
sischen Juden weit verbreiteten Sympathien für die Bolschewiken und auf 
der anderen Seite die Haltung der Weißen Armee gegenüber den Juden 
haben den Blick für den wichtigsten Vorzug verstellt und getrübt, den ein 
etwaiger Sieg der Weißen gehabt hätte: Eine vernünftige Evolution des 
russischen Staates wäre möglich gewesen. 


169 



Kapitel 5 


In der Emigration zwischen den 
beiden Weltkriegen 


I nfolge des Oktoberumsturzes und des Bürgerkrieges emigrierten viele 
Hunderttausende russischer Bürger, sie zogen mit den abrückenden 
Truppen mit oder flüchteten. Zu ihnen zählten alle überlebenden Kämp¬ 
fer der Weißen Armee und ein Teil der Kosaken. Ins Ausland flüchtete 
auch der alte Adel, der in den verhängnisvollen Jahren der Revolution so 
auffällig durch Untätigkeit geglänzt hatte. Seine Reichtümer hatten in 
Grund und Boden bestanden, in Gütern, und nun kamen diese ehemali¬ 
gen Landbesitzer in Europa an und wurden (sofern sie keine Wertgegen¬ 
stände hatten mitnehmen können) Taxifahrer oder Kellner. Unter den 
Flüchtlingen waren auch Kaufleute, Unternehmer und Finanziers (nicht 
wenige besaßen Geld im Ausland), oder auch einfache Städter - nicht alle 
mit Bildung-, die es mit ihrem Herzen nicht vereinen konnten, unter den 
Bolschewiken im Land zu bleiben. 

Unter den Emigranten war eine beträchdiche Anzahl russischer Ju¬ 
den. »Von mehr als zwei Millionen Emigranten, die 1918-1922 aus den 
sowjetischen Republiken kamen, waren mehr als 200 000 Juden. Sie waren 
meist über die polnische oder rumänische Grenze gekommen und emi¬ 
grierten später in die USA, nach Kanada, Südamerika oder Westeuropa. 
Viele wurden nach Palästina repatriiert.« 1 Eine besondere Rolle spielte das 
wieder neu entstandene Polen. Dort war bereits vor der Revolution eine 
große eigene jüdische Bevölkerung ansässig, und nun kam ein Teil der 
»Rückkehrer«, die während der Kriegsjahre umgesiedelt waren, nach Polen. 
»Die Polen haben errechnet, dass nach der bolschewisüschen Revolution« 
200000 bis 300000 Juden »aus Russland nach Polen gekommen sind«. 2 
(Diese Zahl ist nicht nur der Emigration, sondern in erheblichem Maße 
auch dem Verlauf der neuen russisch-polnischen Grenze zuzuschreiben.) 
Doch »der Hauptteil der Juden, die in den ersten Jahren nach der Revolu¬ 
tion aus Russland ausreisten, ließ sich in Westeuropa nieder. So lebten z.B. 
in Deutschland am Ende des Ersten Weltkrieges etwa 100000 Juden.« 3 


170 



In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 


»Wurde Paris von Anfang an zum politischen Zentrum der russischen 
Emigration, zu ihrer inoffiziellen Hauptstadt, so war Berlin von Ende 
1920 bis Anfang 1924 ihre zweite Hauptstadt, sozusagen die Hauptstadt 
ihrer Literatur. (Eine lebendige russische Kulturszene bestand in den 20er- 
Jahren auch in Prag, das ... zur wichtigsten Universitätsstadt der russi¬ 
schen Emigration wurde.)« 4 In Berlin war es wegen der Inflation »über¬ 
haupt leichter, Fuß zu fassen«. »Auf den Straßen Berlins« konnte man 
»Vertretern der Großindustrie und des Handels und Menschen, die ges¬ 
tern noch Bankiers oder Handwerker gewesen waren«, begegnen 5 , und 
viele besaßen hier Kapital. Die Juden hatten im Vergleich zu den übrigen 
Emigranten aus Russland geringere Umstellungsschwierigkeiten in der 
Diaspora, sie lebten selbstbewusster. Die jüdischen Emigranten gingen 
tatkräftiger als die russischen ans Werk, in der Regel vermieden sie es, sich 
zu erniedrigenden Arbeiten zu verdingen. Michail Lewitow, der schon er¬ 
wähnte Kommandeur des Kornilow-Regiments, der in der Emigration 
alle unbeliebten Arbeiten zu schmecken bekommen hatte, sagte mir: 
»Und bei wem bekamen wir in Paris ein anständiges Stück Brot? Bei den 
Juden. Die russischen Supermillionäre aber waren zu knickerig, den Ihri¬ 
gen etwas zu geben.« 

In Berlin und Paris »war die jüdische Intelligenzija stark vertreten: 
Rechtsanwälte, Verleger, Personen des öffendichen Lebens und Politiker, 
Wissenschaftler, Schriftsteller und Journalisten« 6 , viele von ihnen hatten 
sich in hohem Maße assimiliert. Die russischen »hauptstädtischen« Emi¬ 
granten zählten großenteils zur liberalen Richtung. Dies schuf gegenseiti¬ 
ge Affinitäten (während solche mit der monarchistisch gesinnten russi¬ 
schen Emigration nicht bestanden). In der Zeit zwischen den Weltkriegen 
waren in der ganzen kulturellen Atmosphäre der russischen Emigration 
der Einfluss und die Teilnahme der russischen Juden mehr als spürbar. (In 
diesem Zusammenhang ist unbedingt auf die in den 90er-Jahren in Israel 
begonnene, gegenwärtig fortgesetzte Ausgabe der höchst interessanten 
Textsammlungen unter dem Titel »Die Juden in der Kultur der russischen 
Emigration« hinzuweisen. 7 ) Manche jüdische Familien, die weiterhin 
über feste Einkünfte verfügten, führten Salons, wo sich die russische 
Kunstszene traf. Deudich manifestierte sich hier eine Atmosphäre des 
jüdischen Hangs zur russischen Kultur und tiefer Verankerung in dieser. 
Das für seine Großzügigkeit allgemein bekannte Haus von M. O. und 


171 


Kapitel 5 


M. S. Zetlin in Paris, die Tätigkeit I. W. Gessens in Berlin, I. I. Fonda- 
minskij-Bunakow, der unermüdlich war in »seinen niemals endenden hin¬ 
gebungsvollen Bemühungen um die russische Kultur in der Emigration« 8 , 
Sofja Pregel, Sonja Delone, Alexander und Salomeja Galpern — sie alle 
beschäftigten sich ständig mit der mühevollen Organisation von Hilfen 
für Not leidende Schriftsteller und Künsder. Sie halfen viel, und dies 
nicht nur den Berühmten wie Bunin, Remisow, Baimont und Teffi, son¬ 
dern auch unbekannten jungen Dichtern und Malern. (Diese Hilfe er¬ 
streckte sich nicht auf die »weißen« und monarchistischen Kreise der rus¬ 
sischen Emigration, hier blieb die gegenseitige Feindseligkeit weiter be¬ 
stehen.) Überhaupt zeigten sich die russischen Juden in der Emigration in 
allen Bereichen kultureller und öffendicher Tätigkeit weitaus akdver als 
andere. Dies war so unübersehbar, dass es Michail Ossorgin sogar dazu 
trieb, darüber den Artikel »Die russische Einsamkeit« zu schreiben, der in 
der Zeitung »Rasswet« [»Morgenröte«] abgedruckt wurde, einer Publika¬ 
tion der russischen Zionisten, die Wl. Jabotinsky wieder hatte aufleben 
lassen. 

Ossorgin schrieb: »In Russland war weder in der allgemeinen gesell¬ 
schaftlichen noch in der revolutionären Bewegung (damit meine ich ihre 
tieferen Schichten, nicht die Oberfläche) eine »Vereinsamung der Russern 
zu verspüren, und die markantesten Figuren, die ftir ihren Ton und ihre 
Färbung sorgten, ... waren Russen, also Slawen.« Anders nun in der Emi¬ 
gration: »Dort, wo das geistige Niveau höher ist, wo das Denken und die 
Kreativität ihre Interessen lebendiger entfalten, wo die Menschen von 
einem größeren Format sind, fühlt der Russe nationale Vereinsamung, 
dort, wo mehr Blutsverwandte um ihn sind, verspürt er dagegen kulturel¬ 
le Vereinsamung. Diese Tragödie habe ich in der Überschrift als >Die rus¬ 
sische Einsamkeiu bezeichnet ... Ich bin nicht im geringsten Maße ein 
Antisemit, aber ich bin in hohem Maße ein russischer Slawe ... Mein 
Volk, die Russen, steht mir vom Geist, von der Reinheit der Sprache und 
des Dialekts, von den spezifischen nationalen Vorzügen und Fehlern her 
weitaus näher. Sie als meine Gesinnungsgenossen und Mitstreiter zu 
haben ist ftir mich wertvoller, oder einfach praktischer und angenehmer. 
In dem aus vielen Völkerschaften zusammengesetzten, ganz und gar nicht 
rein russischen Russland weiß ich auch den Juden, den Tataren, den Polen 
zu schätzen, und ich gestehe ihnen allen dasselbe Recht auf Russland zu. 


172 




In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 


unsere gemeinsame und geliebte Mutter, wie ich es habe. Doch ich selbst 
stamme aus der Gruppe der Russen, aus dieser geistig einflussreichen 
Gruppe, die der russischen Kultur ihre Hauptfärbung gegeben hat.« Jetzt 
aber »ist der Russe im Ausland schwächlich geworden und hat aufgegeben, 
er hat seinen Platz in der Öffentlichkeit an fremdstämmige Energien ab¬ 
getreten ... Der Jude akklimatisiert sich leichter ... - das ist ein Glück für 
ihn! Neid empfinde ich nicht, ich bin bereit, mich für ihn zu freuen. Mit 
derselben Bereitschaft lasse ich ihm Ehre und Platz in den verschiedenen 
öffentlichen Unternehmungen und Organisationen ... Aber es gibt einen 
Bereich, in dem mir die >Übermacht der Juden< wie ein Stich ins Herz 
geht: den Bereich der Wohltätigkeit. Ich weiß nicht, wer mehr Geld und 
Brillanten hat, die reichen Juden oder die reichen Russen. Aber ich weiß 
ganz definitiv, dass alle großen karitativen Organisationen in Paris und 
Berlin nur darum den bedürftigen russischen Emigranten helfen können, 
weil sie die erforderlichen Gelder beim mitfühlenden Judentum sammeln. 
Die Erfahrungen mit der Veranstaltung von Abenden, Konzerten und 
Lesungen haben zur Genüge gezeigt, dass es eine sinnlose und demüti¬ 
gende Zeitverschwendung wäre, sich an die reichen Russen zu wenden ... 
Nur um den Ton dieses offensichtlich so >antisemitischen< Artikels etwas 
äbzumildern, fuge ich noch hinzu, dass es meiner Meinung nach dem in 
Bezug auf Nationales sehr empfindlichen Juden vielleicht häufig so vor¬ 
kommt, als ob eine antisemitische Färbung in etwas enthalten sei, worin 
in Wirklichkeit nur der Slawe über seine nationale Empfindlichkeit 
spricht.« 9 

Zu dem Artikel Ossorgins wurde in derselben Nummer ein Kommen¬ 
tar der Redaktion gedruckt (dem Wesen der Gedanken und des Stils nach 
stammt dieser wahrscheinlich aus der Feder Jabotinskys): M. A. Ossorgin 
»befurchtet zu Unrecht, dass die Leser von >Rasswet< in [dem Artikel] anti¬ 
semitische Tendenzen erblicken könnten, obwohl es stimmt, dass es über 
lange Zeit eine Generation gab, die instinktiv zurückschreckte, wenn sie 
das Wort >Jude< aus dem Mund eines Nichtjuden vernahm. Einer der aus¬ 
ländischen Anführer dieser Generation hat gesagt: >Der beste Dienst, den 
uns die fortschrittliche Presse erweisen kann, ist, nicht von uns zu spre¬ 
chen^ Man hat auf ihn gehört, und lange Zeit galt >Jude< in den ehrbaren 
progressiven Kreisen Russlands und Europas tatsächlich als Wort, das man 
nicht in den Mund nahm. Gott sei Dank ist diese Zeit vorbei.« Wir kön- 


173 



Kapitel 5 


nen Ossorgin »unseres Verständnisses und Mitgefühls versichern ... Übri¬ 
gens sind wir in einem Punkt mit [ihm] absolut nicht einverstanden. Er 
misst der Rolle der Juden bei den Wohltätigkeitsaktionen für die Flücht¬ 
linge zu große Bedeutung zu. Zuerst einmal ist diese dominierende Rolle 
ganz natürlich. Gegenseitige Unterstützung ist eine der Hauptgepflogen¬ 
heiten der Diaspora. Wir haben die Techniken des Lebens in der Diaspo¬ 
ra über lange Zeit gelernt, die Russen aber noch nie ... Aber die Frage hat 
auch einen tiefer gehenden Aspekt... Wir haben von der russischen Kul¬ 
tur viel Wertvolles gelernt - sogar ftir unser zukünftiges unabhängiges na¬ 
tionales Schaffen ... Wir russische Juden sind der russischen Kultur zu 
Dank verpflichtet und können dies mit noch so viel Geld nicht vergelten. 
Diejenigen von uns, die alles Erdenkliche tun, dieser Kultur in einer 
schweren Zeit überleben zu helfen, handeln richtig und werden hoffent¬ 
lich auch weiter so handeln.« 10 

Aber wir wollen zu den ersten postrevolutionären Jahren zurückkehren. 
»In der russischen Emigration tobten noch die politischen Leidenschaf¬ 
ten, es bestand das Bedürfnis, das Vergangene zu verarbeiten. Neue Zei¬ 
tungen, Zeitschriften und Verlage entstanden.« 11 Manche Begüterte, 
meistens Juden, finanzierten diese neu entstandene russische Emigran¬ 
tenpresse, sofern sie liberaler Couleur oder links davon war. Unter den Pu¬ 
blizisten, Zeitungs- und Zeitschriftenredakteuren und Verlegern gab es 
viele Juden. Der Beitrag, den sie für die Herausgabe von Werken und für 
Verlage geleistet haben, wird im »Buch über das russische Judentum« (und 
jetzt auch in den Bänden von »Die Juden in der Kultur der russischen 
Emigration«) mit einer detaillierten Auflistung gewürdigt. 

An führender Stelle ist unter anderem das »Archiv der Russischen Re¬ 
volution« (22 Bände) von I. W. Gessen hervorzuheben, das ftir die Ge¬ 
schichtsschreibung von erheblichem Wert ist. Gessen selbst war gemein¬ 
sam mit A.I. Kaminka und W. D. Nabokow (bzw. nach dessen Tod mit 
G. A. Landau) Herausgeber der führenden Berliner Zeitung »Rul« [»Das 
Steuer«], die sozusagen die »Fortsetzung von >Retsch< [>Die Rede<] in der 
Emigration« war, aber Iossif Gessens Haltung war im Unterschied zu 
der Miljukows konsequent patriotisch. Für »Rul« schrieben auch die von 
uns häufig zitierten G. A. Landau und I. O. Lewin sowie der bekannte 
Literaturkritiker Ju. I. Eichenwald. Von »Rul« aus erstreckte sich das Spek¬ 
trum der Berliner Zeitungen nach links, zu sozialistischen Publikationen. 


174 



In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 


A. F. Kerenskij gab »Dni« [»Tage«] heraus. Dort publizierten unter ande¬ 
rem Autoren wie A. M. Kulischer-Junius, ein Zionist aus der Umgebung 
Jabotinskys und Verfasser »einer Reihe wissenschaftlicher Arbeiten zur So¬ 
ziologie«, S. M. Solowejtschik oder O. S. Minor, in der Vergangenheit ein 
bekannter Sozialrevolutionär (er veröffendichte auch in der Prager Zei¬ 
tung »Wolja Rossii« [»Freiheit Russlands«]), sowie der ehemalige Sekretär 
der Konstituierenden Versammlung M. W. Wischnjak. In Berlin gründe¬ 
ten Ju. O. Martow und R. A. Abramowitsch 1921 den »Sozialistitscheskij 
Westnik« [»Der sozialistische Bote«] (die Redaktion zog später nach Paris 
und dann nach New York um), zu dessen Mitarbeitern unter anderem 
F. I. Dan, D. Ju. Dahn, P. A. Garwi und G. Ja. Aronson zählten. 

W. E. Jabotinsky, dessen Ankunft in Berlin (nach drei in Jerusalem ver¬ 
brachten Jahren) mit der ersten Emigrationswelle zusammenfiel, nahm 
zunächst in Berlin und dann in Paris die Herausgabe von »Rasswet« wie¬ 
der auf, auch veröffentlichte er seine Romane. Darüber hinaus »lebte in 
der Zeit von 1920 bis 1923 eine Vielzahl russisch-jüdischer Journalisten 
in Berlin und schrieb für die deutsche Presse und die Emigrantenpresse«. 
Zu ihnen zählten I. M. Trotzkij vom ehemaligen »Russkoje slowo« [»Das 
russische Wort«], N. M. Wolkowysskij, P. I. Swesditsch (der während des 
Zweiten Weltkrieges von den Nazis ermordet wurde) und der Mensche¬ 
wik S. O. Portugejs (Pseudonym: St. Iwanowitsch), der ehemals beim St. 
Petersburger »Den« [»Der Tag«] gearbeitet hatte. Auch die Stücke Ossip 
Dymow-Perelmans und die Erzählungen W. Ja. Irezkijs wurden hier ge¬ 
schrieben. 12 

Berlin wurde zudem die Hauptstadt der russischen Verlage: »1922 
brachten all diese russischen Verlage mehr russische Bücher und Publika¬ 
tionen heraus, als im selben Jahr deutsche Bücher in Deutschland er¬ 
schienen. Die meisten Verleger und Buchhändler waren Juden.« 13 Der I. 
P. Ladyshnikow Verlag ist einer der wichtigsten. Er war bereits seit dem 
Ersten Weltkrieg in der Hand B. N. Rubinsteins (klassische, zeitgenössi¬ 
sche und populärwissenschaftliche Literatur). Bereits seit 1919 bestand 
der Verlag »Slowo« [»Das Wort«], geleitet von I. W. Gessen und A.I. Ka- 
minka (Reihen mit russischen Klassikern, Emigrantenschriftstellern und 
-philosophen, wertvolle historische Werke und Memoiren). Bedeutend 
waren auch der Verlag von S. I. Grshebin (der Verbindungen mit den Sow¬ 
jets unterhielt, viele seiner Ausgaben wurden damals in die UdSSR ver- 


175 



Kapitel 5 


kauft) sowie die in künstlerischer Hinsicht ausgezeichneten Ausgaben des 
Verlags »Shar-Ptiza« [»Feuervogel«] (A. E. Kogan). Weitere Verlage sind 
»Grani« [»Facetten«] unter der Leitung von A. Zazkis, »Petropolis« und 
»Obelisk« (Ja. N. Bloch und A. S. Kagan), »Gelikon« [»Helikon«] von A. 
G. Wischnjak und »Skify« [»Die Skythen«] von I. Steinberg. In Berlin er¬ 
schien die »Weltgeschichte des jüdischen Volkes« von S. Dubnow als 
zehnbändiges Werk in deutscher Sprache. In Russisch kam sie in den 30er- 
Jahren heraus, bereits in Riga. 

Riga und die Städte der freien Staaten des Baltikums ganz allgemein 
(mit ihrer nicht unerheblichen jüdischen Bevölkerung) wurden zu vitalen 
Zentren der jüdischen Emigration. Außerdem war »Russisch für die Let¬ 
ten, Esten und Litauer die einzige gemeinsame Sprache«, wodurch die rus¬ 
sische Rigaer Zeitung »Segodnja« [»Heute«] (Herausgeber: Ja.I. Brams 
und B. Ju. Poljak) »überaus einflussreich« wurde. Hier »arbeitete eine 
große Zahl russisch-jüdischer Journalisten«: M. I. Ganfman war Chef¬ 
redakteur, nach seinem Tod übernahm M. S. Milrud die Stelle; die Abend¬ 
beilage »Segodnja Wetscherom« wurde von B. I. Chariton redigiert (beide 
wurden 1940 von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet und kamen in 
Lagern um). In »Segodnja« publizierten auch der Wirtschaftswissen¬ 
schaftler W. Siw sowie M. K. Eisenstadt (unter dem Pseudonym Sheles- 
now, später Argus), aus Berlin kamen auch Beiträge von Gerschon Swet. 
Andrej Sedych (Ja. M. Zwibak) war ihr Korrespondent in Paris, Wolko- 
wysskij in Berlin und L. M. Nemanow in Genf. 14 

Ende der 20er-Jahre verlor Berlin aufgrund der instabilen Wirtschafts¬ 
lage und des raschen Aufstiegs des Nationalsozialismus allmählich seine 
Bedeutung als kulturelles Zentrum der Emigration. »Rul« musste 1931 
schließen. Die Emigration begann sich zu zerstreuen, aber »der Haupt¬ 
strom wandte sich nach Frankreich«, vor allem nach Paris, das ohnehin 
eines ihrer wichtigsten Zentren darstellte. 

»Poslednie Nowosti« [»Neueste Nachrichten«] war die zentrale und auf¬ 
lagenstärkste Emigrantenzeitung, gegründet in Paris »Anfang 1920 von 
dem St. Petersburger Anwalt M. L. Goldstein. Die Finanzierung der Zei¬ 
tung übernahm M. S. Salschupin.« Ein Jahr später ging das Blatt »in die 
Hände P. N. Miljukows über ... Solange die Existenz der Zeitung noch 
nicht definitiv gesichert war, leistete ihr M. M. Winawer beträchdiche fi¬ 
nanzielle Unterstützung.« »Miljukows rechte Hand« war A. A. Poljakow. 


176 


In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 


»Die Leitartikel und die politischen Artikel« stammten aus der Feder von 
Kulischer-Junius (der 1942 in Frankreich verhaftet wurde und im Kon¬ 
zentrationslager umkam). Die Ausländsabteilung stand unter der Leitung 
von M. Ju. Berchin-Benediktow, der mit Jabotinsky in Verbindung war. 
Zu den Mitarbeitern zählten der scharfzüngige Publizist S. L. Poljakow- 
Litowzew (dabei hatte dieser »erst im Alter von 15 Jahren Russisch in Wort 
und Schrift erlernt«), B. S. Mirkin-Gezewitsch (er schrieb unter dem Pseu¬ 
donym Boris Mirskij), der prominente Kadettenpublizist Pjotr Ryss und 
andere. In den »Neuesten Nachrichten« erschienen auch aktuelle Feuille¬ 
tons von I. W. Dioneo-Schklowsky und »populärwissenschaftliche« Arti¬ 
kel von Ju. Deljewskij (Ja. L. Judelewskij). Im humoristischen Bereich 
taten sich Wl. Asow (W. A. Aschkenasi), Sascha Tschornyj (A. M. Gliks- 
berg) und der »König der Flumoristen« Don-Aminado (Schpoljanskij) 
hervor. Die »Neuesten Nachrichten« waren die meistverbreitete Emigran¬ 
tenzeitung. 15 Schulgin nannte sie eine »Zitadelle des politischen Juden¬ 
tums und der Russen mit jüdischen Affinitäten«. 16 Sedych hielt dies fiir 
eine »klare Übertreibung«. Die Stimmung um diese Zeitung war politisch 
aufgeheizt, unter anderem weil ihre Tendenz immittelbar nach dem Bür¬ 
gerkrieg in Richtung Enthüllungsjournalismus ging; von hier kam auch 
die Sümmungsmache gegen die Freiwilligenarmee. Sedych hält fest, dass 
in Paris »Trennungslinien nicht nur politischer, sondern auch nationaler 
Art bestanden«, »zur Redaktion von Miljukows Zeitung zählten viele rus¬ 
sisch-jüdische Journalisten«, doch »auf den Seiten der rechtsgerichteten 
>Wosroshdenije< [>Wiedergeburt] waren jüdische Namen (mit Ausnahme 
Bikermans, nebenbei bemerkt) in der Regel niemals zu finden.« 17 (Übri¬ 
gens brach die später als andere Blätter gegründete »Wosroshdenije« be¬ 
reits 1927 wieder in sich zusammen, als der Chefredakteur P. B. Struve 
vom reichen Gukassow im Stich gelassen wurde.) 

In Paris wurde von 1920 bis 1940 auch die führende Literamr- und 
Politikzeitschrift »Sowremennyje Sapiski« [»Zeitgenössische Notizen«] he¬ 
rausgegeben, die von den Sozialrevolutionären N. D. Awxentjew, 1.1. Fon- 
daminskij-Bunakow, W. W Rudnjew, M. W. Wischnjak und A.I. Gu- 
kowskij gegründet worden war. Sedych hält fest: »Von fünf [ihrer] Redak¬ 
teure ... waren drei Juden. In den 70 Heften der Zeitgenössischen 
Notizen< finden wir Belletristik, Artikel zu verschiedenen Themen und die 
Erinnerungen einer großen Zahl jüdischer Autoren.« »Illjustrirowannaja 


177 



Kapitel 5 


Rossija« [»Illustriertes Russland«] — eine Publikation, die als Beilage dazu 
erschien und »jährlich 52 Bändchen mit Klassikern oder Werken von Emi- 
grantenschriftstellern lieferte« - wurde von M. P. Mironow, einem Peters¬ 
burger Journalisten, und später von B. A. Gordon (dem früheren Besitzer 
des »Priasowskij Kraj« [»Asow-Gebiet«] geleitet. 18 (Zur Literaturszene der 
Emigration zählten große russisch-jüdische Namen wie Mark Aldanov, 
Semjon Juschkewitsch, die bereits erwähnten Jabotinsky und Julij Eichen¬ 
wald, M. O. Zedin (Amari) ... Doch das Literaturleben ist nicht Gegen¬ 
stand dieses Buches, es würde ein eigenständiges großes Thema darstellen.) 

An dieser Stelle sollten jedoch die Figur und das Schicksal Ilja Fonda- 
minskijs (geb. 1880) besonders herausgestellt werden. Bereits selbst aus 
einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie stammend, hatte er in früher Ju¬ 
gend auch noch die Enkelin des Teehändlers und Millionärs W. Ja. Wys- 
sozkij geehelicht, und nach seinem Eintritt in die neu gegründete Partei 
der Sozialrevolutionäre »spendete er einen großen Teil seines Vermögens 
und der Mitgift seiner Gattin ftir die Revolution« 19 , für den Kauf von Waf¬ 
fen. 1905 gab er den Anstoß für den Beginn des politischen Generalstreiks 
in Russland und befand sich selbst im Stab der aufständischen Sozialre¬ 
volutionäre. 1906 emigrierte er nach Paris, wo er sich eng mit D. Me- 
reshkowskij und S. Gippius anfreundete und sich ftir das Christentum zu 
interessieren begann. Im April 1917 kehrte er nach Petrograd zurück. Im 
Sommer 1917 war er Kommissar der Schwarzmeerflotte, danach Abge¬ 
ordneter in der Konstituierenden Versammlung, nach deren Auflösung 
tauchte er unter. Ab 1919 befindet er sich wieder in der Emigration in 
Frankreich. In dem hier von uns betrachteten Zeitraum lebte er in Paris. 
In die »Zeitgenössischen Notizen« steckte er viel von seiner Seele und sei¬ 
ner unermüdlichen Arbeit, er publizierte in ihnen auch seine Artikelserie 
»Wege Russlands«. Er spielte eine große Rolle im Kulturleben der Emi¬ 
gration und unterstützte auf jede erdenkliche Weise russische Schriftstel¬ 
ler und Dichter. Für eine gewisse Zeit gelang es ihm sogar, ein »Russisches 
Theater« in Paris zu gründen. »Hinsichtlich seiner Quirligkeit, Vielseitig¬ 
keit, Unermüdlichkeit und Selbsdosigkeit ... kam keiner in der Emigra¬ 
tion Ilja Isidorowitsch Fondaminskij gleich.« 20 Er entfernte sich später von 
den Sozialrevolutionären und wurde Christdemokrat. Gemeinsam mit G. 
P. Fedotow und F. A. Stepun, die »mit ihm auf derselben Wellenlänge 
lagen«, begann er, die christdemokratische Zeitung »Nowyj Grad« [»Neue 


178 



In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 


Stadt«] herauszugeben. »Immer mehr neigte er in diesen Jahren dem or¬ 
thodoxen Christentum zu.« 21 »Im Juni 1940 flüchtete er aus Paris vor den 
angreifenden deutschen Truppen«, kehrte aber zurück und wurde im Juli 
1941 verhaftet und in das Lager von Compiegne nahe Paris geschickt, 
»nach gewissen Informationen ließ er sich dort taufen ... 1942 wurde er 
nach Auschwitz deportiert und umgebracht.« 22 

Für die eigendichen jüdischen Fragen war die Pariser Monatszeitschrift 
»Jewrejskaja Tribuna« [»Jüdische Tribüne«] von 1920 bis 1924 das be¬ 
deutendste Organ. Sie kam gleichzeitig auf Französisch und auf Russisch 
heraus, wobei M. M. Winawer und S. W Posner aufs Engste involviert 
waren. Hier veröffentlichten auch viele der bereits erwähnten Journalisten 
von anderen Zeitungen Beiträge. 

Aus Übersee ließ die 1910 in den USA gegründete Zeitung »Nowoje 
Russkoje Slowo« [»Neues russisches Wort«], die ab 1920 von W. I. Schim- 
kin verlegt wurde, ihre Stimme vernehmen. Chefredakteur war (ab 1922) 
M. E. Weinbaum. Er erinnert sich: »Die Zeitung wurde oft kritisiert, und 
dafür gab es Anlass; man spöttelte über sie, und dies nicht immer grund¬ 
los. Doch sie schlug Wurzeln und eroberte sich ihre Leserschaft.« 23 (Ihre 
Titelseite weist sie als »Älteste russische Zeitung der Welt« aus - zählt man 
nur nach den Jahren, so ist sie zwei Jahre älter als die »Prawda«. Die übri¬ 
gen Zeitungen gingen - zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen 
Gründen — alle ein.) 

Russische Zeitungen nationaler oder rechter Ausrichtung erschienen in 
Sofia, Prag, sogar Suworins »Nowoje Wremja« [»Neue Zeit«] wurde in Bel¬ 
grad als »Wetscherneje Wremja« [»Zeit am Abend«] fortgesetzt - aber sie 
alle gingen Bankrott oder waren Eintagsfliegen und hinterließen keine 
nachhaltigen Spuren. (Der Verleger der »Rus« [»Russland«] in Sofia wurde 
ermordet.) Unter der Leitung Ju. Semjonows (nicht aber in den kurzen 
Jahren unter der Redaktion Struves) war sich die Pariser »Wosroshdenije« 
[»Wiedergeburt«] »nicht zu schade für antisemitische Ausfälle«. 24 

* 

Jene, die schon bald nach dem Machtantritt der Bolschewiken ausgereist 
waren, konnten sich nicht vorstellen, was für ein Hexensabbat in Russland 
tobte. Den Gerüchten schien man unmöglich Glauben schenken zu kön- 


179 



Kapitel 5 


nen. Zeugnisse aus dem »weißen« Lager bemühte man sich zu überhören. 
Doch die russischen demokratischen Publizisten (die Kadettin A. W. Tyr- 
kova-Williams, die 1922 ausgewiesene Sozialistin E. D. Kuskowa, der ge¬ 
flüchtete Sozialrevolutionär S. S. Maslow) begannen einer nach dem an¬ 
deren, in den gedruckten Medien zur großen Bestürzung der Emigranten 
davon zu berichten, dass es in Sowjetrussland im Volk einen rasch zuneh¬ 
menden Antisemitismus gebe: »Judenfeindlichkeit ist einer der Züge, die 
das Anditz des heutigen Russlands am meisten prägen, vielleicht sogar der 
markanteste. Der Antisemitismus ist überall: im Norden, im Süden, im 
Osten, im "Westen. Weder intellektuelles Entwicklungsniveau noch Par¬ 
teizugehörigkeit, weder Herkunft noch Alter feien dagegen ... Nicht ein¬ 
mal die Zugehörigkeit zum Judentum ist eine Garantie dagegen.« 23 

Behauptungen solcher Art stießen zunächst unter den jüdischen Emi¬ 
granten, die bereits früher ausgereist waren, auf Unglauben: Woher dies auf 
einmal? In der »Jüdischen Tribüne« konnte man in jenen ersten Jahren 
zum Beispiel diesen Einwand lesen: »Das russische Judentum hat insge¬ 
samt genommen wohl mehr als alle anderen Volksgruppen Russlands 
unter dem Bolschewismus gelitten«, und was »die banale Gleichsetzung 
der Juden und der Kommissare« angehe, so setzten die »Schwarzen Hun¬ 
dertschaften« so etwas in Umlauf. Die frühere Vorstellung, dem Volk 
komme keine Schuld am Antisemitismus zu, sondern dessen Hauptquel¬ 
le hege im Zarismus, wandelte sich jetzt zu derjenigen, dass auch das rus¬ 
sische Volk an sich Träger dieser Tendenzen sei, und deshalb sei es den Bol¬ 
schewiken als Verdienst anzurechnen, wenn sie diesen schwarzhundert¬ 
schaftierischen Geist unterdrückten. (Manche Autoren begannen ihnen 
auch den Kapitulationsfrieden von Brest-Litowsk zu vergeben. So holte 
die »Jüdische Tribüne« 1924 das folgende verstaubte Argument wieder 
hervor: »Die Russische Revolution von 1917, die so tragisch in den Frie¬ 
den von Brest-Litowsk mündete, kam nur einem weitaus schwerwiegen¬ 
deren und verhängnisvolleren Verrat zuvor, der vom Zarenhof ausgegan¬ 
gen wäre.« 26 ) 

Aber die Nachrichten sollten sich bestätigen, und jetzt wurden auch im 
Ausland bei einem bedeutenden Teil der russischen Emigranten antijüdi¬ 
sche Stimmungen erkennbar. Die »Union zur Rettung Russlands« (die 
dem Großfürsten Nikolaj Nikolajewitsch große Verehrung entgegen¬ 
brachte) druckte Flugblätter für die UdSSR in folgendem Geiste: »An die 


180 


In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 

Rote Armee. Sieben Jahre regieren die Juden in Großrussland ...« »An die 
russischen Arbeiter. Man hat euch versichert, dass ihr die Herren des Lan¬ 
des werdet, dass eine »Diktatur des Proletariats< geschaffen wird. Und wo 
ist sie? Wer ist jetzt in allen Städten der Republik an der Macht...?« Na¬ 
türlich gelangten diese Flugblätter nicht in die UdSSR, aber sie verunsi¬ 
cherten und kränkten die jüdischen Emigranten. 

S. Litowzew schrieb: »Anfang der 20er-Jahre hatte der Antisemitismus 
geradezu krankhaften Charakter - es war eine Art Delirium tremens.« 27 
Und das war noch nicht alles. In den ersten Jahren nach dem Sieg der Bol¬ 
schewiken wurden vielerorts in Europa verurteilende und übel wollende 
Schlussfolgerungen hinsichtlich der Juden angestellt, »die Gleichsetzung 
des Bolschewismus mit dem Judaismus wurde zur gängigen Mode im eu¬ 
ropäischen Denken der Zeit, und es wäre lächerlich gewesen, zu behaup¬ 
ten, dass nur Antisemiten diesen sozialpolitischen Unsinn predigten«. 28 
Vielleicht war Dr. Pasmanik 1922 etwas voreilig mit seiner Meinung, je¬ 
denfalls schrieb er damals: »In der ganzen zivilisierten Welt, in allen Na¬ 
tionen und unter den Angehörigen aller sozialen Klassen und politischen 
Parteien hatte sich der Glaube gefestigt, dass die Juden eine tragende Rolle 
bei der Entstehung des Bolschewismus und bei all seinen Ausformungen 
gespielt hätten. Unsere persönliche Erfahrung hat uns gezeigt, dass nicht 
nur erklärte Antisemiten dieser Meinung anhängen, sondern es beziehen 
sich auch ... Vertreter der demokratischen Öffentlichkeit ... auf Tatbe¬ 
stände, d.h. auf die Rolle der Juden in der bolschewistischen Bewegung, 
nicht nur in Russland, sondern auch in Ungarn, Deutschland und über¬ 
all, wo der Bolschewismus erschienen ist. Dabei scheren sich die echten 
Andsemiten nicht um die Wahrheit. Für sie sind alle Bolschewiken Juden 
und alle Juden Bolschewiken.« 29 

Im Jahr darauf schrieb auch Bikerman: »Wellen des Antisemitismus 
gehen jetzt über die Länder und Völker dahin, und ihr Abebben zeichnet 
sich noch nicht ab«, »nicht nur in Bayern oder Ungarn, ... nicht nur in 
Staaten, die ganz oder teilweise aus Teilstücken des früher so großen Russ¬ 
lands entstanden sind, ... sondern auch in Ländern, die vor den Wirren 
verschont gebheben sind und die von Russland durch ganze Kontinente 
und Ozeane getrennt sind ... Japanische Wissenschaftler sind nach 
Deutschland gekommen, um sich mit antisemitischer Literatur bekannt 
zu machen. Sogar auf fernen Inseln, wo es fast gar keine Juden gibt, inte- 


181 



Kapitel 5 


ressiert man sich fiir uns ... Dies ist Judophobie: die Angst vor dem Juden 
als dem Zerstörer. Als dinglicher Beweis, der abschreckt und Erbitterung 
keimen lässt, dient das traurige Schicksal Russlands.« 30 

Auch in der gemeinsamen Erklärung »An die Juden aller Länder!« 
(1923) schrieb diese Autorengruppe besorgt: »Noch niemals haben sich 
über den Köpfen des jüdischen Volkes so viele Gewitterwolken zu¬ 
sammengebraut.« 31 

Darf man einfach sagen, dass diese Autoren aus Übersensibilität über¬ 
trieben haben? Dass sie zur Bedrohung aufbauschten, was in Wirklichkeit 
gar nicht existierte? Doch wie bedrohlich klingt hier, mit unserem späte¬ 
ren Wissen vernommen, auch schon die alarmierende Erwähnung der 
»antisemitischen Literatur in Deutschland«! 

»Die Meinung, dass der Bolschewismus von den Juden geschaffen 
wurde«, war bereits so verbreitet in Europa (und dies war laut Pasmanik 
die »durchschnittliche Meinung des französischen und englischen Spie¬ 
ßers«), dass sogar Georges Batault, der Schwager Plechanows, dafür ein¬ 
trat. Er schrieb in seinem Buch 32 , dass die Juden überhaupt, ihrer Natur 
nach, Revolutionäre seien: »Da der Judaismus das Ideal der sozialen Ge¬ 
rechtigkeit auf Erden predigt, ... muss er folglich für die Revolution ein- 
treten.« Pasmanik zitiert Batault: »Im Lauf der Jahrhunderte ... waren die 
Juden immer gegen die etablierte Ordnung ... Dies bedeutet nicht, dass 
alle Revolutionen von Juden gemacht wurden oder dass Juden ihre einzi¬ 
gen oder gar ihre Haupturheber waren - aber sie unterstützen Revolutio¬ 
nen und nehmen an ihnen teil.« »Man kann mit Fug und Recht behaup¬ 
ten, wie dies viele russische Patrioten, häufig sogar aus sehr fortschritt¬ 
lichen Kreisen, tun, dass Russland sich jetzt von der Gewalt der jüdischen 
Diktatur und des jüdischen Terrors erdrückt im Todeskampf windet.« »Bei 
einer unvoreingenommenen Prüfung der Weltlage kann man ein allge¬ 
meines Wiederaufleben des Antisemitismus feststellen, und dieser ist 
nicht so sehr gegen Juden als Persönlichkeiten wie gegen die Manifesta¬ 
tionen jüdischen Geistes gerichtet.« 33 Auch der Engländer Hilaire Belloc 34 
schreibt über den »jüdischen Charakter der bolschewistischen Revolu¬ 
tion«, manchmal auch einfach: »die jüdische Revolution in Russland«. 
»Wer in der letzten Zeit in England gelebt hat«, fugt Pasmanik hinzu, 
»weiß, dass Bellocs Meinung keine Ausnahme darstellt.« Die Bücher des 
einen wie des anderen »erfreuen sich bei den Lesern ausnehmender Be- 


182 



In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 


liebtheit«. »Ausländische Publizisten versuchen den Beweis zu fuhren, dass 
alle zerstörerischen Ideen des letzten Jahrhunderts von Juden verbreitet 
wurden, gerade eben dank des Judaismus.« 35 

»Wir haben die Pflicht, uns zu verteidigen«, schreibt Pasmanik, »denn 
augenscheinliche Fakten können wir nicht ableugnen. Es geht nicht, dass 
wir uns nur auf die Erklärung beschränken, das jüdische Volk sei nicht für 
die einen oder anderen Handlungen einzelner seiner Mitglieder verant¬ 
wortlich ... Unser Ziel ... ist nicht nur die Kontroverse mit den Antise¬ 
miten, sondern auch der Kampf gegen den Bolschewismus, ... es ist, nicht 
nur Schläge zu parieren, sondern sie auch denen zuzufugen, die die Herr¬ 
schaft des Ham ausgerufen haben ... Den Kampf gegen Ham müssen so¬ 
wohl Japhet als auch Sem fuhren, sowohl die Hellenen wie die Judäer.« 1 
Wo sind in Wirklichkeit die Wurzeln des Bolschewismus zu suchen? »Der 
Bolschewismus ist vor allem eine antikulturelle Erscheinung ... Er ist ein 
russisches und ein globales Problem, nicht aber das Ergebnis der Untaten 
irgendwelcher >Weisen von Zion<.« 36 

Die »Verpflichtung, sich zu verteidigen« wurde von den Juden auch des¬ 
wegen so aktuell empfunden, weil das Nachkriegseuropa und Nach¬ 
kriegsamerika von enormen Auflagen eben dieser »Protokolle der Weisen 
von Zion« geradezu überschwemmt wurden. Sie wurden unvermittelt und 
schlagartig in Umlauf gebracht: 1920 gab es fünf Ausgaben in England, 
mehrere in Deutschland und Frankreich, und eine wurde in Amerika von 
Henry Ford mit einer Auflagenstärke von einer halben Million in Druck 
gegeben. »Der unerhörte Erfolg der in viele Sprachen übersetzten >Proto- 
kolle< zeigte, wie verbreitet der Glaube war, die bolschewistische Revolu¬ 
tion sei eine jüdische Revolution gewesen.« 37 Der englische Wissenschaft¬ 
ler Norman Cohn schreibt: »In den unmittelbar auf den Ersten Weltkrieg 
folgenden Jahren, als die >Protokolle< aus dem Nebel auftauchten und 
überall in der Welt Aufsehen erregten, nahmen viele durchaus vernünfti¬ 
ge Menschen dieses Machwerk für bare Münze.« 38 Von ihrer Authentizität 
waren sowohl die Londoner »Times« als auch die »Morning Post« über¬ 
zeugt, doch schon im August 1921 veröffentlichte die »Times« eine Arti- 


1 Sem, Ham, Japhet: die drei Söhne Noahs (Genesis 5,32), die Stammväter der 
Länder und Völker, »von ihnen zweigten sich nach der Sintflut die Völker der 
Erde ab« (Genesis 10,1-32). - Hellenen/Römer: vgl. Römer 10,12. 


183 




Kapitel 5 


kelreihe ihres Istanbuler Korrespondenten Philip Graves mit der sensatio¬ 
nellen Enthüllung, dass umfangreiche Textpassagen der »Protokolle« aus 
einem politischen Pamphlet von Maurice Joly übernommen worden 
waren, welches seinerzeit Napoleon III. aufs Korn genommen hatte (»Di¬ 
alog in der Hölle zwischen Machiavelli und Montesquieu oder Die ma- 
chiavellistische Politik im 19. Jahrhundert«, 1864). Seinerzeit war die ge¬ 
samte Auflage des Pamphlets von der französischen Polizei beschlagnahmt 
und eingezogen worden. 

In den Westen gelangten die »Protokolle« über das vom Bürgerkrieg er¬ 
fasste Russland. 

Bei den »Protokollen« handelt es sich um eine publizistische Fälschung, 
die am Beginn des Jahrhunderts (1900 oder 1901) verfasst und 1903 zum 
ersten Mal in St. Petersburg gedruckt worden war. Als ihr Initiator und 
»Auftraggeber« gilt P. I. Ratschkowskij, der den Auslandsagentendienst 
des Polizeidepartements von 1884 bis 1902 leitete, als Hauptausftihren- 
der Matwej Golowinskij, der Sohn W. A. Golowinskijs (der dem Kreis der 
Petraschewzen angehört hatte 1 ) und seit 1892 Agent der zaristischen Ge¬ 
heimpolizei Ochranka (übrigens tauchen bis heute neue Versionen dieser 
»Protokolle« auf). Obwohl 1905, 1906 und 1911 weitere Auflagen der 
»Protokolle« erschienen, fanden diese im vorrevolutionären Russland 
praktisch keine Verbreitung, »sie stießen in der russischen Gesellschaft 
kaum auf Anklang in der breiten Öffendichkeit ... Auch die Unterstüt¬ 
zung des Hofs konnten die Propagandisten nicht gewinnen.« 39 Nach vie¬ 
len erfolglosen Versuchen kam es 1906 schließlich doch dazu, dass die 
»Protokolle« Nikolaus II. vorgelegt wurden. Sie beeindruckten ihn stark. 
An den Rändern machte er Notizen: »Welche Voraussicht!«, »Wie genau 
es sich erfüllt hat!«, »Unser Jahr 1905 stimmt genau mit dem überein, wie 
sie dirigieren!«, »Es besteht kein Zweifel an der Echtheit«. Als aber rechte 
Politiker einen Plan vorschlugen, die »Protokolle« auf breiter Basis zu nut- 


1 Wassilij Andrejewitsch Golowinskij (1829-?): Beamter des Senats, besuchte den 
religiös-sozialistischen Kreis um Michail Butaschewitsch-Petraschewskij (dem 
auch Fjodor Dostojewskij angehörte), vertrat die Auffassung, dass für die Be¬ 
freiung der Bauern nur ein Aufstand das geeignete Mittel sei, 1849 verhaftet, 
zum Tod durch Erschießen verurteilt, begnadigt und zum Soldaten gemacht, 
1857 endassen, erlebte er 1861 das Manifest von der Bauernbefreiung und en¬ 
gagierte sich fiir die Rechte der Bauern 


184 


In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 


zen, um die Monarchie zu schützen, ordnete Premierminister P. A. Stoly- 
pin an, geheime Nachforschungen bezüglich des Ursprungs der »Proto¬ 
kolle« anzustellen. Die Ermittlungen entlarvten sie eindeutig als Fäl¬ 
schung. Der Herrscher war erschüttert über den Bericht Stolypins, befahl 
aber eisern: »Die »Protokolle« sind zu konfiszieren. Eine reine Sache darf 
nicht mit schmutzigen Mitteln verteidigt werden.« 40 Danach zeigte sich 
»die ablehnende Einstellung der Machthaber Russlands zu den »Protokol¬ 
len der Weisen von Zion< in aller Festigkeit: Keinerlei Verweise auf die 

»Protokolle .. .< waren erlaubt, noch nicht einmal während des Beilis-Pro- 
41 

zesses«. 

Doch »das Jahr 1918 brachte eine Wende in der Geschichte der »Pro¬ 
tokolle««. 42 Nach der Machtergreifung der Bolschewiken, der Ermordung 
der Zarenfamilie und inmitten des Donnerrollens des Bürgerkrieges lebte 
das Interesse an den »Protokollen« stürmisch auf und wurde zu einer Mas¬ 
senerscheinung. Abteilungen des Aufklärungs- und Agitationsdiensts der 
Weißen Armeen in Nowotscherkassk, Charkow, Rostow am Don, Omsk, 
Chabarowsk und Wladiwostok besorgten Auflagen und Nachdrucke, die 
»Protokolle« waren in der Freiwilligenarmee wie unter der Bevölkerung 
weithin im Umlauf (später auch im russischen Emigrantenmilieu, vor 
allem in Sofia und Belgrad). 

»Nach dem Sieg der Bolschewiken wurde die Verbreitung der »Proto¬ 
kolle« in Russland verboten« und unter Strafe gestellt, aber »in Europa 
spielten die von der weißen Emigration eingeschleppten »Protokolle« eine 
unheilvolle Rolle bei der Ausformung rechts gerichteter Ideologien, ins¬ 
besondere des Nationalsozialismus in Deutschland«. 43 

Die Endarvung der »Protokolle« als Fälschung und ganz allgemein die 
Bemühung, der Gleichsetzung zwischen den Bolschewiken und den 
Juden die Stirn zu bieten, spielte eine bedeutende Rolle im publizistischen 
Leben der liberalen Emigration in den 20er- und 30er-Jahren. Unter den 
russischen Namen sind hier vor allem Miljukow, Roditschew, Burzew und 
Kartaschow herauszustellen. 

Kartaschow, Kirchenhistoriker und orthodoxer Theologe, aber auch ein 
Mann des öffentlichen Lebens, schrieb bereits in dem vor der Revolution 
erschienenen Almanach »Der Schild« 44 , aus dem hier viel zitiert wird, dass 
für einen Christen Antisemitismus inakzeptabel sei. 1922 verfasste er in 
der Emigration das Vorwort zu Ju. Deljewskijs Buch über die »Protokol- 


185 



Kapitel 5 


le«. 45 Auch Burzew wandte sich 1937 mit der Bitte um ein Vorwort für 
sein Buch an Kartaschow. In diesem Vorwort äußerte sich Kartaschow so: 
»Jemandem, der über gesunden Menschenverstand, guten Willen und ein 
Mindestmaß an wissenschaftlicher Geistesdisziplin verfugt, ist es ganz ein¬ 
fach nicht möglich, ernsthaft zu diskutieren, ob dieser von Polizisten und 
Publizisten erdichtete Humbug echt ist, der auf seine Weise talentiert ist, 
da er auf Ignoranten so verlockend wirkt ... Es ist unfair, ftir eine klare 
Lüge einzutreten, nachdem die Fälschung unwiderlegbar aufgedeckt wor¬ 
den ist. Andersherum wäre es auch unfair, den leicht errungenen Sieg über 
die Fälscher der >Protokolle< als billige Winkelzüge von Advokaten darzu¬ 
stellen ... Eine Halbwahrheit ist auch eine Lüge. Die ganze Wahrheit aber 
besteht darin, dass die Welt sich mit der jüdischen Frage als einer der tra¬ 
gischen Fragen der Geschichte konfrontiert sieht. Sie kann weder durch 
barbarische Pogrome noch durch Verleumdungen und Lügen gelöst wer¬ 
den, sondern nur durch das ehrliche und offene Bemühen der ganzen 
Menschheit. Die Pogromisten und Verleumder erschweren ungemein eine 
gesunde und faire Formulierung der Frage, sie simplifizieren diese und 
fuhren sie ad absurdum. Sie verunsichern auch die Juden selbst, die dau¬ 
ernd die »beleidigte Unschuld< spielen und von allen nur Mideid und eine 
quasi schon pflichtgemäße Judophilie erwarten.« Für Kartaschow war die 
Endarvung dieses »wichtigtuerischen Apokryphons« eine unbezweifelba- 
re »moralische Pflicht«, gleichzeitig fand er, »wenn man die Augen der Un¬ 
wissenden vom Staub der >Protokolle< reinige, sei es unzulässig, dass einem 
wieder Sand in die Augen gestreut werde unter der Vorspiegelung, damit 
werde die jüdische Frage aus der Welt geschafft«. 46 

»Die jüdische Frage« wurde tatsächlich weder durch Artikel noch durch 
Bücher beigelegt. Im Baltikum und in Polen waren in den 20er-Jahren 
zum Beispiel für die Juden ganz neue Realitäten entstanden. Zwar moch¬ 
te es in den baltischen Staaten »den Juden im Lauf einer Reihe von Jahren 
gelingen, weiterhin einflussreiche Positionen im Handel und in der In¬ 
dustrie zu besetzen« 47 , doch sie fühlten den Druck ihrer Umwelt auf sich 
lasten. »Gut die Hälfte des russischen Judentums lebt in den neuen Staa¬ 
ten, die sich von Russland abgespalten hatten ... Je weniger diese Staaten 
von ihrer Stabilität überzeugt sind, desto nachdrücklicher oktroyieren sie 
ihren Nationalismus auf.« 48 Dort »fühlen sich die Juden umgeben von 
einem feindseligen Milieu, das zudem aktiv ist und keine Ruhe kennt. 


186 



In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 


Bald wird gefordert, dass der Anteil der Juden in den Hochschulen nicht 
höher liegen dürfe als in der Armee, ... bald lädt sich die Atmosphäre im 
alltäglichen Umgang so sehr auf, dass der Jude nicht mehr atmen kann ... 
Innerhalb jener Völker, die gerade ihre Selbstbestimmung errungen 
haben, fuhrt die Gesellschaft selbst - Studenten, Militärs, politische Par¬ 
teien, die Straße - einen Krieg gegen die Juden.« I. Bikerman folgerte, dass 
»ein Jude, der sich für die Selbstbestimmung der Völker ins Zeug gelegt 
hatte, sich selbst und den Seinen Einschränkungen in Form einer stärke¬ 
ren Abhängigkeit vom Leben Fremder bescherte«. 49 »Die Lage der Juden 
in Letdand, Esdand und Litauen ist geradezu tragisch. Dort sind die ges¬ 
tern noch Unterdrückten rasch in die Rolle der Unterdrücker geschlüpft 
- zudem sehr plebejischer Unterdrücker, die sich ihrer groben Kultur¬ 
feindlichkeit nicht schämen.« 50 

Nun zeigte sich, »dass der Zerfall Russlands auch den Zerfall des russi¬ 
schen Judentums bedeutete«. Die Geschichte bewies paradoxerweise, dass 
das einheitliche Russische Großreich - mit all den Diskriminierungen - 
den Juden die günstigeren Bedingungen geboten hatte. In den aus dem 
Verband ausgescherten Anrainerstaaten »sind die Juden die treuen Be¬ 
wahrer der russischen Sprache und Kultur und können es gar nicht er¬ 
warten, dass Großrussland wiederhergestellt wird. Die Schulen, in denen 
noch auf Russisch unterrichtet wird, füllen sich mit jüdischen Kindern«, 
die Sprache des neu entstandenen Staates dagegen will keiner lernen. »In 
diesen beengenden Kleinstaaten fühlt sich der russische Jude, der das 
Leben in den weiten Räumen des Großreichs gekostet hat, eingepfercht, 
bedrückt und als Staatsbürger minderer Klasse, ungeachtet aller Rechte 
und aller Autonomie ... Die Geschicke unseres Volkes sind wahrlich eng 
mit den Geschicken des großen Russland verbunden.« 51 

Ansonsten war die internationale Position des Judentums in den Krei¬ 
sen, die den Frieden von Versailles schlossen, und insbesondere in Paris 
sehr stark, vor allem was den Zionismus betraf. »Im Juli 1922 erkannte der 
Völkerbund die Zionistische Weltorganisation als »Jüdische Agentur< an, 
welche zunächst vor allem die Interessen der Zionisten vertrat, in zweiter 
Linie auch die der Nichtzionisten, und die außerdem die Stellung der 
Juden in den Ländern Europas stärken sollte.« 52 

Bikerman beschuldigte die Zionisten, sie sähen »für Russland ... in der 
Zersplitterung den Idealzustand. Darum nennt sich die Organisation der 


187 



Kapitel 5 


russischen Zionisten nicht russische oder russländische, sondern russisch- 
ukrainische Organisation. Darum hatten es die Zionisten und ihnen nahe 
stehende jüdische Gruppen so eilig, sich mit den Parteigängern der ukrai¬ 
nischen Unabhängigkeit zu verbünden.« 53 

* 

Sowjetrussland versank nach dem Bürgerkrieg in dumpfem Schweigen. 
Von diesem Zeitpunkt an wurden - für viele Jahrzehnte - alle unabhän¬ 
gigen Stimmen erstickt, und nur das, was die staatliche Propaganda trom¬ 
petete, war zu hören. Umso leidenschaftlicher brodelte es in der Emigra¬ 
tion. Die Meinungen in ihrer ganzen Spannweite von anarchisdsch bis 
monarchistisch wurden vom Wetterleuchten flackernden Schmerzes und 
spannungsgeladener Debatten akzentuiert: Wer war an dem Geschehenen 
schuld, und in welchem Maße? 

Auch innerhalb der jüdischen Emigrantenszene entstanden Diskussio¬ 
nen. 

Hier eine Einschätzung Bikermans von 1923: »Der Jude antwortet 
auf alles mit den gewohnten Gesten und mit den gewohnten Worten: 
Es war ja nicht anders zu erwarten - immer sollen wir an allem schuld 
sein, wo auch ein Unglück geschieht, wird man nach dem Juden su¬ 
chen und ihn finden. Neun Zehntel von allem, was in den modernen 
jüdischen Ausgaben über die Juden in Russland geschrieben wird, ist 
eine einzige andauernde Wiederholung dieses stereotypen Satzes, und da 
es natürlich nicht möglich ist, dass wir immer an allem schuld sind, zieht 
der Jude daraus den für uns sehr schmeichelhaften und im Alltagsleben 
zunächst sehr praktischen Schluss, dass wir immer in allem Recht ha¬ 
ben.« 54 

Aber man sollte sich Gedanken machen: »Die jüdische Gesellschaft hat 
damals [vor der Revolution] dem Dogma von der rettenden Kraft der Re¬ 
volution für die Juden leidenschaftlich angehangen, und nicht weniger 
glühend vertritt sie es auch jetzt.« Sogar die jüdischen Organisationen, die 
Hilfe ftir ihre in der UdSSR leidenden Stammesbrüder in den Ländern des 
Westens sammeln, »prangern schlichtweg alles an, was in Russland vor 
den Bolschewiken und vor der Revolution eine beschützende und auf¬ 
bauende Kraft dargestellt hatte, sie machen es herunter und beschimpfen 


188 


In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 


es«, nachdem sich ja »das bolschewistische Russland so leicht in das Ge¬ 
lobte Land verwandelt« habe, wo es Gleichheit und Sozialismus gäbe. 
Viele aus Russland stammende Juden hätten sich auch in den USA nieder¬ 
gelassen, und »unter ihnen verbreiten sich pro-bolschewisusche Ideen sehr 
leicht«. 55 Die jüdische Stimmungslage ging dahin, dass der Bolsche¬ 
wismus besser sei als eine Restauration des Zarentums. Weithin herrschte 
»die Meinung, dass ein Sturz des Bolschewismus in Russland für die Juden 
unweigerlich die Gefahr einer neuen bluügen Pogromwelle und von Mas¬ 
senvernichtung mit sich brächte ... Vor diesem Hintergrund wird dem 
Bolschewismus als geringerem Übel der Vorzug gegeben.« 56 

Dann kam die Zeit der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP). Oh, die 
Bolschewiken entwickelten sich ja zum Besten! Sie waren ja gar nicht ret¬ 
tungslos verloren! Nach Lockerung der wirtschaftlichen Daumenschrau¬ 
ben wurden nun die Bolschewiken umso akzeptabler. »Die NÖP: Da gibt 
es Konzessionen, irgendwie werden wir uns einrichten.« 57 

Die jüdische Emigration pro-bolschewistisch zu nennen wäre falsch. 
Aber sie sah in der bolschewistischen Ordnung nicht ihren Hauptfeind, 
und viele standen ihr nach wie vor wohlwollend gegenüber. 

Bezeichnend ist allerdings auch eine Begebenheit, die sich mit dem jü¬ 
dischen Schriftsteller und Emigranten Gorjanskij zutrug und die in einer 
sowjetischen Zeitung mokant als satirische Erzählung dargeboten wird. 58 
»Vorübergehend weilte« 1928 der damals bereits berühmte (sowie wegen 
seiner Nähe zur Tscheka auch stark berüchtigte) Babel in Paris, um sich 
künsderisch inspirieren zu lassen. Er betrat das Cafe »Rotonde«, erblickte 
dort seinen »alten Bekannten«, offensichtlich noch aus Odessa, und 
streckte ihm großzügig die Hand hin: »Guten Tag, Gorjanskij.« Gorjan¬ 
skij aber erhob sich und wandte sich verächtlich von der ausgestreckten 
Hand ab. 

Angesichts des Aufstiegs des Nationalsozialismus in Deutschland setz¬ 
te sich natürlich die Bevorzugung des Bolschewismus überall in der jüdi¬ 
schen Öffentlichkeit noch auf lange Zeit fest. 

Vorwurfsvoll berichtet M. Wischnjak, dass auf dem ersten Jüdischen 
Weltkongress in Genf im August 1936 im Wesentlichen die folgende von 
N. Goldmann auf den Punkt gebrachte Einstellung zur bolschewistischen 
Macht herrschte: »Wenn sogar« alle möglichen freiheitsliebenden Regie¬ 
rungen und Organisationen »die Bolschewiken anerkennen und sich bei 


189 



Kapitel 5 


ihnen einschmeicheln ...«, »warum sollten nicht die Enthusiasten der na¬ 
tionalen und kulturellen Einheit der Juden denselben Weg gehen? ... 
Höchstens der Umstand, dass Moskau bei antijüdischen Ausschreitungen 
in Palästina direkt die Hand im Spiel hatte, brachte die führenden Kreise 
des Kongresses etwas stärker gegen die Politik der Sowjetmacht auf, doch 
auch dies ... äußerte sich nur als Empörung über das Verbot der hebräi¬ 
schen Sprache, ... das Verbot der Auswanderung aus der UdSSR nach Pa¬ 
lästina. Schließlich ereiferten sie sich über das nicht enden wollende Mar¬ 
tyrium der Zionisten in Isolierzellen für politische Gefangene und in Kon¬ 
zentrationslagern. Hier fand N. Goldmann sowohl die gebührenden 
Worte als auch die nötige Inspiration.« 59 Auch 1939, am Vorabend des 
Zweiten Weltkrieges, wurde noch festgestellt: »Es ist nicht zu leugnen, 
dass unter den russischen Juden im Ausland« die Stimmung dahin geht, 
ihre Hoffnungen »in die Unantastbarkeit der sowjetischen Diktatur zu set¬ 
zen«. Hauptsache, es würde keine Pogrome geben. 60 

Wie sollte man dann über die jüdischen Bolschewiken denken? I. Bi- 
kerman äußert dazu: »>Es kann einem jungen Kerl doch keiner ’nen 
Strick aus so was drehern - so kann man die Einstellung der jüdischen 
Öffendichkeit gegenüber den aus unserer Mitte stammenden Bolschewi¬ 
ken und gegenüber ihrer satanischen Bosheit definieren. Oder, im heuti¬ 
gen Jargon: Die Juden haben ein Recht, ihre Bolschewiken zu haben.« 
Diese »Menschenrechtserklärung habe [ich] Tausende von Malen gehört«. 
Auf einer Versammlung jüdischer Emigranten in Berlin »traten nachei¬ 
nander ein angesehener Kadett, ein Demokrat und ein Zionist auf die 
Tribüne«, und alle »verkündeten das Recht der Juden darauf, ihre Bol¬ 
schewiken zu haben«; »Erklärung ihres Rechts auf den aus der Art Ge¬ 
schlagenen«. 61 

»Die Folgen dieses Geschwätzes sind folgende: Die öffentliche Mei¬ 
nung der Juden in der ganzen Welt hat sich von Russland ab- und den Bol¬ 
schewiken zugewandt.« »Als eine uns wohl bekannte, hochbetagte, ver¬ 
diente jüdische Person des öffendichen Lebens - ein weißer Rabe - in 
einer der europäischen Hauptstädte einem hohen jüdischen geisdichen 
Würdenträger vorschlug, Protestaktionen gegen die Hinrichtung rus¬ 
sisch-orthodoxer Geisdicher in Russland [d. h. in der UdSSR] zu organi¬ 
sieren, antwortete ihm dieser nach einigem Nachdenken, dass dies heißen 
würde, gegen die Bolschewiken zu kämpfen, was er nicht für machbar 


190 



In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 


hielte, da ein Sturz der bolschewistischen Macht zu Judenpogromen fuh¬ 
ren würde.« 62 

Was sollte man, wenn man mit den Bolschewiken leben konnte, von 
der Bewegung der Weißen halten? Als Iossif Bikerman im November 1922 
in Berlin auf einer Versammlung zum Fünfjahrestag der Gründung der 
Weißen Armee sprach, war die jüdische Gesellschaft im Großen und Gan¬ 
zen empört und hielt dies für eine Beleidigung des Judentums. 

In der Zwischenzeit hatte Dr. D. S. Pasmanik (der bis Februar 1917 an 
der deutschen Front kämpfte und danach bis Mai 1919, als er Russland 
verließ, der Weißen Armee angehörte) bereits das von uns zitierte Werk 
»Die Russische Revolution und das Judentum (Bolschewismus und Ju¬ 
daismus)« beendet und brachte es 1923 in Paris heraus. Er bestritt darin 
heftig die überall zu vernehmende Auslegung, der Bolschewismus könne 
durch die jüdische Religion erklärt werden: »Die Gleichsetzung des Ju¬ 
daismus und des Bolschewismus stellt eine riesige Gefahr fiir die ganze 
Welt dar.« 1923 gründete er zusammen mit I. M. Bikerman, G. A. Lan¬ 
dau, I. O. Lewin, D. O. Linskij (der ebenfalls in der Weißen Armee ge¬ 
wesen war) und W. S. Mandel die »Vaterländische Vereinigung russischer 
Juden im Ausland«. Im selben Jahr veröffendichte diese Gruppe den Auf¬ 
ruf »An die Juden aller Länder!« und gab kurz darauf in Berlin den Sam¬ 
melband »Russland und die Juden« heraus. 

Die anvisierte Aufgabe und ihre eigene Befindlichkeit beschreiben sie 
folgendermaßen. Pasmanik: »Unsäglicher Schmerz, den man als Juden, 
und unauslöschliche Trauer, die man als russischer Bürger empfindet«, 
haben diese Arbeit diktiert. »In Zusammenhang mit all den düsteren Er¬ 
scheinungen der letzten Jahre war es nicht leicht, zu einer harmonischen 
Sichtweise der russischen und der jüdischen Frage zu finden. Wir ... 
haben uns bemüht, die Interessen des wieder erstandenen Russlands und 
des leidenden russischen Judentums zusammenfließen zu lassen.« 63 Lin¬ 
skij: »Unermessliches Leid« treffe jene, die, »während sie ihre Zugehörig¬ 
keit zum jüdischen Volk wahrnehmen, sich gleichzeitig mit derselben In¬ 
tensität als russische Menschen empfinden«. Bei weitem leichter sei es für 
diejenigen, bei denen »eines der Flussbetten, in denen der Strom des Be¬ 
wusstseins verläuft, austrocknet, und der Mensch sich darum einzig als 
Jude oder einzig als Russe fühlt; entsprechend wird es für ihn einfacher, 
sich auf dem Feld der tragischen Erfahrungen, die Russland macht, zu po- 


191 


Kapitel 5 


sitionieren ... Die rohen, gemeinen Jahre der Revolution erstickten ... die 
aufkeimenden Hoffnungen« bezüglich einer Annäherung des Jüdischen 
und des Russischen, die es kurz vor dem Krieg gegeben hatte. Jetzt »tritt 
eine intensive ... gegenseitige Abstoßung des Russischen und des Jüdi¬ 
schen zutage«. 64 Lewin: »Auf unseren Schultern ruht die Verantwortung, 
uns möglichst gewissenhaft und objektiv mit den Gründen und dem Um¬ 
fang des Mitwirkens der Juden an der Revolution auseinander zu setzen. 
Dies ... kann einen gewissen Einfluss auf das weitere Verhältnis zwischen 
den Russen und den Juden haben.« 65 Die Autoren des Sammelbandes 
warnten zu Recht auch die Russen, den Sinn der Februarrevolution nicht 
mit der Beteiligung der Juden an ihr zu verwechseln. Bikerman hat diese 
Beteiligung sogar unterbewertet (den Zeitgenossen war ja größtenteils 
nicht klar, welche Rolle die Provisorische Regierung und das Exekutivko¬ 
mitee des Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten jeweils spielten), 
doch er fand, dass nach dem Oktober »sich für das jüdische Volk aus dem 
Recht, seine Bolschewiken zu haben, auch die Verpflichtung ergeben 
hätte, seine Rechten und extremen Rechten zu haben, die einen Gegen¬ 
pol zu den Bolschewiken gebildet hätten«. 66 Pasmanik: »Der bolschewis¬ 
tische Kommunismus ist in seinen ganzen Spielarten und Formen ... un¬ 
veränderlich ein bösartiger Feind des Judentums, denn er ist vor allem ein 
Feind der Persönlichkeit im Allgemeinen und der kultivierten Persönlich¬ 
keit im Besonderen.« 67 »Durch vielfältige und enge Bande mit unserer 
Heimat - der Staatsordnung, der Wirtschaft, der Kultur des Landes - ver¬ 
bunden, können wir es uns nicht wohl ergehen lassen, wenn alles um uns 
herum zugrunde geht.« 68 

Man kann nicht darüber hinwegsehen, dass diese Autorengruppe die 
ganze Bedeutung der russischen Katastrophe mit größter Klarheit erkannt 
hat. Selbstverständlich beziehen wir uns bei unserer Beschreibung dieser 
Jahre so ausgiebig auf diese Quellen, weil wir der Überzeugung sind, dass 
ihre bitteren, aber durchaus nicht »selbsthasserischen« Gedanken endlich 
tief verstanden und verarbeitet werden können. 

In ihrem Aufruf von 1923 lesen wir: »Die Vaterländische Vereinigung 
der russischen Juden stützt sich auf die feste Überzeugung, dass sowohl für 
die Juden wie auch für alle Russland bewohnenden Völker die Bolsche¬ 
wiken das größte von allen denkbaren Übeln sind ... Es ist Zeit, dass der 
Jude aufhört, sich ständig ängsdich umzusehen, ob er sich nicht an der Re- 


192 


In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 


volution versündigt ... Er sollte lieber Zusehen, dass er sich nicht an sei¬ 
nem eigenen Land [Russland] und an seinem eigenen Volk [dem jüdi¬ 
schen] versündigt.« 69 

Doch nach Einschätzung der Autoren des Sammelbandes war die Be¬ 
wusstseinslage der Juden Anfang der 20er-Jahre eine ganz andere. »Fast in 
allen Schichten und Kreisen der russischen Bevölkerung geht... ein Pro¬ 
zess der Selbstkritik und der Verarbeitung des Geschehenen vor sich ... 
Ob diese Selbstbezichtigungen und diese Reue nun gerechtfertigt sind 
oder nicht, sie lassen jedenfalls erkennen, dass ihr Denken und Gewissen 
tätig ist, dass ihr Herz schmerzt ... In der jüdischen Intelligenzija - dies 
kann ohne Übertreibung gesagt werden - ist eine solche Verarbeitung aber 
gerade am wenigsten erkennbar, und darin zeigt sich zweifellos ein gewis¬ 
ses Kränkeln ...Von außen betrachtet könnte man denken, dass vom 
Standpunkt eines durchschnittlichen Vertreters der jüdischen Intelligen¬ 
zija gesehen ... alles in seiner rechten Ordnung war.« 70 Für ihn »sind lau¬ 
ter andere schuld: die Regierung, die Generäle, die Bauern. Wir selbst 
haben nichts damit zu tun ... Wir haben nicht im Geringsten unsere Ge¬ 
schicke oder die unserer Umgebung gestaltet; wir sind nur zufällige Pas¬ 
santen, denen ein Balken auf den Kopf gefallen ist.« »Wir trugen zur Zer¬ 
störung [der Realität] bei, und danach nahmen wir nicht wahr, welchen 
Anteil wir selbst daran hatten.« 71 

Besonderen Schmerz empfanden die Verfasser des Sammelbandes über 
die jüdischen Bolschewiken. »Eine Sünde, die sich von selbst rächt, denn 
welches Unglück könnte für ein Volk größer sein, als seine Söhne missra¬ 
ten zu sehen?« 72 »Wichtig ist nicht nur, dass für den russischen Aufruhr 
solche Leute gefunden oder benötigt wurden, dass das jüdische Milieu sol¬ 
che Leute hervorgebracht hatte, wesendich ist vielmehr, dass sie in ihrem 
Umfeld nicht auf genügend Abwehr und Widerstand gestoßen sind.« 73 
»Wir haben die Verpflichtung, den Kampf speziell mit den jüdischen Bol¬ 
schewiken, mit den verschiedenen jüdischen Sektionen und allgemein mit 
den jüdischen Kommissaren aufzunehmen.« 74 

Es sei angemerkt, dass nicht allein diese Autoren erklärten, warum die 
russischen (jetzt auch die emigrierten) Juden gegen den Bolschewismus 
kämpfen sollten. Auch in der »Jüdischen Tribüne« liest man: »Wird aber 
der Bolschewismus in Russland durch einen Sturm der Entrüstung im 
Volk hinweggefegt, so könnte dem Judentum in den Augen der Massen 


193 


Kapitel 5 


die Schuld für ein verlängertes Bestehen des Bolschewismus zufallen ... 
Nur eine aktive Beteiligung der Juden am Kampf um die Beseitigung des 
Bolschewismus garantiert das Heil des Judentums im gemeinsamen An¬ 
liegen der Rettung Russlands.« 75 

Noch eine Warnung Bikermans: Wenn wir die Bolschewiken unter¬ 
stützen »nach dem Prinzip >Das eigene Hemd ist mir am nächstem«, so 
»dürfen wir nicht vergessen, dass wir dann auch dem russischen Menschen 
das Recht einräumen müssen, sich um sein eigenes Hemd zu kümmern, 
das ihm am nächsten ist: Damit wird der Schlachtruf >Haut die Jidden, 
rettet Russland< geheiligt.« 76 

Was waren nun ihre Aussagen zur Weißen Armee? »Die unwürdige Hal¬ 
tung der Juden gegenüber den Menschen, welche die unermesslich schwe¬ 
re Bürde des Kampfes für Russland, für die Millionen Schutzlosen und 
Schwachen auf ihre Schultern luden, zeugt von tiefem moralischen Zerfall, 
von einer Entartung des Bewusstseins ...« Damals, als »wir alle, Juden wie 
Nichtjuden, folgsam den Hals ins Joch legten und unseren Rücken dem 
Stock darboten, vereinigten sich einzelne russische Menschen, mutig und 
stolz, die von den Teilabschnitten der zersprengten Front her an allen Wa¬ 
chen vorbei zusammengekommen waren, und sie hissten das Banner des 
Kampfes ... Allein schon dass sie unter diesen Umständen gewagt haben 
zu kämpfen, erhebt diese Menschen und ihr Werk zu jener Größe, die nur 
unvergängliche Heldentaten auszeichnet, die in die Geschichte eingehen. 
Doch diese Menschen werden verunglimpft« von so vielen Juden, »jedes 
dumme Lästermaul verleumdet sie«, »anstelle von Gespür fiir die Tragik 
nehmen wir allgemeine Leichtfertigkeit, grenzenlose Undiszipliniertheit 
im Reden, triumphierende Seichtheit wahr«. Doch »das Russland, für das 
die Weißen gekämpft haben, ist nicht fremd für uns. Es ist auch fiir uns 
>das eigene Hemde« 77 »Das Judentum hätte fiir die Sache der Weißen 
gleichsam wie fiir die eigene Rettung des jüdischen Volkes kämpfen müs¬ 
sen, denn ... nur in der Wiederherstellung und in der baldigen Rettung der 
russischen Staatlichkeit wird das Judentum Rettung vor dem Untergang 
finden, der ihm noch nie so nahe gerückt ist wie in unserer Zeit.« 78 

(Tatsächlich rückte der Untergang heran - wenn auch von einer ande¬ 
ren Seite.) 

Wer würde heute, nach all den Jahrzehnten Sowjetunion, diesen Argu¬ 
menten etwas entgegensetzen? Nicht viele Autoren - ob jüdisch oder rus- 


194 



In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 


sisch - bewiesen solche Weitsicht. Die jüdische Emigrantengesellschaft 
lehnte im Großen und Ganzen diese Gedanken ab, und dadurch schei¬ 
terte sie an der Prüfung, vor die sie der neue Zeitabschnitt stellte. Man 
wird entgegnen, dies habe dem Judentum keinen merklichen und bedeu¬ 
tenden Schaden zugefiigt, und vor allem keine solche vernichtende Kata¬ 
strophe, wie sie der Nationalsozialismus mit sich brachte. Ja, es brachte 
unvergleichlich geringeren physischen Schaden, in einer gesamthistori¬ 
schen Perspektive gesehen jedoch deudichen geistigen und seelischen 
Schaden, vor allem indem der Bolschewismus erfolgreich den mosaischen 
Glauben aus jenem Land vertrieb, in dem er früher einmal tief in den Her¬ 
zen der Menschen verwurzelt gewesen war. Dass im jüdischen Milieu »auf 
den Bolschewismus gesetzt wurde«, beeinflusste zudem den allgemeinen 
Gang der Ereignisse in Europa. 

Vergeblich riefen die Autoren des Sammelbandes aus dem Jahre 1923 
auf: »In der jahrhundertealten Geschichte der jüdischen Diaspora ... gab 
es niemals eine ftir die Existenz unseres Volkes so bedrohliche politische 
Katastrophe wie nun den Sturz des Russischen Reiches, denn noch nie¬ 
mals waren die vitalen Kräfte des jüdischen Volkes in dem Maße vereint 
gewesen wie in diesem früheren, voller Lebenskraft steckenden Russland. 
Sogar der Zerfall des Arabischen Kalifats kann schwerlich mit der Kata¬ 
strophe verglichen werden, die uns jetzt ereilt hat.« 79 »Für das geeinte rus¬ 
sische Judentum stellt der Zerfall Russlands in einzelne souveräne Natio¬ 
nalstaaten eine nationale Katastrophe dar.« 80 »Wenn in den Weiten der rus¬ 
sischen Lande, in der Unendlichkeit der russischen Seele kein Platz für die 
Juden ist, dann wird sich nirgendwo auf der Erde Raum [ftir sie] finden 
... Weh über uns, wenn wir dies nicht begreifen.« 81 

Natürlich kann man am Ende des 20. Jahrhunderts diese düsteren Vor¬ 
hersagen im Grunde leicht zurückweisen, und sei es nur aufgrund der Tat¬ 
sache, dass den ehemals russischen Juden auf der Erde genügend Raum 
zugänglich geworden ist, dass ihr jüdischer Staat entstanden ist und sich 
etabliert hat, während Russland verwüstet darnieder liegt, kraftlos und ge- 
demütigt. So erscheint die Warnung jener Autoren, wenn sie auch zu be¬ 
denken ist, doch als stark übertrieben, als eine Prophezeiung, die sich 
nicht bewahrheitet hat. Was bleibt, ist, dass wir auf geistiger Ebene über 
sie nachdenken müssen, wo jene Saite berührt wird, die mit der so uner¬ 
warteten Verbindung unserer zwei Völker in der Geschichte zu tun hat. 


195 


Kapitel 5 


»Wenn Russland uns keine Heimat ist, dann sind wir Ausländer und 
haben wohl kein Recht, uns in das Leben des Landes einzumischen.« 82 
»Russland wird leben, und seine Wiedergeburt muss zu unserem nationa¬ 
len Anliegen werden, einem Anliegen des ganzen ... russischen Juden¬ 
tums.« 83 Die Aussagen gipfeln in einer verzweifelten Entladung, die sich 
über eine halbe Seite erstreckt: » Die Geschicke des russischen Judentums sind 
untrennbar mit dem Schicksal Russlands verbunden, Russland muss gerettet 
werden, wenn wir das Judentum retten wollen ... Die Juden müssen Schul¬ 
ter an Schulter mit allen Antibolschewiken gegen jene kämpfen, die das Land 
schänden wollen; der gemeinsame Kampf Seite an Seite gegen den gemeinsa¬ 
men Feind wird die Atmosphäre reinigen und den Antisemitismus, der sich in 
einer riesigen Welle ausgebreitet hat, wesentlich mindern; nur indem Russland 
gerettet wird, wird man eine Katastrophe Jur die Juden abwenden können. « 84 

Katastrophe! Dies wurde zehn Jahre vor Hitlers Machtergreifung und 18 
Jahre vor seinem bestürzenden Vordringen auf sowjetisches Gebiet und 
vor Beginn seines Programms zur Auslöschung der Juden ausgesprochen. 
Hätte Hider in Deutschland ungehindert mit solcher Leichtigkeit und 
solchem Erfolg den Hass auf die »Juden und Kommunisten« predigen und 
diese miteinander gleichsetzen können, wenn die Juden die Sowjetmacht 
offenkundig und hartnäckig bekämpft hätten? Die Autoren des Sammel¬ 
bandes erspürten in ihrer geistigen Suche und mit ihrer Prophezeiung die 
bereits damals auf das Judentum zurollende Katastrophe, nur irrten sie 
sich im geografischen Raum und sahen andere verhängnisvolle Bewegun¬ 
gen nicht voraus. Wie dem auch sei, der Sinn ihrer düsteren Warnung 
blieb ungehört. 

In der Geschichte der russisch-jüdischen Beziehungen kenne ich nichts, 
was diesem Sammelband »Russland und die Juden« gliche. Die Juden in 
der Emigration waren seinerzeit wie vom Schlag gerührt. Wir können uns 
vorstellen, wie schmerzhaft es sein musste, so etwas aus jüdischem Mund 
zu vernehmen, aus der Mitte des Judentums selbst. 

Von russischer Seite dürfen wir keinesfalls oberflächlich über dieses 
Werk hinwegsehen, sondern müssen im Gegenteil darin ein Beispiel er¬ 
sehen, wie man, in ganzer Liebe zu seinem Volk, von seinen eigenen Feh¬ 
lern sprechen kann, wo es Not tut - und dies erbarmungslos, ohne sich 
jedoch zu entfremden, sich außerhalb seines Volkes zu stellen. Der sichers- 


196 


In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 

te Weg als Gesellschaft wahrhaftig zu sein ist, seine eigenen Fehler anzuer¬ 
kennen. Dies gilt für jede der Seiten, ftir jede beliebige Seite. 

Nachdem ich diesen Autoren viel Zeit und Gedanken gewidmet (und 
den Leser in diese einbezogen) habe, möchte ich einige kurze Informatio¬ 
nen über sie in diesem Buch festhalten. 

Iossif Menassijewitsch Bikerman (1867-1942). Aus einer armen Klein¬ 
bürgerfamilie. Besuch des Cheder und der Jeschiwa 1 , muss ab dem Alter 
von 15 Jahren selbstständig ftir sich aufkommen, entwickelt sich unter 
schwierigen Lebensumständen mit Selbststudium weiter. 1903 schließt er 
(nach einer zweijährigen Unterbrechung, als er wegen Teilnahme an Stu¬ 
dentenunruhen relegiert wird) sein Studium der Geschichte und Philolo¬ 
gie an der Neurussischen Universität in Odessa ab. Bikerman ist ein 
Gegner der Idee des Zionismus, die seiner Ansicht nach ein reaktionäres 
Hirngespinst darstellt. Er appelliert an die Juden, sich, ohne ihre geistige 
Individualität aufzugeben, mit den progressiven Kräften Russlands im 
Kampf ftir das Wohl der gemeinsamen Heimat zu vereinigen. Sein De¬ 
büt ist ein großer Artikel über den Zionismus in der Zeitschrift »Russkoje 
Bogatstwo« [»Russischer Reichtum«] (1902, Nr. 7), der sogar im Ausland 
Reaktionen auslöst. 1905 intensive Mitwirkung an der Befreiungs¬ 
bewegung. Mitarbeiter von »Syn Otetschestwa« [»Sohn des Vaterlands«], 
»Russkoje Bogatstwo«, »Nasch Den« [»Unser Tag«] und »Bodroje Slowo« 
[»Kraftvolles Wort«]. Schreibt in der Emigration ftir die Pariser Zei¬ 
tung »Wosroshdenije« [»Wiedergeburt«] unter der Redaktion von P. B. 
Struve. 

Daniil Samojlowitsch Pasmanik (1869-1930). Sohn eines Melamed. 
1892 Abschluss in Medizin an der Universität Zürich, danach sieben Jahre 
praktizierender Arzt in Bulgarien. 1899-1905 Privatdozent an der Medi¬ 
zinischen Fakultät der Genfer Universität. Schließt sich 1900 der zionis¬ 
tischen Bewegung an und wird einer ihrer prominentesten Theoretiker 
und Publizisten. Kehrt 1905 nach Russland zurück und legt auch dort das 
erforderliche Examen als Arzt ab. Kämpft ftir die Bürgerrechte der Juden 
in Russland. Er tritt als Gegner des »Bund« auf und entwickelt die Theo¬ 
rie der Bewegung »Poale Zion« [»Arbeiter Zions«]. 1906-1917 Mitglied 


1 Zu den Schulformen Cheder und Jeschiwa vgl. Solschenizyn, Rnss.-jiid. Ge¬ 
schichte, S. 96. 


197 



Kapitel 5 


des Zentralkomitees der zionistischen Organisation in Russland. Redak¬ 
tionsmitglied der Zeitschrift »Jewrejskaja Shisn« [»Jüdisches Leben«], spä¬ 
ter bei »Rasswet« [»Morgenröte«]. Zahlreiche Artikel in »Jewrejskij Mir« 
[»Jüdische Welt«] und in der »Jüdischen Enzyklopädie«. Medizinische 
Fachpublikationen in deutscher und französischer Sprache. Der Kriegs¬ 
beginn 1914 überrascht ihn in Genf, von wo er sich mühsam nach Russ¬ 
land durchschlägt; tritt dort in die Armee ein und dient bis Februar 1917 
in Feldlazaretten. Nach der Februarrevolution Eintritt in die Partei der 
Kadetten. Unterstützt General Kornilow und die Weiße Bewegung. 
1918-1919 Mitglied der Regierung der Krim-Region, wird zum Vorsit¬ 
zenden des Verbandes der jüdischen Gemeinden der Krim gewählt. 1919 
Emigration nach Frankreich. 1920-1922 in Paris gemeinsam mit W. L. 
Burzew Redakteur von »Obschtscheje Delo« [»Gemeinsame Sache«], 
einer Zeitung der weißen Emigranten. Unter den Hunderten von Artikeln 
und Dutzenden von Büchern, die er verfasst hat, sind die folgenden be¬ 
sonders hervorzuheben: »Die Seele Israels. Zur Psychologie des Diaspora¬ 
judentums« (1910 [deutsche Ausgabe 1911]), »Schicksalswege des jüdi¬ 
schen Volkes. Probleme der jüdischen Öffentlichkeit« (1917), »Die Rus¬ 
sische Revolution und das Judentum (Bolschewismus und Judaismus)« 
(1923), »Die Revolutionsjahre auf der Krim« (1926) und »Was ist Ju¬ 
daismus?« (französische Ausgabe 1930). 

Isaak Ossipowitsck Lewin (1876-1944). Historiker und Publizist. Vor 
der Revolution außenpolitischer Beobachter von »Russkije Wedomosti« 
[»Russische Nachrichten«] und P. B. Struves Zeitschrift »Russkaja Mysl« 
[»Der russische Gedanke«]. In der Emigration zunächst in Berlin ansässig. 
Mitglied des Russischen Wissenschaftlichen Insdtuts, Mitarbeiter von 
»Rul« [»Das Steuer«], »Russkije Sapiski« [»Russische Notizen«] und Mit¬ 
autor des historischen und literarischen Almanachs »Na tschushoj storo- 
ne« [»In der Fremde«], Vortragsredner (darunter Vorträge über den deut¬ 
schen Antisemitismus). 1931 oder 1932 zieht er nach Paris um. Er ist 
Witwer, lebt in großer Armut. Zu seinen Arbeiten zählen »Die Emigran¬ 
ten der Französischen Revolution« und ein Buch über die Mongolei (in 
französischer Sprache). In der Besatzungszeit wird seine »rassische Zuge¬ 
hörigkeit« durch die Deutschen erfasst. Anfang 1943 wird er festgenom¬ 
men. Nach kurzer Zeit in einem Konzentrationslager bei Paris kommt er 
in einen Transport, 1944 stirbt er in einem Konzentrationslager. 


198 



In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 


Grigorij (Gabriel) Adolfowitsch Landau (1877-1941). Sohn des be¬ 
kannten Publizisten und Verlegers A. E. Landau. Studiert Jura an der Pe¬ 
tersburger Universität, Abschluss 1902. Schreibt ab 1903 für Periodika: 
die Zeitungen »Wosschod« [»Sonnenaufgang«], »Nasch Den« [»Unser 
Tag«]) »Jewrejskoje Obosrenije« [»Jüdische Rundschau«], die Zeitschrif¬ 
ten »Bodroje Slowo« [»Kraftvolles Wort«], »Jewrejskij Mir« [»Jüdische 
Welt«], »Westnik Ewropy« [»Bote Europas«], »Sowremennik« [»Zeitge¬ 
nosse«], »Sewernyje Sapiski« [»Nordische Notizen«] und ist an der Jahres¬ 
schrift »Logos« beteiligt. Einer der Gründer der »Jüdischen demokrati¬ 
schen Gruppe« (1904) und der »Union flir die Erlangung der Vollberech¬ 
tigung des jüdischen Volkes in Russland«. 1 Prominenter Kadett und 
Mitglied des Zentralkomitees der Kadettenpartei. Im August 1917 Teil¬ 
nehmer der Staatsberatung in Moskau. Ab Dezember 1917 Mitglied des 
Exekutivkomitees der Petrograder jüdischen Gemeinde. Emigriert 1919 
nach Deutschland, 1922-1931 Stellvertreter I. W. Gessens bei der Zei¬ 
tung »Rul«. Neben »Rul« publiziert er auch in der Zeitschrift »Russkaja 
Mysl«, in der Wochenzeitung »Rossija i Slawjanstwo« [»Russland und das 
Slawentum«], der Almanachreihe »Tschisla« [»Zahlen«] und anderen. 
Zahlreiche Vorträge bei Emigrantenabenden (1927 kritisierte er in dem 
Vortrag »Eurasischer Zauberbann« das, was er »Eurasiertum« nennt, als 
etwas, das die Werte der russischen Geschichte negiert und den Ideen des 
Bolschewismus Vorschub geleistet habe. Er flieht aus Nazideutschland 
nach Lettland, arbeitet für die Rigaer Zeitung »Segodnja« [»Heute«]. Im 
Juni 1941 wird er vom NKWD festgenommen und stirbt im November 
desselben Jahres im Lager Usolje (bei Solikamsk). 85 

Zu seinen Arbeiten zählen: »Schelmenkultur« (in »Nasch Den«, 1908), 
der Artikel »Dämmerung Europas« (in »Sewernyje Sapiski«, 1914, Nr. 
12), in dem »vieles, was in der Folge den Weltruhm Oswald Spenglers 
begründen sollte, vorweggenommen ist« 86 , sowie anschließend das Buch 
gleichen Titels (Berlin 1923), des Weiteren »Polnisch-jüdische Bezie¬ 
hungen« (Petrograd 1915), »Über die Überwindung des Bösen« (in 
»Arbeiten russischer Wissenschaftler im Ausland«, Bd. 2, Berlin 1923), 
»Der Byzantiner und der Jude« (in »Russkaja Mysl«, 1923, Nr. 1-2), »The- 


1 Zur »Union für die Erlangung ...« vgl. Solschenizyn, Russ.-jüd. Geschichte, 
S. 342. 


199 



Kapitel 5 


sen gegen Dostojewskij« (in »Tschisla«, Bd. 6, Paris 1932) und »Epigra¬ 
phe« (Berlin 1927). Vieles von ihm Geschriebene wurde von seinen 
Zeitgenossen nicht wahrgenommen. Die progressive Öffendichkeit nahm 
ihn wegen seiner konservativen Geisteshaltung nicht an. Tiefsinniger 
Denker. 

Über D. O. Linskij (der im Bürgerkrieg der Weißen Armee angehör¬ 
te) und W. S. Mandel (einem aktiven Teilnehmer der politischen Ver¬ 
sammlungen von 1907 bis 1918 in Russland, nach BerÜn emigriert, 
1931 gestorben) gelang es uns nicht, aufschlussreiche Informationen zu 
finden. 

★ 

Der genannte Sammelband enthielt auch noch offenere und härtere Er¬ 
mahnungen und Vorwürfe bezüglich des Verhaltens der jüdischen Emi¬ 
granten in den 20er-Jahren. Die Autoren riefen die Stammesbrüder auf, 
»ihren Fehler einzusehen und nicht jenes Großrussland zu verurteilen, in 
dem sie gelebt und mit dem sie sich im Lauf eines Jahrhunderts zu¬ 
sammengelebt hatten«, sie sollten »sich vor Augen halten, wie sie selbst 
Gerechtigkeit ftir sich fordern und wie unzufrieden sie sind, wenn man sie 
alle unterschiedslos für das beschuldigt, was Einzelne getan haben« 87 , sie 
sollten sich nicht furchten, »einen Teil der Verantwortung für alles Ge¬ 
schehene auch dem Judentum aufzubürden«. 88 »Vor allem den eigenen 
Anteil an der Verantwortung genau zu bestimmen und damit die Ver¬ 
leumdungen der Antisemiten zu widerlegen ... Dies bedeutet ganz und 
gar nicht, sich den Antisemiten anzubiedern, wie einige jüdische Dema¬ 
gogen herumlärmen ... Dieses Eingeständnis ist wichtig für uns selbst, es 
ist unsere moralische Pflicht.« 89 »Das Judentum muss den geraden Weg 
gehen, welcher der großen Weisheit seiner religiösen Gebote entspricht 
und der zur brüderlichen Versöhnung mit dem russischen Volk fuhrt ... 
Es soll das Jahrhundertgebäude des russischen Hauses und der jüdischen 
Wohnstätte erbauen .. .« 90 

Doch »wir säen Winde und Stürme und wünschen, dass uns milde Ze- 
phire umschmeicheln. Ich weiß, dass sich jetzt Geschrei erheben wird: Er 
rechtfertigt die Pogrome ...! Ich weiß, was ich von diesen Leuten zu hal¬ 
ten habe, die sich für das Salz der Erde halten, ftir die Vollender der Ge- 


200 


In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 


schicke oder jedenfalls fiir Leuchten unter dem Volke Israels ... Sie, die 
ständig die Worte >Schwarze Hundertschaft und >Schwarzhundertschaft- 
ler< im Munde fuhren, [...] sind die schwärzesten, unwissendsten Men¬ 
schen, echte viri obscuri , die niemals ... die Größe der kreativen Kräfte in 
der Geschichte ... verstanden haben ...« Von den Juden sei gefordert, und 
dies »mit gebieterischer Notwendigkeit, weniger unseren Schmerz he¬ 
rauszustellen, weniger über unsere Verluste zu lamentieren. Es ist für uns 
an der Zeit zu verstehen, dass Weinen und Wehklagen ... eher [ein Zei¬ 
chen] seelischer Undiszipliniertheit, eines Mangels an Seelenkultur sind 
... Du bist nicht allein in der Welt, und deine Traurigkeit kann nicht das 
ganze Weltall füllen ... Nur seinen eigenen Kummer, nur seinen eigenen 
Schmerz zur Schau zu tragen zeugt ... von mangelndem Respekt gegen¬ 
über fremdem Kummer und fremden Leiden.« 91 

Dies klingt, als sei es heute gesagt. Und es wendet sich an uns alle. 

Diese Worte sollten weder durch die Millionen, die ihr Leben in den 
Gefängnissen und Lagern des Gulag gelassen haben, noch durch die Milli¬ 
onen, die in den Lagern der Nazis gemordet worden sind, außer Kraft ge¬ 
setzt werden. 

In jenem Jahr riefen die Vorträge der Autoren des Sammelbands und der 
Vaterländischen Vereinigung der Juden bei der jüdischen Öffentlichkeit 
in der Emigration »große Empörung hervor«. »Selbst wenn man offen 
oder insgeheim die Richtigkeit der faktischen Angaben und Analysen an¬ 
erkannte, äußerte man doch Entrüstung über die Entschlossenheit, damit 
in die öffendiche Arena zu treten. Es sei doch nicht der rechte Zeitpunkt, 
über die Juden zu sprechen, sie zu kritisieren, ihre Sünden und ihre Ver¬ 
antwortung in Bezug auf die Revolution zu konstatieren, wenn das Ju¬ 
dentum so viele Katastrophen erlebt hatte und ihm solche vielleicht auch 
noch bevorstanden.« 92 Die Autoren des Sammelbandes wurden fast zu 
»Volksfeinden [des jüdischen Volkes], zu Helfershelfern der Reaktion und 
Verbündeten der Pogromisten erklärt«. 93 

Aus Paris kam in jenen Monaten folgende Reaktion der »Jüdischen Tri¬ 
büne«: »Die Frage der Verantwortung der Juden für die Russische Revo- 
lution< wurde bislang nur von Antisemiten erhoben.« Jetzt aber »findet ein 
ganzer Feldzug der Reue und des Bezichtigens statt«, als ob »man >nicht 
nur die anderen beschuldigen, sondern auch seine eigene Schuld zuge- 


201 


Kapitel 5 


ben«< müsse. Es verlaute nichts Neues darin, »nur das alte >Gegeneinan- 
der-Aufrechnen von Namern, dessen man seit langem überdrüssig ist«. 
»Zu spät hat ... Herr Landau seine Sympathien« »für die alte >Staatlich- 
keit< entdeckt«. »Diese >reuigen< Juden, die sich eindeutig in Reaktionäre 
verwandelt haben«, ihre »Reden, die nlit der Würde des jüdischen Volkes 
unvereinbar sind, ... sind ganz und gar verantwortungslos«. 94 Besonders 
empörend sei der Versuch, »den Antisemitismus >in der Gesellschafo vom 
offiziellem zu unterscheiden« und beweisen zu wollen, dass »das Volk, die 
Gesellschaft, das Land, also die Bevölkerung selbst, die Juden hasse und 
sie als die wahren Schuldigen aller nationalen Übel ansehe«, ebenso wie 
jene, welche die Pogrome zugelassen haben, »die immer wieder mit der 
alten Theorie vom >Volkszorn< ankommen«. 95 Manchmal gipfelt es auch 
direkt in Beschimpfungen: »Die Berliner Gruppe von Journalisten und 
Vertretern der Öffentlichkeit, ... die man schon aus der Arena der jüdi¬ 
schen Öffendichkeit verschwunden glaubte, ... hat wieder an ihre Exis¬ 
tenz erinnert... Sie fanden dafür kein besseres Mittel, als einen Kreuzzug 
gegen ihre Stammesbrüder, die russischen Juden, zu veranstalten.« Dieses 
»Grüppchen von Juden, die dem alten Regime treu geblieben sind, ... ist 
verblendet vom leidenschaftlichen Wunsch, das Rad der Geschichte um 
jeden Preis zurückzudrehen«, sie schreiben »Anstößiges«, erteilen »unnüt¬ 
ze Ratschläge« und nehmen »die lächerliche Rolle von Heilem der Wun¬ 
den des Volkes« auf sich. Die Autoren werden belehrt: »Manchmal ist es 
besser, den Mund zu halten.« 96 

Auch ein sehr subtiler Autor unserer Zeit findet ftir diesen Sammelband 
keine bessere Bewertung als »schwere Hysterie«. Sowohl der Versuch 
dieser Autoren »und ihr weiterer Weg sind eine ausgesprochene Tragö¬ 
die«, meint er und erklärt diese Tragödie mit einem »Komplex des Selbst¬ 
hasses«. 97 

Spricht denn Hass aus dem, was Bikerman auf eben diesem »weiteren 
tragischen Weg« geschrieben hat: »Das jüdische Volk ... keine Sekte, kein 
Orden, sondern ein ganzes Volk, das über die Welt verstreut, aber in sich 
geeint ist, hat das Banner der friedlichen Arbeit erhoben und sich um die¬ 
ses Banner geschart wie um das Symbol einer gottgefälligen Ordnung«? 98 

Wir behaupten allerdings nicht, dass die europäischen Juden und die 
jüdische Emigration allgemein nicht auf solche Auslegungen oder Vor¬ 
warnungen gehört hätten. Etwas früher, 1922, war noch eine andere De- 


202 



In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 


batte entstanden. In der wieder gegründeten zionistischen Zeitung »Ras- 
swet« [»Morgenröte«] bringt der Nationalist G. I. Schechtman zum Aus¬ 
druck, dass er nicht verstehe, wie es möglich sei, dass die Intelligenzija an¬ 
derer Nationalitäten nicht nationalistisch sei. Die Intelligenzija sei unbe¬ 
dingt ein Teil ihrer eigenen Nation, und sie fühlte deren Schmerz. Ein Jude 
könne kein »russischer Demokrat« sein, er sei selbstverständlich ein jüdi¬ 
scher Demokrat. »Eine nationale und demokratische Doppelstaatsbür¬ 
gerschaft akzeptiere ich nicht.« Wenn die russische Intelligenzija »nicht 
ihre Volkszugehörigkeit spürt« (Herzen), so komme das einfach daher, 
dass bisher »keine Gelegenheit und kein Bedarf bestand, stark und 
schmerzhaft die eigene nationale Existenz zu empfinden und sich um sie 
Gedanken zu machen. Aber jetzt ist dieser Moment gekommen.« Jetzt 
müsse die russische Intelligenzija »alle Ansprüche auf ein gesamtrussi¬ 
sches Seim abschütteln und sich als eine großrussische Demokratie wahr¬ 
nehmen«. 99 

Schwer war es, daraufzu antworten. Doch P. N. Miljukow nahm, nicht 
sehr selbstsicher, den Fehdehandschuh auf. Wir erinnern uns (vgl. Sol- 
schenizyn, »Zweihundert Jahre zusammen«. Die russisch-jüdische Geschich¬ 
te 1795-1916, München 2002, Kapitel 11), dass er 1909 entsetzt war - 
»Wem nützt das?« -, die ätzende und unangenehme nationale Frage blank 
und direkt gestellt zu sehen. Das »nationale Antlitz« hervorzukehren, so 
Miljukow damals, bringe uns [die Russen] in die Nähe der Chauvinisten. 
Doch er :ah sich gezwungen, seine Positionen zu korrigieren - nicht auf¬ 
grund seiner Weltanschauung, die ihm als russischem Historiker die in¬ 
nere Leitlinie gab, sondern wegen der peinlichen neuen Situation, als so 
vielen Vertretern der russischen Intelligenzija in der Emigration bewusst 
wurde, dass es Russland selbst war, was sie verspielt hatten. Miljukow gab 
Schechtman eine ausweichende Antwort - nicht in seinen »Neuesten 
Nachrichten«, sondern in der »Jüdischen Tribüne«, die eine wesendich ge¬ 
ringere Auflage hatte: Er bestand weiterhin darauf, dass ein russischer Jude 
sehr wohl auch ein »russischer Demokrat« sein könne und müsse, und ver¬ 
lagerte dabei vorsichtig die Polarisationsebene: »Wenn diese Forderung ... 
erfüllt ist, und ein >neues nationales Antlitz< der russischen Demokratie 
erscheint - ein großrussisches Antlitz«, dann hätte Schechtman doch als 
Erster Angst vor »>der bevorstehenden Machtübernahme der großrussi¬ 
schen ... Demokratie, die ihr nationales Wesen in dem einer Großmacht 


203 


Kapitel 5 

sieht«. Brauchen wir also diese Chimären? Haben wir es nötig, es uns mit¬ 
einander zu verderben ... ? 100 

Die Gemüter der Emigration waren aufgeheizt, was sich nicht nur im 
verbalen Ausdruck erschöpfte. 1927 fand in Paris ein spektakulärer Ge¬ 
richtsprozess statt: Der Uhrmacher Samuil Schwarzbard, dessen ganze Fa¬ 
milie bei den Pogromen in der Ukraine umgekommen war, erschoss Ped- 
jura mit fünf Kugeln. 101 (Die sowjetische Zeitung »Iswesdja« [»Nachrich¬ 
ten«] rückte teilnahmsvoll ein Porträt Schwarzbards ein. 102 ) Die 
Strafverteidiger hoben die Frage auf die Ebene einer Rechtfertigung des 
Mordes als gerechte Rache an dem Pogromisten Pedjura: »Der Angeklag¬ 
te wollte und musste das Problem des Antisemitismus vor dem Gewissen 
der Welt aufwerfen.« 103 In der Verhandlung wurden viele Zeugen der Ver¬ 
teidigung gehört, die Pedjura persönlich als Schuldigen der Pogrome in 
der Ukraine während des Bürgerkrieges bezichtigten. Vonseiten der An¬ 
klage ertönte, dass es sich hier um einen Auftragsmord auf Geheiß der 
Tscheka handele. »Schwarzbard ruft aufgebracht von seinem Platz: [Der 
Zeuge] will mir nicht zugestehen, dass ich als Jude gehandelt habe, und 
behauptet deshalb, ich sei Bolschewik.« 104 Das französische Gericht 
sprach Schwarzbard frei und endieß ihn aus der Haft. Bei derselben Ver¬ 
handlung fiel auch der Name Denikins, und Schwarzbards Anwalt ver¬ 
kündete: »Wenn Sie einen Prozess gegen Denikin fuhren wollen, stehe ich 
als Ankläger an Ihrer Seite bereit!« »Ich würde an diesem Ort mit genau 
der gleichen leidenschaftlichen Überzeugung den Rächer Denikins ver¬ 
teidigen, wie ich jetzt den Rächer Pedjuras verteidige.« 103 Einem solchen 
Rächer stand der Weg offen: Denikin lebte in Paris, ohne Personenschutz. 
Doch zu einem solchen Gerichtsverfahren gegen Denikin kam es nie. (Ein 
ähnlicher Mord wurde in Moskau verübt. Dort erschoss 1929 Lasar Ko- 
lenberg den früheren weißen General Slaschtschow, der zu den Sowjets 
übergelaufen war. Slaschtschow hatte den Pogrom in Nikolajew zugelas¬ 
sen. »Der Angeklagte wurde im Lauf der Ermittlungen für unzurech¬ 
nungsfähig erklärt und auf freien Fuß gesetzt.« 106 ) Bei der Verhandlung 
gegen Schwarzbard erwähnte der Staatsanwalt noch einen anderen spek¬ 
takulären Fall (Boris Kowerda), den er ihm gegenüberstellte: Petljura hat 
ja in Polen gelebt, aber »Sie [an Schwarzbard gewandt] haben ihn nicht 
[dort] erschossen, weil Sie wussten, dass Sie in Polen einem Militärgericht 
übergeben worden wären«. 10/ 


204 


In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 


In eben jenem Jahr 1927 war der junge Kowerda, der ebenfalls »das Pro¬ 
blem vor dem Gewissen der Welt aufwerfen wollte«, in Warschau für den 
Mord an dem bolschewistischen Untäter Wojkow zu zehn Jahren Haft 
verurteilt worden, die er bis auf den letzten Tag verbüßte. 

In Warschau beschimpfte man in der jüdischen Bevölkerung damals, 
wie mir Hauptmann W. F. Klementjew, ein weißer Emigrant aus der 
Gruppe Sawinkows, erzählte, die ehemaligen russischen Offiziere als 
»weißgardistisches Gesindel«. »In ein jüdisches Geschäft brauchst du gar 
nicht den Fuß zu setzen.« Eine solche Entfremdung im Alltag war nicht 
nur in Warschau zu beobachten. 

Die russische Emigration war in ganz Europa erdrückt von Armut, Be¬ 
dürftigkeit und den Alltagshärten - bald hatte sie wieder andere Sorgen, 
als sich über Auseinandersetzungen zu ereifern, »wer mehr Schuld trage«. 
In der ersten Hälfte der 20er-Jahre wurden die antijüdischen Stimmun¬ 
gen in der Emigration schwächer und weniger vernehmbar. Man konnte 
in jenen Jahren auch solche Überlegungen Schulgins hören: »Erinnern un¬ 
sere >Visa-Qualen< denn nicht erstaunlich an die Diskriminierungen, wel¬ 
che die Juden wegen des >AnsiedIungsrayons< erdulden mussten? Erinnern 
die Nansenpässe, die sozusagen ein Verliererlos sind, das uns Wege ver¬ 
sperrt, nicht an den Eintrag »jüdischen Glaubens<, den wir in den jüdi¬ 
schen Pässen vorgenommen und damit den Juden viele Türen verschlos¬ 
sen haben? Verlegen wir uns nicht auch (wenn wir, wegen unserer beson¬ 
deren Situation, keinen Zugang zum Staatsdienst oder zu bestimmten 
Berufsgruppen haben) auf alle möglichen Mauscheleien (Kommissions¬ 
geschäfte und anderes in der Art)? [...] Nehmen wir nicht auch die Ge¬ 
wohnheit an, Gesetze, die für uns unpraktisch sind, zu »umgehem, haar¬ 
genau wie das bei uns die Juden getan haben und weswegen wir über sie 
geschimpft haben?« 108 

Doch genau zur selben Zeit heizte sich die antijüdische Stimmung in 
der UdSSR immer mehr auf und fand auch schon ihren Widerhall auf den 
Seiten der sowjetischen Presse, was bei der jüdischen Emigration große 
Beunruhigung hervorrief. Im Mai 1928 wurde in Paris für die Emigran¬ 
ten ein öffentlicher »Disput über den Antisemitismus« veranstaltet. Mil- 
jukows »Neueste Nachrichten« brachten darüber einen Bericht. 109 (Die 
Gruppe um Bikerman und Pasmanik, die verstummt war, war dort nicht 
mehr aufgetreten.) 


205 


Kapitel 5 


Der Anlass für das Gespräch hieß also: »In Russland grassiert gegen¬ 
wärtig eine der starken, sich periodisch immer wieder erhebenden Wellen 
des Antisemitismus.« Vorsitzender war der Sozialrevolutionär N. D. Aw- 
xentjew, im Publikum waren »mehr Russen als Juden«. Mark Slonim führ¬ 
te aus, dass »das über lange Zeit geknechtete russische Judentum nach Er¬ 
langen seiner Freiheit eilte, Positionen zu erobern, die ihm bisher nicht zu¬ 
gänglich gewesen waren«, und dies bringe die Russen auf. »Im Grunde 
lastet die Vergangenheit verhängnisvoll auf der Gegenwart.« »Üble Ursa¬ 
chen« (in der Zarenzeit) haben »üble Folgen hervorgebracht«. St. Iwano- 
witsch äußerte, man ziehe in der Sowjetunion nun über die Juden her, da 
man, wegen der NÖP, nicht mehr über die »Bourgeois« herziehen könne. 
Beunruhigend sei aber, dass Kreise der russischen Intelligenzija in der 
UdSSR, die der jüdischen Frage neutral gegenüberstünden, sich jetzt fol¬ 
gende Gedanken erlaubten: Gut, »es mag mit Antisemitismus beginnen, 
wird aber mit der Freiheit für die Russen enden. Eine gefährliche und 
dumme Illusion.« 

Solche Aussagen erbosten den nächsten Redner, Wl. Grosman: Was sol¬ 
len diese Anwaltsplädoyers? »Ganz als ob das Judentum irgendwo auf der 
Anklagebank sitze!« Eine tiefer schürfende Fragestellung tue Not: »Es be¬ 
steht kein Grund, zwischen dem sowjetischen Antisemitismus und dem 
Antisemitismus im alten Russland zu unterscheiden«, es sei nach wie vor 
das alte Denken der Schwarzen Hundertschaften aktiv, dem man nicht 
den Garaus gemacht habe und das den Russen so lieb gewesen sei. »Dies 
ist keine jüdische Frage, sondern eine russische Frage. Eine Frage der rus¬ 
sischen Kultur.« 

(Doch wenn es so von Grund auf, so durch und durch eine russische 
Frage ist, dann lässt sich ja gar nichts mehr korrigieren? Und Gegenseitig¬ 
keit - ist sie dann nicht vonnöten?) 

S. Litowzew, der Autor des Berichts über den Disput, rief auf: »Es wäre 
notwendig, in diesen Disput einige ehrliche Menschen einzubeziehen, die 
den Mut hätten, sich selbst als Antisemiten zu bezeichnen und offenher¬ 
zig zu erklären, warum sie dies sind ... Sie sollten ganz einfach, ohne Ver¬ 
stellung sagen: >Mir gefällt das und das an den Juden nicht... < Zusammen 
mit ihnen sollten einige nicht weniger aufrichtige Juden auftreten und 
ihnen entgegnen: >Und uns gefällt das und das an euch nicht ...< Man 
kann absolut überzeugt sein, dass ein solcher ehrlicher und offener Mei- 


206 


In der Emigration zwischen den beiden Weltkriegen 


nungsaustausch, bei vorhandenem Willen zum gegenseitigen Verständnis, 
wirklichen Nutzen für die Juden wie auch für die Russen brächte - also 
für Russland ...« n0 

Schulgin äußerte darauf: »Jetzt, in der russischen Emigration, braucht 
es vermudich den größeren Mut dazu, sich als >Philosemit< zu bezeich¬ 
nen.« Er antwortete mit einem ganzen Buch, in dessen Titel er Litowzews 
Frage in Anführungszeichen setzte: »Was uns an ihnen nicht gefällt«. 111 

Schulgins Buch wurde als antisemitisch erachtet, und der vorgeschla¬ 
gene »Meinungsaustausch« fand nicht statt. Bald schon verhinderte die 
immer deudicher aus Deutschland heranziehende Katastrophe einen jeg¬ 
lichen Disput. 

In Paris wurde die »Vereinigung der russisch-jüdischen Intelligenzija« 
gegründet, gewissermaßen als Versuch, den Kontakt zwischen den beiden 
Kulturen zu erhalten. Hier trat auf einmal zutage, dass »das Leben in der 
Vertreibung einen Abgrund zwischen den >Vätern< und den >Söhnen< hatte 
entstehen lassen, sie begriffen gar nicht mehr, was >russisch-jüdische In¬ 
telligenz^ überhaupt ist«. 112 Traurig konstatierten die Väter: »Die russi¬ 
schen Juden, die früher das Weltjudentum im Bereich des geistigen Schaf¬ 
fens und des nationalen Aufbaus angeführt haben, sind als solche von der 
öffentlichen Bühne abgetreten.« 113 Vor dem Krieg gelang es der Vereini¬ 
gung noch, den ersten Teil des Sammelbandes »Jewrejskij Mir« [»Jüdische 
Welt«] herauszubringen. Im Krieg rettete sich, wer konnte, nach Ameri¬ 
ka, dort betrieben sie unermüdlich die Gründung des »Verbandes der rus¬ 
sischen Juden« in New York und brachten den zweiten Band der »Jüdi¬ 
schen Welt« heraus. Dort veröffentlichte der Verband in den 60er-Jahren 
auch die zwei Bände des »Buches über das russische Judentum« - einen 
über die Jahre vor und einen über die Zeit nach der Revolution. Es ver¬ 
langte sie danach, zurückzublicken auf jenes frühere, schon verschwunde¬ 
ne Leben in jenem nicht mehr existierenden Russland. 

Alle diese Werke zitiere ich mit großer Anerkennung und Achtung hier 
in meinem Buch. 


Kapitel 6 

Die Zwanzigerjahre 


D ie 20er-Jahre der Sowjetunion, eine Zeitphase mit einem unver¬ 
wechselbaren Fluidum, erweckten bei der liberalen Weltöffentlich¬ 
keit mehrere Jahrzehnte lang unverändert Begeisterung wegen der Größe 
des sozialen Experiments. Bis heute hat sich nicht überall Ernüchterung 
eingestellt, von jenen aber, die diese vergiftete Luft tatsächlich zu schlu¬ 
cken bekamen, lebt inzwischen kaum noch jemand. 

Unverwechselbar machten diese Atmosphäre das erbitterte Klassen¬ 
denken und die verheißungsvoll wie ein Regenbogen aufgetauchte Vision 
einer nie gekannten neuen Welt, neuartige zwischenmenschliche Bezie¬ 
hungen und der Umbruch der gesamten Wirtschaft des Landes, des All¬ 
tagslebens und der familiären Strukturen. Die sozialen, migratorischen 
und demografischen Veränderungen waren tatsächlich kolossal. 

Der »große Exodus« der jüdischen Bevölkerung in die Großstädte be¬ 
gann aus den verschiedenen von uns angeführten Gründen bereits in den 
ersten Jahren der kommunistischen Macht. Einige jüdische Autoren ge¬ 
ben prägnante Beschreibungen: »Tausende von Juden strömten aus den 
Schtedn und einigen Städten im Süden nach Moskau, Petrograd und 
Kiew, dem >echten Leben« entgegen« 1 ; ab 1917 »kamen die Juden scha¬ 
renweise nach Leningrad und Moskau«. 2 Die »Jüdische Enzyklopädie« 
nennt folgende Zahlen: »Hunderttausende von Juden übersiedelten nach 
Moskau, Leningrad und in andere große Zentren.« 3 »1920 wohnten in 
Moskau etwa 28000 Juden, 1923 etwa 86000, 1926 laut der Volkszäh¬ 
lung etwa 131 000 und 1933 etwa 226 500.« 4 Halb im Scherz sagte man 
damals in Odessa, dass »Moskau jetzt in Mode sei«. Lurje-Larin, ein fana¬ 
tischer und systematischer Steuermann des »Kriegskommunismus«, 
schreibt: In den ersten Jahren der neuen Staatsmacht verließen »mindes¬ 
tens eine Million« Juden die Schtetl, gegen 1923 lebten »bereits ... fast 
50% der gesamten jüdischen Bevölkerung der Ukraine« in Großstädten. 
Außerdem erfolgte aus der Ukraine und aus Weißrussland ein »Abfluss 


208 


Die ZwanzigerJahre 


in die Russische Föderation« (also in die früher verbotenen »Gouverne¬ 
ments im Landesinneren«), in die Transkaukasus-Region und nach Zen¬ 
tralasien in einer Größenordnung von einer halben Million Personen; vier 
Fünftel davon ließen sich in Russland nieder, jeder fünfte Umsiedler lan¬ 
dete in Moskau. 5 M. Agurskij hält diese Angaben Larins für »deudich zu 
niedrig angesetzt« und weist darauf hin, dass diese demografischen Ver¬ 
schiebungen die »ureigensten Interessen der russischen Bevölkerung be¬ 
rührten«. 6 

In der Zeit des Kriegskommunismus wurde zusammen »mit dem Ver¬ 
bot des privaten Handels und mit den Beschränkungen für die kleinen 
Handwerksbetriebe« (und wenn es sich um »Ehemalige« oder durch ihr e 
»soziale Herkunft« Kompromittierte handelte, griff man besonders un¬ 
beugsam durch) die Kategorie der »Personen ohne Rechte« (»lischenzy«) 
eingeführt. Auch vielen Juden »erkannte man die Rechte ab«. »Die Ab¬ 
wanderung der jüdischen Bevölkerung Weißrusslands in die Binnenge¬ 
biete der UdSSR, vor allem nach Moskau und Leningrad« verlangsamte 
sich trotzdem nicht. 7 Man zog zu vollberechtigten Verwandten oder 
Landsleuten, einer half dem anderen. 

Laut der Volkszählung von 1926 lebten in der UdSSR insgesamt 
2211000 Juden (83% der gesamten jüdischen Bevölkerung) in Städten 
und Schtetln und 467000 auf dem Land. Weitere »ca. 300000« »gaben 
sich nicht als Juden zu erkennen«, sie lebten »fast alle in der Stadt«, sodass 
»fünf Sechstel der sowjetischen Juden« Städter waren, wobei sie in den 
ukrainischen Städten bis zu 23% und in den weißrussischen bis zu 40% 
der Bevölkerung ausmachten. 8 

In den Haupt- und in den anderen Städten verzeichnete vor allem der 
sowjetische Verwaltungsapparat einen bedeutenden Zustrom von Juden. 
Ordshonikidse berichtete 1927 (auf dem XV. Parteitag), »über die natio¬ 
nale Zusammensetzung unseres Apparats«. Seinen Angaben nach arbeite¬ 
ten in den sowjetischen Behörden in Moskau 11,8% Juden; in der Ukrai¬ 
ne waren es 22,6% (in Charkow 30,3%) und in Weißrussland 30,6% (in 
Minsk 38,3%). 9 Sofern dies stimmt, ist der Anteil der Juden im Apparat 
etwa gleich hoch wie in der städtischen Bevölkerung. Auch Solomon 
Schwarz behauptet anhand von Lew Singers Überblick der Statistik- und 
Wirtschaftsdaten, dass in den sowjetischen Führungsorganen in den Jah¬ 
ren 1925/26 »der Prozentsatz der Juden kaum von ihrem prozentualen 


209 


Kapitel 6 


Anteil an der städtischen Bevölkerung abwich« (und in der Kommunisti¬ 
schen Partei lag er deudich darunter). 10 Doch im Landesdurchschnitt 
waren, auch wenn man Ordshonikidses Angaben folgt, im Apparat sechs¬ 
einhalb Mal so viele Juden vertreten wie in der gesamten Bevölkerung 
(1,82% laut der Volkszählung von 1926). 

Wir dürfen den psychologischen Effekt nicht außer Acht lassen, den 
nach den vorrevolutionären Rechtsbeschränkungen dieser plötzliche 
Umschwung hatte: »Früher hatten die Juden gar keinen Zugang zur 
Macht, jetzt aber haben sie ihn mehr als jeder andere«, konstatiert I. Bi- 
kerman. 11 Dieser Überrumpelungseffekt war, wenn auch unterschiedlich 
stark, in allen Schichten der Bevölkerung wirksam. S. Schwarz schreibt: 
»Ab Mitte der 20er-Jahre erhob sich in der Sowjetunion eine neue Welle 
des Antisemitismus«, und dieser war »ganz und gar kein Nachhall des alten 
Antisemitismus (>Erbe der Vergangenheit)«. Auch wäre es »äußerst über¬ 
zogen, ... ihn mit der ländlichen Herkunft« der rückständigen Arbeiter 
»zu erklären«, denn »es gibt kaum Verlautbarungen« über »Antisemi¬ 
tismus auf dem Land«. Nein, »dies war eine weitaus gefährlichere Er¬ 
scheinung«. Dieser Antisemitismus entstand in der städtischen Mittel¬ 
schicht und »erfasste die oberen Schichten der Arbeiterklasse«, »das Ar¬ 
beitermilieu, das vor der Revolution gegen Antisemitismus praktisch 
resistent gewesen war«, »das studentische Milieu und das der Mitglieder 
der Partei und der Jugendorganisation Komsomol«, und noch früher »die 
lokale Bürokratie - vor allem in den kleinen Provinzzentren«, sodass sich 
weithin »die Stimmung eines aktiven und aggressiven Antisemitismus« 
ausbreitete. 12 Über dieses Thema schreibt die »Jüdische Enzyklopädie« 
Ende des 20. Jahrhunderts: »Obwohl die offizielle sowjetische Propagan¬ 
da behauptete, der Antisemitismus in der zweiten Hälfte der 20er-Jahre 
sei ein >Erbe der Vergangenheit gewesen, ... belegen die Fakten, dass er 
im Wesentlichen aus dem ganz spezifischen Aufeinanderprallen unter¬ 
schiedlicher sozialer Kräfte in den großen Städten entstand, das sich in 
jenen Jahren ergab.« Dazu trug »die weit verbreitete Meinung« bei, »die 
Juden, die den harten Kern der Bolschewiken darstellten, hätten die 
Macht im Lande usurpiert«. 13 Bereits in der ersten Hälfte der 20er-Jahre 
(1923) schrieb Bikerman in größter Sorge: »Der Jude ist jetzt an allen 
Ecken und Enden und auf jeder Stufe der Macht zu finden. Der Russe 
sieht ihn überall: An der Spitze der alten Kapitale Moskau und der Haupt- 


210 



Die Zw einzigerj ahre 


Stadt an der Newa sowie an der Spitze der Roten Armee, dieses perfekten 
Selbstvernichtungsmechanismus. Er sieht, dass der Prospekt des Hl. Wla- 
(ürnir jetzt den ruhmreichen Namen Nachimsons trägt ... Der russische 
Mensch sieht den Juden jetzt in der Funktion des Richters wie des Hen¬ 
kers, er trifft auf Schritt und Tritt Juden an, die keine Kommunisten sind, 
sondern genau solche Habenichtse wie er selbst, die aber trotzdem das 
Sagen haben und die Sache der Sowjetmacht vorantreiben ... Es ist kein 
■Wunder, dass der russische Mensch, wenn er die Vergangenheit mit der 
Gegenwart vergleicht, sich in der Meinung bestätigt findet, dass die jetzi¬ 
ge Staatsmacht eine jüdische ist... Dass es die Juden sind, für die sie exis¬ 
tiert und deren Sache sie befördert - darin bestätigen ihn diese Machtha¬ 
ber selbst.« 14 

Wohl nicht weniger auffällig als die Beteiligung der Juden an der Macht 
war der neue Wind, der in der Kultur und im Bildungswesen wehte. Die 
Gründe für die neue Ungleichheit lagen eigentlich nicht in der nationalen 
Zugehörigkeit, sondern darin, ob man in den Hauptstädten wohnte oder 
nicht. Dem russischen Leser braucht man nicht zu erklären, welche Vor¬ 
teile man in der ganzen Sowjetzeit, von den 20er- bis zu den 80er-Jahren, 
in den Hauptstädten im Vergleich zum übrigen Land genoss. Zu den 
wichtigsten Vorzügen zählten das erreichbare Bildungsniveau und das 
breite Spektrum an Bildungsmöglichkeiten. Wer in den frühesten Sow¬ 
jetjahren in den Hauptstädten Fuß gefasst hatte, garantierte seinen Kin¬ 
dern und Enkeln auf Jahrzehnte hinaus einen im Vergleich zur Provinz 
besseren Stand, was Hochschulbesuch und Aufbaustudium betraf, die im 
weiteren Verlauf den direkten und sicheren Aufstieg in die zentrale Bil¬ 
dungsschicht vermittelten. Bereits ab 1918 wurde die russische Intelli- 
genzija »platt gemacht«. In den 20er-Jahren wurden eingeschriebene Stu¬ 
dierende wegen ihrer sozialen Herkunft von den Hochschulen relegiert - 
als Kinder von Adeligen, Geistlichen, Beamten, Offizieren, Kaufleuten, ja 
sogar von Inhabern kleiner Geschäfte. In den ganzen folgenden Jahren 
verweigerte man ihnen die Aufnahme, dasselbe galt auch ganz einfach für 
Kinder der Intelligenzija. Diese »Strafen« erstreckten sich nicht auf die 
Juden, weil »diese Nation unter dem Zarenregime verfolgt worden war«: 
Die jüdische Jugend wurde, selbst wenn sie bürgerlicher Herkunft war, an 
den Hochschulen ungehindert aufgenommen; einem Juden wurde ver¬ 
ziehen, dass er kein Proletarier war. 


211 


Kapitel 6 


Wir lesen in der »Jüdischen Enzyklopädie«: »Nun, da keinerlei Be¬ 
schränkungen nach nationalen Kriterien für die Aufnahme an den 
Hochschulen bestanden, ... machten Juden im Studienjahr 1926/27 
15,4% aller Studenten ... der UdSSR aus, ein Anteil, der fast doppelt 
so hoch war wie derjenige der Juden an der gesamten städtischen Be¬ 
völkerung des Landes.« 13 Und dann übertrumpften die jüdischen Stu¬ 
denten »dank ihrer hohen Motiviertheit« mühelos den beschränkten 
»proletarischen Bildungsnachwuchs« - die Zöglinge der so genannten 
Arbeiterfakultäten -, und so eröffnete sich ihnen der freie Weg zum 
Promotionsstudium. Dies war es in erster Linie, was bereits in den 
20er- und 30er-Jahren auf lange Zeit hinaus den später so auffällig ho¬ 
hen jüdischen Anteil an der sowjetischen Intelligenzija bestimmte. G. 
Aronson hält fest: »Der breite Zugang zu den Hochschulen und Fach¬ 
schulen führte nicht nur zur Entstehung einer Schicht von Ärzten, 
Lehrern und vor allem Ingenieuren und Technikern unter den Juden, 
sondern dies ebnete den Juden auch den Weg zur Tätigkeit in der Lehre 
und in der Forschung an den Universitäten und in anderen Einrichtun¬ 
gen« 16 - den später so zahlreichen wissenschaftlichen Forschungsinstitu¬ 
ten. Anfang der 20er-Jahre »war der Vorsitzende der Hauptverwaltung für 
Wissenschaft« (nach derjenigen für Brennstoffindustrie) kein Wissen¬ 
schaftler, sondern der bolschewistische Funktionär Martyn Mandelstam- 
Ljadow. 17 

Noch verblüffender waren die Veränderungen, die das Wirtschaftsleben 
des Landes erfassten. Bucharin bemerkte Anfang 1927 bei einer Partei¬ 
konferenz, dass »wir in der Zeit des Kriegskommunismus neben dem 
Großbürgertum auch der mittleren Schicht und der Kleinbürgerschicht 
das Hemd über den Kopf gezogen hatten«. Sobald wieder freier Handel 
erlaubt war, »nahmen das jüdische Kleinbürgertum und die jüdische 
Mittelschicht den Platz der russischen Klein- und Mittelbürgerschicht 
ein ... Etwa dasselbe geschah mit unserer russischen Intelligenzija, die 
nicht zurückstecken wollte und quer trieb: An ihre Stelle trat mancherorts 
die jüdische Intelligenzija.« Außerdem »konzentrierten sich bei uns in den 
zentralen Gebieten und zentralen Städten die aus den wesdichen Gouver¬ 
nements und aus den Städten im Süden zugewanderte jüdische Bour¬ 
geoisie und Intelligenzija«, und »sogar in unseren Parteikreisen tritt nicht 
selten eine antisemitische Tendenz - so eine leichte Abweichung von der 


212 


Die Zwanziger]ahre 


Linie - zutage«. »Genossen, wir müssen den Antisemitismus auf das Er¬ 
barmungsloseste bekämpfen.« 18 

Bucharin beschrieb ein Bild, das klar vor aller Augen stand. Anders als 
die russische hatte man die jüdische Bourgeoisie nicht gänzlich ausradiert. 
Ein jüdischer Kaufmann wurde unvergleichlich seltener zu einem ver¬ 
femten »ehemaligen Ausbeuter«, es fanden sich für ihn Fürsprecher und 
Helfer in der Not; Verwandte oder Wohlgesonnene im sowjetischen Ap¬ 
parat erwirkten einmal eine Minderung der Abgabenlast, ein andermal 
warnten sie vor einer drohenden Konfiszierung oder Festnahme. Wenn 
man etwas verlor, so war es das Kapital, nicht aber das Leben. Unterstüt¬ 
zung gab es auch halboffiziell über das Jüdische Kommissariat beim Rat 
der Volkskommissare. Schließlich war die jüdische Nation bisher unter¬ 
drückt gewesen, also brauchte sie jetzt natürlich Hilfe. Über die Abrech¬ 
nung mit der russischen »Bourgeoisie« hinweggehend, meint auch Larin 
lapidar: Die Staatsmacht habe nun begonnen, »das Unrecht wieder gut¬ 
zumachen, das es vor der Revolution unter dem Zaren gegeben hatte«. 19 
Auch als der Neuen Ökonomischen Politik ein gewaltsames Ende gesetzt 
wurde, wurde der Schlag natürlich durch Verbindungen der Juden zu den 
sowjetischen Verwaltungskreisen abgedämpft. 

Bucharins Aussagen waren die Antwort auf eine Aufsehen erregende 
Rede Professor Ju. W. Kljutschnikows gewesen, eines ehemaligen Ange¬ 
hörigen der Kadettenpartei, der das Lager gewechselt hatte. Im Dezember 
1926 hatte der Professor eine Rede »auf einer Kundgebung zur jüdischen 
Frage« im Moskauer Konservatorium gehalten: »Bei uns gibt es einzelne 
Formen von Störungen der öffendichen Ordnung, die abstoßend sind. Sie 
haben ihren Ursprung im verletzten Nationalstolz [der Russen]. Bereits 
die Februarrevolution (1917) hat die Gleichberechtigung aller Bürger 
Russlands, darunter auch der Juden, etabliert. Die Oktoberrevolution ist 
noch weiter gegangen. Die russische Nation hat als Volk Selbstverleug¬ 
nung bewiesen. Ein gewisses Missverhältnis zwischen dem quantitativen 
Anteil [der Juden] an der sowjetischen Bevölkerung und der Anzahl der 
Stellen, die in den Städten vorübergehend von Juden besetzt sind, hat sich 
ausgebildet... Wir sind hier in unserer Stadt, und da kommen welche an 
und machen uns den Platz streitig. Wenn die Russen sehen, wie russische 
Frauen, alte Menschen und Kinder neun bis elf Stunden im Frost oder 
Regen auf der Straße stehen, am [offenen Verkaufsstand des] Moskauer 



Kapitel 6 


Staatlichen Warenversorgers »Mosselprom«, und wenn sie dann diese ver¬ 
gleichsweisewarmen [überdachten jüdischen] Läden mit Brot und Wurst 
sehen, kommt Unzufriedenheit bei ihnen auf. Diese Erscheinungen sind 
katastrophal... Man muss dem Rechnung tragen. Die Proportionen sind 
in der staadichen Bauwirtschaft wie im praktischen Alltagsleben und in 
anderen Bereichen schrecklich aus dem Gleichgewicht geraten ... Ja, 
wenn wir hier in Moskau keine Wohnungskrise hätten - aber eine Menge 
Leute lebt bedrängt in einem Raum, wo man überhaupt nicht leben kann, 
und gleichzeitig sieht man, wie Menschen aus anderen Landesteilen an- 
kommen und Wohnraum mit Beschlag belegen - die zugewanderten 
Juden ... Nationale Unzufriedenheit, Ressentiments und das Misstrauen 
der anderen Nationalitäten wachsen. Davor darf man die Augen nicht ver¬ 
schließen. Einem anderen Russen wird ein Russe manches sagen, was er 
zu einem Juden nicht sagt. Die Massen reden, dass es in Moskau zu viele 
Juden gibt. Berücksichtigen Sie das, aber nennen Sie es nicht Antisemi¬ 
tismus.« 20 

Larin jedoch war der Meinung, eben diese Rede Kljutschnikows sei der 
Inbegriff des Antisemitismus, ja noch mehr: »Diese Rede kann auch als 
Beispiel dienen, wie große Nachsichtigkeit die sowjetischen Organe bei 
ihrem Kampf gegen den Antisemitismus üben. Kljutschnikow erhielt von 
den nachfolgenden Rednern bei derselben Versammlung eine kräftige Ab¬ 
reibung, doch administrative Maßnahmen gegen ihn wurden nicht er¬ 
griffen.« 21 (Ach so, das war es also, was dem kommunistischen Aktivisten 
Kummer machte ...) Agurskij kommentiert: Ja, »für eine Rede wie die 
Kljutschnikows wäre man in den ganzen 20er- und auch in den 30er-Jah- 
ren bestraft worden«, aber Kljutschnikow ließ man es durchgehen. Hatte 
da wohl jemand heimlich die Hand über ihn gehalten? 22 (Muss man hier 
überhaupt nach geheimen Erklärungen suchen? Es wäre doch zu skanda¬ 
lös gewesen, einen gerade vertrauensvoll aus dem Ausland zurückgekehr¬ 
ten höchst prominenten »Überwechsler aus dem anderen Lager« abzu¬ 
strafen und die ganze Strömung zu schwächen, die der Sowjetmacht so 
nützlich war). 

Man nannte das in den 20er-Jahren die jüdische »Eroberung« der rus¬ 
sischen Hauptstädte und der Großstädte - der Städte mit den besten Be¬ 
dingungen und der besten Versorgung. Auch innerhalb der Städte zog 
man dorthin um, wo bequemere Wohnbedingungen herrschten. G. Fe- 


214 



Die Zw einzigerj ahre 


dotow schrieb über das Moskau dieser Zeit: Die Revolution »hatte seine 
Seele verkrüppelt, hatte es umgekrempelt, aus seinen Villen alles heraus¬ 
geschüttelt, bis nichts mehr übrig blieb, und jetzt füllte man sie mit zuge¬ 
reistem fremden Gesindel«. 23 In einem jüdischen Witz aus dieser Zeit hieß 
es: »Sogar aus Berditschew siedeln sie nach Moskau um, und sogar Tat¬ 
tergreise sind dabei«: »Man möchte schließlich in einer jüdischen Stadt 
sterben.« 24 In einem privaten Brief von 1927 äußert das Akademiemit¬ 
glied W. I. Wernadskij: »Moskau könnte stellenweise Berditschew sein; die 
Kraft des Judentums ist Furcht erregend, und der Antisemitismus nimmt 
(auch in kommunistischen Kreisen) unaufhaltsam zu.« 25 

Larin: »Wir verheimlichen auch gar nicht die Zahlen über das An¬ 
wachsen der jüdischen Bevölkerung in Moskau und den anderen Gro߬ 
städten«, es sei »auch in Zukunft absolut unvermeidlich«. Er sagt eine Um¬ 
siedlung von noch einmal 600000 Juden aus der Ukraine und aus Wei߬ 
russland voraus. »Man darf diese Praxis nicht als etwas Beschämendes 
ansehen, das unsere Partei verschweigt ... Im Arbeitermilieu muss eine 
solche Stimmung geschaffen werden, dass ein jeder, der Reden gegen die 
Zuwanderung der Juden nach Moskau fuhrt, ... dass ein jeder solcher 
Mensch wohl oder übel als Konterrevolutionär angesehen wird.« 26 

Und für Konterrevolutionäre gab es bekanndich neun Gramm Blei in 
den Nacken. 27 

* 

Aber was sollte man gegen die »antisemitischen Tendenzen« »sogar in den 
Reihen unserer Partei« tun? Die Parteispitze war beunruhigt. 

1922 waren laut offiziellen Angaben aus der »Prawda« nur 5,2% der 
Parteimitglieder Juden. 28 M. Agurskij sagt dazu: »Doch ihr tatsächliches 
Gewicht war viel größer. Im selben Jahr waren auf dem XI. Parteitag 
14,6% der stimmberechtigten Delegierten und 18,3% der Delegierten 
mit beratender Stimme sowie 26% der bei dem Kongress gewählten ZK- 
Mitglieder Juden.« 29 (Zufällig stößt man auch auf Angaben wie die eines 
wortkargen Memoirenschreibers, der im Juli 1930 die Zeitung mit den 
Ergebnissen des XVI. Parteitages aufschlägt und notiert: »Das in der 
>Prawda< abgebildete 25-köpfige Präsidium der Kommunistischen Partei 
besteht aus elf Juden, acht Russen, drei Kaukasiern und drei Letten.« 30 ) In 


215 



Kapitel 6 


den Parteiorganisationen einiger großer Städte des ehemaligen Ansied¬ 
lungsrayons betrug der jüdische Anteil in den frühen 20er-Jahren 35,8% 
(Minsk), 21,1% (Gomel) und 16,6% (Witebsk). 31 Larin hob hervor: 
»Unter den Aktivisten der Revolution spielen die jüdischen Revolutionä¬ 
re eine bedeutendere Rolle als insgesamt in der revolutionären Masse«, 
»häufig steigen die jüdischen Arbeiter dank ihrer Eigenschaften leichter zu 
Sekretären der Parteizellen auf«. 32 

In derselben Ausgabe der »Prawda« heißt es, die Juden lägen mit ihrem 
Anteil von 5,2% der Parteimitglieder an dritter Stelle hinter den Russen 
(72%) und Ukrainern (5,9%), vor den Letten (Platz vier mit 2,5%), Ge¬ 
orgiern, Tataren, Polen und Weißrussen. Auch hinsichtlich des Organisa¬ 
tionsgrades (Prozentsatz der parteilich Organisierten) spielten die Juden 
ganz vorne mit: Bei den Großrussen kamen auf 100 Personen 3,8 und bei 
den Juden 7,2 Kommunisten. 33 

M. Agurskij bemerkt richtig: Die Mehrzahl unter den Kommunisten 
bildeten natürlich die Russen (Slawen), aber »dies trat zurück hinter dem 
ftir die Russen ungewohnten Stellenwert, den die Juden bekommen hat¬ 
ten« - wenn es um die Machtpositionen ging. 34 Zu sehr sprang dies ins 
Auge. 

Sinowjewzum Beispiel »gruppierte um sich in der Petrograder Führung 
viele Juden«. (Agurskij nimmt an, dass Larin genau davon sprach, als er in 
seinem Buch das Foto des Präsidiums des Petrograder Sowjet von 1918 be¬ 
schrieb. 35 ) Gegen 1921 rief »das Übergewicht der Juden« in der Führung 
der Petrograder [Partei-]Organisation ... offensichtlich solchen Verdruss 
hervor, dass das Politbüro in Anbetracht der Lehren von Kronstadt und 
der antisemitischen Stimmungen in Petrograd beschloss, einige russische 
Parteimitglieder dorthin zu entsenden, allerdings unter rein propagandis¬ 
tischen Gesichtspunkten«. So wurde Uglanow anstelle von Sorin-Gom- 
berg zum Sekretär des Gouvernementskomitees bestimmt, Trilisser wurde 
durch Komarow ersetzt und Semjonow wurde zurTscheka beordert. Doch 
»Sinowjew erklärte der neuen Gruppe den Krieg und legte Beschwerde 
gegen die Entscheidung des Politbüros ein«. Uglanow wurde wieder aus 
Petrograd abberufen. Nun »bildete sich in der Petrograder Organisation 
spontan eine oppositionelle, rein aus Russen bestehende« Gruppe, »die ge¬ 
zwungen war, mit dem Rest der Organisation zu kämpfen, wo die Juden 
tonangebend waren«. 36 


216 



Die Zwanzigerjahre 


Aber dies galt nicht nur für Petrograd. Auch beim XII. Parteitag (1923) 
waren drei von sechs Politbüro-Mitgliedern Juden, und bei der Allrussi¬ 
schen Konferenz (1922) des Komsomol - des »Gehilfen der Partei« - 
waren drei von sieben Präsidiumsmitgliedern Juden. 37 Eine solche Vertei¬ 
lung in der Parteispitze erschien wohl manchen führenden Kommunisten 
allmählich als unerträglich; es scheint, dass auf dem XIII. Parteitag (Mai 
1924) ein antijüdischer Umsturz vorbereitet wurde: »Es exisderen Be¬ 
weise, dass eine Gruppe von ZK-Mitgliedern beabsichtigte, auf dem XIII. 
Kongress die jüdischen Führer aus dem Politbüro zu entfernen und sie 
durch Nogin, Trojanowskij und andere zu ersetzen, dass aber der Tod No¬ 
gins diese Verschwörung zum Scheitern brachte.« Dieser Tod, »buchstäb¬ 
lich am Vorabend der Eröffnung des XIII. Parteitages«, wurde verursacht 
durch ... »eine missglückte (und dabei eigendich unnötige) Operation 
wegen eines Magengeschwürs«, die derselbe Chirurg durchftihrte, der ein¬ 
einhalb Jahre später Frunse beseitigte - bei einer ebenso unnötigen Ope¬ 
ration. 38 

Das nächstwichtige mit reeller Macht ausgestattete Organ im Land war 
dieTscheka beziehungsweise ihre Nachfolgerin GPU. Der von uns in Ka¬ 
pitel 4 bereits zitierte Archivforscher gibt anhand von Statistiken über die 
personelle Besetzung der zentralen und lokalen Tscheka-Organe sehr 
interessante Zahlen für die Jahre 1920,1922, 1923, 1924, 1925 und 1927 
an. 39 Aus der Beobachtung ihrer Dynamik zieht der Autor den Schluss: 
»Bis Mitte der 20er-Jahre nahm der Anteil von Vertretern nationaler Min¬ 
derheiten im Apparat allmählich ab. Insgesamt sank dieser Wert für die 
Vereinigte Staadiche Politische Verwaltung (OGPU) auf 30-35%, in der 
Führungsspitze und unter den verantwortlichen Mitarbeitern auf 
40-45%« (im Vergleich zu 50 bzw. 70% in der »Zeit des Roten Terrors«). 
Allerdings »war eine Verringerung des Anteils der Letten und ein Anstei¬ 
gen des Anteils der Juden zu verzeichnen ... Die 20er waren eine Zeit, in 
der die Organe der OGPU bedeutenden Zulauf jüdischer Kader beka¬ 
men.« Der Autor erklärt dies so: »Die Juden strebten danach, ihr Potenzi¬ 
al zu verwirklichen, das im vorrevolutionären Russland nicht gefordert 
worden war. Im Hinblick auf die Professionalisierung der Organe der 
Staatssicherheit wurden die Juden häufig besser als andere den Anforde¬ 
rungen gerecht, die unter den neuen Umständen an die OGPU-Kader ge¬ 
stellt wurden.« So waren zum Beispiel »drei der vier Gehilfen Dsershin- 


217 


Kapitel 6 


skijs in seiner Stellung als OGPU-Vorsitzender Juden«: G. G. Jagoda, W. 
L. Gerson und M. M. Luzkij. 40 

In den 20er- und 30er-Jahren kreisten die mächtigen Tschekisten wie 
Aasgeier über dem Land, behände flogen sie sozusagen von Fels zu Fels: 
von der Leitung der zentralasiatischen Staatssicherheit irgendwohin zur 
weißrussischen, von Westsibirien zum Nordkaukasus, von Charkow nach 
Orenburg, von Orjol nach Winniza - ein unaufhörlicher Wirbel von 
Orts- und Arbeitsplatzwechseln. Die einigen wenigen überlebenden Zeu¬ 
gen oder Beobachter erinnerten sich später nur mehr an flüchtig gehörte 
Namen der Henker, ohne diese an einem Jahr festmachen zu können. Die 
Tschekisten ließen möglichst wenig nach außen dringen, wer zu ihnen ge¬ 
hörte, die ganze Tätigkeit und Stärke der Organisation gründete darin, 
dass sie absolut hermetisch abgeriegelt war. 

Doch das Jahrzehnt der ruhmreichen Allrussischen Tscheka (WTschK) 
gab Verräterisches preis. So lesen wir in der Zeitung einen vom allgegen¬ 
wärtigen Unschlicht (er war 1921 Stellvertretender Vorsitzender der 
WTschK, 1923 Mitglied des Militärischen Revolutionsrats der UdSSR, 
1925 Stellvertretender Volkskommissar für Militär und Marine) 41 Unter¬ 
zeichneten Erlass: Belohnt werden ftir »besonders wertvolle Verdienste« — 
es handelt sich also um die Hervorragendsten—Jagoda (»Selbstlosigkeit im 
Kampf gegen die Konterrevolution«), M. Trilisser (er zeichnete sich durch 
seine »Hingabe an die Revolution und Unermüdlichkeit bei der Verfol¬ 
gung ihrer Feinde« aus) und weitere 32 Tschekisten ... Warum hat man 
uns ihre Namen denn bis heute niemals offen genannt?! Dabei brauchte 
jeder von ihnen seinerzeit nur einmal mit den Fingern zu schnippen, um 
jeden beliebigen von uns zu vernichten. Bunt sind ihre Reihen, zu ihnen 
zählen der uns schon bekannte Jakow Agranow (in jenen Jahren »fabri¬ 
zierte er Anklagen in allen großen politischen Prozessen«, später auch bei 
den Prozessen gegen die »Industriepartei«, gegen Sinowjew und Kame- 
new 42 und andere), außerdem Sinowij Kaznelson, Matwej Berman (der 
aus Zentralasien in den Fernen Osten übergewechselt war) und Lew Bel- 
skij (er war umgekehrt aus dem Fernen Osten nach Zentralasien gekom¬ 
men). Auch neue Namen sind dabei: Lew Salin, Lew Mejer, Leonid Wul 
(der »Kurator« der Lagerkolonie auf den Solowki-Inseln), Semjon Gendin, 
Karl Pauker. Mit einigen von ihnen hatten wir schon Bekanntschaft ge¬ 
macht, jetzt sollte auch das Volk sie kennen lernen. In der Jubiläumsaus- 


218 



Die Zwanzigerjahre 


gäbe der Zeitung 43 sehen wir auf einer Großaufnahme den listig lächeln¬ 
den Menshinskij und seinen treuen Stellvertreter, den mürrischen Jagoda, 
auch Trilisser erblicken wir hier - wo sonst hätten wir noch die Gelegen¬ 
heit dazu. Kurze Zeit später besann man sich wohl plötzlich, dass noch ein 
paar Auszeichnungen zu wenig verteilt worden waren, und das Zentrale 
Exekutivkomitee der UdSSR verlieh weiteren zwei Dutzend Tschekisten 
den Rotbannerorden. Wieder war es eine bunte Mischung, mit Russen, 
mit Letten und Juden, wieder im selben Verhältnis - fast ein Drittel. 

Von vielen erfuhr die Öffendichkeit erst gar nichts. Semjon Schwarz 
war in den Bürgerkriegsjahren Vorsitzender der Gesamtukrainischen 
Tscheka. Sein dortiger Kollege Jewsej Schirwindt leitete später ein ganzes 
Jahrzehnt lang die Hauptverwaltung der UdSSR für die Haftanstalten und 
den Bewachungsdienst bei Sträflingstransporten. Im Dunkeln blieben na¬ 
türlicherweise Tscheka-Geheimagenten wie Grimmeril Heifez, der vom 
Ende des Bürgerkrieges bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges als Spion 
tätig war, oder Sergej Spiegelglas, der seit 1917 in der Tscheka war und 
sich über den Spionagedienst bis zum Leiter der Ausländsabteilung in der 
Hauptverwaltung für Staatssicherheit beim Volkskommissariat des Inne¬ 
ren (NKWD) hocharbeitete; er wurde zweimal mit dem Titel »Ehren- 
Tschekist« ausgezeichnet. Andere wie Albert Stromin-Strojew gelangten 
nur zu geringeren Würden, selbst wenn er der Kommission für die Säu¬ 
berung der Akademie der Wissenschaften in Leningrad angehört und 
»1929-1931 die Verhöre von Wissenschaftlern im >Akademikerprozess< 
durchgefuhrt hatte«. 44 

David Asbel erinnert an die Familie Nechamkin, bei der es sich um 
Chassidim aus Gomel handelte (eine Anzeige des jüngsten Sohnes Lew 
hatte Asbel ins Gefängnis gebracht): »Die Revolution hatte die Necham- 
kins auf den Kamm der Welle emporgetragen. Sie gierten nach Rache, 
Rache an allen: den Aristokraten, den Reichen, den Russen - Hauptsache 
Rache! Dies war ihr Weg zur Selbstbehauptung. Nicht zufällig führte das 
Schicksal die Zöglinge dieser bemerkenswerten Sippe in die Tscheka, die 
GPU, das NKWD und die Staatsanwaltschaft. Die Bolschewiken benö¬ 
tigten für die Verwirklichung ihrer Ziele exakt solche Leute, in denen es 
kochte - und fanden sie in den Nechamkins. Ein Mitglied der Familie, 
Roginskij, stieg sogar zu »strahlenden Höhen« auf: Er war Stellvertreten¬ 
der Staatsanwalt der UdSSR, »doch in den Jahren der Stalin’schen Säube- 


219 


Kapitel 6 


rungen sollte er tief stürzen, wie so viele andere, und er kam ins Lager, wo 
er zu einem billigen Spitzel herabsank ... Die übrigen Nechamkin-Brüder 
waren der breiten Öffendichkeit weniger bekannt. Sie nahmen andere, 
dem russischen Ohr geläufigere Familiennamen an und besetzten hohe 
Posten in den Organen der Geheimpolizei.« 45 

Unschlicht aber änderte seinen Namen nicht »in einen geläufigeren«. 
Es soll doch einmal erwähnt werden, wie sehr dieser unser slawischer Bru¬ 
der zum Vater des russischen Volks wurde: Dass man sogar das Kampf¬ 
flugzeug, das mit den Mitteln der Bauern-Selbsthilfevereinigungen gebaut 
wurde—also für die letzten paar Kopeken, die man den Bauern aus der Ta¬ 
sche gezogen hatte - auf seinen Namen taufte: die »Unschlicht«. Die Bau¬ 
ern selbst konnten wohl noch nicht einmal den Namen aussprechen, und 
ganz sicher dachten sie von ihm, dem Polen, dass er Jude sei. Das jüdische 
Thema etwas zur Seite rückend, erinnert uns so etwas nachdrücklich 
daran, dass es eben durchaus nicht immer nur um dieses Thema ging, 
denn die zerstörerische Wirkung der Revolution lässt sich damit nicht er¬ 
klären, das jüdische Thema verleiht ihr nur eine auffällige Färbung. Eine 
solche Färbung entstand für den russischen Bauern auch durch die Viel¬ 
zahl anderer unaussprechlicher Namen, angefangen von den polnischen 
Dsershinskij und Ejsmont bis hin zum lettischen Wazetis. Was wäre, wenn 
man das lettische Thema hier ausbreitete? Da wäre es nicht mit jenen let¬ 
tischen Schützen getan, welche die Konstituierende Versammlung auflös¬ 
ten und dann während des ganzen Bürgerkrieges die Sicherheit der Kreml- 
fuhrung gewährleisteten, und es endete auch nicht mit jenem Gekker, der 
den Jaroslawler Aufstand niederschlug. Lettische Namen zogen sich viel¬ 
mehr durch die ganze oberste Führung: Rudsutak, Eiche, Eichmans (auf 
den Solowki-Inseln), M. Karklin, A. Kaktyn, R. Kisis, W. Knorin, A. Sku- 
dre (einer derjenigen, die den Tambower Bauernaufstand niederkämpf¬ 
ten), die Tschekisten Peters, Lazis (im Verein mit dem Litauer I. Jusis, 
einem »Ehren-Tschekisten«), es zieht sich sogar bis hin zum Jahr 1991 
(Pugo ...). Unterscheidet man außerdem nachdrücklich die Ukrainer von 
den Russen, wie es die Ukrainer jetzt fordern, so finden wir Dutzende von 
ihnen an den höchsten Stellen der bolschewistischen Macht, von deren 
ersten Anfängen bis ganz zum Schluss. 

Nein, die Staatsmacht war damals nicht jüdisch, ganz eindeutig nicht. 
Die Macht war multinational, und in ihren Reihen war eine erkleckliche 







220 



Die Zwanzigerjahre 


Anzahl von Russen vertreten. Doch bei aller Buntheit ihrer Zusammen¬ 
setzung agierte diese Macht in großer Einmütigkeit dezidiert antirussisch , 
ausgerichtet auf die Zerstörung des russischen Staates und der russischen 
Tradidon. 

Warum hielt trotz dieser antirussischen Ausrichtung der Staatsmacht 
und bei einer so bunt zusammengewürfelten Riege der Henker das Volk 
in der Ukraine und Zentralasien, ganz zu schweigen vom Baltikum, den¬ 
noch die Russen für seine Unterwerfer? Weil sie die Fremden waren. Der 
Verderber aus den eigenen Reihen gehört trotzdem mit dazu, doch bei 
einem fremden Verderber legt sich der Eindruck der Fremdheit unlösbar 
über sein ganzes Tun. Und wenn es auch ein Fehler ist, die Handlungen 
der Verderber mit ihren nationalen Wurzeln oder Motiven erklären zu 
wollen, stand doch im Russland der 20er-Jahre eine unvermeidliche Frage 
im Raum, die viele Jahre später auch Leonard Schapiro stellen sollte: 
Warum »konnte jeder, der das Pech hatte, derTscheka in die Hände zu fal¬ 
len, mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit darauf rechnen, vor einem jü¬ 
dischen Ermittler zu stehen oder von ihm erschossen zu werden«? 46 

Wie fern aber sind solche Fragestellungen auch noch heutzutage vielen 
Autoren unserer Zeit! Ohne einen Schatten solcher Gedanken, ja mit 
einem Ehrgeiz sondergleichen schürfen jüdische Autoren in der Vergan¬ 
genheit und präsentieren in modernen Publikationen umfangreiche Lis¬ 
ten von Juden, die damals am Ruder waren. Mit einem unerwarteten An¬ 
flug von Stolz veröffendicht ein Autor in der Zeitschrift »Aleph« den Ar¬ 
tikel »Die Juden im Kreml« 47 mit einer Liste von Juden, die im Jahr 1925 
hochrangige Positionen im Rat der Volkskommissare einnahmen; er zählt 
acht von zwölf Vorstandsmitgliedern der Staatsbank und ebenso viele in 
der Führung der sowjetischen Gewerkschaften auf. Dazu erklärt er: »Vor 
Beschuldigungen brauchen wir uns keineswegs zu furchten. Ganz im 
Gegenteil: Die aktive Mitwirkung der Juden am damaligen Staatsleben 
mag einmal mehr als Erklärung dienen, warum es damals um die Angele¬ 
genheiten des Staates besser bestellt war als heutzutage, wo man Juden an 
der Spitze mit der Lupe suchen muss.« Dies wurde - man glaubt es kaum 
- 1989 geschrieben ... 

Ein anderer bereits erwähnter zeitgenössischer israelischer Autor 48 er¬ 
stellt in seiner minuziösen Aufzählung der Elite der Roten Armee eine el¬ 
lenlange Liste von Führern im Bürgerkrieg, die sich damals in den 20er- 



Kapitel 6 


Jahren größtenteils in den Stäben und den politischen Verwaltungen 
niedergelassen hatten - und kann man sicher sein, dass es alle waren, die 
er mit stolzgeschwellter Brust herausgesucht hat? Was die Armee betrifft, 
so veröffendichte ein weiterer israelischer Forscher statistische Berech¬ 
nungen anhand von Daten der Volkszählung von 1926: »Juden männ¬ 
lichen Geschlechts stellten damals 1,7% der männlichen Gesamtbevölke¬ 
rung der UdSSR, ... 2,1% der im Kampf eingesetzten Offiziere waren 
Juden, ... 4,4% waren es im Kommando, ... 10,3% in der politischen 
Führung, 18,6% bei den Militärärzten.« 49 

Und was sah der Westen? Konnten auch die Posten innerhalb des 
Staatsapparates lange Zeit unsichtbar bleiben (die Partei behielt, auch als 
sie schon an der Macht war, ihren konspirativen Charakter bei), so waren 
doch die Diplomaten vor der Welt auf dem Präsentierteller. Bei den ersten 
Konferenzen mit Beteiligung sowjetischer Diplomaten in Genua und Den 
fiaag (1922) konnte es Europa nicht verborgen bleiben, dass die sowjeti¬ 
schen Delegationen und ihr Apparat größtenteils aus Juden bestanden. 50 
Infolge einer Ungerechtigkeit der Geschichte geriet die lange und erfolg¬ 
reiche diplomatische Karriere des Boris Jefimowitsch Stein ganz in Ver¬ 
gessenheit (er ist nicht einmal in der »Großen Sowjetischen Enzyklopädie« 
von 1971 erwähnt). Dabei war Stein (als Stellvertreter Tschitscherins) der 
zweitwichtigste sowjetische Vertreter bei der Weltwirtschaffskonferenz 
von Genua und danach ebenfalls bei der Haager Konferenz. Später war er 
der sowjetische Delegationsleiter bei den sich über viele Jahre hinziehen¬ 
den Abrüstungsverhandlungen und zählte zur sowjetischen Delegation 
beim Völkerbund. Er war Botschafter in Italien und Finnland und führte 
dann mit Finnland die heiklen Verhandlungen vor Beginn des sowjetisch- 
finnischen Krieges. Schließlich war er von 1946 bis 1948 der Chef der 
sowjetischen UNO-Delegation. Außerdem arbeitete er viele Jahre lang als 
Dozent an der Hochschule für Diplomaten. (Während der antikosmopo¬ 
litischen Kampagne wurde er entlassen, 1953 aber wieder in sein Amt ein¬ 
gesetzt.) Eine weitere Persönlichkeit aus dem Umkreis Tschitscherins war 
dessen Sekretär Leon Chajkis. Dieser arbeitete etliche Jahre im Apparat 
des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten (NK3D). 1937 
versetzte man ihn an einen Krisenherd: Er wurde Botschafter in Spanien 
bei der Krieg führenden republikanischen Regierung (der er im Grunde 
Direktiven erteilen sollte), doch seine Verhaftung riss ihn von dort fort. 


222 


Die Zwanziger]obre 


Oder wäre da nicht auch Fjodor Rotstein eine bemerkenswerte Persön¬ 
lichkeit? Er gründete 1920 die Kommunistische Partei Großbritanniens 
und nahm im selben Jahr auf sowjetischer Seite an den Verhandlungen mit 
Großbritannien teil! Zwei Jahre später repräsentierte er die Russische Fö¬ 
deration bei der Haager Konferenz. 51 (Als rechte Hand von Litwinow 
empfing er selbstständig Botschafter und Geschäftsträger, bis 1930 ge¬ 
hörte er dem Kollegium des NKID an und war 30 Jahre lang - bis zu sei¬ 
nem Tod - als Professor an der Moskauer Staatlichen Universität tätig.) 

Als im Dezember 1927 am anderen Ende der Welt, in Südchina - wo 
sich ohnehin M. Grusenberg-Borodin bereits seit fünf Jahren mit Ge¬ 
schick betätigte -, der Aufstand von Kanton losbrach, der (erfolglos) auf 
den Sturz der Kuo-min-tang abzielte, kam heraus, dass unser Vizekonsul 
Abram Chassis der Drahtzieher gewesen war. Chassis, 33 Jahre alt, wurde 
von chinesischen Soldaten umgebracht. (Die »Iswestija« brachte auf der 
Titelseite mehrere Artikel, ein Foto und einen Nachruf, dort ist eine 
»Gruppe von Kampfgenossen« mit Kujbyschew an der Spitze genannt, 
und die Gleichsetzung des Getöteten mit Furmanow und Frunse ist auch 
sehr viel sagend.) 32 

1922 äußerte Gorkij gegenüber dem Akademiemitglied Ipatjew, dass 
die sowjetische Handelsmission in Berlin zu 98% aus Juden bestehe. 53 
Vermutlich war dies kaum übertrieben. Ein ähnliches Bild bot sich in den 
anderen westlichen Hauptstädten, in denen die Sowjets nach und nach 
Vertretungen eröffneten. Wie sich die »Arbeit« in den frühen sowjetischen 
Handelsvertretungen gestaltete, ist sehr lebendig im Buch G. A. Solo¬ 
mons 54 , des ersten sowjetischen Handelsvertreters im estnischen Tallinn 
(der ersten europäischen Hauptstadt, welche die Bolschewiken anerkann¬ 
te) beschrieben. Es fehlen einem die Worte, um diese maßlose, nicht in 
Zahlen zu fassende Ausräubung Russlands in diesen frühen Jahren der bol¬ 
schewistischen Macht (sie ging Hand in Hand mit Untergrundarbeit 
gegen die westlichen Staaten) und die Verkommenheit und Entartung die¬ 
ser Funktionäre wiederzugeben. 

Bald nach jenem Gespräch mit Ipatjew wurde Gorkij »von der sowjeti¬ 
schen Presse entrüstet wegen eines Artikels kritisiert, in dem er die sowje¬ 
tische Regierung rügte, dass sie so viele Juden in verantwordichen Posi¬ 
tionen bei der Regierung und in der Industrie eingesetzt hatte. Er hatte 
nichts gegen die Juden an sich einzuwenden, war aber anders als noch im 


223 



Kapitel 6 


Jahr 1918 der Ansicht, dass die Russen dominieren sollten.« 55 Die 
Moskauer Zeitung »Der Emes« (»Wahrheit«) echote im selben Tenor em¬ 
pört: »Was soll das? Fordern sie [Gorkij und Scholem Asch, der ihn inter¬ 
viewt hatte] etwa, dass die Juden auf jegliche Mitarbeit im Regierungsap¬ 
parat verzichten? Dass sie das Feld räumen? Eine solche Auffassung fällt 
nur jemandem ein, der entweder ein Konterrevolutionär oder ein Feigling 
ist.« 56 

Doch in den 20er-Jahren geschah nichts dergleichen. In der schon ge¬ 
nannten Publikation »Die Juden im Kreml« lässt sich der Autor das »Jahr¬ 
buch des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten« ftir 1925 
auf der Zunge zergehen und macht uns mit einigen führenden Namen aus 
dem zentralen Apparat des NK3D bekannt, samt Angabe ihrer Funktio¬ 
nen. Wobei »ich im für Literatur und Verlagswesen zuständigen Teil des 
Volkskommissariats keinen einzigen Nicht-Juden finde«. Etwas weiter 
unten, so stellt der Autor mit deutlicher Rührung fest, »beginnt eine Mit¬ 
arbeiterliste der bevollmächtigten Vertretungen und Konsulate der 
UdSSR im Ausland, und dort zeigt sich, dass es damals kein Land der Welt 
gab, wohin der Kreml nicht seinen treuen Juden geschickt hätte«!’ 7 Da¬ 
rauf folgt eine ausführliche Liste. 

Nicht wenige jüdische Namen hätte der nämliche Autor des Beitrags in 
»Aleph« in den 20er-Jahren auch beim Obersten Gerichtshof der Russi¬ 
schen Föderation 58 sowie bei der Staatsanwaltschaft und bei der Arbeiter¬ 
und Bauerninspektion finden können. A. Goichbarg etwa, dem wir schon 
als Vorsitzendem des Kleinen Sownarkom begegnet sind, entwickelt nun 
die Gesetzgebung für die Phase der Neuen Ökonomischen Politik, leitet 
die Ausarbeitung des Bürgerlichen Gesetzbuches der Russischen Födera¬ 
tion und arbeitet als Direktor des Instituts für sowjetisches Recht. 59 

Wesendich schwieriger ist es, einen Überblick über die Mächtigen auf 
der regionalen Ebene zu gewinnen, nicht nur, weil sie in der zentralen 
Presse wenig erwähnt werden, sondern mehr noch wegen ihrer erstaun¬ 
lichen Mobilität, ihres ständigen Wechsels von einer Dienststelle zur an¬ 
deren. Dieses oft über große Distanzen ausgreifende Versetzungskarussell 
wurde zu Lenins Zeiten wegen des akuten Mangels an zuverlässigen Kräf¬ 
ten angekurbelt, unter Stalin dagegen mochte auch Misstrauen die Moti¬ 
vation sein - vielleicht um die Ausbildung fester Beziehungsnetze zu ver¬ 
hindern? 


224 


Die Zwanzigerjahre 


Wir zeichnen einige dieser Bewegungen nach: Lew Marjasin war Se¬ 
kretär des Gouvernementskomitees von Orjol, danach zuerst Vorsitzender 
des Rats ftir Volkswirtschaft von Tatarstan, dann Abteilungsleiter im ZK 
der Ukraine, Vorstandspräsident der Staatsbank der UdSSR und Stellver¬ 
tretender Volkskommissar der Finanzen. Moris Belozkij war Leiter der Po¬ 
litischen Abteilung der Ersten Reiterarmee (nicht übel!), nahm an der 
Niederwerfung des Kronstädter Aufstands teil, man findet ihn im NKID, 
dann als Ersten Sekretär des Nordossetischen Gebietskomitees oder des 
Kirgisischen ZK - wieder spielten Entfernungen keine Rolle. Auch Gri- 
gorij Kaminskij war bald Sekretär des Gouvernementskomitees von Tula, 
bald des ZK von Aserbaidschan, bald Vorsitzender der Zentralen Verwal¬ 
tung der Kolchosen, doch dann auch Volkskommissar für Gesundheits¬ 
wesen — ein Allroundtalent! Oder Abram Kamenskij — zuerst war er Volks¬ 
kommissar für staadiche Kontrolle der Republik Donezk-Kriwoj Rog, 
bald darauf Stellvertretender Volkskommissar der Russischen Föderation 
ftir Nationalitätenfragen und auch gleich wieder Sekretär des Donezker 
Gouvernementskomitees; wenn Not am Mann war, konnte er aber auch 
im Volkskommissariat für Ackerbau, als Direktor der Industrieakademie 
oder im Volkskommissariat für Finanzen eingesetzt werden. 60 

Stattlich ist auch die Zahl der Komsomol-Führer. Hier zeigen wir als 
Beispiel JefimZetlins Aufstieg: Im Herbst 1918 Erster Sekretär des ZK des 
Russischen Kommunistischen Jugendbunds (RKSM), nach der Rückkehr 
aus dem Bürgerkrieg Sekretär im ZK und im Moskauer Komitee des 
RKSM und ab 1922 auch Mitglied des Exekutivkomitees der Kommu¬ 
nistischen Internationale der Jugend (KIM); bereits in den Jahren 
1923/24 »illegale Arbeit in Deutschland«, 1925/26 »Parteiarbeit in Le¬ 
ningrad«, später im Sekretariat des Exekutivkomitees der Komintern, in 
der Redaktion der »Prawda« und im weiteren Leiter des Sekretariats von 
Bucharin, was schließlich seinen Untergang bedeutete. 61 

Recht faszinierend ist auch die Karriere des Issaja Churgin. 1917 Mit¬ 
glied der Jüdischen Sozialistischen Arbeiterpartei (SERP) und Funktionär 
sowohl der Zentralen als auch der Kleinen Ukrainischen Rada. Arbeitete 
einen Gesetzesentwurf über die jüdische Autonomie in der Ukraine aus. 
1920 bereits in der Kommunistischen Partei, ab 1921 Handelsvertreter 
der Ukraine in Polen, vertrat ab 1923 in den USA die Deutsch-Amerika¬ 
nische Transportgesellschaft und »nahm faktisch die Funktionen eines be- 


225 






Kapitel 6 


vollmächtigten Vertreters« der Sowjetunion wahr. Er war der Gründer und 
Erster Vorsitzender der »Amtorg Trading Corporation«, und sein weiterer 
Lebensweg hätte sicher noch ungeahnte Entwicklungen gebracht, wäre er 
nicht im Alter von 38 Jahren (1925) in den USA in einem See ertrunken. 62 
Welch ein dynamischer politischer Weg und Lebensweg! 

Kommen wir zum Bereich der Wirtschaft und des Bauwesens. Moissej 
Ruchimowitsch war Stellvertretender Vorsitzender des Obersten Rats für 
Volkswirtschaft, Ruwim Lewin Präsidiumsmitglied der Staadichen Pla¬ 
nungsbehörde (Gosplan) der UdSSR und auch Vorsitzender des Gosplan 
der Russischen Föderation (und später Stellvertretender Volkskommissar 
für Finanzen der UdSSR). Sacharij Kazenelenbaum war der Erfinder der 
rettenden »Industrialisierungsanleihe« von 1927 (und somit all unserer 
weiteren so beliebten »Anleihen«), er zählte auch zu den Gründern der 
Staatsbank der UdSSR. Moissej Frumkin wurde 1922 Stellvertretender 
Volkskommissar für Außenhandel und leitete faktisch das Volkskommis¬ 
sariat. Der früher bereits erwähnte A.I. Weinstein zählte jahrelang zum 
Kollegium des Volkskommissariats für Finanzen der UdSSR. Wieder sto¬ 
ßen wir auf Wladimirow-Scheinfinkel, kürzlich noch Volkskommissar für 
Versorgung und dann Volksagrarkommissar der Ukraine, jetzt ist er Volks¬ 
kommissar für Finanzen der Russischen Föderation und Stellvertretender 
Volkskommissar für Finanzen der UdSSR. 63 

Wer eine Mühle baut, muss auch dafür sorgen, dass Wasser im Bach ist. 

Im November 1927 fand zum fünften Jahrestag der Einführung der 
Tscherwonez-Banknote eine Jubiläumssitzung des Vorstands der Staats¬ 
bank der UdSSR statt. In der Zeitung erschien ein Artikel S. Sangwils über 
die Bedeutung des Tscherwonez und eine Gruppenaufnahme. Unter den 
Sitzungsteilnehmern wurden »der Vorstandspräsident Scheinman und das 
Vorstandsmitglied Kazenelenbaum« besonders hervorgehoben. 64 Schein¬ 
man war dabei nicht nur Staatsbankpräsident - gerade seine Unterschrift 
war auf jedem sowjetischen Tscherwonez abgebildet —, sondern seit 1924 
auch Volkskommissar der UdSSR für den Binnenhandel. Und ausgerech¬ 
net er — fassen Sie sich ans Herz, lieber Leser! - blieb im April 1929 im 
Ausland, also im Reich des verfluchten Kapitalismus! 

Der bekannte Professor und Wirtschaftswissenschaftler B. D. Bruzkus 
spannt den Rahmen weiter, er umfasst auch die Mitarbeiter im mittleren 
Dienst, und fragt: »Eröffnete die Revolution der jüdischen Bevölkerung 


226 


Die Zw einzigerj ahre 


etwa keine neuen Möglichkeiten?« - eben zum Beispiel den Staatsdienst. 
»Mehr als alles andere fällt auf, ... dass eine bedeutende Zahl von Juden 
Sowjetbeamte werden, und dies häufig in sehr hohen Dienststellungen«, 
wobei »die Mehrzahl der jüdischen Mitarbeiter nicht aus der Masse, son¬ 
dern aus der Oberschicht der jüdischen Bevölkerung stammt«. Doch »die 
Oberschicht der jüdischen Bevölkerung gewann bei ihrem erzwungenen 
Überwechseln in den Staatsdienst natürlich nichts, sondern sie verlor 
dabei«, wenn man mit dem Stand verglich, den sie als Privatunternehmer, 
»in fremden kapitalistischen Unternehmen oder als Freiberufler« gehabt 
hätte. Zudem mussten die »in diese [sowjetische Dienst-] Hierarchie hi¬ 
neinplatzierten Juden ausnehmenden Takt beweisen, um bei ihrer Umge¬ 
bung nicht anzuecken und Neid zu erregen. Das massenweise Erscheinen 
von jüdischen Mitarbeitern musste, sogar unabhängig von [ ihr en] Fähig¬ 
keiten, nicht zu einer Abschwächung, sondern zu einer Zunahme des 
Antisemitismus unter den anderen Staatsbediensteten und in der Intelli- 
genzija führen.« Der Autor konstatiert: »Besonders viele jüdische Mitar¬ 
beiter gab es in den Volkskommissariaten, die wirtschaftliche Funktionen 
erfüllten.« 66 

Larin beschrieb es einfacher: »Die jüdische Intelligenzija trat damals be¬ 
reitwillig, in hellen Scharen, in den Dienst der siegreichen Revolution 
ein«, als sie »einen Zugang zum früher verschlossenen Staatsdienst« er¬ 
kannte. 67 

G. Pomeranz meint 50 Jahre später rechtfertigend: Die Geschichte »hat 
die Juden in den Staatsapparat hineingezogen«, »die Juden hatten keinen 
anderen Ausweg, außer in die Staatsbehörden zu gehen«, unter anderem 
zur Tscheka. 68 Unsere Meinung dazu haben wir weiter oben bereits geäu¬ 
ßert. Auch die Bolschewiken »hatten ja keinen Ausweg«, erklärt die »Je- 
wrejskaja Tribuna« [»Jüdische Tribüne«] in Paris: »Warum gibt es an den 
verschiedenen sowjetischen Dienststellen Juden?« - »Der Bedarf an sach¬ 
kundigen Beamten, die nicht dem Alkohol zusprechen, führt in der Sow¬ 
jetunion zu ihrer Heranziehung zu behördlichen Tätigkeiten.« 69 

In dem Pariser Sammelband »Jüdische Welt« liest man aber auch: »Man 
kann nicht ableugnen, dass bedeutende Teile der jüdischen Jugend, mit 
einem großen Anteil hoffnungsloser Versagen und »schräger Vögel, die 
außerhalb der sozialen und kulturellen Norm standen, ... aufgrund der 
sich plötzlich bietenden Lockungen der Macht in den Bolschewismus 


227 



Kapitel 6 

hineingezogen wurden - den einen ging es um ihre Karriere, den anderen 
um die proletarische Weltrevolutiom; bei Dritten ... wirkte eine Mi¬ 
schung aus abenteuerlichem Idealismus und beinhartem Praktizismus.« 70 

Natürlich wurden nicht alle »in den Bolschewismus hineingezogen«. Es 
gab auch das friedliche Gros der jüdischen Bevölkerung, das von der Re¬ 
volution zermalmt wurde. Doch vom Leben im früheren Ansiedlungsray¬ 
on bekam das Volk nicht viel mit. Direkt vor Augen hatte es dagegen jene 
Atmosphäre, die M. Heifez plastisch zeichnet: »Nassforsch und selbstzu¬ 
frieden sangen erwachsene Juden bei >roten Festtagen< und bei Hochzei¬ 
ten: >Wo früher Zaren und Generäle saßen, da sitzen nun wir, und die sit¬ 
zen irgendwo unten.«< 71 

Doch wer war — »wir«? Unbedingt linientreue Bolschewiken? Nein, die 
Machthaber luden auch »Millionen Einwohner muffiger Provinznester, 
Trödler, Schankwirte, Schmuggler und Selterswasserverkäufer ein, die 
ihren Willen im Lebenskampf gestählt und ihren Verstand beim abend¬ 
lichen Lesen der Thora und des Talmuds geschärft hatten«, sie »boten 
ihnen an, nach Moskau, Petrograd und Kiew zu ziehen und alles in ihre 
nervösen, flinken Hände zu nehmen, was den gepflegten Händen der 
alten Intelligenzija entglitten war - alles, angefangen bei den Staatsfinan¬ 
zen der Großmacht bis hin zur Atomphysik, vom Schachspiel bis zur Ge¬ 
heimpolizei. Wie Esau widerstanden sie der Versuchung nicht, zumal 
ihnen als Zugabe zu dem Linsengericht 1 angeboren wurde, das >verheiße- 
ne Land< aufzubauen ... Gemeint war der Kommunismus.« 72 

Ja, »bei den Juden gab es diese Faszination für die Idee, und die Illusio¬ 
nen, dass dies >ihr< Land sein würde«. 73 Viele Juden stürzten sich beileibe 
nicht in die Wirbel der Revolution und traten nicht unbedingt in die Par¬ 
tei der Bolschewiken ein, doch bestand eine gemeinsame nationale 
Grundstimmung im Wohlwollen gegenüber den Bolschewiken und in der 
Hoffnung, dass man jetzt unvergleichlich besser leben würde. »Die Mehr¬ 
zahl der Juden begegnete der bolschewistischen Revolution nicht ängst¬ 
lich, sondern voller Offenheit.« 74 So waren auch die Juden der Ukraine 
und Weißrusslands eingestellt, die (zu Beginn der 20er-Jahre) »eine be¬ 
deutende Kraft im Kampf gegen den ukrainischen und weißrussischen 
Einfluss darstellten« - zugunsten des Moskauer Zentralismus. 73 Gemäß 

1 Vgl. Genesis 25,25-34. 



228 





Die Zwanzigerjahre 


einem Zeugnis über die Stimmung »des überwiegenden Teils der jüdi¬ 
schen Gesellschaft« im Jahr 1923 erschien »der Bolschewismus als das >ge- 
r ingste< Übel. Wenn die Bolschewiken Weggehen, wird es für uns noch 
schlechter - ein solches Fazit ergibt sich aus dieser Einstellung bei poli¬ 
tisch unreifen Geistern.« 76 Denn jetzt kann »ein Jude Armeekommandeur 
sein«! »Diese gute Eigenschaft war ausreichend, um zahllose Juden in An¬ 
hänger der kommunistischen Macht zu verwandeln.« »In der bolschewis¬ 
tischen Ordnung erblicken sie den strahlenden Sieg der Gleichheit, aber 
die vollständige Zunichtemachung der Freiheit bemerken sie nicht.« 77 

Die Geschichte der in der UdSSR bereits damals beginnenden Verur¬ 
teilungen von Sozialisten zu Gefängnis- und Lagerstrafen deckt auf, eine 
wie große Zahl jüdischer Sozialisten nach der Revolution von einer Emi¬ 
gration Abstand genommen hat, weil sie eine solche Blutrünstigkeit der 
neuen Regierung nicht im Entferntesten vermuteten. Doch auch schon 
damals war der sowjetische Staat genauso ungerecht und erbarmungslos 
wie 1937 oder 1950. Nur rief dies in den 20er-Jahren in weiten Kreisen 
des Judentums weder Abscheu noch Widerstand hervor: Die Spitze rich¬ 
tete sich damals in der Hauptsache nicht gegen die Juden. 

* 

Als Leskow im Bericht für die Pahlen-Kommission 1 alle Vermutungen be¬ 
züglich der Folgen einer freien Ausbreitung der Juden in ganz Russland 
für die russische Bevölkerung der Reihe nach widerlegte, konnte er na¬ 
türlich eine Situation, wie sie in der Sowjetunion in den 20er-Jahren ent¬ 
stand, nicht vorhersehen: wie umfangreich und machtvoll die Juden an 
der staatlichen Verwaltung, der administrativen und wirtschaftlichen 
Führung und der Lenkung der Kultur beteiligt sein würden. 

Die Revolution änderte den Gang der Ereignisse von Grund auf, und 
wir können uns wiederum nicht vorstellen, wie die Entwicklung ansons¬ 
ten verlaufen wäre. 

Der Petrograder Professor für antike Geschichte Solomon Lurje wun¬ 
derte sich jedoch nicht im Geringsten, als er 1920 im sowjetischen inter¬ 
nationalen kommunistischen Russland entdeckte, dass es doch tatsächlich 


1 Zur Pahlen-Kommission vgl. Solschenizyn , Russ.-jiid. Geschichte, S. 156. 


229 


Kapitel 6 


wieder Antisemitismus gab, sondern fand im Gegenteil, dass »der Lauf der 
Ereignisse ... [seine] früheren Schlussfolgerungen glänzend bestätigte« - 
dass nämlich »die Ursache für den Antisemitismus in den Juden selbst 
liegt«. So sei auch jetzt »trotz des völligen Fehlens offizieller Einschrän¬ 
kungen für die Juden der Antisemitismus mit neuer Kraft aufgeflammt, 
und er hat einen solchen Aufschwung erlebt, wie man ihn sich unter dem 
alten Regime nicht einmal hätte vorstellen können«. 78 

Jenen früheren russischen (genauer gesagt, kleinrussischen) Antisemi¬ 
tismus vergangener Jahrhunderte und vom Beginn des 20. Jahrhunderts 
hatte der Wind des Oktobers ja tatsächlich vom Anditz des Landes hin¬ 
weggeblasen, mit allen restlichen Samen - energisch, wie alles, was die Re¬ 
volution tat. Jene, die zum »Bund des russischen Volkes« gehört hatten, 
die mit Kirchenfahnen losgezogen waren, um jüdische Geschäfte zu zer¬ 
trümmern, die Beilis’ Hinrichtung gefordert und aus Pflichteifer den 
Thron geschützt hatten, und all jene aus dem städtischen Bürgertum, die 
in ihrer Nähe oder ihnen ähnlich gewesen waren oder dessen zumindest 
verdächtig waren - all diese Tausende waren ja schon erschossen oder in 
Lager gesperrt worden. Unter den russischen Arbeitern und den russischen 
Bauern aber hatte es vor der Revolution keinerlei Antisemitismus gegeben, 
was auch alle Revolutionsfiihrer bezeugten, und die russische Intelligenzi- 
ja hatte sogar die größten Sympathien fiir die in ihren Rechten be¬ 
schränkten Juden gehegt. Die Kinder wiederum wurden in den Jahren 
nach der Revolution nur im internationalistischen Geist erzogen. 

Woher war also wieder dieser vermaledeite Antisemitismus entstanden? 
Jeder Kraft beraubt, diskreditiert und endgültig zermalmt - woher kam er 
nun wieder? 

Hier wurde bereits erwähnt, wie es die russisch-jüdischen Emigranten 
überraschte, von diesem fortbestehenden Antisemitismus in der UdSSR 
zu erfahren, über den ihnen 1922 die über jeden Zweifel erhabenen, eben 
erst aus der Russischen Föderation eingetroffenen Sozialisten Je. D. Kus- 
kowa und S. S. Maslow berichteten. 

In einem Artikel der »Jüdischen Tribüne« schrieb Kuskowa: Dass der 
Antisemitismus in der UdSSR keine Erfindung ist, »dass man in Russland 
jetzt das Judentum und den Bolschewismus in einen Topf wirft, steht 
außer Zweifel«. Sie war sogar »hochkultivierten« Juden begegnet, »die 
echte Antisemiten waren ... von einem neuen sowjetischen Schlag<«. Die 


230 


Die Zw einzigerj ah re 


Aussage einer jüdischen Ärztin: »Die jüdischen Bolschewiken in der Ver¬ 
waltung haben mein ausgezeichnetes Verhältnis zur hiesigen Bevölkerung 
verdorben.« Eine Lehrerin: Die Kinder »schreien, dass ich in einer Juden¬ 
schule unterrichte«, weil »der orthodoxe Religionsunterricht nicht mehr 
erlaubt und weil der Pope verjagt worden ist«. »Im Volkskommissariat ftir 
Bildung sitzen lauter Juden.« In Zirkeln von Gymnasiasten (»aus radika¬ 
len Familien«) wurde »von der Gewaltherrschaft der Juden geredet«. »Die 
Jugend ist überhaupt weitaus stärker antisemitisch als die Älteren«, und da 
»heißt es ständig: »Die zeigen jetzt ihr wahres Gesicht und lassen uns lei¬ 
den!*« »Das Leben in Russland ist jetzt voll von solchen Dingen.« »Ge¬ 
fragt, wer diese Antisemiten denn sind, antworte ich: Die unterschied¬ 
lichsten Kreise der Bevölkerung.« So weite Kreise umfasste dies, dass »die 
politische Verwaltung eine amtliche Erklärung verschickt hat, in der sie er¬ 
läutert, warum es in der Verwaltung so viele Juden gibt: »Als das russische 
Proletariat eine eigene Intelligenzija und Halb-Intelligenzija benötigte, 
Personal fiir administrative und technische Funktionen, war es nicht ver¬ 
wunderlich, dass ihm das oppositionell eingestellte Judentum entgegen¬ 
kam. Dass Juden im neuen Russland Verwaltungsposten einnehmen, ist 
eine ganz natürliche und geschichdich unvermeidbare Erscheinung, egal 
ob dieses neue Russland ein Russland der Kadetten, der Sozialrevolutio¬ 
näre oder des Proletariats ist.< [Und wenn] jetzt ein Aron Moissejewitsch 
Tankelewitsch dort sitze, wo früher ein Iwan Petrowitsch Iwanow war, [so] 
müsse man sich von unangenehmen Empfindungen ... »kurieren*.« Zur 
Ehrenrettung der Liberalen pariert Kuskowa: Ja, »auch in einem von Ka¬ 
detten oder Sozialrevolutionären gelenkten Russland wären viele Verwal¬ 
tungsposten von Juden besetzt«, aber »weder die Kadetten noch die Sozi¬ 
alrevolutionäre ... würden den Religionsunterricht verbieten oder Köpfe 
rollen lassen«. So appelliert sie: »Hört auf, mit Tankelewitschs Händen 
Übles und Abstoßendes zu bewerkstelligen, dann gibt es auch bald die 
Mikroben des Antisemitismus nicht mehr.« 79 

Auch Maslows Berichte waren wie ein eisiger Guss für die jüdische Emi¬ 
gration, war er doch ein bewährter Sozialrevolutionär mit einwandfreiem 
Leumund und konnte nun lebendiges Zeugnis über die ersten vier sowje¬ 
tischen Jahre ablegen - und was sagte er? »Auf Judenfeindlichkeit stößt 
man im heutigen Russland allenthalben. Sie hat Gebiete erfasst, in denen 
man früher praktisch niemals einen Juden sah und wo niemand sich Ge- 


231 


Kapitel 6 

danken über die jüdische Frage machte« (das betraf Wologda, »derselbe 
wilde Hass gegen die Juden herrscht in Archangelsk, in den Städten Sibi¬ 
riens, im Ural«) 80 - Maslow führt diverse Vorfälle an. Auf die Wahrneh¬ 
mung des einfachen russischen Volkes schlug sich mancher haarsträuben¬ 
de Unfug nieder, über den die Bauern nur den Kopf schütteln konnten: 
Zum Beispiel gab der Tjumener Gouvernementskommissar für Versor¬ 
gung Indenbaum (derselbe, der den Ischimer Bauernaufstand ausgelöst 
hatte) in seiner völligen Unbedarftheit in Sachen Landwirtschaft folgende 
Anordnung (bereits damals, noch vor der Zeit der Kolchosen): Dort, wo 
die Bauern das Abgabesoll für Schafwolle nicht ganz erflillt hatten, sollten 
sie im Spätherbst die Schafe noch einmal scheren (vor Beginn der Win¬ 
terfröste, der sichere Tod für die Schafe!), »denn die Republik benötigt 
dringend Wolle«. Maslow nennt jene Kommissare nicht beim Namen, die 
Graupen und geröstete Sonnenblumenkerne als Saatgut ausgaben oder 
drohten, das Aussäen von Malz zu verbieten, aber mit Sicherheit lässt sich 
sagen, dass sie nicht aus dem einfachen russischen Volk und hundertpro¬ 
zentig nicht aus der »ehemaligen Ausbeuterklasse«, aus den Reihen der 
früheren Adeligen stammten, und so zog der Bauer eben den Schluss, dass 
jetzt »die Juden« über ihn herrschten. Ebenso die Arbeiter: In einigen Ar¬ 
beiterresolutionen aus dem Ural vom Februar und März 1921, die im 
Kreml eintrafen, »sprach man empört von der Übermacht der Juden in 
der zentralen und lokalen Bürokratie«. »Auch in der Kommunistischen 
Partei hat sich Judenfeindlichkeit breit gemacht.« »Die Intelligenzija sieht 
die Sowjetmacht natürlich nicht als jüdisch gelenkt an, doch auch sie hebt 
die starke Beteiligung des Judentums hervor, und dieser Anteil klafft un¬ 
endlich weit auseinander mit dem Anteil der Juden« an der Bevölkerung. 
»Kommt zu einer frei über die Zustände in der Sowjetunion sprechenden 
Gruppe (von Nichtjuden) ein Jude hinzu, so bricht, selbst wenn er den an¬ 
deren persönlich bekannt ist, das Gespräch fast immer unvermittelt ab 
und schwenkt auf eine andere Ebene um.« 81 

Maslow versucht zu begreifen: »Wo liegen die Gründe für diesen allge¬ 
meinen und wilden Hass auf die Juden im heutigen Russland?« Den 
Hauptgrund sieht er darin, »dass in weiten Kreisen der Bevölkerung 
Macht der Sowjets mit Macht der Juden gleichgesetzt wurde. Der ver¬ 
breitete Ausdruck >Judenherrschaft< wird in Russland, vor allem in der 
Ukraine und im ehemaligen Ansiedlungsrayon, sehr häufig nicht als po- 

232 -1 



Die Zwanzigerjahre 


lemisch herausfordernde Bezeichnung für die Träger dieser Macht, son¬ 
dern als vollkommen objektive Definition ihrer Zusammensetzung und 
ihrer Politik gebraucht.« Dies »impliziert einen doppelten Sinn: Erstens 
entspricht die Sowjetmacht den Wünschen und Interessen der Juden und 
darum sind Letztere ihre glühenden Parteigänger und Anhänger. Zweitens 
befindet sich die Macht faktisch in der Hand der Juden.« Maslow wies auf 
»einen weiteren Grund für Judenfeindlichkeit hin, den [er] ausmachen 
konnte«, und zwar »ihren fest gefugten Zusammenhalt, der in Tausenden 
Jahren einer schwierigen Geschichte entstanden ist«. »Besonders deudich 
tritt er in den Behörden bei der Auswahl von Mitarbeitern zutage ... 
Wenn die Einstellung von Mitarbeitern in einer solchen Behörde in der 
Hand von Juden liegt, dann kann man darauf wetten, dass alle Stellen, an 
denen irgendwie Verantwortung zu tragen ist, mit Juden besetzt sind«, 
selbst wenn dies »mit einer Auflösung der bisherigen Belegschaft« einher¬ 
gehe. Häufig wird »diese Bevorzugung der eigenen Leute in einer harten, 
andere nicht selten auch beleidigenden Form demonstriert«. Hat man es 
mit einem jüdischen Beamten zu tun, so »äußert sich die Sowjetmacht... 
augenfälliger mit ihren negativen Zügen ... Der berauschende Wein der 
Macht wirkt auf die Juden stärker, er steigt ihnen mehr zu Kopf.« »Ich 
weiß nicht, worin der Ursprung dieses Phänomens liegt«, vielleicht liegt 
es am Niveau, fragt sich Maslow, das hier das Niveau einfacher ehemali¬ 
ger Apothekers- oder Handlungsgehilfen ist? Oder ist es ein Ausfluss der 
früheren rechtlosen Lage der Juden? 82 

Das Pariser Organ der Zionisten »Rasswet« [»Die Morgenröte«] schrieb 
1922: Gorkij hätte neulich im Grunde »nur gesagt, dass die jüdischen Bol¬ 
schewiken selbst mit ihrem in vielen Fällen takdosen Verhalten zur Zu¬ 
nahme des Antisemitismus in Sowjetrussland beitragen. Dies ist doch die hei¬ 
lige Wahrheit!« Es geht dabei nicht umTrotzkij, Kamenew und Sinowjew, 
»nicht sie hat Gorkij gemeint. Man kann und darf nur von jenem zuhauf 
auftretenden Typus des jüdischen Kommunisten sprechen - diesem 
Typus, der alle möglichen Kollegien und Präsidien füllt, der kleinen und 
mitderen sowjetischen Amtsstellen vorsteht, der infolge der Art seiner Tä¬ 
tigkeit tagtäglich und ununterbrochen in Berührung mit den breiten Mas¬ 
sen der Bevölkerung kommt ... Diese Leute stehen an den vorderen Stel¬ 
len, was in den Augen der Bevölkerung natürlich ihre Zahl verzehn¬ 
facht.« 83 




Kapitel 6 


D, Pasmanik kommentiert: »Wir müssen zugeben, dass viele Juden mit 
ihrem eigenen Handeln bewirken, dass sich die antisemitische Stimmung 
verschärft.« »All diese sich flegelhaft gebärdenden Juden, von denen es in 
den Reihen der Kommunisten so viele gibt - all diese Apothekergehilfen, 
Handlungsgehilfen, Vertreter, Studienabbrecher, ehemaligen externen 
Studenten und diese ganze Schar Halbgebildeter — fugen Russland und 
dem Judentum in der Tat großes Übel zu.« 84 

»Wohl kaum irgendwann hat die offene Feindschaft gegenüber den 
Juden in Russland wie auch außerhalb von Russland eine solche Spannung 
erreicht, wohl kaum einmal hat sie eine solche Intensität und Extensität 
angenommen ... Diese Elementargewalt der Feindschaft wird genährt 
durch die vor Augen stehende und unbestreitbare Tatsache der Mitwir¬ 
kung von Juden an den zerstörerischen Prozessen, die in Europa vor sich 
gehen, und auch durch Übertreibungen und Märchen über diese Mitwir¬ 
kung.« 85 »Es breitet sich eine bedrohliche antisemitische Stimmung aus, 
die ausschließlich durch den Bolschewismus genährt wird, den man nach 
wie vor mit dem Judentum gleichsetzt.« 86 

Ende 1927 schrieb Michail Kosakow (er wurde 1930 in Zusammenhang 
mit dem Prozess gegen die »Saboteure aus der Lebensmittelversorgung« er¬ 
schossen) in einem persönlichen Brief an seinen Bruder im Ausland über 
die »judenfeindlichen Stimmungen der Masse (nicht nur der Parteilosen, 
sondern auch der Parteiangehörigen) ... Die Masse der Arbeiter hat nichts 
ftir die Juden übrig - das ist für niemanden ein Geheimnis.« 87 

Schulgin notierte nach seiner »geheimen« Reise in die UdSSR 1928, 
niemand spreche jetzt noch davon, dass »der Antisemitismus eine Erfin¬ 
dung des Staates sei, die von der >Kaiserlichen Regierung< aufoktroyiert 
wird« oder dass »nur >der Abschaum der Gesellschaft damit infiziert sei 
... Geografisch gesehen überschwemmt er ein Tag für Tag größeres Terri¬ 
torium, mit der Tendenz, sich auf ganz Russland auszudehnen. Moskau 
wird jetzt anscheinend zum Hauptherd.« »Für Großrussland ist Anti¬ 
semitismus eine neue Erscheinung«, doch er mache sich umso schärfer 
bemerkbar. (Der Antisemitismus des Südens hat eher spöttischen Cha¬ 
rakter - die Gewohnheit wirkt sich aus die Judenwitze nehmen ihm die 
Spitze.) 88 

Sogar Larin fuhrt ein Schlagwort der antijüdischen Agitatoren an, 
das damals in Moskau umlief und das er von Weißgardisten gehört haben 


234 



Die Zw einzigerj abre 

w ill: »Die Russen schickt man nach Narym 1 , die Juden aber auf die 
Krim.« 89 

Die sowjetischen Machthaber reagierten nicht sofort, dann allerdings 
mit großer Beunruhigung. Bereits 1923 teilt die »Jüdische Tribüne« - 
wenn auch skeptisch - mit: »Das Kommissariat des Inneren hat kürzlich 
eine spezielle Kommission eingerichtet, die sich um den >Schutz der Juden 
vor dunklen Kräften« kümmern soll.« 90 1926 bekamen Kalinin (und an¬ 
dere Funktionäre) bei Kundgebungen und in Briefen zahlreiche Fragen 
über die Juden gestellt. Daraufhin machte sich Larin an eine grundlegen¬ 
de Untersuchung des Problems und verfasste darüber ein eigenes Werk: 
»Die Juden und der Antisemitismus in der UdSSR«. 

Larin zitiert, »ohne den Stil zu ändern«, 66 Beispiele aus seiner eigenen 
Sammlung »zahlreicher bei Vorträgen über den Antisemitismus über¬ 
reichter Zettel« (insbesondere bei Beratungsstunden »im Büro für Partei¬ 
arbeit bei einem der Moskauer Bezirksparteikomitees«, er hatte deshalb 
wohl ausschließlich mit Kommunisten oder »sympathisierenden« Arbei¬ 
tern zu tun). Eine kleine Auswahl: 91 

- Woher kommen die Juden nach Moskau? 

- Sind die Juden im Staat übermächtig? 

- Warum stehen die Juden nicht Schlange? 

- Warum bekommen Juden, die aus Berditschew und anderen Städten 
herkommen, sofort Wohnungen? Es gibt sogar einen Witz, dass der 
letzte Jude aus Berditschew angekommen ist und dem Kalinin die 
Stadtschlüssel von dort übergeben hat. 

- Warum sind die Juden reich, haben ihre Bäckereien, Verkaufsbuden 
usw.? 

- Woher kommt bei den Juden das Streben nach leichterer und nicht 
nach körperlicher Arbeit? 

- Warum ziehen die Juden, wo sie arbeiten oder Beamte sind, andere 
Juden nach und verhelfen ihnen zu Arbeitsplätzen, und warum gibt es 
das bei den Russen nicht? 

- Sie wollen keine normalen Arbeiten machen, sondern sind auf Karrie¬ 
re aus. 


1 Narym: Verbannungsgebiet im Norden der Region von Tomsk in Sibirien, ent¬ 
lang des Flusses Ob 


235 



Kapitel 6 

- Warum betreiben sie keinen Ackerbau, obwohl es den Juden jetzt er¬ 
laubt ist? 

- Warum haben die Juden gutes Land auf der Krim bekommen und die 
Russen kriegen da welches, wo der Boden schlechter ist? 

- Warum bestand die Parteiopposition zu 76% aus Juden? 

- Warum hat sich Antisemitismus nur im Hinblick auf die Juden und 
nicht auf andere Völker entwickelt? 

- Was soll ein Agitator machen, wenn sich eine große Anzahl antisemi¬ 
tisch eingestellter Arbeiter versammelt, und er ist der einzige und nie¬ 
mand unterstützt ihn bei seinen Erklärungen? 

Larin hegt den Verdacht, dass in diesen Fragen »Lügengeschichten durch- 
sickern, die von einer konterrevolutionären Untergrundorganisation [!] 
gezielt ausgestreut werden und die die Masse der Arbeiter erreichen«. 92 
Wie wir später sehen werden, entspringen dem auch »organisatorische 
Konsequenzen«. 

Doch zunächst geht Larin daran, das unerwartet aufgetretene Phäno¬ 
men festzuhalten und wissenschaftlich auf die Frage zu antworten, »wie der 
Antisemitismus in der UdSSR in einigen sozialen Schichten, in denen er 
vor der Revolution wenig bemerkbar gewesen war (Fabrikarbeiter, Stu¬ 
denten), ziemlich bedeutende Dimensionen annehmen konnte. 93 Larin 
analysiert diese Schichten eine nach der anderen. 

Der Antisemitismus der Intelligenzija : In diesem Segment »ist der Anti¬ 
semitismus jetzt stärker als anderswo entwickelt«. Allerdings besteht Larin 
darauf, dass »die Unzufriedenheit ... nicht durch einen übermäßig hohen 
Anteil an Juden ausgelöst wird«, sie beruhe nur auf Widerständen dage¬ 
gen, dass die Juden es überhaupt gewagt haben, aufzutauchen und der rus¬ 
sischen Intelligenzija im Staatsdienst Konkurrenz zu machen. »Die sich 
1928 deutlich abzeichnende Entstehung einer antisemitischen Stimmung 
bei einem Teil der Arbeiter und Beamten in den Städten kann keineswegs 
durch eine Überfullung der Stellen mit Juden erklärt werden.« In »den Be¬ 
rufen der Intelligenzija ist der Antisemitismus in der UdSSR vor allem in 
Medizinerkreisen spürbar«, auch unter Ingenieuren. In der Armee aber 
»durchläuft man eine gute und systematische politische Schulung«, und 
dort gebe es keinen Antisemitismus, obwohl »im Kommando der Roten 
Armee der jüdische Anteil ... bedeutend höher liegt als insgesamt in der 
Bevölkerung des Landes«. 94 


236 


Die Zwanzigerjahre 


Der Antisemitismus des städtischen Bürgertums : »Den Hauptherd anti¬ 
semitischer Stimmungen ... bilden alle Schichten des städtischen bour¬ 
geoisen Spießertums«. Doch »der Kampf um die Vernichtung des Anti¬ 
semitismus in der Bourgeoisie ... vermengt sich mit ... der allgemeinen 
Problematik der Vernichtung der Bourgeoisie«. So wird »der bürgerliche 
Antisemitismus erst dann verschwinden, wenn das Bürgertum selbst ver¬ 
schwindet«. 93 

Der Antisemitismus auf dem Land: Auf dem Land »haben wir im Gro¬ 
ßen und Ganzen den privaten Händler fast aus dem Aufkauf von Getrei¬ 
de beim Bauern verdrängt«, und darum »hat sich in der breiten Masse der 
Bauern kein Antisemitismus festgesetzt, er ist sogar im Vergleich zur Zeit 
vor dem Krieg zurückgegangen« und träte jetzt nur dort zutage, wo Juden 
als Kolonisten umgesiedelt werden. Doch das komme, so Larin, von den 
Kulaken und früheren Gutsbesitzern. 96 

Der Antisemitismus im Arbeitermilieu-. »Der Antisemitismus unter den 
Arbeitern hat gerade in den letzten Jahren deudich zugenommen«, seit 
1929 »zweifelt niemand mehr daran«, dass er existiere. Jetzt äußere er sich 
fraglos viel häufiger und intensiver »als noch vor wenigen Jahren«. Be¬ 
sonders stark sei er »beim rückständigen Teil der Arbeiterklasse« - Frauen 
und Saisonarbeitern -, doch »beobachtet man antisemitische Stimmun¬ 
gen leider auch bei einem weitaus größeren Kreis der Arbeiter«, nicht nur 
bei den »Verfaulten«. Hier habe das mit wirtschaftlicher Konkurrenz 
nichts zu tun, Antisemitismus trete auch dort auf, wo es diese nicht gibt - 
unter den Arbeitern beträgt der Anteil der Juden »nur 2,7%«. »In den Ba¬ 
sisorganisationen am Arbeitsplatz hat man versucht, das Auftreten von 
Antisemitismus zu vertuschen .« Es war gerade das Schwierige, dass dieses 
»Vertuschen des Antisemitismus« vom »proletarischen Aktiv« ausging, 
und noch schwieriger war, dass Antisemitismus auch bei diesem »proleta¬ 
rischen Aktiv« selbst auftrat. »Es gibt viele Tatsachenbelege, dass unter den 
Antisemiten Komsomolzen und Parteimitglieder anzutreffen sind. Be¬ 
sonders gängig ist das Gerede von der Übermacht der Juden.« Bei Ver¬ 
sammlungen »gibt es häufig Zettel und Wortmeldungen aus dem Publi¬ 
kum, in denen der Version das Wort geredet wird, die Sowjetmacht be¬ 
kämpfe ausschließlich die russisch-orthodoxe Religion«. 

War dies nicht ein Wahnwitz - Antisemitismus beim Proletariat? 
Woher konnte dies bei der fortschritdichsten und bewusstesten Klasse 


237 


Kapitel 6 


kommen? Worin konnte nur die Ursache liegen?? Larin wurde fündig. Die 
Essenz seiner Aussage: Außer dem Antisemitismus sei kein »anderer Zu¬ 
gangsweg geblieben, über den die Weißgardisten auf die Massen hätten 
einwirken können«; nun wäre es »die antisemitische Schiene«, über wel¬ 
che »die planmäßige Organisation« dieser Einwirkung betrieben werde. 97 
Eine düster-gefährliche Schlussfolgerung bahnt sich, wie wir sehen, an ... 

Viele Jahre später geben auch andere Autoren zu, dass es diesen rätsel¬ 
haften Antisemitismus der 20er-Jahre in der UdSSR gegeben hat, den 
Larin so frühzeitig von allen Seiten in Augenschein nahm. 

S. Schwarz hat seine eigene Erklärung: Der Grund dafür liege »in der 
beim gewöhnlichen Volk verbreiteten Vorstellung von den Juden als wich¬ 
tigsten Trägern der Neuen Ökonomischen Politik«. Doch auch er stimmt 
zu: »Nicht ohne Grund erblickte die sowjetische Regierung im Antisemi¬ 
tismus ein mögliches Werkzeug der Konterrevolution.« 98 

1968 fugt eine Autorin hinzu: »Nach dem Bürgerkrieg brachen sich 
antisemitische Stimmungen im Alltag fast allenthalben und immer aus¬ 
greifender die Bahn und ergriffen Bevölkerungsschichten, die bis zur Re¬ 
volution davon frei geblieben waren.« 99 

Gegen eine solche Einstellung waren keine akademischen Betrachtun¬ 
gen geboten, sondern ein energisches und massives Vorgehen. Im Mai 
1928 fand eine Agitprop-Konferenz beim ZK der Partei statt, die »Ma߬ 
nahmen zur Bekämpfung des Antisemitismus« breiten Platz einräumte. 
(Nach einer geläufigen Parteipraxis wurde dieses Material nicht veröffent¬ 
licht, sondern nur in Rundschreiben an die Parteiorganisationen ver¬ 
sandt.) Der Kampf gegen den Antisemitismus sei »in die Aufklärungspro¬ 
gramme der Partei aufzunehmen«, und auch in öffendiche Vorträge, Vor¬ 
lesungen, in Presse, Rundfunk und Film und in die Schulbücher. Es sei 
eine Atmosphäre entschiedener Ablehnung jeglichen Antisemitismus zu 
schaffen. »Gegen Personen, die sich antisemitischer Praktiken schuldig ge¬ 
macht haben«, seien »die höchsten Disziplinarstrafen zu verhängen«. 100 In 
den Zeitungen, zum Beispiel in der »Prawda«, folgten peitschende Artikel 
wie »Bekämpft die Helfershelfer der Konterrevolution« von Lew Sos- 
nowskij (gezeichnet »L. S.«), der in hohen Parteikreisen ein und aus 
ging. Da hatte sich ein wichtiger Führer in Kiew als »eingefleischter And- 
semit erwiesen« und entfernte Juden ganz offen aus dem Apparat, und 
das Bezirkskomitee der Partei hielt ihm auch noch die Stange. »Schlimm 


238 


Die Zwanzigerjahre 


steht es auch mit den Hochschulen Kiews ... An den Wänden im Institut 
für Volkswirtschaft ... finden sich Schmierereien wie >Haut die Jidden, 
rettet die Sowjets^« »Neben einer verstärkten Bekämpfung des Antisemi¬ 
tismus« fordert der Artikel, »verschärfte Strafmaßnahmen gegen konkre¬ 
te Trägen« des Antisemitismus sowie »gegen jene, die solche Leute prote¬ 
gieren«, nachdrücklich ins Auge zu fassen. Allen war damals sonnenklar, 
was diese Zeitungssprache übersetzt in die Sprache der Staatssicherheit be¬ 
deutete. 101 

In diesem Geiste beschloss das Parteiaktiv des Bauman-Bezirks der 
Stadt Moskau nach einem Referat Larins, die Problematik des Antisemi- 
usmus in den Lehrplan der betrieblichen Ausbildung und der weiterfuh- 
renden Schulen aulzunehmen; Larin zeigte indessen weiterhin theoretisch 
die allgemeinen und kardinalen »Wege und Methoden zur Überwindung 
des Antisemitismus« auf. Bisher sei »die Abwehr von unserer Seite unge¬ 
nügend gewesen« und »antisemitische Einflüsterungen sind aufgekom¬ 
men«. »In den Bezirken und Parteizellen wird bei weitem nicht immer mit 
der nötigen Unerbittlichkeit gegen die antisemitische Denke vorgegan¬ 
gen.« Zu Unrecht herrsche bei der Presse die »falsche Furcht, >auf der jü¬ 
dischen Frage zu stark herumzureitem (aus Vorsicht, um >den Antisemi¬ 
tismus nicht noch zu Verstärkern).« Dies führe dazu, dass »unserem Kampf 
gegen die konterrevolutionäre Störtätigkeit die Schärfe genommen wird«. 
Antisemitismus zähle zu den »Perversionen im alltäglichen Leben der Ge¬ 
sellschaft«, wie Trunksucht und liederlicher Lebenswandel, und man ließe 
es gegenüber Parteigenossen zu oft bei einem einfachen Tadel bewenden. 
»Wir schließen jemanden, der zum Gottesdienst geht und kirchlich hei¬ 
ratet, doch ohne zu fackeln aus der Partei aus. Antisemitismus aber ist von 
seiner Bedeutung her keineswegs ein geringeres Übel.« Wenn auch im All¬ 
gemeinen die Prognosen ausgezeichnet seien - je mehr die UdSSR in 
Richtung Sozialismus wachse, desto mehr würden auch dem »sowjeti¬ 
schen« Antisemitismus und den Überbleibseln vorsowjetischer gesell¬ 
schaftlicher Verhältnisse die Wurzeln gekappt -, so sei nichtsdestotrotz 
»eine strengere Eindämmung des Auftretens antisemitischer Haltungen in 
der Intelligenzija, solange so etwas unter Staatsbediensteten und Studen¬ 
ten aus dieser Schicht vorkommt, unbedingt nötig«. 102 

In der sagenhaften kämpferischen Atmosphäre der unvergesslichen 20er- 
Jahre wurden nun aber sowohl das Denken als auch die Sprache ganz von 


239 



Kapitel 6 


selbst immer heftiger und härter. »Der Charakter der gegenwärtigen anti¬ 
jüdischen Agitation in der UdSSR« sei » nicht national, sondern politisch«. 
»Bei uns in der UdSSR ist die Agitation gegen die Juden nicht nur gegen 
diese selbst, sondern indirekt auch gegen die Sowjetmacht gerichtet.« Von 
wegen »indirekt«! Man höre: Der Antisemitismus ist »ein Mittel der ge¬ 
tarnten Mobilmachung gegen die Sowjetmacht«. Und »wer gegen das Ver¬ 
halten der Sowjetmacht in der jüdischen Frage ist, der ist folglich gegen die 
Werktätigen und für die Kapitalisten «. Reden über eine »»Übermacht der 
Juden< sind als eindeutig konterrevolutionärer Angriff gegen die unmittel¬ 
baren Grundlagen der Nationalitätenpolitik der proletarischen Revolution 
zu betrachten«. Wo Antisemitismus zum Ausdruck komme, sei »die un- 
bezweifelbare Rolle erkennbar, die ein Teil der Intelligenzija als Treibrie¬ 
men für die bourgeoise Ideologie (und manchmal direkt für weißgardisti- 
sche Machenschaften) spielt«. Ja, man hatte es hier mit »weißgardisüschen 


Einflüsterern« zu tun! Ganz klar lag »eine planmäßige ... Agitation 
weißgardistischer Geheimorganisationen« vor. Hinter der »spießbürger¬ 
lichen antijüdischen Agitation steht immer der sie unmerklich steuernde, 
gegen die Sowjetmacht gerichtete Kampf geheimer monarchistischer Ver¬ 
schwörerorganisationen«. Ihr Ursprung seien die »zentralen Organe« 
der sowjetfeindlichen Emigration (»denen gemeinsam mit jüdischen 
Bankiers auch zaristische Generäle angehören«), und »ein ganzes System 
von Treibriemen führt von dort zu unseren Fabriken«, insofern sei einem 
auch »der nicht national ausgerichtete, sondern klassenkämpferische 
Charakter der in der UdSSR grassierenden antijüdischen Agitaüon« 
begreiflich. »Man muss den Massen insgesamt verdeudichen, dass das 
Schüren judenfeindlicher Stimmungen im Grunde ein Versuch ist, die 
Konterrevolution vorzubereiten. Die Massen sollen eine misstrauische 
Haltung gegenüber jedem entwickeln, der ... Sympathien fiir den Antisemi¬ 
tismus erkennen lässt ... Sie müssen in einer solchen Person einen ver¬ 
deckten Konterrevolutionär sehen« oder »ein Sprachrohr ... monarchisü- 
scher Geheimorganisationen«. (Schließlich lauert überall Verschwörung!) 
Es sei nötig, »dass im Bewusstsein der breiten Arbeitermassen das Wort 
»Antisemit dieselbe Bedeutung annimmt wie das Wort »Konterrevoluüo- 


Alles ist hier bis ins letzte Eck durchleuchtet und beim Namen genannt: 
Man hat es mit Konterrevolution, weißgardistischen Machenschaften, 


240 



Die Zwanzigerjahre 


Monarchisten und Generälen der Weißen zu tun, und »Misstrauen gegen¬ 
über jedem, der ...« war geboten. 

Für den Fall, dass noch Unklarheiten bestünden, erläuterte der Revo¬ 
lutionstribun zusätzlich: »Die Wege zur Bekämpfung« des Antisemitismus 
»sind klar«. Zumindest sollten in den Betrieben öffentliche Verhandlun¬ 
gen und Sitzungen »des Volksgerichts für Verfahren wegen Antisemi- 
dsmus« durchgefuhrt werden. -»Eine Verdeutlichungflir die Rückständigen, 
Strafmaßnahmen für die Funktionäre .« »Es besteht keinerlei Grund, das 
oben angeführte Gesetz Lenins nicht anzuwenden.« 104 

Gemäß dem »Gesetz Lenins« (dem hier bereits erwähnten Gesetz vom 
27. Juli 1918 1 ) war es eindeutig: Es wurde gefordert, »aktive Antisemiten 
als vogelfrei zu erklären, im Klartext, sie zu erschießen - allein schon wegen 
Pogromhetze« und nicht wegen konkreter Pogrome. 105 Das Gesetz er¬ 
munterte jeden Juden, der in seiner Eigenschaft als Jude beleidigt worden 
war, Anzeige zu erstatten. Später klagt ein Autor darüber, »das Gesetz 
vom 27. Juli« sei in der Folge nicht in die »Sammlung der Gesetze und Re¬ 
gierungsverordnungen« aufgenommen worden und habe im Strafgesetz¬ 
buch von 1922 keinen Niederschlag gefunden. Im Strafgesetzbuch 
von 1926 habe es dann zwar einen Artikel wegen »Aufhetzung zu 
nationaler Feindschaft und Völkerhass« gegeben, nicht aber einen »spe¬ 
ziellen Tatbestand des Antisemitismus«. Doch darüber zu klag en be¬ 
steht gar kein Anlass. Der Tatbestand von Artikel 59 Punkt 7 des Strafge¬ 
setzbuches - »Propaganda oder Agitation mit dem Ziel, nationale oder re¬ 
ligiöse Feindschaft oder Völkerhass zu schüren« - reichte vollkommen aus, 
um Freiheitsstrafen zu verhängen, außerdem waren dort Nebenstrafen 
vorgesehen wie die Beschlagnahmung des Eigentums bei Aufhetzung 
zu Massenunruhen; dies konnte »bei besonders strafverschärfenden Um¬ 
ständen« (zum Beispiel der fierkunft aus einer bestimmten Klasse) bis 
zur Erschießung gehen. Der Artikel fußte auf der Rechtsverordnung vom 
26. Februar 1927 bezüglich der Staatsverbrechen , wo »der Begriff Auf¬ 
hetzung zu nationaler Feindschaft ausgeweitet wurde, indem man >die 
Verbreitung oder die Herstellung und den Besitz von Literatur< damit 
gleichsetzte«. 106 


1 Vgl. oben, Kapitel 3, S. 99. 



Kapitel 6 


Den Besitz von Literatur! Wie gut uns diese Formulierung bekannt ist! 
Das ist doch wie aus unserem guten alten Artikel 58 Punkt 10 

1926-1930 wurden zahlreiche Broschüren zum Thema Antisemi¬ 
tismus herausgegeben, und »schließlich und endlich widmete ihm die 
>Prawda< einen Leitartikel« am 19. Februar mit dem Titel »Augenmerk auf 
die Bekämpfung des Antisemitismus«. 107 

In einer Verfügung des ZK der Kommunistischen Partei von Wei߬ 
russland aus dem Jahr 1929 wurde darauf verwiesen, dass beim Auftreten 
von Antisemitismus »dessen konterrevolutionärer Charakter nicht be¬ 
dacht wird« und dass die Gerichtsorgane »den Kampf gegen das Auftreten 
des Antisemitismus ... noch intensivieren müssen, indem sie nicht nur 
jene Personen zur Verantwortung ziehen, bei denen sich die nationale 
Feindseligkeit konkret manifestiert, sondern auch jene, die als treibende 
Kräfte dahinter stehen«. 108 

Ebenfalls 1929 erklärte der Sekretär des Komsomol-Zentralkomitees 
Rachmanow, »dass heute am gefährlichsten jene verborgenen Antisemi¬ 
ten sind, die nicht zeigen, wes Geistes Kind sie sind«. 109 Wer den sowjeti¬ 
schen Sprachstil kennt (und wer von unseren Leuten würde ihn nicht 
kennen?), versteht: Wird eine solche Geisteshaltung auch nur vermutet, 
gehört ihr sofort ein Riegel vorgeschoben. (Wie wollte man sich hier 
nicht an Grigorij Landau erinnern, der über seine jüdischen Opponen¬ 
ten sagte: Sie »verdächtigen oder beschuldigen ... alle möglichen Kreise 
der Völker, unter denen wir leben, des Antisemitismus ... In jedem, der 
sich missbilligend über die Juden äußert, sehen sie einen erklärten Anri- 
semiten, und in jedem, der dies nicht tut, einen heimlichen Antise¬ 
miten.« 110 ) 

Ebenfalls 1929 beklagte sich ein gewisser I. Silberman in der »Wo¬ 
chenzeitung der sowjetischen Justiz« (Nr. 4), dass an den Volksgerichten 
des Moskauer Gouvernements in diesem Jahr zu wenige Verfahren wegen 
Antisemitismus verhandelt worden seien, und zwar nur 34 in ganz Mos¬ 
kau. (Es fand also alle zehn Tage irgendwo in Moskau eine Verhandlung 
wegen Antisemitismus statt.) Die Meldungen dieser Zeitschrift des Volks- 

1 Artikel 58 Punkt 10: »Propaganda oder Agitation, welche einen Appell zum 
Sturz, zur Untergrabung oder zur Schwächung der Sowjetmacht enthält... bzw. 
Verbreitung, Herstellung oder Aufbewahrung von Literatur gleichen Inhalts.« 
(Aus: Solschenizyn, Der Archipel Gulag, Bern: Scherz, 1974, S. 74.) 


242 



Die Zwanzigerjahre 


kommissariats fiir Justiz hatten ftir ihre Leser, was man wissen muss, die 
Gültigkeit einer Dienstanweisung. 

Hätte sich der böswilligste Antisemit, in der Absicht, in den Augen des 
Volkes eine Identifikation der Sowjetmacht mit den Juden herbeizuftih- 
ren, etwas Schlimmeres ausdenken können? 

Es ging so weit, dass 1930 eine Klarstellung des Obersten Gerichtsho¬ 
fes der Russischen Föderation notwendig wurde: Eine Anwendung von 
Artikel 59 Punkt 7 sei nicht gestattet bei »Entgleisungen gegenüber Ein¬ 
zelpersonen, die nationalen Minderheiten angehören, wenn der Hinter¬ 
grund private Konflikte mit diesen seien«. 111 Ein deudiches Indiz, dass das 
Schwungrad der Justiz schon kräftig angekurbelt worden war. 

* 

Was aber geschah mit dem Gros der Juden, die »nicht in Führungsposi¬ 
tionen« waren? 

Die »Jüdische Tribüne« zitiert aus dem Vortrag eines Bevollmächtigten 
über dessen Reise im Jahr 1923 durch Städte und Schtetl der südwest¬ 
lichen Region Russlands: »Die materielle Lage in den Schtetln und Städ¬ 
ten ist im Grunde aussichtslos. Die anpassungsfähigsten und vitalsten Ele¬ 
mente sind größtenteils weggezogen und haben sich in alle Winde ver¬ 
streut, zurückgeblieben sind vor allem kinderreiche Familien, alte 
Menschen und solche, die mit ihren vertrauten Heimatorten sehr ver¬ 
wachsen sind. Doch Verdienstmöglichkeiten bestehen keine ... Die 
Schted, wo es früher eine beeindruckende Vielzahl kleiner Läden gab, er¬ 
staunen einen jetzt im Gegenteil, weil keine Läden und Waren mehr da 
sind.« Wovon lebt aber dann die Bevölkerung, »ohne Arbeit, ohne Han¬ 
del, ohne Vorräte? ... Die große Masse lebt von Amerika ... von Gerüch¬ 
ten über Amerika, Hoffnungen auf Amerika ... Und ein bedeutender Teil 
lebt in der Tat auch auf Kosten Amerikas, nämlich von Geld und von Pa¬ 
keten, die ihnen Verwandte oder Hilfsorganisationen aus Amerika schi¬ 
cken.« 112 

Nach dem Ende der Periode des »Kriegskommunismus« (1918-1920), 
in der jeglicher Handel und jedes Kaufs- und Verkaufsgeschäft absolut ver¬ 
boten gewesen waren, in der alles Privateigentum eingezogen wurde und 
Reparationen gezahlt werden mussten, kamen tatsächlich jüdische Wohl- 


243 


Kapitel 6 


fahrtsorganisationen den russischen Juden zu Hilfe, angefangen bei der 
amerikanischen Organisation »Joint«, die über das »Allrussische Gesell- 
schafdiche Hilfskomitee für Pogromgeschädigte und sozial schwache 
Gruppen der jüdischen Bevölkerung« Unterstützung leistete. Später setz¬ 
te sich dies in verschiedenen Jahren mit den uns aus der vorrevolutionä¬ 
ren Zeit bereits bekannten Organisationen fort, die sich inzwischen in den 
Westen gerettet hatten, z.B. der Gesellschaft zur Förderung des Hand¬ 
werks und der Landwirtschaft unter den Juden (ORT), dem Jüdischen 
Komitee für Kriegsopferhilfe (EKOPO) und dem Jüdischen Kolonisten¬ 
verein (EKO). 1921/22 waren in Moskau und Petrograd auch inner¬ 
sowjetische jüdische Hilfsorganisationen tätig. Ungeachtet der Einmi¬ 
schung und der Behinderungen seitens der »Jüdischen Sektionen« - kom¬ 
munistischer Organisadonen jüdischer Aktivisten - »leistete >Joint< den 
sowjetischen Juden große Unterstützung finanzieller und sonstiger mate¬ 
rieller Art«. Die ORT »konzentrierte ihre Aufmerksamkeit« in der ersten 
Hälfte der 20er-Jahre dagegen »auf die Gründung und Unterstützung von 
Produktionsbetrieben und Handwerkergenossenschaften, aber auch von 
landwirtschaftlichen Kolonien der Juden in der Südukraine«. 113 

Eine Volkszählung aus der NÖP-Zeit zeigt die soziale Verteilung der jü¬ 
dischen Bevölkerung auf: »Erwerbstätige« (also Personen mit eigenem 
Einkommen) machten zwei Fünftel der gesamten jüdischen Bevölkerung 
aus, davon waren 28% Angestellte und Beamte, 21% Kleinhandwerker 
(die als Heimarbeiter tätig waren), 19% Arbeiter (einschließlich der Ge¬ 
sellen und Lehrlinge von Handwerkern), 12% Händler, 9% Bauern, 1% 
Militärs und 10% Sonstige. In der Gruppe der Angestellten »waren die 
meisten Juden unter den Angestellten des staatlichen Handels vertreten«, 
zum Beispiel arbeiteten in Moskau 16% der Juden in Verwaltungsorganen 
der Wirtschaft, 13% im Kredit- und im Handelswesen (die »Kleine Jüdi¬ 
sche Enzyklopädie« gibt 30% an 114 ), 19% bei Massenorganisationen, 9% 
bei den Finanzbehörden, 10% bei den Sowjetbehörden, kaum einer bei 
der Miliz. (Im früheren Ansiedlungsrayon waren die Prozentzahlen ent- 


s 




sprechend höher: In Weißrussland arbeiteten bis zu 62% im staadichen 
Handel, in der Ukraine waren es 44% im staadichen Handel und 71% als 
»Angestellte mit privater Handelstätigkeit«.) Wesentlich langsamer, als 
den Machthabern lieb war, schwenkten die Juden zur Industriearbeit um. 
Zur Eisenbahn und in den Bergbau wollten sie gar nicht, am häufigsten 


244 



'■' ' ■ •• v ; 


Die Zwanzigerjahre 



gingen sie in Nähereien, in die Lederbearbeitung, in Druckereien, in die 
Holzbearbeitung und Lebensmittelverarbeitung sowie andere Betriebe der 
Konsumgüterindustrie. Zur »Einbindung jüdischer Arbeiter in die Indus¬ 
trie« wurden spezielle Berufsschulen geschaffen, doch der Träger war 
»nicht der Staat selbst, sondern entscheidend war die umfangreiche Betei¬ 
ligung ausländischer jüdischer Organisationen«. 115 

Nun war ja die NÖP-Phase mit ihrer freizügigeren Wirtschaftspolitik 
im Gange, die »die wirtschaftliche Position der jüdischen Bevölkerung auf 
einer neuen, sowjetischen Grundlage stärkte«. 116 1924 wurden in Moskau 
75% der Apotheken und Parfümerien von Juden geführt, 55% der Tex¬ 
tiliengeschäfte, 49% der Juwelierläden, 39% der Kurzwarengeschäfte, 
36% der Holz- und Brennholzlager. Um in der ftir ihn neuen Stadt Kund¬ 
schaft zu gewinnen, »>drückte< der Jude die Preise auf dem privaten 
Markt«. 117 Die ersten und bekanntesten NÖP-Reichen waren ebenfalls 
häufig Juden. Die Erbitterung über sie rührte unter anderem daher, dass 
die Juden neben marktwirtschaftlichen auch sowjetische Hebel einsetzten. 
Viele wirtschaftliche Transaktionen vereinfachten sich für sie durch Be¬ 
kanntschaften und Beziehungen im Sowjetapparat. Manchmal deckten 
die Machthaber solche Verbindungen auch auf, zum Beispiel fand 1922 
der berühmte »Paraffin-Prozess« gegen die Direktoren pseudogenossen¬ 
schaftlicher Betriebe statt. Die 20er-Jahre boten, wie bereits bemerkt, 
reichlich Möglichkeiten zum Aufkauf des Guts, das die bedrängten und 
verfolgten »Ehemaligen« verkauften, insbesondere wertvolle und seltene 
Möbelstücke. Sch. Ettinger vermerkt, dass »die meisten NÖP-Gewinnler 
und Neureichen Juden waren«. 118 Dies wurde auch durch eine eindrucks¬ 
volle, 1928 in der »Iswestija« veröffentlichte Namensliste der »Hinterzie¬ 
her staatlicher Steuern und Abgaben« 119 bestätigt. 

Nach dem Ende der NÖP aber gerieten die Juden - vor allem jene, die 


im Bereich Finanzen, Handel und Gewerbe tätig gewesen waren - unter 
die Walze der antikapitalistischen Maßnahmen der Sowjetmacht. Viele 
von ihnen wandelten sich nun zu »Angestellten des sowjetischen Han¬ 
dels«, nach wie vor im Bereich Finanzen, Kredit und Handel. Der private 
Handel sah sich zermalmt durch Konfiskationen und Ausplünderung: 
Waren und Gebäude wurden eingezogen und Menschen in die Paria-Ka¬ 
tegorie der »Personen ohne Rechte« eingereiht. »Ein Teil der jüdischen 
Händler hat sich im Bestreben, die diskriminierende und ständig zuneh- 


245 



Kapitel 6 


mende Besteuerung zu vermeiden, bei der Volkszählung als Personen ohne 
feste Tätigkeit deklariert.« 120 Trotzdem machte Anfang der 30er-Jahre, als 
man versuchte, den Menschen Gold und wertvollen Schmuck abzupres¬ 
sen, »in Kleinstädten und Schtedn ... praktisch die ganze männliche jü¬ 
dische Bevölkerung mit den Gefängnissen der GPU Bekanntschaft«. 121 
Nicht einmal in ihren schlimmsten Albträumen hätten sich die jüdischen 
Händler unter dem Zaren so etwas vorgestellt. Um sich vom Status der 
»Personen ohne Rechte« zu befreien, zogen viele jüdische Familien von 
den Schtedn in Großstädte um. »1930 war in den Schtedn weniger als ein 
Fünftel der jüdischen Bevölkerung der UdSSR zurückgeblieben.« 122 

»Die sozialen und wirtschaftlichen Experimente der Sowjetmacht, die 
unterschiedlichen Arten von Enteignung und Verstaadichung sparten kei¬ 
neswegs nur das mitdere Bürgertum aus, sondern untergruben auch die 
Existenzgrundlage der kleinen Ladenbesitzer und Handwerker.« 123 In den 
Schtedn »war nichts da, was man hätte verkaufen können, und keiner, der 
es hätte kaufen können«. Die Händler »waren gezwungen, ihre Geschäfte 
zu schließen, sowohl wegen des Fehlens von Umlaufmitteln als auch 
wegen der extrem hohen Steuern«. »Die Gesündesten und Fleißigsten 
haben das Weite gesucht«, und die restliche »Masse lungert untädg auf 
halb zerstörten Straßen herum, bettelt und lamentiert über ihr Schicksal, 
über die Menschen, über Gott«. »Spürbar verfügt die jüdische Masse über 
keinerlei wirtschaftliche Basis.« 124 In vielen Schtedn war es damals tat¬ 
sächlich so. Ende 1929 traf der Sownarkom daher sogar eine Verordnung 
über »Maßnahmen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der jüdi¬ 
schen Massen«. 

G. Simon, ein ehemaliger Emigrant, der Ende der 20er-Jahre als ame¬ 
rikanischer Geschäftsmann einreiste, um »zu klären, bis zu welchem Grad 
bei jüdischen Handwerkern Bedarf an Werkzeug bestand«, veröfifendich- 
te danach in Paris ein Buch mit dem gefühlsgeladenen und ironisch ge¬ 
meinten Titel »Die Juden regieren in Russland«. Er beschreibt den Zu¬ 
stand des von der Sowjetmacht beeinträchtigten und zerstörten jüdischen 
Handwerks und Handels und gibt dabei auch zahlreiche Gespräche und 
Eindrücke aus Begegnungen mit Menschen wieder. Die allgemeine Stim¬ 
mung der Einwohner ist düster: »Was soll man über Russland sagen? Viel 
Schlechtes, viel Verbrecherisches, aber es ist unerlässlich, seine Gedanken 
und Gefühle vor blind machendem Zorn zu bewahren.« »Nur der Fried- 


246 



Die Zwaiizigerjahre 


hof schützt die Juden.« »Immer öfter heißt es, es sei unvermeidlich, die Re¬ 
volution auf russische Weise zu bewerkstelligen, sprich, indem man die 
Juden niedermetzelt.« Ein jüdischer Bolschewik vor Ort sagte, dass nur 
eine Revolution vor jenen retten könne, »die die Einstellung haben, Russ¬ 
land durch die Schändung jüdischer Frauen und das Vergießen des Blutes 
jüdischer Kinder zu lobpreisen«. 125 

Der bekannte Wirtschaftswissenschaftler B. D. Bruzkus, der bereits 
1920 der sozialistischen Wirtschaft ein vernichtendes Urteil ausgespro¬ 
chen hatte (und 1922 von Lenin zwangsausgebürgert wurde), befasste sich 
1928, am Ende der NÖR in einem ausführlichen Artikel in den »Sowre- 
mennye Sapiski« [»Zeitgenössische Notizen«] unter dem Titel »Die jüdi¬ 
sche Bevölkerung unter der kommunistischen Macht« mit dem Verlauf 
der NÖP im früheren Ansiedlungsrayon in der Ukraine und Weißruss¬ 
land, dessen Umrisse sich zu jener Zeit noch nicht vollständig verwischt 
hatten. 

Die relative Bedeutung der privaten Wirtschaft und des privaten Han¬ 
dels nahm mehr und mehr ab. Den Handwerksbetrieben und den kleinen 
Handwerkern, die in ihrer häuslichen Werkstatt arbeiteten, wurden zwar 
noch gewisse Rechte gewährt, doch den Händlern, einschließlich sogar 
der Kleinhändler, hatte man die politischen Rechte (keine Teilnahme an 
den Wahlen zu den Sowjets) und damit auch die Bürgerrechte entzogen. 
»Der Kampf der Sowjetmacht gegen die Privatwirtschaft und ihre Reprä¬ 
sentanten ist in beträchtlichem Maße ein Kampf gegen die jüdische Be¬ 
völkerung.« Denn nicht nur, dass »die Juden jetzt fast die einzigen Vertre¬ 
ter privater städtischer Wirtschaft im Gebiet der Ukraine und Weißruss¬ 
lands sind, sie sind es auch in der schmalen kapitalistischen Oberschicht 
der Hauptstädte Moskau, Petrograd und Charkow, wo ... ihr Anteil jetzt 
sehr bedeutend geworden ist«. 126 

B. D. Bruzkus unterteilt die NÖP in drei Zeitabschnitte: 1921-23, 
1923-25 und 1925-27. »Speziell in den ersten zweieinhalb Jahren der 
NÖP stieß die Entwicklung der Privatwirtschaft auf den geringsten 
Widerstand seitens der kommunistischen Macht«, als »die Bolschewiken 
wegen ihrer Misserfolge an der Wirtschaftsfront etwas kleinlaut waren«. 
Zwischen Ende 1923 und dem Frühjahr 1925 »gab es die erste kommu¬ 
nistische Reaktion«. »Der Großhandel und der Ladeneinzelhandel wurde 
1924 im Ansiedlungsrayon gewaltsam aufgelöst, es blieb praktisch nur der 


247 


Kapitel 6 


Kleinhandel auf Märkten übrig.« Auf dem Handwerk »lasteten in dersel¬ 
ben Weise Steuern. Man nahm den Handwerkern ihr letztes Werkzeug 
und ihr Rohmaterial weg, das meistens den Bauern gehörte, welche die 
Auftraggeber waren.« »Die Gleichberechtigung der Juden selbst war nur 
mehr eine Fiktion. Über zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung hatten 
kein Stimmrecht im Sowjet.« 

Genau wie »die jüdischen sozialistischen Parteien in ihrer Mitte einen 
spezifischen Hass auf das jüdische Kleinbürgertum kultiviert hatten und 
im Kampf gegen dieses ihre Bestimmung sahen«, so hatte auch die Jüdi¬ 
sche Sektion der Kommunistischen Partei (Jewsekzija) »diese Mentalität 
geerbt«. Darum »wich sie in der Anfangsphase der NÖP deutlich vom all¬ 
gemeinen Kurs der Partei ab«. Den zweiten Zeitabschnitt der NÖP nütz¬ 
te die Jewsekzija dazu, »die Enteignung des jüdischen Kleinbürgertums 
abzuschließen«, die ihr »in der Zeit des Kriegskommunismus nicht voll¬ 
ständig gelungen war«. Doch dann sickerten Nachrichten über die gott- 
erbärmliche Lage der jüdischen Bevölkerung in die jüdische Auslands¬ 
presse durch. Nun »schoben die jüdischen Sektionen die Verantwortung 
auf das alte [vorrevolutionäre] Regime, das den Juden Steine in den Weg 
gelegt habe, produktive - nach Lesart der Kommunisten also körperliche 
- Arbeit zu leisten. Da die Juden nun weiterhin rnicht produktive Arbeit< 
leisteten, müssten sie eben leiden. Die Sowjetmacht sei daran nicht 
schuld.« 

Dem hält Bruzkus entgegen: »In Wirklichkeit verhielt es sich genau 
umgekehrt. Die Vernichtung der jüdischen Kleinindustrie und die er¬ 
schwerte Beschäftigung von Gesellen und Lehrlingen hat nun die Klasse 
der jüdischen Arbeiter fast verschwinden lassen ... Gerade unter dem 
alten Regime aber hatte sich infolge der allmählichen Entwicklung der 
russischen Volkswirtschaft und der intensiveren Wirtschaftsbeziehungen 
zwischen dem Ansiedlungsrayon und den Binnengebieten Russlands die 
Zahl der überflüssigen kleinen jüdischen Zwischenhändler mehr und 
mehr zurückentwickelt, und die Verteilung der jüdischen Masse nach Be¬ 
rufen war nun breiter aufgefächert. Dagegen hat sich jetzt die jüdische 
Bevölkerung wieder in eine Masse kleiner Kommissionäre zurückverwan¬ 
delt.« 

Der dritte Abschnitt der NÖP dauerte vom Frühjahr 1925 bis zum 
Herbst 1926. Nun wurden den Handwerkern und Straßenhändlern »be- 


248 



Die Zw einzigerj ahre 


deutende Steuervergünstigungen gewährt« und auf den Handel bei dörf¬ 
lichen Jahrmärkten keine Steuern mehr erhoben; was den Handel in grö¬ 
ßerem Stil betraf, so wurde »die Finanzinspektion aufgefordert, im ge¬ 
setzlichen Rahmen zu agieren«. In dieser Phase »wirkte sich die rasche Zu¬ 
nahme von Warenkaufgeschäften ... fiir die jüdische Bevölkerung 
vorteilhaft aus«, »vor allem die jüdischen Handwerker fanden nun ein bes¬ 
seres Auskommen«, »viele Händler betätigten sich im Aufkauf von Ge¬ 
treide oder anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen«. »In den beiden 
westlichen Republiken begann sich auch die Kleinindustrie rasch zu ent¬ 
wickeln und konkurrierte erfolgreich mit dem Staat um Rohstoffe.« Be¬ 
gleitend dazu »erhielt kraft der neuen Vorschrift [über die Wahlen zu den 
Sowj ets] ein wesen dich größerer Teil der j üdischen Bevölkerung politische 
Rechte und somit auch gewisse Bürgerrechte«. 

Ende 1926 »trat Russland in die zweite Phase der kommunistischen Re¬ 
aktion ein, die in der Folge ... das endgültige Aus für die NÖP mit sich 
brachte. Die Reaktion begann mit der Entfernung privater Händler aus 
dem Getreidehandel. Eins nach dem anderen folgten die Verbote für den 
Aufkauf von Tierhäuten, Ölsamen und Tabak, die Enteignung von Müh¬ 
lenbesitzern, die Schließung privater Butter-, Leder- und Tabakfabriken. 
Im Sommer 1927 begann die Einführung der Preisbindung im Privat¬ 
handel.« »Jetzt blieb ein großer Teil der Handwerker aus Mangel an Roh¬ 
stoffen ohne Arbeit.« 127 

Die Lage in den Schtedn der westlichen Gebiete erregte eine Welle der 
Besorgnis unter den Juden im Ausland. Pasmanik schrieb 1922, am Ende 
der Phase des Kriegskommunismus, etwas übertrieben: »Unter dem Bol¬ 
schewismus ist das Judentum zum völligen Verschwinden verurteilt«, die 
Herrschaft der Bolschewiken habe »das ganze russische Judentum zu Bett¬ 
lern« gemacht. 128 

Doch das war es nicht, was man im Westen hören wollte. Dort hielt sich 
in der Öffentlichkeit - auch der jüdischen - in vielerlei Hinsicht immer 
noch das Wohlwollen gegenüber der Sowjetmacht. Diese positive Bewer¬ 
tung des sowjetischen Regimes in der Welt rührte nicht nur aus der gene¬ 
rellen Sympathie der europäischen Intelligenzija gegenüber allen, egal wel¬ 
chen, sozialistischen Bewegungen her. In hohem Maße war sie auch da¬ 
durch bedingt, dass sich das Judentum weltweit und insbesondere in 
Amerika bezüglich des Schicksals der russischen Juden in Sicherheit wieg- 


249 


Kapitel 6 


te: Ohne Zweifel würde es ihnen unter der Sowjetmacht gut ergehen, es 
drohten keinerlei Pogrome. Zudem stellte die geschickte sowjetische Pro¬ 
paganda vor der Öffentlichkeit nach Kräften das Wohlergehen und die 
guten Perspektiven der sowjetischen Juden heraus. 

Diese förderliche Geneigtheit des internationalen Umfelds machte es 
den sowjetischen Führern leichter, westliche - vor allem amerikanische - 
Hilfen zu empfangen. Ohne diese hätten sie die Wirtschaft nach ihrem 
ruhmreichen Kriegskommunismus gar nicht aus dem Sumpf herausge¬ 
bracht. Lenin äußerte auf dem Parteitag im März 1921: »Solange in an¬ 
deren Ländern noch keine Revolution stattgefunden hat, bräuchten wir 
Jahrzehnte, um wieder Fuß zu fassen, und da ist es nicht schade um die 
Hunderttausende von Millionen, ja sogar Milliarden, die wir aus unseren 
unermesslichen Reichtümern, unseren reichen Rohstoffquellen opfern, 
Hauptsache, wir sichern uns damit die Hilfe des führenden Großkapi¬ 
tals.« 129 Alles lief erfolgreich an, das führende Großkapital zeigte sich nicht 
abgeneigt, russische Reichtümer an sich zu raffen. Im Herbst 1922 wurde 
die erste internationale sowjetische Bank gegründet, die »Roskombank«. 
An ihrer Spitze standen »lauter alte Bekannte«: Wieder einmal Olof Asch¬ 
berg, der Lenin während der ganzen Revolutionszeit Finanzhilfe aus dem 
Ausland zugeleitet hatte, ehemalige Privatbankiers aus dem zaristischen 
Russland (Schlesinger, Kalaschkin, Ternowskij) und Max May, der Vize¬ 
präsident des »Morgan Guaranty Trust« in den USA, der den Sowjets so 
viel geholfen hatte. Jetzt arbeiteten sie mit der sowjetischen Roskombank 
ein Reglement für den Devisenverkehr aus, gemäß dem alle eingehenden 
Geldmittel »für den Kauf ziviler Güter in den USA zu verwenden waren«. 
US-Außenminister Charles Hughes protestierte, dies komme einer »>De- 
facto-Anerkennung< der Sowjets« gleich, doch vergebens. Wie es der Be¬ 
rater der Roskombank, der schwedische Professor G. Kassel ausdrückte: 
»Es wäre unvernünftig gewesen, Russland mit seinen Ressourcen seinem 
eigenen Schicksal zu überlassen.« 130 

Nun drängten die ersten Konzessionäre, welche die Sowjets so sehn- 
lichst erwartet und eingeladen hatten, in die UdSSR, darunter der von 
Lenin besonders hofierte Armand Hammer. 1921 »hielt er sich im Ural 
auf... und beschloss, beim Wiederaufbau der dortigen Industrie zu hel¬ 
fen«. Er erhielt eine Konzession für die Alapajewsker Asbestlagerstätten. 
Lenin teilt in einem Dienstschreiben vom 14. Oktober 1921 an die Mit- 


250 




Die Zwanzigerjahre 


glieder des ZK der Partei mit: Hammer senior »gibt den Arbeitern im Ural 
zu äußerst günstigen Bedingungen (5%) eine Million Pud 1 Getreide, im 
Gegenzug übernimmt er in Kommission Edel- und Halbedelsteine aus 
dem Ural für den Verkauf in Amerika«. 131 Später ließ sich Hammer als 
Gegenleistung für die Herstellung von Bleistiften für die Sowjets scham¬ 
los Kunstschätze aus den Sammlungen der Zaren ausliefern. (Er reiste spä¬ 
ter unter Stalin wie unter Chruschtschow viele Male nach Moskau und ex¬ 
portierte weiter ganze Schiffsladungen von Kirchengerät, Ikonen, Bildern, 
Porzellan und Faberge-Erzeugnissen.) 

Bedeutende Mittel wurden indes über die ARA (American Relief Ad¬ 
ministration) auf sowjetischem Gebiet verteilt. In der ARA-Verwaltung 
waren viele Mitarbeiter Juden. »Unter dem Eindruck der Katastrophen ... 
und besonders der blutigen Pogrome sammelten die amerikanischen 
Juden in den Jahren 1921/22 riesige Summen ... Unter der Identität der 
ARA wurden diese Gelder eingesetzt, ... um Pogromopfer zu unterstüt¬ 
zen und die südrussischen Städte und das Bauerntum im Wolgagebiet zu 
132 

retten.« 13,6 


* 

Eine andere Lieblingsidee der Sowjets in den 20er-Jahren - weniger eine 
Idee der Juden als vielmehr eine Idee für die Juden - betraf die jüdische 
Kolonisation. Der Gedanke dahinter war, dass die Juden, die in der gan¬ 
zen Geschichte ihrer Diaspora der Möglichkeit beraubt gewesen waren, 
Ackerbauern zu sein, und die sich nur wegen dieser leidigen Zwänge auf 
Wucherei, Geschäftemacherei und Handel verlegt hätten, nun endlich auf 
dem Land sesshaft würden; sie könnten sich von den schädlichen Ge¬ 
wohnheiten der Vergangenheit lossagen und mit ihrer produktiven Arbeit 
unter sowjetischem Himmel bewirken, dass sich die gehässigen Lügenge¬ 
schichten über die Juden in Luft auflösten! 

Die sowjetischen Behörden wandten sich der Idee von Siedlungsma߬ 
nahmen für die Juden teils aus Gründen der landwirtschaftlichen Produk¬ 
tion, mehr aber aus politischen Gesichtspunkten zu, nämlich um im Wes¬ 
ten eine Welle der Sympathie und - noch wichtiger - umfangreiche Fi- 

1 1 Pud entspricht 16,38 kg. 


251 


Kapitel 6 


nanzhilfen auszulösen ... Bruzkus schreibt: »Auf ihrer Jagd nach Krediten 
sucht die Sowjetmacht nach verlässlichen Sympathien in den Kreisen der 
ausländischen Bourgeoisie und legt großen Wert darauf, welche Meinung 
die jüdische Bourgeoisie im Ausland über sie hat.« 1924 aber hörten die 
Spenden auf zu fließen, und sogar »die führende jüdisch-amerikanische 
Hilfsorganisation [Joint] war gezwungen, die Arbeit in Europa einzustel¬ 
len ... Um wieder [wie 1921 über die ARA] große Beträge zusammenzu¬ 
bekommen, war es nötig, einen Boom zu erzeugen - um einen amerika¬ 
nischen Begriff zu verwenden. Eben auf diesen >Boom< bei den wohltäti¬ 
gen jüdischen Spendern zielten die Siedlungsprojekte ab. Das große 
Kolonisationsprojekt, das die Ansiedlung von 100000 jüdischen Familien 
vorsah, verfolgte offenbar rein agitatorische Ziele.« 133 Im Herbst 1924 
wurden das Regierungskomitee für die Landansiedlung werktätiger Juden 
(KomSET) und die eng mit ihm verbundene Freiwillige Allunionsgesell¬ 
schaft für die landwirtschaftliche Ansiedlung jüdischer Werktätiger 


(OSET) gegründet. (Ich erinnere mich, dass man uns kleine Schüler 
1927/28 allesamt zwang, dem Verein der Kinderfreunde, ODD, und —der 
OSET beizutreten und Mitgliedsbeiträge zu zahlen, die wir bei den Eltern 
erbitten und von zu Hause mitbringen sollten.) In vielen Ländern der Welt 
wurden Organisationen gegründet, welche die OSET unterstützten. 

Man begriff sofort und beherzigte es: »Die Hilfestellung der Sowjet¬ 
macht ... für die Übersiedelung [der mittellosen Juden] aufs Land« sei 
»eine Erscheinung von internationaler Bedeutung«: An ihr würden die Ar¬ 
beiter im Ausland »die Stärke und Stabilität der Sowjetmacht« messen. An 
der Entwicklung des Vorhabens wirkte die mächtige amerikanische Orga¬ 
nisation »Joint« aktiv mit und unterstützte es finanziell. Vom »Jewish 
Chronicle« kam aus London (am 16. Oktober 1925) folgendes Echo: 
»Man beabsichtigt, die Krim zum Ersatz für Palästina zu machen. Wozu 
die Juden nach Palästina schicken, das so wenig Ertrag bringt und ... die 
großen Opfer und die unsäglich harte Arbeit nicht rechtfertigt... Die rei¬ 
che Erde der Ukraine steht ihnen offen, und die fruchtbaren Felder der 
Krim lachen dem leidenden Juden entgegen ... Moskau zeigt sich als Be¬ 
schützerin des russischen Judentums und hat darum Anspruch auf die 
moralische Unterstützung der Juden aller Länder«, zudem »hat es mit dem 
Plan keine Kosten, da die amerikanischen Juden für die Ausgaben auf- 
kommen«. 134 


252 




Die Zwanziger] ah re 



Schnell begriffen hatte dieses sowjetische Manöver auch die russische 
Emigrantenpresse. P. Struve schrieb in der Pariser »Wosroshdenije« 
[»Wiedergeburt«]: »Dieses ganze Vorhaben ist geeignet, das Judentum - 
in Russland wie international - demonstrativ in Verbindung mit der kom¬ 
munistischen Macht zu bringen ... und damit dem Judentum endgültig 
den kommunistischen Stempel aufzudrücken.« 135 In einem Leitartikel der 
Berliner Zeitung »Rul« [»Das Steuer«] heißt es: »Ohnehin schon sieht die 
Welt die Bolschewiken zur Genüge ... mit den Juden solidarisch. Jetzt 
muss man sie über die Verantwortung für das Schicksal Hunderttausen¬ 
der verarmter Juden noch enger zusammenbringen. Dann kann man die 
reichen amerikanischen Juden mit der Drohung erpressen: Wenn die 
Sowjetmacht fällt, fegt ein riesiger Pogrom die eben erst gegründeten jü¬ 
dischen Siedlungen hinweg - also muss die Sowjetmacht mit allen Mit¬ 
teln unterstützt werden.« 136 Die »Poslednije Nowosti« [»Neueste Nach¬ 
richten«] kommentieren: »Bei diesem Projekt trafen durch eine Ironie des 
Schicksals bolschewistischer Bluff und amerikanische Großspurigkeit zu¬ 
sammen« - und die Amerikaner bissen an, ohne zu begreifen, was in der 
UdSSR vor sich ging. 137 

Tatsächlich war die jüdische Weltöffentlichkeit freudig erregt ange¬ 
sichts der Hoffnung auf eine Wiederaufnahme des Ackerbaus durch 
Juden. Im September 1925 traf der »Gesamtdeutsche Kongress ... des jü¬ 
dischen Bürgertums unter Leitung des Direktors der Deutschen Staats¬ 
bank« Hjalmar Schacht den Beschluss zur Unterstützung. In Frankreich 
gründete Leon Blum den »Jüdischen Baufonds«, und dieser schickte den 
jüdischen Siedlern Traktoren. In New York wurde ein »Verein zur Förde¬ 
rung der jüdischen Landwirte in der UdSSR« gegründet. In vielen Län¬ 
dern der Welt bis hin zu Südafrika wurden Spenden ftir die jüdische Ko¬ 
lonisation gesammelt, Sozialdemokraten, Anarchisten (und, so wird ge¬ 
schrieben, auch einfache Arbeiter) trugen ihr Scherflein bei. Als Fishman, 
der »Verleger der amerikanischen Zeitschrift >Jewish Morning Journah« 
wie viele andere die Frage stellte, »ob >das russische Judentum es moralisch 
vertreten könne, für seine Siedlungstätigkeit enteignetes Land zu nutzem, 
und der »Jewish Chronicle« in Erinnerung rief, dass von den ehemaligen 
Eigentümern »die Mehrzahl im Gefängnis saß oder erschossen oder in 
die Verbannung geschickt worden war«, antwortete ihnen Louis Marshall, 
der große amerikanische Jurist und Weltvorsitzende von »Joint« persön- 


253 


Kapitel 6 


lieh: Er erkenne die Enteignungen der Revolutionszeit an, da sie zu einem 
guten Zweck geschehen seien. 138 (Eigentlich hatten sich bereits zwischen 
1919 und 1923 »mehr als 23000 Juden auf den leer stehenden ehemali¬ 
gen Landgütern in der Nähe der Schted und Städte des ehemaligen An¬ 
siedlungsrayons niedergelassen«, und im Frühjahr 1923 waren bereits 
keine solchen Ländereien mehr übrig geblieben; »es bildeten sich erste 
Grüppchen von Juden, die beschlossen, in die freien Steppengebiete der 
Südukraine umzusiedeln«. 139 Diese Bewegung beschleunigte sich ab 
1925.) 

Als Ausgliederung von Joint entstand die internationale jüdische Orga¬ 
nisation Agro-Joint (neben Marshall zählte auch der Bankier Paul War- 
burg zum Vorstand; hier kann unser kommunistischer Chronist den klas¬ 
senkampftypischen Ton der Missbilligung nicht mehr durchhalten und - 
er heißt dies gut). Agro-Joint schloss mit dem KomSET eine Vereinbarung 
über die Lieferung von Traktoren, Landwirtschaftsmaschinen und hoch¬ 
wertigem Saatgut, über den Bau artesischer Brunnen und über die Be¬ 
rufsausbildungjüdischerjugendlicher ab. Bei diesem Hilfsprogramm en¬ 
gagierte sich auch der Jüdische Kolonistenverein. 

Bei einem Kongress der OSET 1926 »sprach sich Kalinin entschieden 
gegen eine Assimiliation [der sowjetischen Juden] aus und stellte großar¬ 
tig ein Programm der jüdischen Autonomie« vor (im Westen die »Kalinin- 
Deklaration« genannt). »Anfänglich sahen die Pläne die Umsiedelung von 
ungefähr 100000 Familien oder etwa 20% der ganzen jüdischen Bevöl¬ 
kerung der UdSSR in die Südukraine und in den Norden der Krim vor«; 
man beabsichtigte, eigene jüdische Nationalbezirke einzurichten. (Aber 
»viele verweigerten sich der Möglichkeit, in die Landwirtschaft zu gehen, 
ungeachtet ihrer fortdauernden Arbeitslosigkeit«, und »nur etwa die Hälf¬ 
te aller umsiedlungswilligen Juden nahm dann wirklich ihren Wohnsitz in 
den Kolonistendörfern«.) 140 

Gegen das OSET-Programm wurden aber auch kritische Stimmen 
amerikanischer Zionisten laut, »die in der Propaganda für eine umfang¬ 
reiche jüdische Kolonisierungsbewegung innerhalb der Sowjetunion 
ein Gegenprojekt zum Zionismus mit seiner Idee der Ansiedlung in 
Erez Israel erblickten«. Die OSET rechtfertigte sich scheinheilig, dass I 
sie sich nicht im Geringsten gegen eine Kolonisierung Palästinas 
stelle. 141 


254 


Die Zw einzigerj ahre 


Große Hoffnungen wurden hier in die Krim gesetzt. In der Ukraine 
und in Weißrussland wurden 455000 ha und auf der Krim 697000 ha 
Land für die jüdische Kolonisierung bereitgestellt. »Gemäß dem Zehn¬ 
jahresplan für die Umsiedlung von Juden auf die Krim zu Zwecken der 
Landwirtschaft und Industrie« sollte der jüdische Bevölkerungsanteil von 
8% im Jahr 1929 auf 25% im Jahr 1939 anwachsen (es wurde davon aus¬ 
gegangen, dass die Zahl der Juden die der Krimtataren deutlich überstei¬ 
gen würde). »Prinzipielle Hinderungsgründe« für die Einrichtung »einer 
besonderen autonomen jüdischen Republik oder eines autonomen jüdi¬ 
schen Gebiets im Norden der Halbinsel innerhalb der Autonomen Sozia- 
lisuschen Sowjetrepublik Krim« »könnten nicht bestehen«. 142 

Die Ansiedlung der Juden auf der Krim rief feindselige Reaktionen 
bei den Tataren (»Wird die Krim an die Juden abgetreten?«) und Un¬ 
zufriedenheit bei vielen dort ansässigen landlosen Bauern hervor. Gleich 
verbreiteten sich, wie Larin schreibt, »im ganzen Land die wildesten Ge¬ 
schichten, dass den Juden das beste Land gegeben werde, welches man des¬ 
wegen der nichtjüdischen arbeitenden Bevölkerung und den nichtjüdi¬ 
schen Umsiedlern wegnehme, oder dass die Behörden gerade den jüdi¬ 
schen Umsiedlern besonders umfangreiche Hilfen gewährten, und so 
weiter«. Es kam so weit, dass Weli Ibraimow, der Vorsitzende des Zentra¬ 
len Exekutivkomitees der Autonomen Republik Krim, am 26. September 
1926 ein Interview in der Simferopoler Zeitung »Krasnyj Krym« [»Rote 
Krim«] veröffentlichte, das Ju. Larin, ohne es zu zitieren, als »hetzerischen, 
Pogromstimmung schürenden« Ausfluss »bösartigen bürgerlichen Chau¬ 
vinismus« betitelt, noch dazu hatte Ibraimow Verordnungen und Projek¬ 
te publik gemacht, »die vorläufig nicht für die Öffentlichkeit gedacht 
waren«. Aus diesem Anlass schrieb Larin eine Anzeige an die Zentrale 
Kontrollkommission und an das ZK der Partei (er führt sie stolz in seinem 
Buch an), aufgrund derer Ibraimow »abgesetzt und später erschossen« 
wurde, wonach sich der Zustrom jüdischer Kolonisten auf die Krim 
verstärkte. Bezeichnend für die Methoden des kommunistischen Re¬ 
gimes: Der nicht öffentlichen Verhandlung gegen Ibraimow wurde keine 
politische Anklage zugrunde gelegt, sondern »ruchbar gewordene Verbin¬ 
dungen zu einer Bande von Kulaken und Banditen«, also Banditentum. 143 
Auch »ein gewisser Mustafa, der danach gemeinsam mit Ibraimow 
erschossen wurde« - er war ein Gleichgesinnter Ibraimows und sein 


255 


Kapitel 6 

Stellvertreter im Zentralen Exekutivkomitee —, wurde als Bandit etiket¬ 
tiert. 144 

Die Gerüchte über die beträchtlichen Fördermittel für die jüdischen 
Umsiedler hörten nicht auf. Die Behörden versuchten sie zu zerstreuen. 
Schlagen wir eine Ausgabe der Regierungszeitung aus dem Jahr 1927 auf: 
»Große Hilfe« leisteten »den jüdischen Umsiedlern jüdische Vereine« (dass 
die im Westen saßen, blieb ungesagt), also durchaus nicht der Staat, wie 
getratscht werde. Der Agrarkommissar der Ukraine Schlichter (man er¬ 
innert sich - er war 1905 in der Kiewer Duma jener ganz junge Randa¬ 
lierer 1 ) sah sich zur Widerlegung des Geredes sogar zu einer Reise durch 
die Südukraine veranlasst. (Kampagneartig gehäuft erschienen in jenem 
Sommer nun auch in anderen Zeitungen Artikel über die jüdische Kolo¬ 
nisation.) Es sollte Gerüchten entgegengewirkt werden, »dass die Juden 
selbst das erhaltene Land gar nicht bearbeiten, sondern es weiterverpach¬ 
ten oder Arbeiter anheuern« - Knechte, wie man damals sagte. Also: »Wir 
haben keine [solchen] Fakten vorgefunden«, doch müsse man für alle Fälle 
»den jüdischen Umsiedlern verbieten, ihr Land zu verpachten«. Was das 
Gerede über die Beschäftigung von Arbeitern anging, so beschränkte sich 
Schlichter auf die Erklärung: »Wir [der Volkskommissar und die Kom¬ 
mission] ... haben keine Fälle beobachtet, dass Lohnarbeiter eingesetzt 
wurden.« Alles in allem »muss man der ungesunden Atmosphäre, die um 
die Frage der jüdischen Umsiedelung herum entstanden ist«, mit einer 
»breit angelegten Aufklärungskampagne« gegensteuern. 145 

Der Artikel vermittelt auch einen gewissen Eindruck über die Größen¬ 
ordnung: In das Gebiet Cherson wurden zwischen Ende 1925 und Juli 

1927 »630 jüdische Haushalte« umgesiedelt. 146 In der gesamten Ukraine 
»lebten 1927 35000 Personen in 48 jüdischen Kolonien ...«Auf der Krim 
»lebten 1926 4463 Juden in jüdischen Kolonien ...« l47 Sehr zweifelhaft 
wirkt daneben die Mitteilung, dass in »landwirtschaftlichen Kolonien 

1928 bis zu 220000 Juden gezählt wurden« 148 , oder Larins Behauptung, 
dass es Anfang 1929 200000 gewesen seien. Woher kamen solche Dis¬ 
krepanzen um eine ganze Dezimalstelle ? Dennoch war auch nach Larins 
Angaben 1929 »der jüdische Anteil in der Landwirtschaft treibenden Be¬ 
völkerung ganz geringfügig«, weniger als 0,2% (während er unter den 

1 Vgl. Solschenizyn, Russ.-jüd. Geschichte , S. 360ff. 


256 






Die Zwanziger]ahre 

Händlern in der UdSSR »fast 20%« und in der Gesamtbevölkerung »2% 
Juden betrug«). 149 

Majakowskij sah die Sache so: 


In beharrlicher Arbeit 

bestellt 

auf der Krim 


der Jude 

den steinigen Boden. 


Doch das jüdische Ackerbauprogramm blieb praktisch erfolglos. Viele 
Umsiedler hatten keine eigenständige Motivation zum Bleiben, da die 
Umsiedlung an sich (und der Bau von Häusern) auf Befehl von oben und 
aus Mitteln wesdicher Organisationen erfolgte. Es half nicht einmal, dass 
der Staat selbst »Lohnarbeiter« einsetzte, um die Landwirtschaft für die jü¬ 
dischen Kolonisten in Gang zu bringen: So bearbeiteten zum Beispiel - 
»kaum jemand weiß das« - Traktorenkolonnen der ukrainischen Schewt- 
schenko-Sowchose die Felder der »benachbarten jüdischen Dörfer«. 150 
Obwohl »Ende der 20er-, Anfang der 30er-Jahre jährlich 2000-3000 Fa¬ 
milien auf die Krim umzogen«, lebten »im Ergebnis einer fünfjährigen 
Umsiedlungsarbeit«, als 10-15000 Familien hätten zusammengekom¬ 
men sein müssen, »vielleicht etwa 5000 Familien in den jüdischen Sied¬ 
lungen auf der Krim«. Der Grund lag darin, dass »die Siedler häufig an 
ihre früheren Wohnorte zurückkehrten oder in die Städte der Kr im oder 
anderer Teile der UdSSR abwanderten«. 151 Wir stellen dem Bild dieser 
»Rückumzüge« der 20er- und 30er-Jahre - des »massiven Rückzugs der 
Juden aus der Landwirtschaft in der UdSSR« - den Wegzug aus den jüdi¬ 
schen Ackerbaukolonien des 19. Jahrhunderts gegenüber, nur »eröfifneten 
sich« jetzt »neue Beschäftigungsmöglichkeiten in der Industrie« (sowie in 
der Verwaltung, was im 19. Jahrhundert verboten gewesen war). 152 

Schließlich rückte dann die Kollektivierung heran. Semjon Diman- 
stein, der viele Jahre lang die »Jewsekzija« (Jüdische Sektion beim ZK der 
Partei) geleitet hatte, ein standhafter Kommunist, der alle sowjetischen 
Maßnahmen der 20er-Jahre unbeschadet überstanden hatte, bezog 1930 
plötzlich »in der Presse Stellung gegen die durchgängige Kollektivierung 
in den nationalen Gebieten«. Er wollte die jüdischen Kolonien vor der 


257 


Kapitel 6 


Kollektivierung bewahren, »was ihm eine Verwarnung eintrug«. 153 Die 
Kollektivierung kam trotzdem, »sie schonte auch die frischen Schößlinge 
des jüdischen Ackerbaus nicht«. 154 Fast gleichzeitig fand unter dem 
Schlagwort »Intemationalisierung« eine »Verschmelzung der jüdischen 
Kolchosen mit den nichtjüdischen« statt 155 , und das jüdische Ackerbau¬ 
programm in der Ukraine und auf der Krim gehörte nun endgültig der 
Vergangenheit an. 

Das sowjetische Hauptkolonisierungsvorhaben für die Juden bildete je¬ 
doch bekanntlich Birobidshan, ein zwischen zwei Nebenflüssen des Amur 
und der chinesischen Grenze gelegenes Gebiet, »fast von der Größe der 
Schweiz«. In der Folge sollte es unterschiedliche Schilderungen geben: 
Chruschtschow rühmte es 1956 in einem Gespräch mit kanadischen 
Kommunisten: Die Böden zählten zu den fruchtbarsten im Lande, das 


Klim a sei südlich, »es gibt viel Wasser und Sonne«, »fischreiche Flüsse, rie¬ 
sige Wälder«. Die Zeitschrift »Sozialistitscheskij Westnik« (»Sozialistischer 
Bote«) beschreibt Birobidshan als ein Gebiet, »das von dichter Taiga be¬ 
deckt und zu einem beträchtlichen Teil versumpft ist«. 156 Die »Encyclo- 
paedia Britannica« schreibt: »Ebene mit ausgedehnten Sümpfen, gebiets¬ 
weise Sumpfwald«, aber auch »fruchtbare Böden ... entlang des Amur«. 157 
Das Projekt entstand 1927 im Komitee für die Landansiedlung der 
werktätigen Juden (KomSET) beim Zentralen Exekutivkomitee der 
UdSSR: Man wolle nicht nur »einen bedeutenden Teil der jüdischen Be¬ 
völkerung in eine kompakte Bevölkerung sesshafter Ackerbauern um¬ 
wandeln« (Kalinin), sondern auch, als Gegengewicht zum reaktionären 
Zionismus, eine nationale Heimstatt für die Juden schaffen, die Jüdische 
Autonome Republik, mit einer Einwohnerzahl von zumindest einer hal¬ 
ben Million. 158 (Nicht ausgeschlossen ist auch ein anderes Motiv: Mit der 
Ansiedlung einer gegenüber den Sowjets loyalen Bevölkerung sozusagen 
einen Keil in dieses von feindlich gesinnten Kosaken bewohnte Gebiet 
hineinzutreiben.) 

Die OSET entsandte damals eine wissenschaftliche Expedition nach 
Birobidshan, und 1928 wurde der Beschluss gefasst, vor einem nennens¬ 
werten Zuzug jüdischer Kolonisten mit Vorarbeiten und dem Bau 
von Dörfern zu beginnen (unter Heranziehung der Einheimischen oder 
von Chinesen und Koreanern, die in Form umherziehender Genossen¬ 
schaften arbeiteten). Zeitzeugen berichten, dass die geplante Zuwande- 


258 


Die Zwanzigerjahre 


rung von Juden bei den Alteingesessenen (Transbaikal-Kosaken, die zwi¬ 
schen den 1860er- und den 1880er-Jahren dorthin gezogen waren und in 
der Waldregion bereits die verschiedensten Katastrophensituationen hat¬ 
ten meistern müssen) Bestürzung auslöste. Sie bearbeiteten das Land in 
Brachfeldwirtschaft, die weite Flächen erforderte, und erwarteten nun 
Landbeschränkungen und eine Verminderung ihrer Heuernte und 
Jagdbeute. Eine KomSET-Kommission »hatte in ihrem Bericht einen all¬ 
mählichen Zuzug von ungefähr 35 000 Familien als denkbar genannt ... 
Doch die praktische Inaugenscheinnahme der Region zeigte, dass diese 
Hoffnungen überzogen gewesen waren.« Im März 1928 gab das Zentrale 
Exekutivkomitee der UdSSR Birobidshan fiir die Besiedelung speziell 
durch die Juden frei, und man machte sich sogleich an die Zusammen¬ 
stellung des ersten Siedlerkontingents. Es handelte sich um aus der 
Ukraine und aus Weißrussland stammende »Stadtbewohner, die sich 
überhaupt zum ersten Mal mit Ackerbau befassen sollten« und fiir die Ar¬ 
beit in der Landwirtschaft gar nicht vorbereitet waren. 159 (Ein Köder war, 
dass Umsiedler vom Status der »Personen ohne Rechte« befreit wurden.) 
Der Komsomol führte (in der üblichen krampfhaften Art) »monatliche 
OSET-Veranstaltungen« durch, und Jungpionier-Abordnungen reisten 
im ganzen Land herum, um Spenden für die Birobidshan-Kolonisten zu 
sammeln. 

Die so übereilt losgeschickten Familien trafen vor Ort ein und waren 
entsetzt, welche Bedingungen sie vorfanden. Sie wurden an der Station Ti¬ 
chonkaja (der späteren Stadt Birobidshan) in Baracken untergebracht. 
»Unter den Barackenbewohnern ... gelingt es manchen, Kredite und Dar¬ 
lehen zu erschleichen, die sie jetzt in der Baracke hockend aufzehren, ohne 
nur einmal auf die Äcker hinausgefahren zu sein. Die anderen, die weni¬ 
ger wendig sind, leben in Not.« 160 »Im ersten Arbeitsjahr in Birobidshan 
wurden nur 25 Bauernhäuser gebaut und nur 125 Hektar Land beackert, 
auf keinem einzigen davon wurde etwas ausgesät.« Viele blieben nicht 
lange in Birobidshan: Im Frühjahr 1928 trafen 1000 Arbeiter ein, und 
schon Ende Juli zogen 25% enttäuscht wieder weg. Von den Ankömm¬ 
lingen des ganzen Jahres 1928 »hatten im Februar 1929 bereits mehr als 
die Hälfte Birobidshan wieder verlassen«. 161 Zwischen 1928 und 1933 
kamen über 18 000 Umsiedler an, aber die jüdische Einwohnerzahl wuchs 
nur auf 6000; nach anderen Quellen »ließen sich 1929 nur 14% der 


Kapitel 6 


Juden, die sich eigendich ansiedeln sollten, auf Dauer nieder«. 162 Sie kehr¬ 
ten entweder an ihre früheren Wohnorte zurück oder zogen nach Chaba¬ 
rowsk und Wladiwostok. 

Larin, der Überlegungen, wie die jüdische Kolonisation zu bewerkstel¬ 
ligen sei, etliche mit viel Verstand und Engagement geschriebene Seiten 
widmet, ist indessen empört: »Ein ungutes Aufheben ... wird um Biro- 
bidshan gemacht... Utopien, [dort] könnten eine Million Juden angesie¬ 
delt werden ... Man fasste die Besiedlung fast als nationale Pflicht der sow¬ 
jetischen Juden auf«, »das ist verdrehter Zionismus«, »geradezu eine Na- 
rodniki-Bewegung«. Die internationalen jüdischen Organisationen aber 
finanzierten Birobidshan von Anfang an nicht, da sie es für sich »als zu 
teuer und zu riskant« ansahen. 163 Genauer gesagt, die jüdischen Organi¬ 
sationen im Westen — Agro-Joint, ORT und EKO — wussten mit diesem 
Projekt weit hinten im Fernen Osten nicht das Geringste anzufangen. 164 
An ihm war nichts »Jüdisches«, es war eine Kopfgeburt der Sowjetbüro¬ 
kratie, die auf Biegen und Brechen das ganze Leben des Landes zerstören 
und komplett neu aufbauen wollte. 

* 

Im Leben des sowjetischen Durchschnittsjuden schlug sich fast von den 
Oktobergeschehnissen an bis zum Ende der 20er-Jahre am stärksten die 
Tätigkeit der Jüdischen Sektionen und ihrer Mitglieder nieder. Zusätzlich 
zum staatlichen Jüdischen Kommissariat beim Volkskommissariat für Na¬ 
tionalitätenfragen (es bestand ab Januar 1918 bis einschließlich 1924) 
wurde zügig eine aktive jüdische Organisation im Rahmen der Partei auf¬ 
gebaut. Rasch wurden in den Gouvernements bereits ab dem Frühjahr 
1918 Jüdische Komitees (Jewkom) und Jüdische Sektionen (Jewsekzija) ge¬ 
schaffen, fast schneller als die zentrale jüdische Sektion selbst. Das Milieu: 
fanatische Anhänger der kommunistischen Ideen, oft stürmischer als die 
sowjetischen Machthaber selbst, ihnen in bestimmten Momenten mit 
Projekten zuvorkommend. Zum Beispiel »geschah es auf Betreiben der 
Jewsekzija, dass das Jüdische Kommissariat Anfang 1919 ein Dekret he¬ 
rausgab, welches das Hebräische zur >Sprache der Reaktion und Konter- 
revolutiom erklärte und vorschrieb, den Unterricht an den jüdischen 
Schulen in Jiddisch zu halten«. 163 Beim ZK der Partei gab es das Zentral- 


260 


Die Zwanziger] ah re 


büro der Jüdischen Sektionen, und im ehemaligen Ansiedlungsrayon 
waren viele örtliche jüdische Sektionen tätig. »Der Hauptzweck der jüdi¬ 
schen Sektionen bestand in der kommunistischen Erziehung und Sowje- 
tisierung der jüdischen Bevölkerung, transportiert über das Jiddische als 
Muttersprache.« Von 1924 bis 1928 »unterstand das ganze jüdische Bil- 
dungs- und Kulturwesen den jüdischen Büros der [Republiks-jVolks- 
kommissariate für Bildung«; diese Büros wurden später wegen »über das 
Ziel hinausschießender und gewaltsamer Umstellung auf das Jiddische« 
abgeschafft - und »der Einfluss der Jüdischen Sektionen nahm noch 
zu«. 166 

Die Tätigkeit der Jüdischen Sektionen in den 20er-Jahren war jedoch 
auf ihre Weise widersprüchlich. »Auf der einen Seite standen die außeror- 
dendich aktive Agitations- und Propagandaarbeit für eine kommunisti¬ 
sche Erziehung in jiddischer Sprache und der erbarmungslose Kampf 
gegen den Judaismus, die traditionelle jüdische Erziehung, die jüdischen 
Gemeindestrukturen, gegen die Unabhängigkeit jüdischer Organisatio¬ 
nen, politischer Parteien und Bewegungen, gegen den Zionismus und das 
Hebräische. Auf der anderen Seite standen ihre Bemühungen, einer Assi¬ 
milation entgegenzuwirken, die Förderung des Jiddischen und einer Kul¬ 
tur in jiddischer Sprache, die Einrichtung jüdischer kommunistischer Bil¬ 
dungseinrichtungen und wissenschaftlicher Forschungseinrichtungen 
und ihre Aktivitäten zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der sow¬ 
jetischen Juden.« Dabei »vertraten die Jüdischen Sektionen häufig sogar 
radikalere Positionen als die zentralen Parteiorgane«. 167 

Aus welchen Kreisen rekrutierte sich nun die antizionistische Jewsekzi- 
ja? »Vor allem aus ehemaligen Bundisten und Territorialsten.« 168 Diese 
kamen in großer Zahl als Überläufer oder »frisch zum Kommunismus Be¬ 
kehrte« zur Kommunistischen Partei. Das Ziel der Jewsekzija war, den 
kommunistischen Einfluss auf das russische Judentum zu steigern, mit der 
Vision, eine »sowjetische jüdische Nation« isoliert vom Weltjudentum zu 
schaffen, doch gleichzeitig »wandelte sich die Jewsekzija infolge ihrer Tä¬ 
tigkeit paradoxerweise von einem »technischen Apparat, über den die jü¬ 
dische Bevölkerung »zum Aufbau des Sozialismus< herangezogen werden 
sollte, zu einem Angelpunkt der Konsolidierung jüdischen Lebens in der 
Sowjetunion«. In der Jewsekzija trat eine Spaltung ein: »Die Anhänger 
einer forcierten Assimilierung« standen gegen jene, welche die vielschich- 


261 



Kapitel 6 


tige Betätigung in der jüdischen Bevölkerung als »notwendiges Mittel für 
die Erhaltung des jüdischen Volkes« ansahen. 169 Im »Buch über das russi¬ 
sche Judentum« wird anerkennend hervorgehoben, dass die Tätigkeit der 
Jewsekzija »immerhin unter dem proletarischen Anstrich eine deudiche 
national-jüdische Prägung hatte«. (1926 propagierte zum Beispiel die Jew¬ 
sekzija in Anlehnung an den allgemeinen Slogan der Partei »Den Blick 
aufs Dorf!« einen eigenen Slogan »Den Blick aufs Schtetl!«) »Nicht von 
ungefähr erweckte diese Tätigkeit Resonanz und teilweise auch Billigung 
bei weiten jüdischen Kreisen Polens und der Vereinigten Staaten«; der 
Autor des Beitrags nennt sie im Weiteren »eine Variante des jüdischen Na¬ 
tionalismus in kommunistischem Gewand«. 170 Doch 1926 schränkte die 
Kommunistische Partei die Tätigkeit der Jewsekzija ein und wandelte 
diese in ein »Jüdisches Büro« um. 1930 wurde auch das Jüdische Büro ge¬ 
schlossen, und mit ihm alle nationalen Sektionen innerhalb der Partei. 171 
Die ehemaligen Mitglieder betätigten sich nun unter dem einheitlichen 
Banner des Kommunismus. »Das russische Judentum hatte hiermit alle 
nationalen Ausdrucksformen einschließlich der kommunistischen verlo- 
ren.« 1/z 

Das Ende der Jewsekzija markiert auch die endgültige Auflösung der 
vom »Bund« vertretenen Strömung, »eine eigene nationale Existenz zuzu¬ 
lassen, selbst wenn diese streng genommen der sozialdemokratischen The¬ 
orie zuwiderlief«. 173 Dennoch vermochte die Schließung der Jewsekzija 
sehr viele von den ehemaligen Sektionsmitgliedern und von den anderen 
jüdischen Sozialisten nicht zu ernüchtern. Sie hatten keinen Blick für ihre 
Stammesbrüder, sondern stellten den »Aufbau des Sozialismus« über das 
Wohl ihres Volkes beziehungsweise das eines jeden anderen Volkes: Sie 
blieben im Partei- und Staatsapparat - und diese große Zahl der Dienst¬ 
eifrigen war das, was die Menschen vor allem sahen. 

Egal, ob man es anhand von Statistiken beurteilt oder mit einer großen 
Zahl gleichartiger Beispiele beschreibt - es ist nicht zu bestreiten, dass eine 
mächtige Welle von Juden die Sowjetbürokratie dieser Jahre durchtränk¬ 
te, und dies geschah in einem Staat, der die Freiheit des Wortes, die Frei¬ 
heit des Handels und die Freiheit der Religion unterdrückte, von der 
Würde des Menschen ganz zu schweigen. 

* ’ §f 


262 


Die Zwanziger]ahre 


Der Zustand der jüdischen Kultur in der UdSSR wurde 1923 von der 
Gruppe um Bikerman und Pasmanik mit düsteren Worten bewertet: »Die 
Fluren der jüdischen Kultur sind zur Gänze umgeackert und zerstampft 
worden.« 174 »Das Fundament der nationaljüdischen Kultur ist erschüt¬ 
tert, alles, was uns heilig ist, wurde in den Schmutz gezogen.« 175 S. Dub- 
now sah es 1922 ähnlich, er schrieb »über klägliche Überreste«, ein Bild 
»des Verfalls« und »die Großtaten dumpfer, geistloser Wilder, welche die 
letzten Überreste einer ehemaligen Kultur zerstören«. 176 

Nur die jüdische Geschichtsschreibung entging, wie eine Reihe geneh¬ 
migtet Veröffendichungen zeigt, im ersten Jahrzehnt der Sowjetmacht 
noch dem Todesstoß. Gleich nach der Revolution wurden die staadichen 
Archive zugänglich, einschließlich des Archivs des Polizeidepartements, 
was jüdischen Forschern umfangreiche Zugriffs- und Publikationsmög¬ 
lichkeiten verschaffte, sei es über die Mitwirkung der Juden an der revo¬ 
lutionären Bewegung, sei es über die Pogrome oder über die »Ritual- 
mord«-Prozesse. 1920 entstand die Jüdische Flistorisch-Ethnografische 
Gesellschaft wieder, sie veröffendichte zwei Bände der »Materialien für 
eine Geschichte der antijüdischen Pogrome in Russland«. Später war die 
Gesellschaft »Angriffen vonseiten der Jewsekzija ausgesetzt«, mit ihrer 
Tätigkeit »ging es bergab«, und 1929 wurde sie aufgelöst. An Zeitschrif¬ 
ten erschienen der »Jewrejskij Westnik« [»Jüdischer Bote«] und die 
»Jewrejskaja Letopis« [»Jüdische Chronik«], sie wurden in den Jahren 
1926-1928 eingestellt. Auch Dubnows Zeitschrift »Jewrejskaja Starina« 
[»Jüdisches Altertum«] konnte (nach seiner Emigration aus Russland 
1922) fortgefiihrt werden, bis sie 1930 verboten wurde. Bereits seit 1916 
existierte ein Jüdisches Völkerkundliches Museum, es wurde 1930 ge¬ 
schlossen. 177 

Das Schicksal der jüdischen Kultur in den 20er-Jahren besteht eigent¬ 
lich aus zwei auseinander strebenden Entwicklungslinien, eine für die jid¬ 
dischsprachige und eine andere für die hebräische Kultur. Das Flebräische 
sah sich starkem Druck ausgesetzt und wurde verboten, da die Machtha¬ 
ber in ihm den Träger der Religion wie auch des Zionismus sahen. Vor der 
Konsolidierung der Sowjetmacht, 1917-1919, »waren in Russland über 
180 Bücher, Broschüren und Zeitschriften in hebräischer Sprache er¬ 
schienen« (vor allem in Odessa, aber auch in Kiew und Moskau). Die 
Einstellung, dass »das Schicksal des Hebräischen mit dem Schicksal der 


263 



Kapitel 6 


siegreichen kommunistischen Revolution verknüpft ist«, hielt sich auch 
Anfang der 20er-Jahre »unter jungen Menschen, die sich bemühten, eine 
revolutionäre literarische Tribüne zu schaffen, unter deren Banner sich die 
>kreativen jungen Kräfte des Weltjudentums hätten vereinigen kön- 
nen<«. 178 Doch »auf das nachdrückliche Betreiben der Jüdischen Sektion 
hin erklärte das Jüdische Kommissariat das Hebräische als >reaktionär<«, 
und das Volkskommissariat für Bildung sprach bereits 1919 »für alle Schu¬ 
len das Verbot aus, Hebräisch zu unterrichten. Es begann die Entfernung 
hebräischer Bücher aus den Bibliotheken.« 179 

Der jiddischen Kultur war ein wesendich lebhafteres Schicksal beschie- 
den. Jiddisch war immer noch die Sprache der jüdischen Massen. Wir hal¬ 
ten fest, dass bei der Volkszählung von 1926 noch 73% der Juden »Jid¬ 
disch als Muttersprache angaben« 180 , (eine andere Quelle nennt 66% 181 ), 
dass also die jüdische Masse noch fähig war, weiterhin Trägerin einer Kul¬ 
tur in jiddischer Sprache zu sein. Dies machte sich die Sowjetmacht zu 
Nutzen. Vertraten in den ersten Jahren der Sowjetmacht die Bolschewi¬ 
ken noch vorwiegend die Meinung, die Juden sollten im Schmelztiegel der 
Revolution aufgehen und ihre Sprache und Nationalität hintanstellen, so 
bemühten sich später alle - das Jüdische Kommissariat beim Volkskom¬ 
missariat für Nationalitätenfragen, die Jewsekzija und die Jüdischen Ab¬ 
teilungen bei den Republiks-Volkskommissariaten für Bildung - eine 
sowjetische Kultur in jiddischer Sprache zu kreieren. In den 20er-Jahren 
wurde Jiddisch zu einer der Amtssprachen Weißrusslands erklärt; in Odes¬ 
sa war Jiddisch in den 20er- und noch den 30er-Jahren »die wichdgste 
Sprache in vielen staadichen Einrichtungen«, es gab Gerichtsverfahren 
und zu bestimmten Sendezeiten Radiosendungen in Jiddisch. 182 

»Ab 1923 nimmt die Zahl jiddischsprachiger Schulen in der ganzen 
Sowjetunion rapide zu« (einschließlich Großrussland und Moskau). Ab 
1923 begann eine (bis 1930 dauernde) »Phase systematischer Umstellung 
auf das Jiddische« in den Schulen des ehemaligen Ansiedlungsrayons. 
Zwang spielte mit: Eine Reihe von Schulen wurde auf jiddischen Unter¬ 
richt umgestellt, ohne dass dabei auf die Wünsche der Eltern Rücksicht 
genommen wurde. Während 1923 in der UdSSR 495 jiddische Schulen 
bestanden, in denen 70000 Kinder unterrichtet wurden, waren es 1928 
bereits 900 Schulen, und 1930 waren dort 160000 Schüler erfasst. (Diese 
Zunahme ist auch noch dadurch zu erklären, dass die Ukrainer und Weiß- 


264 


Die Zw einzigerj ahre 


russen zu dieser Zeit die vollständige Kulturhoheit erhielten und nicht 
wollten, dass über jüdische Kinder einer Russifizierung Vorschub geleistet 
würde. Die jüdischen Eltern wiederum wollten nicht, dass ihre Kinder in 
Ukrainisch oder Weißrussisch unterrichtet wurden, russische Schulen 
aber gab es kaum mehr, so blieb keine andere Wahl als der Besuch des jid¬ 
dischsprachigen Unterrichts.) Übrigens wurde in diesen Schulen keine jü¬ 
dische Geschichte unterrichtet, stattdessen gab es das Fach «Klassenkampf 
bei den Juden«. 183 (Genauso wie in den russischen Schulen keine russische 
oder sonstige Geschichte unterrichtet wurde, sondern nur »Gesellschafts¬ 
kunde«.) Ganz allgemein fand im Lauf der 20er-Jahre »eine allmähliche 
Verdrängung sogar jener wenigen Elemente echt jüdischer Bildung aus 
dem Lehrplan der sowjetischen jüdischen Schule statt, die dort noch vor¬ 
handen gewesen waren«. Anfang der 30er-Jahre »wurde der relativ auto¬ 
nom funktionierende Verwaltungsbereich der sowjetischen jüdischen 
Schule dann endgültig abgeschafft«. 184 

Seit dem Jahr 1918 bestanden unabhängige jüdische Hochschulen: die 
Jüdische Volksuniversität (ENU) in Moskau (bis 1922) sowie die Petro- 
grader Jüdische Volksuniversität (PENU), die 1920 in das Petrograder 
Institut für höhere jüdische Bildung (1WES) umgewandelt wurde; einer 
ihrer Gründer und späterer Rektor war Semjon Losinskij. »An ihm wirk¬ 
te eine Reihe hervorragender Wissenschafder, die eine große Zahl jüdi¬ 
scher Studenten ausbildeten.« Von »Joint« unterstützt, hielt sich das IWES 
bis zum Jahr 1925. Jüdische Abteilungen wurden an den Pädagogischen 
Fakultäten der Weißrussischen Universität (1922) und bei der 2. Mos¬ 
kauer Staatlichen Universität (1926) eingerichtet. Auch die Zentrale Jü¬ 
dische Parteischule (ZEPSch) mit jiddischsprachigem Unterricht (ab 
1921) soll nicht unerwähnt bleiben. Einen zusätzlichen Pfeiler des jüdi¬ 
schen Bildungssystems stellten spezielle pädagogische Fachschulen dar, 
und es bestanden über 40 Fachschulen für Berufe in der Industrie und 
Landwirtschaft. 185 

Die jüdische Kultur existierte also weiter und erhielt sogar keine gerin¬ 
ge Unterstützung - aber in einem kommunistischen Rahmen, in dem die 
Tiefen der jüdischen Geschichte nicht erschlossen wurden. Im Hinter¬ 
grund ging indessen die vollständige Zerschlagung der russischen Ge¬ 
schichtswissenschaft und Philosophie vor sich, begleitet von der Festnah¬ 
me von Wissenschaftlern. 


265 




Kapitel 6 


Man sollte die jüdische Kultur der 20er-Jahre exakter eigentlich als sow¬ 
jetische, »proletarische« Kultur in jiddischer Sprache bezeichnen. Für eine 
solche Kultur wurden auf Staatskosten Zeitungen und Theater eingerich¬ 
tet. 40 Jahre später zeichnet das »Buch über das russische Judentum« 
durchaus kein düsteres Bild von der Lage der jüdischen Kultur in der 
UdSSR während der Frühzeit der Sowjetherrschaft. In Moskau bestand 
weiterhin (bis in die 40er-Jahre hinein) eine Abteilung der weltweiten Jü¬ 
dischen Nachrichtenagentur (ETA) - sie war übrigens als einzige Nach¬ 
richtenagentur einer sowjetischen Nationalität nicht in der TASS aufge¬ 
gangen - und übermittelte ihre Nachrichten ins Ausland (natürlich unter 
sowjetischer Zensur). Es erschienen auch jiddische Zeitungen, von denen 
die wichtigste, das Moskauer Jewsekzija-Organ »DerEmes« [»Wahrheit«], 
von 1920 bis 1938 existierte. (1928 gab es laut Dimanstein 34 jiddisch 
publizierende Verlage.) 

Jiddische Literatur wurde gefördert, allerdings nur jene mit der Aus¬ 
richtung, den Leser von der historischen Vergangenheit der Juden abzu¬ 
koppeln. »Vor dem Oktober« - das hatte nur ein düsterer Prolog zur Epo¬ 
che des Glücks und der Blüte zu sein. Alles Religiöse sollte abschätzig dar¬ 
gestellt und im sowjetischen Juden der »neue Mensch« gesucht werden. 
Trotz allem erschien dies einigen namhaften jüdischen Schriftstellern, die 
nach der Revolution emigriert waren, so verlockend, dass sie begannen, in 
die UdSSR zurückzukehren: 1925 der Dichter David Hofstein (obwohl 
»auf ihm immer der Verdacht des >Nationalismus< lastete«) und Lejb Kwit- 
ko (»kam in der sowjetischen Umgebung gut zurecht und erwies sich als 
ein sehr produktiver Dichter«), 1926 Perez Märkisch (»aufgeschlossen für 
die offizielle Thematik, macht sich die Anforderungen der Parteilinie zu 
Eigen«), 1928 Moissej Kulbak und Der Nister (Pinhas Kaganowitsch, er 
tat sich später mit dem Roman »Die Brüder Maschber« hervor — »das am 
wenigsten sowjetische und innerlich freieste jüdische Prosawerk in der 
Sowjetunion«). 1929 kam David Bergelson und »begann den Macht¬ 
habern seinen Tribut zu zollen«: »Die Revolution hat ein Anrecht auf 
Grausamkeit.« 186 (Das sollten er, Märkisch und Kwitko 1952 noch am 
eigenen Leibe verspüren.) 

Die hebräischsprachige »bürgerliche« Kultur wurde unterdrückt. Eine 
Schriffstellergruppe mit Ch. N. Bjalik an der Spitze emigrierte 1921 nach 
Palästina. Eine andere »hebräisch schreibende Schriftstellergruppe be- 


266 


Die Zwanzigerjahre 


stand noch bis Mitte der 30er-Jahre. Gelegentlich erschienen Werke ihrer 
Mitglieder« in ausländischen Zeitschriften. »Einige dieser Autoren wur¬ 
den schon bald festgenommen und verschwanden spurlos, anderen gelang 
es, die Sowjetunion zu verlassen.« 187 

Was die russischsprachige jüdische Kultur betraf, so wurde sie von den 
Funktionären der Jewsekzija als »Produkt der Assimilationspolitik der 
Machthaber im vorrevolutionären Russland« dargestellt. Unter den Jid¬ 
disch schreibenden Autoren kam es wie in der gesamten sowjetischen Li¬ 
teratur in der zweiten Hälfte der 20er-Jahre zur gegenseitigen Abgrenzung 
von »proletarischen« Schriftstellern und »Mitläufern«. Die namhaftesten 
jüdischen Schriftsteller wanderten in die russischsprachige sowjetische Li¬ 
teratur ab. 188 (Diese wird wegen ihres Umfangs hier nicht behandelt.) 

Seit 1921 erlebten die vom Staat getragenen Jüdischen Kammerspiele, 
in denen auf Jiddisch gespielt wurde und deren künsderisches Niveau 
außergewöhnlich hoch war, eine Blütezeit. Mitte der 20er-Jahre reiste die¬ 
ses Theater (das sich ab 1925 Staatliches Jüdisches Theater - GOSET - 
nannte) bereits zu Gastspielen in Europa, was das Ansehen der Kommu¬ 
nisten in den Augen des Weltjudentums ungemein steigerte. Selbstver¬ 
ständlich wurden auch hier die Lebensweise und der religiöse Alltag in den 
jüdischen Schtedn vor der Revolution durch den Kakao gezogen. In die¬ 
sem Theater erlangte der Schauspieler Michoels bald große Berühmtheit 
und wurde 1928 zum Direktor ernannt. 189 

Komplizierter verlief die Geschichte eines anderen Theaters, des hebrä¬ 
ischen Habima-Theaters, das bereits vor den Oktoberereignissen entstan¬ 
den war. Zunächst von Lunatscharskij, Gorkij und Stanislawskij unter¬ 
stützt, wurde es später von der Jewsekzija als »zionistisches Nest« ge¬ 
brandmarkt, und für sein Weiterbestehen war eine Genehmigung Lenins 
nötig. Das »Habima« wurde verstaatlicht. Es war »die letzte winzige Insel 
des Hebräischen in der Sowjetunion, doch stand bereits fest, dass es keine 
Zukunft hatte«. 190 (Der Theaterkritiker aus der Zeit des alten Russland A. 
Kugel warf dem »Habima« auch noch vor, sich vom jüdischen Alltag und 
vom spezifisch jüdischen Geist entfernt zu haben. 191 ) 1926 ging das En¬ 
semble auf Tournee ins Ausland und kehrte von dort nicht mehr zurück, 
kurze Zeit später löste es sich auf. 192 

Im Gegensatz dazu rief das oben genannte Staadiche Jüdische Theater 
in jiddischer Sprache »einen wahren Boom der jüdischen Theaterkunst in 


267 



Kapitel 6 


der UdSSR hervor. Anfang der 30er-Jahre gab es im Land 19 professio¬ 
nelle jiddische Theater ... Dem GOSET in Moskau war eine jüdische 
Fachschule für Theater angeschlossen, und in Kiew und Minsk gab es je¬ 
weils ein Studio für jüdische Dramenkunst.« 193 Außerdem existierte in 
Moskau in den 20er-Jahren das jüdische Studiotheater »Freikunst«. 

Hier sollte auch das wie ein Theaterstück anmutende Schicksal des 
glücklosen »jüdischen Gogol« Semjon Juschkewitsch erwähnt werden, das 
diesen postum ereilte. 1926 erschien sein Buch »Episoden«, »in dem das 
Verhalten jüdischer Bourgeois in der Revolutionszeit verspottet wurde«. 
Juschkewitsch starb 1927, und 1928 verbot die sowjetische Zensur das auf 
Motiven dieses Werks beruhende Theaterstück »Simka, das Hasenherz«. 
Es war ein antibürgerliches Stück - was war denn nun wieder verkehrt? 
»Die ganze Handlung spielte in jüdischem Milieu«, dessen »Dummheit, 
Feigheit und Raffgier« verlacht wurden. Die Zensur verbot das Stück, 
»weil sie antisemitische Stimmungen befürchtete«. 19,1 

* 



In welchem Zustand befanden sich indessen in der UdSSR die Organisa¬ 
tionen der Zionisten? Sie waren für die kommunistischen Machthaber 
von Grund auf inakzeptabel und wurden der »Kooperation mit der En¬ 
tente« und mit »dem Weltimperialismus« beschuldigt. Dennoch musste 



man - eben weil sie international anerkannt waren - Zurückhaltung im 
Umgang mit ihnen an den Tag legen. 1920 erklärte ihnen die Jewsekzija 
den »Bürgerkrieg auf der jüdischen Straße«. Die Repressalien gegen die 
Zionisten wurden durch das Verbot des Hebräischen noch verschärft. 
Doch »der antizionistische Druck war nicht allgegenwärtig und nicht hart 
genug«, sprich: »langjährige Gefängnishaft und Deportation waren ver¬ 
hältnismäßig selten«. Die rechtsgerichteten Zionisten wurden im Früh¬ 
jahr 1920 durch kurzzeitigen Freiheitsentzug eingeschüchtert, aber zum 
1. Mai amnestiert. »Die halbherzige Politik des Kreml« zeigte sich auch in 
den Verhandlungen (Februar 1921) mit den Vertretern des Zionistischen 
Weltkongresses. Tschitscherin antwortete auf die Gesuche dieser Leute 
nicht mit einem glatten Nein. Die Sowjetmacht »war noch nicht bereit, 
den Zionismus endgültig an den Pranger zu stellen«, wie es ihre Jüdische 
Sektion schon tat, zumal zu Beginn der NÖP »mit dem allgemeinen 


268 





Die Zwanziger]ahre 



Nachlassen des Drucks der Verwaltung auch den zionistischen Gruppen 
eine gewisse Verschnaufpause gewährt wurde«. 193 Interessanterweise 
schrieb Dsershinskij 1923: »Das Programm der Zionisten stellt keine Ge¬ 
fahr für uns dar, ich halte es im Gegenteil eher für nützlich«, und 1924: 
»Wir könnten im Prinzip Freunde der Zionisten sein.« 196 In Moskau 
konnte sich von 1920 bis 1924 das Zentrale Zionistische Büro halten. Im 
März 1924 wurden seine Mitglieder verhaftet, und nur dank starker Für¬ 
sprache im In- und Ausland wurde für sie die Deportation nach Zentral¬ 
asien in eine Ausweisung ins Ausland umgewandelt. 197 Bereits »1923 
waren in der Sowjetunion nur noch zwei Zionistenorganisationen er¬ 
laubt«, nämlich Poale Zion sowie der »legale« Teil der Jugendorganisation 
»Hechaluz« [»Pionier«], mit dem Ziel der landwirtschaftlichen Koloni¬ 
sierung Palästinas, wofür vorbereitend noch in der UdSSR Praktika in 
Kolchosen organisiert wurden; 1924—1926 gaben sie eine Zeitschrift 
heraus. 198 Sogar der linke Flügel der sozialistischen zionistischen Partei 
Ze’ire Zion (»Junge Zionisten«) schlug nun gegenüber den Bolsche¬ 
wiken einen immer schärferen Ton an. Im Frühjahr 1924 gab es in diesem 
Kreis so viele - wenn auch kurzzeitige - Festnahmen, dass es epidemische 
Ausmaße annahm. Danach gingen sie in den Untergrund - und diese 
Untergrundbewegung wurde erst Ende der 20er-Jahre endgültig zerschla¬ 
gen. 

Wenn wir die Spuren von Ze’ire Zion und ihrer bedeutenden Jugend¬ 
organisation (Kiew, Odessa) verfolgen, können wir etwas von der Atmo¬ 
sphäre dieses Untergrunds erahnen. Hier »lief die Parole um: Jüdisches 
Blut darf nicht zum Schmierstoff für die Räder der Revolution werden.<« 
Hinsichtlich der Sowjetmacht »nahm man die Haltung ein, die Herrschaft 
der Sowjets formell anzuerkennen, gleichzeitig aber wurde der Kampf 
gegen die Diktatur der Kommunistischen Partei proklamiert«. Die 
Hauptstoßrichtung der Agitationsarbeit ging gegen die Jewsekzija. »Be¬ 


sonders heftig agitierte man insbesondere gegen die Umsiedelung aus den 
Schtedn in Agrargebiete (auf der Krim)«, in der ein Verstoß gegen die »na¬ 
tionale Eigenart« gesehen wurde. Einige dieser jungen Zionisten kamen in 
Sondergefängnisse für politische Häftlinge. Ab Anfang 1926 wurde die 
Partei schwächer und löste sich auf. 199 

Im September und Oktober 1924 peitschte über die Zionisten eine 
Verhaftungswelle hinweg. Ein Teil von ihnen wurde in nicht öffentlichen 


269 



Kapitel 6 


Verfahren zu Lagerstrafen zwischen drei und zehn Jahren verurteilt. 1925 
erhielten die zionistischen Delegierten dann wieder Versicherungen sei¬ 
tens des AUunions-Zentralexekutivkomitees (Smidowitsch) sowie des 
Sownarkom (Rykow) und sogar seitens der GPU (Menshinskij und Deri- 
bass), dass diese nichts gegen die Zionisten hätten, »da sie nicht die jüdi¬ 
sche Bevölkerung gegen die Sowjetmacht aufhetzten«. 200 

1924 forderte Pasmanik: »Zionisten, orthodoxe und nationalistisch 
eingestellte Juden müssten in den ersten Reihen jener stehen, die gegen 
die Sowjetmacht und die bolschewistische Weltanschauung kämpfen.« 201 
Doch es kam weder zu einem solchen Schulterschluss noch zu einer ersten 
Reihe ... 

In der zweiten Hälfte der 20er-Jahre nahmen die Repressalien gegen die 
Zionisten wieder zu; die Fälle, in denen ein Urteil in eine Ausweisung aus 
der UdSSR umgewandelt wurde, wurden deudich seltener. »1928 lösten 
die Behörden« die bis dahin halblegale Poale Zion auf, liquidierten den 
»legalen« Hechaluz und »schlossen die ihm gehörenden Farmen. Zur sel¬ 
ben Zeit wurde fast allen zionistischen Untergrundorganisationen der 
Garaus gemacht.« Möglichkeiten, das Land zu verlassen, wurden nach 
1926 »systematisch verringert«. Ein Teil der Zionisten blieb in Haft oder 
in der Verbannung. 202 


Doch welches Massenphänomen die Integration junger Juden aus den 
Städten in die kommunistische und sowjetische Kultur und deren Akti¬ 
vitäten auch sein mochte - nicht weniger hartnäckig war auch der Wider¬ 
stand, den das spiritueller ausgerichtete Judentum, die größtenteils etwas 
ältere, im ehemaligen Ansiedlungsrayon lebende jüdische Bevölkerung 
diesem entgegensetzte. Die Partei hatte mit der Jewsekzija einen Felsen in 
diese Umgebung gerückt und übte damit Druck aus. »Man musste sich in 
einer Stadt aufhalten, die ganz jüdisch gewesen war, in Minsk etwa oder 
in Witebsk, um zu sehen, wie alles, was es im Judentum Wertvolles, Ver¬ 
ehrtes und Ehrwürdiges gegeben hatte, nun keinen Rang mehr hatte und 
von Armut, Leid und Hoffnungslosigkeit erdrückt wurde; wie sittenlose, 
leichtfertige und unverschämte Leute in die vordersten Reihen und an die 
vordersten Plätze vorrückten.« 203 Die bolschewistische Macht wurde zum 


270 


Die Zwanzigerjahre 



Träger einer »beängstigenden materiellen und moralischen Aushöhlung 
... auch in unserem jüdischen Milieu«. 204 »Die Massen jüdischer Bol¬ 
schewiken einerseits und jüdischer NÖP-Reicher andererseits sind ein 
ziemlich düsterer Hinweis auf den tief greifenden kulturellen Verfall des 
Judentums. Und wenn im russischen Volk eine radikale Heilung erhofft 
wird, indem die religiösen und ethischen Grundlagen des Lebens der Na¬ 
tion und des Staates wiederhergestellt werden, so muss auch das Denken 
der Juden in dieser Richtung arbeiten.« 205 

Dies tat es auch. Wie intensiv und erfolgreich aber, darüber gehen die 
Angaben auseinander. Ein anderer Zeitgenosse ist der Meinung, dass »die 
jüdische Gesellschaft entweder Steuer und Segel vollständig verloren hatte 
oder ganz verwirrt war und aufgrund dieser Verwirrung geistig und see¬ 
lisch vor den Vorgängen zurückwich und wegblickte« - im Gegensatz zur 
russischen Gesellschaft, in der es immerhin Widerstand gab, »wenn auch 
ungeschickt und ohne großen Erfolg«. 206 »Ende 1920 und Anfang der 
30er-Jahre fand im russischen Judentum in großem Ausmaß ein Abwen¬ 
den von der traditionellen Lebensweise statt.« 207 Später heißt es: Das Ju¬ 
dentum Russlands »hat sich in den letzten 20 Jahren [geschrieben 1933] 
mehr und mehr von seiner historischen Vergangenheit abgewandt, ... der 
jüdische Geist und die jüdische Tradition wurden abgetötet«. 208 Noch ei¬ 
nige Jahre später, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, liest man: »Mit der In- 
thronisierung der bolschewistischen Diktatur in Russland hat der Kampf 
der Väter und Söhne auf der jüdischen Straße besonders erbitterte Formen 
angenommen.« 209 

M. Agurskij erinnert 50 Jahre später, bereits in Israel, zurückblickend 
daran: Die Missgeschicke, welche die Juden infolge der Revolution ereil¬ 



ten, gingen zu einem großen Teil darauf zurück, dass die sowjetische jü¬ 
dische Jugend sich von der Religion und der jüdischen Kultur lossagte, auf 
den »ausschließlichen Einfluss der kommunistischen Ideologie« ... »Das 
massenweise Eindringen von Juden in alle Bereiche des russischen Lebens« 


und in die sowjetische Führungsspitze während der ersten 20 Jahre nach 
der Revolution erwies sich für die Juden als wenig konstruktiv und als 
schädlich.« 210 

Schließlich schrieb eine Autorin in den 1990er-Jahren: »Die Juden 
waren die Elite der Revolution, und sie waren ihre Gewinner. Dies ist 
eine besondere Seite der russischen international-sozialen Revolution. 


271 



Kapitel 6 


Darüber hinaus wurde das Judentum im Laufe der Modernisierung 
politisch bolschewisiert und sozial sowjetisiert: die jüdische Gemein¬ 
schaft als ethnisches, religiöses und nationales Gebilde verschwand spur¬ 
los.« 211 

Die jüdische Jugend, die in den Bolschewismus abgewandert war, war 
von ihrer neuen Rolle und ihren Machtmöglichkeiten berauscht. Manche 
sagten sich dabei sogar begeistert von ihrer Volkszugehörigkeit los. Doch 
dieses Überschwenken zum Internationalismus und zu einem hem¬ 


mungslosen Atheismus war keine Assimilation in jenem alten Sinn, wie sie 
das Judentum jahrhundertelang gefürchtet hatte, nämlich als Aufgehen in 
der Kultur der Mehrheit, von der die Juden umgeben waren. Nein, diese 
Jugendlichen strebten einfach dorthin, wonach die ganze Jugend strebte: 
ein neues sowjetisches Volk zu schaffen. Nur eine kleine Strömung fiel M. 
Agurskij auf- Menschen, die sogar den russisch-orthodoxen Glauben an¬ 
genommen hatten, gleichzeitig aber die »politischen Formen des Bolsche¬ 
wismus zu erhalten wünschten«, wie zum Beispiel der Rechtsanwalt Ja. 
Gurowitsch, der den Metropoliten Wenjamin 1922 bei dessen Prozess ver¬ 
teidigte, in dem die Todesstrafe verhängt wurde. 212 Nur diese Menschen 
strebten wirklich danach, sich in der russischen Kultur aufzulösen und 
können als Assimilanten bezeichnet werden. In der »Jüdischen Enzyklo¬ 
pädie« steht jetzt über die jüdischen Mitarbeiter »des Partei- und Staats¬ 
apparats, der wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und sogar militärischen 



Behörden und Einrichtungen«, dass »die meisten von ihnen ihre jüdische 
Herkunft nicht verbargen, doch nahmen sie und ihre Familien rasch die 
russische Kultur und Sprache an, und ihre Zugehörigkeit zum Judentum 
verlor bald jeglichen kulturellen Inhalt«. 213 Ja, diesen Leuten ging etwas 
von der Kultur, die sie großgezogen hatte, verloren; ein »sowjetischer 
Mensch« wurde geschaffen, doch die folgenden Jahrzehnte zeigten, dass 
in ihnen doch auch ein Rest jüdischen Selbstverständnisses erhalten ge¬ 
blieben war, dass ein solcher nicht vernichtet worden war. 

Gerade in diesen 20er-Jahren, beispielsweise 1924-1926, waren im 
Landesdurchschnitt ungeachtet des forcierten Internationalismus nur 
6,3% aller von Juden geschlossenen Ehen Mischehen (»Juden mit Russen 
oder anderen Nichtjuden«). In der Russischen Föderation machten sie 
16,8% aus, doch in Weißrussland nur 2,8% und in der Ukraine 4,5% 214 
(nach einer anderen Quelle waren es im Jahr 1926 im Landesdurchschnitt 


272 


Die Zwanzigerjahre 


8,5%, in der RSFSR 21%, in Weißrussland 3,2% und in der Ukrai¬ 
ne 5% 215 )- Die Assimilation und Verschmelzung hatte gerade erst begon¬ 
nen. 

* 

Wie war unter diesen neuen Umständen die Lage des mosaischen Glau¬ 
bens? Generell einer jeden Religion feindlich gesonnen, zeigte sich die bol¬ 
schewistische Macht zunächst, in den Jahren ihres Großschlags gegen die 
Russische Orthodoxe Kirche, zurückhaltend und tolerant gegenüber der 
Glaubenspraxis der Juden. »Im März 1922 teilte die Zeitung >Der Emes< 
mit, die Agitations- und Propagandaabteilung des ZK werde religiöse Ge¬ 
fühle nicht beleidigen ... In den 20er-Jahren erstreckte sich diese Toleranz 
nicht auf das orthodoxe Christentum, das die Machthaber wie einen der 
Hauptfeinde der sowjetischen Ordnung behandelten.« 216 Die Kampagne 
zur Konfiskation von Kirchenschätzen der orthodoxen Kirche berührte 
allerdings auch die Synagogen. Je. Jaroslawskij schrieb in der »Iswesnja« 
den Artikel »Was in den Synagogen zu holen ist«: »Sehr häufig sagen die 
Rabbiner, dass es in den Synagogen keine Schätze gibt. Für gewöhnlich 
stimmt dies auch ... Die Wände sind meist kahl. Doch manchmal sind 
die siebenarmigen Leuchter aus Silber. Sie müssen unbedingt beschlag¬ 
nahmt werden.« Drei Wochen zuvor wurden »im jüdischen Bethaus in der 
Spas-Glinischtschew-Gasse ... 16 Silberobjekte beschlagnahmt«, in der 
benachbarten Choralsynagoge waren es »57 silberne und 2 goldene 
Gegenstände«. Jaroslawskij schlug außerdem vor, man könne die Käufer 
teurer Plätze in den Synagogen progressiv besteuern. (Diese Maßnahme 
wurde offensichtlich nicht verwirklicht.) 217 

Indessen »forderten die Funktionäre der Jewsekzija die oberste Führung 
auf, gegenüber der jüdischen Religion die gleiche Politik wie gegenüber 
dem Christentum zu praktizieren«. 218 Bereits 1921 inszenierte die Jew¬ 
sekzija am jüdischen Neujahrstag in Kiew eine »öffendiche Gerichtsver¬ 
handlung über die jüdische Religion«. Das »Buch über das russische Ju¬ 
dentum« beschreibt diese Verhandlung und andere »Schauprozesse« der 
Jahre 1921 und 1922: In Witebsk ging es um den Cheder, in Rostow um 
die Jeschiwa und in Odessa sogar um den Tag des Jüngsten Gerichts. Be¬ 
wusst wurden diese Prozesse in Jiddisch gehalten, und die Jewsekzija hatte 


273 



Kapitel 6 

sichergestellt, dass über den Glauben jüdische Bolschewiken »zu Gericht 
saßen«. 

Die Religionsschulen wurden behördlich verboten. Im Dezember 
1920 kam ein Rundschreiben der Jüdischen Abteilung des Volkskommis¬ 
sariats für Bildung über das Verbot der Chadarim und Jeschiwot heraus. 
»Doch der Cheder führte noch viele Jahre lang ein Untergrunddasein« 219 , 
es existierte »eine große Zahl halblegaler Chadarim und Jeschiwot«. »Un¬ 
geachtet des Verbots der religiösen Erziehung waren die 20er-Jahre ins¬ 
gesamt die liberalste Periode für das religiöse Leben der Juden in der 
UdSSR.« 220 

Natürlich wurden »auf Bitten der werktätigen Juden«, wiederholt Ver¬ 
suche unternommen, Synagogen zu schließen, doch dies »stieß auf erbit¬ 
terten Widerstand der Gläubigen«. Immerhin »wurden in den 20er-Jah- 
ren die zentralen Synagogen in Witebsk, Minsk, Gomel, Charkow und 
Bobrujsk geschlossen«. 221 Die zentrale Moskauer Synagoge an der Maros- 
sejka »blieb den Gläubigen dank einem Gesuch des Rabbiners Mase vor 
Dsershinskij und Kalinin erhalten« 222 , doch wurde 1926 in Kiew »die 
Choralsynagoge geschlossen, in ihren Räumlichkeiten spielte nun das jü¬ 
dische Kindertheater«. 223 Aber die »Mehrzahl der Synagogen bestand wei¬ 
ter. So waren 1927 in der Ukraine 1034 Synagogen und Bethäuser geöff¬ 
net«, und »die Zahl der Synagogen war Ende der 20er-Jahre im Vergleich 
zu 1917 sogar angestiegen«. 224 

Die Machthaber versuchten auch, das Programm »Lebendige Synago¬ 
ge« (nach dem Vorbild der »Lebendigen Kirche« 1 bei den Orthodoxen) 
durchzuziehen; in einer solchen Synagoge »wurde ein Porträt Lenins an 
einem gut sichtbaren Platz aufgehängt«. Man versuchte auch »rote Rab¬ 
biner« und mit den Kommunisten sympathisierende Rabbiner einzufiih- 
ren, doch »daraus wurde nichts; es gelang nicht, im jüdischen Milieu ein 
Schisma unter den Gläubigen hervorzurufen«. 225 »Eine erdrückende 
Mehrheit der gläubigen Juden war entschieden gegen die »Lebendige Sy¬ 
nagoge^ darum scheiterten die Pläne der sowjetischen Machthaber ... 
letzten Endes.« 226 

1 »Lebendige Kirche«: der Hauptteil der von der bolschewistischen Macht unter¬ 
stützten Bewegung der »Erneuerer« in der Russischen Orthodoxen Kirche. 1922 
konstituiert, versuchte sie die Kirche zu zersetzen und gleichzuschalten; kurz 
nach 1945 brach sie endgültig auseinander. 


274 


Die Zw einzigerj ahre 


Ende 1930 wurde eine Gruppe von Rabbinern aus Minsk verhaftet. Sie 
»wurden nach zweiwöchiger Haft auf freien Fuß gesetzt. Zuvor hatte man 
sie gezwungen, einen von GPU-Mitarbeitern aufgesetzten Brief zu unter¬ 
zeichnen.« 227 Es hieß dort, dass 1) der jüdische Glaube in der UdSSR nicht 
verfolgt werde, »wie es noch im zaristischen Russland der Fall war«, und 
2) in der Sowjetzeit kein einziger Rabbiner erschossen worden sei. 

In jüdischen Gebieten wurde außerdem »versucht, den Sonntag oder 
den Montag zum Ruhetag zu erklären; in den Schulen wurde auf Forde¬ 
rung der Jewsekzija am Samstag Unterricht gehalten, Ruhetag war der 
Sonntag«. (Bald, 1929, erwartete alle die »Fünftagewoche« und die 
»Sechstagewoche« mit gleitendem Ruhetag an jedem fünften beziehungs¬ 
weise sechsten Tag. So verloren sowohl die Christen den Sonntag als auch 
die Juden den Sabbat.) Die Mitarbeiter der Jüdischen Sektionen brüllten 
an Feiertagen vor den Synagogen laut herum, in Odessa »drangen sie in 
die Brodskij-Synagoge ein ... und aßen demonstrativ Brot vor den Augen 
der fastenden Betenden«. Sie veranstalteten auch »Jomkippurniks« (ähn¬ 
lich den »Subbotniks« und »Woskresniks« 1 ) am höchsten Feiertag der 
Juden. »An Feiertagen, insbesondere bei der gleichzeitigen Schließung der 
Synagogen, fanden Beschlagnahmungen von Gebetsmänteln, Thorarol¬ 
len, Gebetsbüchern und religiösen Schriften statt.« »Die Einfuhr von Mat¬ 
zen aus dem Ausland ... wurde bald erlaubt, bald verboten« 228 , wobei »die 
Behörden ab 1929 erhöhte Steuern auf das Backen von Matzen forder¬ 
ten«. 229 Larin vermerkt »die erstaunliche Genehmigung«, für das Pessach- 
Fest 1929 Matzen aus Königsberg für die Moskauer Synagogen einzufüh¬ 
ren. 230 

In den 20er-Jahren brachten private Druckereien noch religiöse jüdi¬ 
sche Literatur heraus. »In Leningrad gelang es Chassiden aus der Chabad- 
Bewegung 11 , Gebetsbücher in mehreren Ausgaben - jede mit einer Aufla¬ 
genstärke von mehreren Tausend - zu drucken«, und der Leningrader 
Rabbiner D. Kazenelson wurde im Verlag »Krasnyj Agigator« (»Roter Agi¬ 
tator«) verlegt. Im Lauf der 20er-Jahre wurden jüdische Kalender heraus¬ 
gegeben, die »in einer Stückzahl von mehreren Zehntausend vertrieben 

I »Subbotniks«, »Woskresniks«: verpflichtende, unbezahlte Arbeitseinsätze an 
Samstagen oder Sonntagen 

II Chabad: Abkürzung für »Weisheit, Verstand, Wissen« 


275 


Kapitel 6 


wurden«. 231 Mehr noch: »Die jüdische Gemeinde war die einzige religiö¬ 
se Gemeinschaft [in Moskau], der in den 20er-Jahren gestattet wurde, 
neue Sakralbauten zu errichten«: eine zweite Synagoge in der Zweiten Wy- 
scheslawzew-Gasse in der Nähe des Suschtschewskij-Walls und eine drit¬ 
te in Tscherkisowo. Diese drei Synagogen blieben den Moskauer Gläubi¬ 
gen in den 3Oer-Jahren erhalten.« 232 

Doch »junge jüdische Schriftsteller und Dichter ... schrieben voller Be¬ 
geisterung über leer stehende Synagogen, über den einsamen Rebbe, der 
niemanden mehr zum Unterrichten hatte, über Bengel aus den Schtetln, 
aus denen gefürchtete Rote Kommissare wurden«. 233 

Was wir auch sahen: Wie russische Komsomolzen während der öster¬ 
lichen Liturgie herumtobten, wie sie den Gläubigen Kerzen und geweih¬ 
te Osterkuchen aus der Hand schlugen und wie sie dann die Kreuze von 
den Kuppeln herabstürzten. Tausende prächtiger Kirchen, die zu Ziegel¬ 
steinen zerschlagen wurden, Tausende Geistlicher, die erschossen wurden, 
und Tausende, die im Lager Steine schleppten. 

Wir alle haben in jenen Jahren Gott aus unserer Mitte verjagt. 

* 

Von den frühen Jahren der Sowjetmacht an taten sich vor der jüdischen 
Intelligenzija und ihrer Jugend weit und segensspendend die Tore zur Wis¬ 
senschaft und zur russischsprachigen Kultur auf. Die sich eröffnenden 
Wege waren breit, inhaltlich war der Rahmen - typisch sowjetisch - aller¬ 
dings ziemlich eng. (In den ersten Jahren war Olga Kamenewa, die 
Schwester Trotzkijs, die Patronin der kulturellen Elite.) 

Bereits 1919 »strömte die jüdische Jugend in ungeheurer Zahl« zum 
Film - jener Kunstform, deren »sofortige agitatorische Einwirkung« zur 
psychologischen Steuerung der Massen Lenin gerühmt hatte. »Viele von 
ihnen leiteten Filmstudios, aber auch republikanische oder zentrale Be¬ 
hörden, die für die Filmwirtschaff zuständig waren, oder Ausbildungs¬ 
zentren und Filmteams.« (B. Schumjazkij, einer der Gründer der Mongo¬ 
lischen Republik, und S. Dukelskij waren zu verschiedenen Zeitpunkten 
Leiter der Hauptverwaltung für Filmindustrie. 234 ) Beeindruckende Leis¬ 
tungen des frühen sowjetischen Filmschaffens können fraglos als jüdischer 
Beitrag gelten. Die »Jüdische Enzyklopädie« fuhrt eine lange Reihe von 


276 


Die Zwanzigerjahre 


Filmfunktionären, Regisseuren, Schauspielern, Drehbuchautoren und 
Filmtheoretikern an. Unter den Regisseuren gilt Dsiga Wertow als Klassi¬ 
ker des sowjetischen Films, vor allem des Dokumentarfilms mit »Lenins 
IGnowahrheit«, »Voran, Sowjet!«, »Die Donbass-Sinfonie«, »Drei Lieder 
über Lenin«. 235 (Weniger bekannt ist, dass er auch die dokumentarischen 
Aufnahmen über die Schändung der Reliquien des Ffl. Sergij von Rado- 
nesh leitete.) Im Genre des »historischen Dokumentar film s« arbeitete 
Esther Schub, die »anhand einer tendenziösen Auswahl von Fragmenten 
aus alten Wochenschaufilmen abendfüllende Propagandafilme zu¬ 
sammenschnitt (>Der Fall der Dynastie Romanow<, 1927, und andere) 
und später mit denselben Methoden pathetische Ruhmesstreifen produ¬ 
zierte«. Allgemein bekannt in der Geschichte der sowjetischen Filmkunst 
sind G. Kosinzew und L. Trauberg (»SWD [»Sojus welikogo dela«] - Der 
Bund der großen Tat«, »Das neue Babylon«) sowie S. Jutkewitsch. F. Erm- 
ler stellte eine Werkstatt für Experimentalfilm auf die Beine. Nennenswert 
sind unter anderem G. Roschal (»Die Herren Skotinin«, »Seine Exzellenz« 
- das Attentat von Hirsch Leckert), Ju. Rajsman (»Zwangsarbeit«, »Die 
Erde dürstet«). Die herausragende Persönlichkeit des ganzen frühsowjeti- 
schen Films aber war Sergej Eisenstein. Sein Beitrag zur Filmkunst sind 
»der epische Charakter seiner Werke und die monumentalen Dimensio¬ 
nen seiner Massenszenen, die im Wechsel mit Großaufnahmen über den 
Filmschnitt und dessen Rhythmik eine hohe emotionale Dichte erzeu¬ 
gen«. 236 Doch Eisenstein verwandte seine Gabe für Auftragswerke. Der 
Weltruhm seines Films »Panzerkreuzer Potemkin« geriet zum Mauerbre¬ 
cher im Interesse der Sowjetmacht, mit Blick auf die Wirkungsweise des 
Films auf das breite Publikum aber war es eine verantwortungslose Ge¬ 
schichtsklitterung, ein Schwall von Verwünschungen, der über das alte 
Russland ausgegossen wurde, mit erfundenem »filmischen Beiwerk«: Da 
wird zur Erschießung einer Schar von Matrosen Segeltuch über diese ge¬ 
worfen (was prompt als geschichtliche Tatsache ins Bewusstsein der Welt 
einging). Auch das »Gemetzel« auf der Odessaer Treppe ist eine Erfin¬ 
dung. (Später stand es an, Stalins Totalitarismus und dann auch seinen 
Nationalismus zu bedienen - und Eisenstein war sogleich zur Stelle.) 

Die Auswahl bekannter Namen in der Kunst erfolgte in der »Kleinen 
Jüdischen Enzyklopädie« zwar nach dem Kriterium der Nationalität, doch 
betonen wir noch einmal: Nicht in der Volkszugehörigkeit lag der wich- 


Kapitel 6 


tigste Schlüssel zur Erklärung, sondern im scharfen, böigen Wind des 
Internationalismus, der für die ganze frühsowjetische Zeit kennzeichnend 
war, eine Zeit, die jedem nationalen Geist und nationalen Traditionen so 
fern wie nur möglich stand. Hier war Meierhold - im Theater, aber in 
Tuchfühlung mit den Machthabern - die auffälligste Figur. Er wurde zum 
führenden Star des sowjetischen Theaters - und ließ seine Autorität spie¬ 
len. Er hatte glühende Verehrer, doch kam er nicht bei allen gut an. In den 
späten Erinnerungen von Tyrkova-Williams lesen wir: Meierhold war ein 
Diktator, der Stücke und Schauspieler mit seinem »dogmatischen Sche¬ 
matisieren und seiner Emotionslosigkeit brach«. Die Komissarshewskaja 1 
»spürte, dass es seiner Neuartigkeit an kreativer Natürlichkeit, an ethischer 
und ästhetischer Klarheit fehlte«, er »beschnitt den Schauspielern die Flü¬ 
gel, ... er schenkte dem Rahmen mehr Aufmerksamkeit als dem Por¬ 
trät«. 237 Meierhold entpuppte sich auch als hartnäckiger Gegner Michail 
Bulgakows. 

Natürlich forderte die Epoche ihren Preis für eine gute Stellung. Diesen 
Preis zahlten Katschalow wie Nemirowitsch-Dantschenko, zahlten alle da¬ 
mals ... Ihn zahlte auch der talentierte Regisseur der Kammerspiele, A. 
Tairow-Kornblit, ein Theaterstar jener unwiederholbaren frühsowjeti¬ 
schen Periode. (1930 hatte Tairow in den Zeitungen »Enthüllungen« über 
die »Industriepartei« zu machen.) 

Marc Chagall emigrierte 1923. Die Mehrzahl der Maler der 20er-Jahre 
aber war gefordert, sich in die propagandistische Gebrauchskunst einzu- 
ftigen, und darin taten sich auch einige jüdische Maler hervor, angefangen 
vielleicht beim frühen El Lissitzky. Dieser fasste die Oktoberrevolution als 
»Neubeginn der Menschheitsgeschichte« auf und »engagierte sich darum 
in verschiedenen Komitees und Kommissionen; er entwarf das erste Ban¬ 
ner des Zentralen Exekutivkomitees, das die Regierungsmitglieder 1918 
auf dem Roten Platz aufpflanzten« und das berühmte Plakat »Schlag die 
Weißen mit dem roten Keil«. Ab 1927 gestaltete er zahlreiche sowjetische 
Ausstellungen im Ausland und Fotobände zur Propaganda im Westen 
(zum Beispiel »Die UdSSR baut den Sozialismus auf«). 238 Zum Favoriten 


1 Wera Fjodorowna Komissarshewskaja (1864—1910): bedeutende russische 
Schauspielerin, gründete 1904 in St. Petersburg ihr eigenes Theater mit moder¬ 
nem Repertoire und arbeitete 1906/07 mit Wsewolod Meierhold zusammen 


278 


Die Zwanzigerjahre 


der Machthaber wurde allerdings Isaak Brodskij (mit »vielen Porträts von 
Lenin, Trotzkij und anderen sowjetischen Politikern« - Woroschilow, 
Frunse und Budjonnyj). Ab 1928, »nach der Vollendung von Stalins Por¬ 
trät, war er der führende offizielle Porträtmaler der UdSSR«, und 1934 
wurde er zum Direktor der Allrussischen Akademie der Künste er- 

239 

nannt. 

»In den ersten Jahren nach der Revolution ... blühte das Musikleben 
der russischen Juden noch stärker als zuvor auf.« Zu Beginn des Jahrhun¬ 
derts war in Russland »zum ersten Mal in der Welt eine jüdische Schule 
der Tonkunst geschaffen worden, in der sich tief reichende jüdische Tra¬ 
ditionen mit europäischen Kompositionstechniken verknüpften«. Jetzt, in 
den 20er-Jahren, »weitete sich das Schaffen jüdischer Komponisten aus, 
und es erschien eine Vielzahl von Musikwerken über jüdische Themen 
und Motive«, zum Beispiel M. Gnesins Oper »Die Jugend Abrahams«, 
»Das Hohe Lied« von A. Krejn und die »Jüdische Rhapsodie« von dessen 
Bruder G. Krejn. Letzterer wurde zusammen mit seinem Sohn Julian 
(sogar bei den damaligen Beschränkungen in der Sowjetunion) für acht 
Jahre auf Reisen nach Wien und Paris entsandt, »zur Vervollkommnung 
der kompositorischen und interpretatorischen Meisterschaft« des Soh¬ 
nes. 240 Schon immer hatten sich jüdische Talente als Interpreten von 
Musik hervorgetan, nun erreichte dieses Schaffen die Ausmaße eines 
mächtigen Stroms und bewegte sich glücklich außerhalb jeglicher Ideolo¬ 
gie. Man vernahm zum ersten Mal Namen, die damals noch unbekannt 
waren, in der Zukunft aber, wie wir sehen werden, auf Jahrzehnte hinaus 
Berühmtheit erlangen sollten. Es gab eine nicht unbeträchtliche Anzahl 
hervorstechender »Persönlichkeiten des öffentlichen Musiklebens«. Mari¬ 
as Sokolskij-Grinberg war »Chefinspektor fiir Musik bei der Hauptver¬ 
waltung ftir Kunst im Volkskommissariat fiir Bildung« und verantwort¬ 
licher Redakteur der ideologischen Zeitschrift »Musik und Revolution«. 
Später (in den 30er-Jahren) brachte es Moissej Grinberg, »berühmt als 
Veranstalter im Musik- und Konzertleben«, zum Direktor des Staatlichen 
Musikverlags, zum Chefredakteur der Zeitschrift »Sowjetische Musik« 
und danach zum Leiter der Verwaltung fiir Musiksendungen im sowjeti¬ 
schen Rundfunk. 241 In Odessa gab es ein Jüdisches Konservatorium. 242 

In der Unterhaltungssparte machte Leonid Utjossow Furore. Neben an¬ 
deren Sujets trat er mit Odessaer Lokalkolorit seinen Siegeszug durchs 


279 




Kapitel 6 


ganze Land an (»Aus’m Kittchen in Odessa entwischten drei Ganoven 
...«). Viele seiner Lieder wurden von A. d’Aktil geschrieben (zum Beispiel 
sein allbekanntes »Wir sind die roten Kavä-| lleristen, und über uns er- 
zähl’n | die Schreiber lang und breit | sehr viel, was ihr nicht wisst«), A. P. 
German und Ju. Chait komponierten den Marsch der sowjetischen Luft¬ 
waffe - wer aus unserer Generation hätte ihn nicht aus Leibeskräften mit 
seiner jungen Stimme geschmettert? »Höher, und höher, immer höher | 
geht der Flug unsrer Vögel empor!« 243 Damals wurde der Grundstein für 
das umfangreiche sowjetische Liedschaffen gelegt. 

Doch der Strom des sowjetischen Kulturschaffens geriet Jahr für Jahr 
stärker unter die Beobachtung und Steuerung seitens diverser Lenkungs¬ 
behörden: Da war der Staadiche Wissenschaftsrat (GUS), der monopolis¬ 
tische Staatsverlag GIS (der vielen privaten Verlegern die Luft zum Atmen 
nahm; sogar einen eigenen »Politkommissar« hatte er, 1922/23 war dies 
David Tschernomordikow 244 ) und analog dazu der Staatliche Musikver¬ 
lag (MusGIS). Außerdem gab es die Staatliche Kommission für den An¬ 
kauf von Kunstwerken, hier lag die Macht über die Existenz der Künstler. 
(Die politische Überwachung von Personen wie zum Beispiel des Rektors 
des Leningrader Konservatoriums A. K. Glasunow stand noch auf einem 
eigenen Blatt.) 

Es versteht sich, dass Juden nur einen Teil dieser mit Pauken und Trom¬ 
peten einhermarschierenden proletarischen Kultur darstellten, und in der 
siegestrunkenen Atmosphäre der frühen Sowjetzeit wurde es aufrichtig 
nicht bemerkt und nicht als Verlust empfunden, dass die sowjetische Kul¬ 
tur energisch die russische Kultur verdrängte - all jene Künstler, denen 
man das Wasser abgegraben hatte oder die sich gar nicht erst einen Namen 
hatten machen können. 

* 

1923 bis 1927 fand in der Partei und im Land ein grausamer Machtkampf 
zwischen Stalin und Trotzkij statt. Danach kämpfte Sinowjew nicht we¬ 
niger erbittert um den ersten Platz in der Partei. 1926 schlossen sich auch 
die von Stalin ausgebooteten Sinowjew und Kamenew mit Trotzkij zu¬ 
sammen (»Vereinigte Opposition«), sodass sich die drei berühmtesten jü¬ 
dischen Führer in einer Front wiederfanden. Es erstaunt nicht, dass auch 


280 



Die Zwanzigerjahre 


zahlreiche weniger hochrangige junge Trotzkisten Juden waren. (Dies 
kann man zum Beispiel dem von Agurskij angeführten Zeugnis A. Tschi- 
ligas entnehmen, der später mit Trotzkisten in einem Sondergefängnis im 
Oberen Ural saß: »Tatsächlich waren die Trotzkisten junge Juden aus der 
Inteüigenzija oder aus Technikerkreisen«, besonders aber kamen sie von 
den linken Bundisten. 245 ) 

»Die Opposition wurde als vorrangig jüdisch angesehen«, undTrotzkij 
war äußerst beunruhigt. Im März 1924 klagte er gegenüber Bucharin, dass 
unter Moskauer Arbeitern offen die Rede ging: »Die Jidden rebellieren!« 
Angeblich hatte er »Hunderte von Briefen zu diesem Thema erhalten«. 
Bucharin wiegelte ab, dies seien kleine Details. Dann »versuchte Trotzkij, 
die Antisemitismus-Frage auf die Tagesordnung einer Politbüro-Sitzung 
zu bringen, doch niemand unterstützte ihn«. Mehr als alles befürchtete 
Trotzkij, Stalin könne in diesem Machtkampf öffentlich den Trumpf 
des Antisemitismus gegen ihn ausspielen. Dies kam bisweilen vor (im 
Falle Uglanows, damals Sekretär des Moskauer Parteikomitees). Als am 
7. November 1927 in Moskau eine trotzkistische Demonstration auf¬ 
gelöst wurde (von eben diesem Uglanow), »ertönten antisemitische Paro¬ 
len«. 246 

Es mag sein, dass Stalin wirklich geneigt war, die antijüdische Karte 
gegen die »Vereinigte Opposition« zu spielen, dies bot sich auf den ersten 
Blick an, doch mit seinem unvergleichlichen Gefühl ftir das politische 
Maß machte er einen Schlenker - so als habe er schon nach der Karte ge¬ 
griffen und sie dann wieder zurückgesteckt. Er begriff, dass die Juden mo¬ 
mentan in der Partei zu zahlreich waren (hätte er sie gegen sich aufge¬ 
bracht, so wäre eine ganze Macht vereint gegen ihn gestanden), außerdem 
benötigte er sie wegen der Hilfen aus dem Westen, und viele Mitarbeiter 
jüdischer Kreise würde er vielleicht selbst in Zukunft noch gut gebrauchen 
können. Von seinem hoch geschätzten Handlanger Lew Mechlis trennte 
er sich nie, und seit dem Kampf um die Stadt Zarizyn und dem Bürger¬ 
krieg war Moissej Ruchimowitsch sein treuer Kampfgenosse und wurde 
dafür auch zur Genüge belobigt. Während mit dem persönlichen Macht¬ 
zuwachs Stalins gegen Ende der 20er-Jahre eine Reduzierung der Juden im 
sowjetischen Apparat begann, war es gleichzeitig kein Zufall, dass Stalin 
auf dem Höhepunkt des erwähnten Machtkampfes Jenukidse auf den 
Kongress der »Arbeiterinnen und Bäuerinnen« schickte, um sich »im Krei- 


Kapitel 6 


se der jüdischen Delegierten« ablichten zu lassen 247 , oder Jaroslawskij in 
der »Prawda« einen Artikel drucken ließ, dass »die vereinzelten Fälle von 
Antisemitismus gegenüber der Opposition, ebenso wie ... die vereinzel¬ 
ten Fälle von Antisemitismus im Kampf der Opposition gegen die Partei« 
ein Versuch seien, »jeden Spalt, jede kleine Ritze« in der proletarischen 
Diktatur »auszunutzen«. »Es gibt doch nichts Dümmeres und Reaktionä¬ 
reres, als die Wurzeln der Opposition in den nationalen Merkmalen des 
einen oder anderen Oppositionellen zu suchen.« 248 Außerdem wies Stalin 
auf dem Parteitag, bei dem die »Vereinigte Opposition« endgültig zer¬ 
schlagen wurde, Ordshonikidse an, in seinem Bericht für die Zentrale 
Kontrollkommission und die Arbeiter- und Bauern-Inspektion (aus dem 
übrigens die am Anfang dieses Kapitels angeführte Statistik stammt) spe¬ 
ziell auf die nationale Frage einzugehen, sozusagen zur Verteidigung der 
Juden. Der Apparat bestehe »in der Mehrheit aus Russen, ... darum ent¬ 
behrt alles mögliche Geschwätz über eine angebliche Übermacht der 
Juden usw. jedweder Grundlage«. 249 Stalin stellte sogar noch beim XVI. 
Parteitag 1930 in einer amtlichen Erklärung den »russischen Großmacht¬ 
chauvinismus« als die »Hauptgefahr in der Nationalitätenfrage« hin. Sta¬ 
lin führte Ende der 20er-Jahre also nicht die von ihm eigentlich geplante 
»Säuberung« des sowjetischen Apparats und der Partei von Juden durch, 
sondern förderte weiter deren Etablierung innerhalb vieler Sparten, Ar¬ 
beitsplätze und Behörden. 

Beim XV. Parteitag (Dezember 1927) war die Zeit gekommen, Stellung 
zu der sich immer bedrohlicher entwickelnden Bauernfrage zu beziehen: 
Was sollte man mit diesem unerträgüchen Bauerntum tun, das für sein 
Getreide ungehörigerweise Industrieerzeugnisse bekommen wollte? Den 
Hauptvortrag hielt hier Molotow, und bei der Debatte waren auch 
Schlichter und Jakowlew-Epstein, die unsterblichen Würger des Bauern¬ 
tums, unter den Rednern. 250 Ein ausgedehnter Krieg gegen das Bauern¬ 
tum stand bevor, Stalin konnte es sich nicht erlauben, versierte Mitarbei¬ 
ter zu vergraulen, und er war wohl auch der Meinung, dass es bei dieser 
gigantischen Kampagne, deren Stoßrichtung unverhältnismäßig stark 
gegen die slawische Bevölkerung zielte, zumeist sicherer sein würde, sich 
auf Juden denn auf Russen zu stützen. In der staatlichen Planungsbehör¬ 
de Gosplan hielt er die bisherige jüdische Mehrheit weiterhin aufrecht. 
Selbstverständlich befand sich Larin unter den Lenkern und Theoretikern 


282 


Die Zw einzigerj ahre 


der Kollektivierung. Lew Krizman fungierte ab 1928 als Direktor des 
Agrarinstitutes und von 1931 bis 1933 als Stellvertretender Vorsitzender 
des Gosplan, er spielte eine verhängnisvolle Rolle bei der Hetzkampagne 
gegen [die Wirtschaftswissenschaftler] Kondratjew und Tschajanow. 
Jakow Jakowlew-Epstein stand an der Spitze des Volksagrarkommissariats. 
(Lange Jahre war seine Laufbahn die Agitation und Propaganda - 1921 
leitete er das Hauptkomitee für politische Bildung im Volkskommissariat 
für Bildung, später die Agitprop-Abteilung des ZK, dann war er Stellver¬ 
tretender Leiter der ZK-Presseabteilung -, doch bereits 1923 wurden auf 
dem XII. Parteitag Beschlussentwürfe zur Dorfpolitik von ihm ausgear¬ 
beitet, und 1929 sah er sich auf den Stuhl des Volksagrarkommissars ka¬ 
tapultiert.) 231 Danach führte er den »Großen Umbruch« an, die Kollekti¬ 
vierungsattacke, die Millionen erfasste, mit ihren eifrigen Erfüllungsge¬ 
hilfen vor Ort. Eine Autorin unserer Tage schreibt: »Zudem traten Ende 
der 20er-Jahre erstmalig nicht wenige jüdische Kommunisten auf dem fla¬ 
chen Land als Kommandeure und Herren über Leben und Tod auf. Erst 
im Laufe der Kollektivierung hat sich das Bild vom Juden als dem verhass¬ 
ten Feind des Bauern definitiv geprägt - selbst dort, wo man bis dahin 
noch nie einen Juden zu Gesicht bekommen hatte.« 252 

Natürlich wäre es - ungeachtet aller »Prozentzahlen« der Juden im sow- 
jedschen Apparat und Parteiapparat - auch hier falsch, das infame bau¬ 
ernfeindliche Vorhaben des Kommunismus ausgerechnet aus der jüdi¬ 
schen Beteiligung heraus erklären zu wollen. Für das Volksagrarkommis¬ 
sariat hätte sich auch ein Russe anstelle von Jakowlew-Epstein gefunden, 
dies hat sich in unserer Geschichte nach dem Oktoberumsturz zur Genü¬ 
ge erwiesen. Nur war es nicht möglich, dass der Sinn und die Folgen der 
Entkulakisierung und Kollektivierung auf den sozialen und wirtschaft¬ 
lichen Bereich beschränkt blieben: Was hier millionenweise vernichtet 
wurde, war keine gesichtslose Masse, sondern es waren reale Menschen 
mit einer traditionsreichen Kultur, sie wurden entwurzelt, ihr Geist aus¬ 
gelöscht. Im Grunde erwies sich die Entkulakisierung nicht nur als sozia¬ 
le, sondern auch als nationale Maßnahme, und womit ließe sich belegen, 
dass dies nicht im Vorhaben des Kommunismus enthalten gewesen war? 
Der von Lenin gegen das russische Volk als Haupthindernis für den Sieg 
des Kommunismus strategisch geplante Schlag wurde erfolgreich geführt, 
auch wenn Lenin nicht mehr war. In jenen Jahren zerstampfte der Kom- 


283 


Kapitel 6 


munismus mit aller ihm eigenen Grausamkeit das russische Volk. Man 
staunt bloß, dass überhaupt ein vernunftbegabtes Wesen heil davonge¬ 
kommen ist. Die Kollektivierung widerlegt mehr als alles andere Tun der 
Kommunisten deutlich all die Theorien von der »national«, angeblich 
»russisch« geprägten Diktatur Stalins. Was aber die Mitwirkung der herr¬ 
schenden jüdischen Kommunisten an der Kollektivierung betrifft, so soll¬ 
te man sich erinnern, dass es hier an Eifer und Talent nicht gemangelt hat. 
Von einem in der Ukraine aufgewachsenen Emigranten aus der dritten 
Emigrationswelle hören wir: »Ich erinnere mich an meinen Vater, meine 
Mutter, meine Onkel und Tanten, mit welcher Begeisterung sie die Kol¬ 
lektivierung durchfuhrten, immer etwas mehr als gefordert taten und zur 
Situation passende Produktionsromane schrieben!« 253 In der Regierungs¬ 
zeitung stand: »Es gibt bei uns keine jüdische Frage. Auf sie hat die Ok¬ 
toberrevolution schon längst eine kategorische Antwort gegeben. Und die 
lautete: Alle Nationalitäten sind gleich.« 254 Wenn aber ins Bauernhaus 
nicht einfach ein Kommissar trat, um die Besitzer zu enteignen, sondern 
ein jüdischer Kommissar, dann tauchte die Frage wieder auf. 

»Ende der 20er-Jahre«, schreibt Sch. Ettinger, »schien es unter all den 
schwierigen Lebensumständen in der UdSSR vielen Menschen, dass die 
Juden die einzige Nation waren, die von der Revolution profitiert hatte. 
Sie besetzten wichtige Regierungspositionen, sie stellten einen großen An¬ 
teil der Universitätsstudenten und den Gerüchten nach erhielten sie das 
beste Land auf der Krim, sie hatten Moskau überschwemmt.« 25:1 

Doch ein halbes Jahrhundert später fand im Juni 1980 in der Colum¬ 
bia University (ich verfolgte es im Radio mit) eine Konferenz über die Lage 
der Juden in der UdSSR statt. Die Referenten beschrieben, wie bedrängt 
die Lage der sowjetischen Juden gewesen sei, und betonten besonders, dass 
man damals die Juden vor die Wahl stellte, sich von ihren Wurzeln, ihrem 
Glauben, ihrer Kultur loszusagen und sich in eine Völkergemeinschaft 
ohne Nationalitäten einzufiigen - oder zu emigrieren. 

Holla! Das war exakt das, was man in den 20er-Jahren von allen Völ¬ 
kern des früheren Russland gefordert oder - mittels Drohung mit den So- 
lowki-Inseln - erzwungen hatte, und zwar ohne dass dabei die Alternati¬ 
ve »oder zu emigrieren« bestanden hätte. 

Die »strahlenden« 20er-Jahre ... Wie wichtig es doch ist, sie nüchtern 
zu bewerten. 


• j 



. ■ 


284 


Die Zwanziger]ahre 


Es waren Jahre, in denen grausame Verfolgungen an der Tagesordnung 
waren, die sich auch am Merkmal der Klassenzugehörigkeit ausrichteten, 
zum Teil büßten unschuldige Kinder für das frühere Leben ihrer Eltern, 
von dem sie gar nichts gesehen hatten. Aber damals handelte es sich bei 
diesen Kindern nicht um Juden und bei ihren Eltern nicht um Juden. 

Die ganzen 20er-Jahre hindurch wurde auf die endgültige Auslöschung 
der Geisdichkeit hingearbeitet. (Ohne Frage repräsentierten die Geist¬ 
lichen den - in Generationen um Generationen herausgebildeten - russi¬ 
schen Nationaltypus schlechthin.) Darin lag die Aufgabe besonderer »Kir¬ 
chenabteilungen der GPU«, und an deren Spitze sah das Volk natürlich 
nicht nur, aber eben viel zu häufig, auch Juden. 

Vom Ende der 20er- in die 30er-Jahre hinein zog sich eine Phase, in der 
auch die Ingenieure vor Gericht gestellt wurden: Da prügelte und tötete 
man alles, was zu den alten Ingenieurskreisen gezählt hatte — und bei die¬ 
sen handelte es sich mit überwältigender Mehrheit um Russen, dazu kam 
eine eigene dünne Schicht deutscher Ingenieure. 

Auch das Gebäude der russischen Wissenschaft und die in ihr Tätigen 
wurden in vielen Bereichen vernichtet: Geschichte, Archäologie und Hei¬ 
matforschung - die Russen sollten keine Vergangenheit haben. Dass die 
Verfolger eigene nationale Motive hatten, wollen wir keinem von ihnen 
unterstellen. Zur Kommission, die das Dekret über die Abschaffung der 
Fakultäten für Geschichte und Philologie an den russischen Universitäten 
vorbereitete und begründete, zählten zwar Goichbarg, Larin, Radek und 
Rotstein, aber eben auch Bucharin, M. Pokrowskij, Skworzow-Stepanow 
und Fritsche, und unterschrieben wurde das Dekret im März 1921 von 
Lenin. Im Geiste des Dekrets aber lag doch ein nationaler Beweggrund: 
Für dieses Volk - das »großrussische« - erachtete man in der Zukunft: 
weder eine Geschichte noch eine Sprache als nötig. In den 20er-Jahren 
wurde auch der Begriff »russische Geschichte« selbst abgeschafft - eine 
solche gab es nicht! Auch der Begriff »Großrussen« wurde hinausgekehrt 
- solche gab es nicht! 

Umso schmerzhafter ist, dass wir Russen selbst übereifrig diesem 
selbstmörderischen Weg gefolgt sind. Und gerade diese Zeit - die 20er- 
Jahre - werden landläufig als »Blütezeit« der (vom Zarismus und Kapita¬ 
lismus) befreiten Kultur angesehen! Allein schon das Wort »russisch« in 
den Mund zu nehmen, zu sagen »Ich bin Russe« klang wie eine konterre- 


285 



Kapitel 6 


volutionäre Herausforderung, ich selbst erinnere mich noch gut daran, aus 
meinen Schulerfahrungen in der Kindheit. Ein Wort, das jedoch unbe¬ 
fangen überall ausgesprochen und gedruckt wurde, war Russentrottel. 

In der »Prawda« wurde an zentraler Stelle Folgendes geboten (W. Ale- 
xandrowskij, sonst ist er mit nichts mehr in Erscheinung getreten): 

Russland! Vermodert? Gestorben? Verreckt? 

Sei’s drum! Ruh’ sanft. 

... Hast mit Krücken geknirscht und gescharrt, 

Deine Lippen an verrußten Ikonen schmierig gemacht, 

Über dem weiten Land wie eine Krähe gequarrt. 

Über einem schweren Traum Jahrhunderte gewacht. 

He, du Alte! Blind und dumm bist du! ... 256 

W. Bljum konnte es sich erlauben, in der »Wetschernjaja Moskwa« [»Mos¬ 
kauer Abendzeitung«] dreist zu fordern, in den Städten »den geschicht¬ 
lichem Abfall von den Plätzen zu entfernen«. Vom Roten Platz sollte das 
Denkmal für Minin und Posharskij entfernt werden, aus Nowgorod das 
Denkmal zum tausendjährigen Bestehen Russlands, von den Kiewer An¬ 
höhen die Statue des Hl. Wladimir, »all diese Tonnen ... von Metall 
schreien schon lange danach, eingeschmolzen zu werden«. (Über die na¬ 
tionale Färbung der »Umbenennungen« haben wir schon geschrieben.) 
David Saslawskij, der als politischer Wendehals und durch seine persönli¬ 
che Schamlosigkeit berühmt geworden ist, forderte, die Restaurations¬ 
werkstätten Igor Grabars zu zerstören: »Diese ehrwürdigen Kiinstlerpo- 
pen ... haben die Kirche und die Kunst heimlich wieder zusammenge¬ 
bracht!« 257 

Diese unsere freiwillige Unterwerfung wirkte sich binnen kürzester Zeit 
auf die russische Sprache selbst aus - ihre Tiefe, Schönheit und Fülle gin¬ 
gen verloren, an ihre Stelle trat ein sowjetisches Volapük mit dem Char¬ 
me von Walzstahl. 

Benebelt, wie man in jenem Jahrzehnt war, kümmerte man sich nicht 
darum, welches Bild all dies abgab: Den russischen Patriotismus hatte man 
ja endgültig abgeschafft. Doch die Gefühle des Volkes, die sollte man doch 
nicht so einfach vergessen! Nicht der Ingenieur Shewalkin aus einer Bau¬ 
ernfamilie im Landkreis Skopin hatte in den Augen des Volkes die Chris- 


286 


Die Zwanzigerjahre 


tus-Erlöser-Kathedrale gesprengt, sondern Kaganowitsch war der große 
Sprengmeister (er wollte ja auch beharrlich, dass die Basiliuskathedrale ab¬ 
gerissen würde). Vor den Augen der Öffendichkeit hieb eine ganze Bande 
von »militanten Atheisten«, an deren Spitze Gubelman-Jaroslawskij stand, 
auf die Orthodoxen ein. Zu Recht wird jetzt hervorgehoben: »Besonders 
empörend war die Tatsache, dass jüdische Kommunisten an der Zerstö¬ 
rung russischer Kirchen teilnahmen.« 258 Gerade bei der Hetzjagd gegen 
die orthodoxe Kirche (und später bei der gegen das Bauerntum) war es - 
so schändlich die Teilnahme von Bauernsöhnen sein mochte — doch be¬ 
sonders konsternierend, verletzend und unauslöschlich, wenn sich Ange¬ 
hörige eines anderen Volkes beteiligten. Es war ein direkter Verstoß gegen 
das Gebot des russischen Sprichworts »Hast du ein Bauernhaus betreten, so 
jage Gott nicht in den Wald«. 

In den 20er-Jahren, sagt A. Woronel, »nahmen die Juden eine für das 
russische Volk tragische Situation als günstig wahr«. 259 

Noch günstiger aber stellte sie sich in den Augen der Unken Intellek¬ 
tuellen im Westen dar: Sie waren wie verzaubert — nicht als Nationalisten 
natürlich, sondern als Sozialisten. Wer erinnert sich noch, wie im Sep¬ 
tember 1930 im Handstreich 48 Fachkräfte aus der Lebensmittelsparte er¬ 
schossen wurden, als »Schädlinge« im Bereich der Versorgung mit Fleisch, 
Fisch, Konserven und Gemüse? »Organisatoren der Hungersnot« nannte 
man sie (und nicht Stalin). Es waren mindestens auch zehn Juden unter 
diesen Unglücklichen. 260 Doch was hätte überhaupt die weltweite Begeis¬ 
terung über die Sowjetmacht beeinträchtigen können? Dora Sturman 
vollzieht mit exaktem Blick nach, wie B. Bruzkus in Europa vergebhch 
versuchte, die westlichen Intellektuellen zum Protest zu bewegen. Einige 
fand er - aber wen? Deutsche und »Rechte«. In einem ersten Impuls unter¬ 
schrieb auch Albert Einstein, doch ohne zu erröten zog er seine Unter¬ 
schrift wieder zurück , denn: »Die Sowjetunion hat überragende Leistun¬ 
gen erzielt« und »Westeuropa ... wird euch bald beneiden«. Eine solche 
Erschießung aber sei nur »ein Einzelfall«, und »daher dürfe man die Mög¬ 
lichkeit einer Schuld [der Lebensmittelfachleute] nicht vollständig aus¬ 
schließen«. Romain Rolland verharrte in »edlem« Schweigen. Arnold 
Zweig hätte unter dem Zorn der Kommunisten beinahe nachgegeben, er 
nahm zwar seine Unterschrift nicht zurück, doch fügte er hinzu, solche 
Abrechnungen seien eine »altrussische Methode«. Was sollte man da im 


287 


Kapitel 6 


Land selbst noch von dem Akademiemitglied Ioffe erwarten, der Einstein 
dazu bewogen hatte, seine Unterschrift zurückzuziehen? 261 

Nein, Westeuropa begann uns nicht zu beneiden. »Einzelfälle« von Er¬ 
schießungen wie der genannte kosteten Millionen Unschuldiger das 
Leben. Wir werden hier nicht nachbohren, warum die Weltöffentlichkeit 
diese Untaten vergessen hat. Auch heute erinnert man sich ja nicht allzu 
gerne an sie. 

Jetzt wird rückwärts in die Vergangenheit gerichtet die Legende gezim¬ 
mert, die Juden insgesamt seien unter der Sowjetmacht immer Bürger 
zweiter Klasse gewesen. Oder die frühen Jahre der Sowjetunion werden in 
Ausdrücken wiedergegeben wie: »Damals gab es noch nicht diese Unter¬ 
drückung wie später.« 262 

Ganz selten kommt es vor, dass jemand zum Beispiel nicht nur die Be¬ 
teiligung der Juden, sondern auch eine gewisse Forschheit bei diesen fest¬ 
stellt, wenn es um die Führung der Angelegenheiten dieses jungen barba¬ 
rischen Staates ging: »Eine Mischung aus Ignoranz und Arroganz, die 
Hannah Arendt als typisches Merkmal des jüdischen Parvenü-Milieus be- 
zeichnete, war ein Bestandteil der ersten sozialistischen politischen und 
kulturellen Eliten. Arroganz und Eifer, mit denen die bolschewistischen 
Maßnahmen durchgeführt wurden, sei es die Beschlagnahmung der Kir¬ 
chenschätze oder die Fletzjagd auf die bürgerlichen Intellektuellem, ver¬ 
liehen der bolschewistischen Herrschaft in den 20er-Jahren tatsächlich ge¬ 
wisse >jüdische< Züge.« 263 

In den 90er-Jahren schrieb ein anderer jüdischer Publizist über die 
20er-Jahre: »Im studentischen Auditorium gaben den Ton häufig Juden 
an, die nicht bemerkten, dass ihr intellektuelles Festmahl sich vor dem 
Hintergrund einer Zerstörung der sittlichen Grundlagen im Lager des 
Hauptvolks abspielte.« Danach »waren die Juden jahrzehntelang stolz auf 
Stammesbrüder, die während der Revolution eine glänzende Karriere ge¬ 
macht hatten, und dachten nicht groß darüber nach, wie diese Karriere 
mit den realen Leiden des russischen Volkes in Verbindung gestanden 
hatte«. Heute »erstaunt die Einmütigkeit, mit der meine Stammesbrüder 
hinsichtlich der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts jegliche eige¬ 
ne Schuld von sich weisen«. 264 

O wie heilsam klängen ftir unsere beiden Völker solche Stimmen, 
wären sie nur nicht so vereinzelt und würden nicht untergehen ... Denn 


288 




Die Zwanzigerjahre 


es ist die Wahrheit, dass in den 20er-Jahren die Juden zuhauf herbei¬ 
strömten, dem bolschewistischen Moloch zu dienen, ohne an dieses un¬ 
glückliche Land zu denken, das zum Versuchsfeld wurde, aber auch 
ohne die Folgen für sich selbst vorherzusehen. Viele der sowjetischen 
Juden in der Führungsspitze hatten dabei das GefiihlfiirMaß und Ziehti- 
loren - das Gespür dafür, wo die Grenze war, an der man hätte einhalten 
müssen. 



Kapitel 7 

Die Dreißigerjahre 


D ie 30er-Jahre der Sowjetunion waren Jahre eines forcierten Industri¬ 
alisierungsschubs, in dem die bäuerlichen Massen zermahlen wur¬ 
den, während das Leben der ganzen Bevölkerung neue ungewohnte For¬ 
men annahm, die ungewohnte Fertigkeiten der Anpassung erforderten. 
Mit schier die Kräfte übersteigenden Opfern und trotz vieler Unsinnig- 
keiten in den sowjetischen Organisationsstrukturen mündeten die grau¬ 
samen Zeidäufte letzten Endes in die Ausbildung einer Industriemacht. 

Doch kein Wunder schuf den ersten und den zweiten Fünfjahresplan 
S talin s und wurde Wirklichkeit, diese erwuchsen auch nicht allein aus ' 
dem brutalen Zusammentreiben einer nackten Masse von Arbeitssklaven. 
Vielmehr bedurfte es umfangreicher technischer Aufrüstung, des Erwerbs 
hochmoderner Industrieanlagen und der Mitarbeit von Fachleuten, die 
über Erfahrung mit dieser Technik verfugten. All dies kam in großem Um¬ 
fang aus dem kapitalistischen Westen ins Land, vor allem aus den USA - 
natürlich nicht als milde Gabe, nicht als großzügige Entwicklungshilfe. 
Die sowjetischen Kommunisten bezahlten für alles reichlich mit russi¬ 
schen Bodenschätzen und Holz, mit dem Zugang zu Russlands Rohstoff¬ 
märkten und mit den versprochenen Absatzmärkten für den Westen, mit 
den geplünderten Schätzen des Zarenreichs. Solche Geschäfte wurden mit 
Unterstützung und Billigung internationaler Finanzmagnaten und vor 
allem der Wall Street getätigt, in kontinuierlicher Fortführung jener ersten 
Geschäftsbeziehungen, welche die sowjetischen Kommunisten noch wäh¬ 
rend des russischen Bürgerkrieges an den amerikanischen Börsen ange¬ 
bahnt hatten und die sie jetzt mit ganzen Schiffsladungen von Zarengold 
und Kunstschätzen aus der Petersburger Eremitage festigten. 

Mit Verlaub - wir hatten doch ausführlich bei Marx gelernt, dass die 
Kapitalisten die erbitterten Feinde des proletarischen Sozialismus seien, 
von ihrer Seite dürfe man mit keiner Hilfe rechnen, nur mit blutigem 
Krieg? Ach was ... Trotz des Fehlens der diplomatischen Anerkennung des 


290 


Die Dreißiger] ah re 


Sowjetstaates war es offenkundig und verlautete sogar in der »Iswestija«: 
»Die amerikanische Geschäftswelt ist an einer Ausweitung der Wirt¬ 
schaftsbeziehungen mit der Sowjetunion interessiert.« 1 Gegen eine solche 
Ausweitung gingen die amerikanischen Gewerkschaften auf die Barrika¬ 
den (um ihren Markt vor Waren abzuschotten, die von billigen - weil ver¬ 
sklavten - sowjetischen Arbeitskräften hergestellt worden waren). Doch 
die damals gegründete »Russisch-Amerikanische Handelskammer« wollte 
von einem politischen Widerstand gegen den Kommunismus nichts 
hören und keine »Politik in die Geschäftsbeziehungen hineintragen«. 2 

Anhand von inzwischen zugänglichen Archivmaterialien des diploma- 
dschen Dienstes und der Finanzwelt erforschte der bereits erwähnte ame¬ 
rikanische Wissenschaftler A. Sutton die Verbindungen zwischen der Wall 
Street und den Bolschewiken und wies auf den amoralischen Mecha¬ 
nismus hin, der diesen Beziehungen viele Jahre lang zugrunde lag. Es be¬ 
gann schon Anfang des Jahrhunderts mit dem so genannten Marburg- 
Plan, gestützt auf die enorme Finanzmacht Carnegies: Die Macht der 
internationalen Finanzgeber sollte auf dem Wege der »Sozialisierung« der 
Länder der Erde verstärkt werden - »zur Kontrolle ... und zur erzwunge¬ 
nen Befriedung«. Suttons Fazit: »Die internationale Finanzwelt zieht es 
vor, mit zentralisierten Regierungen zu tun zu haben. Die Welt der Ban¬ 
ken wünscht sich am allerwenigsten eine freie Wirtschaft und eine dezen¬ 
tralisierte Staatsgewalt«, sondern genau das Gegenteil. »Die Revolution 
und die internationale Finanzwelt stehen gar nicht einmal so stark im 
Widerspruch zueinander, sofern sich infolge der Revolution ein stärker 
zentralisierter Machtapparat ausbildet« und so die Märkte dieser Länder 
lenkbar werden. Dazu noch eine zweite Parallele: »Die Bolschewiken und 
die Bankiers hatten eine wesendiche gemeinsame Plattform: den Interna¬ 
tionalismus.« 3 

So gesehen wundert es nicht, dass »Morgan und Rockefeiler die kol¬ 
lektivistischen Vorhaben und die groß angelegte Vernichtung der Indivi¬ 
dualrechtsgüter« in der Folge unterstützten. Zur Rechtfertigung dieser 
Unterstützung hieß es bei einer Anhörung im Senat: »Warum sollte ein 
großes Industrieland wie Amerika wünschen, dass ein weiterer großer in¬ 
dustrieller Mitbewerber geschaffen wird und ihm später Konkurrenz 
macht?« 4 Mit einem offenkundig nicht konkurrenzfähigen totalitären Re¬ 
gime, das seine Wirtschaft zentralisiert hatte, brauchte man sich dagegen 


291 



Kapitel 7 


nicht zu befehden. Auf einem anderen Blatt stand, dass die Wall Street 
nicht mit der Weiterentwicklung der bolschewistischen Ordnung und 
ihren über Erwarten großen Fähigkeiten gerechnet hatte, Menschen zu 
lenken, bis zum Letzten auszuquetschen und ihre eigene plumpe, aber leis¬ 
tungsfähige Industrie aufzubauen. 

Wo ist hier aber der Bezug zu unserem Hauptthema? Nun, wir haben 
ja gesehen, dass die amerikanischen Finanziers Darlehen an das vorrevo¬ 
lutionäre Russland strikt abgelehnt hatten (weil dort die Juden in ihren 
Rechten beeinträchtigt wurde), obwohl Russland immer gute Aussichten 
auf finanziellen Profit bot. Waren sie damals bereit gewesen, auf Profite zu 
verzichten, so ist klar, dass das »Morgan-Rockefeller-Imperium« jetzt, bei 
allem wirtschaftlichen Kalkül auf den sowjetischen Markt, den Bolsche¬ 
wiken nicht unter die Arme gegriffen hätte, wenn sich in der UdSSR 
Anfang der 30er-Jahre eine rechdiche Unterdrückung der Juden abge¬ 
zeichnet hätte. 

Es ist ja gerade die Krux, dass die von uns bereits beschriebene Unter¬ 
drückung der traditionellen jüdischen Kultur oder der Zionisten durch 
die Sowjets für den Westen leicht von dem damals allgemein herrschen¬ 
den Eindruck überdeckt wurde, dass die Sowjetmacht die Juden nicht 
unterdrücken, sondern im Gegenteil sogar viele von ihnen an den Hebeln 
der Macht halten würde. 

Die Bilder der Vergangenheit haben die Fähigkeit, sich in unserem Be¬ 
wusstsein sehr praktisch umzudrehen — einfach so, uns ist dann wohler. 
Heute rankt sich allmählich die Vorstellung um die 30er-Jahre, die Juden 
seien damals bereits aus der sowjetischen Führungsspitze hinausgedrängt 
worden und härten überhaupt nichts mehr mit der Lenkung des Landes 
zu tun gehabt. Wir begegnen (in den 80er-Jahren) auch Behauptungen 
wie jener, dass in den sowjetischen Jahren die Juden in der UdSSR »als 
Volk praktisch vernichtet wurden; sie wurden zu einer sozialen Gruppe, 
die auf die Großstädte verteilt lebte, >eine Schicht, die für die herrschen¬ 
de Klasse Dienstleistungen erbrachte««. 5 

Nein, sie waren bei weitem nicht nur eine Schicht der »Dienstleister«, 
in nicht geringem Maße gehörten die Juden damals auch der eigentlichen 
»herrschenden Klasse« an. Die »Großstädte«, die Hauptstädte waren es ja 
außerdem gerade, die von der Macht korrumpiert waren, versorgt und gut 
beliefert, während das ganze riesige Land unter der Knute und der Not bis 


292 



Die Dreißigerjahre 


an die Schwelle des Todes litt. Als die Erschütterungen des Bürgerkrieges, 
des Kriegskommunismus, der NÖP und des ersten Fünfjahresplans über¬ 
standen waren, wurde nun im Frieden das Leben des Landes immer mehr 
durch die Tätigkeit seines Staatsapparats bestimmt, in dem die Rolle der 
Juden zumindest bis 1937/38 überaus bedeutungsvoll war. 

1936 ließ Molotow beim VIII. Sowjetkongress der UdSSR auf Anord¬ 
nung Stalins (um vor dem Westen den Unterschied zu Hitler herauszu¬ 
kehren?) eineTirade los: »Unsere brüderlichen Gefühle gegenüber dem jü¬ 
dischen Volk werden dadurch bestimmt, dass aus ihm der geniale Schöp¬ 
fer der Ideen zur kommunistischen Befreiung der Menschheit stammt«, 
nämlich Karl Marx, und »dass das jüdische Volk gleich wie die höchst¬ 
entwickelten Nationen viele der größten Vertreter der Wissenschaft, 
Technik und Kunst hervorgebracht hat [dies steht außer Zweifel, es zeig¬ 
te sich bereits in den 3Oer-Jahren in der Sowjetunion und trat nach dem 
Krieg noch stärker hervor - A. S.] und viele ruhmreiche Helden des revo- 
luuonären Kampfes, ... und dass in unserem Land früher und heute in 
allen Bereichen, wo der Sozialismus aufgebaut und verteidigt wird, aus sei¬ 
ner Mitte immer neue ausgezeichnete begabte Führer und Organisatoren her¬ 
vorgeh enuS* 

Die Hervorhebung stammt von mir. Zweifellos standen propagandisti¬ 
sche Zwecke hinter der Aussage Molotows. Doch sie passte in die Zeit. Die 
»Verteidigung des Sozialismus« - das waren in all den Jahren die Staatli¬ 
che Politische Verwaltung (GPU), die Armee, die Diplomatie und die ide¬ 
ologische Front. Die bereitwillige Mitarbeit so vieler Juden in diesen Or¬ 
ganen setzte sich auch Anfang und Mitte der 30er-Jahre fort, bis 1937/38. 

Wir beschränken uns auf eine kurze Übersicht der wichtigsten Posten 
und der Namen, die insbesondere in den 30er-Jahren auf den Plan traten. 
Als Informationsquelle dienten uns Zeitungen jener Zeit, spätere Veröf- 
fendichungen und die neuesten jüdischen Enzyklopädien. Natürlich kann 
eine solche Übersicht - die durch die Unkenntnis der ja nicht unwichti¬ 
gen Tatsache, inwieweit das Selbstverständnis der handelnden Persönlich¬ 
keiten national bestimmt war oder nicht, erschwert wird - in Einzelfällen 
Fehler enthalten, und sie gibt keineswegs ein erschöpfendes Bild. 

Infolge der Zerschlagung der »trotzkistischen Opposition« wurde der 
jüdische Personalbestand im Parteiapparat merklich gelichtet. Doch diese 
Säuberung des Partei- bzw. Staatsapparats war wahrlich nicht antijüdisch 


293 


Kapitel 7 


ausgerichtet. An prominenter Steile im Politbüro hielt sich Lasar Kaga- 
nowitsch, eine unheilvoll erbarmungslose und gleichzeitig in ihrer Ni- 
veaulosigkeit fast komische Figur (ab Mitte der 30er war er sowohl ZK- 
Sekretär als auch Mitglied des ZK-Organisationsbüros - außer Stalin war 
er der Einzige auf solch einer Höhe). Er hatte auch seine drei Brüder in 
hohe Positionen gebracht. Michail Kaganowitsch war 1931 noch Stell¬ 
vertretender Vorsitzender des Volkswirtschaftsrats, 1937 bereits Volks¬ 
kommissar für Verteidigungsindustrie, danach außerdem nebenamtlich 
Volkskommissar für Flugzeugbau. Julij Kaganowitsch durchlief in Nish- 
nij Nowgorod wie alle seine Brüder führende Parteipositionen, um dann 
Stellvertretender Volkskommissar für Außenhandel zu werden. 7 (Ein wei¬ 
terer Bruder, gänzlich unbegabt, war eine »wichtige Figur« in Rostow am 
Don. Man fiihlt sich an ein Sujet Saltykow-Schtschedrins erinnert: Wie 
Woos Oschmjanskij seinem Bruder Lasar eine lukrative Stellung ver¬ 
schafft. 1 ) Bei der Zerschlagung zweier ethnisch aus Russen bestehender 
Oppositionsgruppen um Rykow, Bucharin und Tomskij und um Syrzow, 
Rjutin und Uglanow stützte sich Stalin auch auf jüdische Bolschewiken, 
aus deren Mitte er den benötigten Ersatz bezog. Kaganowitsch war Stalins 
wichtigste und zuverlässigste Stütze im Politbüro: Er forderte die Erschie¬ 
ßung Rjutins (Oktober 1932-Januar 1933), was jedoch zu jener Zeit 
nicht einmal Stalin gelang 8 - die Säuberungswelle der Jahre 1930-1933 
zielte eben auf die russischen Elemente in der Partei ab. 

Im Präsidium der Zentralen Kontrollkommission (ZKK) waren nach 
dem XVI. Parteitag (1930) 10 von 25 MitgÜedern Juden, darunter be¬ 
fanden sich A. Solz, das »Gewissen der Partei« (in den blutigsten Jahren 
der Erschießungen 1934-1938 war er Gehilfe des Generalstaatsanwalts 
Wyschinskij) 9 , S. Belenkij (drei andere Belenkij-Brüder hatten wir bereits 
erwähnt), A. Golzman (jener, der sich in der Gewerkschaftsfrage aufTrotz- 
kijs Seite schlug), die rasende Rosalia Semljatschka, der oben erwähnte M. 
Kaganowitsch, der TschekistTrilisser, der »militante Atheist« Jaroslawskij, 
B. Rojsenman und der damals noch verschont gebÜebene Gehilfe Trotz- 
kijs A. P. Rosengolz. Verglichen mit den 20er-Jahren war in den frühen 
30ern die Situation im Zentralkomitee (ZK) der Partei in etwa gleich ge- 


1 Gemeint ist der satirische Roman »Eine zeitgenössische Idylle« von Michail Jew- 
grafowitsch Saltykow-Schtschedrin (1826—1889). 


294 


Die Dreißigerj ah re 


blieben. Sowohl 1925 als auch nach dem XVI. Parteitag machten die 
Juden dort nur ungefähr ein Sechstel aus. 10 

An der Parteispitze bildete der jüdische Anteil auch 1934 nach dem 
XVII. Parteitag (»Parteitag der Sieger«) im ZK ein Sechstel und im Aus¬ 
schuss für die Parteikontrolle etwa ein Drittel, ähnlich im Revisionsaus¬ 
schuss des ZK (diesem hatte längere Zeit M. Wladimirskij vorgestanden, 
von da an war L. Kaganowitsch Leiter der Zentralen Kontrollkommis¬ 
sion). Die gleichen Proportionen herrschten im Ausschuss für die Sowjet¬ 
kontrolle. 11 Stellvertretender Generalstaatsanwalt der UdSSR war in den 
brenzligen fünf Jahren 1934-1939 Grigorij Leplewskij. 12 

Über viele Parteiposten erfuhr man nicht einmal aus der »Prawda«. 
Doch für den Herbst 1936 lässt sich festhalten: E. Fainberg war Sekretär 
des Zentralkomitees des Komsomol 13 , B. Tal war Leiter der ZK-Abteilung 
für Presse und Verlagswesen (die ganze Ideologie!) und ersetzte damit Lew 
Mechlis, der die Redaktion der »Prawda« vollständig übernommen hatte 
und ab 1937 als Stellvertretender Volkskommissar für Verteidigung und 
Leiter der Politischen Verwaltung der Roten Armee fungierte. 

Viele Juden finden wir auch in leitenden Funktionen vor Ort, zum Bei¬ 
spiel im Zentralasiatischen Büro, im Ostsibirischen Regionalkomitee, als 
Erste Sekretäre im Gebietskomitee der Wolgadeutschen oder der Gebiets¬ 
komitees von Tatarstan, Baschkirien, Tomsk, Kalinin, Woronesh und vie¬ 
ler anderer. Mendel Chatajewitsch (ZK-Mitglied seit 1930) war zum Bei¬ 
spiel nacheinander Sekretär der Gebietskomitees von Gomel, Odessa, Ta¬ 
tarstan und Dnjepropetrowsk, des Regionalkomitees Mittlere Wolga 
sowie Zweiter Sekretär der Kommunistischen Partei der Ukraine. Jakow 
Tschubin war Sekretär in den Gebietskomitees von Tschernigow und Ak- 
molinsk, im Bezirkskomitee von Schachty und danach in den Parteikon¬ 
trollausschüssen von Moskau, der Krim, von Kursk und Turkmenistan; 
ab 1937 war er Erster ZK-Sekretär von Turkmenistan. 14 Wir wollen 
den Leser nicht mit einer Aufzählung von Namen ermüden, doch auch 
nicht den Beitrag dieser Sekretäre zur bolschewistischen Sache übergehen 
- wobei sie genauso wie in den 20er-Jahren über erstaunlich große 
Distanzen versetzt wurden. Führungskräfte waren immer noch rar und 
unersetzlich, und bei diesen ständigen Ortswechseln focht scheinbar 
niemanden an, dass jeder Neuling am neuen Platz immer wieder fremd 
war. 


295 



Noch realere Führungsaufgaben in der bolschewistischen Verwaltung 
lagen in den Händen der Volkskommissare. 1936 finden wir acht jüdische 
Volkskommissare in der Regierung: Da ist Litwinow, der berühmte 
und damals weltweit bekannte Volkskommissar für Auswärtige Angele¬ 
genheiten (in wohlwollenden Karikaturen in der »Iswestija« wird er als 
Friedensritter mit Lanze und Schild, der gegen die ausländischen Dä¬ 
monen an tritt, dargestellt). Nicht weniger bekannt, aber nur innerhalb 
der UdSSR, ist Jagoda, der Volkskommissar des Inneren. Weiter ist da 
der überaus gelobte und ruhmreiche »eiserne Volkskommissar« für das 
Eisenbahnwesen Lasar Kaganowitsch; der Außenhandel untersteht A. Ro- 
sengolz - ihn haben wir schon in der Zentralen Kontrollkommission 
gesehen —, der Binnenhandel I. Ja. Wejzer. Volkskommissar für die Sow¬ 
chosen ist der bereits erwähnte M. Kalmanowitsch (seit Ende 1917 
war er Kommissar für Versorgung), für die Leichtindustrie I. Je. Ljubi- 
mow. Für das Gesundheitswesen ist G. Kaminskij zuständig (mit seiner 
regelmäßig erscheinenden Rubrik, voller Belehrungen, in der »Iswestija«), 
und wieder S. Belenkij im Ausschuss für die Sowjetkontrolle. 15 Viele 
jüdische Namen findet man in derselben Regierung auch in der Riege der 
unterschiedlichen Stellvertretenden Volkskommissare für Finanzen, Funk 
und Fernmeldewesen, Eisenbahntransport, Flusstransport, Ackerbau, 
Forstwirtschaft, Lebensmittelindustrie, Bildung und Justiz (hier ein ande¬ 
rer Solz, nämlich Isaak). Die wichtigsten Stellvertretenden Volkskommis¬ 
sare aber sind Ja. Gamarnik (für Verteidigung), A. Gurewitsch (»er trug 
entscheidend zum Aufbau der metallurgischen Industrie im Lande bei«) 16 
und Semjon Ginsburg (Stellvertretender Volkskommissar für Schwerin¬ 
dustrie, später Volkskommissar für Bauwesen, dann Minister für den Bau 
von Rüstungsbetrieben.) 17 

Von Ende 1929 bis Anfang 1931 erfolgte jener berühmte »Große Um¬ 
bruch«. Die Kollektivierung vermittels Henkersmethoden stand bevor - 
und in diesem entscheidenden Moment bestimmte Stalin dafür den un¬ 
heilvollen Vollstrecker Jakowlew-Epstein, dessen Porträt - als Foto oder 
Zeichnung des Malers I. Brodskij - damals Jahr für Jahr großformatig in 
den Zeitungen abgebildet wurde. 18 Gemeinsam mit dem uns bereits be¬ 
kannten M. Kalmanowitsch zählte er sogar zum Obersten Regierungsrat 
für Arbeit und Verteidigung (dessen Zusammensetzung mit Stalin, Molo- 
tow, Mikojan, Ordshonikidse und Woroschilow fast komplett genannt 


Die Dreißigerjahre 


ist). 19 Im März 1931 hielt Jakowlew beim VI. Sowjetkongress zwei Refe¬ 
rate über den Aufbau der Sowchosen beziehungsweise der Kolchosen (die 
das ganze Leben des Volkes vernichteten). 20 Auf diesem ruhmvollen Weg 
der Ruinierung Russlands waren unter den Mitarbeitern Jakowlews auch 
der Stellvertretende Volkskommissar W. G. Feigin und die Kollegiums- 
mitglieder des Volksagrarkommissariats M. M. Wolf, G. G. Roschal sowie 
manch andere große Kenner der bäuerlichen Arbeit anzutreffen. Als wich¬ 
tige Stütze wird dem Volksagrarkommissar die Getreidevereinigung Ser- 
notrest zur Seite gestellt (ihre Funktion: Getreide fiir den Staat aus dem 
Land herauszupressen). Der Vorstandsvorsitzende dieser Organisation 
M. G. Gertschikow ist in der »Iswestija« abgebildet, Stalin schickte ihm 
höchstpersönlich ein ermunterndes Telegramm. 21 1932 wird das Volks¬ 
kommissariat fiir Sowchosen vom Volksagrarkommissariat abgetrennt und 
M. Kalmanowitsch dorthin versetzt. 22 Jakowlew dagegen wird 1934 Vor¬ 
sitzender des Allunions-Rats der Kolchosen ß Vorsitzender des Komitees fiir 
Beschaffung ist I. Klejner (mit dem Leninorden ausgezeichnet). Auch M. 
Kalmanowitsch war in den schrecklichen Monaten der Kollektivierung 
Stellvertretender Agrarkommissar, doch Ende 1930 wurde er zum Stell¬ 
vertretenden Volkskommissar der Finanzen und zum Präsidenten der 
Staatsbank befördert, da auch in Finanzangelegenheiten ein eiserner Wille 
notwendig war. 1934 wurde Lew Marjasin und 1936 Solomon Kruglikow 
als Präsident der Staatsbank eingesetzt. 24 

Im November 1930 wurde das Volkskommissariat fiir Außenhandel ge¬ 
gründet, an dessen Spitze der bereits bekannte A. P. Rosengolz stand (er 
sollte sieben Jahre dort dienen). Ein Drittel der Kollegiumsmitglieder 
waren Juden, unter ihnen Sch. Dwojlazkij, der dem Hauptkomitee fiir 
Konzessionsvergabe angehörte (ein Ort, an dem die Devisen flössen) und 
1934-1936 die Handelsvertretung in Frankreich übernahm. 25 Schließlich 
wurde 1930 das Volkskommissariat für Technische Versorgung gegründet, 
an dessen Spitze A. Mikojan stand (in seinem Kollegium sehen wir M. Be- 
lenkij - dies ist nunmehr der ftinfte Bruder, bald wird er selbst anstelle 
von Mikojan Volkskommissar). Allgemein war in den Volkskommissaria¬ 
ten fiir Handel und für Technische Versorgung der jüdische Anteil höher 
als in der Parteispitze - zwischen einem Viertel und der Hälfte. Wir wol¬ 
len auch Zentrsojus nicht übergehen (das bürokratische Zentrum fiir 
pseudogenossenschaftliche Produktionsformen). Nach Lew Chintschuk 


297 



Kapitel 7 


in den 20er-Jahren stand zwischen 1931 und 1937 I. A. Selenskij an sei¬ 
ner Spitze, wir sind ihm bereits früher als Kollegiumsmitglied des Volks¬ 
kommissariats für Versorgung begegnet. 26 

Wir erinnern noch einmal daran, dass diese Listen nur illustrativen 
Charakter haben. Sie zielen nicht darauf ab, den Eindruck zu erwecken, 
dass in all diesen Kollegien und Präsidien keine anderen Nationalitäten 
vertreten gewesen wären - natürlich gab es diese. Auch bekleideten die 
aufgezählten Personen diese Ämter nur einen Teil jener Jahre, danach wur¬ 
den sie »weitergeleitet«. 

Transportwege: Für das Eisenbahnwesen ist zuerst M. Ruchimowitsch 
der tonangebende Mann (in den Zeitungen finden sich riesengroße Por¬ 
träts von ihm 27 ), dann übergibt er den Bereich an L. Kaganowitsch und 
wird selbst Volkskommissar für Verteidigungsindustrie (M. Kaganowitsch 
ist dort zunächst sein Stellvertreter). 28 Wichtige Verschiebungen finden 
auch im Großbetrieb »Kohle« statt: I. Schwarz wird als Direktor abgesetzt, 
dafür kommt M. Deutsch. 29 T. Rosenoer ist Direktor des Ölkonzerns 
Grosneft. Den Bau des riesigen Eisen- und Stahlwerks in Magnitogorsk 
leitete Jakow Gugel, Direktor des Eisen- und Stahlkombinats in Kriwoj 
Rog war Jakow Wesnik. Dann wurde das Kusnezker Kombinat gebaut: 
200000 ausgehungerte und unzulänglich gekleidete Arbeiter, der Chef 
dieser Hölle war S. Frankfurt, auf ihn folgte I. Epstein (1938 verhaftet, 
aber dank jemandes Gunst als Bauleiter zum Norilsker Kombinat ent¬ 
sandt) 30 . In den 30er-Jahren waren dies die größten bestehenden Kombi¬ 
nate. 

Der Rat für Volkswirtschaft bestand noch, obwohl seine Bedeutung ab¬ 
nahm. Nach Unschlicht stand A. Rosengolz an seiner Spitze, danach 
Ordshonikidse, im Präsidium bildeten Juden die Mehrheit. 31 

Dafür wurde die staadiche Planungsbehörde Gosplan immer mächtiger. 
1931 waren unter dem Vorsitz von Kujbyschew mehr als die Hälfte der 18 
Präsidiumsmitglieder Juden. 32 

Wir bleiben bei der Wirtschaft und springen ins letzte »Blütejahr« der 
Stalinära vor dem Jahr 1937. 1936 gab die »Iswestija« 33 die komplette Zu¬ 
sammensetzung des Rats des Volkskommissariats für Binnenhandel be¬ 
kannt, 135 Personen, die im engeren Sinn den ganzen Binnenhandel der 
UdSSR in ihren Händen hielten (und dies kaum ohne Eigennutz). Unge¬ 
fähr 40% in dieser Liste sind Juden, angefangen bei den beiden Stellver- 


298 


Die Dreißigerjahre 


tretenden Volkskommissaren und den Handelsinspektoren bis hin zu 
zahlreichen Personen, die diverse Gebietsorganisationen fxir den Handel 
mit Lebensmitteln und Industriewaren, Verbraucherverbände, staatliche 
Ketten von Restaurants, Kantinen und Lebensmittelvorratslagern, Ver¬ 
waltungen für Speisewagen und Bahnhofsbuffets leiteten, und natürlich 
das Delikatessengeschäft Nr. 1 (»Jelissejew-Geschäft«) in Moskau. Wie 
leicht griffen so die Räder des Getriebes in allen Instanzen ineinander - in 
diesen Jahren, wo man weder mit Essen noch mit Kleidung noch mit 
Schuhen ausreichend versorgt war. 

Man konnte auf den Seiten der »Iswestija« auch solche Überschrif¬ 
ten lesen: »Der Leitung des staadichen Konzerns für Versorgung mit 
Fisch >Sojusryba< sind schwere politische Fehler unterlaufen.« In Zu¬ 
sammenhang damit war kurz zuvor ein Kollegiumsmitglied des Volks¬ 
kommissariats für Handel abgesetzt worden, jener Moissej Frumkin, den 
wir in den 20er-Jahren als Stellvertretenden Volkskommissar für Außen¬ 
handel kennen gelernt haben. Jetzt die Disziplinarstrafen: Genosse Frum¬ 
kin erhält einen strengen Tadel mit einer Verwarnung, Genosse Kleinman 
desgleichen, Genosse Neprjachin dagegen wird aus der Partei ausge¬ 
schlossen. 34 

Bald nach dieser Liste veröffendichte die »Iswestija« 35 eine Ergän¬ 
zung zur Besetzung des 215-köpfigen Rats des Volkskommissariats für 
Schwerindustrie. Wer möchte, kann sich damit auseinander setzen. Ein 
Autor unserer Zeit schreibt über diese Menschen: In den 30er-Jahren »hat¬ 
ten es die Kinder der ehemaligen jüdischen Kleinbürgerklasse geschafft... 
>Kommandeure< im Alltag der Großbaustellen des Landes< zu werden. 
Ihnen, die 16 Stunden pro Tag ackerten und wochen- und monatelang 
nicht aus Baugruben und Sümpfen, aus der Wüste und der Taiga heraus¬ 
kamen, ... schien es, dass dies >ihr Land< sei« 36 . Nur eines hat der Autor 
verwechselt: Es waren die verdreckten Schwerstarbeiter und vormaligen 
Bauern, die nicht aus den Baugruben und Sümpfen herauskamen, die 
Direktoren aber machten nur ab und zu einen Spaziergang dorthin, an¬ 
sonsten saßen sie in ihren Büros und bekamen Sonderverpflegung (»die 
bronzenen Poliere«), Eines ist immerhin sicher: Durch ihre mit hartem 
Willen durchgesetzten Entscheidungen führten sie diese Bauvorhaben, 
durch die das industrielle Potenzial der UdSSR erweitert wurde, zur Voll¬ 
endung. 


299 


Kapitel 7 


So erhielten die sowjetischen Juden in der UdSSR einen gewichtigen 
Teil staatlicher, industrieller und wirtschaftlicher Führungsverantwortung 
auf allen Entscheidungsebenen. 

* 


Einen eigenen Absatz wollen wir B. Rojsenman widmen. Urteilen Sie 
selbst: Er bekam den Leninorden »zur Ehrung seiner außerordentlichen 
Verdienste« bei der Anpassung des Staatsapparats »an die Aufgaben des so¬ 
zialistischen Angriffs auf breiter Front«. Welche geheimen, uns unzu¬ 
gänglichen Tiefen mögen sich hinter diesem »Angriff« verbergen? Am 
Ende wird es direkt ausgesprochen: die Erfüllung »spezieller, für den Staat 
besonders wichtiger, Aufgaben hinsichtlich der Säuberung des Staatsap¬ 
parates in den ausländischen Vertretungen«. 37 

So wandert unser Blick ganz natürlich weiter zur Diplomaüe. Einiges 
dazu wurde bereits im vorhergehenden Kapitel über die 20er-Jahre gesagt. 
Wir machen jetzt auch noch mit anderer Prominenz Bekanntschaft. Zum 
Beispiel konnte man im Frühling 1930 in der »Iswestija« auf der Titelsei¬ 
te unter einer eigenen Überschrift diese wichtige Mitteilung lesen: »F. A. 
Rotstein, Kollegiumsmitglied im Volkskommissariat für Auswärtige An¬ 
gelegenheiten, ist aus dem Urlaub zurück und hat seine Aufgaben wieder 
in Angriff genommen.« 38 (So wurde doch fast nur über Stalin geschrieben 
und scheinbar nicht einmal über Ordshonikidse oder Mikojan?) Doch 
irgendetwas ließ sich Rotstein zuschulden kommen, seine Ära ging zwei 
Monate später zu Ende. Im Juli 1930, mit der Ernennung von Litwinow 
zum Volkskommissar, wurde Rotstein (dessen Lebenslauf - wir erinnern 
uns - immerhin die Gründung der Britischen Kommunistischen Partei 
schmückt) aus dem Kollegium entfernt. In den 30ern, der Blütezeit Lit- 
winows, trat auch eine neue Generation auf den Plan. Die »Jüdische En¬ 



zyklopädie« schreibt: »Es gab den Begriff >Diplomaten der Litwinow- 
Schule<« und hebt die Folgenden hervor: K. Umanskij, Ja. Suriz, B. Stein 
(der aber auch schon zu Beginn der 20er-Jahre Karriere machte) und Je. 
Gnedin (Parvus’ Sohn). 39 Ehrenburg fügt noch Je. Rubinin hinzu. Wie 
auch in den 20er-Jahren zog die Diplomatie in den ganzen frühen und 
mittleren 30ern Kader aus jüdischen Kreisen an. Ab dem Zeitpunkt der 
Aufnahme der UdSSR in den Völkerbund sehen wir als wichtigste Mit- 


300 




Die Dreißigerjahre 


gLieder der sowjetischen Delegationen immer wieder Litwinow, Stein, 
Gnedin, aber auch Brenner, Staschewskij, Markus, Rosenberg und den 
Georgier Swanidse - so war Sowjetrussland bei diesem Forum der Völker 
vertreten. Seine bevollmächtigten Vertreter in Europa waren Majskij als 
der ständige Vertreter in Großbritannien, Ja. Suriz in Deutschland (dann 
Frankreich), B. Stein (nach Kamenjew) in Italien sowie Vertreter in Spa¬ 
nien, Österreich, Rumänien, Griechenland, Litauen, Lettland, Belgien 
und Norwegen. Ebensolche Vertreter gab es auch in einigen Ländern 
Asiens: In Afghanistan waren dies zum Beispiel bereits während des Bür¬ 
gerkrieges der oben genannte Suriz und ab 1936 B. Skwirskij; dieser war 
viele Jahre lang auch der inoffizielle sowjetische Vertreter in Washington. 40 
Zum Personal der sowjetischen Handelsvertretungen zählten in den frü¬ 
hen und mittleren 30er-Jahren nach wie vor viele jüdische Mitarbeiter und 
betätigten sich dort erfolgreich. (Noch ein Belenkij, B. S., - bereits der 
sechste Bruder - leitete von 1934 bis 1937 die Handelsvertretung in Ita¬ 
lien. 41 ) 

Was die Rote Armee betrifft, so schreibt der uns schon bekannte sorg¬ 
fältige israelische Autor: Auch in den 3 Oer-Jahren gab es in ihr »weiterhin 
eine bedeutende Zahl jüdischer Offiziere. Zahlreich waren sie vor allem 
im Militärischen Revolutionsrat, in den Hauptverwaltungen des Volks¬ 
kommissariats für Verteidigung, im Generalstab und so weiter. Dasselbe 
trifft für die Militärbezirke, die Armeen, Korps, Divisionen, Brigaden und 
alle Truppenteile zu. Nach wie vor nahmen Juden eine hervorgehobene 
Stellung in den politischen Organen ein.« 42 Die ganze Politische Haupt¬ 
verwaltung der Roten Armee ging nach dem Selbstmord des verlässlichen 
Gamarnik in die zuverlässigen Hände Mechlis’ über ... Einige Beispiele 
aus der höchsten Schicht dieser Verwaltung: Morduch Chorosch war in 
den 30er-Jahren ihr Stellvertretender Leiter, danach (bis zu seiner Verhaf¬ 
tung) Leiter der Politischen Verwaltung des Kiewer Militärbezirks. Lasar 
Aronstam war ab 1929 durchgehend bis 1937 Leiter der Politischen Ver¬ 
waltung des Weißrussischen Militärbezirks, der Sonderarmee Fernost und 
des Moskauer Militärbezirks. Boris Ippo kennen wir bereits aus dem Bür¬ 
gerkrieg: Bei der Niederwerfung Zentralasiens war er Leiter der Politi¬ 
schen Verwaltung derTurkestanischen Front, dann des Zentralasiatischen 
Militärbezirks. In den 30er-Jahren leitete er die Politische Verwaltung der 
Kaukasischen Roten Armee, danach war er Leiter der Militärpolitischen 


301 


Kapitel 7 


Akademie. Der bereits erwähnte Michail Landa war von 1930 bis 1937 
Chefredakteur der [Armeezeitung] »Krasnaja Swesda« [»Roter Stern«]. 
Naum Rosowskij war seit dem Bürgerkrieg Staatsanwalt beim Militär, 
1936 war er der Militärische Oberstaatsanwalt der Roten Armee. 43 

Solange der Militärische Revolutionsrat bestand, bis 1934, nahm Ga- 
marnik weiterhin seine Rolle als Stellvertreter des Vorsitzenden Woro- 
schilow wahr. In den 30er-Jahren begegnen uns zusätzlich zu den im 
vorigen Kapitel genannten Führern der Hauptverwaltungen der Roten 
Armee die folgenden Namen: Abram Wolpe, Verwaltung für Administra¬ 
tion und Mobilisierung (im vorigen Kapitel ist er als Stabsleiter des Mos¬ 
kauer Militärbezirks erwähnt), Semjon Urizkij (Verwaltung für Militäri¬ 
sche Aufklärung, bis 1937), Boris Feldman (Leiter der Hauptverwaltung 
für Personalwesen, ebenfalls bis 1937), Leontij Kodjar (Leiter der Militä¬ 
risch-technischen Hauptverwaltung in den Jahren vor dem Krieg). Unter 
den Kommandeuren der Teilstreitkräfte ist A. Golzman zu nennen, Chef- 
komumandeur der Luftwaffe ab 1932 (wir haben ihn bereits in der Zen¬ 
tralen Kontrollkommission und als Gewerkschaftsfunktionär gesehen; 
später kam er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben). Unter den Militär¬ 
bezirkskommandeuren finden wir wieder Iona Jakir (Militärbezirk Krim, 
danach im überaus wichtigen Kiewer Militärbezirk) und Lew Gordon 
(Militärbezirk Turkestan). 44 Auch wenn uns keine Daten über die vielen 
untergeordneten Posten vorliegen, werden wir mit der folgenden Annah¬ 
me wohl nicht auf nennenswerte Zweifel stoßen: Wenn schon der Leiter 
ein Jude war, dann dürfte der Anteil jüdischer Mitarbeiter in der Struktur 
der politischen Verwaltung und den Versorgungsabteilungen der Armee 
in der Regel ziemlich hoch gewesen sein, ähnlich wie im Apparat der Par¬ 
tei oder der Volkskommissariate. 

Aber der Dienst in der Armee ist keine Schande und kann vielleicht 
sogar ganz konstruktiv sein. Doch wie steht es mit unserer lieben Staats¬ 
sicherheit, der GPU bzw. dem NKWD? Ein zeitgenössischer Forscher 
schreibt anhand von Archivmaterialien: »Für die erste Hälfte der 30er- 
Jahre war die zunehmende Rolle der Juden im Apparat der Staatssicher¬ 
heit kennzeichnend.« »Am Vorabend der umfangreichsten Repression« 
erhält man eine Vorstellung von der »nationalen Zusammensetzung der 
leitenden NKWD-Organe ... durch eine in der zentralen Presse veröf- 
fendichte Liste mit 407 verantwordichen Mitarbeitern, die anlässlich des 


302 



Die Dreißigerjahre 


20 -jährigen Bestehens der WTschK [bzw. ihrer Nachfolger] OGPU und 
NKWD Auszeichnungen erhielten. Es sind 56 Juden (13,8%) und 7 Let¬ 
ten (1,7%) darunter.« 45 

Als aus der GPU 1934 das NKWD entstand, mit Jagoda an der Spitze, 
wurde - und dies sogar zweimal, eine seltene Möglichkeit, hinter die 
undurchdringlichen Mauern zu blicken! - eine Liste der Kommissare 
der Staatssicherheit veröffentlicht. 46 Kommissare im 1. Rang waren Ja. 
S. Agranow (der Erste Stellvertreter Jagodas), W. A. Balizkij, T. D. Deri- 
bass, G. E. Prokofjew, S. F. Redens, L. M. Sakowskij; Kommissare 
im 2. Rang L. N. Belskij, K. W. Pauker (man hatte sie bereits 1927 zum 
10-jährigen Jubiläum der Tscheka ausgezeichnet), M. I. Gaj, S. A. Go- 
glidse, L. B. Salin, S. B. Kaznelson, K. M. Karlson, I. M. Leplewskij, 
G. A. Moltschanow, L. G. Mironow, A. A. Sluzkij, A. M. Schanin, R. A. 
Pilljar. Selbstverständlich waren sie nicht alle Juden, aber eben doch gut 
die Hälfte. Die jüdischen Tschekisten gingen weder von selbst, noch wur¬ 
den sie hinausgedrängt aus diesem NKWD, das nach dem Tod Kirows das 
Land - und, wie wir bald sehen werden, auch die Juden selbst - mit sei¬ 
ner Vergelmng überziehen würde ... 

A. A. Sluzkij leitete die Ausländsabteilung des NKWD, also die Aus¬ 
landsspionage. »Seine Stellvertreter waren Boris Berman und [Sergej] 
Spiegelglas.« Über Pauker erfahren wir Folgendes: Ein Friseur aus Buda¬ 
pest, tat er sich mit den Kommunisten 1916 in der russischen Gefangen¬ 
schaft zusammen, war zunächst Leiter der Kreml-Wache, dann Chef der 
Operativen Abteilung des NKWD. 47 Wegen der Verschlossenheit des Ap¬ 
parats und der Unzugänglichkeit dieser hohen Persönlichkeiten kann man 
sich nicht über jeden endgültig ein Bild verschaffen. Etwas mehr Licht fiel 
allerdings auf Naum (Leonid) Etingon, der bei dem Mordkomplott gegen 
Trotzkij die Fäden zog, er organisierte die Spionagezelle »Die fünf von 
Cambridge« 1 und die atomare Spionage nach dem Krieg - ein Meister¬ 
spion. 48 

Auf etlichen Posten - und wie viele solcher Posten gab es wohl? - saßen 
Leute, die ganz vor den Augen der Öffendichkeit verborgen waren, wie 


1 »Cambridge Five«: Donald Maclean, Guy Burgess, Kim Philby, Anthony Blunt 
und John Cairncross — sowjetische Spione, die in den 1930er-Jahren vom 
NKWD angeworben wurden 


303 



Kapitel 7 


beispielsweise der später bekannt gewordene Überläufer Lew Feldbin (mit 
dem wohlklingenden Pseudonym Alexander Orlow), ein einflussreicher 
und langjähriger GPU-Mitarbeiter, der dort die »Wirtschaftsabteilung der 
Auslandsverwaltung« leitete, und dies bedeutete: Er kontrollierte seitens 
des Geheimdienstes den Außenhandel der UdSSR. Er war ein Vertrau¬ 
ensmann, der hinzugezogen wurde, wenn Stalin den NKWD-Leuten 
allergeheimste Instruktionen gab, zum Beispiel, »ihnen [den Opfern] fal¬ 
sche Geständnisse abzupressen«, und »viele der [NKWD-Ermittler] waren 
[ihm] unterstellt«. 49 Auch Michail Kolzow-Fridland (der »politische Be¬ 
rater« der republikanischen Regierung Spaniens 50 ) stand bei den bedeu¬ 
tendsten dunklen Machenschaften der GPU nicht abseits. 

Als Jeshow am 27. September 1936 zum Volkskommissar des Inneren 
bestellt wurde, erhielt er drei Tage später als Stellvertreter M. Berman zur 
Seite gestellt (der dabei gleichzeitig Leiter der Staadichen Straflagerver¬ 
waltung Gulag blieb). 51 Mit Jeshow kam auch dessen Schattenkabinett. 
Sein langjähriger Mitarbeiter (seit 1931) im ZK der Partei Michail Litwin 
wurde Leiter der Personalabteilung des Volkskommissariats und diente 
sich hoch zum Leiter (Mai 1937) der mit nichts vergleichbaren Geheimen 
Politischen Abteilung der Hauptverwaltung für Staatssicherheit (GUGB) 
des NKWD. Genrich Ljuschkow war 1931-1936 der Stellvertretende 
Leiter dieser Abteilung. (Er wurde 1945 von einer japanischen Kugel ge¬ 
tötet, da er 1938 nach Japan geflohen war, bei Kriegsende wollten ihn die 
Japaner nicht zurückgeben, wohin sollten sie nun mit ihm? - So erschos¬ 
sen sie ihn eben. So könnte man über die Laufbahn eines jeden von ihnen 
noch so manches erzählen.) Alexander Radsiwilowskij war in derselben 
Abteilung »Bevollmächtigter für Sonderaufträge«. Ein weiterer langjäh¬ 
riger Mitarbeiter Jeshows war Isaak Schapiro, er fungierte ab 1934 als 
Jeshows Referent, dann als Leiter des NKWD-Sekretariats, danach war er 
Chef der Sonderabteilung der GUGB (einer anderen, ebenfalls berühm¬ 
ten, Abteilung der Staatssicherheit .. .) 52 

Im Dezember 1936 befinden sich unter den Leitern der zehn jeweils 
mit Code-Nummern bezeichneten Abteilungen der Staatssicherheit sie¬ 
ben Juden: 

Abteilung Nr. 1 (Bewachungsdienst) - K. Pauker, Nr. 3 (Gegenspiona¬ 
ge) - L. Mironow, Nr. 5 (Sonderabteilung) - I. Leplewskij, Nr. 6 (Trans¬ 
port) - A. Schanin, Nr. 7 (Ausländsabteilung) - A. Sluzkij, Nr. 8 (Re- 


304 



Die Dreißigerjahre 


gistratur) - W. Zesarskij, Nr. 10 (Gefängnisse) - Ja. Weinstock. Der 
»Fleischwolf« des Jahres 1937 beförderte noch andere Leute auf Abtei¬ 
lungsleiterposten, und so trifft man außerdem folgende Namen an: A. 
Salpeter in der Operativen Abteilung (Nr. 2), Ja. Arganow und nach ihm 
M. Litwin in der Geheimen Politischen Abteilung (Nr. 4), A. Minajew- 
Zikanowskij bei der Gegenspionage (Nr. 3) und I. Schapiro, wie schon er-. 
wähnt, in der Sonderabteilung (Nr. 9). 53 

Die Leiter der Staatlichen Lagerverwaltung (Gulag) habe ich bereits in 
»Der Archipel Gulag« benannt. Ja, auch dort gab es einen großen Anteil 
Juden. (Die aus dem sowjetischen Ruhmesband von 1936 reproduzierten 
Porträts der Leitung des Weißmeer-Ostsee-Kanalbaus haben viel Entrüs¬ 
tung hervorgerufen: Ich hätte nur Juden ausgesucht. Doch ich hatte nicht 
ausgewählt, sondern die Aufnahmen aller obersten Leiter des Weißmeer- 
Ostsee-Lagers aus diesem unsterblichen Werk wiedergegeben - mit 
wessen Wahl und wessen Schuld hat es zu tun, dass sie alle Juden waren?) 
Zur Information fuge ich hier über drei wichtige Personen mir damals un¬ 
bekannte Details hinzu, die ich seitdem gelesen habe. Vor dem Wei߬ 
meerkanalbau war Lasar Kogan auch Leiter des Gulag gewesen und Sino- 
wij Kaznelson nach 1934 der Stellvertretende Leiter; Israil Pliner war ab 
1936 Leiter des Gulag und führte den Bau des Moskwa-Wolga-Kanals zu 
Ende. 54 

Man kann es nicht verleugnen: Die Geschichte hat viele sowjetische 
Juden in die Reihen jener emporgetragen, welche die Geschicke ganz 
Russlands bestimmten. 

Aus verschiedenen Quellen fließen aus verschiedenen Zeiträumen stammende Infor¬ 
mationen zusammen, die niemals an die Öffentlichkeit gebracht worden sind, und 
zwar über die Gebiets- bzw. Regionsbevollmächtigten der GPU und des NKWD in 
den 30er-Jahren (bis 1937). Die Bezeichnungen ihrer Dienststellen hätten es ver¬ 
dient, in Großbuchstaben geschrieben zu werden, denn genau diese Leute - und 
nicht die Sekretäre der Gebietskomitees - waren die allmächtigen Herren über ihr je¬ 
weiliges Gebiet, über Leben oder Tod eines jeden Bewohners; ihre Dienstherrin war 
unmittelbar die NKWD-Zentrale selbst. Von einigen sind die vollständigen Namen 
einschließlich Vor- und Vatersnamen bekannt, von anderen nur bruchstückhaft die 
Initialen, von dritten nur die Nachnamen. Geografisch gesehen wechselten ihre Pos¬ 
ten immer wieder, ein Bevollmächtigter wurde an die Stelle des anderen versetzt (wir 
beneiden den Forscher, der festzustellen vermag, von wann bis wann genau, all dies 
fand ja im Geheimen statt). In den ganzen 30er-Jahren gab es unter diesen Gebiets¬ 
herrschern nach wie vor viele Juden. Nach Angaben, die vor kurzem veröffendicht 


305 


Kapitel 7 


wurden, dienten in den ördichen Organen der Staatssicherheit, die zentrale GUGB 
nicht eingerechnet, 1776 Juden (7,4%). 55 

Zumindest die Bevollmächtigten können erwähnt werden. In Weißrussland: Israil 
Leplewskij, der Bruder des Stellvertretenden Generalstaatsanwalts Grigorij Leplew- 
skij. Wir haben ihn bereits in der Allunions-Tscheka gesehen, auch als Leiter der 
GPU, kurz zuvor war er Kommissar im 2. Rang gewesen, und nun war er 1934-1936 
in Weißrussland Volkskommissar des Inneren. Im westlichen Gebiet: I. M. Blat, spä¬ 
ter war er in Tscheljabinsk. In der Ukraine: S. Kaznelson, wir kennen ihn aus dem 
Bürgerkrieg, er war bereits an allen Enden des Landes vom Kaspischen Meer bis zum 
Weißen Meer gewesen; eben noch Stellvertretender Gulag-Leiter, war er nun in der 
Ukraine Stellvertretender Volkskommissar des Inneren, 1937 wurde er durch den 
oben erwähnten Leplewskij ersetzt. Gebiet Donezk, danach auch Winniza: D. M. So- 
kolinskij war hier wie dort. Nordkaukausus: L. Ja. Fajwilowitsch, im selben Gebiet 
auch Fridberg. Aserbaidschan: M. G. Rajew-Kaminskij, im selben Gebiet auch Pur- 
nis. Gebiet Stalingrad (G. Rappoport), Gebiet Orjol (P. Sch. Simanowskij), Gebiet 
Tambow (Liwschiz), Gebiet Gorkij (G. Ja. Abrampolskij), Gebiet Archangelsk (A. S. 
Schijron — er befehligte die Vertreibung der Entkulakisierten), Republik der Wolga¬ 
deutschen (I. S. Ressin), Baschkirien (Selikman), Gebiet Orenburg (N. Rajskij), Ge¬ 
biet Swerdlowsk (G. I. Schkljar), Kasachstan (L. B. Salin), Zentralasien (Krukowskij), 
und zu guter Letzt Ostsibirien (Trotzkij), um mit der Nordregion zu enden (Rut- 
kowskij). 

Die hier genannten Tätigkeiten auf regionaler Ebene waren flüchtig, vorüberge¬ 
hend, die NKWD-Gebietschefs wurden ständig von einem Gebiet ins andere ver¬ 
setzt, und dies nicht weniger häufig und nicht weniger befehlsgewohnt selbstsicher 
als die Sekretäre der Gebietskomitees. Man nehme zum Beispiel Wladimir Zesarskij, 
der es schaffte, sowohl in Odessa als auch in Kiew und im Fernen Osten als Bevoll¬ 
mächtigter der GPU bzw. des NKWD zu fungieren, bis er 1937 zum Leiter der 
Sonderabteilung der Staatssicherheit aufstieg (anscheinend gerade vor Schapiro). 
Oder S. Mironow-Korol: 1933-1936 war er Leiter der GPU bzw. des NKWD im 
Gebiet Dnepropetrowsk (zur selben Zeit gehörte er auch der Zentrale an), 1937 im 
Westsibirischen Gebiet. 56 Mitte der 30er-Jahre traf man den bereits erwähnten L. 
Wul als »Direktor« der Moskauer (und danach der Saratower) Miliz an. In Moskau 
selbst fungierte L. Belskij (nach seiner Tätigkeit in Zentralasien) als Bevollmächtig¬ 
ter und wurde von dort zum Chef der Innendienst-Truppen des NKWD befördert. 
Andere Namen, die in den 30ern vorüberflimmerten: Foschan als Leiter der Grenz¬ 
truppen, Mejerson als Leiter der Wirtschaftsplanungsabteilung des NKWD, L. I. Be- 
renson bzw. der an diesen Platz nachrückende L. M. Abramson als Leiter der Fi¬ 
nanzabteilung des Gulag, Abram Flikser als Leiter der Personalabteilung. All dies sind 
nur Mosaiksteine, ein vollständiges, nach Jahren aufgeschlüsseltes Verzeichnis zu er¬ 
stellen ist nicht möglich. Jedes Gebiets-NKWD hatte eine Sonderabteilung. Hier 
eine einzelne Information: Jakow Browerman war in Kiew Sekretariatsleiter in dieser 
Abteilung, später nahm er eine analoge Funktion in der NKWD-Zentrale ein. 57 

Später, als die Sowjets 1940 das Baltikum besetzt hatten, ist zum Beispiel bekannt, 
dass ein gewisser Kaplan NKWD-Chef des Düna-Gebiets war, und er wütete dort so, 


306 


Die Dreißigerjahre 


dass sich 1941, gleich nach dem Abzug der sowjetischen Truppen und noch bevor die 
Deutschen einrückten, der Zorn der Bevölkerung gegen die Juden explosionsartig 
entlud. 

In D. P. Witkowskijs Kurzroman »Ein halbes Leben«, erschienen in der 
frühen Chruschtschow-Ära, gibt es eine Passage über das jüdische Ausse¬ 
hen seines Ermittlers Jakowlew. Diese Erwähnung klingt bei Witkowskij 
recht grob, und die Juden von Ende der 60er-Jahre, die inzwischen im Be¬ 
griffstanden, sich von der kommunistischen Macht abzuwenden, und mit 
dieser neuen politischen Orientierung sehr offen für alle möglichen La¬ 
germemoiren waren, fühlten sich an dieser Stelle immer unangenehm be¬ 
rührt. W. Gerschuni fragte mich jedoch, wie viele jüdische Ermittler Wit¬ 
kowskij in diesen 30 Jahren denn sonst noch untergekommen wären? 

In diesem unschuldig dahingesagten »in 30 Jahren« — wäre »in 50« oder 
zumindest »in 40 Jahren« nicht natürlicher gewesen? - offenbart sich doch 
bezeichnend eine erstaunliche Vergesslichkeit! In dreißig Jahren, also seit 
dem Ende der 30er-Jahre, hatte Witkowskij vielleicht tatsächlich nicht 
viele jüdische Ermittler angetrofifen (übrigens waren manche auch noch in 
den 60er-Jahren im Dienst), doch Witkowskij, der von den Staatssicher¬ 
heitsorganen bereits vierzig Jahre lang verfolgt wurde und auf den Solow- 
ki-Inseln gewesen war, hatte die Zeit nicht vergessen, als es schwieriger 
war, auf einen russischen Ermittler zu stoßen als auf einen jüdischen oder 
lettischen. 

Aber doch ist etwas Wahres an der Frage Gerschunis: All diese bedeu¬ 
tenden Posten, und die weniger bedeutenden und die durchschnittlichen, 
bargen, je näher die Walze der Jahre 1937 und 1938 rückte, auch für ihre 
Inhaber den Untergang in sich. 

* 

Die Herren unserer Schicksale trafen selbstgewiss von ihren sicheren 
Höhen aus ihre Verfügungen, und der unerwartete Schlag, der sie selbst 
traf, erschien ihnen wie der Weltuntergang. Wer von ihnen hatte sich 
zuvor schon über das verhängnisvolle Schicksal der Macher der Revolu¬ 
tion Gedanken gemacht? 

Wenn man sich gesondert mit den Listen der 1937/38 umgekomme¬ 
nen großen Führer auseinander setzt, so ist darin der Anteil der Juden 


307 


Kapitel 7 


enorm. Ein moderner Historiker schreibt zum Beispiel: Während »zwi¬ 
schen 1. Januar 1935 und 1. Januar 1938 Vertreter dieser Nationalität 
über 50% der wichtigsten Strukturelemente des zentralen NKWD-Appa- 
rats leiteten, so waren es am 1. Januar 1939 nur noch 6%«. 58 

Anhand der »Erschossenenlisten«, die bei uns in den letzten zehn Jah¬ 
ren erschienen sind, und der biografischen Bände der neuesten »Russi¬ 
schen Jüdischen Enzyklopädie« sind wir inzwischen bis zu einem gewis¬ 
sen Grad in der Lage, die weiteren Geschicke jener führenden Tschekis- 
ten, roten Befehlshaber, sowjetischen Parteifunktionäre, Diplomaten und 
anderer nachzuvollziehen, die - damals als Inhaber von Machtpositionen 
— in den vorhergehenden Kapiteln erwähnt sind. 

Unter den Tschekisten waren besonders viele, die der Untergang er¬ 
eilte 1 : 

G. Ja. Abrampolskij; L. M. Abramson, er starb 1939 in der Haft; Jakoiv 
Agranow, 1938 59 ; Abram Belenkij, 1941; Lew Belskij-Lewin, 1941; Mat- 
wej Berman, 1939; Boris Berman, 1939; IossifBlat, 1937; Leonid Fajwilo- 
witsch, 1936; Mark Gaj-Stockland, 1937; Semjon Gendin, 1939', Wenja- 
min Gerson, 1941; Alexander Iosselewitsch, 1937; Genrich Jagoda, 1938; 
Sinowij Kaznelson, 1938; Lasar Kogan, 1939; Michail Kolzow-Fridland, 
1940-, Georg Krukowskij, 1938; Israil Leplewskij, 1938; Michail Litwin, 
Selbstmord 1938; Nathan Margolin, 1938; A. Minajew-Zikanowskij, 
1939; Lew Mironow-Kagan, 1938; Sergej Mironow-Korol, 1940; Karl Pau¬ 
ker, 1937; Lsrail Pliner, 1939; Alexander Radsiwilowskij, 1940; Michail 
Rajew-Kaminskij, 1939; Naum Rajskij-Lechtman, 1939; Grigorij Rappo¬ 
port, 1938; Ilja Ressin, 1940; A. Rutkowskij; Lew Sacharow-Mejer, 1937; 
Lew Sadow-Sinkowskij, 1938; Lew Salin-Lewin, 1940; A. Salpeter, 1939; 
A. Schanin, 1937; Isaak Schapiro, 1940; Jewsej Schirwindt, 1938; Grigo¬ 
rij Schkljar; N. Selikman, 1937; Pinchus Simanowskij, 1940; Abram Sluz- 
kij, 1938 vergiftet; David Sokolinskij, 1940; Sergej Spiegelglas, 1940; Mi¬ 
chail Trilisser; Ja. Weinstock, 1939; Leonid Wul, 1938; Wladimir Zesarskij, 
1940. 


1 Zur Bedeutung der Kursive siehe Anm. 59, S. 571 


308 



Die Dreißigerjahre 


Inzwischen werden ganze Nachschlagewerke mit den Namen der führen¬ 
den Mitarbeiter im zentralen Apparat der Staatssicherheit veröfFendicht, 
die von den »Jeshow’schen« Erschießungen und Repressionen ereilt wur¬ 
den. Viele, sehr viele jüdische Namen findet man hier. 60 

Doch nur zufällig und dank der noch ungezügelten Glasnost zu Beginn 
der 90er erfahren wir nun etwas über einige geheimnisvolle, ganz im Ver¬ 
borgenen gebliebene Biografien. Zum Beispiel leitete Professor Grigorij 
Majranowskij, ein Fachmann für Gifte, ab 1937 das »Labor X« in der 
Sonderabteilung des NKWD für operative Technik, das »auf direkten Be¬ 
schluss der Regierung in den Jahren 1937-1947 und 1950« Todesurteile 
mit Giftspritzen vollstreckte, teils in einer speziellen Zelle, die zum »Labor 
X« gehörte, teils auch im Ausland, in den 60er- und 70er-Jahren. 61 Ver¬ 
haftet wurde Majranowskij erst 1951. Aus seiner Zelle schrieb er an Beri- 
ja: »Nicht nur ein Dutzend Erzfeinde der Sowjetmacht, darunter auch Na¬ 
tionalisten aller Arten, wurden durch meine Hand vernichtet.« 62 1990 
geisterte die verblüffende Meldung durch die Presse, dass die berüchtig¬ 
ten Gaswagen (»Seelenvernichter«) gar nicht im Zweiten Weltkrieg unter 
Hider erfünden worden sind, sondern im Jahr 1937 vom sowjetischen 
NKWD, und zwar von Isaj Dawidowitsch Berg (er wird sie nicht allein er¬ 
fünden haben, die Entwicklung aber hat er wohl organisiert). Berg war 
Leiter der Wirtschaftsverwaltungsabteilung (AchO) in der NKWD-Ver- 
waltung des Moskauer Gebiets. Man sieht hier, warum es wichtig ist, auch 
jene zu kennen, die gar nicht immer auf den höchsten Posten saßen. Es 
kam so: I. D. Berg erhielt den Auftrag, die Beschlüsse des strafrichterlichen 
»Dreiergespanns«, der »Troika« dieser NKWD-Stelle durchzuführen - 
und er führte den Auftrag korrekt aus: Er transportierte Leute zu Erschie¬ 
ßungen. Doch als im Moskauer Gebiet gleichzeitig drei »Troikas« tätig 
wurden, wuchs den Erschießungskommandos die Arbeit über den Kopf. 
Da kam man auf die Idee, die Opfer zu entkleiden, sie zu fesseln und zu 
knebeln und sie in einen geschlossenen LKW zu werfen, der nach außen 
als Brodieferwagen getarnt war. Auf der Fahrstrecke wurden die Abgase ins 
Innere des LKWs geleitet, und bis man an dem weit entfernten Erschie¬ 
ßungsgraben ankam, waren die Arrestanten schon »erledigt«. (Es sei be¬ 
merkt, dass Berg selbst kurz darauf, 1939, erschossen wurde, doch natür¬ 
lich nicht wegen dieser Untaten, sondern aufgrund einer Anklage wegen 
»Verschwörung«. 1956 -wurde er glücklich rehabilitiert, obwohl in seiner 


309 



Kapitel 7 


Ermittlungsakte auch damals noch die Geschichte der Erfindung dieser 
Gaswagen vermerkt war - und bis in die jüngste Zeit erhalten geblieben 
ist, bis sie von Journalisten entdeckt wurde!) 63 

In der erwähnten Liste gibt es unzählige Schicksale, bei denen die Le¬ 
benskurve in einem Flammenstreif abschmiert. Nun war der Moment ge¬ 
kommen, da auch Bela Kun, der Krim-Henker, und mit ihm noch zwölf 
Volkskommissare der kommunistischen Regierung in Budapest in das 
tschekistische Räderwerk gerieten. 64 

Doch man kann nicht akzeptieren — dies wäre unschicklich und gewis¬ 
senlos -, wenn unter Verfolgung von Juden auch die Vertreibung aus den 
Straforganen deklariert wird. Bei dieser Vertreibung gab es kein antijüdi¬ 
sches Motiv. (Ganz abgesehen davon, dass Stalins Schergen - wenn ihnen 
nicht nur um ihr gegenwärtiges Wohl und den süßen Triumph der Macht 
zu tun gewesen wäre, sondern auch um die Meinung des Volkes, das sie 
lenkten - von selbst den Dienst im NKWD hätten quittieren müssen 
ohne abzuwarten, dass man sie vertrieb. Auf einem anderen Blatt stand, 
dass dies ohnehin nicht viele von ihnen vor dem Tode bewahrt hätte - aber 
vor dem Schandmal hätte es sie doch bewahrt?) Sogar umgekehrt: »Nach 
den vorliegenden Angaben zu schließen, waren die Juden eine der weni¬ 
gen nationalen Minderheiten, der anzugehören in den Augen eines 
NKWD-Mitarbeiters Ende der 30er-Jahre keinen >kriminellen Tatbe- 
stand< darstellte. In den Staatssicherheitsorganen waren jene Direktiven 
für die Nationalitätenpolitik und Personalpolitik noch nicht in Kraft, die 
für Ende der 40er und Anfang der 50er prägend wurden .. .« 65 

* 

Unter die vernichtende Walze von 1937/38 kamen auch viele prominen¬ 
te Funktionäre der Partei und des Staates. Ab 1936/37 änderte sich die 
Zusammensetzung des Sownarkom deudich - die Säuberungen der Vor¬ 
kriegsjahre verschonten nicht einmal die namhaftesten Figuren aus den 
Volkskommissariaten. Die Kugel spürte sowohl Jakowljew, den Motor der 
Kollektivierung, auf, als auch dessen Mitstreiter Kalmanowitsch und Ru- 
chimowitsch - und natürlich viele andere. In den Fleischwolf wurden (von 
Kamenew und Sinowjew ganz zu schweigen) auch alte »verdiente« Bol¬ 
schewiken hineingezogen wie Rjasanow, der schon lange endassen worden 


310 


Die Dreißigerjahre 


war, und Goloschtschokin, der Organisator des Zarenmords. (Vor diesem 
Untergang blieb nur Lasar Kaganowitsch verschont: Ihm gelang es, in 
mehreren Säuberungswellen der Jahre 1937 und 1938 selbst als »eiserner 
Besen« zu fungieren, zum Beispiel taufte man sein Wüten über der Stadt 
Iwanowo dort den »schwarzen Wirbelsturm«. 66 ) 

Man bietet uns die folgende Interpretation an: »Hier handelt es sich um 
Opfer der Sowjetdiktatur, die von ihr ausgenutzt und, als kein Bedarf 
mehr an ihnen bestand, gnadenlos liquidiert wurden.« 67 Ein schöner Ge¬ 
dankengang! Waren 20 Jahre lang diese das Heft führenden Juden etwa 
ausgenutzt worden? Bildeten sie nicht voller Eifer das Räderwerk ebenjener 
Diktatur , und hatten sie, bis »kein Bedarf mehr an ihnen bestand«, nicht 
nach Kräften an der Vernichtung der Religion, der Kultur, der Intelligen- 
zija und des Millionen von Menschen umfassenden Bauernstands mitge¬ 
wirkt? 

In großer Zahl kamen auch die Befehlshaber der Roten Armee unter die 
Walze. »Im Sommer 1938 waren ohne Ausnahme alle« Befehlshaber der 
Militärbezirke, »die diese Posten im Juni 1937 eingenommen hatten, 
spurlos verschwunden«. Die Politische Verwaltung der Roten Armee erlitt 
bei dem Vernichtungszug von 1937, nach Gamarniks Selbstmord, »durch 
den Terror die größten Verluste«. Was die politischen Mitarbeiter betraf, 
so starben alle 17 Armeekommissare, 25 von 28 Korpskommissaren und 
34 von 36 Brigade- und Divisionskommissaren. 68 Einen beträchdichen 
Prozentsatz von Juden können wir in den jetzt veröffendichten Listen der 
1937/38 erschossenen militärischen Befehlshaber erkennen. 69 

Eine sehr spezielle militärische Laufbahn über die Schiene der politi¬ 
schen Führungsoffiziere machte Grigorij Stern: Im Bürgerkrieg war er Re¬ 
giments-, Brigade- und Divisionskommandeur, 1923-1925 Komman¬ 
deur der Truppen für Sonderaufgaben (TschON) bei der Heeresgruppe 
Choresm (Repression in Zentralasien), außerdem bis 1926 Leiter der Po¬ 
litischen Abteilung der Division. Im Weiteren absolvierte Stern eine Aus¬ 
bildung zum obersten Mannschaftskommandeur. 1929-1934 war er »für 
besonders wichtige Aufträge beim Volkskommissariat für Militär und Ma¬ 
rine geführt«, unter Woroschilow also, 1937/38 »militärischer Berater bei 
der republikanischen Regierung von Spanien« (nicht zu verwechseln mit 
Manfred Stern, der ebenfalls bei den roten Spaniern als »General Kleber« 
berühmt wurde). Später war Stern Stabsleiter der Fernost-Front und be- 



fehligte gemeinsam mit Mechlis 1938 die blutigen Kämpfe am Chassan- 
See, gleichzeitig suchte er durch Intrigen die Verhaftung Marschall 
Bljuchers zu erreichen, den er vernichtete, danach wurde er an dessen 
Stelle Frontkommandeur. Im März 1939 äußerte er beim XVIII. Partei¬ 
tag in einer Rede: »Wir haben miteinander ein Häufchen allen möglichen 
Drecks vernichtet - all diese Tuchatschewskijs, Gamarniks, Uborewitschs 
und ähnliches Gesindel.« Er selbst wurde erst im Herbst 1941 erschos¬ 
sen. 70 Ein Kampfgenosse Sterns aus der Luftwaffe, Jakow Smuschke- 
witsch, machte ebenfalls eine Schwindel erregende Karriere. Wie Stern 
begann er ebenfalls als politischer Führer und Kommissar (bis Mitte 
der 30er) und wurde allerdings auch zum Mannschaftskommandeur 
ausgebildet. 1936/37 diente er ebenfalls in Spanien, in der Luftwaffe, als 
»General Douglas«. 1939 war er Kommandeur der Gruppe der Luft¬ 
streitkräfte im Chalchin-Gol-Gebiet. Danach stieg er zum Komman¬ 
dierenden aller Luftstreitkräfte der Roten Armee und zum Generalin¬ 
spekteur der Luftwaffe auf. Im Mai 1941 verhaftet und im selben Jahr er¬ 
schossen. 71 

Die Walze verschonte auch nicht die Wirtschafts- und Verwaltungs- 
funktionäre, und fast alle weiter vorne erwähnten Diplomaten wurden er¬ 
schossen. 

Wir geben die hier bereits genannten und nun von der Repression be¬ 
troffenen Funktionäre aus Partei, Militär, Diplomatie und Wirtschaft an 
(die Erschossenen werden durch Kursivschrift gekennzeichnet): 

Samuil Agurskij, 1938 verhaftet; Lasar Aronstam, 1938; Boris Belenkij, 
1938; Grigorij Belenkij, 1938; Mark Belenkij, 1938; Sachar Belenkij, 1940; 
Moris Belozkij, 1938; German Bitker, 1937; Leon Chajkis, 1938; Avenir 
Chanukajew; Moissej Charitonow, starb 1948 im Lager; Mendel Chataje- 
witsch, 1937; Iossif Chodorowskij, 1938; Morduch Chorosch, 1937; Tichon 
Chiuesin, 1938; Max Deutsch, 1937; Semjon Dimanstein, 1938;JefimDrej- 
zer, 1936; Scholom Dwojlazkij, 1937; Ijerochim Epstein, 1938 verhaftet; 
Jewgenij Fainberg, 1937; Wladimir Fejgin, 1937; Boris Feldman, 1937; 
Jakow Fischman, 1937 verhaftet; Moissej Frumkin, 1938; Maria Frumki- 
na-Esther, starb 1943 im Lager; Jan Gamarnik, 1937 Selbstmord; Michail 
Gertschikow, 1937; Jewgenij Gnedin, 1939 verhaftet; Ja. Goldin, 1938; 
Filipp Goloschtschokin, 1941; Lew Gordon, 1939 verhaftet; Isaak Grin- 


Die Dreißigerjahre 


berg, 1938; Jakoiv Gugel, 1937; Alexander Gureivitsch, 1937; Boris Ippo, 
1941; Iona Jakir, 1937; Jakow Jakowlew-Epstein, 1938; Michail Kagano- 
witsch, erschoss sich 1941 in Erwartung der Verhaftung; Moissej Kalman- 
owitsch, 1937; Lew Kamenew, 1936; Abram Kamenskij, 1938; Grigorij Ka- 
minskij, 1938; Ilja Kit-Wijtenko, 1937 verhaftet, 20 Jahre in Haft; I. M. 
Klejner, 1937; Jewgenija Kogan, 1938; Alexander Krassnoschtschokow-To- 
binson, 1937; Lew Krizman, 1937; Solomon Kruglikow, 1938; Michail 
Landa, 1938; Wladimir Lasarewitsch, 1938; Ruwim Lewin, 1937; Moissej 
Lissowskij, 1938 verhaftet; Jakow Liwschiz, 1937; Lew Marjasin, 1938; 
Frid Markus, 1938; Grigorij Melnitschanskij, 1937; Alexander Minkin- 
Menson, starb 1955 im Lager; Nadeshda Ostrowskaja, 1937; Lew Pet- 
scherskij, 1937; I. Pinson, 1936; Iossif Pjatnizkij-Tarschis, 1938; Moissej 
Rafes, 1942; Israil Rasgon, 1937; David Rjasanow, 1938; Grigorij Rogin- 
skij, 1939; Boris Rojsenman, 1938; Marsei Rosenberg, 1938; Arkadij Ro- 
sengolz, 1938; Naum Rosowskij, 1942; Je. Rubinin, 15 Jahre in Haft; Jakow 
Rubinow, 1937; Moissej Ruchimowitsch, 1938; Oskar Rywkin, 1937; Sa- 
muilSaks, 1937; Sinowij Sangwil; Lasar Schazkin, 1937; Achij Schilman, 
1937; Isaak Selenskij, 1938; Semjon Shukowskij, 1940; Grigorij Sinowjew, 
1936; Boris Skwirskij, 1941; Iossif Slawin, 1938; Grigorij Sokolnikow- 
Brilliant, 1939 in der Haft ermordet; Isaak Solz, starb 1940 in der Haft; 
S. Sorin-Gomberg, 1937; Naum Sorkin, 1938; Lew Sosnowskij, 1937; Artur 
Staschewskij-Hirschfeld, 1937; Jurij Steklow-Nachamkis, 1941; Grigorij 
Stern, 1941; Nikolaj Suchanow-Gimmer, 1940;Wenjamin Swerdlow, 1939; 
Boris Tal, 1938; Jakow Tschubin; N. Tschushak-Nasimowitsch; Semjon 
Turowskij, 1936; Semjon Urizkij, 1937; Aron Weinstein, 1938; Israil Wej- 
zer, 1938; Jakow Wesnik, 1938; Abram Wolpe, 1937; Isaj Zalkowitsch, 
1937 verhaftet; Jefim Zetlin, 1937. 

Dies ist gleichzeitig auch eine Liste der so zahlreichen jüdischen Opfer aus 
der Führungsspitze. 

Hier folgen die Schicksale einiger namhafter russischer Sozialisten, die 
sich den Bolschewiken nicht angeschlossen hatten oder sie sogar be¬ 
kämpften. 

Boris Ossipowitsch Bogdanow (geb. 1884): Enkel und Sohn einer Holz¬ 
händlerfamilie aus Odessa, schloss die beste Handelsschule der Stadt ab, 
bereits während des Studiums Kontakt zu sozialdemokratischen Zirkeln. 


313 


Kapitel 7 


War im Juni 1905, kaum dass der rebellierende Panzerkreuzer »Potemkin« 
in den Odessaer Hafen einlief, der erste Zivilist, der an Bord vordrang, 
hielt bei einer Kundgebung eine Rede an die Schiffsbesatzung und rief 
diese auf, sich dem Streik in Odessa anzuschließen; überbrachte den Kon¬ 
sulaten Sendschreiben an die Länder Europas. Entzog sich der Bestrafung 
durch Abreise nach St. Petersburg, dort im sozialdemokratischen Unter¬ 
grund tätig, Menschewik. Zweimal in Folge für zwei Jahre verbannt nach 
Solwytschegodsk und Wologda. Vor dem Krieg Mitglied der Menschewi- 
kenfiihrung, im Organisationskomitee, legal tätig im Bereich Arbeiter¬ 
problematik, ab 1915 Sekretär der Arbeitsgruppe beim Komitee für Mili¬ 
tärindustrie, mit dieser Gruppe im Januar 1917 verhaftet, durch die Fe¬ 
bruarrevolution befreit. Mitglied des Exekutivkomitees des Petrograder 
Sowjet, bei dessen geräuschvollen Sitzungen Tausender Teilnehmer er stets 
den Vorsitz führte, ab Juni [1917] Mitglied des Büros des Allrussischen 
Zentralen Exekutivkomitees (WZIK), setzte den bereits damals begin¬ 
nenden Umsturzversuchen der Bolschewiken beharrlichen Widerstand 
entgegen. Nahm nach dem Juliaufstand der Bolschewiken die Kapitula¬ 
tion der in der Peter- und Pauls-Festung verschanzten Matrosenabteilung 
entgegen. Nach dem Oktoberumsturz war er 1918 einer der Organisato¬ 
ren der antibolschewistischen Arbeiterbewegung in Petrograd. Hielt sich 
in der Bürgerkriegszeit in Odessa auf. Danach Versuch einer Neuaufnah¬ 
me der menschewistischen Aktivitäten, bereits Ende 1920 für ein Jahr ge¬ 
fangen gesetzt. Beginn einer jahrelangen Folge von Verhaftungen und 
Verurteilungen, Verbannungen und Lagern, das ständige Verlegtwerden 
von einem Platz zum anderen - die »große Patience« so vieler Sozialisten 
in der UdSSR -, und all dies nur für seine menschewistische Vergangen¬ 
heit und seine menschewistischen Überzeugungen, denn in den kurzen 
Atempausen arbeitete er in der Wirtschaft und wollte nur mehr ein ganz 
normales Leben, doch wurde er ständig als »Wirtschaftsschädling« ver¬ 
dächtigt. Ersuchte 1922 um die Erlaubnis, ins Ausland reisen zu dürfen, 
vor der Abreise jedoch wieder verhaftet. Solowki-Lager, Verbannung an 
die Petschora 1 , regelmäßig Verlängerung der Haft um je drei Jahre, 
Sondergefängnis in Susdal, wieder und wieder Deportationen. 1931 ver- 


1 Petschora: Flussgebiet in der Autonomen Republik Komi (Nordrussland), in 
dem sich zahlreiche Lager befanden 


314 



Die Dreißigerjahre 


suchte man, ihn im Prozess um das »Unionsbüro der Menschewiken« an¬ 
zuklagen, ließ dann aber von ihm ab. 1937 jedoch wurde er in den allge¬ 
meinen Wirbelsturm hineingerissen, im Omsker Gefängnis (wo er nun 
bereits mit verurteilten Kommunisten in der Zelle saß) wurde er »Flie߬ 
bandverhören« unterzogen, die manchmal ohne Pause über Wochen an¬ 
dauerten, zu manchen Zeiten Tag und Nacht (die Vernehmer arbeiteten 
in drei Schichten); sieben Jahre Lager Kargopol (andere Menschewiken 
wurden erschossen), Verbannung nach Syktywkar, 1948 bei einer Welle 
von Wiederverhaftungen ehemaliger Verfolgter mit betroffen; Verban¬ 
nung nach Kasachstan. 1956 rehabilitiert, starb er I960 als erschöpfter 
Greis. 

Boris Dawydowitsch Kamkow-Kaz (geb. 1885): Sohn eines Landarztes. 
Seit seiner Jugend Mitglied der Sozialrevolutionären Partei. 1905 Verban¬ 
nung ins Turuchan-Gebiet, Flucht. In der Emigration Studienabschluss 
an der Juristischen Fakultät der Fleidelberger Universität. Teilnehmer der 
Sozialisten-Konferenz in Zimmerwald (1915). Nach der Februarrevolu¬ 
tion Rückkehr nach Russland. Einer der Parteigründer der linken Sozial¬ 
revolutionäre, die kurz vor dem Oktoberumsturz eine Koalition mit den 
Bolschewiken bildeten. Im Januar 1918 Teilnahme an der Auflösung der 
Konstituierenden Versammlung. Ab dem April rief er zur Auflösung des 
Blocks mit den Bolschewiken auf, im Juni auch zum »revolutionären Auf¬ 
stand« gegen diese. Ging nach dem Scheitern des Aufstands in den Unter¬ 
grund. Nach kurzzeitiger Verhaftung 1920 wurde er 1921 wieder verhaf¬ 
tet und 1923 deportiert. Zwischen den verschiedenen Verbannungen 
noch zwei Jahre Gefängnis und dieselbe »Patience«. 1933 Verbannung 
nach Archangelsk, 1937 verhaftet, 1938 erschossen. 

Abram Rafailowitsch Goz (geb. 1882): Enkel des Teehändlers und Milli¬ 
onärs W. Ja. Wyssozkij. Ab dem Alter von 14 Jahren in der revolutionären 
Bewegung, Sozialrevolutionär seit der Parteigründung 1901 (sein Bruder 
Michail war eine der Führungsfiguren dort), ab 1906 Mitglied der sozial- 
revolutionären Kampforganisation, Terrorist. 1907-1915 Zwangsarbeit, 
Alexandrowskij-Zentralgefängnis. In Irkutsk, dann in Petrograd Teilneh¬ 
mer der Februarrevolution. Gehörte jeweils dem Exekutivkomitee des 
Rats der Arbeiter- und Soldatendeputierten und des Rats der Bauernde¬ 
putierten an, Präsidiumsmitglied des Zentralexekutivkomitees (WZIK). 
Ab dem 25. Oktober 1917 Leiter des antibolschewistischen Komitees zur 


315 


Kapitel 7 


Rettung der Heimat und der Revolution. In den Bürgerkriegsjahren 
weiterhin Kampf gegen die Bolschewiken. 1920 verhaftet, beim Prozess 
gegen die Sozialrevolutionäre 1922 wurde gegen ihn die Todesstrafe ver¬ 
hängt, jedoch in eine fünfjährige Gefängnisstrafe umgewandelt. Dann 
durchlief er die übliche »Patience« mit immer neuen Haftstrafen und Ver¬ 
bannungen. 1939 zu 25 Jahren Lager verurteilt, im Jahr darauf starb er im 
Lager. 

MichailJakowlewitsch Gendelman (geh. 1881): Seit 1902 Sozialrevolu¬ 
tionär, Rechtsanwalt. Teilnehmer der Februarrevolution in Moskau, Mit¬ 
glied im Exekutivkomitee des Sowjet, gehörte dem WZIK-Präsidium und 
dem Zentralkomitee der Sozialrevolutionäre an. Verließ am 25. Oktober 
1917 zum Zeichen des Protests gegen die Bolschewiken die Sitzung des 2. 
Allrussischen Sowjetkongresses. Mitglied der Konstituierenden Versamm¬ 
lung und Teilnehmer ihrer einzigen Sitzung am 5. Januar 1918. Gehörte 
in Samara weiterhin dem Komitee der Mitglieder der Konstituierenden 
Versammlung an. 1921 verhaftet, 1922 im Prozess gegen die Sozialrevo¬ 
lutionäre zum Tod verurteilt und zu fünf Jahren Haft begnadigt. Dieselbe 
»Patience« aufeinander folgender Strafen. 1938 erschossen. 

Michail Isaakowitsch Liber-Goldman (geh. 1880): Gründungsmitglied 
des »Bund« (1897), Mitglied des ZK des »Bund« in der Emigration, ver¬ 
trat diese Partei bei den Kongressen der Russischen Sozialdemokratischen 
Arbeiterpartei (RSDRP). Teilnehmer der Revolution von 1905/06. 1910 
für drei Jahre ins Gouvernement Wologda verbannt, kurz darauf Flucht 
und wieder Emigration. Stets ein leidenschaftlicher Gegner Lenins. Nach 
1914 Rückkehr nach Russland, schloss sich den sozialistischen »Verteidi¬ 
gern« an (Verteidigung des Vaterlands im Krieg). Nach der Februarrevo¬ 
lution Exekutivkomitee-Mitglied des Petrograder Sowjet, später Präsidi¬ 
umsmitglied des WZIK, aus dem er nach dem Oktoberumsturz austrat. 
Wiederholt in die RSDRP (Menschewiken) ein- und ausgetreten. In 
Wirtschaftsinstitutionen tätig. Einer der Führer des menschewistischen 
Untergrunds in der UdSSR. Ab 1923 Verhaftungen, Verbannungen, die 
»Patience«. 1937 wieder verhaftet und im gleichen Jahr in Alma-Ata er¬ 
schossen. 

Ein ähnliches Schicksal mit wiederholten Verurteilungen und Verban¬ 
nungen durchliefen viele Personen, bis hin zum Kulminationspunkt in 
den Jahren 1937/38. 


316 



Die Dreißigerjahre 


Der Besen jener Jahre kehrte und kehrte im ganzen Land, er fegte auch 

Menschen hinweg, die keine Staatsdiener waren und in keiner Beziehung 

zur Macht und zur Politik standen, unter ihnen auch Juden. Hier sind ei¬ 
nige der Getöteten: 

Nathan Bernstein (geb. 1876): Musikwissenschaftler und -kritiker, Dozent 
für Musikgeschichte und Ästhetik, Autor einer Reihe von Werken, 

1937 verhaftet, in der Haft gestorben. 

Matwej Bronstein (geb. 1906): Begabter theoretischer Physiker, habilitiert, 
brillante Ergebnisse. Ehemann der [Schriftstellerin] L. K. Tschukow- 
skaja. 1937 verhaftet, 1938 erschossen. 

Sergej Ginter (geb. 1870): Architekt und Ingenieur. 1934 verhaftet, nach 
Sibirien deportiert, 1937 erneut verhaftet und erschossen. 

Wenjamin Silberminz (geb. 1887): Mineraloge und Geochemiker, Spezia¬ 
list für seltene Elemente, für die Arbeit mit Halbleiterwerkstofifen rich¬ 
tungsweisend, wurde 1938 zum Opfer der Repression. 

MichailKokin (geb. 1906): Orientalist, Sinologe, Historiker. 1937 verhaf¬ 
tet, erschossen. 

Ilja Kritschewskij (geb. 1885): Mikrobiologe, Immunologe (mit zusätzli¬ 
chem Abschluss als Physiker und Mathematiker), habilitierter Medizi¬ 
ner, Begründer einer wissenschaftlichen Schule, Vorsitzender der All¬ 
unions-Vereinigung der Mikrobiologen. 1938 verhaftet, 1943 gestor¬ 
ben. 

Solomon Lewit (geb. 1894): Genetiker, Forschungen zur Bedeutung des 
Umfelds beziehungsweise der Vererblichkeit für die Genese von Krank¬ 
heiten. 1938 verhaftet, starb in der Haft. 

Iochiel Rawrebe (geb. 1883): Orientalist, Semitologe, 1920 Gründungs¬ 
mitglied der Jüdischen Ethnografischen Gesellschaft. Beschuldigt, eine 
zionisüsche Organisation gegründet zu haben, 1937 verhaftet, in der 
Haft gestorben. 

Wladimir Finkeistein (geb. 1896): Physikalischer Chemiker, Professor, kor¬ 
respondierendes Mitglied der Ukrainischen Akademie der Wissen¬ 
schaften, zahlreiche Arbeiten zur angewandten Elektrochemie, Opfer 
der Verhaftungswelle von 1937. 

Ilja Chezrow (geb. 1887): Hygieniker, Epidemiologe: Umwelthygiene, Ge¬ 
wässerschutz, Schutz des artesischen Wassers, kommunale Hygiene. 

1938 verhaftet, erschossen. 


317 


Kapitel 7 


Nachum Schwarz (geb. 1888): Psychiater, Forschungen zu den psycholo¬ 
gischen Eigenarten der Juden. Unterrichtete 1921-1923 Hebräisch, 
schrieb Gedichte. Anklage wegen zionistischer Betätigung, 1937 Ver¬ 
haftung und Tod. 

Die drei Brüder Spielrein aus Rostow am Don: 

Jan Spielrein (geb. 1887): Mathematiker, Anwendung mathematischer 
Verfahren in der Elektro- und Wärmetechnik, Professor am Moskauer 
Technischen Bauman-Institut (MWTU), dann Dekan der Fakultät für 
Elektrotechnik. 1937 Beginn der Repressalien gegen ihn und Tod. 
Isaak Spielrein (geb. 1891): Psychologe, Habilitation in Philosophie. 1927 
Leiter der Gesamtrussischen Gesellschaft für Psychotechnik und ange¬ 
wandte Psychophysiologie; umfangreiche Forschungen zur psychologi¬ 
schen Analyse von Berufen und zur Rationalisierung im Arbeitsbereich. 
1935 verhaftet, erschossen. 

Emil Spielrein (geb. 1899): Biologe, Dekan der Fakultät für Biologie an der 
Rostower Universität. 1937 erschossen. 

Leonid Jurowskij (geb. 1884): Habilitation in Politökonomie, einer der 
Väter der Geldreform 1922-1924. Stand [den Wirtschaftswissen¬ 
schaftlern] A. W. Tschajanow und N. D. Kondratjew nahe. 1930 ver¬ 
haftet, 1935 aus der Haft endassen, 1937 wieder verhaftet und er¬ 
schossen. 

* 

Es geriet zwar eine überwältigend große Zahl von Juden aus der Schicht 
der hohen Amtsträger unter die Stalirische Axt, doch ersieht man aus der 
freien westlichen jüdischen Presse, dass diese Erscheinung an sich nicht als 
etwas unter nationalen Aspekten gegen die Juden Gerichtetes aufgefasst 
wurde: Wenn die Juden Teil dieses Dreschguts wurden, so nur wegen ihres 
hohen Anteils an der sowjetischen Führungsschicht. Als Einziges kann 
man vielleicht eine Einschränkung wie die folgende im Sammelband »Jü¬ 
dische Welt« (1939) lesen: »Zweifellos haben die Juden in der UdSSR eine 
Vielzahl von Möglichkeiten und Chancen, die sie vor der Revolution 
nicht hatten und die sie sogar jetzt noch in einigen demokratischen 
Staaten nicht haben. Sie können zwar Generäle, Minister, Diplomaten, 
Professoren sein, hoch gestellte Würdenträger, die dabei am besten im 
Staube kriechen sollten«, doch seien dies nur Möglichkeiten fiir die sow- 


318 


Die Dreißigerjahre 


jetischen Juden, »keinesfalls ein Anrecht«, und gerade wegen des Fehlens 
eines solchen Anrechts stürzten die »Jakirs, Gamarniks, Jagodas, Sinow- 
jews, Radeks und Trotzkijs« jetzt aus ihrem Olymp und verloren ihr 
Leben. 72 Nun ja, kein Volk hatte unter der kommunistischen Diktatur ein 
solches Anrecht -was zählte, war nur, wer sich halten und wer sich genehm 
machen konnte. 

Ein langjähriger und hart gesottener Sozialist, der Emigrant St. Iwano- 
witsch (S. O. Portugejs) gestand ein: »Mit dem >Recht auf Wohnen< sah es 
unter der Autokratie für die Juden viel schlechter aus, aber mit dem >Recht 
auf Lebern war es für sie unter der Autokratie um vieles besser bestellt als 
unter den Bolschewiken.« Dem kann man nur zustimmen. Indessen wuss¬ 
te Iwanowitsch über die »Kolchosrevolution« zwar Bescheid (er schrieb es 
ja sogleich), dennoch kommt er zu dem Schluss: »Die rückständigen For¬ 
men der Etablierung des >Sozialismus< in Russland hatten auf die Juden 
die schwersten Auswirkungen«, »auf kein Volk stürzten sich die Skorpio¬ 
ne des Bolschewismus so wild wie auf die Juden«. 73 

Dabei hatte die Pest der Entkulakisierung nicht Tausenden, sondern 
Millionen von Bauern weder ein Wohnrecht noch das Recht auf ihr Leben 
belassen. Doch alle sowjetischen Schreiber - darunter nicht wenige Juden 
- verloren keine einzige Silbe über diese eiskalte Vernichtung des russi¬ 
schen Bauerntums. Mit ihnen schwieg auch der ganze Westen - stand 
wirklich Unwissenheit dahinter? Oder der Wunsch, die Sowjetmacht am 
Ruder zu halten? Oder bloße Gleichgültigkeit? Es sprengt beinahe das Fas¬ 
sungsvermögen: 15 Millionen waren nicht einfach solcher Dinge beraubt 
wie der Studienmöglichkeiten, des Rechts, ihren Doktor zu machen, oder 
des Zugangs zu Amtsfunktionen, sondern sie wurden ruiniert, auf ihren 
Höfen wie Vieh zusammengetrieben und zu ihrer Vernichtung in die 
Taiga und Tundra deportiert. Mit den fanatischen Scharen der städtischen 
Aktivisten strömten auch Juden begeistert hinaus, die Kollektivierung zu 
vollziehen und eine sichtbare und schlimme Erinnerung an sich zu hinter¬ 
lassen. Wer hätte damals schon seine Stimme zur Verteidigung der Bauern 
erhoben? Schon bald, 1932/33, krepieren in Russland und der Ukraine 
fünf oder sechs Millionen Menschen an Hunger, und das am Rande Eu¬ 
ropas! Doch die freie Presse der freien Welt bewahrt vollkommenes 
Schweigen ... Auch wenn eine extrem linke Ausrichtung der damaligen 
wesdichen Presse und ihre alluntertänigste Begeisterung für das sozialisti- 


319 


sehe »Experiment« in der UdSSR den passendsten Schlüssel zu einer Ant¬ 
wort gibt, muss man sich doch wundern, bis zu welchem erstaunlichen 
Grad die Blindheit und Gefühllosigkeit gegenüber den Leiden sogar von 
Dutzenden Millionen Menschen gehen konnte. 

Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß ... 

Die Juden in der Ukraine hatten bereits Abstand von ihrer Einstellung 
der Jahre 1917-1920 genommen, von ihrer Unterstützung der russischen 
Staadichkeit, und Ende der 20er-Jahre waren »die großen Chauvinisten, 
die für eine eigene ukrainische Staatlichkeit eintraten, gerade die Juden, 
die dort eine enorme Bedeutung besitzen — nicht nur in den Städten«. 74 
Auch ein solches Fazit findet man: Als die ukrainischsprachige Kultur 
1937 zerschlagen wurde, richtete sich dies auch gegen jene Juden, die 
»reell« mit den Ukrainern einen »Bund zur Entwicklung der lokalen Kul¬ 
tur in ukrainischer Sprache« geschlossen hatten. 75 Doch ein solcher Zu¬ 
sammenschluss in Kulturkreisen milderte keineswegs die Einstellung der 
ukrainischen Durchschnittsbevölkerung gegenüber den Juden. Wir haben 
bereits im vorigen Kapitel gesehen, wie im Lauf der Kollektivierung »eine 
nicht geringe Zahl jüdischer Kommunisten auf dem Land das Heft in der 
Hand hielten und als Herren über Leben und Tod auftraten«. 76 Dies 
hinterließ erneut eine klaffende Wunde im ukrainisch-jüdischen Verhält¬ 
nis, das schon jahrhundertelang angespannt gewesen war. Wenn auch die 
Hungersnot das direkte Ergebnis der Politik Stalins war, und dies nicht 
nur in der Ukraine (sie wütete grausam auch im Wolgagebiet und im 
Ural), so entstand bei den Ukrainern doch weithin der Verdacht, an dem 
ganzen Hunger in der Ukraine seien die Juden schuld. Diese Interpreta¬ 
tion war lange in Umlauf (und hielt sich in der ukrainischen Emigran¬ 
tenpresse bis in die 1980er-Jahre). »Einige Ukrainer sind überzeugt, dass 
die Juden eine besondere Rolle bei der Herbeiführung der Hungersnot ge¬ 
spielt haben ... Manche äußern, das Jahr 1933 stelle die Rache der Juden 
für Chmelnizkij dar.« 77 

Wer Rüben sät, kann nicht erwarten, dass bei ihm Getreide aufgeht. 
Die Oberherrschaft so vieler Juden und die Tatsache, dass die Leiden der 
übrigen Bevölkerung weniger stark die Juden berührten, konnten die 
Leute auf alle möglichen Auslegungen bringen. 

Es gab jüdische Autoren, die angespannt den »Verlauf der Kurve« des 
Antisemitismus in der UdSSR verfolgten und dennoch diese schwelende 


Die Dreißigerjahre 


Glut nicht genug im Auge behielten und ein relativ optimistisches Resü¬ 
mee zogen. So schreibt Solomon Schwarz: »Seit Anfang der 30er-Jahre 
ging der Antisemitismus in der Sowjetunion rasch zurück« und »Mitte der 
30 er-Jahre verlor er seinen Charakter eines Massenphänomens«, »die 
Kurve des Antisemitismus war an einem so tiefen Punkt wie noch nie an¬ 
gekommen«. Er erklärt dies insbesondere mit dem Ende der NÖP, dem 
Verschwinden der jüdischen NÖP-Gewinnler und der kleinen jüdischen 
Händler; danach halfen »die forcierte Industrialisierung und die wirbel¬ 
sturmartige Kollektivierung«, die er so herzerfrischend mit einer »Rosskur 
eigener Art, einer Elektroschock-Behandlung« vergleicht. Das ergänzt er 
mit dem folgenden Gedanken: Exakt in diesen Jahren begannen die füh¬ 
renden kommunistischen Kreise ihren Kampf gegen den russischen 
»Großmachts-Chauvinismus«. (Nein, sie begannen ihn nicht, sie führten 
diesen unversöhnlichen Kampf Lenins fort.) Also, so Schwarz, begannen 
die Machthaber »beharrlich über den Antisemitismus zu schweigen«, »um 
nicht den Eindruck zu erwecken, als ob der Kampf gegen den Gro߬ 
machts-Chauvinismus ein Kampf zugunsten der Juden sei«. 78 Eine ver¬ 
nünftige Bemerkung. 

Genau im Januar 1931 erschien in der New York Times 79 und danach 
in der ganzen Weltpresse plötzlich eine demonstrative Erklärung Stalins 
gegenüber der Jüdischen Nachrichtenagentur: »Die Kommunisten kön¬ 
nen als konsequente Internationalisten nichts anderes sein als unversöhn¬ 
liche und eingeschworene Feinde des Antisemitismus. In der UdSSR wird 
Antisemitismus strengstens gesetzlich geahndet als ein Phänomen, das der 
sowjetischen Ordnung zutiefst entgegengesetzt ist. Wer sich aktiv antise¬ 
mitisch betätigt, wird nach sowjetischem Recht mit der Todesstrafe be¬ 
straft.« 80 So, da hatte er sich also nicht geniert, vor den demokratischen 
Ohren des Westens auch das Strafmaß auszusprechen. Nur eine einzige 
Nationalität in der UdSSR hob er auf diese Weise hervor — und damit war 
die Weltöffentlichkeit völlig zufrieden gestellt. 

Doch bezeichnenderweise wurde in der sowjetischen Presse diese Er¬ 
klärung des Führers nicht abgedruckt (da hatte sein listiges Sicherheits¬ 
denken einen Riegel vorgeschoben), sie war nur für den Export bestimmt, 
vor seinen Untertanen verheimlichte er diese Position - erst Ende 1936 
kam sie in die Presse. 81 Zu jener Zeit entsandte Stalin Molotow, eine ähn¬ 
liche Erklärung beim Kongress der Sowjets abzugeben. 


321 



Kapitel 7 


Ein jüdischer Autor jener Zeit, der diese Rede Molotows nach seinem 
Verständnis interpretiert, schreibt fälschlicherweise, dass der Redner »im 
Namen der Regierung« die Zurschaustellung »antisemitischer Gefühle« 
mit der Todesstrafe bedroht hätte. 82 Gefiihlel Nein, so etwas enthielt Mo¬ 
lotows Rede nicht, von der Stalin’schen »aktiven antisemitischen Betäti¬ 
gung« wich er nicht ab. Aus den 30er-Jahren sind uns Todesurteile wegen 
Antisemitismus nicht bekannt, aber Freiheitsstrafen wurden verhängt, 
gemäß dem strafrechdichen Tatbestand. (Unter den Leuten wurde geflüs¬ 
tert: »Früher hat man nicht mal für den Zaren so viel bekommen.«) 

Aber dann vermerkt S. Schwarz einen Umschwung: »In der zweiten 
Hälfte der 30er-Jahre breitete sich diese Stimmung [Feindseligkeit des 
Volkes gegenüber den Juden] weitaus stärker aus ... besonders in den gro¬ 
ßen Zentren, wo eine große Zahl von Juden aus der Intelligenzija und 
Halbintelligenzija konzentriert war ... Allmählich begann hier die Mär 
von der Jüdischen Übermacht wieder aufzuleben, und es bildeten sich 
übertriebene Vorstellungen von der Rolle der Juden innerhalb der mittle¬ 
ren und gehobenen Beamtenschicht heraus.« Ob eine Mär oder nicht, hier 
wird jedenfalls gehörig naiv die altbekannte Rechtfertigung als Erklärung 
geliefert: Dass diese jüdische Intelligenzija und Halbintelligenzija ganz 
einfach »unter den sowjetischen Bedingungen außer dem Staatsdienst fast 
überhaupt keine Erwerbsquellen hatte«. 83 

So etwas zu lesen ist beschämend. Welche Bedrängnis und Ausweglo¬ 
sigkeit - fast keine Erwerbsquellen außer den privilegierten. Die übrige 
Bevölkerung aber sah sich vollkommen frei, in Kolchosfeldern zu sto¬ 
chern, Baugruben auszuheben, Steine auf den Großbaustellen des Fünf¬ 
jahresplans zu schleppen ... 

Was die Direktiven der Machthaber betraf, so kann man klipp und klar 
sagen, dass sich in den 30er-Jahren in der jüdischen Frage im Vergleich 
zur Revolution nichts geändert hatte und dass noch keine offizielle Feind¬ 
seligkeit gegenüber den Juden an den Tag gelegt wurde. Schließlich träum¬ 
te man ja auch laut von der »Beendigung jeglicher nationaler Gegensätze«. 

Auch in den jüdischen Kreisen des Auslands gab es ganz und gar noch 
nicht das Gefühl (und es konnte auch nicht auftauchen), dass die Juden 
in der UdSSR unterdrückt wären. Im Artikel »Die Juden und die sowjeti¬ 
sche Diktatur« schrieb der schon erwähnte St. Iwanowitsch: »Im Ausland 
glauben viele daran, dass in Russland kein Antisemitismus besteht, und 


322 


Die Dreißiger]ahre 


deswegen sind sie der Sowjetmacht wohlgesonnen. Doch in Russland 
weiß man, dass das nicht wahr ist«, aber die Juden »hoffen auf die Lang¬ 
lebigkeit der Sowjetmacht ... und haben große Angst vor deren Unter¬ 
gang«, denn »zu Pogromen lässt Stalin es jetzt und - so hoffen sie - auch 
in Zukunft nicht kommen«. Der Autor kann die folgende weit verbreite¬ 
te Meinung nachvollziehen, wenn er sie auch für einen Trugschluss hält: 
»Wenn die Diktatur des Bolschewismus stürzt, kann man sich mit Si¬ 
cherheit darauf gefasst machen, dass ein wilder Sturm antisemitischer Ge¬ 
fühle entfesselt wird ... Der Sturz der sowjetischen Macht wird zu einer 
Katastrophe für die Juden geraten, und jeder Freund des jüdischen Volkes 
muss eine solche Aussicht mit Entsetzen von sich weisen.« Iwanowitsch 
vermerkt allerdings, dass »die sowjetische Diktatur sich bereits für die ihr 

zugeschriebene Judenfreundlichkeit und Verjudung zu genieren be- 
8 4 

gann«. 

Die Generallinie für die 30er-Jahre wurde mit einer Resolution des 
XVI. Parteitags (1930) auf der Grundlage eines Vortrags von Stalin vor¬ 
gegeben: Es wurde zur energischen Bekämpfung des Chauvinismus - in 
erster Linie des großrussischen Chauvinismus - aufgerufen. Eine allen ver¬ 
ständliche Parteisprache. Dieser Kampf wurde noch einige Jahre lang 
energisch fortgefuhrt. Welcher Wahnsinn Stalins stand eigentlich dahin¬ 
ter - es war doch nicht einmal mehr ein Schatten eines solchen »Chauvi¬ 
nismus« vorhanden? Väterchen Stalin sah noch nicht die bereits nahe Zu¬ 
kunft vorher: Wie bald schon sein Untergang drohte - und wie er dann 
gerade an diesen russischen Patriotismus appellieren würde. 

Alarm wegen der Gefahr eines Wiedererstehens des russischen Patrio¬ 
tismus wurde schon damals geschlagen. St. Iwanowitsch war gleich zur 
Stelle, 1939 die Kursänderung in Richtung »Vaterlandsliebe« und »Na¬ 
tionalstolz« (alles in süffisanten Anführungszeichen) aufs Korn zu nehmen 
- den »muskelspielenden >Pattriotissmus<« dieser Diktatur, die nun »zu 
manchen nationalen Traditionen der Moskauer Rus und des imperialen 
Russlands zurückkehrte«. 85 

Ach so, die Hauptgefahr für Russland lag kurz vor Hiders Überfall also 
darin: im russischen »Pattriotissmus«! 

Diese Besorgnis würde die jüdischen Publizisten fiir ein halbes Jahr¬ 
hundert nicht mehr verlassen, sogar beim Rückblick auf diesen Krieg, in 
dem es allenthalben zu einem Auflodern des Patriotismus kam, diesen 


323 


Kapitel 7 


Krieg, der auch das sowjetische Judentum gerettet hatte. In einer israeli¬ 
schen Zeitschrift von 1988 lesen wir: »Die fortwirkenden Traditionen der 
Schwarzen Hundertschaften ... waren es, welche die Basis des debensret- 
tenden sowjetischen Patriotismus< bildeten, der später, in den Jahren des 
Großen Vaterländischen Krieges, aufblühte«. 86 

Wenn man auf diesen Krieg der Jahre 1941-1945 zurückblickt, muss 
man zugeben: eine sehr undankbare Einschätzung. 

Heißt das ein für alle Mal: Einen reinen, niemandem gegenüber schul¬ 
digen russischen Patriotismus kann es nicht geben* 

Warum so radikal? Warum soll das gerade für den russischen Patrio¬ 
tismus gelten? 

* 

Ein wichtiges Geschehnis im Leben der Juden war die Schließung der Jü¬ 
dischen Sektion beim ZK der Partei im Jahr 1930. Mit diesem Akt wurde 
der gesonderten - wenn auch am sowjetischen Programm ausgerichteten 
- Entwicklung des jüdischen Gesellschaftslebens, der »nationalen Kultur¬ 
autonomie« ein Ende gesetzt, dieser Strom mündete nun in das allgemei¬ 
ne sowjetische Flussbett ein. 1937/38 wurden die führenden Funktionä¬ 
re der Jewsekzija, die nach Einschätzung Ju. Margolins »als diensteifrige 
Helfer der Macht einen riesigen Pogrom aller Kulturgüter des jüdischen 
Volkes verursacht hatten« 87 - Dimanstein, Litwakow, Frumkina-Esther 
und ihre Mitstreiter (Motl Kiper, Izhok Sudarskij, Alexander Tsche- 
merisskij) - verhaftet und bald darauf liquidiert. Unter die Walze gerieten 
auch viele Jewsekzija-Mitglieder, die »leitende Positionen in den zentralen 
und ördichen Abteilungen der Allunionsgesellschaft für die landwirt¬ 
schaftliche Ansiedlung jüdischer Werktätiger (OSET) sowie in den sozia¬ 
len, kulturellen und Bildungsinstitutionen des sowjetischen Judentums 
innegehabt hatten«. 1936-1939 »wurde die überwältigende Mehrzahl 
von ihnen zum Opfer der Repression«. 88 Die vergiftete Atmosphäre der 
sowjetischen 30er-Jahre verbreitete sich in Schwaden auch hier. Auf öf¬ 
fentlichen Versammlungen begann man, namhafte jüdische Kommunis¬ 
ten zu beschuldigen und zu entlarven, die irgendwann früher einmal Mit¬ 
glieder des »Bund«, der Zionisten-Sozialisten und der unter den Sowjets 
sogar teilweise genehmigten Poale Zion gewesen waren. Kaum einer, dem 


324 


Die Dreißigerjahre 


die Bolschewiken nicht seine Vergangenheit unter die Nase gerieben hät¬ 
ten: »Wer warst du vorher ... ?« 1938 wurde auch die Zeitung »Der Emes« 

eingestellt. 

Und das Schulwesen? »Bis 1933 nahm die Zahl der jüdischen Schulen 
und ihrer Schüler weiterhin zu, ungeachtet dessen, dass noch Ende der 
20 er-Jahre Kritik laut geworden war, die jüdischen Sektionen würden 
mit ihrer Arbeit... im Rahmen der >zwangsweisen Umstellung auf das Jid- 
dische< ... »den Bogen nationalistisch überspannem ,..« 89 Die Jahre 
1936-1939 werden als »Zeit eines beschleunigten Niedergangs und einer 
noch stärker beschleunigten innerlichen Verarmung« der jiddischen 
Schulen bezeichnet. 90 Nach 1936/37 »nimmt die Zahl der jüdischen 
Schulen sogar in der Ukraine und in Weißrussland rapide ab«, es haben 
auch seltener Eltern den Wunsch, ihre Kinder in solche Schulen zu schi¬ 
cken. »Es zeigte sich nun ein abnehmendes Ansehen der jiddischen Bil¬ 
dung und stattdessen das Bestreben, den Kindern in russischer Sprache 
Bildung zu vermitteln.« Ebenfalls »ab der zweiten Hälfte der 30er-Jahre 
begann die Zahl der ... Hochschulen mit jiddischen Lehrveranstaltungen 
unaufhaltsam zurückzugehen«, »praktisch alle jüdischen allgemein bil¬ 
denden Schulen und Hochschulen in der UdSSR wurden 1937/38 ge¬ 
schlossen«. 91 

Anfang der 30er-Jahre wurden auch die jüdischen wissenschaftlichen 
Institute geschlossen, die der Akademie der Wissenschaften der Ukraine 
und Weißrusslands angegliedert waren; in Kiew kam das Aus für das »In¬ 
stimt für jüdische proletarische Kultur«. Bald danach begannen die Ver¬ 
haftungen (Michail Kokin aus dem Leningrader Institut ftir Geschichte, 
Philosophie und Literatur wurde erschossen; Iochiel Rawrebe - er war in 
der Vergangenheit im Petrograder Institut für Höhere jüdische Bildung 
tätig und leitete in den 30er-Jahren die Judaica-Abteilung der Öffent¬ 
lichen Bibliothek - erhielt acht Jahre Freiheitsstrafe und starb in einem 
Durchgangslager. 92 ) 

Von Verfolgungen bis hin zu Verhaftungen blieben nun auch die Jid¬ 
disch schreibenden jüdischen Schriftsteller nicht mehr verschont: Zum 
Opfer der Repression wurden Moische Kulbak, 1937, Selik Axelrod, 
1940, der Jiddischlehrer und Kritiker Awram Abtschuk, 1937 und der 
Schriftsteller Gerzl Basow, 1938. Auch der Schriftsteller Isi Charyk und 
der Kritiker Ch. Dunez fielen darunter. 


325 


Kapitel 7 


Doch »bis zum Ende der 30er fand noch rege Publikationstätigkeit für 
jiddische Literatur statt. In Moskau, Kiew und Minsk gab es jüdische Ver¬ 
lage.« Doch welche Art von Literatur war dies? In den 30er-Jahren war eine 
»überwältigende Mehrheit [der Werke] klischeehaft, entsprechend den un¬ 
umstößlichen Prinzipien des >sozialisdschen Realismus< geschrieben«. 93 
Die jiddische Literatur »steht von 1930 bis zum Juni 1941 ... unter dem 
Zeichen der >Stalinisierung<. Ströme von Elogen auf Stalin überfluteten das 
Feld der jüdischen Dichtung .. .« 94 Izik Fefer »brachte das Kunststück fer¬ 
tig, sogar die staadiche Propaganda mit einer lyrischen Note zu beseelen. 
Ihm werden die ungeheuerüchen Sinnsprüche: >Du hast deinen Vater ver¬ 
raten - das ist gut!< und >Ich sage Stalin und denke, dass das die Sonne ist<« 95 
zugeschrieben. Einen großen Teil dieser Schriftsteller, die diensteifrig vor 
Stalin scharwenzelten, erwartete die Verhaftung zehn Jahre später. Doch 
manche ereilte dieses Los, wie oben gezeigt, auch schon zu dieser Zeit. 

In ähnlicher Weise »bedeutete der ideologische Druck der offiziellen 
kommunistischen Doktrin für viele jüdische Maler und Schriftsteller den 
- nicht selten tragischen - Bruch mit der nationalen Tradition«. (Und 
wessen Kultur hätte das damals in der UdSSR nicht betroffen!) Ebenso er¬ 
ging es auch den erwähnten 19 jiddischen Berufstheatern und »einer Viel¬ 
zahl von Laientheatergruppen, -Studios und -zirkeln«: »Die große Mehr¬ 
heit ... der jüdischen Theater widmete in den 30er-Jahren Agitationsstü¬ 
cken bedeutenden Raum.« 96 

Schon gar kein Thema mehr war die Kultur in hebräischer Sprache, 
welche die nationalen Traditionen aufrechterhielt: Sie war bereits endgül¬ 
tig von der Bildfläche vertrieben worden und in den Untergrund gegan¬ 
gen. 

Dass der zionistische Untergrund zu Beginn der 30er-Jahre zerschlagen 
wurde, ist weiter oben erwähnt. Viele Zionisten waren bereits festgenom¬ 
men worden, doch auch anderen wurde »zionistische Konspiration« an¬ 
gehängt. Wer erinnert sich noch an Pinhas Daschewskij? 1 1933 wurde er 
als Zionist verhaftet. Einer, der sich nicht als Zionist hervorgetan hatte, 
aber in seinem Todesurteil als solcher bezeichnet wurde, war Pinhas Krass- 
nyj, ein Ex-Minister der Pedjura-Regierung, der später in die UdSSR zu¬ 
rückkehrte und 1939 erschossen wurde. Wolf Awerbuch, seit seiner Ju- 


1 Vgl. Solschenizyn, Russ.-jüd. Geschichte, S. 318. 


326 


Die Dreißigerjahre 


gend bei Poale Zion, emigrierte 1922 nach Israel und »war dort Mitar¬ 
beiter bei der kommunistischen Presse«. 1930 wurde er in die UdSSR aus¬ 
gewiesen - und dort verhaftet. 97 

Zu derselben Zeit wurde »eine Großzahl der halblegalen Chadarim und 
Jeschiwot geschlossen«. Bereits seit den späten 20er-Jahren fanden hie und 
da Verhaftungen von Mitgliedern des Chabad-chassidischen Untergrun¬ 
des um Ljubawitsch statt (Jakow-Sacharija Maskalik, 1937; Awrom- 
Lewik Slawin, 1939). Ende 1933 »wurden 257 Synagogen, das heißt 57% 
der in den ersten Jahren der Sowjetmacht bestehenden Synagogen ge¬ 
schlossen ... Mitte der 30er-Jahre nahmen die Schließungen immer ra¬ 
scher zu.« Ab 1929 »erhoben die Behörden höhere Steuern auf das Backen 
von Matzen«. 1937 verbot die »Kommission für Fragen des Kulms beim 
Zentralen Exekutivkomitee der UdSSR allen jüdischen Religionsgemein¬ 
den, selbst Matzen zu backen«. 1937/38 »wurden die meisten jüdischen 
Geistlichen verhaftet. In den meisten erhalten gebliebenen Synagogen gab 
es keine Rabbiner mehr.« 98 »1938 spürte man in der Zentralsynagoge von 
Moskau ein feindliches Rabbinernest< auf, die Rabbiner und eine ganze 
Reihe Gemeindemitglieder wurden verhaftet.« 99 Der Rabbiner von Mos¬ 
kau, Schmarjagu Medalje, wurde verhaftet und 1938 erschossen. (Damals 
wurde auch sein Sohn Moische Medalje festgenommen.) 1937 wurde 
auch der Rabbiner von Saratow, Iossif Bogatin, verhaftet. 100 

In diesen frühen 30er-Jahren, als in der UdSSR die Repression gegen 
die jüdische Religion im Gange war, wurden zudem überall im Land 
Zehntausende orthodoxer Kirchen geschlossen und viele davon wurden 
zerstört. Besonders eilig hatte man es, die Kirchen aus dem Weichbild des 
sowjetischen Moskaus zu eliminieren, dessen >Rekonstruktion< Boris 
Iofan unterstellt war. Im bitteren Hungerjahr mit seinen ruinösen Belas¬ 
tungen bis an die Grenzen wurden Entwürfe ftir einen Schwindel erre¬ 
genden Palast der Sowjets vorgestellt, der die Stelle der Christus-Erlöser- 
Kirche einnehmen sollte. Die »Iswestija« teilte mit: »Bei der Ausstellung 
werden bislang elf Projekte präsentiert, darunter sind die Arbeiten der Ar¬ 
chitekten Fridman, B. Iofan, Bronstein und Ladowskij besonders inte¬ 
ressant.« 101 Später wurden auch Architekten festgenommen. 

Auch die »Ansiedlung jüdischer Werktätiger auf dem Land« war ein 
Element, das zurücktrat und aus dem Leben der sowjetischen Juden ver¬ 
schwand. »Chronisch hoch blieb auf den Ländereien des KomSET die 


327 


Kapitel 7 


Rückkehrerquote unter den Siedlern.« 1930-32 »ging die Betätigung der 
ausländischen jüdischen Hilfsorganisationen wie Agro-Joint, ORT und 
EKO in der UdSSR merklich zurück«, 1933-38 wurde sie noch im Rah¬ 
men neuer, enger gefasster Verträge fortgesetzt, »1938 stellten sie ihre Tä¬ 
tigkeit ein«. »In der ersten Hälfte 1938 wurde zunächst die Allunionsge¬ 
sellschaft OSET aufgelöst und danach das KomSET. Eine Großzahl der 
bislang noch unbehelligt gebliebenen Mitarbeiter dieser Organisationen 
wurde nun verhaftet.« 1939 »traf das ZK der Kommunistischen Partei der 
Ukraine die Entscheidung, die ... >künstlich geschaffenem nationalen 
[jüdischen] Gebiete und Dorfräte aufzulösen«. 102 

Nichtsdestotrotz erhielt man die Birobidshan-Idee in den 30er-Jahren 
nicht nur aufrecht, sie wurde durch Gewaltmaßnahmen des Staates auch 
noch vorangetrieben. Im Dezember 1930 veranstalteten in Moskau die 
Machthaber den 2. Allrussischen OSET-Kongress, um den Enthusiasmus 
zu steigern. 103 Ende 1931 waren jedoch bei einer Gesamtbevölkerung des 
Gebiets von etwa 45 000 Personen nur etwas über 5000 Personen Juden, 
obwohl ihre Ansiedelung durch den Bau von fertigen Dörfern, Häusern 
und Zufahrtsstraßen vorbereitet wurde (zum Teil führten Sträflinge aus 
den benachbarten Lagern die Arbeiten aus, zum Beispiel am Bahnhof der 
Stadt Birobidshan). 104 Die Besiedelung des Gebiets durch Nichtjuden ver¬ 
lief rascher als die Kolonisierung durch Juden. 

Das Präsidium des Zentralen Exekutivkomitees der RSFSR wollte im 
Herbst 1931 alles mit einem Beschluss richten: In den nächsten zwei Jah¬ 
ren sollten noch 25 000 Juden angesiedelt werden, und danach könne man 
Birobidshan bereits zur Jüdischen Autonomen Republik erklären. Doch 
auch in den folgenden Jahren überstieg der Rückfluss der früher ange¬ 
kommenen jüdischen Siedler den Strom der Neuankömmlinge, und Ende 
1933, nach sechs Jahren Kolonisierung, hauen sich nur 8000 Juden fest 
niedergelassen, von ihnen waren nur 1500 Kolchosbewohner, was weni¬ 
ger als ein Fünftel aller dortigen Kolchosbauern ausmachte. (Außerdem 
gibt es Berichte, dass in jüdischen Kolchosen das Land häufig von Kosa¬ 
ken und Koreanern bearbeitet wurde, die als Lohnarbeiter eingestellt wur¬ 
den.) Das Gebiet war nicht in der Lage, seinen Bedarf an landwirtschaft¬ 
lichen Erzeugnissen selbst zu decken. 

Dessen ungeachtet wurde im Mai 1934, als die nichtjüdische Bevölke¬ 
rung bereits die Marke von 50000 erreicht hatte, Birobidshan großspurig 


328 


Die Dreißiger]abre 


zum Jüdischen Autonomen Gebiet, JAO, ausgerufen (für eine Republik 
reichte es beim besten Willen nicht). 105 

Es mangelte also »den jüdischen Massen an nationalem Elan, der ihnen 
die Bewältigung der mit einer solchen Kolonisation verbundenen enor¬ 
men Schwierigkeiten erleichtert hätte«: Es wurde in Birobidshan auch 
keine Industrie aufgebaut, sondern die Kolonistengesellschaft erinnerte 
mit ihrer »Wirtschafts- und Sozialstruktur an das Judentum der damali¬ 
gen ukrainischen und weißrussischen Kleinstädte und Schted«, und dies 
besonders in der Stadt Birobidshan, nur dass nun »die Rolle der Juden im 
Verwaltungsapparat« zugenommen hatte. 106 

In dem autonomen Gebiet entwickelte sich (in gemäßigtem Umfang) 
eine Kultur in jiddischer Sprache: Zeitungen, Rundfunk, das Kagano- 
witsch-Theater (sein Direktor war der zukünftige Schriftsteller E. Kasa- 
kewitsch), die Scholem-Alejchem-Bibliothek, das Museum der jüdischen 
Kultur, Lesesäle. Perez Märkisch brachte in der zentralen Presse einen ju¬ 
belnden Artikel über das »wiedergeborene Volk«. 107 (In Zusammenhang 
mit Birobidshan wollen wir an das Schicksal des Demografen Ilja Weiz- 
blit erinnern. Seine Einstellung war: »Man sollte davon Abstand nehmen, 
die jüdischen Armen aus den Städten für eine Ansiedlung auf dem Land 
anzuwerben«, »unter den Juden, die sich für Birobidshan als geeignet er¬ 
wiesen haben, waren keine Deklassierten«. Bereits 1933 festgenommen, 
ist er dort vermudich auch umgekommen. 108 ) 

, Der Zentrale wurde klar, dass man die Kolonisierung noch weiter for¬ 
cieren müsse. So wurden ab 1934 nicht mehr Freiwillige nach Birobidshan 
geschickt, sondern es wurden halb mit Gewalt Siedler unter den jüdischen 
Handwerkern und Arbeitern der westlichen Gebiete angeworben - also 
Stadtmenschen, was für Bauern konnten aus ihnen schon werden? Laut 
ertönte im Land die Parole: »Die ganze UdSSR baut das Jüdische Auto¬ 
nome Gebiet auf!« - sprich, es sollten auch nichtjüdische Kräfte dorthin 
geschickt werden, um den Aufbau zu beschleunigen. »Wir setzen uns 
nicht zum Ziel, im Jüdischen Autonomen Gebiet möglichst schnell eine 
jüdische Mehrheit zu schaffen ... Dies würde dem Internationalismus zu¬ 
widerlaufen«, schrieb der unermüdliche Jewsekzija-Mann Dimanstein. 109 

Doch mit den ganzen Anwerbemaßnahmen brachte man in den fol¬ 
genden drei Jahren zusätzlich zu den früheren 8000 oder 9000 Juden ge¬ 
rade noch einmal 11000 zusammen (und auch diese Menschen klebten 


329 



Kapitel 7 


an der Gebietshauptstadt und der Eisenbahnstrecke und sahen zu, wie 
sie wieder wegkämen). Doch Bolschewiken dulden bekanntlich niemals 
und nirgendwo eine Niederlage und verzagen nicht. Unzufrieden mit 
dem KomSET, fasste 1936 »das Zentrale Exekutivkomitee (ZIK) der 
UdSSR den Beschluss, die Funktionen im Rahmen der Besiedelung des 
Jüdischen Autonomen Gebiets vom KomSET teilweise an die Umsied¬ 
lungsabteilung des NKWD zu übertragen«. 110 Im August 1936 postulier¬ 
te das Präsidium des ZIK: »Zum ersten Mal in der Geschichte des jüdi¬ 
schen Volkes hat sich dessen sehnlichster Wunsch erfüllt, seine eigene Hei¬ 
mat und seine Nationalstaadichkeit zu schaffen.« 111 Es wurden Pläne 
entworfen, 150000 Juden nach Birobidshan umzusiedeln. 

Im Rückblick kann man sagen, dass die sowjetischen Planer der Ein¬ 
gliederung der Juden in die Landwirtschaft das gleiche Fiasko erlebten wie 
ein Jahrhundert zuvor die zaristischen Planer. 

Indessen war das Jahr 1938 herangerückt. Das KomSET wurde ge¬ 
schlossen, die OSET aufgelöst und die hohen Jewsekzija-Funktionäre in 
Moskau ebenso wie die ganzen Oberen in der JAO-Verwaltung reihen¬ 
weise festgenommen. Wer von den Birobidshaner Juden die Möglichkeit 
hatte, setzte sich entweder in die Städte des sowjetischen Fernen Ostens 
oder nach Moskau ab. Laut der Volkszählung von 1939 war die Gesamt¬ 
einwohnerzahl des Jüdischen Autonomen Gebiets bereits auf 108000 an¬ 
gewachsen, doch »die Zahl der Juden im JAO wurde geheim gehalten ... 
Die jüdische Bevölkerung Birobidshans blieb weiterhin unbedeutend.« 
Angeblich waren noch 18 Kolchosen mit jeweils 40-50 Familien erhalten 
geblieben 112 , doch auch in den Kolchosen ... sprach man im Alltag und 
korrespondierte mit den Vorgesetzten auf Russisch. 

Was hätte Birobidshan denn auch um Himmels willen fiir die Juden be¬ 
deuten können?! 45 Jahre nach all dem brachte der israelische General 
Beni Peled sehr prägnant zum Ausdruck, warum sich weder in Birobid¬ 
shan noch in Uganda eine Beziehung des jüdischen Volkes zur Scholle 
hätte ausbilden können: »Ich fühle es einfach, dass ich nicht für ein wei¬ 
teres Stückchen Erde fiir Russland, fiir ein weiteres Stückchen Ugandas 
oder des Staates New Jersey sterben würde ...!« 113 

Diese Verbindung kam erst nach Tausenden Jahren der Abtrennung in 
Israel wieder zustande. 

* 


330 


Die Dreißiger](ihre 


Der Zuzug der Juden in die Großstädte verlangsamte sich in den 30er-Jah- 
ren nicht. Die »Jüdische Enzyklopädie« teilt mit: In Moskau lebten laut 
den Volkszählungen 1926 131000,1933 dann 226 500 und 1939 schlie߬ 
lich 250000 Juden. »Infolge des massenhaften Umzugs der ukrainischen 
Juden stieg deren Anteil an der jüdischen Bevölkerung Moskaus bis auf 
80% an.« 114 Im »Buch über das russische Judentum« (1968) lesen wir: In 
den 30er-Jahren befanden sich bis zu einer halben Million Juden »unter 
den Staatsbediensteten, sie nahmen bisweilen bedeutende Positionen ein, 
vorzugsweise im Wirtschaftsapparat«. 115 (Der Autor teilt zudem mit, dass 
in den 30er-Jahren »auch im industriellen Bereich bis zu einer halben Mil¬ 
lion Juden integriert wurden, die hauptsächlich körperliche Arbeit leiste¬ 
ten«. Larin gibt einen Anteil von 2,7% Juden unter den Industriearbeitern 
an, dies würde 200000 Personen bedeuten 116 , also zweieinhalb Mal we¬ 
niger.) »Der Zustrom der Juden in die Riege der Angestellten und Beam¬ 
ten schwoll ständig an. Dies hing sowohl mit der umfangreichen Migra¬ 
tionsbewegung in die Städte wie mit dem rapiden Ansteigen des Bil¬ 
dungsniveaus vor allem der jüdischen Jugend zusammen.« 117 Die Juden 
lebten in großer Zahl in den Großstädten, waren keinen künstlichen so¬ 
zialen Beschränkungen ausgesetzt, wie sie ihren russischen Altersgenossen 
so bekannt waren, und - das muss man auch sagen - sie steigerten sich in 
einen Rausch des Lernens hinein und bereiteten damit den Boden für die 
breit angelegten Strukturen, aus denen die Sowjetunion in den folgenden 
Jahren technische Pachkräfte erhalten sollte. 

Einige statistische Daten: »1929 waren 13,5% aller Studenten an den 
Hochschulen der UdSSR Juden. 1933 waren es 12,2%, und 1936 stellten 
sie 13,3% aller Studenten und 18% aller Doktoranden« (bei einem jüdi¬ 
schen Anteil von 1,8% in der Bevölkerung). 118 Zwischen 1928 und 1935 
»stieg die Zahl jüdischer Studenten, die auf 1000 jüdische Personen 
kamen, von 8,4 auf 20,4 an, [während] auf 1000 Russen 2,8 Studenten, 
auf 1000 Weißrussen 2,4 und auf 1000 Ukrainer 2,0 Studenten kamen«. 
1935 war »der prozentuale Anteil jüdischer Studenten fast sieben Mal so 
hoch wie der jüdische Anteil an der Gesamtbevölkerung des Landes, und 
die Juden stachen damit von allen anderen Völkern der Sowjetunion 
ab«. 119 G. W. Kostyrtschenko, ein Porscher, der sich mit der Politik Sta¬ 
lins bezüglich der Juden befasste, kommentiert die Ergebnisse der Volks¬ 
zählung von 1939 folgendermaßen: »Er [Stalin] konnte gar nicht anders 


331 


Kapitel 7 


als zu berücksichtigen, dass Anfang 1939 auf 1000 Juden 268 mit Hoch¬ 
schulreife kamen und 57, die einen Hochschulabschluss hatten« (bei den 
Russen waren es entsprechend 81 bzw. 6 Personen). 120 Bekanntlich »er¬ 
laubten es große Leistungen in Schule und Studium, nach dem Hoch¬ 
schulabschluss und dem Promotionsstudium Stellen mit hohem Sozial¬ 
prestige in der sowjetischen Wirtschaft einzunehmen, die in den 30er-Jah- 
ren mit Siebenmeilenstiefeln voranschritt«. 121 

Was aber lesen wir im »Buch über das russische Judentum«? »Man kann 
ohne Übertreibung sagen, dass nach dem >Jeshow-Terror< in der Sowjet¬ 
union keine einzige in irgendeiner Weise namhafte Persönlichkeit des jü¬ 
dischen öffendichen Lebens, in Journalistik, Kultur und sogar Wissen¬ 
schaft in Freiheit geblieben ist.« 122 Das stimmt ganz und gar nicht, und es 
ist recht übertrieben ausgedrückt und vermittelt ein verzerrtes Bild. (Der¬ 
selbe Autor, Grigorij Aronson, sagt zwei Seiten später im selben Werk ver¬ 
allgemeinernd über die 30er-Jahre, dass »die Juden nicht der allgemeinen 
Bürgerrechte beraubt waren ... Sie nahmen weiterhin Posten im Staats¬ 
und Parteiapparat ein«, und »im diplomatischen Korps wie auch unter 
den Generälen der Armee und den Hochschulprofessoren gab es etliche 
Juden ... So treten wir ins Jahr 1939 ein.« 123 ) 

Radio Moskau sprach mit der Stimme des »Künsders des Volkes« Le- 
witan: Er war »die Stimme der UdSSR«, ein unbestechlicher Verkünder 
unserer Wahrheit, der wichtigste Sprecher des Rundfunksenders der Kom¬ 
intern und der Liebling Stalins. Ganze Generationen sind mit ihm aufge¬ 
wachsen: Er verlas Reden Stalins und Berichte »des Sowinformbüro«, von 
ihm hörte man, dass der Krieg begonnen hatte und dass er zu Ende war. 124 

1936 wurde Samuil Samosud Chefdirigent des Bolschoj-Theaters und 
blieb es für lange Zeit. Michail Gnesin schrieb weiterhin Kompositionen 
»im Stil der gesamteuropäischen Musik unseres Jahrhunderts und im Stil 
der so genannten rneuen jüdischen Musik<«, die Schwestern Gnesins lei¬ 
teten erfolgreich ihre Schule, die zu dem bedeutenden Institut für Musik 
geworden war. Alexander Krejns Ballett wurde im Mariinskij-Theater und 
im Bolschoj-Theater aufgefuhrt (Krejn komponierte doch tatsächlich 
auch eine symphonische »Rhapsodie«, der Worte ... aus einer Rede Sta¬ 
lins zugrunde liegen), auch Krejns Bruder und sein Neffe entwickelten 
sich erfolgreich. 123 Berühmtheit erlangte in der Sowjetunion und später 
auch international die brillante Plejade der Virtuosen, von denen wir hier 


332 


Die Dreißiger] ahre 


nur einige für jedermann unvergessliche Namen wiedergeben: Grigorij 
Ginsburg, Emil Gilels, Jakow Sak, Lew Oborin, David Oistrach, Jakow 
Flier. Viele Theaterregisseure, Musik-, Theater- und Literaturrezensenten 
und Musikwissenschaftler erfreuten sich weiterhin hoher Autorität. 

Wie könnte man bei einer weiteren Betrachtung der Kulturarbeit in 
den 30er-Jahren die allumfassenden Errungenschaften der Liedkompo¬ 
nisten übergehen? Da ist Isaak Dunajewskij, eine jener Personen, »die den 
Grundstock des Operettengenres und des populären Liedes in der sowje¬ 
tischen Musik legten«, er schrieb »leicht zu erlernende Lieder, die häufig 
die sowjetische Lebensweise rühmten (>Marsch der fröhlichen Jungs<, 
1933, >Das Lied von der Kachowka<, 1935, »Lied über das Vaterland«, 
1936, »Lied über Stalin«, 1936, und viele andere). Die offizielle Musikkri¬ 
tik bezeichnete diese Lieder ... als die Verkörperung der Gedanken und 
Gefühle von Millionen sowjetischer Menschen.« 126 Auch die Erken¬ 
nungsmelodie des Moskauer Rundfunks stammt von Dunajewskij. (Die¬ 
ser stieg mit wachem Verstand die Stufen einer sowjetischen Karriere 
empor. Als erster von allen Komponisten wurde er mit dem Orden des 
Roten Arbeitsbanners ausgezeichnet - und als Erster im unheilvollen Jahr 
1937 in den Obersten Sowjet der UdSSR gewählt. Später erhielt er den 
Leninorden. Von ihm rührt die Belehrung an die Komponisten, dass das 
sowjetische Volk keine Symphonien brauchte. 127 ) Weiter gibt es Matwej 
Blanter und die Brüder Daniil und Dmitrij Pokrass, das wohlgemut be¬ 
schwichtigende »Wenn morgen Krieg ist« (wie wir dann im Nu den Feind 
zerschmettern), und noch früher den berühmten »Budjonnyj-Marsch«. 
Andere Namen sind Oskar Felzman, Solowjow-Sedoj - ich werde sie nicht 
einzeln vorstellen. (Kurz in spätere Jahre ausgreifend, um im Weiteren 
nicht zu diesem Thema zurückzukommen, möchte ich die Liederdichter 
Ilja Frenkel, Michail Tanitsch und Igor Schaferan sowie die Komponisten 
Jan Frenkel und Wladimir Schainskij erwähnen und schließe damit ab.) 
Milhonenauflagen, Ruhm, Gagen — wer könnte denn bitte diese Kultur¬ 
schaffenden unterdrückt nennen? Aber was haben sie neben ihren mit Ta¬ 
lent geschriebenen Liedern sonst noch alles an ohrenbetäubenden sowje¬ 
tischen Agitationsliedern aufs Blatt gebracht, um das Massenbewusstsein 
zu benebeln und zu verdummen - und haben uns nicht nur die Köpfe mit 
Lügen voll gestopft, sondern auch Gefühl und Geschmack der Menschen 
verkorkst? 


333 


Kapitel 7 


Und der Film? Wir lesen in der neuen »Jüdischen Enzyklopädie«: In 
den 30er-Jahren »forderte man von Filmen, dass sie die Erfolge des Sozi¬ 
alismus verherrlichten und dass die Handlung über eine elementare 
Unterhaltsamkeit verfugte. An der Erarbeitung von Standards für eine ver- 
einheidichte und stromlinienförmig ideologisierte Filmproduktion, die in 
ihrer Form konservativ und aufdringlich didaktisch war, hatten gemein¬ 
sam mit allen Filmschaffenden auch viele ... jüdische Regisseure teil« 
(über viele von ihnen haben wir schon im vorhergehenden Kapitel ge¬ 
schrieben, zum Beispiel über die »Donbass-Symphonie« D. Wertows 
1931, gleich nach dem »Industriepartei«-Prozess). Bekannte Namen sind 
F. Ermler (»Der Gegenplan«, »Der große Patriot«, »Neuland unterm 
Pflug«), S. Jutkewitsch (»Der Gegenplan«, »Bergarbeiter«), der mit Ehren 
überhäufte Michail Romm (»Lenin im Oktober«, »Lenin im Jahr 1918«), 
L. Arnstam (»Freundinnen«, »Freunde«), I. Trauberg (»Sohn der Mongo¬ 
lei«, »Das Jahr 1919«), A. Sarchi und I. Heifiz (»Heiße Tage«, »Der De¬ 
putierte vom Baltikum«). 128 Ins Auge fällt, dass in den 30er-Jahren keine 
Regisseure ins Gefängnis kamen. Aber viele von denen, die in der Filmin¬ 
dustrie, in Filmproduktion und -verleih tätig waren, wurden verhaftet, 
darunter auch die hohen Bosse, die Leiter der Hauptverwaltung für Film¬ 
industrie B. Schumjazkij (erschossen) und S. Dukelskij. 129 

Unter den Filmregisseuren der 30er-Jahre bildeten Juden die klare 
Mehrheit. Wer war hier der Unterdrückte: Die ftir blöd verkauften Zu¬ 
schauer, denen man die Seele mit Lügen und grober Didaktik platt walz¬ 
te - oder die Regisseure, die »gefälschte Kinobiografien, pseudohistorische 
und vorgeblich aktuelle propagandistische Filme« herstellten, mit ihrer 
»aufgeblasenen Monumentalität und inneren Leere«? Streng fügt die »Jü¬ 
dische Enzyklopädie« noch hinzu: »Eine unvorstellbare Zahl von Juden, 
Kameraleute und Regisseure, drehte populärwissenschaftliche Filme und 
Lehrfilme sowie Dokumentarfilme - den am stärksten vom Staat beein¬ 
flussten Bereichen des sowjedschen Films, wo eine geschickte Schnitt¬ 
technik es erlaubte, tendenziös zusammengestelltes Material als echtes 
Filmdokument auszugeben, wofür sich zum Beispiel R. Karmen häufig 
hergab.« 130 (Ein berühmter sowjetischer Dokumentarfilmen Wochen¬ 
schaubilder aus dem spanischen Bürgerkrieg, Filme der Nürnberger Pro¬ 
zesse, der Jubiläums-Ruhmesfilm »Der Große Vaterländische Krieg«, 
»Vietnam«, ein Film über Kuba. Drei Stalinpreise, der Leninpreis und der 


334 


Die Dreißigerjah re 


Staatspreis, die Titel »Künstler des Volkes der UdSSR« und »Held der So¬ 
zialistischen Arbeit«. 131 ) Erwähnen wollen wir auch den Filmregisseur 
Konrad Wolf, den Bruder des sowjetischen Meisterspions Markus Wolf. 132 

Nein, die offizielle sowjetische Atmosphäre der 3Oer-Jahre war ganz frei 
von Feindseligkeit gegenüber den Juden, und bis zum Kriegsbeginn blieb 
eine überwältigende Mehrheit der sowjetischen Juden der sowjetischen 
Ideologie wohlgesonnen und war mit der sowjetischen Staatsordnung ein¬ 
verstanden. »Eine jüdische Frage gab es« in der UdSSR »bis zum Krieg tat¬ 
sächlich nicht oder fast nicht«, damals »leiteten noch keine erklärten 
>Judenfresser< die Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen oder die Perso¬ 
nalabteilungen« 133 (im Gegenteil - viele solche Posten waren von Juden 
besetzt). 

Natürlich war sowjetischer Patriotismus, also treuer Dienst an der 
sowjetischen Ordnung—in welche Richtung auch immer man befahl - das 
Grundelement der sowjetischen »Kultur« in jenen Jahren. In diesem Reich 
der Lüge waren leider auch die Juden zahlreich vertreten, und manch einer 
stieg auf in die Überwachungsinstanzen, die das gedruckte russische Wort 
kontrollierten. An der Spitze des Glawlit, der Hauptverwaltung für Lite¬ 
ratur und Kunst, der weisen Zensurstelle, sehen wir in den frühen 30er- 
Jahren B. M. Wolin-Fradkin. Auch ein guter Teil des Glawlit-Personals 
waren damals Juden. So finden wir zum Beispiel von 1932 bis 1941 in der 
Hauptverwaltung für Literatur A. I. Bendik, er wird in den Kriegsjahren 
Direktor der Literaturkammer. 134 (Wen wir nicht sehen - wo sollten wir 
auch? - ist Emma Kaganowa, die Ehegattin des Tschekisten Pawel Sudo- 
platow, der »die Führung der Informanten aus der Szene der ukrainischen 
künsderischen Intelligenzija anvertraut war«. 135 ) Nach der Schließung der 
privaten Verlage leisteten »S. Aljanskij, M. Wolfson, I. Ionow (Bernstein), 
A. Kantorowitsch, B. Malkin, I. Werite, B. Feldman und viele andere 
einen bedeutenden Beitrag zur Organisation und Leitung der sowjetischen 
Verlage«. 136 Bald schon war das ganze Verlagswesen des Landes demgemäß 
im zuverlässig geführten Staatsverlag (GIS) zentralisiert; an diesem führte 
ab nun für die Schriftsteller kein Weg mehr vorbei. 

In der gedruckten Propaganda mit ihren verschiedenen künsderischen 
und nicht künsderischen Formen hatten die Juden ständig eine wichtige 
Stellung. Boris Jefimows grobklotzige Karikaturen bekam man sogar tag¬ 
täglich serviert (scheußlichste Darstellungen westlicher Politiker, oder 


335 


Kapitel 7 


etwa Nikolaus II. mit Krone und Sturmgewehr, wie er Leichen malträ¬ 
tiert). Alle zwei, drei Tage erschien eine ebenso schmutzige Glosse G. Ry- 
klins, oder es produzierten sich der ätzend bissige D. Saslawskij, der über¬ 
aus geschickte Equilibrist Radek, Sturköpfe wie L. Scheinin und die Brü¬ 
der Tur. Bevor er sich fürs Schriftstellern entschied, lieferte L. Kassil 
Berichte ftir die »Iswestija«. Auch andere Namen tauchen flüchtig auf, 
zum Beispiel R. Karmen, T. Tess, Ch. Rappoport, D. Tschernomordikow, 
B. Lewin, A. Kantorowitsch, Ja. Perelman, wobei wir hier nur die »Iswes¬ 
tija« durchgesehen haben, es gab aber noch zwei Dutzend andere zentrale 
Zeitungen, aus denen sich ein ebenso breiter Strom von Lügen ergoss. 
Außerdem wurde ein Ozean niederträchtiger Broschüren zur Verdum¬ 
mung der Massen publiziert. Als schnellstens eine Broschüre in Massen¬ 
auflage zum Industriepartei-Prozess erstellt werden musste (nach Dingen 
dieser Art bestand im ganzen Verlauf der 30er-Jahre Nachfrage), fand sich 
B. Isakson, dem es flott aus der Feder floss: »Wir werden das Scheusal der 
Intervention zerquetschen!« Auch Je. Gnedin (jener Diplomat, der Sohn 
Parvus’) ließ sich hier mit lügnerischen Artikeln vernehmen: Einmal ging 
es um die »unheilbaren Wunden Europas« — wie die wesdiche Welt zu¬ 
grunde geht -, ein anderes Mal um die Widerlegung westlicher »Gerüch¬ 
te« über angebliche Zwangsarbeit von Gefangenen beim Holzfällen: »So¬ 
zialistische Arbeit in den Wäldern des sowjetischen Nordens«. (Als Gne¬ 
din in den 50er-Jahren nach einer langen Lagerzeit zurückkehrte - den 
Holzeinschlag hat er dort aber anscheinend nicht selbst erlebt -, hatte er 
das Ansehen eines ehrenvollen Märtyrers, und niemand dachte daran, ihn 
mit seinen früheren Lügen zu konfrontieren ...) 

In die Jahre 1929-1931 fiel die Zerschmetterung der russischen Ge¬ 
schichtswissenschaft: Die Archäologische Kommission, die Kommission 
für den Norden, das Puschkin-Haus, die Bibliothek der Akademie der 
Wissenschaften - die ganze Tradition wurde zerschlagen und namhaftes¬ 
te russische Wissenschaftler wurden ins Lager geschickt, wo man sie ver¬ 
faulen ließ. (Haben wir etwa viel von diesem Kahlschlag gehört?) Nun 
strömten dritt- und viertklassige Leute in die Reihen der russischen His¬ 
toriker, um uns dann ein halbes Jahrhundert lang Unsinn zu erzählen. Na¬ 
türlich erlebten hier auch nicht wenige russische Pfuscher einen großen 
Aufstieg, doch auch die jüdischen ließen sich die vakanten Stellen nicht 
entgehen. 



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336 





Die Dreißigerjahre 


Ganz allgemein spielten die Juden bereits in den 30er-Jahren eine nam¬ 
hafte (und im Weiteren zunehmende) Rolle in der sowjetischen Wissen¬ 
schaft, unter anderem in den technisch führenden Bereichen, in denen 
eine sehr intensive Entwicklung stattfand. »Schon Ende der 20er-Jahre 
waren landesweit 13,6% der in der Wissenschaft Tätigen Juden, 1937 ... 
bereits 17,6%«, 1939 stellten sie »über 15000 Wissenschaftler und Hoch¬ 
schullehrer, das heißt 15,7% der in diesem Bereich Beschäftigten«. 137 

In der Physik stach die junge Schule der Physiker hervor, die das Aka¬ 
demiemitglied A. F. Ioffe herangezogen hatte. Bereits 1918 war auf Initia¬ 
tive Ioffes das Physikalisch-Technische Institut in Petrograd gegründet 
worden, auf dessen Grundlage im Laufe der Jahre »15 wissenschaftliche 
Zentren gegründet wurden, an deren Spitze die Schüler Ioffes standen. 
Nachwuchswissenschaftler aus seinem Kreis arbeiteten auch in anderen 
Instituten des Landes und formten in vielerlei Hinsicht das wissenschaft¬ 
liche und technische Potenzial der Sowjetunion.« 138 (Doch auch hier gab 
es Verhaftungswellen: 1938 wurden sechs von acht Abteilungsleitern des 
Charkower Physikalisch-Technischen Instituts verhaftet, nämlich Wajs- 
berg, Gorskij, Landau, Lejpunskij, Obreimow, Schubnikow. Rueman als 
siebtes Opfer wurde deportiert, nur Sluzkin blieb unbeschadet. 139 ) Lange 
Zeit unbekannt blieb der Name des Flugzeugkonstrukteurs Semjon Ajsi- 
kowitsch (der Vater der »Lawotschkin«-Maschinen). 140 Viele Namen aus 
der Militärindustrie wurden in der Öffentlichkeit nie erwähnt. (Auch 
jetzt werden wir natürlich nicht über alles lesen können. M. Schkud »lei¬ 
tete die Planung einer Serie von leistungsfähigen Funkstationen« 141 , 
schön, aber wer war es gewesen, der die ebenso leistungsfähigen Störsen¬ 
der einrichtete?) 

Eine Vielzahl jüdischer Namen finden sich also in der Technik, der Wis¬ 
senschaft und deren praktischen Anwendungen — so überaus viele der bes¬ 
ten Kräfte aus einigen jüdischen Generationen sahen sich gerade dorthin 
gelenkt. Allein schon wenn man die biografischen Bände der »Russischen 
Jüdischen Enzyklopädie« durchblättert, die nur solche Juden erfasst, die 
in Russland geboren sind oder gelebt haben, kommt einen Achtung an vor 
diesem langen und aussagekräftigen Verzeichnis von Wissenschaftlern mit 
ihren verschiedenartigen markanten Errungenschaften: eine Überfülle an 
erfolgreichen Begabungen. (Aber auch der soziale Weg dorthin stand 
ihnen folglich offen.) 


337 


Kapitel 7 


Natürlich musste man auch in der Wissenschaft einen politischen Tri¬ 
but entrichten. So fand (1931) die »Erste Allunions-Konferenz über Wis¬ 
senschaftsplanung« statt. Hier eine Aussage des Akademiemitglieds Ioffe: 
»Der moderne Kapitalismus ist nicht mehr zu einer technischen Revolu¬ 
tion fähig«, möglich sei sie nur als Ergebnis einer sozialen Revolution, »wie 
jene, die das barbarisch rückständige Russland in eine Union der Sozialis¬ 
tischen Republiken umgeformt hat«. Weiter ging es um die Führungsrol¬ 
le des Proletariats in der Wissenschaft - nur unter der sowjetischen Ord¬ 
nung sei die Wissenschaft auch frei. Der Philosoph und geistige Räuber 
E. Ja. Kolman (»einer der Chefideologen der sowjetischen Wissenschaft in 
den 30er-Jahren«, zerschlug er die Moskauer mathematische Schule): 
»Wir müssen ... in der wissenschaftlichen Arbeit Arbeitsdisziplin einfiüh- 
ren, zu kollektiven Methoden übergehen — zum sozialistischen Wettbe¬ 
werb, zu Stoßarbeitermethoden«, die Wissenschaft verliefe »dank der 
Kraft der proletarischen Diktatur« nach Plan; jeder Wissenschaftler müsse 
den »Materialismus und Empiriokritizismus« 1 studieren. Enthusiastisch 
greift das Akademiemitglied A. G. Goldman (Ukraine) dies auf: »Die Aka¬ 
demie hat sich jetzt an die Spitze des Kampfes für die marxistische Dia¬ 
lektik in der Wissenschaft gesetzt!« 142 

Die »Jüdische Enzyklopädie« zieht das Fazit: »Exakt das Ende der 30er- 
Jahre war für die Juden hinsichtlich ihrer Rolle in den verschiedenen Le¬ 
bensbereichen der sowjetischen Gesellschaft ein Glanzpunkt innerhalb 
der ganzen Zeit, in der die Sowjetmacht existierte.« Laut der Volkszählung 
von 1939 waren 40% der erwerbstätigen jüdischen Bevölkerung Beamte 
und Angestellte. Zur Kategorie der Intelligenzija wurden ungefähr 
364000 Personen gerechnet. Von ihnen waren 106000 Personen in Inge¬ 
nieursberufen und anderen technischen Berufen tätig, dies entspricht 
14% der Beschäftigten dieser Kategorie im Land; 139000 hatten Füh¬ 
rungspositionen auf verschiedenen Ebenen inne - das waren etwa 7% aller 
leitenden Positionen in der UdSSR; »39000 waren Ärzte - etwas weniger 
als 27% aller Ärzte, 38000 Lehrer — über 3% aller Lehrer; über 6500 
Schriftsteller, Journalisten und Redakteure, über 5000 Schauspieler und 
Regisseure, über 6000 Musiker, etwas weniger als 3000 Maler und Bild¬ 
hauer, über 5000 Juristen«. 143 Nach Ansicht der Enzyklopädie »waren so 


1 Gemeint ist Lenins gleichnamiges Werk aus den Jahren 1908/09. 


338 



Die Dreißigerjahre 


eindrucksvolle Erfolge einer nationalen Minderheit - bei allem Interna¬ 
tionalismus und bei aller Brüderlichkeit der Völker der UdSSR, die das 
Regime deklarierte - die Ursache, dass es zu einer Antwortreaktion des 
Staates kam«. 144 

* 

Stalin machte sich in seiner politischen Karriere nicht selten Bündnisse 
und Blöcke mit den jüdischen Führern der Kommunistischen Partei zu 
Nutze und stützte sich auf viele tonangebende Politiker aus der zweiten 
Reihe. Mitte der 30er-Jahre konnte er dann am Beispiel Hitlers ersehen, 
wie ungünstig man sich in der Welt stellte, wenn man sich als Feind der 
Juden erklärte. Aversionen gegen die Juden hegte er wahrscheinlich zu 
allen Zeiten (dies bestätigen auch die Memoiren seiner Tochter), auch 
wenn er dies wohl sogar den Trägern seiner Politik aus seinem engen Um¬ 
kreis nicht zu spüren gab. Für sich wird er bei seinem auf breiter Front ge¬ 
führten Kampf gegen die Trotzkisten natürlich auch den Aspekt gesehen 
haben, sich noch stärker freizuschwimmen und den Einfluss der Juden in 
der Partei einzuschränken. Und schien sich da gerade nicht auch ein Krieg 
anzubahnen? Stalin ahnte, dass ihm bald nicht mehr der »proletarische 
Internationalismus« aus der Bedrängnis helfen würde, sondern dass er nun 
den Begriff »Vaterland« benötigte und dass dieser ganz groß geschrieben 
sein würde. 

Der Sozialdemokrat Schwarz beklagt die antirevolutionäre Entartung 
der Kommunistischen Partei, »eine in ihrem Ausmaß nie da gewesene 
>Säuberung< der regierenden Partei; die alte Partei wurde faktisch vernich¬ 
tet und an ihrer Stelle eine neue Kommunistische Partei (unter altem 
Namen) geschaffen, neu hinsichtlich ihrer sozialen Zusammensetzung 
und ihrer Ideologie«. Ferner notiert er, dass ab 1937 »die Juden in allen 
Bereichen des öffendichen Lebens allmählich in den Hintergrund ge¬ 
drängt wurden«. »Unter den alten Bolschewiken, deren Parteizugehörig¬ 
keit noch vor die Zeit zurückging, in der die Partei an die Macht kam 
(oder sogar in die vorrevolutionäre Zeit), war der jüdische Anteil deutlich 
höher als im Parteidurchschnitt, in den jüngeren Generationen wurde der 
jüdische Anteil mit den Jahren geringer und geringer ... Im Rahmen [der 
Säuberung] traten fast alle jüdischen Kommunisten von der Bühne ab, die 


339 


Kapitel 7 


in irgendeiner Hinsicht eine bedeutende Rolle gespielt hatten.« 145 Die be¬ 
rühmteste Ausnahme war Lasar Kaganowitsch, und dann wurde 1939 
nach allen Säuberungsaktionen noch die bewährte Semljatschka zur Stell¬ 
vertretenden Vorsitzenden des Sownarkom berufen und S. Dridso-Lo- 
sowskij zum Stellvertretenden Volkskommissar für Auswärtige Angele¬ 
genheiten benannt. 146 Im Großen und Ganzen aber ist die Darstellung des 
Autors begründet; wir selbst haben dies ja auch schon ausgiebig aufgezeigt. 

S. Schwarz fugt hinzu, dass in der zweiten Hälfte der 30er-Jahre »für die 
Juden allmählich der Zugang zu den Hochschulen, an denen zukünftige 
Mitarbeiter für das Auswärtige Amt und das Außenhandelsamt ausgebil¬ 
det wurden, sowie zu den Militärhochschulen gesperrt wurde«. 147 I. S. 
Gusenko (ein berühmter Überläufer aus der UdSSR) übermittelte das Ge¬ 
rücht, 1939 sei - absolut inoffiziell - eine prozentuale Norm für die Auf¬ 
nahme von Juden an Hochschulen eingeführt worden. 

In den 90er-Jahren wird offen darüber geschrieben, dass Molotow, der 
im Frühjahr 1939 das Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten 
übernahm, bei einer internen Versammlung erklärt haben soll: »Wir wer¬ 
den hier ein für alle Mal mit der Synagoge Schluss machen« - und noch 
am selben Tag mit der Entlassung von Juden begann. (Litwinow war im 
Krieg noch als Botschafter in den USA von Nutzen; als er von dort 1943 
abreiste, hatte er den Mut, Roosevelt ein von ihm persönlich verfasstes 
Schreiben zu überreichen, Stalin betriebe in der UdSSR eine antisemiti¬ 
sche Kampagne.) 148 

Mitte der 30er-Jahre nahmen die Sympathien des europäischen Juden¬ 
tums für die UdSSR weiter zu, was Trotzkij 1937 auf dem Weg nach Me¬ 
xiko so erklärte: »Breite Kreise der jüdischen Intelligenzija ... haben sich 
der Kommunistischen Internationale nicht aus Interesse am Marxismus 
und Kommunismus zugewandt, sondern auf der Suche nach einem Rück¬ 
halt gegen den aggressiven Antisemitismus« - deutscher Prägung da¬ 
mals. 149 Und ausgerechnet diese Komintern - billigte den Ribbentrop- 
Molotow-Pakt! Das Abkommen versetzte dem osteuropäischen Judentum 
den tödlichen Schlag. 

»Im September 1939 flohen Hunderttausende polnischer Juden vor 
den angreifenden deutschen Armeen; sie zogen sich weiter und weiter 
nach Osten zurück und strebten danach, auf Gebiet zu entkommen, wo 
die Rote Armee stand ... In den ersten zwei Monaten gelang ihnen dies 


340 


Die Dreißigerjahre 


infolge der wohlwollenden Einstellung der sowjetischen Machthaber. 
Nicht selten begünstigten die Deutschen diese Flucht.« Doch »Ende No¬ 
vember schloss die sowjetische Regierung die Grenze«. 150 

An den verschiedenen Frontabschnitten gestaltete sich die Situation 
unterschiedlich: An der einen Stelle wurden die jüdischen Flüchdinge 
überhaupt nicht durchgelassen, an der anderen in Scharen aufgenommen, 
teilweise dann aber auch wieder zu den Deutschen zurückgetrieben. 
Immerhin sollen auf die eine oder andere Weise ungefähr 300 000 Juden 
in den ersten Kriegsmonaten aus Westpolen nach Ostpolen gelangt und 
von den Sowjets dann weiter ins Innere der UdSSR evakuiert worden sein. 
Man forderte sie auf, sich als sowjetische Bürger zu registrieren, doch viele 
polnische Juden beeilten sich nicht, die sowjetische Staatsbürgerschaft an¬ 
zunehmen: Der Krieg würde ja bald zu Ende sein und sie würden wieder 
heimkehren oder nach Amerika oder Palästina gehen. (In den Augen der 
sowjetischen Regierung ordnete sie allein schon dies in die Kategorie der 
»als Spione verdächtigten Personen« ein, umso mehr, als sie versuchten, 
sich mit Verwandten in Polen in Verbindung zu setzen.) 151 Doch immer¬ 
hin lesen wir im Chicagoer »The Sentinel«: Die Sowjetunion »nahm neun 
von zehn aller europäischen jüdischen Flüchtlinge auf, die sich vor Hider 
gerettet hatten«. 152 

Laut der Volkszählung vom Januar 1939 lebten in der UdSSR 
3 020 000 Juden. Jetzt waren mit der Besetzung des Baltikums und eines 
Teils von Polen sowie mit den Flüchdingen noch etwa zwei Millionen da¬ 
zugekommen - so waren es insgesamt fast fünf Millionen geworden. 153 
Standen die Juden 1939 zahlenmäßig an siebter Stelle unter den Völkern 
der UdSSR, so wurden sie nach dem Anschluss aller wesdichen Gebiete 
das viertgrößte Volk der UdSSR nach den drei slawischen Völkern. 1 »Der 
am 23. August 1939 zwischen dem Dritten Reich und der Sowjetunion 
geschlossene Nichtangriffspakt löste ernsthafte Besorgnis hinsichdich der 
Zukunft des sowjetischen Judentums aus. Doch die Politik der Sowjet¬ 
union gegenüber ihren jüdischen Staatsbürgern änderte sich nicht.« Wenn 
wir auch Zeugnisse über Abschiebungen finden, so blieb doch insgesamt 
»in den 20 Monaten der sowjetisch-deutschen Zusammenarbeit die 
Rechtsstellung der jüdischen Bevölkerung unangetastet«. 154 

1 Die drei slawischen Völker: Russen, Ukrainer, Weißrussen 


341 


Kapitel 7 


Mit dem Kriegsbeginn in Polen waren die jüdischen Sympathien end¬ 
gültig definiert, und auf dem polnischen Gebiet, das zur UdSSR kam, 
wurde die Rote Armee bei ihrem Einzug im September mit lautstarker Be¬ 
geisterung in Empfang genommen, besonders von der jüdischen Jugend. 
Wie schon in der Bukowina und in Bessarabien und Litauen wurden die 
Juden - nach dem Zeugnis vieler, darunter auch M. Agurskijs - zur 
Hauptstütze der Sowjetmacht: Nachdem sie eingerückt war, sollte ihr 
nach Kräften geholfen werden! 

Was wusste ein Großteil der osteuropäischen Juden schon viel von dem, 
was in der UdSSR vor sich ging? 

Doch zuverlässig wussten sie, dass aus Deutschland eine - noch von nie¬ 
mandem erlebte, nicht deudich erfassbare, aber unbezweifelbare - Kata¬ 
strophe auf sie zurollte. 

Als die unbezweifelbare Rettung öffnete sich für sie, wie es schien, die 
sowjetische Umarmung. 


342 


Kapitel 8 

In den Lagern des Gulag 


W are ich nicht dort gewesen, so hätte ich dieses Kapitel nicht schrei¬ 
ben können. Vor meiner Lagerzeit dachte auch ich: »Von Nationen 
sollte man nicht reden, es gibt überhaupt keine Nationen, es gibt nur die 
Menschheit.« 

Dann wirst du ins Lager geschickt und erfährst: Wenn du der richtigen 
Nationalität angehörst, da bist du ein Glückspilz, deine Existenz ist gesi¬ 
chert, du hast überlebt! Ist aber deine Nationalität »nichts Besonderes« - 
dann halt Pech gehabt. 

Die Volkszugehörigkeit ist nämlich fast das wichtigste Merkmal, wenn 
es um die Auswahl der Lagerinsassen geht, die einen der rettenden »Schlau¬ 
berger-Posten erhalten. Jeder Gulag-Häftling, der genug Lager gesehen 
hat, wird bestätigen, dass unter den »Schlaubergern« (»pridurki«) eine ganz 
andere Zusammensetzung nach Nationalitäten herrschte als insgesamt in 
der Lagerbevölkerung. In der Tat, Balten fand man unter den Schlauber¬ 
gern eigentlich nie, so viele es auch im Lager geben mochte - und es gab 
viele! Russen waren natürlich immer dabei, doch ihr Anteil war im Ver¬ 
gleich zu ihrer Anzahl unter den Häftlingen unverhältnismäßig gering 
(und nicht selten wurden dafür Parteitreue herausgepickt). Dafür waren 
Juden, Georgier und Armenier deudich überrepräsendert. Auch den Aser¬ 
baidschanern gelang es überdurchschnitdich häufig, auf einem privilegier¬ 
ten Posten unterzukommen, und teilweise den kaukasischen Bergvölkern. 

Eigendich darf man dies keinem von ihnen zum Vorwurf machen. Jedes 
Volk hat im Gulag mühsam versucht, seine Haut zu retten, und das ge¬ 
lang ihm umso besser, je kleiner und je wendiger es war. Nur waren eben 
die Russen in »ihren eigenen russischen« Lagern wieder einmal die Letz¬ 
ten, so wie sie das bei den Deutschen in den Kriegsgefangenenlagern 1 ge¬ 
wesen waren. 


1 Im Original deutsch 


343 


Kapitel 8 


Nun, im Grunde hatten ja nicht wir das Recht, ihnen etwas vorzuwer¬ 
fen, sondern sie uns, diese Armenier, Georgier, Bergvölker: Wieso habt ihr 
diese Lager gebaut? Und wieso haltet ihr uns mit Gewalt in eurem Staat? 
Haltet uns nicht, dann kommen wir auch nicht mehr hierher und schnap¬ 
pen euch solche verlockenden Schlauberger-Pöstchen weg! Aber solange 
wir eure Gefangenen sind, ist eben Krieg, und da geht’s auch zu wie im 
Krieg. 

Wie stand es nun mit den Juden? Sind doch die Schicksalsfäden der 
Russen mit denen der Juden verwoben, vielleicht für immer, weswegen ja 
auch dieses Buch geschrieben wurde. 

Aber noch bevor ich beginne, noch vor dieser Zeile hier, werden sich 
Leser finden - ehemalige Lagerinsassen oder nicht —, die lebhaft bestrei¬ 
ten, dass wahr ist, was ich oben gesagt habe. Sie werden anftihren, dass 
viele Juden zu den »allgemeinen Arbeiten« eingeteilt waren. Sie werden 
den Gedanken von sich weisen, dass es Lager gegeben hat, in denen Juden 
unter den Schlaubergern die Mehrheit bildeten. Und mehr noch werden 
sie zurückweisen, dass Angehörige verschiedener Nationalitäten in den 
Lagern die Ihren auf Kosten der Übrigen bevorzugten, wenn es um gegen¬ 
seitige Unterstützung ging. Manche gibt es auch, die sich gar nicht spe¬ 
ziell als Juden ansehen, sondern sich in jeder Hinsicht als Russen empfin¬ 
den. Wenn sich aber wirklich ein Übergewicht von Juden auf Schlüssel¬ 
posten im Lager ergeben habe, so sei das ganz und gar nicht mit Absicht 
geschehen, vielmehr habe sich die Auswahl nach persönlichen Merkma¬ 
len gerichtet, nach Talent und Geschäftstüchtigkeit. Hat denn jemand 
Schuld, dass die Russen selber nicht geschäftstüchtig sind ...? Andere 
wiederum werden im Brustton der Überzeugung genau das Gegenteil be¬ 
haupten, dass es nämlich im Lager niemand so schwer hatte wie die Juden, 
und so ist die Auffassung auch im Westen: In den sowjetischen Lagern 
haben die Juden schlimmer als alle anderen gelitten. Als »Ein Tag im 
Leben des Iwan Denissowitsch« erschien, erhielt ich unter anderen fol¬ 
gende anonyme Leserzuschrift eines Juden: »Sie sind Juden begegnet, die 
gemeinsam mit Ihnen unschuldig im Lager schmachteten und wurden au¬ 
genscheinlich öfters Zeuge ihrer Leiden und Verfolgungen. Die Juden 
haben eine zweifache Bedrückung ertragen müssen: die Gefangenschaft 
und die Feindschaft vonseiten der anderen Gefangenen. Schreiben Sie 
über diese Menschen!« 


344 




In den Lagern des Gulag 


Wollte ich verallgemeinern , dass die Juden in den Lagern ein besonders 
schweres Leben hatten, so verböte mir keiner den Mund und es hagelte 
keine Vorwürfe, ich erginge mich in tendenziösen nationalen Verallge¬ 
meinerungen. Doch in den Lagern, in denen ich saß, war es anders. Die 
Juden hatten, soweit man das verallgemeinern kann, ein leichteres Leben 
als alle anderen. 

Semjon Badasch, mit dem ich in Ekibastus inhaftiert war, erzählt in sei¬ 
nen Lagererinnerungen, wie er es später - im Lager in Norilsk - schaffte, 
der Sanitätsabteilung zugeteilt zu werden: Max Minz bat den Röntgeno¬ 
logen Laszlo Nussbaum, beim Leiter der Sanitätsabteilung, einem Freien, 
ein gutes Wort ffir den Mann einzulegen. Badasch wurde genommen. 1 
Aber Badasch hatte wenigstens vor seiner Festnahme drei Jahre Medizin 
studiert. Dagegen hatten die anderen, die neben ihm zum untergeordne¬ 
ten medizinischen Personal gehörten - Genkin, Gorelik, Gurewitsch (wie 
auch mein Freund Lew Kopelew, im Lager an der Unsha 1 ) - nie zuvor mit 
Medizin zu tun gehabt. 

Andere schreiben allen Ernstes: A. Belinkow »wurde abgeschoben in die 
am meisten verachtete Lagerkategorie der >Schlauberger< ...« Dann folgt 
der Zusatz »und >Abnibbler<«, der völlig fehl am Platze ist, handelt es sich 
doch bei den Abnibblern um die sozialen Antipoden der Schlauberger. 
Außerdem zählte Belinkow nicht zu den Abnibblern. »Zu den Schlauber¬ 
gern abgeschoben« - auf diese Formulierung muss man erst einmal kom¬ 
men. »Herabgestuft zu den feinen Herren, die es nicht nötig haben, sich 
die Finger schmutzig zu machen«? Und hier folgt die Begründung: »Erde 
schippen? Aber bis er 23 war, hatte er weder jemals Erde umgegraben noch 
einen Spaten überhaupt auch nur zu Gesicht bekommen.« 2 Das soll wohl 
heißen, dem Mann blieb ja gar nichts anderes übrig, als zu den Schlau¬ 
bergern zu gehen, alles klar. 

Bei Lewitin-Krassnow lesen wir über den Literaturwissenschaftler Pin- 
skij, dass dieser im Lager Sanitätsinstrukteur war. Nach Lagermaßstäben 
gleichbedeutend mit: Hat sich keinen üblen Posten unter den Nagel ge¬ 
rissen. Lewitin aber beschreibt eben dies als eine himmelschreiende Er¬ 
niedrigung des Professors und Geisteswissenschaftlers. 


1 Unsha: Fluss im Gebiet von Gorkij (heute wieder Nishnij Nowgorod), in dem 
es mehrere Lagerkomplexe gab 


345 


Kapitel 8 


Zahlreiche Veröffentlichungen gibt es von Lew Rasgon, der die Lager¬ 
haft überlebt hat. Er ist Journalist von Beruf, also ebenfalls überhaupt kein 
Mediziner. Aus seinen Erzählungen in der Zeitschrift »Ogonjok« 
[»Flämmchen«] (1988) erfahren wir jedoch, dass er in Woshael als Medi¬ 
ziner in der Sanitätsabteilung tätig war, noch dazu stand er nicht einmal 
unter Bewachung. (An anderer Stelle erzählt er, dass er bei einem der grau¬ 
envollen Außenkommandos, wo die Sträflinge Holzfällerarbeiten durch¬ 
fuhren mussten, als Chef die Normen fesdegte. In keinem seiner Berich¬ 
te findet sich auch nur der Schimmer einer Andeutung, dass er wenigstens 
zeitweise auch zu »allgemeinen Arbeiten« eingeteilt worden wäre.) 

Aus dem fernen Brasilien verschlug es den Juden Frank Dikler in die 
UdSSR. Er wird inhaftiert, natürlich ist er nicht einmal des Russischen 
mächtig - und was passiert? Hat die richtigen Beziehungen und bekommt 
die Küche der Krankenabteilung unterstellt — eine unerschöpfliche Quel¬ 
le, märchenhaft! 

Alexander Woronel, der minderjährig als »Politischer« ins Lager kam, 
erzählt: Von Anfang an »leisteten mir die jüdischen Häftlinge bereitwillig 
Unterstützung, ... auch wenn sie keine Ahnung von meinem Gedanken¬ 
gut hatten«. Der Jude, der als Wärter in der Badestube arbeitete (ebenfalls 
ein sehr wichtiger Schlauberger-Posten), zog ihn sofort aus der Menge 
heraus und »wies mich an, immer auf ihn zuzukommen; wenn ich Hilfe 
benötigte«; der jüdische Kapo (auch ein Schlauberger) vertraute ihn dem 
jüdischen Brigadier an: »Schau, Chaim, hier haben wir zwei jüdische 
Jungs - pass auf, dass denen nichts passiert.« Und der Brigadier nahm die 
beiden unter seine Fittiche. »Die anderen Diebe, vor allem die >Bosse<, 
kommentierten dies beifällig: >Recht so, Chaim! Hältst zu den Deinen! 
Nur wir Russen gehen miteinander lim wie die Wölfe.<« 3 

Was auch nicht unerwähnt bleiben sollte: Selbst in dieser Lagersitua¬ 
tion kamen vielen Juden, schon weil traditionsgemäß ihr Ansehen allge¬ 
mein so war, geschäftliche Angelegenheiten »von selbst« in die Hände ge¬ 
schwommen, sogar wenn ein jüdischer Sträfling selbst nichts ausbaldo- 
' werte oder aktiv danach suchte, wie M. Heifez. Er macht dazu die viel 
sagende Bemerkung: »Wie schade, dass solche Situationen nicht am Ma¬ 
terial des Lagerlebens beschrieben werden können. Es gäbe so reiche, schö¬ 
ne Sujets! Doch das altbekannte Ethos des zuverlässigem Juden ver¬ 
schließt mir den Mund. Was soll man machen: Geschäftsgeheimnisse, 


346 



In den Lagern des Gulag 

auch wenn’s keine großen sind, gehören nicht ausgeplaudert - das ist 
Stammesgesetz .« 4 

Der Lette Ans Bernstein, einer, dessen Zeugnis ich für mein Werk »Ar¬ 
chipel Gulag« heranzog, meint, dass er nur deshalb in den Lagern über¬ 
lebt hat, weil er sich, wenn es ihm schlecht ging, um Hilfe an die Juden 
wandte. Die hielten ihn wegen seines Familiennamens und auch wegen 
seiner beweglichen Art ftir einen der Ihren - und waren ihm immer be¬ 
hilflich. In den Lagern, in denen Bernstein gewesen war (in dem von Bu- 
repolom zum Beispiel, Perelman war dort der Lagerleiter), hatten die 
Juden, so sagt er, sämtliche Führungspositionen inne; Juden waren auch 
die leitenden Zivilangestellten (Schulman war Leiter der Sonderabteilung, 
Grinberg Leiter der Lageraußenstelle, Kegels der Chefmechaniker der Fa¬ 
brik), und nach Bernsteins Berichten suchten die unter den Sträflingen 
ebenfalls Juden für ihr handverlesenes Personal aus. 

Dieser nationale Kontakt, der sich unter den Juden zwischen den zivilen 
Vorgesetzten und den Sträflingen ausbildete, muss unbedingt in die Be¬ 
trachtung einbezogen werden. Der freie Jude war nicht so dumm, im ge¬ 
fangenen Juden tatsächlich einen »Volksfeind« oder einen böswilligen Ver¬ 
untreuer des Volkseigentums zu sehen (wie dies der eine indoktrinierte 
Russe im anderen Russen sah); er sah in ihm in erster Linie einen leiden¬ 
den Stammesbruder - und Lob sei den Juden für diese Klarsicht! Wer das 
wunderbare Einstehen der Juden füreinander kennt (eine Eigenschaft, die 
sich angesichts der unter Hitler in Scharen in den Tod Getriebenen noch 
verstärkte), begreift, dass ein leitender jüdischer Zivilbeschäftigter nicht 
gleichgültig zusehen konnte, wie sich bei ihm im Lager hungernde jüdische 
Gefangene abrackerten und starben - er musste helfen. Nur schwer aber 
sieht man vor sich einen russischen Zivilangestellten, der daxangegangen 
wäre, russische Gefangene allein wegen ihrer Volkszugehörigkeit zu retten 
und ihnen leichtere Tätigkeiten zuzuschanzen — egal, ob allein während der 
Kollektivierung 15 Millionen umgekommen waren: Wir sind viele, da 
käme man ja an kein Ende, und überhaupt fiel ihm das erst gar nicht ein. 

Manchmal sammelte sich mit etwas Glück allmählich so ein Kreis von 
jüdischen Sträflingen - und was sie sich bloß alles ausdachten, als sie der 
wilde Kampf ums Überleben nicht mehr vereinnahmte! Der Ingenieur 
Abram Sisman erzählt: Im Lager Nowo-Archangelskij »rechneten [wir] in 
der Freizeit nach, wie viele Judenpogrome es während des ganzen Beste- 


347 



Kapitel 8 


hens des Russischen Reichs gegeben hatte. Wir brachten es so weit, dass 
sich schließlich auch die Lagerleitung, die freundlich zu uns eingestellt 
war, dafür interessierte. Lagerleiter war Hauptmann Gremin (N. Gerschel 
- ein Jude, Sohn eines Schneiders aus Shlobin), die Oberen schrieben nach 
Leningrad ans Archiv des ehemaligen Innenministeriums, von dort kam 
acht Monate später die Auskunft, ... dass es von 1811 bis 1917 auf russi¬ 
schem Staatsgebiet 76 Judenpogrome gegeben hatte, die Zahl der Opfer 
wurde mit zirka 3000 Personen angegeben« (das heißt alle, die in der einen 
oder anderen Weise zu Schaden gekommen waren). Der Autor erinnert 
daran, dass im mittelalterlichen Spanien innerhalb von nur sechs Mona¬ 
ten ungefähr 20 000 Juden umgebracht worden sind. 5 

Eine eigene Note enthalten die Erinnerungen des Kommunisten Iossif 
Berger an den hochrangigen Spitzel Lew Ujitsch Inshir: Ehemaliger Men¬ 
schewik und 1930 verhaftet, ließ dieser sich sofort darauf ein, mit dem 
Geheimdienst zu kooperieren, weil er Repressalien für seine Familie und 
den Verlust seiner Wohnung im Stadtzentrum von Moskau befürchtete. 
Er »war bei der Vorbereitung des Menschewiken-Prozesses« 1931 behilf¬ 
lich und unterschrieb falsche Beschuldigungen gegen seine besten Freun¬ 
de. Noch 1931 erfolgte seine Freilassung und die Einsetzung als Chef- 
buchhalter am Bauobjekt Weißmeerkanal, unter Jeshow auch bei der 
Staatlichen Lagerverwaltung Gulag, dabei genoss er »absolutes Vertrauen 
und hatte Beziehungen zur NKWD-Spitze«. (Inshir erinnerte sich auch 
an einen »NKWD-Veteranen, einen Juden, der immer wieder Talmud¬ 
sprüche in seine Rede flocht«.) Bei der Säuberungswelle gegen das Umfeld 
von Jeshow wurde Inshir wieder verhaftet. Doch seine früheren Gulag- 
Kollegen schanzten ihm im Lager einen Schlauberger-Posten zu, hier aller¬ 
dings wurde er schon eindeutig zum »Zuträger und Lockspitzel, die Häft¬ 
linge hatten den Verdacht, dass auch die üppigen Pakete, die er empfing, 
nicht von Verwandten, sondern von der Dritten Abteilung [Abwehr] 
stammten. Doch 1953 wurde ihm im Lager Taischet eine weitere Haft¬ 
strafe aufgebrummt, dieses Mal lautete die Anklage auf Trotzkismus, 
außerdem habe er der Dritten Abteilung »Sympathien für den Staat Israel« 
bei seinen Lagergenossen verheimlicht. 6 

Das weltberühmte Weißmeer-Ostsee-Lager sog 1931/32 Hunderttau¬ 
sende von russischen, ukrainischen und zentralasiatischen Bauern in sich 
auf. In einer Zeitung vom August 1933, die der Fertigstellung des Weiß- 


348 


In den Lagern des Gulag 


meer-Ostsee-Kanals gewidmet ist, finden wir eine Liste der mit Orden 
Ausgezeichneten. Weniger hochrangige Orden erhielten auch Betongie¬ 
ßer und Eisenflechter, doch der höchste Orden - der Lenin-Orden - 
wurde nur an acht Personen verliehen, von allen sind großformatige Fotos 
dabei, nur bei zweien handelt es sich wirklich um Ingenieure, dagegen er¬ 
hielt die ganze oberste Leitung des Kanalbaus den Orden (wie es dem Sta¬ 
lin sehen Verständnis der Rolle der Persönlichkeit entsprach). Lind wen 
haben wir da an der Spitze? Genrich Jagoda, den Volkskommissar des In¬ 
neren, Matwej Berman, den Gulag-Leiter, Semjon Firin, den Leiter des 
Weißmeer-Ostsee-Lagers (zum Zeitpunkt der Ordensverleihung bereits 
Leiter im Lager Dmitrow, dort wird sich das ganze Bild wiederholen); 
Lasar Kogan ist Bauleiter (als solcher tritt er auch beim Gulag-Bauvorha¬ 
ben Wolgakanal an), Jakow Rapoport Stellvertretender Bauleiter, und 
Naftali Frenkel leitet die Bauarbeiten am Weißmeerkanal (und ist der böse 
Geist des ganzen Archipels). 7 

Noch einmal abgedruckt sind ihre Großporträts in dem schändlichen 
Triumphband »Der Weißmeerkanal« 8 - ein Buch im Format eines Kir¬ 
chenevangeliums, als wäre es für ein zukünftiges Tausendjähriges Reich 
bestimmt. 

40 Jahre später übernahm ich diese sechs Schurkenporträts in meinem 
»Archipel Gulag«- ich nahm sie aus ihrer eigenen Präsentation, traf keine 
Auswahl, zeigte diese Administratoren, wie sie dort gezeigt wurden. Gott, 
was erhob sich für ein Wutgeschrei in der ganzen Welt: Wie ich es wagen 
konnte?! Das sei Antisemitismus! Ich war als unverbesserlicher Judenhas¬ 
ser gebrandmarkt. Im besten Falle noch nannte man es »nationalen Ego¬ 
ismus«, diese Fotos anzufuhren - russischen Egoismus also! Ach, wie 
konnten sie nur solche Worte im Munde führen, wird doch auf den Nach¬ 
barseiten beschrieben, wie ergeben schmächtige »Kulaken«-Buben vor 
ihren Schubkarren erfroren ... 

Wo hatte man denn die Augen im Jahr 1933, als diese Bilder zum ers¬ 
ten Mal gedruckt wurden? Warum hatte sich damals keiner empört? 

Ich wiederhole, was ich auch den Bolschewiken unter die Nase gerie¬ 
ben habe: Man soll sich der Scheußlichkeiten nicht dann schämen, wenn 
darüber geschrieben wird, sondern dann, wenn man sie begeht. 

Naftali Frenkel, der unermüdliche Dämon des »Archipels«, gibt ein be¬ 
sonderes Rätsel auf: Wie ist seine eigenartige Rückkehr aus der Türkei in 


349 



Kapitel 8 


die UdSSR in den 20er-Jaliren zu erklären? Er hatte sich gleich bei der 
ersten Andeutung einer Revolution erfolgreich mit seinem ganzen Kapi¬ 
tal aus Russland abgeseilt und sich in der Türkei bereits eine gesicherte, 
reiche und freie Stellung aufgebaut, niemals zeigte er auch nur einen 
Schatten kommunistischer Ansichten — und da kehrte er zurück? Kehrte 
zurück, um zum Spielball der GPU und Stalins zu werden, persönlich so 
und so viele Jahre abzusitzen und dafür bei der gnadenlosen Unterdrü¬ 
ckung gefangener Ingenieure und der Vernichtung Hunderttausender 
»Entkulakisierter« selbst Hand mit anzulegen? Welche böse Triebkraft 
wirkte in diesem hassenden Herzen? Rachegelüste gegenüber Russland 
vielleicht? Anders kann ich es mir nicht erklären. Verstehe es, wer mag. 9 

Und wenn wir, um den Mechanismus der Lagerstruktur wissend, etwas 
tiefer ansetzen? Der Leiter der ersten Bauabteilung des Weißmeerkanal¬ 
baus hieß Wolf, der Leiter der Abteilung Dmitrow des Wolgakanalbaus 
war Bowschower, die Finanzabteilung des Weißmeerkanalbaus wurde ge¬ 
leitet von L. Berenson, seine Stellvertreter waren A. Dorffnan, der eben 
erwähnte Inshir, außerdem Lojewezkij, Kagner und Angert. Und wie viele 
Posten blieben bescheiden unerwähnt? Kann angenommen werden, dass 
man Juden beim Kanalbau Erdreich schaufeln oder im Schubkarren be¬ 
fördern ließ, sodass sie vor Entkräftung über ihrem Schubkarren zu¬ 
sammenbrachen? Möge sich jeder sein eigenes Urteil bilden. A. P. Skryp- 
nikowa und D. P. Witkowskij, die das Weißmeerkanal-Lager erlebt haben, 
erzählten mir, dass dort unter den Schlaubergern die Juden überaus zahl¬ 
reich waren, aber Schubkarren schoben sie nicht, und sie starben auch 
nicht darunter. 

Nicht nur allein im Weißmeer-Ostsee-Lager traf man hohe jüdische La¬ 
gerchefs an. Beim Bau der Eisenbahnstrecke Kotlas-Workuta war es 
Jakow Moros, der Gulag-Sonderbevollmächtigte Fernost hieß Grätsch. 
Dies sind nur einige Namen, die zufällig bekannt geworden sind. Hätte 
mir nicht der amerikanische Ex-Sträfling Thomas Sgovio geschrieben, so 
wüsste ich zum Beispiel nichts von einem, der 1943/44 (auf dem Höhe¬ 
punkt des Zweiten Weltkrieges) an der Kolyma Leiter der Bergwerksver¬ 
waltung Tschaj-Urjinskij war: »Oberstleutnant Arm war ein hochgewach¬ 
sener schwarzhaariger Jude, der einen schrecklichen Ruf hatte ... Der ihm 
beigestellte Soldat verkaufte hochprozentigen Alkohol an jeden, der woll¬ 
te - 50 Gramm für 50 Rubel. Er hielt sich einen eigenen Englischlehrer, 


350 



In den Lagern des Gulag 


einen jungen Amerikaner, der in Karelien festgenommen worden war. 
Seine Frau bezog ein Gehalt als Buchhalterin, sie arbeitete aber nicht 
selbst, sondern an ihrer Stelle saß ein Sträfling in der Buchhaltung« (eine 
verbreitete Masche, mit der sich die Familien der Gulag-Oberen ein Zu¬ 
satzeinkommen verschafften). 

Bereits in der Zeit der Glasnost schrieb eine sowjetische Zeitung von 
der grauenhaften Gulag-Verwaltung, die am Tunnel zwischen dem Fest¬ 
land und der Insel Sachalin baute, sie wurde der »Arajs-Trust« genannt. 10 
Wer war dieser Genosse Arajs? Ich weiß es nicht. Aber wie viele Menschen 
sind wohl bei ihm in den Minen und in dem nicht fertig gestellten Tun¬ 
nel umgekommen? 

Ja, natürlich, ich habe auch Juden gekannt (und war mit ihnen be¬ 
freundet), die sehr wohl die Last der gewöhnlichen Arbeiten trugen. In 
»Archipel Gulag« habe ich den jungen Borja Gammerow beschrieben, der 
im Lager einen schnellen Tod fand (während sein Freund Ingal, ein Lite¬ 
rat, der wenig von Arithmetik verstand, von seinem ersten Tag im Lager 
an als Buchhalter genommen wurde). Dann gab es den unnachgiebigen 
und unbestechlichen Wolodja Gerschuni. Den Yogi Massamed, der bei 
der Zwangsarbeit in Ekibastus aus Prinzip die »allgemeinen Arbeiten« auf 
sich nahm, obwohl man ihm einen Schlauberger-Posten geben wollte. In 
dem Zusammenhang möchte ich hier auch Tatjana Moissejewna Falike 
erwähnen, eine Pädagogin, die zehn Jahre »wie ein Gaul« — ihr eigener 
Ausdruck - gearbeitet hatte. Auch der Genetiker Wladimir Efroimson sei 
genannt, der von den 36 Monaten seiner Haft (eine seiner Haftstrafen, er 
bekam zwei) 13 bei den gewöhnlichen Arbeiten war, ebenfalls aus Prinzip 
(er hätte die Möglichkeit gehabt, bequem unterzukommen). Sich auf Pa¬ 
ketzusendungen von zu Hause verlassend (aber darin liegt kein Vorwurf), 
entschied er sich für den Schubkarren gerade deswegen, weil sich in 
Dsheskasgan etliche Moskauer Juden befanden - sie alle richteten sich das 
Leben praktisch ein, Efroimson aber wollte der natürlich gegenüber den 
Juden entstehenden Feindseligkeit den Wind aus den Segeln nehmen. 
Wie aber nahmen die Kameraden in der Brigade sein Verhalten auf? »Der 
ist doch entartet; seit wann schiebt ein echter Jude etwa einen Schubkar¬ 
ren?« Auch die jüdischen Schlauberger lachten ihn aus (und waren wü¬ 
tend, dass er sich so »aus dem Fenster hängte« - ein personifizierter Vor¬ 
wurf an sie). Ebenso wurde in einer vergleichbaren Situation Jakow Da- 


351 


Kapitel 8 


wydowitsch Grodsenskij beurteilt, der sich bei den gewöhnlichen Arbei¬ 
ten abschuftete: »Will der etwa ein Jude sein?« 

Welche Bedeutung darin liegt! Efroimson und Grodsenskij machten 
genau das Richtige und das Beste, etwas, wozu sie als Juden nur durch 
hohe Motive veranlasst werden konnten, nämlich das allgemeine Los zu 
teilen - und stießen bei beiden Seiten auf Unverständnis! Zu allen Zeiten 
hatte man es schwer und wurde verlacht, wenn man den Weg der Selbst¬ 
beschränkung und Selbstverleugnung beschrift, der allein die Menschheit 
retten konnte. 

Ich lasse solche Beispiele nicht aus den Augen - sie sind es, auf denen 
meine ganze Hoffnung ruht. 

Weiter wollen wir den mutigen Gersch Keller nennen, einen der Füh¬ 
rer des Aufstandes im Gefängnis von Kengir 1954 (er wurde im Alter von 
30 Jahren erschossen). Auch von Izchak Kaganow habe ich gelesen: Im 
sowjetisch-deutschen Krieg kommandierte er eine Artilleriebatterie. 1948 
wurde er wegen Zionismus zu 25 Jahren verdonnert, in sieben Jahren Haft 
verfasste er 480 Gedichte auf Hebräisch und behielr sie ohne Notizen aus¬ 
wendig im Kopf. 11 

Alexander Ginsburg, der bereits zwei Haftstrafen abgebüßt hatte, ant¬ 
wortete bei seiner dritten Gerichtsverhandlung (10. Juli 1978) auf die 
Frage nach seiner Volkszugehörigkeit: »Sträfling!« - eine würdige Antwort 
und absolut kein Scherz. Das Gericht verübelte sie ihm. Dabei hatte er 
sich diese Zugehörigkeit Russland gegenüber verdient: mit seiner Arbeit 
zugunsten des Russischen Gesellschaftlichen Hilfsfonds für die Familien 
der politischen Gefangenen aller Nationen und mit seinem mutigen 
Durchhalten in der Gefangenschaft. Der echte Stamm der Sträflinge, das 
sind wir, ohne Unterschied der Nationalität. 

Aber nicht nur so waren unsere Lager - angefangen beim »großen« 
Weißmeerkanal-Lager bis hinunter zum winzigen 121. Lagerabschnitt des 
15. Einzellagerpunkts der Moskauer Verwaltung der Besserungsarbeitsla¬ 
ger und -kolonien (die übrigens ein gar nicht so unauffälliges halbrundes 
Gebäude am KalugaerTor in Moskau hinterlassen hat). In diesem Lager¬ 
punkt bestimmten die drei führenden Schlauberger über unser ganzes 
Leben und traten es mit Füßen: der Chefbuchhalter Solomon Solomo- 
now, der »Erzieher« David Burstein, später zuständig für die Arbeitsein¬ 
teilung, und Isaak Berschader. (Solomonow und Berschader hatten zuvor 


352 


In den Lagern des Gulag 


exakt in derselben Weise das Lager beim Moskauer Straßenbauinstitut 
MADI unter ihrer Fuchtel gehabt.) Vorgesetzter von all dem war ein 
Russe: Unterleutnant Mironow. 

Alle drei tauchten schon zu meiner Zeit auf, und für alle drei wurden 
sogleich ihre russischen Vorgänger von den Dienststellen entfernt. Zuerst 
traf Solomonow ein, er übernahm selbstsicher die gebührende Stelle und 
machte sich den Unterleutnant geneigt (ich vermute, über Lebensmittel 
und Geld von draußen). Bald danach schickte man auch Berschader - er 
hatte sich beim MADI etwas zuschulden kommen lassen - mit einem Be¬ 
gleitbrief: »Nur bei gewöhnlichen Arbeiten einsetzen« (ungewöhnlich für 
einen, der nicht zur Unterwelt zählte, da musste er schon etwas wirklich 
Schlimmes ausgefressen haben). Etwa 50 Jahre alt, untersetzt und fett, mit 
raubvogelhaftem Blick, machte er mit herablassender Miene eine Runde 
durch unseren Wohnbarackenbereich und inspizierte diesen wie ein Ge¬ 
neral aus der Flauptverwaltung. Der Oberaufseher fragte ihn: »Beruf?« — 
»Lagermeister.« - »So ’nen Beruf gibts nicht.« - »Ich bin aber Lagermeis¬ 
ter.« - »Egal, du gehst in die Zone, mit dem Flilfsarbeitertrupp.« Zwei 
Tage führte man ihn raus zur Arbeit. Er zuckte die Schultern und ging mit, 
in der Arbeitszone setzte er sich auf einen großen Stein und hielt mit 
Würde Rast. Der Brigadier wollte ihm eins überziehen, aber dann fehlte 
ihm dazu die Traute. So selbstsicher verhielt sich der Neue, dass man spür¬ 
te: Hinter dem stand eine Kraft. Bedrückt schlich auch Sewastjanow, der 
Lagerverwalter der Zone, herum. Er hatte hier zwei Jahre dem zu¬ 
sammengelegten Lebensmittel- und Materiallager vorgestanden, hatte fest 
an seinem Platz gesessen und war nicht schlecht mit den Oberen zurecht¬ 
gekommen, doch nun wehte es ihn kalt an: Alles war entschieden! Ber¬ 
schader war »Lagermeister von Beruf«! 

Dann stellte die Sanitätsabteilung Berschader »aus gesundheidichen 
Gründen« von allen Arbeiten frei, und von da ab schob er in der Bara¬ 
ckenzone eine ruhige Kugel. In der Zwischenzeit hatte man ihm offen¬ 
sichtlich irgendetwas von draußen gebracht. Keine Woche verging - da 
sah sich Sewastjanow abgesetzt, und Berschader wurde (mit Unterstüt¬ 
zung Solomonows) zum Lagerverwalter bestimmt. Hier stellte sich aller¬ 
dings heraus, dass in Bezug auf die körperliche Arbeit des Umfüllens von 
Graupen, und des Umschichtens von Schuhen, mit der Sewastjanow aus¬ 
gezeichnet allein zurechtgekommen war, bei Berschader ebenfalls Gegen- 


353 


Kapitel 8 


anzeigen bestanden. So bekam er zur Hilfe einen Burschen zugewiesen, 
der in Solomonows Buchhaltung als Dienstpersonal geführt wurde. Aber 
auch das war noch nicht die Fülle des Lebens. Die schönste und stolzeste 
Frau des Lagers, die schwanengleiche M., Leutnant und Scharfschützin, 
machte er sich gefügig und zwang sie, abends zu ihm in sein Materiallager 
zu kommen. Als Burstein im Lager erschien, griff er sich die nächste 
Schönheit, A. Sch., und inventarisierte sie fair seine Bude. 

Sperrt sich alles, das zu lesen? Nur—selbst hatten die sich ja keinen Deut 
darum geschert, wie das von der Seite besehen aussah, fast schienen sie es 
mit Absicht besonders toll treiben zu wollen. Wie viele kleine Lager hat es 
wohl im Archipel gegeben, in denen sich solche Zustände eingebürgert 
hatten? 

Aber es gingen ja auch die russischen Schlauberger genauso ungezügelt 
und unbesonnen vor! Ja. Aber innerhalb einer jeden Nation sah man dies 
unter einem sozialen Aspekt, als die ewige Spannung zwischen Arm und 
Reich, Herr und Diener. Tauchte aber als »Befehlshaber über Leben und 
Tod« auch noch einer auf, der keiner von uns war, dann wog das zusätzlich 
als schwere Beleidigung. Es möchte scheinen, einem kümmerlichen, 
niedergedrückten und dem Untergang geweihten Lagerinsassen hätte es 
auf einer der Stufen seines Sterbens doch ganz egal sein können, wer genau 
nun innerhalb des Lagers die Macht ergriffen hatte und über seinem Grab 
in einer Erdfurche seine Kfähenpicknicks abhielt? Doch nein, es stellte sich 
heraus, dass sich solche Dinge unauslöschlich einprägten. 

Einen Teil der Vorgänge in jener Lagerzone an der Bolschaja Kalush- 
skaja 30 habe ich im Theaterstück »Die Arbeitsrepublik« wiedergegeben. 
Nachdem ich begriffen hatte, dass unmöglich alles dargestellt werden 
konnte, wie es wirklich gewesen war - man würde dies als Aufhetzung 
gegen die Juden auffassen (als ob diese Dreierbande im Leben nicht viel 
mehr dazu beigetragen hätte, ohne sich groß um die Folgen zu kümmern), 
ließ ich nichts über den Ekel erregend gierigen Berschader verlauten, 
schrieb nichts über Burstein und formte die Spekulantin Rosa Kalikman 
zu einer unbestimmten orientalischen Bella um, nur einen Juden, den 
Buchhalter Solomonow, ließ ich ganz genau so, wie er im Leben war. 

Wie aber reagierten meine treuen jüdischen Freunde nach der Lektüre? 
B. L. Teusch protestierte ungewöhnlich heftig gegen das Stück. Er hatte es 
nicht sofort gelesen, sondern erst als das Theater »Sowremennik« [»Zeit- 


354 



In den Lagern des Gulag 


genösse«] 1962 die Inszenierung plante, um eine akademische Frage ging 
es also nicht. Das Ehepaar Teusch fühlte sich durch die Figur des Solo- 
monow zutiefst verletzt, sie hielten es ftir unehrenhaft und ungerecht, 
einen solchen Juden (selbst wenn er im Leben, im Lager, genau so gewe¬ 
sen war!) in einer Zeit darzustellen, in der die Juden unterdrückt wurden. 
(So eine Zeit ist anscheinend aber immer? Wann waren die Juden bei uns 
nicht unterdrückt?) Teusch war aufgescheucht, in heller Aufregung und 
stellte mir ein Ultimatum: Wenn ich Solomonow nicht entfernte oder zu¬ 
mindest abschwächte, wäre unsere ganze Freundschaft ruiniert, und dies 
hieß, sie wären auch nicht mehr die Hüter meiner Manuskripte. Mehr 
noch, sie sagten mir voraus, mein guter Name wäre ftir immer unwieder¬ 
bringlich verloren und beschmutzt, wenn ich Solomonow in dem Stück 
beließe. Warum könne er nicht in einen Russen umgewandelt werden?, 
wunderten sie sich. War es denn so wichtig, dass er Jude war? (Aber wenn 
es so unwichtig war — warum hatte Solomonow ausgerechnet Juden für 
die bevorzugten Posten ausgewählt?) 

Ich war wie vor den Kopf geschlagen: Plötzlich kam hier ein Zensur- 
eingriff von einer ftir mich unerwarteten Seite, und dies nicht weniger 
drastisch, als die offiziellen sowjetischen Zensurorgane vorgingen. 

Das Problem löste sich von selbst, da dem »Sowremennik« umgehend 
verboten wurde, das Stück zu inszenieren. 

Teusch hatte gesondert davon noch einen anderen Einwand: Ihr Solo¬ 
monow hat gar keinen jüdischen Charakter - die Juden verhalten sich 
immer etwas vorsichtig, behutsam, einschmeichelnd, nun, von mir aus, 
listig ... Aber woher kommt diese ungezügelte Unverschämtheit eines 
Starken, der seine Macht auskostet? Das ist nicht die Wahrheit, so etwas 
kommt nicht vor! 

Aber ich erinnerte mich ja nicht nur an diesen Solomonow - und ob so 
etwas vorkam! Ende der 20er-, Anfang der 30er-Jahre habe ich dergleichen 
in Rostow am Don immer wieder beobachtet. Auch Frenkel hatte dieses 
Auftreten, nach dem, was die überlebenden Ingenieure erzählten. Gerade 
dieses Abgleiten in die Dreistigkeit, wenn einer Macht hatte und sie aus¬ 
kostete, stieß die Umgebung mehr als alles andere ab. Natürlich sind es die 
Schlechten und Groben, die sich dazu hinreißen lassen - doch gerade so 
etwas prägt sich ein (wie das Bild der Russen durch die Gemeinheit russi¬ 
scher Halunken Flecken erhält). 


355 


Kapitel 8 


Alle diese Überredungsversuche und Appelle, etwas nicht so darzustel¬ 
len, wie es war, glichen haargenau den Aufrufen, die wir von hoher Tri¬ 
büne herab hörten. Nur nichts diffamieren! Sozialistischer Realismus: 
Schreiben, wie es sein sollte, und nicht, wie es war. 

Als ob ein Künstler fähig wäre, das Gewesene zu vergessen oder umzu¬ 
formen! 

Als könnte man die vollgültige Wahrheit nur an gewissen Stellen ein- 
bringen - dort, wo es angenehm, ungefährlich und populär ist. 

Minuziös wurden alle jüdischen Gestalten in meinen Büchern zer¬ 
pflückt und jede Nuance auf der Apothekerwaage abgewogen, aber die er¬ 
schütternde Geschichte des Grigorij M., der vor Schreck nicht den Rück¬ 
zugsbefehl an das zugrunde gehende Regiment weitergab (»Der Archipel 
Gulag«, Teil VI, Kapitel 6), die bemerkte man nicht und überging sie ohne 
ein einziges Wort! 

Auch mit »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch« beging ich in den 
Augen nicht weniger Juden einen Fauxpas: Es habe doch so feinsinnige 
Dulder gegeben, was musste ich da so einen bäurischen Kerl in den Mittel¬ 
punkt stellen? Asir Sandler, der unter Gorbatschows Glasnost mutig ge¬ 
worden war, veröffentlichte seine Lagererinnerungen. »Nach dem ersten 
Lesen lehnte ich >Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch< kategorisch 
ab ... Die Hauptfigur Iwan Denissowitsch ist ein Mensch mit minimalen 
geistigen Ansprüchen, der sich abkapselt und für den nur seine momen¬ 
tanen Sorgen existieren«, Solschenizyn aber stelle ihn als das Mus¬ 
terexemplar des russischen Volkes heraus ... (Das war ja wirklich haarge¬ 
nau die Art, in der seinerzeit alle gesinnungstreuen Kommunisten 
schäumten!) Dagegen »geruhte [Solschenizyn] die echte Intelligenzija, die 
das Niveau der vaterländischen Kultur und Wissenschaft bestimmt, nicht 
zu bemerken«. Sandler unterhielt sich darüber mit Miron Markowitsch 
Etlis (beide hatten »Schlauberger«-Posten in der Sanitätsabteilung einge¬ 
nommen). Edis’ Kommentare: »Das in der Novelle Erzählte enthält viele 
Entstellungen, da werden Dinge komplett auf den Kopf gestellt«, »Sol¬ 
schenizyn hat nicht die richtigen Akzente in Bezug auf den ... Teil unse¬ 
res Kontingents gesetzt, der zur Intelligenzija zählte«, «... die Bauchna¬ 
belschau [des Iwan Denissowitsch], ... diese Schafsgeduld, ... diese pseu- 
dochrisdiche Einstellung gegenüber seiner Umgebung ...« 1964 hatte 
Sandler das Glück, seinem Herzen gar gegenüber Ehrenburg Luft machen 


356 



In den Lagern des Gulag 

zu können, und dieser bestätigte nickend die »äußerst negative« Meinung 
über die Novelle. 12 

Doch wegen einer klitzekleinen Nuance hat mir niemals auch nur ein 
Jude einen Vorwurf gemacht: Iwan Denissowitsch bedient den Zesar Mar¬ 
kowitsch eigentlich ja wie ein Lakai, auch wenn er es gutherzig tut. 


357 


Kapitel 9 

Im Krieg mit Deutschland 


N ach der »Reichs-Kristallnacht« am 9. November 1938 hatten die 
deutschen Juden keine Zweifel mehr an der tödlichen Gefahr, die 
über ihnen schwebte. Mit Hiders Polenfeldzug zog diese tödliche Wolke 
weiter gen Osten. Allerdings wusste niemand, dass der Beginn des Krie¬ 
ges mit der UdSSR eine neue Etappe der Politik der Nationalsozialisten 
einläuten würde: die totale physische Vernichtung der Juden. 

Obwohl die sowjetischen Juden wahrlich nichts Gutes von der deut¬ 
schen Invasion erwarteten, konnten sie die unbegründeten Massener¬ 
schießungen ohne Rücksicht auf Geschlecht und Alter nicht voraussehen 
- so etwas kann man sich nicht im Vorhinein ausdenken. Diejenigen, die 
in ihren angestammten Wohngebieten blieben, wurden von einem sofor¬ 
tigen furchtbaren und unausweichlichen Schicksal getroffen, ohne jeg¬ 
liche Möglichkeit des Widerstandes. Das Leben riss unerwartet ab. Davor 
mussten sie noch viel Leid erfahren - sei es das Eingepferchtwerden in ein 
Ghetto, die Zwangsarbeit in einem Konzentrationslager, die Frachtwa¬ 
gons in die Gaskammern oder das Schaufeln des eigenen Grabes und das 
nackt Ausziehen vor der Erschießung. 

Die »Russische Jüdische Enzyklopädie« listet die Namen vieler russischer 
Juden auf, die in Rostow, Simferopol, Odessa, Minsk, Belostok, Kaunas 
und Narwa Opfer der Shoa wurden. Unter den Opfern waren auch ange¬ 
sehene Persönlichkeiten. Der weltbekannte Geschichtswissenschaftler S. 
M. Dubnow lebte in der Zwischenkriegszeit in der Emigration und über¬ 
siedelte nach der Machtergreifung Hiders von Berlin nach Riga. Er wurde 
nach der Okkupation der Stadt durch die Deutschen verhaftet, in das 
Ghetto gesperrt und »im Dezember 1941 auf die nächste Todesliste ge¬ 
setzt«. Aus Vilnius kamen die Historikerin Dina Ioffe und der Direktor des 
jüdischen Gymnasiums Iossif Jaschunskij in ein Konzentrationslager 
(beide wurden 1943 in Treblinka ermordet). Der Rabbiner Schmuei Bes- 
palow, Vorstand der Chassiden in Bobrujsk, wurde 1941 nach dem Ein- 


358 


Im Krieg mit Deutschland 


marsch der Deutschen erschossen. Der Kantor Gerschon Sirota kam 1943 
in Warschau ums Leben; seine alljährlichen Auftritte in Moskau und St. Pe¬ 
tersburg hatten seinerzeit »die Aufmerksamkeit Zar Nikolaus’ II. auf sich 
gezogen«. Oder die Gebrüder Paul und Wladimir Minz. Der ältere, Paul, 
war ein hoch angesehener letdscher Staatsmann, »der einzige Jude in der 
lettischen Regierung«. Wladimir war Chirurg, ihm wurde die Behandlung 
Lenins nach dem Attentat 1918 anvertraut. Ab 1920 lebte auch er in Lett¬ 
land. Nach der sowjetischen Okkupation 1940 wurde der ältere Minz ver¬ 
haftet und in ein Lager in der Krassnojarsk-Region gesteckt, wo er bald da¬ 
rauf starb. Den jüngeren ließ man unbehelligt und er blieb in Riga. Er starb 
1945 in Buchenwald. Sabina Spielrein, Ärztin, Psychoanalytikerin, eine 
enge Vertraute von C. G. Jung, kehrte von ihren Studien in Zürich, Mün¬ 
chen, Berlin und Genf 1923 zurück und wurde 1942 in ihrer Heimatstadt 
Rostow am Don zusammen mit den anderen Juden der Stadt erschossen. 
(Über den Tod ihrer drei Brüder, alle Wissenschaftler, während des stali- 
nistischen Terrors haben wir bereits oben in Kapitel 7 berichtet.) 

Doch sehr viele wurden durch die Evakuierung von 1941/42 gerettet. 
Eine Reihe von jüdischen Quellen der Kriegs- und Nachkriegszeit lässt 
keinen Zweifel daran, dass diese Evakuierungen mit der nötigen Ent¬ 
schlossenheit durchgefuhrt wurden. Zum Beispiel kann man im Sammel¬ 
band »Jüdische Welt« von 1944 nachlesen: »Die sowjetische Regierung 
war sich vollkommen im Klaren darüber, dass die Juden der am meisten 
bedrohte Teil der Bevölkerung waren, und Tausende von Zügen wurden, 
trotz des dringenden Bedarfs der Roten Armee an Transportmitteln, für 
ihre Evakuierung bereitgestellt... In vielen Städten ... wurden die Juden 
als Erste evakuiert«; obwohl der zitierte Autor »die Behauptung des jüdi¬ 
schen Schriftstellers David Bergelson, dass [inr Ganzen] 80% der Juden 
erfolgreich evakuiert wurden« 1 für übertrieben hält. »In Tschernigow gab 
es vor dem Krieg 70000 jüdische Einwohner, von denen zum Zeitpunkt 
des Einmarsches der Deutschen noch 10000 zurückgeblieben waren ... 
In Dnjepropetrowsk waren von 100000 Juden zum Zeitpunkt des Ein¬ 
marsches nur 30 000 geblieben.« In Shitomir haben von den 50 000 Juden 
mindestens 44000 fliehen können. 2 Im Bericht des HIAS 1 schrieb E. M. 


1 HIAS (Hebrew Immigrant Aid Society): 1881 in New York gegründete Hilfs¬ 
organisation ftir jüdische Emigranten 


359 


Kapitel 9 


Kulischer im Sommer 1946: »Es bestehen keine Zweifel daran, dass die 
Sowjetregierung besondere Maßnahmen zur Evakuierung der jüdischen 
Bevölkerung oder zur Erleichterung ihrer Flucht unternahm. Die Juden 
wurden zusammen mit dem staatlichen Personal und den Industriearbei¬ 
tern und -angestellten [bei der Evakuierung] bevorzugt behandelt... Die 
Sowjetregierung stellte Tausende Züge speziell für die Evakuierung der 
Juden zur Verfügung« 3 ; um das Risiko eines Bombenangriffs zu reduzie¬ 
ren, wurden die Juden auf vielen Tausend Fuhrwerken, die von den Kol¬ 
chosen und Sowchosen gestellt wurden, zu sicheren Bahnhöfen im 
Hinterland transportiert. B. Z. Goldberg, ein Schwager von Scholem 
Alejchem und Korrespondent der New Yorker jüdischen Zeitung »Der 
Tog«, »schrieb nach einer weiteren Fahrt in die UdSSR im Winter 1946/47 
den Bericht >Wie während des Krieges die Juden in Sowjetrussland eva¬ 
kuiert wurdem« (»DerTog«, 21. Februar 1947): Wen er auch in der Ukrai¬ 
ne zu diesem Thema befragte, »Juden und Christen, Soldaten und Evaku¬ 
ierte, alle antworteten, dass die Politik der Regierung darin bestand, den 
Juden Vorteile bei der Evakuierung zu gewähren, um möglichst viele 
herauszubringen, damit die Nazis sie nicht vernichten konnten«. 4 Und 
der ehemalige sowjetische Partisan Mosche Kaganowitsch bestätigt in 
seinen später (1948) im Ausland erschienenen Memoiren, dass die sowje¬ 
tische Regierung alle nur erhältlichen Transportmittel zur Verfügung stell¬ 
te, neben den Zügen auch Pferdefuhrwerke, und dass befohlen wurde, 
»aus den vom Feind bedrohten Gebieten in erster Linie die Bürger jüdi¬ 
scher Nationalität« zu evakuieren. (Halten wir fest, dass S. Schwarz und 
spätere Forscher sowohl die Existenz eines solchen Befehls als auch die 
Evakuierung der Juden »als solcher« durch die Sowjetregierung bestrei¬ 
ten. 5 ) 

Allerdings geben die frühen ebenso wie die späteren Quellen eine recht 
ähnliche Schätzung der Anzahl evakuierter oder aus den von den Deut¬ 
schen besetzten Gebieten geflohener Juden. Offizielle sowjetische Zahlen 
fehlen hierzu; alle Forscher beklagen die Ungenauigkeit der statistischen 
Ausgangsdaten.Wir stützen uns indes auf die Arbeiten der letzten Deka¬ 
de. So bietet der Demograf M. Kupowezkij unter Verwendung von bis¬ 
lang unzugänglichem Archivmaterial und neuen analytischen Verfahren 
folgende Resultate: Entsprechend den Endergebnissen der Volkszählung 
von 1939 gab es auf dem Gebiet der »alten« UdSSR (d.h. vor den Anne- 


360 


Im Krieg mit Deutschland 


xionen von 1939/40) 3028538 Juden. Wenn man diese Zahl nach be¬ 
stimmten Kriterien korrigiert und die natürliche Wachstumsrate der jü¬ 
dischen Bevölkerung separat nach jedem Siedlungsgebiet in der Zeit von 
September 1939 bis Juni 1941 berücksichtigt, dann kann man laut die¬ 
sem Wissenschaftler von ca. 3 080000 Juden auf dem Gebiet der »alten« 
UdSSR zum Zeitpunkt des Kriegsbeginns ausgehen. Davon lebten 
900 000 in Gebieten, die während des Krieges nicht okkupiert waren. Auf 
dem im Verlauf des Krieges besetzten Gebiet lebten 2180 000 Juden (die 
so genannten »Ostjuden«). 6 »Es gibt keine genauen Angaben über die 
Zahl der Juden, die sich durch Flucht oder Evakuierung vor der deutschen 
Okkupation in Richtung Osten retten konnten. Aber aufgrund einiger 
Forschungsarbeiten ist bekannt, dass aus den Ostgebieten, ... die von den 
Deutschen besetzt wurden, ungefähr eine Million bis 1100 000 Juden ent¬ 
kommen konnten.« 7 

Ein anderes Bild boten jene Gebiete, die kurz vorher, 1939/40, an die 
Sowjetunion angeschlossen worden waren und nun zu Beginn des deut¬ 
schen Blitzkrieges überrannt wurden. Die Geschwindigkeit des deutschen 
Angriffs ließ kaum Chancen für eine Rettung, während die Bevölke¬ 
rungszahl der Juden gerade dieser »PufFer«-Gebiete (der so genannten 
»Westjuden« 1 ) im Juni 1941 bei 1885000 lag. 8 Von ihnen »konnte nur 
eine kleine Anzahl entkommen oder evakuiert werden. Man geht davon 
aus, dass es ... ca. 10-12% waren.« 9 

Auf diese Weise konnten - den optimistischsten Schätzungen nach - 
ungefähr 2226000 Juden vor der deutschen Besetzung in Sicherheit ge¬ 
bracht werden (zwei Millionen »Ostjuden« und 226000 »Westjuden«), 
während in den okkupierten Gebieten 2739000 Juden (1080000 »Ost¬ 
juden« und 1659000 »Westjuden«) verblieben. 

Die Evakuierten und Flüchtlinge aus den besetzten oder bedrohten Ge¬ 
bieten wurden weit ins russische Hinterland geschickt, »im Besonderen 
die Mehrheit der Juden hinter den Ural, und zwar nach Westsibirien, Ka¬ 
sachstan, Usbekistan und Turkmenistan«. 10 In den Dokumenten des Jü¬ 
dischen Antifaschistischen Komitees findet sich die Bestätigung: »Zu Be¬ 
ginn des Vaterländischen Krieges wurden ungefähr 1,5 Millionen Juden 


1 »Ostjuden«, »Westjuden«: Diese Bezeichnungen werden hier und im Folgenden 
ausschließlich fiir das Gebiet der Sowjetunion verwendet. 


361 


Kapitel 9 


nach Usbekistan, Kasachstan und in andere zentralasiatische Republiken 
evakuiert.« 11 Diese Zahl umfasst nicht das Wolga-Gebiet, den Ural 
und Sibirien. (Die »Kleine Jüdische Enzyklopädie« meint: »Die Zahl 
1,5 Millionen ... ist stark übertrieben.« 12 ) Aber nach Birobidshan gab es 
weder eine organisierte Evakuierung noch einen Flüchtlingsstrom. Ob¬ 
wohl dort, wegen des Auseinanderbrechens der jüdischen Kolchosen, die 
Lebens- und Arbeitsbedingungen für 11000 Familien gegeben waren. 13 
Zur selben Zeit wurden »die jüdischen Kolonisten von der Krim so zeitig 
evakuiert, dass sie in der Lage waren, die gesamten Viehbestände und 
landwirtschaftlichen Maschinen mitzunehmen«; »es ist bekannt, dass im 
Frühjahr 1942 jüdische Kolonisten aus der Ukraine Kolchosen an der 
Wolga gründeten«. Wie denn das? Nun, wie der Autor schreibt, »es war 
eine Ironie des Schicksals«: Sie kamen anstelle der deutschen Kolonisten, 
die aus der Republik der Wolga-Deutschen nach einem Dekret der so¬ 
wjetischen Regierung vom 28. August 1941 vertrieben worden waren. 14 

Wie schon bemerkt, wird in den zitierten Quellen der Kriegs- und frü¬ 
hen Nachkriegsjahre der Aufwand und der Umfang der sowjetischen Eva¬ 
kuierung der Juden vor den vorrückenden Deutschen einstimmig aner¬ 
kannt. Aber in den späteren Quellen (ab dem Ende der 40er-Jahre) wurde 
das bestritten. Zum Beispiel lesen wir in einem Beitrag aus den 60er-Jah- 
ren (Hervorhebung im Original): »eine planmäßige Evakuierung der Juden 
als dem gefährdetsten Bevölkerungsteil hat es in Russland nirgends gegeben«. , 15 
Weitere 20 Jahre später lesen wir auch Folgendes: Nach dem Überfall 
Deutschlands auf die Sowjetunion »hat es, entgegen den Gerüchten, dass 
die Regierung angeblich die Juden aus den Gebieten evakuiert habe, die 
von den Deutschen bedroht waren, nichts Vergleichbares gegeben ... Die 
Juden wurden ihrem Schicksal überlassen. In Bezug auf die Bürger jüdi¬ 
scher Nationalität war der gepriesene proletarische Internationalismus< 
ein Rohrkrepierer.« 16 Solche Urteile sind vollkommen ungerechtfertigt. 

Aber selbst jene jüdischen Autoren, die den »guten Willen« gegenüber 
den Juden bei der Evakuierung abstreiten, erkennen deren Umfang an. 
»Dank der spezifischen sozialen Struktur der jüdischen Bevölkerung 
musste die Anzahl der evakuierten Juden bei weitem ihren prozentualen 
Anteil an der allgemeinen Bevölkerung der Städte übertreffen.« 1 '' So war 
es auch. Zwei Tage nach der deutschen Invasion, am 24. Juni 1941, wurde 
der Evakuierungsrat einberufen (Vorsitzender war Schwernik, Stellvertre- 


362 


Im Krieg mit Deutschland 


ter waren Kossygin und Perwuchin) und dessen Prioritäten festgelegt: in 
erster Linie die staadichen und Parteibehörden samt Mitarbeitern in Si¬ 
cherheit zu bringen, gefolgt von Industrieanlagen, Rohstoffen, den Ar¬ 
beitern der evakuierten Betriebe und ihren Familien sowie der Bevölke¬ 
rung im wehrpflichtigen Alter. Insgesamt wurden im Zeitraum zwischen 
Kriegsbeginn und November 1941 ca. zwölf Millionen Menschen aus den 
bedrohten Gebieten evakuiert. 18 Davon waren, wie wir gesehen haben, 
eine bis 1,1 Millionen »Ostjuden« und über 200 000 »Westjuden«, die aus 
den Gebieten stammten, die bald darauf von den Deutschen besetzt wur¬ 
den. Hinzu kommt eine nicht unbedeutende Anzahl von Juden als Teil 
jener Bevölkerung, die aus Städten evakuiert wurde, die nicht von den 
Deutschen erobert waren, insbesondere aus Moskau und Leningrad. So¬ 
lomon Schwarz schreibt: »Die allgemeine Evakuierung der staadichen Be¬ 
hörden und Industriebetriebe samt des Personals (oft mit Familien) nahm 
vielerorts einen umfassenden Charakter an. Die soziale Struktur des 
ukrainischen Judentums - ein großer Prozentsatz an Juden unter den 
mitderen und höheren Beamten, unter der akademischen und techni¬ 
schen Intelligenzija und zahlreiche jüdische Arbeiter in der ukrainischen 
Schwerindustrie - führte dazu, dass die Juden einen größeren Teil der Eva¬ 
kuierten stellten, als es ihrem Anteil an der städtischen (und erst recht in 
der gesamten) Bevölkerung entsprach.« 19 (Das gilt auch für Weißrussland. 
Dort lernten in den 20er- und Anfang der 30er-Jahre »in den Kursen für 
Analphabeten, in Tages-, Abend- und Werkschulen ... fast die gesamte jü¬ 
dische Jugend, aber auch ältere Menschen ... Das erlaubte der Schicht der 
ärmsten Bewohner der jüdischen Schted, in den Kreis der Industriearbei¬ 
ter zu gelangen. Bei 8,9% Bevölkerungsanteil in Weißrussland stellten 
1930 die Juden 36% der Arbeiterschaft in dieser Republik.« 20 ) Schwarz 
fährt fort: »Der Steigerung des Anteils der Juden an den Evakuierten dien¬ 
te auch der Umstand, dass für viele Angestellte und Arbeiter die Teilnah¬ 
me an der Evakuierung nicht Pflicht war ... Und viele - in erster Linie 
Nicht-Juden - blieben.« Auf diese Weise »eröffneten sich den Juden, die 
nicht den Bedingungen für eine Zwangsevakuierung entsprachen, relativ 
gute Evakuierungsmöglichkeiten«. 21 Derselbe Autor schreibt, dass es 
allerdings »in der sowjetischen Presse keinerlei Regierungsdekrete oder 
Instruktionen über die Evakuierung von Juden gab, wie auch keine Mit¬ 
teilungen über Maßnahmen solcher Art«, und weiter, »ftir die Evakuie- 


363 



Kapitel 9 


rung von Juden als solchen gibt es einfach keine Anweisungen. Das be¬ 
deutet, dass es eine solche spezielle Evakuierung der Juden nicht gegeben 
hat.« 22 

Wenn man die sowjetische Wirklichkeit berücksichtigt, dann erscheint 
diese Schlussfolgerung nicht sehr gewichtig und auf jeden Fall formal. In 
der Tat gab es in der sowjetischen Presse keine Mitteilungen über Massen¬ 
evakuierungen von Juden; die Gründe dafür sind ofifensichdich. Erstens 
wurde nach dem Hitler-Stalin-Pakt in der UdSSR Hitlers Judenpolitik 
verschwiegen, und als der Krieg losbrach, wusste die Mehrheit der sowje¬ 
tischen Bevölkerung nichts über die tödliche Bedrohung, die eine deut¬ 
sche Invasion für die Juden barg. Zweitens, und das war wohl das Ent¬ 
scheidende, tönte von der deutschen Seite lautstark die Propaganda gegen 
das »Jüdisch-Bolschewistische« und die sowjetische Führung begriff na¬ 
türlich, dass sie in Hinblick auf die Ereignisse in den 20er- und 30er-Jah- 
ren diese Propaganda kräftig unterstützt hatte. Wie hätte sie jetzt klar und 
deudich verkünden sollen, dass in erster Linie die Juden gerettet werden 
sollen? Das wäre nur Wasser auf Hitlers Mühlen gewesen. 

Deshalb ist öffendich nicht mitgeteilt worden, dass bei den Evakuier¬ 
ten »die Juden den größeren Prozentsatz stellten«. »In den Evakuierungs¬ 
befehlen werden die Juden nicht erwähnt«, immerhin »gab es keine Dis¬ 
kriminierung der Juden während der Evakuierung«. 23 Man rettete so viele 
man nur konnte, allerdings stillschweigend, ohne im Inland Aufsehen zu 
erregen. Für das Ausland verhielt man sich anders. Zum Beispiel im De¬ 
zember 1941, nach der deutschen Niederlage vor Moskau, sendete Radio 
Moskau, natürlich nicht auf Russisch, sondern »in Polnisch« und »am 
nächsten Tag fünf Mal auf Deutsch einen Bericht, in dem die erfolgreiche 
russische Offensive mit dem Wunder der Makkabäer verglichen und den 
Deutschen eingebläut wurde, dass es gerade die Chanukka-Woche gewe¬ 
sen war, in der jene deutsche 134. Division Nürnberg vernichtet wurde, 
die nach der Stadt benannt war, »in der die Rassengesetzgebung entstan¬ 
den ist«. 24 1941/42 ließ die sowjetische Regierung gerne zu, dass die Sy¬ 
nagogen Moskaus, Leningrads und Charkows mit Betenden gefüllt waren 
und dass das jüdische Pessach-Fest 1942 ausgiebig gefeiert wurde. 25 

Man kann nicht sagen, dass die sowjetische Inlandspresse über die deut¬ 
schen Gräueltaten schwieg. Ilja Ehrenburg, aber auch andere, z.B. der 
Journalist Kriger, hatten die Erlaubnis erhalten, den ganzen Krieg hin- 


364 


Im Krieg mit Deutschland 


durch den Hass auf die Deutschen aufrechtzuhalten und zu schüren; sie 
sollten das brennende, leidvolle jüdische Thema durchaus erwähnen, aber 
auch nicht sonderlich betonen. Ehrenburg wurde zum Haupttroubadour 
des ganzen Krieges, indem er behauptete, dass »der Deutsche seiner Natur 
nach eine Bestie« sei, und dazu aufrief, »selbst ungeborene Faschisten nicht 
zu schonen« (was so zu verstehen ist: Töte schwangere deutsche Frauen). 
Er wurde erst gegen Ende des Krieges etwas gebremst, als der Krieg bereits 
über Deutschland fegte und klar wurde, dass die Armee den Aufruf zur 
skrupellosen Rache an allen Deutschen allzu gut verinnerlicht hatte. 

Es ist aber unbestritten, dass Hiders Politik der Judenvernichtung, in 
ihrer Planmäßigkeit und ihrem Umfang, von der sowjetischen Presse nicht 
genügend beleuchtet wurde, sodass die breite Masse der Juden in der 
UdSSR nur schwer das Ausmaß der Gefahr und der Vernichtung erfassen 
konnte. Während des ganzen Krieges gab es in der Tat nur wenige öffent¬ 
liche Erwähnungen des Schicksals der Juden in den deutsch besetzten Ge¬ 
bieten. Stalin sagte in der Rede vom 6. November 1941 (zum 24. Jahres¬ 
tag der Oktoberrevolution): »Die Nazis veranstalten genauso gerne mittel¬ 
alterliche Judenpogrome, wie es das zaristische Regime tat. Hiders Partei 
ist eine Partei... der mittelalterlichen Reaktion und der Pogrome Schwar¬ 
zer Hundertschaften.« 26 (»Soweit wir wissen«, schreibt ein israelischer His¬ 
toriker, »war das der einzige Fall während des Krieges, bei dem Stalin öf- 
fendich die Juden erwähnte.« 27 ) In der Mitteilung des Außenministers 
Molotow vom 6. Januar 1942, die an alle Staaten adressiert war, mit denen 
die UdSSR diplomatische Beziehungen unterhielt, sind die Juden in der 
Liste der leidenden sowjetischen Völker aufgelistet, und weiter im Text 
sind die Erschießungen von Juden in Kiew, Lwow, Odessa, Kamenez-Po- 
dolsk, Dnjepropetrowsk, Mariupol und Kertsch besonders hervorgeho¬ 
ben und mit genauen Zahlenangaben versehen. »Ein furchtbares Gemet¬ 
zel und Pogrome sind von den deutschen Okkupanten in der ukrainischen 
Hauptstadt Kiew angerichtet worden ... Eine große Menge Juden wurde 
versammelt, einschließlich Frauen und Kinder aller Altersstufen; vor der 
Erschießung mussten sich alle nackt ausziehen und wurden geschlagen ... 
und schließlich aus Maschinenpistolen erschossen. Viele Massenmorde ... 
gab es auch in anderen ukrainischen Städten, wobei diese blutigen Flin- 
richtungen insbesondere gegen unbewaffnete und wehrlose Juden aus der 
Arbeiterschaft gerichtet waren.« 28 Später gab es die Erklärung der sowje- 


365 


Kapitel 9 


tischen Regierung vom 19. Dezember 1942, in welcher die Existenz »eines 
Spezialplans Hitlers zur totalen Vernichtung der j üdischen Bevölkerung in 
den besetzten Gebieten Europas« und in Deutschland genannt wurde. 
»Im Verhältnis zu ihrer geringen Anzahl hat die jüdische Minderheit der 
sowjetischen Bevölkerung ... besonders schwer unter der bestialischen 
Blutrünstigkeit von Hiders Unmenschen gelitten.« Aber es wird darauf 
verwiesen, dass diese Erklärung sozusagen erzwungen war: Sie erschien 
zwei Tage nach einer ähnlichen Erklärung der Alliierten, und ohne die für 
eine Kampagne übliche Serie von Publikationen in der sowjetischen Pres¬ 
se. 1943 erschienen sieben Mitteilungen der Staatlichen Sonderkommis¬ 
sion zur Untersuchung der Verbrechen Hiders (es wurden sowohl einzel¬ 
ne Schauplätze als auch die Vernichtung russischer Kriegsgefangener und 
die Zerstörung von Kulturdenkmälern unseres Landes untersucht). Nur 
einer dieser Berichte erwähnt die Vernichtung von Juden, in der Region 
Stawropol, nahe der Stadt Mineralnye Wody. 29 Und während einer Rede 
von Chruschtschow in Kiew im März 1944 - Thema waren die Leiden, 
welche die Ukraine während der Okkupation durchleben musste - wur¬ 
den »die Juden mit keinem Wort erwähnt«?® 

Offensichdich war es so. Und die breite sowjetische Masse verstand ja 
damals nicht das Ausmaß der Shoa. Das war auch unser gemeinsames 
Schicksal: unter dem eisernen Mantel, der die Sowjetunion umhüllte, nie 
wirklich zu erfahren, was in der Welt geschah. Allerdings konnten die sow¬ 
jetischen Juden auch nicht völlig im Unklaren darüber sein, was auf der 
deutschen Seite passierte. »Mitte der 30er-Jahre schrieb die sowjedsche 
Presse viel über den Antisemitismus in Deutschland ... Der Roman >Die 
Geschwister Oppenheinu von Lion Feuchtwanger und seine Verfilmung 
sowie ein anderer Film, >Professor Mamlok<, zeigten die Gefahr, welche 
den Juden drohte.« 31 Nach den Pogromen der »Reichs-Kristallnacht« er¬ 
schien in der »Prawda« ein Leitartikel mit der Überschrift: »Faschistische 
Pogromisten und Kannibalen«, der die Nationalsozialisten scharf verur¬ 
teilte. »Mit Abscheu und Zorn blickt die ganze zivilisierte Welt auf das bes¬ 
tialische Gemetzel der deutschen Faschisten an der wehrlosen jüdischen 
Bevölkerung ... [Mit denselben Gefühlen] verfolgt auch das sowjetische 
Volk das schmutzige und blutige Treiben in Deutschland ... Zusammen 
mit den Kapitalisten und Großgrundbesitzern sind im Land der Sowjets 
alle Quellen des Antisemitismus vernichtet worden.« 32 Und danach er- 


366 



Im Krieg mit Deutschland 


schienen in der »Prawda« den ganzen November hindurch täglich auf den 
ersten Seiten Mitteilungen wie: »Jüdische Pogrome in Deutschland«, 
»Bestialisches Blutbad an der jüdischen Bevölkerung«, »Weltweite Welle 
des Protests gegen die Abscheulichkeiten der faschistischen Pogromisten«. 
Protestveranstaltungen gegen Hiders antisemitische Politik fanden in 
Moskau, Leningrad, Kiew, Tiflis, Minsk, Swerdlowsk, Stalino statt. Die 
»Prawda« veröffentlichte einen genauen Bericht über ein gesamtstädti¬ 
sches Treffen der Moskauer Intelligenzija im Großen Saal des Konserva¬ 
toriums, mitsamt den Reden der Schriftsteller A. N. Tolstoj, A. Kornej- 
tschuk, L. Sobolew und der Künsder A. B. Goldenwejser und S. M. Mi- 
choels sowie der Abschlussresolution: »Wir, Vertreter der Intelligenzija der 
Stadt Moskau, ... erheben unsere Stimme des Zorns und der Entrüstung 
gegen die faschistischen unmenschlichen Gräueltaten und die Gewalt 
gegenüber der wehrlosen jüdischen Bevölkerung Deutschlands. Die Fa¬ 
schisten schlagen, verstümmeln, vergewaltigen und verbrennen bei leben¬ 
digem Leib Menschen, deren einzige Schuld darin besteht, dem jüdischen 
Volk anzugehören.« 33 Am nächsten Tag, dem 29. November, veröffent¬ 
lichte die »Prawda« unter der Überschrift »Sowjetische Intelligenzija ist 
über die jüdischen Pogrome in Deutschland empört« eine ganzseitige 
Information über ähnliche Veranstaltungen in anderen sowjetischen 
Städten. 

Ab dem Moment des Inkrafttretens des Ribbentrop-Molotow-Pakts im 
Herbst 1939 war allerdings nicht nur Kritik an der nationalsozialistischen 
Politik, sondern auch jegliche Information über die Verfolgung der Juden 
in den deutsch-dominierten Gebieten aus der sowjetischen Presse völlig 
verschwunden. »Zahlreiche Informationen ... erreichten die UdSSR 
durch unterschiedliche Kanäle: Nachrichtenagenturen, Botschaften, sow¬ 
jetische Journalisten ... Eine wichtige Informationsquelle ... waren jüdi¬ 
sche Flüchtlinge, denen es gelang, die sowjetische Grenze zu passieren. Die 
sowjetischen Medien, einschließlich der jüdischen Presse, hüllten sich 
darüber in Schweigen.« 34 

»Als der deutsch-sowjetische Krieg begann und man wieder anfing, 
über den deutschen Antisemitismus zu sprechen, hielten viele Juden das 
für eine Propaganda-Aktion«, schreibt ein zeitgenössischer Forscher, sich 
auf Zeugenaussagen von Überlebenden der Shoa stützend, die im Laufe 
von 50 Jahren gesammelt wurden. »Viele Juden vertrauten ihrer Lebens- 


3 67 


Kapitel 9 


erfahrung und nicht dem Radio oder Büchern und Zeitungen. Viele stell¬ 
ten sich die Deutschen so vor, wie man sie während des Ersten Weltkrie¬ 
ges kennen gelernt hatte. Von all den Regimes in der Zeit des Bürgerkrie¬ 
ges war das deutsche eines der tolerantesten in Bezug auf die Juden gewe¬ 
sen.« 35 »Viele Juden erinnerten sich, dass während der deutschen 
Okkupation 1918 die Deutschen die Juden besser behandelten als die 
lokale Bevölkerung, und das beruhigte sie.« 36 Deshalb »war die Anzahl der 
Juden, die 1941 freiwillig zurückblieben, nicht unbedeutend«. Aber selbst 
1942 »berichten Augenzeugen, ... dass in Woronesh, Rostow, Krasnodar 
und anderen Städten die Juden hofften, dass sie ihre Arbeit als Ärzte und 
Lehrer, Schneider und Schuster, die, ihrer Meinung nach, unter jeder Re¬ 
gierung gebraucht werden, wieder würden aufnehmen können, wenn die 
Front von ihrer Stadt weitergezogen sein würde ... Die Juden konnten 
oder wollten auch aus rein materiellen Gründen nicht evakuiert wer¬ 
den.« 37 

Während die sowjetischen Massenmedien die Informationen über die 
Gräueltaten der Okkupanten gegenüber den Juden herunterspielten, war 
es der auf Jiddisch erscheinenden Zeitung »Ejnigkeit«, dem Sprachrohr 
des Jüdischen Antifaschistischen Komitees (JAFK), ab Sommer 1942 er¬ 
laubt, darüber in voller Ausführlichkeit zu schreiben. Als ersten Schritt zur 
Gründung dieses Komitees kann man die im August 1941 veranstaltete 
Radioübertragung des Treffens der »Vertreter des jüdischen Volkes« be¬ 
trachten. Um propagandistischen Einfluss auf die Alliierten auszuüben, 
wurde die Sendung in die USA und weitere verbündete Nationen über¬ 
tragen (Teilnehmer waren: S. Michoels, P. Märkisch, I. Ehrenburg, S. 
Marschak, S. Eisenstein und andere). »Der im Westen erzielte Erfolg über¬ 
traf selbst die optimistischsten Erwartungen Moskaus ... In den alliierten 
Ländern entstanden jüdische Organisationen, die Mittel für die Rote 
Armee sammelten.« Daher reifte im Kreml die Einsicht, wie nützlich die 
Existenz eines ständigen Jüdischen Komitees in der UdSSR wäre. »So be¬ 
gann 1941 die Zusammenarbeit zwischen der sowjetischen Regierung 
und dem Weltzionismus, die sieben Jahre andauern sollte.« 38 

Die Gründung des Komitees verlief nur schleppend, mit schwankender 
Unterstützung der Regierung. Als Leiter des Komitees wurde der ein¬ 
flussreiche Henryk Erlich bestimmt und dafür 1941 aus dem Gefängnis 
entlassen. Erlich war ein alter »Bundist«, der bereits 1917 Mitglied des be- 


368 


Im Krieg mit Deutschland 


rüchtigten - und zu jener Zeit allmächtigen - Exekutivkomitee des Petro- 
grader Stadtsowjets der Arbeiterdeputierten (Ispolkom) war. (Erlich war da¬ 
nach nach Polen emigriert, wo er 1939 von den Sowjets verhaftet wurde.) 
Er begann mit seinem Freund Viktor Alter, auch einem Bundisten aus 
Polen, ein Projekt zu erarbeiten, das darauf ausgelegt war, die jüdische öf¬ 
fentliche Meinung zu mobilisieren, und sich mehr an ausländische denn 
an sowjetische Juden wandte. »Die freiheitstrunkenen polnischen Bun¬ 
disten ... handelten immer mehr auf eigene Rechnung. Sie waren zusam¬ 
men mit den Regierungsbehörden aus der Hauptstadt nach Kujbyschew 
[Samara] evakuiert worden, wo sie Kontakte mit den ebenfalls in Sicher¬ 
heit gebrachten ausländischen Diplomaten knüpften, ... denen sie unter 
anderem die Schaffung einer jüdischen Legion in den USA vorschlugen, 
die anschließend an der deutsch-sowjetischen Front eingesetzt werden 
sollte.« »Die Sache ging so weit, dass die polnischen Bundisten sich ei¬ 
genständig auf eine Ausreise in den Westen vorbereiteten.« Außerdem 
waren die beiden Bundisten »selbstsicher der Auffassung (die sie vor an¬ 
deren nicht verheimlichten), dass es ihnen gelingen würde, das sowjetische 
System in Richtung politische Liberalität zu reformieren«. Im Dezember 
1941 wurden die Anführer des Komitees, die sich zu viele Freiheiten ge¬ 
nommen hatten, verhaftet. (Erlich erhängte sich im Gefängnis, Alter 
wurde erschossen). 39 

Ab Frühjahr 1942 wurde allerdings wieder ein Jüdisches Antifaschisti¬ 
sches Komitee zusammengetrommelt, wofür wiederum ein Treffen der 
»Vertreter des jüdischen Volkes« abgehalten und ein Komitee gewählt 
wurde, diesmal allerdings ausschließlich aus sowjetischen Juden. Vorsit¬ 
zender wurde Solomon Michoels, verantwortlicher Sekretär der ehemals 
fanatische Bundist und später fanatische Tschekist Schachne Epstein, der 
als »Stalins Auge« für jüdische Angelegenheiten galt. Mitglieder wurden 
die Schriftsteller David Bergelson, Perez Märkisch, Lejb Kwitko, Der Nis- 
ter sowie die Wissenschaftlerin Lina Stern, das Akademiemitglied Frum- 
kin und andere 40 ; Stellvertreter Michoels’ wurde der Dichter Izik Fefer 
(ein ehemaliger Trotzkist, der mit Oden an Stalin seine Begnadigung er¬ 
flehte; »ein wichtiger Agent des NKWD«, die Reise in den Westen wurde 
ihm als einem »geprüften Agenten« überantwortet 41 ). Die Aufgaben die¬ 
ses Komitees waren wiederum: Einflussnahme auf die internationale öf¬ 
fentliche Meinung, »Appellieren an die >Juden der Welt<, in erster Linie an 


369 




Kapitel 9 


die amerikanischen Juden« 42 , das Sammeln von Sympathien und finan¬ 
zieller Unterstützung für die Sowjetunion. (Zu diesem Zweck wurden 
Michoels und Fefer im Sommer 1943, zeitgleich mit der Auflösung der 
Komintern, in die USA geschickt. Ihre Reise war ein triumphaler Erfolg, 
es gab Veranstaltungen in 14 amerikanischen Großstädten, in New York 
mit 50000 Teilnehmern. Sie wurden vom damaligen Anführer des Zio¬ 
nismus, Chaim Weizmann, und von Albert Einstein empfangen. 43 ) Das 
Komitee war aber inoffiziell immer noch Dridso-Losowskij, dem stellver¬ 
tretenden Leiter des »Sowinformbüro«, unterstellt, hatte in der Sowjet¬ 
union weder Abteilungen noch Handlungsmöglichkeiten und war »we¬ 
niger eine Organisation für das Sammeln von Mitteln ftir die Rote Arme, 
als vielmehr ein Werkzeug ... ftir die prosowjetische Propaganda im Aus¬ 
land«. 44 

* 

Andere jüdische Autoren behaupten, dass es seit dem Ende der 30er-Jahre 
eine verdeckte, aber konsequente Verdrängung der Juden von allen hö¬ 
heren Machtposten gegeben habe. D. Schub schreibt, dass es 1943 in 
der obersten Befehlsstruktur des NKWD keinen einzigen Juden mehr 
gab, »sie sind nur noch in den Handels-, Industrie- und Ernährungs¬ 
kommissariaten zahlreich vertreten. Nicht wenige Juden sind auch im 
Kommissariat für Volksbildung und im Außenministerium zu fin¬ 
den.« 43 Zu einem anderen Ergebnis kommt ein zeitgenössischer Forscher, 
der sich auf Unterlagen, die erst in den 90er-Jahren zugänglich wurden, 
stützt: »In den 1940er-Jahren war die Rolle der Juden in den Vollstre¬ 
ckungsorganen immer noch sehr bedeutend und nahm erst in den Nach¬ 
kriegsjahren, als sie der Antikosmopolitismus-Kampagne zum Opfer fie¬ 
len, ab.« 46 

Es gibt allerdings keine Meinungsverschiedenheiten bezüglich der gro¬ 
ßen Anzahl von Juden in den oberen Befehlsrängen der Armee. Das Jahr¬ 
buch »Jüdische Welt« informiert, dass es »in der Roten Armee zurzeit 
[während des Krieges] über 100 jüdische Generäle« gab, und führt eine 
»kleine Auflistung [17] willkürlich herausgegriffener Namen« an, wobei 
»Infanteriegeneräle nicht aufgenommen wurden«. (Allerdings wurde wie 
in einem schlechten Witz unter den 17 aufgelisteten auch der Gulag-Ge- 


370 




Im Krieg mit Deutschland 


neral, »General-Major des Technischen Dienstes, Frenkel Naftali Arono- 
witsch« aufgenommen. 47 ) Dass es während des Krieges nicht weniger als 
100 jüdische Generäle gab, bestätigt auch ein Viertel Jahrhundert später 
ein anderer Sammelband und nennt dabei noch weitere Familiennamen. 48 
(Allerdings ist es eine grobe Verfehlung, dass keines dieser Werke den 
Super-General Lew S. Mechlis nennt, der von 1937 bis 1940 Stalins 
engster Vertrauter und ab 1941 wieder Leiter der Politischen Haupt¬ 
verwaltung der Roten Arbeiter- und Bauernarmee (PURKKA) war, die 
zehn Tage nach Kriegsbeginn ein Dutzend Generäle aus der obersten Be¬ 
fehlsstruktur der Westfront verhaften ließ. 49 Ganz zu schweigen von 
seinen Vergeltungsaktionen während des Finnlandkrieges und später bei 
Kertsch.) 

In der »Kleinen Jüdischen Enzyklopädie« wird die Liste der Namen jü¬ 
discher Generäle um weitere 15 erweitert. In jüngerer Zeit veröffendich- 
te ein israelischer Forscher eine komplette Namensliste jüdischer Generä¬ 
le und Admiräle (einschließlich jener, die während des Krieges diesen 
Rang erhielten) und kam auf 270 Namen. Generäle und Admiräle! Das 
sind nicht nur »nicht wenige«, das ist kolossal! Er listet auch vier Volks¬ 
kommissare der Kriegszeit auf: neben Kaganowitsch auch Boris Wanni- 
kow (zuständig für die Munitionsfertigung), Semjon Ginsburg (Bauab¬ 
teilung), Isaak Salzman (Panzerproduktion). Hinzu kommen einige jüdi¬ 
sche Leiter der militärischen Hauptverwaltungen der Roten Armee, vier 
Armeebefehlshaber, Kommandeure von 23 Korps, 72 Divisionen und 102 
Brigaden 50 . 

»In keiner anderen alliierten Armee, nicht einmal in der amerikani¬ 
schen, hatten Juden solch hohe Positionen inne wie in der sowjetischen«, 
schreibt Dr. Y. Arad. 51 Nein, von einer »Verdrängung der Juden von hö¬ 
heren Machtposten« während des Krieges zu reden wäre falsch. Und auch 
im sowjetischen Alltagsleben jener Zeit hat sich eine solche Verdrängung 
nicht bemerkbar gemacht. Der bekannte Sozialist Mark Wischnjak sagte 
1944 (in den USA): »Nicht einmal die überzeugtesten Gegner der Sow¬ 
jetunion werden sagen, dass dort der Antisemitismus von der Regierung 
kultiviert wird.« 52 Und damals war das zweifellos richtig. 

Gemäß der Zeitung »Ejnigkeit« (vom 24. Februar 1945, fast am Ende 
des Krieges) sind »für >Tapferkeit und Heldentum im Kampf 63 374 
Juden mit einem Orden oder einer Medaille ausgezeichnet worden«, und 


371 


59 Juden wurden »Held der Sowjetunion«. 1963 waren es laut der auf Jid¬ 
disch erscheinenden Warschauer Zeitung »Volksstimme« 160 772 Juden, 
die mit einem Orden oder einer Medaille ausgezeichnet wurden, und es 
gab 108 »Helden der Sowjetunion« 53 . Anfang der 90er-Jahre veröffent¬ 
lichte ein israelischer Autor eine Liste mit Namen und Daten der Verlei¬ 
hung, die 135 jüdische »Helden der Sowjetunion« und zwölf Juden nennt, 
denen der »Ruhmesorden« aller drei Kategorien verliehen wurde. 54 (Die¬ 
selben Angaben finden sich auch in dem dreibändigen Werk »Beschrei¬ 
bungen jüdischen Heldentums«. 55 ) Und zuletzt, in einer 2001 erschiene¬ 
nen Untersuchung aufgrund von Archivmaterialien, findet sich folgende 
Zahl: »Insgesamt sind während des Krieges 123 822 Juden mit Orden und 
Medaillen für besondere Leistungen im Kampf ausgezeichnet worden.« 56 
Damit liegen die Juden bei den sowjetischen Völkern an fünfter Stelle, was 
die Anzahl der Auszeichnungen anbelangt. Vor ihnen liegen die Russen, 
Ukrainer, Weißrussen und Tataren. 

»Antisemitismus als eine Hürde für die Juden bei ihrer Karriere in den 
Streitkräften, bei ihrer Beförderung in den nächsten Rang oder bei Aus¬ 
zeichnungen hat es während des Krieges in der sowjetischen Armee nicht 
gegeben« 57 , stellt Y. Arad fest. Hohe Auszeichnungen gab es auch für die 
frontunterstützenden Arbeiten. Der starke Zustrom der Juden in die Be¬ 
reiche Wissenschaft und Technik in den 30er-Jahren trug während des 
Krieges Früchte. Viele Juden widmeten sich der Konstruktion neuer Waf¬ 
fenarten und Kriegstechnik, dem Gerätebau, dem Luftfahrzeug-, Panzer- 
und Schiffsbau, der wissenschaftlichen Forschung, dem Bau und der Ent¬ 
wicklung von Industrieunternehmen, der Energieversorgung, der Metall¬ 
produktion und dem Transportwesen. Für Arbeiten für die Front sind 
180000 Juden ausgezeichnet worden - Wissenschaftler, Ingenieure, Lei¬ 
ter auf allen Hierarchiestufen und Arbeiter. Uber 200 von ihnen sind mit 
dem Lenin-Orden ausgezeichnet worden; fast 300 haben die Stalin-Prä¬ 
mie für Wissenschaft und Technik erhalten. Während des Krieges haben 
zwölf Juden die Auszeichnung »Held der Sozialistischen Arbeit« erhalten. 
In der Akademie der Wissenschaften gab es in der physiko-mathemati- 
schen, der chemischen und der technischen Abteilung acht wirkliche und 
13 korrespondierende jüdische Mitglieder. 58 



Im Krieg mit Deutschland 


Viele Autoren, unter anderem S. Schwarz, merken an: »Die Rolle der 
Juden im Krieg wurde systematisch heruntergespielt«, es habe eine beab¬ 
sichtigte »Politik des Verschweigens der Rolle der Juden im Krieg« gege¬ 
ben. Er verwendet als Beweis die Tatsache, dass bei bekannten sowjeti¬ 
schen Autoren, zum Beispiel bei Konstantin Simonow (»Tage und Näch¬ 
te«) oder Wassilij Grossman (»Das Volk ist unsterblich«), »unter der 
riesigen Menge von Soldaten, Offizieren, Politarbeitern und anderen Fi¬ 
guren schon wieder kein einziger jüdischer Nachname ist«. 59 Natürlich 
sind das Folgen der Beschränkung durch die Zensur, besonders im Falle 
Grossmans. (In den späteren Werken Grossmans tauchen jüdische Namen 
unter den Armeeangehörigen auf.) Ein anderer Autor stellt fest, dass in der 
ganzen UdSSR Postkarten verkauft wurden, auf denen der russische U- 
Boot-Kommandeur Israil Fissanowitsch abgebildet war. 60 Später gab es 
mehr Publikationen dieser Art, und ein israelischer Forscher nennt zwölf 
weitere jüdische »Helden der Sowjetunion«, deren Porträts massenhaft auf 
Briefumschlägen gedruckt wurden. 61 

Obwohl ich an jenem Krieg teilgenommen habe, sollte ich mich in mei¬ 
nem Leben am allerwenigsten mit ihm in Büchern beschäftigen, über ihn 
Materialien sammeln oder schreiben. Aber ich habe Juden an der Front 
gesehen. Unter ihnen waren mutige Männer. Ich kann nicht darauf ver¬ 
zichten, zwei besonders forchdose Männer von der Panzerabwehr zu er¬ 
wähnen: meinen Universitätsfreund Leutnant Emmanuil Masin und den 
als Student einberufenen jungen Soldaten Borja Gammerow (beide wur¬ 
den verwundet). In meiner Batterie (60 Mann) waren zwei Juden: der Ser¬ 
geant Ilja Solomin, der den ganzen Krieg hindurch herausragend kämpf¬ 
te, und der Gefreite Pugatsch, der ziemlich schnell in die Polit-Abteilung 
abwanderte. Unter den 20 Offizieren unserer Division war auch ein Jude, 
Major Arson, Chef des Nachschubs. Ein wahrhafter Kämpfer war auch 
der Dichter Boris Sluzkij; er soll gesagt haben, er sei »ganz von Kugeln 
durchsiebt«. Major Lew Kopelew war zwar bei der Polit-Abteilung der 
Armee (Abteilung Wehrkraftzersetzung des Gegners), stürzte sich aber 
furchtlos in jedes Gefecht. Hier ein Auszug aus den Memoiren des ehe¬ 
maligen Absolventen des Moskauer Instituts der Philosophie, Literatur 
und Kunst, Semjon Frejlich, eines mutigen Offiziers: »Der Krieg begann 
... Wir meldeten uns sofort als Freiwillige in die Armee.« Obwohl das Stu¬ 
dium noch nicht abgeschlossen war, «... war es uns peinlich, nicht die 


373 


Kapitel 9 


Mühsale von Millionen und Abermillionen zu teilen«. 62 Oder der später 
bekannte Literaturwissenschaftler Lasar Lasarew, der als Jugendlicher in 
den Krieg zog und zwei Jahre lang an vorderster Front kämpfte, bevor er 
an beiden Armen verstümmelt wurde: »Das war unsere Pflicht, um die 
sich zu drücken unehrenhaft war; das war unser Leben, in jenen Umstän¬ 
den das einzig Mögliche, das einzig Würdige für die Menschen meines Al¬ 
ters und meiner Erziehung.« 63 1989 schrieb Boris Israilewitsch Fainerman 
in der Zeitschrift »Knishnoje Obosrenie« [»Bücherschau«] über seine 
Kriegserfahrungen: Im Juni 1941, mit 17 Jahren, meldete er sich freiwil¬ 
lig bei einer Schützenkompanie, wurde im Oktober an beiden Beinen ver¬ 
wundet, geriet in deutsche Gefangenschaft, konnte fliehen und entkam 
auf Krücken aus einer deutschen Einkesselung. Bei uns wurde er natürlich 
als »Verräter« verurteilt und eingesperrt, erreichte aber 1943, dass er aus 
dem Lager in ein Strafbataillon versetzt wurde, wo er seine Strafe ab¬ 
kämpfte. Danach wurde er MPi-Schütze bei einem Panzerstoßtrupp, wo 
er noch zwei Mal verwundet wurde. 

Wenn man die biografischen Bände der neuesten »Russischen Jüdi¬ 
schen Enzyklopädie« zur Hilfe nimmt, so findet man auch dort zahlreiche 
Beispiele für kämpferische Opferbereitschaft. Schik Kordonskij war der 
Kommandeur eines Torpedobomber-Geschwaders; er »lenkte sein bren¬ 
nendes Flugzeug in einen feindlichen Transport«. Posthum wurde er dafür 
»Held der Sowjetunion«. Wolf Korsunskij, »Navigator in einem Luftwaf¬ 
fengeschwader«, auch »Held der Sowjetunion«, Wiktor Chassin, »>Held 
der Sowjetuniom ... Staffelkommandeur ... nahm an 257 Luftkämpfen 
teil, schoss zehn feindliche Flugzeuge ab« und zerstörte zehn weitere am 
Boden; wurde über »vom Feind besetztem Gebiet abgeschossen und 
kämpfte sich mehrere Tage lang bis zur Frontlinie durch. Er starb im Kran¬ 
kenhaus an den Folgen seiner Verletzungen.« Herausragenderes kann man 
nicht sagen! In dieser Enzyklopädie finden sich Dutzende im Kampf ge¬ 
fallene Juden. 

Trotz alledem, trotz der Beispiele unbestrittenen Mutes konstatiert der 
jüdische Forscher mit Verbitterung: »Sowohl an der Front als auch im 
Hinterland war die Vorstellung weit verbreitet, die Juden würden sich vor 
der Teilnahme am Krieg drücken.« 64 Das ist ein schmerzlicher, ein wunder 
Punkt. Aber wenn man die wunden Punkte meidet, hat es wohl keinen 
Sinn, ein Buch über die gemeinsam durchlebten Prüfungen zu schreiben. 


374 


Im Krieg mit Deutschland 


Im Verlauf der Geschichte ist es nicht unerheblich, was die einzelnen 
Völker über einander gedacht haben. »Während des letzten Krieges hat 
sich der Antisemitismus in Russland deudich verstärkt. Die Juden wurden 
ungerechterweise beschuldigt, sich um den Kriegsdienst und im Beson¬ 
deren um die Teilnahme an Kampfhandlungen zu drücken.« 65 »Über die 
Juden sagte man, dass anstatt zu kämpfen, sie >im Sturm die Städte Alma- 
Ata und Taschkent eingenommen hättern.« 66 Ein polnischer Jude, der in 
der Roten Armee kämpfte, bezeugt: »In der Armee versuchte mich Alt und 
Jung davon zu überzeugen, dass ... an der Front kein einziger Jude sei. 
Wir müssen für die kämpfen.< In >freundschaftlichem< Ton sagte man mi r: 
>Sie sind verrückt. Alle Eurigen sitzen zu Hause, in Sicherheit, wie sind Sie 
denn an die Front geraten ?<« 67 Y. Arad schreibt: »Sprüche wie Wir sind an 
der Front, und die Juden sind in Taschkent oder >An der Front sieht man 
keine Juden< konnte man sowohl bei Soldaten als auch bei Zivilpersonen 
hören.« 68 Ich bezeuge: Ja, bei den Soldaten an der Front hat man Derarti¬ 
ges hören können. Und nach dem Krieg blieb - wer ist damit nicht kon¬ 
frontiert worden? - in der Masse der Slawen das beklemmende Gefühl, 
dass unsere Juden in diesem Krieg selbsdoser hätten sein können; dass die 
Juden an der Front, bei den niederen Diensträngen, etwas mehr präsent 
hätten sein können. 

Am einfachsten ist es - und so wird es auch gemacht - zu sagen, das sei 
russischer Antisemitismus, und es gäbe keine Gründe für solche Empfin¬ 
dungen. (Außer, wie einige Quellen behaupten, »die deutsche Propagan¬ 
da«, die von der russischen Bevölkerung verinnerlicht worden wäre. Das 
muss ja folglich ein tolles Volk sein: einzig in der Lage, Propaganda zu ver¬ 
innerlichen, sei es von Stalin oder von Hitler.) Wenn man wenigstens ver¬ 
suchen würde, Klarheit zu schaffen; immerhin ist ein halbes Jahrhundert 
vergangen. 

Offizielle Angaben über die nationale Zusammensetzung der sowjeti¬ 
schen Armee während des Zweiten Weltkrieges sind nie veröffendicht 
worden. Deshalb findet man in der Mehrheit der Untersuchungen für die 
Anzahl der jüdischen Kriegsteilnehmer nur eine geschätzte Zahl, ohne 
Quellenangaben oder Nennung der Berechnungsgrundlage. Man kann 
allerdings sagen, dass bis zu den neuesten Publikationen der 90er-Jahre die 
Zahl 500 000 verwendet wurde. »Die jüdische Bevölkerung gab der Roten 
Armee ca. 500 000 Kämpfer«; 69 »Während des Zweiten Weltkrieges dien- 


375 


ten in der sowjetischen Armee 550000 Juden.« 70 Die »Kleine Jüdische En¬ 
zyklopädie« präzisiert: »Alleine in den regulären Einheiten der sowjeti¬ 
schen Armee waren über 500 000 Juden«, wobei »diese Zahl die jüdischen 
Partisanen nicht berücksichtigt, die gegen Nazi-Deutschland kämpf¬ 
ten«. 71 Dieselbe Zahl wird auch in den »Beschreibungen jüdischen Hel¬ 
dentums«, in A. Abramowitschs Buch »Im entscheidenden Krieg« und in 
anderen Quellen genannt. 

Wir sind nur einem Autor begegnet, der versucht hat, seine Schätzung 
zu begründen, indem er dem Leser eine detaillierte Beschreibung seiner 
Überlegungen lieferte. Es handelt sich hierbei um den israelischen For¬ 
scher Y. Arad in seinem bereits zitierten Buch über die Shoa. 

Arad kommt zu der Überzeugung, dass »die Zahl der Juden, die in den 
Reihen der Roten Armee gegen die deutschen Nazis kämpfte, allgemein 
nicht geringer als 420000 bis 430000 gewesen ist«. 72 (In diese Zahl 
schließt er allerdings »Tausende von jüdischen Partisanen ein, die in den 
Wäldern gegen die deutschen Okkupanten kämpften« und die in die 
Armee einberufen wurden, als man 1944 die Westukraine und West¬ 
weißrussland befreit habe. Dabei geht Arad davon aus, dass in all den 
Kriegsjahren »in den deutsch besetzten Gebieten der UdSSR ungefähr 
25000-30000 jüdische Partisanen aktiv waren« 73 ; die israelische Enzy¬ 
klopädie gibt im Artikel »Widerstand, antinazistischer« eine geringere 
Zahl an: »Auf dem Gebiet der Sowjetunion kämpften in Untergrundor¬ 
ganisationen und Partisanenverbänden über 15000 Juden gegen die 
Nazis.« 74 ) Bei der Berechnung geht der Forscher davon aus, dass das Ver¬ 
hältnis der mobilisierten Juden dem Mittelwert für die gesamte Bevölke¬ 
rung der UdSSR während des Krieges entsprach, und beziffert diesen Wert 
als 13-13,5%. Das würde bedeuten, dass 390000-405000 »Ostjuden« 
mobilisiert wurden (bei einer Gesamtzahl von etwas mehr als 3 Millio¬ 
nen), wenn da nicht die Tatsache wäre, dass »es in bestimmten Gebieten 
der Ukraine und Weißrusslands einen sehr hohen Prozentsatz jüdischer 
Bevölkerung gab, die nicht mobilisiert war, weil diese Gebiete sofort von 
den Deutschen besetzt wurden«. Der Autor vermutet allerdings, dass im 
Allgemeinen die »Untermobilisierung« bei den »Ostjuden« nicht sehr 
groß war, dass ein Großteil der wehrpflichtigen Männer vor der An¬ 
kunft der Deutschen einberufen werden konnte, und legt sich auf 
370000-380000 »Ostjuden« fest, die in der Armee dienten. Bei den 



Im Krieg mit Deutschland 


»Westjuden« erinnert Arad daran, dass 1940 bei der Mobilmachung der 
Jahrgänge 1919-1922 in Westweißrussland und in der Westukraine un¬ 
gefähr 30000 Juden einberufen wurden. Allerdings galten bei der sowje¬ 
tischen Regierung die Soldaten aus den wieder angeschlossenen west¬ 
lichen Gebieten als »unzuverlässig«, und fast alle wurden bei Kriegsbeginn 
in Arbeitseinheiten versetzt. »Ende 1943 gab es eine wiederholte Mobil¬ 
machung ... unter denen, die vorher in die Arbeitsarmee versetzt worden 
waren, und darunter waren auch Juden.« Der Autor erwähnt, dass 
6000-7000 Juden aus der Anzahl der geflüchteten »Westjuden« in natio¬ 
nalen baltischen Divisionen kämpften. Dann addiert er die jüdischen Par- 
dsanen, die 1944 in die Armee einberufen wurden, und kommt zu dem 
Ergebnis: »Man kann feststellen, dass mindestens 50000 Juden, die aus 
den Gebieten stammen, welche an die UdSSR angeschlossen wurden, in 
der Roten Armee dienten, einschließlich jener, die vor dem Krieg einbe¬ 
rufen wurden.« So schließt Y. Arad auf die Anzahl der Juden, die in den 
Jahren 1941-1944 in der Armee dienten: Es waren 420 000-430 000. 75 

Was die Zahl anbelangt, die allgemein in den Quellen verwendet wird 
- 500 000 Soldaten -, impliziert sie, wenn man sich an Arad hält, eine all¬ 
gemeine Basis (d.h. die Gesamtanzahl der jüdischen Bevölkerung, aus der 
diese 500 000 einberufen wurden) von 3 700 000 bis 3 850 000 Menschen. 
Entsprechend den oben genanten Quellen summiert sich die maximale 
Anzahl der »West-« und »Ostjuden«, die vor den Deutschen in Sicherheit 
gebracht werden konnten, auf2226000. Selbst wenn man zu dieser Zahl 
komplett die 1 080000 »Ostjuden« addiert, die unter die deutsche Okku¬ 
pation gerieten, und damit so tut, als ob man vor der Ankunft der Deut¬ 
schen alle Männer im wehrpflichtigen Alter hat einberufen können - und 
das war nicht der Fall -, würde immer noch eine halbe Million Menschen 
fehlen. Und das würde bedeuten, dass die Erfolge der Evakuierungsma߬ 
nahmen, die wir zu Beginn des Kapitels besprochen haben, substanziell 
unterbewertet wurden. 

Dieser Widerspruch taucht bei der Bewertung durch Y. Arad nicht auf. 
Obwohl einzelne Komponenten vermutlich korrekturbedürftig sind 76 , ist 
diese Bewertung doch den Daten des Instituts für Militärgeschichte er¬ 
staunlich ähnlich. Diese Daten, die bis jetzt nicht publiziert wurden, ba¬ 
sieren auf den Quellen des Zentralarchivs des Verteidigungsministeriums. 
Gemäß diesen Daten sind während des Krieges einberufen worden: Rus- 


377 


Kapitel 9 


sen - 19 650 000; Ukrainer — 5 320 000; Weißrussen — 964 000; Tataren - 
511000; Juden - 434 000; Kasachen - 341000; Usbeken - 330 000; Rest¬ 
liche - insgesamt ca. 2 500 000. 77 

Folglich entsprach, trotz der unterschiedlichen Vorstellungen, die An¬ 
zahl der Juden in der Roten Armee während des Krieges im Verhältnis dem 
Anteil der jüdischen Bevölkerung, der Soldaten stellen konnte. Propor¬ 
tional entspricht die Anzahl der jüdischen Kriegsteilnehmer dem landes¬ 
weiten Durchschnitt. 

Heißt das dann, dass das Volksempfinden während jenes Krieges wirk¬ 
lich von antisemitischen Vorurteilen diktiert war? Natürlich waren bei 
einem Teil der älteren und mitderen Bevölkerung zu Beginn des Krieges 
die Narben der 20er- und 30er-Jahre nicht verheilt. Aber den Großteil der 
Frontsoldaten stellten junge Leute, die während und nach der Revolution 
geboren waren und deren Weitsicht sich erheblich von jener der Älteren 
unterschied. Vergleichen wir: Es gibt keine Zeugnisse ftir Antisemitismus 
in der russischen Armee während des Ersten Weltkrieges, trotz der Spio¬ 
nagemanie der militärischen Leitung gegenüber den Juden aus den front¬ 
nahen Gebieten von 1915. Von fünf Millionen Juden in Russland im Jahre 
1914 78 »wurden ca. 400 000 zu Beginn des Ersten Weltkrieges einberufen 
und bis 1917 stieg ihre Anzahl auf 500 000«. 79 Das bedeutet, dass zu Be¬ 
ginn des Ersten Weltkrieges jeder zwölfte und am Ende jeder zehite russi¬ 
sche Jude kämpfte, während im Zweiten Weltkrieg jeder siebte bis achte 
kämpfte. 

Worum ging es also? Man kann annehmen, dass neue armeeinterne 
Missverhältnisse eine große Rolle spielten, die desto schärfer an der Front 
wahrgenommen wurden, je näher man sich an der tödlichen vordersten 
Linie befand. 

Ab 1874 wurden die jüdischen Rechte an die der restlichen russischen 
Staatsbürger angeglichen, was die allgemeine Wehrpflicht anbelangte, aber 
noch während des Ersten Weltkrieges bis zur Februarrevolution galt das 
Gesetz aus den Zeiten des Zaren Alexander, demnach Juden nicht über 
den Rang eines Unteroffiziers befördert werden dürften. (Dieses Gesetz 
galt nicht für Militärärzte.) Unter den Bolschewiken änderte sich die Si¬ 
tuation grundlegend, und zu Beginn des Zweiten Weltkrieges waren die 
Verhältnisse so, dass - wie die israelische Enzyklopädie verallgemeinert - 
»im Verhältnis zu anderen Nationalitäten der UdSSR die Juden einen un- 


378 


Im Krieg mit Deutschland 


verhältnismäßig hohen Anteil an höheren Offizieren stellten, in erster 
Linie, weil unter ihnen ein viel höherer Prozentsatz an Leuten mit Hoch¬ 
schulbildung war«. 80 Y. Arad bewertet die Lage so: »Die Anzahl jüdischer 
Kommissare und Politarbeiter in verschiedenen Armeeabteilungen wäh¬ 
rend des Krieges war verhältnismäßig höher als in anderen Tätigkeitsfel¬ 
dern.« »Der Prozentsatz der Juden in der politischen Führung der Armee 
war mindestens dreimal so hoch wie ihr Prozentsatz in der Bevölkerung 
der UdSSR zu jenem Zeitpunkt.« 81 Außerdem waren die Juden selbstver¬ 
ständlich »unter den Hauptspezialisten der Militärmedizin, ... unter den 
Leitern der Sanitätseinrichtungen einer Reihe von Fronten ... Unter den 
Generälen der Roten Armee waren 26 jüdische Generäle des medizini¬ 
schen Dienstes und neun jüdische Generäle des Veterinär-Dienstes«; 33 
jüdische Generäle dienten in den Ingenieurs- und Bautruppen. 82 Natür¬ 
lich hatten die jüdischen Arzte und Militäringenieure nicht nur die hohen 
Posten inne: »Bei den Militärmedizinern gab es eine Reihe von Juden 
(Ärzte, Krankenschwestern, Sanitäter).« 83 Wir erinnern daran, dass 1926 
unter den Militärärzten 18,6% Juden waren, bei einem Anteil von 1,7% 84 
an der männlichen Gesamtbevölkerung; im Krieg konnte dieser Prozent¬ 
satz durch die große Anzahl an weiblichen Militärärzten nur steigen. »Der 
traditionell hohe Anteil an Juden in der sowjetischen Medizin und in den 
Fachgebieten des Ingenieurswesens trug auf natürliche Weise dazu bei, 
dass sie in den Armeeabteilungen entsprechend stark vertreten waren.« 85 

Aber wie unbestritten wichtig und notwendig sind all diese Dienste ftir 
den gemeinsamen Endsieg, nicht jeder erlebt ihn. Denn der einfache Land¬ 
ser an der vordersten Front blickte sich um und sah ganz deutlich: dass als 
Kriegsteilnehmer auch die Leute aus der zweiten und dritten Etappe gel¬ 
ten, die rückwärtigen Stäbe, die Verwaltungseinrichtungen, die gesamten 
medizinischen Einrichtungen vom Hauptverbandplatz aufwärts, die zahl¬ 
reichen Instandsetzungs- und Versorgungsabteilungen und in all diesen 
Einrichtungen natürlich das Fach- und Bedienstetenpersonal, die Schreib¬ 
stubenkrieger, die ganze Maschinerie der Kriegspropaganda, einschlie߬ 
lich der mobilen Feldtheater und Musikensembles, der »Front-Artisten- 
Brigaden«. Es war für jeden offensichtlich: Ja, dort gab es weit mehr Juden 
als an der vordersten Front. Man liest: »Unter den >Leningrader Front- 
Schriftstellern<« waren »nach der vorsichtigsten und eher zurückhaltenden 
Schätzung ... 31%« 86 Juden, d.h. vermutlich sogar mehr. Aber daraus 


379 


Kapitel 9 


wird nicht klar: Wie viele davon waren in den Redaktionen? Diese sind in 
der Regel 10-15 Kilometer hinter der Frontlinie; und wenn du dabei an 
die Front und in ein Gefecht gerätst, dann gibt es niemanden, der dich 
zwingt, die Stellung zu halten, du kannst auch gleich wieder fahren, das 
ist eine ganz andere Psychologie. Wie viele haben sich die Bezeichnung 
»Frontsoldat« anzueignen versucht, allen voran Schriftsteller und Journa¬ 
listen. Über die bekannten von ihnen sollte eigens in literarischen Publi¬ 
kationen geschrieben werden. Über die unbekannten und vergessenen nur 
Folgendes: Wie viele dieser Frontsoldaten haben ein warmes Nest bei di¬ 
versen militärischen Periodika auf Front-, Armee-, Korps- oder Divi¬ 
sionsebene gefunden. Hier eine Episode: Nach Absolvierung der Maschi¬ 
nengewehr-Ausbildung wird der Unterleutnant Alexander Gerschko- 
witsch an die Front geschickt. Aber nach einem Krankenhausaufenthalt 
»auf dem Rückweg zu seiner Abteilung, vernahm er auf irgendeiner 
Zwischenstation den bekannten Geruch von Druckerfarbe. Er folgte ihm 
und landete in der Redaktion einer Divisionszeitung, die gerade einen Re¬ 
porter für die Berichterstattung von der Frontlinie suchte.« Sein Schicksal 
wurde neu entschieden. (Und wie erging es der Infanterieeinheit, die er 
hatte einholen wollen?) »In dieser Tätigkeit legte er Tausende von Kilo¬ 
metern auf den Kriegsstraßen zurück.« 87 Natürlich kamen auch Kriegsbe¬ 
richterstatter um. So schreibt der Musiker Michail Goldstein, der auf¬ 
grund von Augenproblemen ausgemustert worden war, über sich: »Ich be¬ 
mühte mich an der Front zu sein, wo ich Tausende von Konzerten gab, wo 
ich eine Reihe von Armeeliedern schrieb und wo ich oft Schützengraben 
aushob, um den Soldaten zu helfen.« 88 Ofö Ein gastspielgebender Musi¬ 
ker mit einem Spaten in der Hand? Mit dem Blick eines Frontsoldaten 
kann ich mit Sicherheit behaupten: ein unglaubliches Bild. Hören wir die 
erstaunliche Biografie von Jewgenij Gerschuni: »Im Sommer 1941 trat er 
freiwillig in die Volkswehr ein, wo er bald darauf ein Meines Musiken¬ 
semble organisierte.« Es lief einem kalt den Rücken herunter, wenn man 
diese unbewaffneten, nicht einmal eingeHeideten Kolonnen kennen lern¬ 
te, die todgeweiht ins Verderben getrieben wurden; von was für einem 
Musikensemble ist hier bitte die Rede?? Ab September 1941 »wurde 
Gerschuni mit einer Truppe von einberufenen Künsdern an das Lenin- 
grader Haus der Roten Armee abkommandiert, wo er einen Frontzirkus 
organisierte und leitete«. Die Geschichte geht so aus: »Am 9. Mai 1945 


380 





Im Krieg mit Deutschland 


trat der Zirkus unter der Leitung von Gerschuni in den Treppenhäusern 
des Reichstages in Berlin auf.« 89 

Natürlich kämpften Juden auch bei der Infanterie, an vorderster Front. 
Eine sowjetische Quelle aus der Mitte der 70er-Jahre listet die nationalen 
Zusammensetzungen von 200 Schützendivisionen mit der Nennung des 
jeweiligen Prozentsatzes der Gesamtbevölkerung innerhalb der »alten« 
Grenzen der UdSSR (vor 1939/40) für den Zeitraum von 1. Januar 1943 
bis 1. Januar 1944 auf. In den Divisionen lag der Anteil der Juden ent¬ 
sprechend bei 1,50% und bei 1,28%, bei einem Bevölkerungsanteil von 
1,78% (für das Jahr 1939). 90 Erst ab Mitte 1944, als die Armee durch Sol¬ 
datennachschub aus den befreiten Gebieten verstärkt wurde, sank der jü¬ 
dische Anteil in den Divisionen auf 1,14%: Fast alle Juden in diesen Ge¬ 
bieten waren vernichtet worden. 

Es sei an dieser Stelle bemerkt, dass einige überaus mutige Juden in 
einer schärferen und nützlicheren Form am Krieg teilnahmen, als sie es an 
der Front hätten tun können. So war die bekannte »Rote Kapelle« von 
Trepper und Gurewitsch, die in Hitlerdeutschland bis Herbst 1942 ein 
Spionagenetz führte und Informationen lieferte, von enormer Wichtigkeit 
für die sowjetischen strategischen und taktischen Entscheidungen. (Beide 
Agenten saßen bei der Gestapo ein und nach dem Krieg in der UdSSR, 
der erste 10, der zweite 15 Jahre.) 91 Oder der sowjedsche Spion Lew 
Manewitsch, im Bürgerkrieg Chef einer Truppe für Sonderaufgaben 
(TschON), danach langjährige Agententätigkeit in Deutschland, Öster¬ 
reich und Italien. Er wird 1936 in Italien verhaftet, aber selbst aus der Ge¬ 
fangenschaft gelingt es ihm, Informationen an das sowjetische Zentrum 
weiterzuleiten. 1943 landet er in einem Lager der Nazis, wo er unter dem 
Namen Oberst Starosün im antifaschistischen Untergrund mitarbeitet. 
1945 wird er von den Amerikanern befreit, stirbt aber vor seiner Rück¬ 
kehr in die UdSSR, sonst hätte er gut möglich noch ein paar Jährchen ab- 
sitzen müssen. Erst 20 Jahre später, 1965, wurde ihm postum der Titel 
»Held der Sowjetunion« verliehen. 92 (Es gibt auch merkwürdige Biogra¬ 
fien, zum Beispiel die von Michail Scheinman. Ab den 20er-Jahren ist er 
regionaler Sekretär des Komsomol, während des Höhepunktes der anti¬ 
klerikalen Kampagne ein Mitarbeiter der Führung des »Bundes der kämp¬ 
ferischen Gottlosen«, danach Absolvent des »Instituts der Roten Profes¬ 
sur« und Mitarbeiter der Abteilung für Druck und Presse des ZK der 


381 


Kapitel 9 


Kommunistischen Partei, 1941 gerät er in deutsche Gefangenschaft und 
sitzt - als Jude und ranghöher kommunistischer Politfimktionär! - den 
ganzen Krieg hindurch in Deutschland im Lager. Damit ist er in den 
Augen des sowjetischen Geheimdienstes eigendich hundertprozentig 
schuldig (im Sinne von: Was hast du getan, um am Leben bleiben zu dür¬ 
fen?) Andere wurden dafür für lange Jahre eingesperrt. Irgendwie ist er 
aber bereits 1946 im Museum für Religionsgeschichte tätig und danach 
am Institut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften. 93 ) 

Aber auf einzelnen Beispielen kann man weder in die eine noch in die 
andere Richtung etwas aufbauen. Eine zuverlässige — und noch wichtiger: 
eine detailliertere - Statistik gibt es nicht und wird es wohl auch nicht 
mehr geben. 

Vor einiger Zeit ist in der israelischen Presse ein interessantes Zeug¬ 
nis veröffentlicht worden. Als Iona Degen sich zu Beginn des Krieges frei¬ 
willig in einem Komsomol-Kampfverband melden wollte und einen an¬ 
deren jüdischen Jugendlichen, Schulim Dain, aufforderte, sich ihm anzu¬ 
schließen, erwiderte dieser, »dass es ein Glücksfall wäre, wenn die Juden 
diesen Kampf von der Seite beobachten könnten, es ist nicht ihr Krieg, 
obwohl vielleicht gerade er ihnen die Augen öffnen und dazu fuhren 
könnte, dass der Staat Israel wieder hergestellt werden wird. Wenn man 
mich in den Krieg einberuft, werde ich in den Krieg ziehen. Aber freiwil¬ 
lig? Auf gar keinen Fall.«< 94 Man kann vermuten, dass nicht nur Dain so 
dachte, sondern besonders wohl Juden, die etwas älter und lebensweiser 
waren. Und diese Einstellung unter den Juden, vor allem unter jenen, die 
der ewigen Idee Israels treu waren, kann man durchaus nachvollziehen. 
Allerdings mit einem bestückenden Vorbehalt: Der Feind nahte - der 
Flauptfeind der Juden, und es waren Juden, die er in erster Linie ver¬ 
nichtete; wie konnten Dain und die ihm Gleichgesinnten neutral blei¬ 
ben? Und kühl spekulieren, dass die Russen ohnehin ihr Land verteidigen 
würden? 

Ein zeitgenössischer Kommentator (den ich persönlich kenne: ein 
Frontsoldat und späterer Lagerinsasse) schließt daraus: »Bei keinem der äl¬ 
teren Kriegsveteranen unserer Tage begegnete ich einer derartigen Klarheit 
des Denkens und einem solch tiefen Verständnis« wie bei Schulim Dain 
(der später vor Stalingrad fiel): »Zwei faschistische Monster kämpfen auf 
Leben und Tod«, und warum sollten wir daran teilnehmen? 95 


382 


Im Krieg mit Deutschland 


Ja, das stalinistische Regime war nicht besser als das von Hitler. Aber für 
die Juden der Kriegszeit haben diese Monster nicht gleich sein können! 
Und was, wenn jenes Monster gesiegt hätte? Was wäre dann mit den 
sowjetischen Juden passiert? War denn dieser Krieg für die Juden nicht 
auch ihr eigener »Vaterländischer« Krieg? Er bot ihnen die Möglichkeit, die 
Waffen mit dem ärgsten Feind der gesamten jüdischen Geschichte zu 
kreuzen. Diejenigen Juden, welche den Krieg so wahrnahmen, und jene, 
die ihr Schicksal nicht mehr von dem Schicksal Russlands getrennt sa¬ 
hen - wie Frejlich, Lasarew und Fainerman, der 1941 die genau gegentei¬ 
lige Position gegenüber Schulim Dain einnahm -, kämpften ohne Vorbe¬ 
halte. 

Gott bewahre, dass ich die Position Dains als »jüdische Feigheit« ausle¬ 
gen wollte. Selbsterhaltung und Vorsicht hat man bei den Juden im Ver¬ 
lauf der ganzen Geschichte ihrer Zerstreuung beobachten können, aller¬ 
dings werden sie auch durch diese Geschichte begründet. Aber während 
des Sechs-Tage-Krieges und in anderen israelischen Kriegen bewiesen sie 
ihren ausgezeichneten Kampfmut. 

Dann jedoch ist der Standpunkt von Dain nicht anders zu erklären 
denn als Folge des schwächenden Gefühls jener doppelten Bürgerschaft, 
die der Petrograder Professor Solomon Lurje bereits 1922 als Erklärung 
und eine der Hauptursachen des Antisemitismus definierte: Ein Jude, der 
in einem Land lebt, gehört nicht nur diesem Land an - und deshalb sind 
seine Gefühle unausweichlich gespalten. »Die Juden waren immer natio¬ 
nalistisch eingestellt, aber das Objekt ihres Nationalismus war das Juden¬ 
tum und nicht das Land, in dem die Juden lebten.« 96 Sie waren an diesem 
Land nicht ausschließlich interessiert. Denn vor ihnen hegt immer - für 
viele unbewusst, aber dennoch wahrnehmbar — Israel, ohne Zweifel ihr 
Land. 


* 

Wie war es denn im Hinterland? Zweifelsfrei nehmen die Forscher »Anti¬ 
semitismus, ... der sich während des Krieges verschäfte« 97 , wahr; »die 
Kurve des Antisemitismus stieg in diesen Jahren wieder steil nach oben, 
und die antisemitischen Äußerungen ... ließen in ihrer Intensität und 
Ausbreitung den Antisemitismus der zweiten Hälfte der 20er-Jahre weit 


383 



Kapitel 9 


zurück« 98 ; »der Antisemitismus wurde während der Kriegsjahre auch im 
tiefen sowjetischen Hinterland alltäglich«. 99 

In der Evakuierung »lebte der so genannte alltägliche Antisemitis¬ 
mus, der zu Beginn der 30er-Jahre mit Errichtung der stalinistischen 
Diktatur in einen lethargischen Zustand versetzt worden war, jetzt 
vor dem Hintergrund der allgemeinen Missstände, Zerstörung und 
anderer Nöte und Entbehrungen, die der Krieg mit sich bringt, wieder 
auf«. 100 Das bezieht sich hauptsächlich auf Mittelasien, Usbekistan, Ka¬ 
sachstan, »insbesondere als hierhin Massen von Verletzten und Kriegs¬ 
invaliden strömten« 101 undwo gerade die Mehrheit der evakuierten Juden 
lebte, unter anderem jene aus Polen, die »aus ihrer traditionellen Umge¬ 
bung« gerissen worden waren, die derjenigen der sowjetischen Kolcho¬ 
sen überhaupt nicht entsprach. Hier sind Augenzeugenberichte aus der 
Zeit unmittelbar nach dem Krieg von Juden, die nach Mittelasien evaku¬ 
iert worden waren: »Die geringen Produktionsmengen aus der Arbeit 
der evakuierten Juden ... waren in den Augen der lokalen Bevölkerung 
ein Beweis für den Unwillen der Juden, körperliche Arbeit zu leisten, 
was angeblich eine nationale Eigenheit der Juden ist.« 102 »Zu dem Anstieg 
der [antisemitischen] Stimmung trugen die Aktivitäten der Flüchtlinge 
aus Polen, die diese bald an den Handelsmärkten an den Tag legten, viel 
bei.« 103 »Sie stellten bald fest, dass das regelmäßige Gehalt, das sie als 
Arbeiter in den Industriebetrieben, Kolchosen und Kooperativen ver¬ 
dienten, sie nicht vor dem Verhungern bewahrte. Um zu überleben, gab 
es nur einen einzigen Weg - den Markt, Handel, >Spekulation<«, und 
so zwang die sowjetische Realität »die polnischen Juden, zu den Mit¬ 
teln des Marktes zu greifen, ob sie es nun wollten oder nicht«. 104 »Die 
nicht-jüdische Bevölkerung Taschkents empfing die Juden, die aus der 
Ukraine evakuiert worden waren, unfreundlich. Man vernahm Stimmen: 
>Schaut euch diese Juden an. Sie haben alle viel Geld.<« 105 »In dieser Zeit 
konnte man auch Fälle beobachten, in denen Juden beleidigt, bedroht 
oder aus den Schlangen vor den Brotgeschäften geworfen wurden.« 106 
»Eine andere Gruppe von russischen Juden, die hauptsächlich aus der bü¬ 
rokratischen Schicht stammten und über erhebliche Geldmittel verfug¬ 
ten, zog den Zorn der Einheimischen auf sich, weil sie die Preise auf den 
freien Märkten, die ohnehin sehr hoch waren, in die Höhe schnellen 
ließ.« 107 


384 


Im Krieg mit Deutschland 


Und nachdem der Autor solche Zeugen zitiert, erklärt er in den nächs¬ 
ten Zeilen diese Erscheinungen voller Überzeugung so: »auch hierhin 
drang der Nachhall der Hider-Propaganda« 108 ; und er ist nicht der Einzi¬ 
ge, der das so definiert. 

Das ist doch Schwindel erregend! Wie konnte denn Hiders Propagan¬ 
da so weit reichen und so erfolgreich nach Zentralasien gelangen, wenn 
selbst an der Front nur wenige Flugblätter auftauchten, die man besser 
nicht in die Hände nahm, und die Radiogeräte in der ganzen UdSSR kon¬ 
fisziert wurden? 

Aber nein, der Autor sieht ein: Es gab »noch einen Grund für den wach¬ 
senden Antisemitismus in den Regionen, in die der Strom der Emigran¬ 
ten geschickt wurde. Hier äußerte sich auf verborgene Weise der Antago¬ 
nismus zwischen der Hauptmasse der Bevölkerung in der Provinz und 
dem privilegierten Teil der Bürokratie in den Hauptstädten des Landes. 
Die Evakuierung der Einrichtungen aus diesen Zentren in das tiefe 
Hinterland gab der lokalen Bevölkerung den sozialen Kontrast deutlich zu 
spüren.« 109 

* 

Ein eigenes Kapitel sind die Regionen, welche die deutsche Invasion 
durchgemacht hatten, wie zum Beispiel die Ukraine. In einem Bericht der 
jüdischen Agentur für Palästina vom März 1945 heißt es: »Die Ukr ain er 
empfangen die heimkehrenden Juden feindselig. In Charkow traut sich 
auch einige Wochen nach der Befreiung kein Jude nachts alleine auf die 
Straße ... Es gab viele Fälle, in denen Juden auf den Basaren verprügelt 
wurden ... Nach der Rückkehr in ihre Häuser fanden die Juden nur einen 
Teil ihres Besitzes vor, doch wenn sie sich an die Justiz wandten, legten die 
Ukrainer oft falsches Zeugnis ab und sagten gegen sie aus.« 110 (Ein alltäg¬ 
liches Bild, es war auch sinnlos, sich an das Gericht zu wenden; viele Eva¬ 
kuierte, nicht nur Juden, fanden ihr Heim nach der Rückkehr geplündert 
vor.) »Über judenfeindliche Stimmungen in der Ukraine nach ihrer Be¬ 
freiung von der deutschen Okkupation sind zahlreiche Zeugenaussagen 
erhalten.« 111 »Als Folge der deutschen Besatzung hat sich in allen Bevöl¬ 
kerungsschichten der Ukraine, Moldawiens und Litauens der Antisemi¬ 
tismus unterschiedlicher Ausprägung merklich verstärkt.« 112 


385 



Kapitel 9 


In diesen Gebieten hat Hitlers antijüdische Propaganda in den Kriegs¬ 
jahren tatsächlich ganze Arbeit geleistet, in erster Linie in Hinblick da¬ 
rauf, dass während der Sowjetregierung die Juden mit der regierenden 
Schicht zusammenflossen, und man kann in einem geheimen deutschen 
Bericht über die besetzten Gebiete im Oktober 1941 lesen, dass »die Er¬ 
bitterung der ukrainischen Bevölkerung gegen die Juden außerordendich 
groß ist ... Auch sieht man in ihnen die Zuträger und Agenten des 
NKWD, die den Terror gegen das ukrainische Volk heraufbeschworen 
haben.« 113 

Überhaupt bestand zu Beginn des Krieges »der deutsche Plan darin, den 
Eindruck zu erwecken, dass nicht die Deutschen, sondern die ördiche Be¬ 
völkerung mit der Ausrottung der Juden angefangen hat«; S. Schwarz ver¬ 
mutet, dass im Gegensatz zu den Berichten der deutschen propagandisti¬ 
schen Presse »die deutschen Berichte vor Ort, die nicht für die Öffent¬ 
lichkeit bestimmt waren, Vertrauen verdienen«. 114 Er zitiert ausführlich 
aus dem Bericht des SS-Standartenführers W. Stahlecker nach Berlin, in 
dem dieser über die Aktivitäten der ihm unterstellten SS-Einheiten für 
den Zeitraum vom Beginn des Russlandfeldzuges bis zum 15. Oktober 
1941 schreibt. (Die Einheiten operierten im Baltikum, Teilen Weißruss¬ 
lands und der RSFSR.) Stahlecker berichtet; »Ebenso wurden schon in 
den ersten Stunden nach dem Einmarsch [der deutschen Truppen], wenn 
auch unter erheblichen Schwierigkeiten, einheimische antisemitische 
Kräfte zu Pogromen gegen die Juden veranlaßt. ... Es mußte nach außen 
gezeigt werden, daß die einheimische Bevölkerung selbst als natürliche 
Reaktion gegen jahrzehntelange Unterdrückung durch die Juden und 
gegen den Terror durch die Kommunisten in der vorangegangenen Zeit 
die ersten Maßnahmen von sich aus getroffen hat ... Nicht minder we¬ 
sentlich war es, für die spätere Zeit die feststehende und beweisbare Tat¬ 
sache zu schaffen, daß die befreite Bevölkerung aus sich selbst heraus zu 
den härtesten Maßnahmen gegen den bolschewistischen und jüdischen 
Gegner gegriffen hat, ohne daß eine Anweisung deutscher Stellen er¬ 
kennbar ist.« 115 

In den verschiedenen besetzten Gebieten unterschied sich die Bereit¬ 
schaft der lokalen Bevölkerung zu ähnlichen Initiativen erheblich. »In der 
angespannten Atmosphäre des Baltikum erreichte der Hass gegenüber den 
Juden den Siedepunkt gerade zu dem Zeitpunkt, als am 22. Juni 1941 der 


386 


Im Krieg mit Deutschland 


deutsche Überfall auf Sowjetrussland begann« 116 , denn sie wurden be¬ 
schuldigt, bei der Aussiedlung der Balten mit dem NKWD zusammenzu¬ 
arbeiten. Die israelische Enzyklopädie zitiert einen Tagebucheintrag des 
litauischen Arztes E. Budvidaite-Kutorgene: »Alle Litauer, mit einer klei¬ 
nen Ausnahme, sind vereint in ihrem Gefühl des Hasses auf die Juden.« 117 
Trotzdem war es, wie der Standartenführer meldet, »überraschenderweise 
zunächst nicht einfach, dort ein Judenpogrom größeren Ausmaßes in 
Gang zu setzen«. Es gelang mithilfe der litauischen Partisanen, die in der 
Nacht vom 25. zum 26. Juni in Kaunas 1500 und in den folgenden Tagen 
weitere 2300 Juden vernichteten und das jüdische Viertel und einige 
Synagogen niederbrannten. 118 »Massenerschießungen von Juden wurden 
am 29. Oktober und am 25. November 1941 von SS-Angehörigen und 
von litauischen Polizisten durchgeführt. Im Neunten Fort 1 wurden unge¬ 
fähr 19000 [der 36000 Juden in Kaunas] erschossen.« 119 Im Herbst 1941 
»war in vielen litauischen Städten und Schtetln die gesamte jüdische Be¬ 
völkerung durch lokale litauische Polizisten unter der Leitung der Deut¬ 
schen komplett ausgerottet worden«. 120 »Wesentlich schwieriger war es, in 
Letdand ähnliche Säuberungsaktionen und Pogrome in Gang zu brin¬ 
gen«, berichtet der SS-Mann, denn »im wesendichen war dies darauf zu- 
rückzufuhren, daß die gesamte nationale Führungsschicht, insbesondere 
in Riga, von den Sowjets ermordet oder verschleppt worden war.« 121 Let- 
tische Aktivisten zündeten allerdings bereits am 4. Juli »mehrere Synago¬ 
gen in Riga an, nachdem sie dort die Juden zusammengetrieben hatten. 
Es starben ungefähr 2000 Menschen«. Sie nahmen auch an den deutschen 
Erschießungen mehrerer Tausend Juden im Wald von Bikerniek in der 
Nähe von Riga teil und Ende Oktober/Anfang November an der Erschie¬ 
ßung von ca. 27 000 Juden nahe der Eisenbahnstation Rumbule. 122 In Est¬ 
land hätte es, wie Stahlecker festhält, »bei der geringen Anzahl von Juden 
im Lande« keine Möglichkeit gegeben, »Pogrome in Gang zu setzen«. 123 
(Die estnischen Juden wurden auch ohne Pogrome vernichtet: »In Esdand 
waren ungefähr 2000 Juden gebheben. Fast alle Männer winden von den 
Deutschen und ihren Gehilfen in den ersten Wochen der Okkupation er¬ 
schossen. Der Rest... wurde in das KZ Harku bei Tallinn gesperrt«, und 
Ende 1941 waren alle getötet worden. 124 

1 Neuntes Fort: Teil der Festungsanlagen in Kaunas (Kowno) 


387 



Kapitel 9 


Von Weißrussland wurde die deutsche Führung enttäuscht. S. Schwarz 
bemerkt: »Der Misserfolg der Deutschen, bei der lokalen Bevölkerung 
eine breite Sympathie für die Sache der Judenvernichtung zu wecken, ... 
zeichnet sich in den geheimen deutschen Dokumenten [Berichten] deut¬ 
lich ab ... >Nach wie vor ist festzustellen, daß sich die Bevölkerung jeder 
Selbsthilfeaktion gegenüber den Juden enthalte« 125 Aber in Gorodok in 
der Witebsker Region waren bei der Liquidierung des Ghettos am 14. 
Oktober 1941 einem Zeugenbericht nach »die [weißrussischen] Hilfspo¬ 
lizisten schlimmer als die Deutschen«. 126 Und in Borissow war es gerade 
die »russische Polizei« (aus dem Bericht geht hervor, dass es keine lokale, 
sondern eine aus Berlin hierher verlegte Truppe war), die »innerhalb von 
zwei Tagen [20. und 21. Oktober 1941] 6500 Juden vernichtete«. Dabei 
bemerkt der Autor des Berichts, dass »die Vernichtung der Juden auf kein 
Verständnis seitens der örtlichen Bevölkerung stieß: Wer hat das befoh¬ 
len ...? Wie ist das möglich ...? Jetzt tötet man die Juden und wann sind 
wir an der Reihe? Was haben diese armen Juden getan? Sie haben doch nur 
gearbeitet. Die wirklich Schuldigen sind, natürlich, in Sicherheit.«< 127 In 
dem Bericht einer deutschen »Vertrauensperson«, eines Weißrussen letti¬ 
scher Abstammung, heißt es: »Für die Weißrussen gibt es keine Judenfra¬ 
ge. Für sie ist es eine rein deutsche Angelegenheit, welche die Weißrussen 
nichts angeht... Mit den Juden haben alle Mitgefühl und sie werden be¬ 
dauert, während die Deutschen als Barbaren und >Judenhenke< angesehen 
werden: Der Jude sei genau so ein Mensch wie der Weißrusse.« 128 Auf 
jeden Fall, schreibt Schwarz, »gab es keine weißrussischen >Nationalver- 
bände<, die an die deutschen Strafabteilungen angeschlossen waren, doch 
es gab lettische, litauische und >gemischte< Verbände, denen auch einige 
Weißrussen angehörten«. 129 

In der Ukraine gelang dieses Vorhaben in einem größeren Ausmaße. 
Von Beginn des Krieges an rief die hiderdeutsche Propaganda die ukrai¬ 
nischen Nationalisten (die so genannten »Banderowzen«) dazu auf, den 
Mord an Petljura durch Schwarzbard an den Juden zu rächen. 130 Die Or¬ 
ganisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN) von Bandera 1 und 


1 Stepan Bandera (1909-1959): Anführer der Bewegung für die Unabhängigkeit 
der Ukraine; 1941-1944 im KZ Sachsenhausen; lebte ab 1954 in München, wo 
er vom sowjetischen Geheimdienst ermordet wurde 


388 



Im Krieg mit Deutschland 


Melnik musste man nicht lange bitten: Bereits vor dem deutsch-sowjeti¬ 
schen Krieg, im April 1941, verabschiedete sie bei ihrem zweiten Kongress 
in Krakau eine Resolution, in der unter Punkt 17 stand: »Die Jidden in 
der UdSSR sind die treueste Stütze des herrschenden bolschewistischen 
Regimes und ein Stoßtrupp des Moskauer Imperialismus in der Ukraine 
... Die Organisation der Ukrainischen Nationalisten sieht die Jidden als 
die Stütze des Moskauer bolschewistischen Regimes und klärt zur gleichen 
Zeit die Volksmassen darüber auf, dass Moskau der Hauptfeind ist.« 131 
Anfangs verbündeten sich die »Banderowzen« und die Deutschen auch 
gegen die Bolschewiken. Das ganze Jahr 1940 und die erste Hälfte von 
1941 über bereitete sich die Führung der OUN auf einen möglichen Krieg 
Deutschlands gegen die UdSSR vor. »Der Hauptstützpunkt der OUN war 
damals das General-Gouvernement, d.h. der von den Deutschen okku¬ 
pierte Teil Polens ... [Dort] war die Bildung einer ukrainischen Miliz im 
Gange, und es wurden Listen von verdächtigen Personen erstellt, unter 
denen auch Juden waren. Diese Listen wurden später bei der Vernichtung 
der Juden durch die ukrainischen Nationalisten verwendet... Es wurden 
>Marschgruppen< gebildet, die in den Osten der Ukraine geschickt wer¬ 
den sollten, innerhalb der deutschen Armee wurden die Bataillone 
>Roland< und >Nachtigall< formiert, die aus ukrainischen Nationalisten be¬ 
standen.« Die OUN-Angehörigen rückten mit den Deutschen nach 
Osten vor. Im Frühjahr 1941 gab es in der Westukraine »eine Welle von 
Pogromen, an denen die Leute von Melnik und Bandera teilnahmen. Bei 
diesen Pogromen wurden ca. 28 000 Juden umgebracht.« 132 In den Do¬ 
kumenten der OUN gibt es folgende Erklärung von Ja. Stezko (der im Juli 
1941 zum Oberhaupt der ukrainischen Regierung erklärt wurde): »Die 
Jidden unterstützen Moskau dabei, die Ukraine in Sklaverei zu halten, 
deshalb bestehe ich auf dem Beschluss über die Vernichtung der Jidden 
und die Notwendigkeit, in der Ukraine die deutschen Methoden der Ver¬ 
nichtung des Judentums zu übernehmen.« Im Juli fand in Lwow eine Be¬ 
sprechung der OUN-Führung statt, bei der auch die Politik gegenüber 
den Juden diskutiert wurde. Es wurden unterschiedliche Vorschläge ge¬ 
macht: Die Politik solle auf den »Grundsätzen der Nazi-Politik vor 1939 
aufgebaut sein ... Es wurde vorgeschlagen, die Juden in Ghettos zu isolie¬ 
ren ... Aber der radikalste Vorschlag kam von Stepan Lenkawskij, der er¬ 
klärte: bezüglich der Jidden werden wir alle Maßnahmen ergreifen, die 


389 



Kapitel 9 


zu ihrer Ausrottung ftihren.<« 133 Und bis die Zusammenarbeit zwischen 
OUN und den Deutschen zerbrach (weil Deutschland die selbst ernann¬ 
te ukrainische Unabhängigkeit nicht anerkannte), gab es »nicht wenige 
Fälle, besonders im ersten Jahr, ... bei denen die Ukrainer die Deutschen 
unmittelbar bei der Ausrottung der Juden unterstützten«, besonders die 
»ukrainische Hilfspolizei, die von den Deutschen hauptsächlich in Gali¬ 
zien und Wolhynien angeworben wurde« 134 . »Im September 1941 hat die 
ukrainische Stadtpolizei in Uman unter dem Befehl einiger Offiziere und 
Unteroffiziere der SS ungefähr 6000 Juden erschossen«; Anfang Novem¬ 
ber, sechs Kilometer von Rowno entfernt, »haben die SS und die ukraini¬ 
sche Polizei 21000 Juden aus dem Ghetto vernichtet«. 135 Allerdings be¬ 
merkt S. Schwarz: »Welcher Teil der ukrainischen Bevölkerung von der 
Stimmung eines aktiven und pogrombereiten Antisemitismus befallen 
war, kann nicht mehr festgestellt werden. Vermutlich war diese Stimmung 
einem recht bedeutenden Teil der Bevölkerung fremd, besonders in der 
besser gebildeten Schicht.« Was die sowjetische Kern-Ukraine anbelangt, 
so findet man in deutschen Geheimberichten aus diesen Gebieten »über¬ 
haupt keine Erwähnung einer ukrainischen pogrombereiten >Volksge- 
walt<«. 136 Außerdem wurden »in der Krim tatarische Selbstverteidigungs¬ 
verbände organisiert, welche die Juden ausrotteten«. 137 

Was das russische Stammland anbelangt, das von den Deutschen be¬ 
setzt wurde, so konnten dort »die Deutschen nicht an die antirussischen 
Stimmungen der einheimischen Bevölkerung appellieren; das Argument 
des Moskauer Imperialismus galt hier nicht und das Argument des jüdi¬ 
schen Bolschewismus verlor entscheidend an Überzeugungskraft, da die 
Stützwirkung durch lokalen Nationalismus nicht vorhanden war«. Unter 
der lokalen russischen Bevölkerung fanden sich »nur relativ wenige, die 
die Deutschen in ihrer antijüdischen Vernichtungspolitik unterstütz¬ 
ten«. 138 

Dieser Erforscher des Schicksals des russischen Judentums kommt zu 
dem Schluss: Sowohl in Litauen als auch in Lettland gab es bei den Deut¬ 
schen »eine allgemeine Tendenz, ihre Pogromtätigkeit zu tarnen, indem 
man in den Vordergrund Pogromabteilungen aus der örtlichen Bevölke¬ 
rung schickte, die unter deutscher Schirmherrschaft entstanden waren«; 
allerdings »in Weißrussland, in großem Ausmaß selbst in der Ukraine und 
umso mehr in den besetzten Gebieten der RSFSR« gelang das den Deut- 


390 


Im Krieg mit Deutschland 


sehen nicht, »die Masse der einheimischen Bevölkerung entsprach in die¬ 
ser Hinsicht nicht den Hoffnungen, die auf sie gesetzt wurden«, und hier 
»mussten Hiders Henker mit offenem Visier auftreten«. 139 

* 

Hiders Plan eines Feldzuges gegen die UdSSR (»Barbarossa«) schloss »bei 
der Vorbereitung der politischen Leitung Spezialaufgaben mit ein, die bei 
einem totalen Krieg zweier entgegengesetzter politischer Systeme entste¬ 
hen«. Im Mai und Juni 1941 gab das Oberbefehlskommando der Wehr¬ 
macht konkretisierende Befehle heraus, denen zufolge in den vom Plan 
»Barbarossa« betroffenen Zonen ohne Gerichtsverhandlung und Unter¬ 
suchung alle Personen erschossen werden sollten, die im Verdacht stan¬ 
den, in feindliche Handlungen gegen Deutschland verwickelt zu sein (auf 
jeden Fall alle Politkommissare, Partisanen, Saboteure und Juden). 140 

Für die Durchführung der Spezialaufgaben auf dem Gebiet der UdSSR 
wurden als Teil des Sicherheitsdienstes (SD) und der Geheimen Staatspo¬ 
lizei (Gestapo) vier spezielle Einsatzgruppen geschaffen, die wiederum aus 
mehreren Einsatzkommandos in Kompaniestärke bestanden. Die Ein¬ 
satzgruppen rückten zusammen mit den vordersten Einheiten der Wehr¬ 
macht vor, waren aber direkt dem Leiter des Reichssicherheitshauptamtes 
R. Heydrich unterstellt. 

Die Einsatzgruppe A (ca. 1000 Soldaten und Offiziere der SS unter 
dem Befehl des SS-Standartenfuhrers Dr. Walther Stahlecker) waren als 
Teil der Heeresgruppe Nord in Litauen, Letdand, Esdand sowie den Re¬ 
gionen von Leningrad und Pskow im Einsatz. Die Gruppe B (655 Mann 
unter SS-Gruppenfiihrer Arthur Nebe) rückte als Teil der Heeresgruppe 
Mitte durch Weißrussland und die Region von Smolensk Richtung Mos¬ 
kau vor. Die Einsatzgruppe C (600 Mann unter SS-Brigadefuhrer Otto 
Rasch) war zusammen mit der Heeresgruppe Süd auf dem Gebiet der 
West- und Ostukraine tätig. Die Gruppe D (600 Mann unter dem Befehl 
des SS-Gruppenfuhrers Professor Otto Ohlendorf) war der 11. Armee an¬ 
gegliedert und hatte ihr Einsatzgebiet im Süden der Ukraine, auf der Krim 
sowie in den Regionen von Krassnodarsk und Stawropol. 

Die Vernichtung der Juden und Kommissare (»Träger der jüdisch-bol¬ 
schewistischen Weltanschauung«) begann in den ersten Tagen der Invasion 


391 


Kapitel 9 


im Juni 1941, und zwar »irgendwie chaotisch und mit voller Wucht«. 141 
»In den anderen Ländern, die von den Deutschen besetzt waren, erfolgte 
die Liquidierung der jüdischen Bevölkerung schrittweise und systematisch. 
Sie begann mit legislativen Einschränkungen, setzte sich mit der Einfüh¬ 
rung von Ghettos und Zwangsarbeit fort und endete mit Deportationen 
und Massenmord. In Sowjetrussland verflochten sich all diese Elemente auf 
merkwürdige Weise in Zeit und Raum. In jeder Region, manchmal sogar 
in jeder einzelnen Stadt, wurden unterschiedliche Methoden der Verfol¬ 
gung angewendet ... Es fehlte ein einheitliches und konsequentes Sys¬ 
tem.« 142 Die Erschießung jüdischer Kriegsgefangener fand einmal sofort 
nach der Gefangennahme, ein andermal später in den Konzentrationsla¬ 
gern statt; die Juden aus der Zivilbevölkerung wurden mal in Ghettos ge¬ 
sperrt, mal in Zwangsarbeitslagern inhaftiert oder auch sofort erschossen. 
Es wurden auch Gaswagen, so genannte »Seelenvernichter« verwendet - 
Lastwagen mit eingebauten Gaskammern. »In der Regel war der Hinrich¬ 
tungsort ein Panzergraben oder einfach eine Grube.« 143 

Die Anzahl der Juden, die in den Städten der westlichen Gebiete bereits 
vor dem Winter 1941 vernichtet worden waren, ist erschütternd: Nach 
den zitierten Angaben waren es in Vilnius 40 000 der insgesamt 57 000 
Juden, die dort lebten; in Riga 27 000 von 33 000, im Ghetto von Minsk, 
in dem 100000 Juden lebten, wurden bis zu diesem Zeitpunkt 24000 
umgebracht (das Morden ging dort bis zum Ende der Okkupation wei¬ 
ter), in Rowno waren es 21000 von insgesamt 27 000 Juden; in Mogiljow 
wurden 10000 erschossen, in Witebskbiszu20000, in der Nähe der Sied¬ 
lung Kisselewitschi fast 20000 Juden aus Bobrujsk und in Berditschew 
15 000. 144 

Ende September erfolgte in Kiew eine Massenvernichtung der Juden. 
Am 26. September 1941 wurden in der ganzen Stadt Aushänge verteilt, 
die alle Juden bei Androhung der Todesstrafe aufforderten, sich an Sam¬ 
melpunkten einzufmden. Und es kamen, ohne einen Ausweg zu sehen, ge¬ 
horsam, wenn nicht gar vertrauensvoll, ca. 34 000. Sie wurden am 29. und 
30. September in Babij Jar methodisch erschossen, die Leichname wurden 
Schicht über Schicht gelagert; in dieser großen Schlucht war das Ausheben 
von Gräbern nicht nötig - eine gigantische Hekatombe! Nach einem of¬ 
fiziellen deutschen Bericht, der bei späteren Untersuchungen nicht ange- 
zweifelt wurde, sind in diesen zwei Tagen 33 771 Juden erschossen wor- 


392 



Im Krieg mit Deutschland 


den. In den folgenden zwei Jahren der Besetzung Kiews fuhren die Deut¬ 
schen fort, an diesem von ihnen lieb gewonnenen Ort, in dieser ach so 
günstigen Schlucht, Menschen zu erschießen. Man geht davon aus, dass 
auf diese Weise die Anzahl der Erschossenen - nicht nur von Juden - auf 
vielleicht 100000 angestiegen ist. 145 

Die Erschießungen in Babij Jar sind als ein Symbol in die Weltge¬ 
schichte eingegangen. Sie erschüttern eben durch die kaltblütige Berech¬ 
nung, die geschäftsmäßige Organisation, wie sie gerade für das 20. Jahr¬ 
hundert typisch sind, der Krönung der humanistischen Zivilisation: Im 
»finsteren« Mittelalter haben die Menschen nur in wildem Zorn und in 
der Hitze des Gefechts massenweise töten können. 

Man muss an dieser Stelle daran erinnern, dass wenige Kilometer ent¬ 
fernt und in denselben Monaten im riesigen Kriegsgefangenenlager von 
Darnitz auch mehrere Zehntausende sowjetische Soldaten und Offiziere 
umgekommen sind, aber wir halten das nicht angemessen in Er inn erung, 
vielen ist es sogar völlig unbekannt - ebenso wie die Tatsache, dass über 
2000000 unserer Kriegsgefangenen in den ersten Kriegsjahren ums 
Leben gekommen sind. 

Die Katastrophe forderte in den besetzten sowjetischen Gebieten 
immer neue und neue Opfer. 

Am 17. Oktober 1941, dem zweiten Tag der Besetzung Odessas durch 
deutsche und rumänische Truppen, sind einige Tausend jüdischer Män¬ 
ner umgebracht worden, später, nachdem die rumänische Kommandan¬ 
tur gesprengt wurde, begann der allgemeine Terror: Es wurden ungefähr 
5000 Menschen umgebracht, die Mehrheit von ihnen Juden, und weite¬ 
re Tausende wurden in ein nahe gelegenes Dorf getrieben und dort er¬ 
schossen. Im November erfolgte eine Massenumsiedlung in das Doma- 
newskij-Gebiet, und noch dort wurden von Dezember bis Januar 1942 
»um die 55000 Juden« erschossen. 146 In den ersten Monaten der Besat¬ 
zung bis Ende 1941 wurden in Cherson und Nikolajew 22 464 Juden um¬ 
gebracht; in Dnjepropetrowsk 11000, 8000 in Mariupol, fast genauso 
viele in Krementschug; im Drobizkij Jar bei Charkow ungefähr 15 000 Ju¬ 
den; in Simferopol und auf der Westkrim über 20 000. 147 

Ende 1941 wurde dem deutschen Oberkommando klar, dass der »Blitz¬ 
krieg« misslungen war und ein langer Krieg bevorstand. Die Kriegswirt¬ 
schaft bedurfte einer anderen Organisation des Hinterlandes. In einigen 


393 



Kapitel 9 


Gebieten verlangsamte die deutsche Verwaltung die Vernichtung der 
Juden, um die Arbeitskraft und die Fachkräfte zu nutzen. »Als Folge blie¬ 
ben die Ghettos in Großstädten wie Riga, Vilnius, Kaunas, Baranowitschi 
oder Minsk erhalten, aber auch in kleineren Städten, wo eine Vielzahl von 
Juden für die deutsche Kriegswirtschaft arbeitete.« 148 Allerdings verhin¬ 
derte der Bedarf an Arbeitskräften, der die Existenz dieser großen Ghet¬ 
tos verlängerte, nicht die Wiederaufnahme der Massenvernichtungen in 
anderen Regionen, die ab dem Frühjahr 1942 erfolgten. Betroffen waren 
Westweißrussland und die Westukraine, der Süden Russlands und die 
Krim. Aus dem Gebier um Grodno wurden 30 000 Juden nach Buchen¬ 
wald und Auschwitz geschickt. Die Juden der Polesje-Region, aus Pinsk, 
Brest-Lirowsk und Smolensk wurden vernichtet. Bei der Sommeroffensi¬ 
ve von 1942 vernichteten die Deutschen in den eroberten Gebieten die 
Juden vor Ort sofort: Nahe Mineralnye Wody wurden in einem Panzer¬ 
abwehrgraben auch die dorthin gebrachten Juden aus Kislowodsk, Pjati- 
gorsk und Essentuki getötet, so kamen die Juden ums Leben, die aus Le¬ 
ningrad und Kischinjow nach Essentuki evakuiert worden waren. Die 
Juden aus Kertsch und Stawropol wurden getötet; in Rostow am Don, das 
Ende Juli 1942 zum zweiten Mal von den Deutschen eingenommen 
wurde, wurde bis zum 11. August die gesamte verbliebene jüdische Be¬ 
völkerung vernichtet. 

1943, nach Stalingrad und der Schlacht am Kursker Bogen, wurde der 
Ausgang des Krieges deudich. Beim Rückzug entschieden die Deutschen, 
keine Juden am Leben zu lassen. Am 21. Juni 1943 gab Himmler den Be¬ 
fehl heraus, alle verbleibenden Ghettos zu liquidieren. Im Juni 1943 wur¬ 
den die Ghettos von Lwow, Tarnopol und Drahobytsch vernichtet. Bei der 
Befreiung von Westgalizien im Jahre 1944 »waren 10000 bis 12000 Juden 
am Leben geblieben, was etwa 2% jener Juden ausmachte, die sich wäh¬ 
rend der Besatzung dort befanden«. Aus den Ghettos von Minsk, Lida und 
Vilnius wurden die arbeitsfähigen Juden in die Konzentrationslager nach 
Polen, Estland und Lettland geschafft, der Rest wurde erschossen. Später, 
beim Rückzug aus dem Baltikum im Sommer 1944, wurde ein Teil der 
Juden in diesen KZs erschossen, ein Teil wurde in die deutschen Lager 
(Stutthof und andere) gebracht. 149 

Die todgeweihten Juden suchten eine Rettungsmöglichkeit, in vielen 
Ghettos entstanden Untergrundorganisationen, die das Ziel hatten, eine 


394 


Im Krieg mit Deutschland 


Flucht zu organisieren. Aber nach einer Flucht hing sehr viel von der lo¬ 
kalen Bevölkerung ab: Sie durfte einen nicht an die Deutschen ausliefern, 
sie musste nicht-jüdische Papiere beschaffen, mit Unterkunft und Ver¬ 
pflegung helfen. In den besetzten Gebieten war die Strafe für die Unter¬ 
stützung von Juden durch die Deutschen klar definiert: Erschießung. 150 
»Aber überall, in allen okkupierten Gebieten, fanden sich Menschen, die 
den Juden halfen ... Allerdings waren es nur einzelne. Sie riskierten ihr ei¬ 
genes Leben und das Leben ihrer Familien ... Von ihnen gab es Hunder¬ 
te, vielleicht Tausende. Die Mehrheit der Bevölkerung nahm den Stand¬ 
punkt eines unbeteiligten Beobachters ein.« 151 In Weißrussland und den 
Teilen der RSFSR, die von den Deutschen besetzt waren, gab es keine 
Feindschaft oder gar Pogrombereitschaff gegenüber den verbliebenen 
Juden. Jüdische Autoren stellen jedoch fest, dass es auch weniger Unter¬ 
stützung seitens der Bevölkerung gab als in Europa und sogar als in Polen, 
»einem Land mit weit verbreitetem, traditionellem und volkstümlichen 
Antisemitismus«. 152 (In den beiden Büchern von S. Schwarz sowie in dem 
Sammelband von Y. Arad gibt es zahlreiche Verweise auf entsprechende 
Aussagen.) Sie erklären das glaubwürdig - neben der Angst vor Erschie¬ 
ßung - auch mit der Obrigkeitshörigkeit, die sich während der sowjeti¬ 
schen Herrschaft bei der Bevölkerung eingestellt hatte, mit der Ange¬ 
wohnheit zu gehorchen und sich in nichts einzumischen. 

Ja, wir waren derart in den Boden gestampft, so viele Millionen waren 
in den vorangegangenen Jahrzehnten aus unseren Reihen gerissen worden 
und so aussichtslos war jeder Widerstand gegen den Staat zu jeder Zeit ge¬ 
wesen, dass jetzt auch die Juden nicht auf die Hilfe der Bevölkerung zäh¬ 
len konnten. 

Aber auch der gut organisierte, von Moskau aus gelenkte Untergrund 
und die Partisanenverbände haben wenig zur Rettung der vom Tod be¬ 
drohten Juden beigetragen. Die Beziehungen zu den sowjetischen Partisa¬ 
nen waren ein eigenes, schwer wiegendes Problem für die Juden, die es in 
die besetzten Gebiete verschlagen hatte. In den Wald abzutauchen, d.h. 
sich einem Partisanenverband anzuschließen, war für die männlichen 
Juden ein besseres Los, als auf die Vernichtung durch die Deutschen zu war¬ 
ten. Allerdings kam es bei den Partisanen off zu teilweise heftigen feindse¬ 
ligen Äußerungen und Handlungen gegenüber den Juden, »es gab einzel¬ 
ne russische Verbände, die prinzipiell keine Juden aufnahmen. Sie begrün- 


395 



Kapitel 9 


deten das damit, dass die Juden angeblich nicht kämpfen konnten und 
wollten«, schreibt der ehemalige jüdische Partisan Mosche Kaganowitsch. 
Ein neu aufgenommener Nicht-Jude wurde vom Partisanenverband mit 
Waffen versorgt, von einem Juden wurde verlangt, dass er seine eigene 
Waffe mitbrachte, die mitunter sogar gegen eine schlechtere ausgetauscht 
wurde. »Im Partisanenumfeld herrschte eine weit verbreitete Stimmung der 
Feindseligkeit gegenüber den Juden ... In einigen Verbänden war der Anti¬ 
semitismus derart stark, dass die Juden sich gezwungen sahen, aus diesen 
Einheiten zu fliehen.« 153 Es wird von einem Fall berichtet, als 1942 aus dem 
Schted Mir in der Region von Grodno ungefähr 200 junge jüdische Män¬ 
ner und Frauen aus dem Ghetto in die Wälder flohen und »dort mit dem 
Antisemitismus unter den sowjetischen Partisanen konfrontiert wurden, 
was viele Flüchdinge das Leben kostete; nur ein Teil von ihnen konnte sich 
den Partisanenverbänden anschließen«. 154 In einem anderen Fall operierte 
in der Nähe von M in sk der Partisanenverband eines gewissen Gansenko. 
Er wurde »hauptsächlich durch Flüchdinge aus dem Minsker Ghetto« auf¬ 
gefüllt, allerdings »gab es mit steigender Zahl von Juden im Verband durch 
Antisemitismus motivierte Zusammenstöße«, worauf sich der jüdische Teil 
des Verbandes abtrennen musste. 155 Das waren bei den Partisanen offen- 
sichdich spontane Vorkommnisse und keine zentral befohlenen. Den An¬ 
gaben von Mosche Kaganowitsch zufolge verstärkte sich ab Ende 1943 »der 
Einfluss von disziplinierten Elementen, die aus der UdSSR eintrafen, [und] 
die Gesamtsituation [der Juden] verbesserte sich etwas«. 156 Aber ein Teil 
seiner Beschwerden richtet sich gegen den Umstand, dass wenn nach der 
Befreiung eines Gebietes durch den sowjetischen Vormarsch Partisanen an 
die Front geschickt wurden (was wahr ist; und es wurden alle geschickt), es 
angeblich gerade und zuerst die jüdischen Partisanen waren 157 , was un¬ 
wahrscheinlich ist. Allerdings berichtet Kaganowitsch auch darüber, dass 
die Juden direkte Hilfe von den Partisanen erhielten. Es gab sogar »Fälle, 
dass Partisanen kleinere Städte überfielen, um die Juden aus den [Ghettos 
und Lagern] zu retten«. »Die russischen Partisanenverbände halfen den 
Juden, die Frontlinie in Richtung Sowjetunion zu passieren ... [und konn¬ 
ten so] viele Tausend Juden durch die Front schmuggeln, die vor der Ver¬ 
nichtung in die Wälder von Westweißrussland geflohen waren.« Und der 
Partisanenverband in der Tschernigow-Region nahm »aus jüdischen Fami¬ 
lienlagern in den Wäldern über 500 Kinder auf, beschützte sie und küm- 


396 





Im Krieg mit Deutschland 


merte sich um sie ... Nachdem die Rote Armee Sarny (in Wolhynien) ein¬ 
genommen hatte, durchbrachen einige Verbände die Front und schickten 
die jüdischen Kinder nach Moskau.« (S. Schwarz vermutet, dass »diese 
Mitteilungen stark übertrieben sind. [Aber] ihnen liegen reelle Tatsachen 
zugrunde, [und sie] verdienen Aufmerksamkeit.«) 158 

Diese jüdischen Familienlager entstanden, weil die Juden mitsamt 
ihren Familien in die Wälder flohen, und »von solchen Flüchtlingen gab 
es Abertausende«. Dann wurden auch rein jüdische Kampfverbände ge¬ 
bildet, extra ftir den Schutz dieser Lager (die Waffen wurden über Dritt¬ 
personen bei den deutschen Soldaten oder bei der Hilfspolizei gekauft). 
Aber wie sollte man all diese Menschen ernähren? Nur durch die Re¬ 
quirierung von Lebensmitteln, aber auch von Schuhen und Kleidern, so¬ 
wohl für Männer als auch ftir Frauen, bei den benachbarten Bauern. »Die 
Bauern befanden sich zwischen Hammer und Amboss. Wenn sie nicht die 
»Normen« an die Deutschen abgaben, wurden sie zu »Partisanen« erklärt, 
erschossen und ihre Höfe verbrannt. Auf der anderen Seite nahmen ihnen 
die Partisanen gewaltsam alles weg, was sie selber brauchten« 159 , und das 
rief natürlich eine Verbitterung bei den Bauern hervor, nicht nur, dass die 
Deutschen sie ausraubten, sondern auch die Partisanen, und jetzt auch 
noch die Juden? Und sie nahmen sogar den Weibern die Kleider weg? 

Der Partisane Baruch Lewin machte sich im Frühjahr 1943 auf den 
Weg in eines dieser Familienlager, in der Hoffnung, Medikamente ftir 
seine kranken Kameraden zu beschaffen. Er erzählt: Tuwija Belskij »schien 
mir ein legendärer Held zu sein ... Aus dem einfachen Volk stammend, 
schaffte er es, im Wald einen Verband mit 1200 Menschen zu organisie¬ 
ren ... Während der furchtbarsten Zeit, als ein Jude nicht einmal sich 
selbst ernähren konnte, sorgte er für Kranke, Alte und Säuglinge, die im 
Wald geboren waren.« Lewin erzählt Tuwija von den jüdischen Partisanen: 
»Wir, die wenigen Überlebenden, haben völlig aufgehört, das Leben zu 
schätzen. Jetzt ist der Sinn unseres Lebens Rache. Unsere Pflicht ist es, die 
Deutschen zu bekämpfen, sie bis auf den Letzten auszurotten ...< Ich 
sprach lange ... Ich schlug Belskij vor, seine Männer in Sprengkunde und 
all den anderen Kampftechniken zu unterrichten, die ich gelernt hatte. 
Aber meine Worte haben verständlicherweise Tuwijas Weltanschauung 
nicht ändern können ...: >Ich möchte, Baruch, dass du eins begreifst: Ge¬ 
rade weil so wenige von uns übrig geblieben sind, ist es für mich wichtig, 


397 



Kapitel 9 


dass die Juden am Leben bleiben. Und darin sehe ich meine Aufgabe und 
das ist für mich das Wichtigste. «< 160 Und derselbe Mosche Kaganowitsch 
schreibt noch 1956, »in Friedenszeiten, Jahre nach der vernichtenden 
Niederlage des Hitlerregimes«, ein Buch, das in Buenos Aires erschien. 
Nach der Ansicht von S. Schwarz demonstriert dieses Buch »eine wirklich 
blutrünstige Einstellung gegenüber den Deutschen, in welcher der Ein¬ 
fluss von Hitlers Gift spürbar ist... Er glorifiziert die Ermordung gefan¬ 
gener Deutscher durch jüdische Partisanen nach dem furchtbaren, von 
Hitler vorgegebenen Muster des Jüdischen Todes< oder erinnert sich mit 
Begeisterung, wie der Kommandeur eines [jüdischen] Partisanenverban¬ 
des während einer Strafexpedition in ein litauisches Dorf, dessen Bevöl¬ 
kerung aktiv bei der Judenvernichtung mitgeholfen hatte, Dutzende Be¬ 
wohner erschoss und den Rest auf dem Marktplatz zusammentrieb, auf 
die Knie zwang und vor ihnen eine Rede hielt.« 161 S. Schwarz schreibt da¬ 
rüber mit beherrschter, aber klar erkennbarer Ablehnung. 

Ja, es gab wirklich alles im Krieg. Die kannibalischen Morde rufen nach 
Vergeltung, aber jede Rache erzeugt tragischerweise den Keim eines neuen 
Wunsches nach Vergeltung für die Zukunft. 

* 

Die Gesamtverluste unter den Juden in der UdSSR (innerhalb der Nach¬ 
kriegsgrenzen) während des Zweiten Weltkrieges werden von jüdischen 
Quellen ganz unterschiedlich gewertet. 

»Wie viele sowjetische Juden haben den Krieg überlebt?«, fragt S. 
Schwarz und legt seine Berechnungen vor: 1,81 bis 1,91 Millionen (ohne 
die ehemaligen Flüchtlinge aus Westpolen und Rumänien, die nun Repat¬ 
riierte waren), »bei allen Berechnungen betrug die Anzahl der Juden gegen 
Kriegsende deutlich unter zwei Millionen und war sehr weit von den fast 
allgemein akzeptierten drei Millionen entfernt«. 162 Das heißt, dass Aetge- 
samteVeihist laut Schwarz 2,8 bis 2,9 Millionen beträgt. 

1990 schätzte Y. Arad die Zahlen wie folgt: »Bei der Befreiung der von 
den Deutschen besetzten Gebiete ... fand die Rote Armee fast keine Juden 
vor. Von den 2 750 000 bis 2 900 000 Juden in den okkupierten Gebieten 
der UdSSR, die unter deutsche Herrschaft gerieten, sind fast alle umge¬ 
kommen.« Zu dieser Ziffer soll man laut Arad weitere »120000 addieren 


398 



Im Krieg mit Deutschland 


für die [jüdischen] Soldaten der Roten Armee, die bei Kämpfen umge¬ 
kommen sind, und etwa 80000 Kriegsgefangene, die in den Gefangenen¬ 
lagern erschossen wurden«, sowie »mehrere Zehntausend Juden, die wäh¬ 
rend der Blockade in Leningrad, in Odessa und anderen Städten im 
Hinterland wegen der harten Lebensbedingungen nach der Evakuierung 
[starben]«. 163 

Der Demograf M. Kupowezkij veröffentlichte in den 90er-Jahren eine 
Reihe von Untersuchungen, bei denen er neue Archivmaterialien, Kor¬ 
rekturen einiger Ausgangsdaten sowie eine verbesserte Methodik der 
ethno-demografischen Bilanzierung verwendete. Sein Ergebnis: Der Ge¬ 
samtverlust an Menschenleben unter der sowjetischen jüdischen Bevölke¬ 
rung innerhalb der Grenzen nach 1945 betrug für den Zeitraum von 1941 
bis 1945 insgesamt 2733000 Menschen (1 112000 »Ostjuden« und 
1621000 »Westjuden«), oder 55% der 4965000 Juden, die es 1941 ins¬ 
gesamt in der UdSSR gab. Diese Ziffer beinhaltet neben den Opfern der 
nazideutschen Vernichtung auch die Verluste unter den Armeeangehöri¬ 
gen und Partisanen, bei der Zivilbevölkerung in Frontnähe und in der 
Evakuierung und Deportation sowie die Opfer der stalinistischen Lager in 
den Kriegsjahren (allerdings bemerkt der Autor, dass die qualitative Be¬ 
wertungall dieser Kategorien innerhalb der Gesamtzahl noch aussteht). 164 
Mit dieser Bewertung ist offensichdich auch die »Kleine Jüdische Enzy¬ 
klopädie« einverstanden, denn sie führt dieselbe Zahl an. 165 

Die heute allgemein akzeptierte Zahl der Gesamtverluste innerhalb der 
sowjetischen Bevölkerung während des Zweiten Weltkrieges beträgt 
27 000 000 (nach der »Methode der demografischen Bilanzierung« sind es 
26 600 000). 166 Wahrscheinlich ist diese Zahl noch nicht vollständig. 

Man darf nicht aus dem Blick verlieren, was dieser Krieg für die Rus¬ 
sen bedeutete. Sie haben nicht nur ihr Land, nicht nur das sowjetische Ju¬ 
dentum vor Hitler gerettet, sondern auch das gesellschaftliche System der 
ganzen westlichen Welt, aber dieser Krieg verlangte vom russischen Volk 
einen derartigen Opfergang, dass seine Kräfte und seine Gesundheit da¬ 
nach nie wieder voll hergestellt wurden, es hat sich übernommen. Durch 
diese erneute Welle des Leidens - zusätzlich zum Bürgerkrieg und der Kol¬ 
lektivierung - ist es fast ausgebrannt. 

* 


399 



Kapitel 9 


In den während des Krieges besetzten Gebieten wurde das sowjetische Ju¬ 
dentum vielerorts und zu jeder Zeit von derselben brutalen und unab¬ 
wendbaren Katastrophe heimgesucht, der auch kalkuliert und methodisch 
das europäische Judentum zum Opfer fiel. 

Durch den von uns gewählten Kreis der Betrachtung, die auf Russland 
begrenzt ist, können wir nicht die Shoa in ihrer Gesamtheit untersuchen. 
Doch um der Unzählbarkeit der Leiden willen, die im 20. Jahrhundert un¬ 
sere beiden Völker, das russische und das jüdische, ereilt haben, der uner¬ 
träglichen Härte der geschichtlichen Lektionen, der nagenden Sorge um 
die Zukunft müssen wir einige Gedanken - sowohl eigene als auch frem¬ 
de - teilen und dem nachgehen, wie kluge jüdische Denker die Shoa aus 
der historischen Distanz bewerten, wie sie versuchen, sie zu fassen und zu 
begreifen. 

Nicht umsonst schreibt man [im Russischen] »Die Katastrophe«. Die 
Shoa ist ein in seinem Ausmaß nicht fassbares Ereignis für das alte histo¬ 
rische Volk. Sie musste bei den Juden stärkste Emotionen und die unter¬ 
schiedlichsten Gedankengänge und Schlussfolgerungen hervorrufen. 

Bei vielen Juden, die sich längst assimiliert und dem eigenen Volk ent¬ 
fremdet hatten, veranlasste die Shoa, dass sie das eigene Judentum bewuss¬ 
ter und eindringlicher wahrnahmen. Aber es heißt auch: »Für viele war die 
Shoa der Beweis, dass Gott tot war. Wenn Er existieren würde, hätte Er 
Auschwitz nicht zugelassen.« 167 Es gibt aber auch entgegengesetzte Mei¬ 
nungen: »Ein ehemaliger Auschwitz-Insasse sagte neulich: >In den Lagern 
ist uns eine neue Thora gegeben worden, wir können sie nur noch nicht 
lesen.<« 168 Eine andere israelische Autorin ist überzeugt: »Weil wir die Ge¬ 
bote nicht eingehalten haben und nicht in unsere Heimat zurückgekehrt 
sind, hat es die Shoa gegeben. Wir hätten zurückkehren sollen, um den 
Tempel wieder aufzubauen.« 169 

Aber ein solches Verständnis ist nur von Einzelnen erreicht worden, ob¬ 
wohl es alle Bücher der Propheten des Alten Testaments durchzieht. 

Bei anderen hält sich bis heute der folgende bittere Gedanke: »Die 
Menschheit hat sich von uns einmal abgewandt ... Wir waren nicht Teil 
der wesdichen Welt während der Shoa. Der Westen hat uns abgelehnt und 
ausgestoßen.« 170 »Gleichermaßen bedrückend wie die Shoa in Europa ist, 
dass es fast völlige Gleichgültigkeit in der ganzen Welt und sogar in dem 
nicht-europäischen Judentum gegenüber dem Schicksal der Juden in den 


400 



Im Krieg mit Deutschland. 


faschistischen Ländern gab ... Welch riesige Schuld lastet auf den Demo¬ 
kratien der Welt im Allgemeinen und den Juden in den demokratischen 
Ländern im Besonderen ... Der Pogrom in Kischinjow ist ein nichtiges 
Verbrechen im Vergleich zu den deutschen Bestialitäten, zu ... dem syste¬ 
matisch durchgeftihrten Plan der Vernichtung von Millionen jüdischer 
Leben; und trotzdem hat Kischinjow größeren Protest hervorgerufen ... 
Sogar der Prozess gegen Beilis in Kiew hat weltweit mehr Aufmerksamkeit 
hervorgerufen.« 171 

Aber das ist ungerecht. Seit das Wesen und das Ausmaß der Vernich¬ 
tung der Welt klar zu werden begann, spürten die Juden einen konse¬ 
quenten, energischen Schutz und inniges Mitgefühl seitens vieler Völker. 

Das sehen auch einige zeitgenössische Israelis so und warnen ihre Mit¬ 
bürger vor Extremen: »Nach und nach hat die Erinnerung an die Shoa auf¬ 
gehört, eine Erinnerung zu sein. Sie wurde zur Ideologie des jüdischen 
Staates ... Die Erinnerung an die Shoa wurde zu einem religiösen Dienst , 
zu einem staatlichen Kult ... Der Staat Israel übernahm die Rolle des 
Apostels des Kults der Shoa für die anderen Völker, er wurde der Priester 
des Kults, der von den Völkern den ihm zustehenden Zehnten einsammelt. 
Und wehe dem, der sich weigert, diesen Zehnten zu zahlen!« Und sie 
schlussfolgern: »Das schlimmste Erbe des Nationalsozialismus für die 
Juden ist die Rolle des Überopfers.« 172 

Ein anderer Autor schreibt Ähnliches: Der Kult um die Shoa hat »die 
Leere in den Seelen der nichtreligiösen Juden« ausgefüllt; »das Trauma der 
Shoa hat sich von einer Reaktion auf das stattgefundene Ereignis zu einem 
neuen nationalen Symbol gewandelt, das alle anderen verdrängt«. Und 
»diese >Mentalität der Shoa< wird von Jahr zu Jahr stärker«. »Wenn wir uns 
von dem Auschwitztrauma nicht erholen, werden wir nie ein normales 
Volk.« 173 

Im Judentum wird weiter daran gearbeitet, die Shoa zu begreifen, mit¬ 
unter ein qualvoller Prozess. Ein israelischer Historiker und ehemaliger 
sowjetischer Lagerhäftling meint: »Ich gehöre zu den Juden, die nicht 
dazu tendieren, die Schuld an den Unglücken des nationalen Schicksals 
bei den bösen >Gojim< zu suchen und sich als unglückliches Lämm¬ 
chen oder Spielzeug in fremden Händen zu sehen. Auf jeden Fall nicht im 
20. Jahrhundert! Im Gegenteil, mir ist der Gedanke von Hannah Arendt 
nahe, dass die Juden in unserem Jahrhundert gleichberechtigte Teilneh- 


401 



Kapitel 9 


mer an den geschichdichen Spielen der Völker waren und dass die furcht¬ 
bare Katastrophe, die über sie gekommen ist, nicht nur die Folge böswil¬ 
liger Pläne von Feinden der Menschheit war, sondern auch riesiger fataler 
Fehlkalkulationen bei den Juden selbst, bei ihren Führern und Aktivis- 

174 
ten.« ' 

Hannah Arendt aber »suchte die Ursachen der Katastrophe auch im Ju¬ 
dentum ... Ihr Hauptargument: der moderne Antisemitismus war eine 
der Folgen der besonderen Beziehung der Juden zu Staat und Gesellschaft 
in Europa«; die Juden »erwiesen sich als unfähig, die Verschiebungen in 
den Machtverhältnissen im Nationalstaat und die wachsenden sozialen 
Widersprüche einzuschätzen«. 175 

Ende der 70er-Jahre können wir bei Dan Levin nachlesen: »In dieser 
Frage bin ich mit Professor Branower einverstanden, der die Meinung ver¬ 
tritt, dass die Shoa in bedeutendem Maße eine Strafe fiir die Sünden war, 
unter anderem für die Sünde der Leitung der kommunistischen Bewe¬ 
gung. Das hat etwas für sich.« 176 

Nein, eine solche merkliche Bewegung innerhalb des Judentums hat es 
nicht gegeben. Für den Großteil des zeitgenössischen Judentums scheint 
so eine Sicht beleidigend und ketzerisch. 

Ganz im Gegenteil: »Allein die Tatsache des Holocaust diente als mo¬ 
ralische Rechtfertigung fiir den jüdischen Chauvinismus. Die Lektionen 
des Zweiten Weltkrieges sind ins genaue Gegenteil verkehrt worden ... 
Auf dieser Basis wuchs der jüdische Nationalismus und verkrustete ideell. 
Und das ist furchtbar traurig. Das Gefühl der Schuld und des Mitgefühls 
gegenüber dem Opfer-Volk verwandelte sich in eine Indulgenz, die Sün¬ 
den entschuldigt, die fiir alle anderen unverzeihlich sind. So werden auch 
öffentliche Aufrufe, das eigene alte Blut nicht mit fremdem zu vermi¬ 
schen, moralisch geduldet.« 177 

Allerdings konstatiert Ende der 80er-Jahre eine jüdische Publizistin, die 
in Deutschland lebt: »Heute ist das >moralische Kapitah von Auschwitz 
bereits verausgabt.« 178 Ein Jahr später schreibt dieselbe Autorin: »Das so¬ 
lide moralische Kapital, das die Juden nach Auschwitz bekommen haben, 
scheint erschöpft zu sein«, die Juden »können nicht mehr einfach auf der 
alten Bahn ihrer Ansprüche an die Welt fortfahren. Die Welt hat jetzt auch 
das Recht, mit den Juden wie mit allen anderen zu sprechen«; »der Kampf 
für die Rechte der Juden ist nicht fortschrittlicher als der Kampf für die 


402 





Im Krieg mit Deutschland 


Rechte anderer Völker. Es ist Zeit, den Spiegel zu zerbrechen und sich um¬ 
zusehen: wir sind nicht allein auf der Welt.« 179 

Eine Position derart würdiger, großherziger Selbstkritik mögen auch 
die russischen Gelehrten erklimmen, wenn es um die Bewertung der ei¬ 
genen Geschichte des 20. Jahrhunderts geht - von der grausamen Perio¬ 
de der Revolution über die verängstigte Gleichgültigkeit der Sowjetzeit 
hindurch zu der diebischen Widerlichkeit der postsowjetischen Epoche. 
In der unerträglichen Schwere der Erkenntnis, dass in diesem Jahrhundert 
wir, die Russen, unsere eigene Geschichte zerstört haben - durch unfähi¬ 
ge Herrscher, aber auch durch eigene Unfähigkeit -, und in tiefster Sorge, 
dass das womöglich nicht mehr zu richten ist, auch als Lehre der russi¬ 
schen Erfahrung zu fragen: Handelt es sich hierbei nicht um die Strafe 
einer höheren Gewalt? 


403 



Kapitel 10 

Vom Kriegsende bis Stalins Tod 


A nfang der 1920er-Jahre prophezeiten die Autoren des Sammelbandes 
»Russland und die Juden«: »All diese rosigen Aussichten« (für die 
Juden in der UdSSR) gelten nur »unter der Annahme, dass die Bolsche¬ 
wiken uns werden beschützen wollen. Aber werden sie es wirklich wollen? 
Können wir wirklich davon ausgehen, dass Menschen, die in ihrem 
Kampf um die Macht alles verraten haben, angefangen mit der eigenen 
Heimat bis hin zum Kommunismus, uns auch dann treu bleiben, wenn es 
ihnen keine Vorteile mehr bringt?« 1 

Aber die sowjetischen Juden nahmen diese nüchterne Warnung weder 
in den 20er- noch in den 30er-Jahren wahr, die für sie günstig waren; viel¬ 
leicht hörten sie diese Warnung auch gar nicht. 

Dabei hätte man sich, als man sich der Russischen Revolution an¬ 
schloss, durchaus denken können, dass diese Revolution - entsprechend 
dem Gesetz des Rückstoßes aller Revolutionen - irgendwann einmal, 
schon im Nachhinein, auch sie treffen würde. 

So wurden die Nachkriegsjahre »Jahre der bitteren Entäuschungen« 2 
und brachten den sowjetischen Juden schwere Prüfungen. In den acht sta- 
linistischen Nachkriegsjahren ereigneten sich: der Angriff auf die »Kos¬ 
mopoliten«, der Verlust der Positionen in Wissenschaft, Kunst und Pres¬ 
se, die Vernichtung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees mit der Er¬ 
schießung von dessen führenden Mitgliedern und der »Arzteprozess«. 

Es lag in der Natur jenes totalitären Regimes, dass niemand außer 
Stalin selbst das erste Werkzeug zur Schwächung der jüdischen Präsenz in 
den Machtstrukturen sein konnte, nur er hat den ersten Stoß versetzen 
können. 

Aber sowohl der hinterhältige Charakter Stalins als auch die Grob- 
schlächtigkeit der sowjetischen Propaganda erlaubten es nicht, ganz offen 
einen Ton von sich zu geben oder einen Schritt zu tun. Wir haben gese¬ 
hen, dass in den Kriegsjahren die sowjetische Propaganda keinesfalls 


404 



Vom Kriegsende bis Stalins Tod 


Alarm geschlagen hat, als die Juden in Deutschland vernichtet wurden, 
sondern diese Ereignisse sogar verheimlicht hat. Man befürchtete, in 
einem solchen Krieg von dem eigenen Volk für eine pro-jüdische Regie¬ 
rung gehalten zu werden. Die Einstellung der sowjetischen Regierung 
gegenüber den Juden hat sich im Laufe von Jahren ändern können, ohne 
dass dies auf der Ebene der Agitation wahrzunehmen gewesen wäre. Die 
ersten Änderungen und behördlichen Umstrukturierungen begannen, 
allerdings kaum merklich, als Stalin und Hider sich 1939 näher kamen. 
Nicht nur, dass der Jude Litwinow durch Molotow ausgetauscht wurde 
und es eine »Säuberung« im Verwaltungsapparat des Volkskommissariats 
für Auswärtige Angelegenheiten gab; den Juden wurde auch der Weg an 
die diplomatischen Schulen und Militärakademien versperrt. Aber es ver¬ 
gingen noch viele Jahre, bevor äußerlich bemerkbar wurde, dass die Juden 
aus dem Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten verschwun¬ 
den waren und dass ihre Rolle im Volkskommissariat für den Außenhan¬ 
del stark reduziert war. 

Aufgrund der Geheimnistuerei bei den sowjetischen innerparteilichen 
Bewegungen war niemand vorzeitig darüber informiert, dass sich im Ap¬ 
parat des Ministeriums für Agitationspropaganda (Agitprop) bereits ab 
Ende 1942 inoffizielle Bestrebungen abzeichneten, die Juden aus diversen 
Kulturzentren zu drängen, wie zum Beispiel aus dem Bolschoj-Theater, 
dem Moskauer Konservatorium und der Moskauer Philharmonie. Zu die¬ 
sem Thema reichte Alexandrow, der Chef des »Agitprop«, im Sommer 
1942 eine Stellungnahme samt Tabelle beim Zentralkomitee ein, in der er 
bemerkt, dass in den genannten Institutionen alles »fast völlig in den Hän¬ 
den von Nicht-Russen ist« und die »Russen sich in der nationalen Min¬ 
derheit befinden«. 3 Später formierten sich Bestrebungen, »von oben ... 
Kader-Regelungen nach dem Gesichtspunkt der Nationalität einzu- 
ftihren, die in der Praxis in erster Linie eine Verdrängung der Juden aus 
den Verwaltungsstrukturen bedeuteten«. 4 Im Verlauf vieler Jahre, abhän¬ 
gig von der Situation, unterstützte Stalin solche Bemühungen mal, mal 
bremste er sie. 

Die Spannungen der Kriegszeit den Juden gegenüber machten sich auch 
bei der Reevakuierung nach dem Krieg bemerkbar. In Sibirien und Zen¬ 
tralasien wurden die Juden von der dortigen Bevölkerung unfreundlich 


405 



Kapitel 10 


aufgenommen und blieben nach dem Krieg nur in den Hauptstädten der 
zentralasiatischen Republiken wohnen, der Rest zog zurück, allerdings 
kehrten sie nicht mehr in ihre Dörfer und Schted heim, sondern siedelten 
sich in den großen Städten an. 5 

Der mächtigste Rückstrom an Flüchdingen floss in die Ukraine, wurde 
aber gerade dort von der Bevölkerung am unfreundlichsten empfangen, 
insbesondere wenn es sich um heimkehrende Vorgesetzte oder Besitzer be¬ 
neidenswerter Wohnungen handelte; dazu addierte sich die Anspannung, 
die durch Hiders Propaganda in den besetzten Gebieten entstanden war. 
Chruschtschow, der ab Ende 1943 die Ukraine anfiihrte (damals als Ers¬ 
ter Sekretär der Kommunistischen Partei und Vorsitzender des Rates der 
Volkskommissare der Ukraine), schwieg sich bei öffendichen Auftritten 
über das jüdische Thema aus und erwähnte das Schicksal der Juden wäh¬ 
rend der Okkupation nicht einmal, darüber hinaus hielt er sich an die ge¬ 
heime Weisung für die Ukraine, keine Juden in führenden Positionen zu¬ 
zulassen. Die alte jüdische Kommunistin Rusha-Godes überlebte die 
deutsche Besatzung, indem sie sich für eine Polin namens Chelminskaja 
ausgab, konnte aber nach der herbeigesehnten Rückkehr der Kommunis¬ 
ten keine Arbeit finden, weil sie Jüdin war. Sie erzählt, wie Chruschtschow 
das mit der für ihn oft typischen Direktheit klar heraus so erklärte: »Die 
Juden haben in der Vergangenheit nicht wenige Sünden am ukrainischen 
Volk begannen. Das Volk hasst sie dafür. In unserer Ukraine brauchen wir 
keine Juden, ... [sie] sollten nicht hierher zurückkehren. Sie sollten besser 
nach Birobidshan gehen ... Das hier ist die Ukraine. Und wir haben kein 
Interesse daran, dass das ukrainische Volk die Rückkehr der Sowjetmacht 
als Rückkehr der Juden deutet.« 6 

»In Kiew wurde Anfang September 1945 ein Jude, Major des NKWD, 
von zwei Militärs brutal zusammengeschlagen. Er erschoss sie hierauf. 
Daraufhin wurden die Juden in Massen geprügelt, fünf wurden getötet.« 7 
In den Quellen kann man weitere ähnliche Fälle nachlesen. 8 

Wie der »Sozialistitscheskij Westnik« [»Sozialistische Bote«] schreibt, 
»reagierte das [während des Krieges verschärfte jüdische] Nationalgefühl 
empfindlich auf die zahlreichen antisemitischen Äußerungen und auf die 
weit verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber dem Antisemitismus«. 9 

Wie charakteristisch ist doch dieses Motiv: Beinahe nicht minder als der 
Antisemitismus als solcher empört auch die Gleichgültigkeit gegenüber 


406 



Vom Kriegsende bis Stalins Tod 


dem Antisemitismus. Ja, bei Menschen und Völkern, die von ihren eige¬ 
nen Problemen erdrückt werden, sinkt oftmals die Schwelle des Mitge¬ 
fühls gegenüber dem Leid anderer. Die Juden bilden hierbei keine Aus¬ 
nahme; zu Recht bemerkt eine zeitgenössische Autorin: »Ich hoffe, dass 
ich als Jüdin, die sich ihrer Wurzeln bewusst wurde und natürlich ihren 
Platz in Israel gefunden hat, nicht der Voreingenommenheit verdächtigt 
werde, wenn ich daran erinnere, dass in den Jahren des eigenen schlimms¬ 
ten Leidens die jüdischen Kulturschaffenden sich nicht gegen die Depor¬ 
tationen der Krim- und Kaukasusvölker engagierten.« 10 

Nach der Befreiung der Krim durch die Rote Armee 1943 »begann man 
in den Kreisen der jüdischen Elite in Moskau über die Notwendigkeit 
einer Wiedergeburt des Krim-Projekts aus den 20er-Jahren zu reden«, das 
heißt von einer Ansiedlung der Juden auf der Krim. Die sowjetische Re¬ 
gierung unternahm nichts gegen diese Bestrebungen, weil sie hoffte, dass 
»die amerikanischen Juden großzügiger Dollar für die Nöte der Roten 
Armee spenden würden«. Im Sommer konnten Michoels und Fefer wäh¬ 
rend ihrer triumphalen Reise durch die USA, unter Berufung auf eine 
mündliche Zusage Molotows, mit den amerikanischen Zionisten Ver¬ 
handlungen über eine finanzielle Unterstützung einer jüdischen Umsied¬ 
lung auf die Krim fuhren. Die Idee einer jüdischen Republik wurde auch 
von dem damals mächtigen Stellvertretenden Außenminister Lossowskij 
unterstützt. 11 

Im Jüdischen Antifaschistischen Komitee (JAPK) gab es noch ein an¬ 
deres Projekt: die Gründung einer jüdischen Republik auf dem Gebiet der 
Republik der umgesiedelten Wolgadeutschen (wo nach der Vertreibung 
der Deutschen, wie wir im letzten Kapitel gesehen haben, jüdische Sied¬ 
lungen entstanden waren). Esther Märkisch, die Witwe des JAFK-Mit- 
glieds Perez Märkisch, bestätigt, dass ihr Mann einen Brief eingereicht 
hatte, »betreffend die Übergabe der ehemaligen Republik der Wolgadeut¬ 
schen an die Juden«. 12 

Im Politbüro »waren insbesondere Molotow, Kaganowitsch und Woro- 
schilow dem JAFK wohl gesonnen«. 13 »Gerüchten zufolge tendierten ei¬ 
nige Mitglieder des Politbüros zu dieser [Krim-]Idee.« 14 Am 15. Februar 
1944 wurde Stalin ein Memorandum zu diesem Thema geschickt, unter¬ 
schrieben von Michoels, Fefer und Epstein. (In der Version von P. Sudo- 
platow: Die Entscheidung über die Umsiedlung der Krimtataren sei zwar 


407 



Kapitel 10 


von Stalin früher getroffen worden, der Befehl zur Ausführung aber erst 
am 14. Februar bei Berija eingegangen 15 , sodass das Memorandum zur 
rechten Zeit kam.) 

Das war der Höhepunkt der jüdischen Hoffnungen. G. W. Kostyr- 
tschenko, ein Erforscher dieser Periode, schreibt: Die Anführer des JAFK 
»verfielen in eine Euphorie. Sie begannen zu glauben (besonders nach der 
Reise von Michoels und Fefer in den Westen), dass sie mit stetigem Druck, 
ähnlich der Elite des amerikanischen Judentums, Einfluss auf die Regie¬ 
rungskreise ausüben und an der Bestimmung des politischen Kurses zu¬ 
gunsten der Interessen der sowjetischen Juden teilhaben könnten.« 16 

Aber Stalin gab dem Krimprojekt, das ihm aufgrund der strategischen 
Bedeutung der Krim nicht gefallen konnte, sein Einverständnis nicht. 
Die sowjetischen Führer, die einen Krieg gerade mit Amerika erwarteten, 
vermuteten wahrscheinlich, dass im Falle eines solchen Krieges die jüdi¬ 
sche Bevölkerung auf der Krim durchgehend Sympathien für die USA 
empfinden könnte. (Man erzählt, dass Anfang der 50er-Jahre die Unter¬ 
suchungsbeamten der sowjetischen Staatssicherheit einigen der verhafte¬ 
ten Juden sagten: »Sie werden gegen Amerika doch nicht kämpfen. Also 
sind Sie unsere Feinde.«) Chruschtschow dachte auch so, und selbst zehn 
Jahre später erklärte er einer kanadischen kommunistischen Delegation, 
die sich gerade mit der Frage der Juden in der UdSSR beschäftigte: Die 
Krim »soll nicht das Zentrum einer jüdischen Kolonisation werden, da sie 
dann im Falle eines Krieges zum feindlichen Aufmarschgebiet werden 
würde«. 17 Diese jüdischen Gesuche um die Krim wurden bald darauf als 
Beweise für den Plan eines »Hochverrats« gegen die Mitglieder des JAFK 
verwendet. 

Gegen Ende des Krieges erinnerte man sich bei der Regierung wieder 
an den Plan der Umsiedlung nach Birobidshan, und zwar hauptsächlich 
einer solchen aus der Ukraine. 1946 und 1947 wurden einige Züge mit 
insgesamt 5000 bis 6000 Siedlern dahingeschickt, später folgten noch ei¬ 
nige einzelne Familien 18 , doch viele kehrten enttäuscht zurück. Ab 1948 
kam diese Siedlerbewegung zum Erliegen. Später, nach der allgemeinen 
Wende in der stalinistischen Politik, begann eine Verhaftungswelle unter 
den wenigen jüdischen Aktivisten in Birobidshan. (Die Anschuldigungen 
lauteten: künsdiche Verbreitung der jüdischen Kultur, deren Aufzwängen 
der nicht-jüdischen Bevölkerung und natürlich Spionage sowie Pläne, Bi- 


408 




Vom Kriegsende bis Stalins Tod 


robidshan an Japan abzuspalten.) Damit hört die Geschichte der jüdi¬ 
schen Ansiedlung in Birobidshan im Grunde auf. Ende der 20er-Jahre er- 
wägte man, während des ersten Fünfjahresplans 60000 Juden in die Re¬ 
gion umzusiedeln. Ende 1959 waren 14 000 übrig, weniger als 9% der Ge¬ 
samtbevölkerung des Gebietes. 19 

Dafür veränderte sich in der Ukraine die Situation merklich zugunsten 
der Juden. Die Staatsmacht, die gegen die Bandera-Anhänger einen un¬ 
nachgiebigen Kampf führte, nahm auf die ukrainischen nationalistischen 
Sdmmungen nicht mehr so viel Rücksicht. Ab 1946 begann die Kom¬ 
munistische Partei, ohne es publik zu machen, »eine Kampagne gegen den 
Antisemitismus und gewöhnte die Bevölkerung nach und nach an die Tat¬ 
sache, dass Juden in den sowjetischen und wirtschaftlichen Einrichtungen 
»auf entscheidende Posten in den unterschiedlichsten Arbeitsgebieten auf¬ 
rückten«. Zeitgleich, ab 1947, wurde Chruschtschow die Ukrainische 
Kommunistische Partei (fiir kurze Zeit) weggenommen und in die Hände 
von Kaganowitsch gegeben. Parteiposten wurden an Juden vergeben, »be¬ 
sonders kennzeichnend in dieser Hinsicht ist die Ernennung eines Juden 
... zum Sekretär ... des Gebietskomitees der Kommunistischen Partei von 
Shitomir«. 20 

Aber die Einstellung vieler Juden gegenüber dieser Regierung und der 
neuen Situation war berechtigterweise misstrauisch. Und als kurz nach 
dem Krieg die ehemaligen polnischen Bürger nach Polen zurückgeführt 
wurden, beeilten sich viele nicht-polnische Juden, »diese Möglichkeit 
wahrzunehmen«, und gingen mit. 21 (Eine eigene Geschichte ist, was da¬ 
nach in Polen geschah: In der polnischen Marionettenregierung der 
Nachkriegszeit, in der eingesetzten Verwaltung und in der polnischen 
Staatssicherheit entstand ein großes Übergewicht an Juden, was später für 
die Masse der polnischen Juden schwer wiegende Folgen hatte. Ganz ei¬ 
gene Konflikte entstanden nach dem Krieg auch in den anderen Ländern 
Osteuropas: »In all diesen Ländern spielten die Juden eine sehr bedeuten¬ 
de Rolle im Wirtschaftsleben«, sie verloren ihren Besitz unter Hider, und 
als nach dem Krieg dort überall »Restitutionsgesetze in Kraft traten, ... 
wurden die Interessen sehr vieler neuer Eigentümer betroffen.« Die zu¬ 
rückgekehrten Juden verlangten die Rückgabe ihrer Unternehmen, die 
von den Kommunisten nicht nationalisiert worden waren. Das führte 
zum Auflodern einer neuen Feindschaft gegenüber den Juden. 22 ) 


409 



Kapitel 1 0 


Zur selben Zeit erfolgte eines der wichtigsten Ereignisse in der Weltge¬ 
schichte des Judentums: die Gründung des Staates Israel. Als sich die Zio¬ 
nisten 1946 und 1947 nicht mit den Engländern einigen konnten, stellte 
sich Stalin, wohl aus antibritischen Überlegungen heraus und in der An¬ 
nahme, bei Erfolg sich auch dort eine Stütze zu schaffen, auf die Seite der 
Zionisten. Das ganze Jahr 1947 hindurch unterstützte Stalin durch Gro- 
myko in der UNO aktiv die Idee eines unabhängigen jüdischen Staates in 
Palästina; er half auch mit tschechoslowakischen Waffen. Im Mai 1948 er¬ 
kannte die UdSSR innerhalb von zwei Tagen de jure die von Israel ver¬ 
kündete Unabhängigkeit an und verurteilte die arabischen Aktionen 
gegen Israel. 

Aber Stalin unterschätzte, wie sehr eine solche Unterstützung das na¬ 
tionale Selbstbewusstsein der sowjetischen Juden steigern würde. Viele rie¬ 
fen das Jüdische Antifaschistische Komitee (JAFK) dazu auf, Mittel für die 
israelische Armee zu sammeln, andere wollten sich als Freiwillige melden, 
es gingen beim JAFK Vorschläge ein, eine jüdische Sonderdivision zu bil¬ 
den. 23 

Bei einem solchen Höhenflug der Gefühle kam Golda Meir als erste 
israelische Botschafterin 1948 nach Moskau, wo sie stürmisch und tri¬ 
umphal in den Moskauer Synagogen und von den Moskauer Juden 
empfangen wurde. Sofort darauf beantragten viele die Ausreise nach 
Israel: Im sowjetischen Judentum war durch die Shoa das nationale 
Selbstbewusstsein in einem Ausmaß erstarkt, wie Stalin es offensichtlich 
nicht erwartet hatte. Es stellte sich heraus, dass die eigenen Untertanen 
in Massen dahin entfliehen wollten? Und der israelische Staat würde, 
wie es schien, westlich orientiert sein? Dort wuchsen schnell die ameri¬ 
kanische Präsenz und der amerikanische Einfluss, während in der 
Zwischenzeit die UdSSR die Unterstützung der arabischen Welt ver¬ 
lor. (Allerdings war die »Abkühlung beidseitig. Israel wandte sich immer 
öfter dem amerikanischen Judentum zu, das seine wichtigste Stütze 

\7 4 

war.«; 

Anscheinend war Stalin von diesem Brodeln der jüdischen nationalen 
Gefühle derart erschrocken, dass er ab Ende 1948 und in den ihm noch 
verbleibenden Jahren seine Politik gegenüber den Juden entscheidend än¬ 
derte. Allerdings änderte er zu Beginn, entsprechend seiner Gewohnheit, 
den Kurs zwar radikal, aber ohne es laut kundzutun; die Politik wurde 


410 



Vom Kriegsende bis Stalins Tod 


grundsätzlich geändert, aber der Wechsel war nach außen hin nur anhand 
kleiner und unscheinbarer Bewegungen erkennbar. 

So unscheinbar der Wechsel auch war, für die jüdischen Führer hing ein 
Grund in der Luft, besorgt zu sein. Der damalige Redakteur der polnisch¬ 
jüdischen Zeitung »Volksstimme«, Hirsch Smoljar, erinnerte sich später 
»an die Bestürzung, die nach dem Krieg die sowjetischen kommunisti¬ 
schen Juden ergriff«. Verzweifelt waren auch Emmanuil Kasakewitsch und 
andere jüdische Schriftsteller. Auf dem Schreibtisch von Ehrenburg sah 
Smolar »einen Berg von Briefen - ein einziger Aufschrei über die antijü¬ 
dischen Stimmungen im Land«. 25 

Ehrenburg selbst kannte seine Aufgaben allerdings genau und tat, was 
man von ihm erwartete. (Wie erst viel später bekannt wurde, wurden ge¬ 
rade in dieser Zeit die Druckfahnen des »Schwarzbuchs«, das von der Ver¬ 
nichtung und den Leiden der sowjetischen Juden während des Krieges der 
UdSSR gegen Deutschland handelt und das von I. Ehrenburg und W. 
Grossman erstellt wurde, eingestampft.) In der »Prawda« vom 21. Sep¬ 
tember 1948 erschien als Gegengewicht zu dem triumphalen Besuch von 
Golda Meir ein großer, bei Ehrenburg bestellter Artikel: Die Juden seien 
überhaupt keine Nation und für die Assimilation bestimmt. 26 Der Artikel 
verursachte einen Aufruhr nicht nur unter den sowjetischen Juden, son¬ 
dern auch in Amerika. Im beginnenden Kalten Krieg wurde »die Diskri¬ 
minierung der Juden in der UdSSR« einer der antisowjetischen Haupt¬ 
trümpfe des Westens. (Dies geschah auch mit den Sympathien des Wes¬ 
tens gegenüber den Separatismusbewegungen innerhalb der UdSSR, 
denen die Juden früher nie beigestimmt hatten.) 

Allerdings bestand weiterhin das JAFK, das durch die Nöte des Krieges 
gegen die Deutschen als eine offizielle Organisation entstanden war (mit 
etwa 70 Mitgliedern, eigenem Verwaltungsapparat, einer Zeitung und 
einem Verlag) und nun im Begriff war, eine Art geistige und physische Ver¬ 
tretung aller sowjetischen Juden zu werden - sowohl vor dem Zentralko¬ 
mitee als auch vor dem Westen. »Den Leitern des JAFK war vieles erlaubt: 
ein anständiges Gehalt, die Möglichkeit, im Ausland gedruckt zu werden 
und Honorare zu bekommen, Geschenke aus dem Ausland zu erhalten 
und zu verteilen und nicht zuletzt die Möglichkeit, ins Ausland zu reisen.« 
Um das JAFK »entstand eine zunächst elitäre, exklusive, aber später 
immer größer werdende und sich ausbreitende jüdische nationale Bewe- 


411 



Kapitel 1 0 


gung« 27 , es schien bereits das Symbol einer jüdischen nationalen Autono¬ 
mie zu sein. Stalin musste diese Institution, die ihm lästig wurde, nun all¬ 
mählich loswerden. 

Er fing mit der bedeutendsten Figur an - Losowskij, dem Leiter der 
sowjetischen Informationsbehörde (Sowinformbüro). Dieser war (der 
Meinung von Fefer nach, der ab Juli 1945 verantwordicher Sekretär des 
JAFKwar) »der Inspirator des JAFK... Er wusste über alle Aktivitäten des 
JAFK Bescheid und war faktisch sein Leiter.« Das Agitprop des ZK ent¬ 
sandte 1946 eine Prüfungskommission zum Sowinformbüro, die beklag¬ 
te, dass »die Behörde verstopft sei... [In ihr] sei eine unzulässige Konzen¬ 
tration von Juden vorzufinden.« Losowskij (sowie Litwinow und Majskij) 
wurde seines Postens als Stellvertretender Außenminister enthoben und 
im Sommer 1947 aus dem Sowinformbüro endassen. 28 

Danach näherte sich auch das Ende des JAFK. Im September 1946 kam 
die Prüfungskommission des ZK zu dem Schluss, dass das JAFK anstatt 
»einen >kämpferisch-offensiven ideologischen Kampf mit der wesdichen, 
in erster Linie zionistischen Propaganda zu fuhren ... damit fortfährt, die 
Linie der bourgeoisen Zionisten und Bundisten zu verfolgen ... Es kämpft 
im Grunde genommen ... fiir die reaktionäre Idee einer einheitlichen jü¬ 
dischen Nation.<« 1947 kam aus dem ZK die Weisung, dass »die Arbeit 
mit der jüdischen Bevölkerung der UdSSR nicht zu den Pflichten« des 
JAFK gehöre. »Das Komitee soll seine Aufmerksamkeit auf den ent¬ 
schlossenen Kampf gegen die Versuche der internationalen Reaktion und 
ihre zionistischen Agenten< richten.« 29 

Aber in jenen Monaten gab es eine Überschneidung mit der pro-israeli¬ 
schen Politik der UdSSR, und es kam nicht zur Auflösung des JAFK. Der 
Vorsitzende des JAFK, Michoels, »der inoffizielle Führer des sowjetischen 
Judentums, musste sich allerdings von der Illusion verabschieden, er könne 
über Verwandte des Diktators auf die nationale Politik des Kremls Einfluss 
ausüben« (gemeint ist in erster Linie Stalins Schwager, Grigorij Morosow). 
Tatkräftige Hilfe für das JAFK gab es auch von P. S. Shemtschushina, der 
Ehefrau von Molotow, und der Frau von Woroschilow, »Jekaterina Dawi- 
downa (Golda Gorbman), einer fanatischen Bolschewikin, die schon in 
ihrer Jugend aus der Synagoge ausgeschlossen worden war«). Aufgrund von 
Berichten Abakumows wurde Michoels verdächtigt, »private Informatio¬ 
nen über den Führer [Stalin] zu sammeln«. 30 Überhaupt zeigte er, der Ver- 


412 



Vom Kriegsende bis Stalins Tod 


sion des Ministeriums für Staatssicherheit (MGB) nach, »ein erhöhtes 
Interesse am Privatleben des Oberhauptes der sowjetischen Regierung«, 
und die Leitung des JAFK »besorgte im Auftrag des amerikanischen Nach¬ 
richtendienstes Informationen über den Alltag Stalins und seiner Fami¬ 
lie«. 31 Allerdings kam für Stalin ein offener Prozess gegen Michoels wegen 
dessen gewaltiger Autorität nicht infrage, und so wurde Michoels Ermor¬ 
dung beschlossen, als »Unfall«. Der Tod seines geistigen Anführers im Ja¬ 
nuar 1948 erschütterte und schockierte das russische Judentum. 

Im weiteren Verlauf wurde schrittweise auch das Schicksal des JAFK 
entschieden. Ende 1948 wurden seine Büros versiegelt, die Dokumente in 
die Lubjanka geschafft, die Zeitung und der Verlag geschlossen. Anschlie¬ 
ßend wurden die zwei Schlüsselfiguren des JAFK, Fefer und Suskin, heim¬ 
lich verhaftet, ihre Verhaftung wurde noch lange von den offiziellen Stel¬ 
len dementiert. Im Januar 1949 wurde Losowskij verhaftet, im Februar 
eine Reihe weiterer wichtiger JAFK-Mitglieder. Das ganze Jahr 1949 über 
wurden sie intensiv verhört, aber ab Beginn 1950 stockte die Untersu¬ 
chung. (Es ist allerdings wahr, dass entsprechend Stalins Taktik des 
Gleichgewichts zur gleichen Zeit russisch-nationale Versuche in der Le- 
ningrader Spitzenfuhrung - der so genannten »parteifeindlichen Gruppe 
von Kusnezow, Rodionow und Popkow« - zerschlagen wurden, aber jene 
Versuche und ihre Zerschlagung blieben von der Geschichtsschreibung 
weitgehend unbemerkt, obwohl bei diesem »Leningrader Prozess« Anfang 
der 1950er-Jahre »etwa 2000 Parteiarbeiter verhaftet und später erschos¬ 
sen wurden«. 32 ) 

Im Januar 1949 befahl Stalin mit einem weit ausholenden Ablen¬ 
kungsmanöver die Verdrängung der Juden aus der sowjetischen Kultur. Es 
begann mit einem langen Redaktionsbeitrag in der »Prawda« über ein 
scheinbar wenig bedeutendes Thema: »Über eine antipatriotische Grup¬ 
pe von Theaterkritikern« 33 (einen Tag später gab es zum selben Thema 
einen aggressiveren Artikel in »Kultur und Leben«). 34 Als Ausgangspunkt 
wählte Stalin die Enttarnung der russischen Pseudonyme. In der UdSSR 
»haben viele sowjetische Juden ihr Judentum so geschickt getarnt«, dass es 
»einfach unmöglich ist, sie herauszufischen«, erklärte auch der Redakteur 
einer heutigen jüdischen Zeitschrift. 35 

(Dieser »Prawda«-Artikel hat eine lange, wenig bekannte Vorgeschich¬ 
te. Bereits 1946 wurde in behördeninternen Berichten an das ZK darauf 


413 



Kapitel 1 0 


hingewiesen, dass »von den 29 Kritikern, die sich in der Presse zu Thea¬ 
terfragen äußern, nur sechs Russen sind. Damit meinte man, dass die 
Mehrheit der restlichen Kritiker Juden sind.« Man nahm die Gefahr wahr, 
und im November desselben Jahres gingen einige Theaterkritiker, noch 
»gerüstet mit dem Gefühl des hohen Vertrauens der Partei ... und ihres 
Sieges sicher, zu einer offenen Konfrontation mit Fadejew über«. 36 Fade- 
jew war der allmächtige Leiter des sowjetischen Schriftstellerverbandes 
und Stalins Favorit; die Kritiker steckten eine Niederlage ein. Die Ange¬ 
legenheit verstummte für lange Zeit, erwachte 1949 aber wieder zum 
Leben.) 

Eine Kampagne rollte an durch die Zeitungen und die Parteiversamm¬ 
lungen. In seiner Übersicht über die Lage der Juden »während der Epoche 
Stalins« schreibt G. Aronson: »Die Aufgabe dieser Kampagne war die Ver¬ 
drängung der Vertreter der jüdischen Intelligenzija aus allen Bereichen des 
sowjetischen Lebens ... Denunzianten lüfteten mit schadenfrohem Tri¬ 
umph die Pseudonyme. Es stellte sich heraus, dass Je. Cholodow in Wirk¬ 
lichkeit Mejerowitsch hieß, Jakowlew war Flolzman, Melnikow in Wirk¬ 
lichkeit Milman, Jassnyj war Finkeistein, Wiktorow hieß Slotschewskij, 
Swetow eigendich Scheidman und so weiter. Die >Literaturnaja Gaseta< 
[>Literaturzeitung<] beteiligte sich intensiv an diesen Enthüllungen.« 37 

Man muss Stalin zugestehen, dass er eine Stelle gefunden hatte, die be¬ 
sonders verwundbar war und die Massen stark reizte. Allerdings war Sta¬ 
lin kein Dummkopf, der einfach »Juden« geschrieen hätte. Nach dem 
ersten Anstoß durch die »Gruppe der Theaterkritiker« kam eine breit an¬ 
gelegte und lange Kampagne gegen die »Kosmopoliten« in Gang (und mit 
der sowjetischen trägen Stumpfsinnigkeit blieb man bei diesem guten 
Wort hängen und vereinnahmte es). Die »>Kosmopoliten<, gegen die die¬ 
ser Angriff gerichtet war, waren ausschließlich Juden. Es gab keinen Be¬ 
reich, in dem keine >Kosmopoliten< entdeckt wurden ... Dabei waren sie 
alle loyale sowjetische Bürger, denen nichts Antisowjetisches vorzuwerfen 
war und die erfolgreich die Wellen der großen Säuberungen von Jagoda 
und Jeshow überlebt hatten. Einige von ihnen waren Menschen mit Er¬ 
fahrung und großem Einfluss, mitunter mit einem bedeutenden Namen 
auf ihrem Gebiet.« 38 Die Enttarnung der »Kosmopoliten« entwickelte sich 
später zur idiotischen, lächerlichen Lobpreisung der russischen Priorität in 
allen, aber wirklich allen Bereichen der Wissenschaft, Technik und Kultur. 


414 



Vom Kriegsende bis Stalins Tod 


Allerdings wurden die »Kosmopoliten« in der Regel nicht verhaftet. Sie 
wurden öffendich angeprangert und aus den Redaktionen der ideologi¬ 
schen und kulturellen Druckorgane, aus der Presseagentur TASS, der 
Hauptverwaltung Literatur und Verlagswesen und obersten Zensurstelle 
Glawlit, den literarischen Instituten, aus den Theatern und Philharmo¬ 
nien verjagt, manche mussten aus der Partei austreten, Publikationen von 
»Kosmopoliten« wurden eingestellt. 

Die öffendiche Kampagne weitete sich aus und erfasste immer neue 
Namen und Tätigkeitsfelder. Antijüdische Säuberungen mit »kosmopoli¬ 
tischen« Anklagen erfolgten in den Instimten der Akademie der Wissen¬ 
schaften: im Institut für Philosophie (und dort glimmte eine alte Feind¬ 
schaft zwischen diversen Clans), für Wirtschaftswissenschaft, für Recht, 
an der Akademie der Gesellschaftswissenschaften beim ZK der Partei, an 
der Jurisdschen Fakultät (und sprangen von dort auf die Staatsanwalt¬ 
schaft über). 

So wurde in der Historischen Fakultät der Moskauer Staadichen Lo¬ 
monossow-Universität (MGU) sogar der altgetreue kommunistische Ge¬ 
schichtsfälscher, das Akademiemitglied I. I. Minz, als »Kopf der Kosmo¬ 
politen in der Geschichtswissenschaft« angeprangert; dabei hatte Minz 
Stalins persönliches Vertrauen, war Träger von mehreren Stalin-Preisen 
und hatte gleichzeitig mehrere Lehrstühle inne. Nach ihm wurden viele 
wissenschaftliche Posten in der MGU von Minz’ Schülern und anderen 
jüdischen Professoren »befreit«. 39 

Die Verdrängung der Juden aus den technischen und exakten Wissen¬ 
schaften kam langsam in Schwung. »Ende 1945 und das Jahr 1946 waren 
für die Juden dieser sozialen Schicht relativ ruhig.« Ein Historiker, der die 
Rolle der Juden in der Wissenschaft und Wirtschaft der UdSSR in den 
Kriegsjahren untersucht, fuhrt zur Veranschaulichung folgende Tatsache 
an: »1946 wurde der erste ernst zu nehmende Schlag der Nachkriegszeit 
gegen die Mitarbeiter des Verwaltungsapparats geführt und ein größerer 
>Fall< wurde inszeniert. Die Opfer dieser Aktion waren überwiegend Rus¬ 
sen ... Es waren keine Juden dabei.« In den »Untersuchungsunterlagen 
finden sich Aussagen gegen den Direktor der Saratower Flugzeugfabrik Is- 
rail Solomonowitsch Lewin. Er wurde beschuldigt, dass aufgrund eines 
technischen Defekts bei Flugzeugen seiner Fabrik während der Schlacht 
um Stalingrad zwei Luftgeschwader am Boden festsaßen. Das war eine 


415 



Kapitel 1 0 


wahre Begebenheit und nicht von den Ermittlern erdacht. Aber Lewin 
wurde weder verhaftet noch entlassen.« 1946, »bei der Zusammensetzung 
der neuen Regierung, behielten B. L. Wannikow, L. M. Kaganowitsch, S. 
S. Ginsburg und L. S. Mechlis ihre Posten als Volkskommissare. Fast alle 
Juden, die im Krieg als Stellvertretende Volkskommissare tätig gewesen 
waren, wurden als Stellvertretende Minister behalten.« Der Historiker da¬ 
tiert die ersten Opfer unter den jüdischen Ingenieuren auf 1947. 40 

Das Mitglied der Akademie der Wissenschaften A. F. Ioffe »war 1950 
... gezwungen, die Leitung des Physikalisch-Technischen Instituts abzu¬ 
treten, das er 1918 gegründet und seit jener Zeit ununterbrochen geführt 
hatte«. Anfang 1951 wurden 34 Direktoren und 31 Chefingenieure von 
Flugzeugfabriken endassen. »Die Mehrheit auf dieser Liste waren Juden.« 
Während 1942 im Ministerium für Allgemeinen Maschinenbau (Haupt¬ 
abteilung Artillerie und Granatwerfer) noch fast 40 jüdische Direktoren 
und Chefingenieure arbeiteten, waren es 1953 nur noch drei. Und in der 
Armee »beschränkte sich die sowjetische Führung nicht auf die Verfol¬ 
gung von jüdischen Generälen. Offiziere mit niedrigerem Rang, die an der 
Entwicklung von Waffen- und Militärtechnik beteiligt waren, wurden 
ebenfalls entfernt.« 41 

So griffen die Säuberungen auf die Verteidigungsindustrie über, auf die 
Luftfahrt, die Autoindustrie (sie berührten allerdings nicht die Atom¬ 
industrie), und rollten auch in erster Linie über die administrativen Pos¬ 
ten, die Direktoren und Chefingenieure und später über die Mitarbeiter 
der Behörden hinweg. Allerdings wurde bei den Endassungen nie die Na¬ 
tionalität als Grund genannt, sondern Anschuldigungen von Wirtschafts¬ 
kriminalität oder die Existenz von Verwandten im Ausland vor dem 
Hintergrund eines drohenden Krieges mit den USA. Die Säuberungen in 
den Zentren hallten auch in der Provinz nach. Typisch sowjetisch waren 
auch die Mechanismen dieser Säuberungen (die man schon allzu gut aus 
den 30er-Jahren kannte!): Es entstand ein allgemeiner Teufelskreis, bei 
dem die Bedrohten nicht selten, um die Gefahr von sich zu wenden, rasch 
jemand anderen beschuldigten. 

Mit einer Terrorwelle, die abgeschwächt an das Jahr 1937 erinnerte, 
gemahnte die Sowjetmacht die Juden daran, dass sie nicht ihr heimlicher 
Augapfel waren, sondern jederzeit unter Druck gesetzt werden konnten. 
»Unersetzbare gibt’s bei uns nicht!« (Allerdings »war Lawrentij Berija 


416 




Vom Kriegsende bis Stalins Tod 


duldsam gegenüber den Juden, zumindest was ihre Berufung in Staats¬ 
ämter anbelangte«. 42 ) 

»Die >Verdrängung< der Juden von prestigereichen und für die Regie¬ 
rungskreise besonders wichtigen Bereichen in Produktion, Verwaltung, 
Kultur und Ideologie sowie die Einschränkung oder der völlige Aus schluss 
bei der Aufnahme in eine Reihe von Hochschulen nahmen 1948-1953 
ein nie da gewesenes Ausmaß an ... Den Juden wurden alle auch nur im 
Mindesten bedeutenden Posten im KGB verschlossen, im Parteiapparat 
und in der Armee, während in einer Reihe von Hochschulen, Kultur- und 
Wissenschaftseinrichtungen der prozenmelle Durchschnitt beibehalten 
wurde.« 43 Mit »Punkt fünf« übte jetzt jener proletarische Fragebogen auf 
die sowjetischen Juden Druck aus, der mit anderen Punkten dem russi¬ 
schen Adel, dem Klerus, der Intelligenzija und anderen » Eh emaligen« 
schon in den 20er-Jahren zu Leibe gerückt war. 1 

»Die Spitze der jüdischen politischen Elite litt zwar unter den politi¬ 
schen Perturbationen, aber merkwürdigerweise nicht so stark, wie man 
annehmen könnte«, schließt G. W. Kostyrtschenko. »Der Hauptschlag 
während der Säuberung richtete sich gegen die mittlere, verhältnismäßig 
zahlreichste Schicht der jüdischen Elite - gegen die Verwaltungsangestell¬ 
ten ... sowie die Journalisten, die Professoren und andere Vertreter der 
kreativen Intelligenzija... Gerade diese sozusagen nominalen Juden muss¬ 
ten ungeachtet ihrer fast völligen Entfremdung von ihren nationalen Wur¬ 
zeln einen der Hauptschläge der Nachkriegssäuberungen einstecken.« 44 

Wenn man die wissenschaftlichen Kader untersucht, sehen die Statisti¬ 
ken allerdings wie folgt aus: »Ende der 20er-Jahre stellten Juden 13,6% 
aller Wissenschaftler im Land, bis 1937 war diese Zahl auf 17,5% ange¬ 
stiegen« 45 , aber 1950 betrug sie 15,4% (25125 Juden unter den 162508 
wissenschaftlichen Arbeitern in der UdSSR). 46 S. Margolina blickte Ende 
der 80er-Jahre zurück und kam zu dem Ergebnis, dass nach dem Krieg, 
ungeachtet des Ausmaßes der Kampagne, »die Zahl hoch gebildeter Juden 
in guten Stellungen immer unverhältnismäßig groß blieb. Aber verglichen 
mit früheren >Zeiten des Glücks< war es doch ein deutlicher Abstieg.« 47 M. 
Heifez erinnert sich währenddessen an einen »autobiografischen Artikel 
eines der Väter der sowjetischen Atombombe, des Akademiemitglieds 

1 »Punkt fünf« enthielt die Frage nach der Nationalität. 


417 



Kapitel 1 0 


Budker«, in dem dieser schildert, wie er mit seinen Kollegen, nächtelang 
ohne Schlaf, vor Anspannung beinahe bewusstlos, die erste Atombombe 
für den Sowjetstaat baute, und 2 war in den Tagen der Verfolgung der »Kos¬ 
mopoliten«, und diese Tage waren »die erfulltesten und glücklichsten« im 
Leben Budkers. 48 

Aber wenn »unter den Stalin-Preisträgern von 1949, wie in den Jahren 
davor, eine große Anzahl von Juden war«, nicht weniger als 13%, so waren 
es 1952 nach Schwarz’ Berechnungen 6%. 49 (Angaben über die Anzahl 
der jüdischen Studenten in der UdSSR tauchten hingegen in der Presse 
von der Vorkriegszeit bis 1963, also fast ein Vierteljahrhundert, nicht auf. 
Wir fuhren sie im nächsten Kapitel an.) 

Die eigendiche jüdische Kultur, in jiddischer Sprache, die nach dem 
Krieg sowieso nur schwach aufgelebt war, wurde in den Jahren 1948-1951 
abgewürgt. Die verbleibenden jüdischen Theater und Verlage, Zeitungen 
und der Buchhandel wurden nicht mehr gefördert und geschlossen. 50 
1949 wurden auch die internationalen Radiosendungen auf Jiddisch ein¬ 
gestellt. 51 

Den Druck der Nachkriegszeit spürten auch die Juden auf den Kom¬ 
mandoposten in der Armee, sodass »bis 1953 fast alle jüdischen Generä¬ 
le« und »etwa 300 Oberste und Obersdeutnants gezwungen waren, in den 
Ruhestand zu treten«. 52 


* 


Während die verhafteten jüdischen Anführer über drei Jahre im Lubjan- 
ka-Gefängnis saßen, schritt Stalin langen und vorsichtigen Schrittes 
voran. (Und gelangte, was sehr günstig für ihn war, 1949 in den Besitz der 
ersten Atombombe.) Er verstand genau, welchen internationalen Sturm 
eine Auflösung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees nach sich zie¬ 
hen würde. Er verstand allerdings auch, dass es eine untrennbare Verbin¬ 
dung des Weltjudentums mit Amerika gab, seinem Feind seit den ersten 
Nachkriegsjahren, seit seiner Ablehnung des Marshall-Plans. 

Die Untersuchung im Zusammenhang mit dem JAFK-Prozess wurde 
im Januar 1952 wieder aufgenommen. Die Angeklagten »wurden be¬ 
schuldigt, mit Jüdischen nationalistischen Organisationen aus Amerika< 
Verbindungen zu unterhalten, diese Organisationen mit >Informationen 


418 



Vom Kriegsende bis Stalins Tod 


über die Wirtschaft der UdSSR« zu versorgen und >die Frage einer Besied¬ 
lung der Krim und der Gründung einer jüdischen Republik auf diesem 
Gebiet« aufgeworfen zu haben«. 53 Dreizehn der Angeklagten - S. A. Lo- 
sowskij, I. S. Jussefowitsch, B. A. Schimeliowitsch, W. L. Suskin, die füh¬ 
renden jüdischen Schriftsteller D. R. Bergelson, P. D. Märkisch, L. M. 
Kwitko, I. S. Fefer, D. N. Hofstein sowie L. Ja. Talmi, I. S. Watenberg, 
Tsch. S. Watenberg-Ostrowskaja und E. I. Teumin 54 - wurden zum Tode 
verurteilt und im August heimlich erschossen. (Das Mitglied desselben 
Komitees Ehrenburg wurde - wie er schreibt - »wie bei einer Lotterie« 
nicht einmal verhaftet, genauso wie der wendige David Saslawskij. Und 
nach der Erschießung der jüdischen Schriftsteller fuhr Ehrenburg fort, im 
Westen zu behaupten, dass sie am Leben seien und schreiben würden. 55 ) 
Die Vernichtung des JAFK wurde von ebenso geheimen »Tochterprozes¬ 
sen« begleitet, es wurden 110 Menschen verhaftet, zehn von ihnen er¬ 
schossen, fünf starben während der Untersuchung. 56 

Ab Herbst 1952 ging Stalin offen vor. Eine Verhaftungswelle unter den 
Juden begann; im Oktober 1952 erwischte es die Medizinprofessoren in 
Kiew, so erging es auch den Juden der Kiewer literarischen Kreise. Das 
wurde sofort unter den Juden der UdSSR sowie der ganzen Welt bekannt. 
Am 17. Oktober berichtete der Sender »Voice of America« von »Massen¬ 
repressalien« gegen die sowjetischen Juden. 57 Die sowjetischen »Juden 
waren von Todesangst ergriffen«. 58 

Bald darauf, im November, sozusagen im Nachhinein, fand in Prag ein 
lauter »Schauprozess« im stalinistischen Stil statt. Angeklagt war R. Slän- 
sky, der erste Sekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, 
ein Jude, und eine Gruppe von Spitzenfunktionären aus Staat und Partei. 
Der Prozess hatte einen offen antijüdischen Charakter, mitsamt der Nen¬ 
nung der »Weltflihrer« der Juden, wie zum Beispiel Ben-Gurion und 
Morgenthau, und in ihrem Gespann die amerikanischen Anführer Tru- 
man und Acheson. Elf Menschen wurden gehängt, unter ihnen acht 
Juden. Einen Schlussstrich ziehend, sagte K. Gottwald: »Während der 
Untersuchung und des Prozesses wurde ein neuer Kanal aufgedeckt, durch 
den Verrat und Spionage in die Kommunistische Partei einsickern. Dieser 
Kanal ist der Zionismus.« 59 

In der Zwischenzeit, schon seit dem Sommer 1951, braute sich heim¬ 
lich der »Ärzteprozess« zusammen, die Anklage, die angesehenen Kreml- 


419 



Kapitel 1 0 


ärzte würden die Führer des Landes in verbrecherischer Weise behandeln. 
Für die Staatssicherheit war eine solche Anklage nichts Neues, bereits 
beim »Bucharin-Prozess« von 1937 waren Professor D. D. Pletnjow und 
die Ärzte L. G. Lewin und I. N. Kasakow desselben bezichtigt worden, 
und die vertrauensseligen sowjetischen Massen ächzten schon damals an¬ 
gesichts eines solch meuchlerischen Plans. Man hatte keine Skrupel, das¬ 
selbe Szenario zu wiederholen. 

Der Zusammensetzung nach war der »Ärzteprozess«, über den später 
viel bekannt wurde, anfänglich keine rein antijüdische Aktion: Unter den 
Betroffenen waren auch bedeutende russische Ärzte. Der Fall war wohl 
tatsächlich durch die allgemeine Psychose Stalins entstanden, durch seine 
Angst vor Verschwörungen, sein Misstrauen gegenüber den Ärzten, be¬ 
sonders, wenn sich sein Gesundheitszustand verschlechterte. Angesehene 
Ärzte wurden ab September 1952 gruppenweise verhaftet. Die Untersu¬ 
chung’wurde von schweren körperlichen Misshandlungen der Angeklag¬ 
ten und von den wildesten Vorwürfen begleitet und entwickelte sich 
immer mehr in Richtung von: »spionage-terroristische Verschwörung mit 
Kontakten zu ausländischen Nachrichtendiensten«, »amerikanischen 
Söldnern«, »Diversanten in weißen Kitteln«, »bourgeoisen Nationalisten« 
und folglich in erster Linie gegen die Juden. (R. Conquest zeichnet in sei¬ 
nem Werk »Der Große Terror« eine eigene tragische Linie der höher ge¬ 
stellten Ärzte nach. 1935 wurde der gefälschte Krankenbericht über den 
Tod von Kujbyschewvon folgenden Personen unterschrieben: dem Volks¬ 
kommissar für Gesundheit G. Kaminskij, den Ärzten I. Chodorowskij 
und L. Lewin. Dieselben Personen Unterzeichneten 1937 den ebenfalls ge¬ 
fälschten Krankenbericht über den Tod Ordshonikidses. Was außer dem 
eigenen Tod haben sie, alleine durch ihre Mitwisserschaft an diesen Ge¬ 
heimnissen, erwarten können? Conquest schreibt dazu: Doktor Lewin ko¬ 
operierte bereits seit 1920 mit der Tscheka, er »hatte ftir Dsershinskij, 
Menshinskij und Jagoda gearbeitet... Er genoss >die eindeutige Anerken¬ 
nung und das in ihn gesetzte Vertrauen des Leiters< der OGPU. ... Tat¬ 
sächlich kann man ihn in gewisser Hinsicht sogar als Mitglied des 
NKWD-Kreises von Jagoda ansehen.« Und etwas weiter lesen wir auch 
moralisch Belehrendes: »Unter den Ärzten, die [1937] über wütende Re¬ 
solutionen, in denen Pletnjow heftig angegriffen wurde, diskutierten und 
sie Unterzeichneten, finden sich die Namen der Doktoren M. Wowsi, B. 


420 




Vom Kriegsende bis Stalins Tod 


Kogan und W. Selenin, die ... 1952/53 im Zusammenhang mit der Ver¬ 
schwörung der Ärzte vom MGB gefoltert werden sollten«, zusammen mit 
zwei weiteren Ärzten, N. Schereschewskij und W. Winogradow, den an¬ 
geforderten Krankenbericht über den Tod Menshinskijs ausgefertigt hat¬ 
ten. 60 ) 

Am 13. Januar 1953 veröffentlichten die »Prawda« und die »Iswestija« 
eine Mitteilung der Presseagentur TASS über die Verhaftung der »Grup¬ 
pe der Mörder-Ärzte«. In den Untertönen der Anklage hörte man eine 
ernsthafte Bedrohung für das sowjetische Judentum, aber entsprechend 
den höhnischen sowjetischen Traditionen wurden die bedeutenden sow¬ 
jetischen Juden sofort dazu gezwungen, einen Brief an die »Prawda« zu 
unterschreiben, der die Intrigen der jüdischen »bourgeoisen Internationa¬ 
listen« scharf verurteilte und die Regierung lobte. Unter dem Brief sam¬ 
melte man Dutzende Unterschriften. (Es unterschrieben unter anderem 
M. Romm, D. Oistrach, S. Marschak, L. Landau, W. Grossman, E. Gi- 
lels, I. Dunajewskij. Ehrenburg unterschrieb zunächst nicht, sondern fand 
sogar den Mut, an Stalin einen Brief zu schreiben, in dem er ihn »um sei¬ 
nen Rat bittet«. Unübertroffene Wendigkeit war dabei nötig: Ihm, Eh¬ 
renburg, sei klar, dass »eine jüdische Nation nicht existiert« und überhaupt 
die Assimilation der einzige Ausweg sei, dass der jüdische Nationalismus 
»unweigerlich zum Verrat fuhrt«; auf der anderen Seite könne der ihm vor¬ 
gelegte Brief durch »die Feinde unseres Vaterlandes« gefährlich ausgelegt 
werden. Letztendlich »kann ich diese Fragen nicht alleine beantworten«; 
aber wenn die »leitenden Genossen mir mitteilen, [dass meine Unter¬ 
schrift] erwünscht... [und] nützlich für die Verteidigung des Vaterlandes 
und die Friedensbewegung ist, werde ich sofort unterschreiben«. 61 ) 

Das Projekt des treuuntertänigen Briefes haue man sich im Apparat des 
ZK abgequält, und es nahm nun eine weichere und wohlgestaltetere Form 
an. Aber der offene Brief erschien letztendlich doch nicht in der Presse. Es 
mag an dem entrüsteten Aufschrei in der westlichen Öffentlichkeit gele¬ 
gen haben, jedenfalls gab es Anzeichen, dass der »Ärzteprozess« noch in 
den letzten Tagen Stalins abgebremst würde. 62 

Nach seinem Publikwerden führte der »>Ärzteprozess< zu einer breiten 
Welle von landesweiten Verfolgungen von jüdischen Ärzten. In den ver¬ 
schiedenen Städten des Landes fabrizierten die Sicherheitsbehörden wei¬ 
tere Ärzteprozesse ... Im ganzen Land hatten die jüdischen Ärzte Angst, 


421 



Kapitel 1 0 

zur Arbeit zu gehen, und die Patienten fürchteten sich, von ihnen behan¬ 
delt zu werden.« 63 

Nach der »Kosmopoliten«-Kampagne und dem »Volkszorn«, der nun 
nach dem »Ärzteprozess« grassierte, waren die sowjetischen Juden ver¬ 
ständlicherweise in Angst und Schrecken versetzt. So entstand das Ge¬ 
rücht (das später im Bewusstsein haften blieb), dass Stalin eine Massen¬ 
deportation der Juden in abgelegene Gebiete Sibiriens und des Nordens 
geplant hatte. Solche Ängste waren durch Fälle von Umsiedlungen ganzer 
Völker, die bereits nach dem Krieg stattfanden, geschürt worden. In einer 
neueren Arbeit des Historikers G. W. Kostyrtschenko, der sorgfältig Sta¬ 
lins »Judenpolitik« untersucht hat, wird dieser »Mythos von der Umsied¬ 
lung« recht gründlich widerlegt, indem gezeigt wird, dass er weder damals 
noch später durch irgendwelche Tatsachen belegt und eine derartige De¬ 
portation für Stalin grundsätzlich nicht durchführbar war. 64 

Es ist allerdings erstaunlich, wie verblendet jene Gruppe der sowjeti¬ 
schen Juden war, die vorbehaldos der sowjetisch-kommunistischen Ideo¬ 
logie verfallen war. Viele Jahre danach sagte eine gewisse S. K. mir: »Es gibt 
keine Tat in meinem Leben, die ich mehr bereue, als dass ich 1953 an [die 
Anschuldigungen des] >Ärzteprozesses< geglaubt habe! Dass sie, wenn viel¬ 
leicht auch unwillendich, an einem ausländischen Komplott beteiligt ge¬ 
wesen seien ...« 

In einem Londoner Sammelband aus den 60er-Jahren kann man über 
diese Zeit nachlesen: »Trotz des klar ausgeprägten Antisemitismus der Sta¬ 
lin-Ära ... beteten viele [Juden], dass Stalin am Leben bliebe, da sie aus 
Erfahrung wussten, dass jede Phase der Machtschwächung ein Gemetzel 
unter den Juden bedeutete. Wir spürten genau die aggressive Stimmung 
der >Brüdervölker< uns gegenüber.« 65 

Am 9. Februar explodierte in der sowjetischen Botschaft in Tel Aviv eine 
Bombe. Am 11. Februar stellte die Sowjetunion die diplomatischen Be¬ 
ziehungen zu Israel ein. Der Konflikt rund um den »Ärzteprozess« wurde 
dadurch nur noch schärfer. 

Und dann, wohl zum ersten Mal, stolperte Stalin. Er begriff nicht, wie 
eine Entwicklung dieses Sujets ihm persönlich , auf seinem unerreichbaren 
politischen Olymp und in seinen sicheren Gemächern, gefährlich werden 
konnte. Das Aufbrausen der weltweiten Empörung ereignete sich zeit¬ 
gleich mit schnellen Aktionen der internen Kräfte, die vielleicht für Sta- 


422 



Vom Kriegsende bis Stalins Tod 


lins Ende verantwortlich sind. Sehr wahrscheinlich ist Berija dafür ver- 
antwordich (in der Version, wie sie z.B. bei Awtorchanow geschildert 
wird 66 ). 

Nach dem öffentlichen Kommunique über den »Ärzteprozess« lebte 
Stalin nur noch 51 Tage. »Die Endassung aus dem Gefängnis und das Fal¬ 
lenlassen der Anklage gegen die Ärzte wurde von der älteren Generation 
sowjetischer Juden als eine Wiederholung des Purim-Wunders verstan¬ 
den.« Stalin starb genau am Tag des Purim-Festes, an dem Esther die per¬ 
sischen Juden vor der Verfolgung durch Ffaman gerettet hat. 67 

Am 3. April wurden alle Überlebenden, die im Zusammenhang mit 
dem »Ärzteprozess« angeklagt waren, freigesetzt. Einen Tag später wurde 
dies der Öffendichkeit mitgeteilt. 

Wie so oft waren es die gerade die Juden, die den Lauf der zum Still¬ 
stand gekommenen Geschichte wieder vorantrieben. 


423 



Kapitel 11 

Die Zeit bis zum Sechs-Tage-Krieg 


A m Tag unmittelbar nach Stalins Tod, am 6. März, »hörte das Minis¬ 
terium für Staatssicherheit (MGB) 1 auf zu existieren«. Faktisch hörte 
es eigentlich keineswegs auf zu existieren, aber formell: Berija krallte sich 
das MGB und gliederte es in sein Innenministerium (MWD) ein. Das 
machte ihm den Weg frei, »die Missbrauche beim MGB aufzudecken« 
und den bis dahin von niemandem öffendich erwähnten MGB-Chef Ig- 
natjew anzugreifen, der hei m lich Abakumow abgelöst hatte. Offensicht¬ 
lich verlor Berija ab 1952 Stalins Vertrauen und wurde bereits beim »Ärz¬ 
teprozess« langsam von Ignatjew und Rjumin verdrängt. Durch diesen 
Lauf der Ereignisse sammelten sich die neuformierten, zu Stalin in Op¬ 
position stehenden Kreise um Berija. Bereits einen Monat später, am vier¬ 
ten April, war er stark genug, den »Ärzteprozess« zu widerrufen und Rju¬ 
min für seine verleumderische Erfindung anzuklagen. Weitere drei Mo¬ 
nate später wurden auch die diplomatischen Beziehungen mit Israel 
wiederhergestellt. 

All das ließ bei den sowjetischen Juden eine neue Epoche der Hoffnung 
aufleben; die Festigung Berijas hätte sich für sie sehr viel versprechend ent¬ 
wickeln können, wäre er nicht bald darauf gestürzt worden. 

Allerdings hielt die Wirkung des neuen Impulses noch einige Zeit an. 
»Nach Stalins Tod konnten viele Juden, die ihren Job verloren hatten, an 
ihre Arbeitsplätze zurückkehren«; »in der Phase des >Tauwetters< wurden 
viele alte Zionisten ... aus den Lagern entlassen«; »in der poststalinisti- 
schen Periode formierten sich die ersten zionistischen Gruppen, zunächst 
auf lokaler Ebene«. 1 

Aber die Situation änderte sich wieder in einer für die Juden ungünsti¬ 
gen Weise. Im März 1954 legte die Sowjetunion ein Veto gegen den Ver¬ 
such des UN-Sicherheitsrats ein, den Suezkanal für israelische Schiffe zu 


1 Das MGB war Nachfolger des NKWD gewesen, vgl. oben S. 138. 


424 





Die Zeit bis zum Secbs-Tage-Krieg 


öffnen. Ende 1955 deklarierte Chruschtschow eine pro-arabische und 
anti-israelische Politik. Im Februar 1956, bei seiner bekannten Rede wäh¬ 
rend des XX. Parteitages, sprach Chruschtschow zwar ausführlich von 
dem Blutbad von 1937/38, erwähnte aber nicht gesondert, dass unter den 
Opfern viele Juden gewesen waren; ebenso wenig sprach er von den 1952 
erschossenen jüdischen Funktionären. Als er auf den »Ärzteprozess« zu 
sprechen kam, sagte er nicht mit aller Deutlichkeit, dass dieser gegen die 
Juden gerichtet war. »Man kann sich leicht ausmalen, welch bittere Ge¬ 
fühle all das unter den Juden hervorrief.« Diese Gefühle »schwappten auch 
auf die jüdischen kommunistischen Kreise im Ausland über und machten 
sich sogar in den Führungen jener kommunistischen Parteien breit, in 
denen die Juden einen bedeutenden Anteil der Mitglieder stellten (in der 
kanadischen und amerikanischen Partei)«. 2 Im April 1956 erschien in 
Warschau (wo trotz kommunistischer Herrschaft ein starker jüdischer 
Einfluss präsent war) in der Zeitung »Volksstimme« ein sensationeller Ar¬ 
tikel, in dem die Namen der getöteten Juden aus Kultur und Gesellschaft 
aufgelistet wurden, und zwar sowohl für die Jahre 1937/38 als auch 
1948-1952. Allerdings verdammte der Artikel dabei die »kapitalistischen 
Feinde« und die »Berija-Bande« und begrüßte die Rückkehr zur »leninis- 
dschen Nationalitätenpolitik«. »Der Bericht in der >Volksstimme< ent¬ 
fachte einen Sturm.« 3 

Weltweit verlangte die kommunistische und jüdische Öffendichkeit 
nach einer Erklärung seitens der sowjetischen Führung. »Das ganze Jahr 
1956 über stellten die Ausländer, die in die Sowjetunion kamen, offen 
Fragen über die Situation der Juden in der UdSSR; diese liefen im Kern 
auf die Frage hinaus, warum die Sowjetregierung sich in der jüdischen 
Frage nicht von der schweren Last des stalinistischen Erbes trenne.« 4 Dies 
wurde zu einem Dauerthema für die ausländischen Korrespondenten und 
für die Besucher-Delegationen der »kommunistischen Brüder-Parteien«. 
(Hieraus erklärt sich vielleicht der in der sowjetischen Presse laut beschrie- 
ene »Verrat« am Kommunismus durch den amerikanischen Schriftsteller 
Howard Fast, der bis dahin sein leidenschaftlicher Verteidiger gewesen 
war.) 

In der Zwischenzeit nahmen bereits »Hunderte sowjetischer Juden aus 
mehreren Städten an den Treffen der neuformierten zionistischen Grup¬ 
pen und Kreise« teil, »aktive Teilnehmer dieser Gruppen waren alte Zio- 


425 



Kapitel 11 

nisten, die den Kontakt zu Verwandten oder Freunden in Israel aufrecht¬ 
erhalten hatten.« 5 

Im Mai 1956 kam eine Delegation der Französischen Sozialistischen 
Partei nach Moskau. »Besondere Aufmerksamkeit wurde der Frage der Si¬ 
tuation der Juden in der Sowjetunion gewidmet.« 6 Chruschtschow befand 
sich in einer schwierigen Lage: Er konnte es sich nicht mehr erlauben, kei¬ 
nerlei Erklärungen abzugeben, gleichzeitig verstand er (nach seiner Erfah¬ 
rung in der Nachkriegsukraine), dass es nicht mehr nötig sein würde, den 
Juden ihren Status aus den 20er- und 30er-Jahren zurückzugeben. Er ant¬ 
wortete: »Zu Beginn der Revoludon hatten wir viele Juden in den leiten¬ 
den Organen der Partei und der Regierung ... Danach schufen wir neue 
Kader ... Wenn die Juden jetzt führende Stellungen in unseren Republi¬ 
ken einnehmen wollten, würde das, natürlich, Unzufriedenheit unter der 
Stammbevölkerung hervorrufen ... Wenn ein Jude einen hohen Posten 
einnimmt und sich mit jüdischen Mitarbeitern umgibt, ruft das selbst¬ 
verständlich Neid und feindliche Gefühle gegenüber den Juden hervor.« 
(Der »Sozialistische Bote« bezeichnete dieses Argument Chruschtschows 
über das Sich-Umgeben mit »jüdischen Mitarbeitern« als »merkwürdig« 
und »falsch«.) Bei demselben Gespräch behandelte man auch die jüdische 
Kultur und die jüdischen Schulen. Chruschtschow erklärte die Lage so: 
»Wenn man jüdische Schulen eröffnen würde, gäbe es vermudich nicht 
viele, die Lust hätten, sie zu besuchen. Die Juden sind im ganzen Land ver¬ 
streut ... Wenn man die Juden zwingen würde, eine jüdische Schule zu 
besuchen, würde das zweifelsohne Empörung hervorrufen. So etwas 
würde als eine Art Ghetto verstanden werden.« 7 

Drei Monate später, im August 1956, kam eine Delegation der Kana¬ 
dischen Kommunisdschen Partei, diesmal direkt »mit der Sonderaufgabe, 
Klarheit über die jüdische Frage zu schaffen«. Das heißt, dass in den Nach¬ 
kriegsjahren die jüdische Frage entschlossen in den Mittelpunkt der west¬ 
lich-kommunistischen Sorgen rückte. »Chruschtschow bezeichnete alle 
Antisemitismusvorwürfe gegen ihn und gegen die Partei als Verleum¬ 
dung«, listete eine Reihe sowjetischer Juden in hohen Regierungsposten 
auf, »erwähnte sogar seine jüdische Schwiegertochter«, ging allerdings so¬ 
fort »etwas überraschend ... zu der Frage der >guten und schlechten Ei¬ 
genschaften der einzelnen Völken über, verweilte bei >einer Reihe negati¬ 
ver Eigenschaften der Juden<« und nannte als eine dieser negativen Eigen- 


426 




Die Zeit bis zum Sechs-Tage-Krieg 


schäften »ihre Unzuverlässigkeit in politischer Hinsicht«, allerdings ging 
er weder auf ihre positiven Eigenschaften ein noch erwähnte er irgendein 
anderes Volk. 

Bei demselben Gespräch äußerte Chruschtschow seine Zustimmung zu 
Stalins Entscheidung gegen eine jüdische Autonomie auf der Krim, und 
zwar mit der Formulierung, dass diese Kolonisierung der Krim ein mili¬ 
tärisches Risiko für die Sowjetunion darstellen würde. Diese Äußerung 
war für die jüdische Öffentlichkeit besonders verletzend. Die kanadische 
Delegation bestand darauf, dass das ZK der KPdSU ein spezielles State¬ 
ment veröffendichen solle, in dem geschildert würde, wie die Juden gelit¬ 
ten hätten, aber »sie trafen auf entschiedenen Widerstand«: »andere Völ¬ 
ker und Republiken, die ebenfalls unter Berijas Übeltaten gegen ihre Kul¬ 
tur und ihre Kunstschaffenden gelitten haben, würden verblüfft fragen, 
warum die Erklärung nur von den Juden spreche«. (S. Schwarz kommen¬ 
tiert dezidiert: »Die Armseligkeit dieser Argumentation ist offensicht¬ 
lich.« 9 ) 

Damit hörten die Fragen aber nicht auf. »Einflussreiche ausländische 
jüdische Kommunisten versuchten heimlich«, eine »Erklärung über das 
Schicksal der jüdischen kulturellen Elite« zu erhalten. Im Oktober dessel¬ 
ben Jahres wandten sich »26 progressive jüdische Prominente und Schrift¬ 
steller« aus dem Westen an den Premierminister Bulganin und den »Prä¬ 
sidenten« Woroschilow mit der Aufforderung, »eine öffendiche verant¬ 
wortungsvolle Erklärung über die stattgefundenen Ungerechtigkeiten 
abzugeben und über die Maßnahmen, die durchgeführt wurden, um die 
jüdischen Kultureinrichtungen wiederherzustellen«. 10 

Aber die Politik der sowjetischen Regierung gegenüber den Juden war 
sowohl während der »Semibojarschtschina« 1 , der »Herrschaft der sieben«, 
als auch zu Chruschtschows Zeiten inkonsequent wie vorsichtig, zugleich 
jedoch rückwärts gewandt und zwiespältig, sodass Impulse und Hoffnun¬ 
gen in verschiedene Richtungen ausgingen. 

Es war gerade der Sommer 1956, allgemein mit gesellschaftlichen Hoff¬ 
nungen erfüllt, der auch ein Sommer der jüdischen Hoffnung wurde. Der 

1 Semibojarschtschina: die Zeit der so genannten Kollekdvfiihrung nach Stalins 
Tod 1953 bis zur endgültigen Machtfestigung Chruschtschows 1957, als Ana¬ 
logie zur »Herrschaft der sieben Bojarengeschlechter« nach dem Sturz des Zaren 
Wassilij Schujskij im Juni 1610, in der Zeit der Wirren 


427 



Kapitel 11 


Sekretär des Schriftstellerverbandes Surkow versprach bereits einem New 
Yorker kommunistischen Verleger, dass es Pläne gäbe, einen jüdischen 
Verlag zu schaffen, ein jüdisches Theater zu eröffnen, eine jüdische Zei¬ 
tung und eine literarische Zeitschrift herauszugeben, eine landesweite Ver¬ 
sammlung jüdischer Schriftsteller und Kulturschaffender zu organisieren 
und dass eine Kommission für die Wiedergeburt der jüdischen Literatur 
(auf Jiddisch) geschaffen sei. 1956 »hatten sich in Moskau bereits wieder 
zahlreiche jüdische Schriftsteller und Journalisten versammelt«. 11 Die jü¬ 
dischen Aktivisten erinnern sich: »Jener Optimismus, den das Jahr 1956 
bei uns geweckt hatte, hielt noch lange an.« 12 

Doch die sowjetische Regierung trat weiterhin von einem Bein aufs an¬ 
dere und verzögerte die Entwicklung einer selbstständigen jüdischen Kul¬ 
tur. Vermutlich widersetzte sich Chruschtschow selbst dieser Entwick¬ 
lung. 

Dann aber brachen die Ereignisse herein: der Suez-Krieg, der Angriff 
Israels, Englands und Frankreichs auf Ägypten (»Israel marschiert in den 
Selbstmord«, schrieb drohend die sowjetische Presse) und der Aufstand in 
Ungarn, der zudem noch - was von der Geschichtsschreibung verschwie¬ 
gen wird - einen antisemitischen Charakter annahm 13 , wohl wegen der 
zahlreichen Juden im ungarischen Staatssicherheitsapparat. (Ist das nicht 
einer der Gründe, wenn auch nicht der Hauptgrund, weshalb der Westen 
durch nichts und niemanden den Aufstand unterstützt hat? Außerdem 
war er mit dem Suez-Problem beschäftigt. Die Schlussfolgerung für die 
Sowjets dürfte gewesen sein, dass man das jüdische Thema lieber ab¬ 
bremsen sollte?) 

Ein weiteres Jahr später rang Chruschtschow seine Gegner in den Par¬ 
teispitzen nieder; als einer von vielen wurde auch Kaganowitsch gestürzt. 

Man könnte fragen, ob das von sehr großer Bedeutung war: Offen¬ 
sichtlich wurde nicht er allein verjagt und unter den Gestürzten war er 
nicht der wichtigste. Auch wurde er nicht deswegen bekämpft, weil er Jude 
war. Allerdings »symbolisierte sein Abgang aus jüdischer Sicht sicherlich 
das Ende einer Epoche«. Man blickte zurück, zählte nach: »Die Juden 
waren nicht nur aus den leitenden Organen der Partei verschwunden, son¬ 
dern auch aus den leitenden Regierungskreisen.« 14 

Es war an der Zeit, ernsthaft nachzudenken und zu fragen: Was sollen 
die Juden von dieser Regierung nun halten? 


428 



Die Zeit bis zum Sechs-Tage-Krieg 


David Burg, der bereits 1956 emigriert war, formulierte eine Antwort 
darauf, die der sowjetischen Regierung recht gelegen kam: »Für manche 
scheint die Gefahr eines Antisemitismus >von untern größer zu sein als die 
Gefahr eines Antisemitismus >von obenc« Die Regierung übt zwar auf uns 
Druck aus, ermöglicht es uns aber, zu existieren. Wenn aber ein revolutio¬ 
närer Wechsel eintreten sollte, werden wir in Folge der unweigerlichen An¬ 
archie während der Übergangsphase einfach abgeschlachtet. Deshalb soll¬ 
ten wir an der Regierung festhalten, so schlecht sie auch sein mag.« 15 

Solchen Befurchtungen war man bereits in den 30er-Jahren häufig be¬ 
gegnet: Die Juden sollten die Macht der Bolschewiken in der UdSSR 
unterstützen, denn ohne sie würde es nur schlimmer werden. Jetzt aber, 
obwohl die sowjetische Regierung noch schlechter geworden war, sollten 
die Juden also wie gehabt weiter an ihr festhalten. 

Die wesdiche Welt, allen voran die Vereinigten Staaten, hörten weiter¬ 
hin, selbst während der angespanntesten Jahre des Kalten Krieges, wenn 
solche Empfehlungen ausgesprochen wurden, sehr genau hin. Außerdem 
war das sozialistische Israel voller kommunistischer Sympathien und sah 
der Sowjetunion vieles nach, weil diese Hiderdeutschland vernichtet 
hatte. Aber wie sollte man den Antisemitismus in der UdSSR deuten? Fiier 
erfüllte der Rat von D. Burg und ähnlichen Autoren den gefordeten »so¬ 
zialen Auftrag«: Dies sei die Verzerrung des Antisemitismus der sowjeti¬ 
schen Regierung zum »Antisemitismus des russischen Volkes«, dem ewi¬ 
gen und verdammten. 

Jetzt fanden manche Juden gute Worte für die 1930 aufgelöste Jüdische 
Sektion beim Zentralkomitee (Dimanstein und ihre anderen Funktionä¬ 
re waren schon lange erschossen), die in den 20er-Jahren als zu kommu¬ 
nistisch kritisiert worden war: »Die Jüdische Sektion war in gewissem 
Maße die Wächterin der jüdischen nationalen Interessen, ... ein Organ, 
das auch positive Arbeit leistete.« 16 

Die Politik von Chruschtschows Führungsriege blieb unklar und ohne 
ausgeprägte Richtung: Man muss davon ausgehen, dass Chruschtschow die 
Juden nicht sonderlich liebte, aber auch nicht bestrebt war, sie zu bekämp¬ 
fen. Außerdem begriff er wohl, dass dies vor der Weltöffentlichkeit keines¬ 
falls nützlich für ihn sein würde. Schließlich wurde 1957/58 doch zugelas¬ 
sen, dass landesweit jüdische Konzerte und Lesungen stattfanden (so »be¬ 
suchten 1961 ca. 300000 Zuschauer jüdische literarische Abende und 


429 



Kapitel 11 


Konzerte mit jüdischen Liedern« 17 ); andererseits wurde auch die Verbreitung 
der Warschauer »Volksstimme« in der UdSSR unterbunden, wodurch man 
von den weltweiten jüdischen Informationen abgeschnitten war. 18 1954 er¬ 
schien nach einer langen Pause auf Russisch das Buch »Mod der Kantors¬ 
sohn« von Scholem Alejchem, anschließend weitere, auch in andere Spra¬ 
chen übersetzte, Bücher von ihm. 1959 erschienen in einer beträchtlichen 
Auflage die gesammelten Werke von Scholem Alejchem. Ab 1961 erschien 
in Moskau auf Jiddisch die Zeitschrift »Sowjedsch Heimland« 1 , auch wenn 
darin strikt die offizielle Position vertreten wurde. Sowohl auf Jiddisch als 
auch auf Russisch erschienen Bücher von erschossenen jüdischen Schriftstel¬ 
lern, im landesweiten Radiosender konnte man jüdische Melodien hören. 19 
Um 1966 »lebten in der UdSSR etwa 100 jüdische Schriftsteller«, die auf Jid¬ 
disch schrieben, »fast alle genannten Schriftsteller arbeiteten gleichzeitig auf 
Russisch als Journalisten und Übersetzer«, »viele von ihnen arbeiten als Leh¬ 
rer in russischen Schulen«. 20 Aber das jüdische Theater wurde bis 1966 nicht 
wiederhergestellt. S. Schwarz definiert den Zustand der Juden um 1966 als 
»kulturell verwaist«. 21 Allerdings bemerkt ein anderer Autor mit Bitterkeit: 
»Man kann nicht allein mit der Politik der Regierung die mangelnde Be¬ 
geisterung fiir die damaligen kulturellen Bemühungen seitens einer breiten 
Schicht der jüdischen Bevölkerung erklären.« »Die Auftritte jüdischer Schau¬ 
spieler fanden in jenen Jahren, von wenigen Ausnahmen abgesehen, vor 
halb leeren Sälen statt. Die Bücher jüdischer Schriftsteller verkauften sich 
schlecht.« 22 

Ebenso verwinkelt, aber deutlich intoleranter war Chruschtschows Re¬ 
gierungspolitik gegenüber dem mosaischen Glauben. Das war ein Teil von 
Chruschtschows allgemeinem antireligiösen Sturm, der sich für die or¬ 
thodoxen Christen bekanntlich zerstörerisch auswirkte. Ab den 30er-Jah- 
ren gab es keinerlei Lehreinrichtungen ftir die Ausbildung von Geist¬ 
lichen, so wie es sie vor dem Krieg für keine Religion in der UdSSR gege¬ 
ben hatte. 1957 wurde in Moskau eine Rabbinerschule eröffnet, allerdings 
fiir nur 35 Studenten, die anschließend konsequent behindert wurden, 
zum Beispiel indem man ihnen eine Moskauer Meldebescheinigung ver¬ 
weigerte. Sie erfuhren Beschränkungen beim Druck von Gebetsbüchern, 


1 Sowjetisch Heimland: 1961—1991 erschienene kulturelle Monatsschrift in jid¬ 
discher Sprache; heute fortgefiihrt unter dem Titel »Die jiddische Gaß« 


430 



Die Zeit bis zum Sechs-Tage-Krieg 


man hinderte sie an der Herstellung von religiösen Kultgegenständen. 
1956 durften die staatlichen Bäckereien einmal Matzen hersteilen und es 
in den Geschäften kurz vor Beginn des Pessachfests verkaufen, dann, ab 
1957, wurde das Backen eingeschränkt und ab 1961 fast überall verboten. 
Bald akzeptierte man die Einfuhr von Matzen aus dem Ausland, bald 
wurden diese Sendungen an der Grenze vom Zoll abgefangen und von den 
Empfängern wurde sogar verlangt, dass sie schriftlich gegen diese Sen¬ 
dungen protestierten. 23 In vielen Städten wurden die Synagogen ge¬ 
schlossen. »1966 gab es in der UdSSR nur noch 62 Synagogen.« 24 In 
Moskau sowie in Leningrad, Kiew und anderen Republikhauptstädten 
wagte die Regierung hingegen nicht, sie zu schließen. Und in den 60er- 
Jahren fanden dort an den Feiertagen weiterhin große Gottesdienste statt, 
mit Massenansammlungen von 10-15000 Menschen, die in den Straßen 
um die Synagogen feierten. 23 S. Schwarz weist darauf hin, dass in den 
60er-Jahren das religiöse Leben der Juden an einem Tiefpunkt angelangt 
war, beweist aber seine Umsichtigkeit, indem er daran erinnert, dass dies 
nur der Abschluss eines langen geistigen Säkularisierungsprozesses war, 
der im russischen Judentum bereits am Ende des 19. Jahrhunderts ein¬ 
gesetzt hatte. (Nebenbei sei gesagt, fugt Schwarz hinzu, dass dieser Pro¬ 
zess durchaus erfolgreich im keineswegs kommunistischen Polen in der 
Zeit zwischen den beiden Weltkriegen stattfand.) 26 Der mosaische 
Glaube in der UdSSR war eines gemeinsamen Verwaltungszentrums 
beraubt; aber wenn die Sowjetmacht die führenden Rabbiner zu insze¬ 
nierten politischen Veranstaltungen für den Westen zwingen wollte oder 
zu einer Erklärung über das Wohlergehen des Judentums in der UdSSR 
oder zum zornigen Protest gegen einen Atomkrieg, dann war die Regie¬ 
rung in der Lage, dies erfolgreich durchzusetzen. 27 »Die sowjetische Re¬ 
gierung hat mehrfach die jüdischen religiösen Führer für ihre außenpoli¬ 
tischen Ziele missbraucht.« So »veröffendichte im November 1956 eine 
Gruppe von Rabbinern einen Protest gegen den [israelischen] Sinai-Feld¬ 
zug«. 28 

Als besonderes und unzweifelbares Hemmnis für die mosaische Reli¬ 
gion erwies sich seit dem Suez-Konflikt von 1956 der immer mehr in 
Mode kommende »Kampf gegen den Zionismus«. Der Zionismus an sich, 
als eine Form des Sozialismus, hätte für die Partei von Marx und Lenin 
sogar eine Schwesterideologie werden können, aber der Entschluss, sich 


431 



Kapitel 11 


die arabische Freundschaft zu sichern, zwang die sowjetischen Führer ab 
Mitte der 50er-Jahre zu einer antizionistischen Hetzjagd. Allerdings war 
ftir die sowjetischen Massen der Zionismus ein ferner, unbekannter und 
abstrakter Begriff. Um daher diesen Kampf umsetzen und verwirklichen 
zu können, wurde der Zionismus als ein Konzentrat des althergebrachten 
jüdischen Klischees präsentiert. In den Büchern und Broschüren, die 
gegen den angeblichen Zionismus gerichtet waren, flössen auch der 
Kampf gegen das Judenmm und offen antijüdische Motive ein. Während 
in den 20er- und 30er-Jahren die mosaische Religion in der UdSSR, ver¬ 
glichen mit dem chrisdich-orthodoxen Glauben, keinem derartigen 
Druck durch brutale Verfolgungen ausgesetzt war, bemerkte 1957 ein aus¬ 
ländischer sozialistischer Beobachter eine »entschiedene Steigerung des 
Kampfes gegen den Judaismus«, »einen Wendepunkt in der Entwicklung 
des Kampfes gegen die mosaische Religion«, »eine Form des Kampfes 
nicht nur gegen seine Religion, sondern gegen das Judentum allgemein«. 29 
Eine Aufsehen erregende Episode war die Veröffendichung der Broschü¬ 
re »Judaismus ohne Beschönigung«, die 1963 in Kiew auf Ukrainisch von 
der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften in einer Auflage von 
12000 Exemplaren veröffendicht wurde. Die Broschüre enthielt derart 
offen antisemitische Karikaturen, dass sie weltweit große Entrüstung aus¬ 
löste, und dies sogar bei den kommunistischen »Freunden« (die ständig 
von Moskau finanziert wurden). Gegen die Broschüre protestierten die 
Führungen der amerikanischen und britischen kommunistischen Par¬ 
teien, die Zeitungen »Humanite« und »Unitä«, die Brüsseler pro-chinesi¬ 
sche kommunistische Zeitung und viele andere Stimmen, und in der 
UNO-Kommission für Menschenrechte verlangte man vom ukrainischen 
Vertreter eine Erklärung. Die Internationale Jüdische Kulturvereinigung 
verlangte, dass der Autor und der Karikaturist der Broschüre vor ein Ge¬ 
richt gestellt würden. Die sowjetische Seite beharrte bei ihrer Rechtferti¬ 
gung lange darauf, dass - abgesehen von den Zeichnungen - »das Buch 
im Allgemeinen eine positive Bewertung verdiene«. 30 Schlussendlich aber 
musste auch die »Prawda« zugeben, dass es sich um »eine schlecht vorbe¬ 
reitete ... Broschüre« handle, in der »eine Reihe von falschen Behauptun¬ 
gen ... und Illustrationen die Gefühle der Gläubigen verletzen und im 
Geiste des Antisemitismus gedeutet werden können«, aber »bekannter¬ 
maßen gibt es eine solche Frage in unserem Land nicht und kann es auch 


432 




Die Zeit bis zum Sechs-Tage-Krieg 


nicht geben«. 31 Die »Iswestija« schrieb allerdings zur gleichen Zeit, dass 
die Broschüre zwar einige Mängel aufweise, aber »die Idee an sich ... nicht 
angezweifelt werden kann«. 32 

Es kam auch zu Verhaftungen einiger religiöser Juden aus Moskau und 
Leningrad, denen »Spionage [Gespräche bei Treffen mit Ausländern] für 
einen kapitalistischen Staat [Israel]« vorgeworfen wurde. Dabei behaupte¬ 
te man, die Synagogen seien lediglich »Tarnungen für verschiedene kri¬ 
minelle >Operationen<« 33 , um die jüdische Gemeinschaft intensiv einzu¬ 
schüchtern. 


* 

Auf den wichtigsten Posten waren keine Juden mehr übrig geblieben, aber 
man konnte noch viele an bedeutenden Stellen im Hintergrund finden. 
(Obwohl zum Beispiel Wenjamin Dymschiz ab 1962 die Staadiche Pla¬ 
nungsbehörde Gosplan leitete und gleichzeitig 1961-1986 Stellvertreten¬ 
der Vorsitzender des Ministerrates der UdSSR und Mitglied des ZK 
war. 34 ) Auch waren die Juden seinerzeit »derart zahlreich in Tscheka, 
NKWD und MWD geströmt, dass bis jetzt - trotz aller gegen sie gerich¬ 
teten Säuberungen - immer noch wie durch ein Wunder einzelne Vertre¬ 
ter übrig blieben, wie etwa der berühmt-berüchtigte Hauptmann Ioffe in 
den Mordowsker Lagern«. 35 

Laut den Ergebnissen der landesweiten Volkszählung lebten 1959 in 
der UdSSR 2268 000 Juden. (Allerdings gibt es auch Stimmen, die davor 
warnen, dieser Zahl zu trauen: »Es ist allgemein bekannt, ... dass es mehr 
Juden in der UdSSR gibt, als bei Volkszählungen angegeben«, da bei der 
Zählung ein Jude [seine Nationalität] nicht entsprechend dem Eintrag im 
Pass, sondern entsprechend seiner Wunschnationalität angäbe. 36 ) Davon 
lebten 2162000 in den Städten, das sind 95,3% im Vergleich zu 82% im 
Jahre 1926 und 87% in 1939. 37 Und auch 1970 sollte »sich die gestiege¬ 
ne Anzahl von Juden in Moskau und Leningrad offensichtlich nicht durch 
natürlichen Zuwachs, sondern durch Zuzug (trotz aller Beschränkungen 
bei der Ummeldung) aus den anderen Städten des Landes« erklären. In 
diesen elf Jahren »zogen mindestens einige Tausend Juden nach Kiew um. 
Der Prozess der Konzentration der jüdischen Bevölkerung in den großen 
Städten hält schon seit vielen Jahrzehnten an.« 38 


433 



Kapitel 11 


Für denjenigen, der das Wohlstandsgefälle zwischen der Land- und der 
StadtbevöLkerung in der UdSSR kennt, sind das keine toten Zahlen. G. 
Rosenblum, Redakteur der angesehenen israelischen Zeitung »Yediot 
Achronot« [»Letzte Nachrichten«], erwähnt den fast wie einen Witz an¬ 
mutenden Bericht eines israelischen Botschafters in Moskau, Dr. Harel, 
der in den 60er-Jahren eine Reise durch die UdSSR unternahm. In einer 
großen Kolchose in der Nähe von Kischinjow teilte man ihm mit, dass 
»die Juden, die in der Kolchose arbeiteten, sich [mit ihm] treffen wollten. 
[Der Israeli] freute sich sehr, dass es in der Kolchose Juden gab.« (Die Liebe 
zur Landwirtschaft ist ein gutes Zeichen für Israel.) Er erzählte: »Es kamen 
drei Juden. Der eine war Kassenwart, der andere Redakteur der Kolchos- 
Zeitung und der dritte irgendein Verwaltungsangestellter. Andere fand ich 
nicht. Das heißt, was die Juden [vorher] getan haben, das taten sie auch 
weiterhin.« G. Rosenblum bestätigte seinerzeit: »In der Tat widmete sich 
die Masse der sowjetischen Juden nicht der physischen Arbeit.« 39 Und 
L. Schapiro schließt: »Die Integration der Juden in der Landwirtschaft, 
der so genannte Prozess ihrer >Agrarisierung<, endete mit einem Misser¬ 
folg, trotz aller Bemühungen ... der öffendichen jüdischen Organisatio¬ 
nen und ... der staatlichen Hilfe.« 40 

In Moskau, Leningrad, Kiew, den sowohl im materiellen als auch im 
kulturellen Sinne bestversorgten Städten, betrug der jüdische Bevölke¬ 
rungsanteil laut der Volkszählung von 1959 entsprechend 3,9, 5,8 und 
13,9%; im Vergleich zum Rest des Landes, sogar im Vergleich zu den an¬ 
deren Städten ist das gar nicht so wenig, wenn man bedenkt, dass 1959 
die Juden 1,1% der Gesamtbevölkerung der UdSSR stellten. 41 

Es war diese 95-prozentige Konzentration in den Städten, welche auch 
für die besondere Empfindsamkeit der Juden gegenüber jenem »System 
von Verboten und Einschränkungen« sorgte, das sich - wie wir bereits im 
vorangegangenen Kapitel erwähnten - bereits seit Anfang der 40er-Jahre 
abzeichnete. »Selbst wenn diese eingeschränkten Regelungen nie veröf- 
fendicht wurden und offizielle Personen hartnäckig ihre Existenz bestrit¬ 
ten, verschlossen diese Regeln den Juden recht effektiv den Zugang zu di¬ 
versen Tätigkeitsfeldern, Berufen und Positionen.« 42 

Es heißt, dass irgendwann das Besorgnis erregende Gerücht unter den 
Juden kursierte, Chruschtschow hätte während irgendeiner seiner (nicht 
veröffentlichten) Reden behauptet, dass »nur so viele Juden an die Hoch- 


434 



Die Zeit bis zum Sechs-Tage-Krieg 


schulen zugelassen werden, wie in den Schächten arbeiten«. 43 Schon mög¬ 
lich, dass ihm so etwas herausgerutscht war, das wäre durchaus sein Stil; 
nur wurde eine derartige »Gleichung« nie umgesetzt. Aber in der Tat sank 
Anfang der 60er-Jahre die verhältnismäßige Anzahl der jüdischen Stu¬ 
denten gegenüber den Vorkriegswerten erheblich ab, obwohl ihre absolu¬ 
te Anzahl anstieg: War 1936 der Anteil der jüdischen Studenten an den 
Universitäten 7,5 Mal höher als der Anteil der Juden an der Gesamtbe¬ 
völkerung, waren es nun 2,7 Mal. Diese neuen Angaben über die Vertei¬ 
lung der Studierenden der Hoch- und Mittelschulen nach dem Kriterium 
der Nationalität wurde zum ersten Mal seit dem Krieg im statistischen 
Jahrbuch »Volkswirtschaft in der UdSSR für das Jahr 1963« 45 veröffent¬ 
licht, und ab da erschienen solche Tabellen in den Jahrbüchern bis 1972. 
In absoluten Zahlen der Studierenden an den Hoch- und Fachhochschu¬ 
len belegten die Juden im Lehrjahr 1962/63 den vierten Platz hinter den 
drei slawischen Völkern 1 ; an den Hochschulen betrug ihre Anzahl 
79300, bei insgesamt 2943700 Studenten (entspricht 2,69% der Ge¬ 
samtzahl). Im nächsten Lehrjahr, 1963/64, stieg die Zahl der jüdischen 
Studenten auf 82 600 und die Gesamtzahl der Studenten in der UdSSR 
sdeg auf 3260700 (2,53%) an. Dieses Verhältnis blieb fast unverändert 
bis zum Lehrjahr 1969/70 (jüdische Studenten 101100, Gesamtzahl der 
Studierenden 4549900) und sank dann ab, sodass 1972/73 der Prozent¬ 
satz 1,91 betrug: 88500 jüdische Studenten, von insgesamt 4630200. 46 
(Vorausgreifend stellen wir fest, dass dieses Absinken zeidich mit dem Be¬ 
ginn der jüdischen Emigration nach Israel zusammenfiel.) 

Die relative Anzahl der jüdischen wissenschaftlichen Mitarbeiter sank 
in den 60er-Jahren ebenfalls: von 9,5% im Jahre 1960 auf6,l% in 1971. 47 
In denselben Jahren »zählte die sowjetische Kunst und Literatur Zehn¬ 
tausende jüdische Namen« 48 - 8,5% der Schriftsteller und Journalisten, 
7,7% der Schauspieler und Künsder, über 10% der Richter und Anwälte, 
ca. 15% der Ärzte. 49 (In der Medizin gibt es allgemein traditionell viele 
Juden, aber wer stellte, leider, jene verfluchte »sowjetische Psychiatrie«, die 
gerade in jenen Jahren damit anfing, Gesunde in die psychiatrischen An¬ 
stalten zu stecken? Bei der Auflistung der »jüdischen Berufe« schreibt M. 
Heifez: »>Die Psychiatrie ist ein jüdisches Monopols sagte mir ein jüdi- 

1 Die drei slawischen Völker: Russen, Ukrainer, Weißrussen 


435 



Kapitel 11 


scher Bekannter, der Psychiater war, kurz vor [meiner] Verhaftung. >Erst 
seit kurzer Zeit, und das auch nur wegen einer Anweisung von oben, sto¬ 
ßen einige Russen zu uns.«< Heifez nennt Beispiele: Der Chefpsychiater 
von Leningrad, Professor Awerbuch, fuhr zur Erstellung von Gutachten 
für das KGB in die unter dem Namen »Großes Haus« berüchtigte KGB- 
Zentrale, in Moskau machte das der bekannte Lunz, in der Kaluga-Region 
war es Lifschiz und »die ganze jüdische Clique mit Lifschiz an der Spitze«. 
Und als Heifez selbst verhaftet wurde, bemühte sich seine Ehefrau, einen 
Anwalt zu finden, der »Zugang« hatte, das heißt die Erlaubnis des KGB, 
politische Fälle zu vertreten — und fand »keinen einzigen Russen«, alle An¬ 
wälte mit diesem »Zugang« waren Juden. 50 ) 

1956 beschwerte sich Furzewa, damals Erster Sekretär des Moskauer 
Stadtkomitees der Partei, dass »in einigen Behörden die Juden mehr als die 
Hälfte des gesamten Personals stellen«. 51 (Als Gegengewicht muss ich an¬ 
merken: In diesen Jahren brachten die Juden im sowjetischen Apparat 
keine Nachteile. Die sowjetische bürokratische Ordnung war immer starr¬ 
sinnig und unbarmherzig gegen jeglichen lebenden Menschen, ob Besu¬ 
cher oder Bittsteller, gerichtet. Die oft versteinerten Russen in den Be¬ 
hörden nahmen gerne jede Gelegenheit wahr, ein Gesuch triumphierend 
abzuschmettern. Bei einem jüdischen Beamten hingegen konnte man auf 
lebendiges Verständnis stoßen und die Angelegenheit mit ihm auch 
menschlich regeln.) Auch L. Schapiro zitiert Beschwerden darüber, dass in 
den nationalen Republiken die einheimische Intelligenzija die Juden aus 
dem Staatsapparat drängte. 52 Aber den Einheimischen wurde dort ent¬ 
sprechend den Vorgaben der Vorzug gegeben, es handelte sich um einen 
allgemeinen Prozess in allen Republiken, der nicht minder die Russen ver¬ 
drängte. 

In diesem Zusammenhang muss man an ein Beispiel aus dem amerika¬ 
nischen Leben jener Zeit erinnern, genauer von 1965. Die New Yorker 
Abteilung des Amerikanischen Jüdischen Komitees führte in 50 New Yor¬ 
ker Banken vier Monate lang eine informelle Befragung von über 1000 
leitenden Angestellten durch, wonach das Jüdische Komitee eine Protest¬ 
notiz einreichte: Von den Befragten waren weniger als 3% Juden, obwohl 
die Juden ein Viertel der New Yorker Bevölkerung stellen, mit anderen 
Worten, man verlangte die Einhaltung einer Quote. Darauf erwiderte der 
Vorsitzende der Bankenvereinigung des Staates New York, dass eine Bank 


436 



Die Zeit bis zum Sechs-Tage-Krieg 


entsprechend dem Gesetz Merkmale wie »Rasse, Glaubensrichtung, 
Hautfarbe oder nationale Herkunft« nicht als Anstellungskriterien ver¬ 
wende und keine Listen über diese Merkmale führe. (Das wäre doch genau 
unser verfluchter »Punkt fünf«! Es sei vermerkt, dass das Jüdische Komi¬ 
tee ebenfalls eine Untersuchung über die nationale Zusammensetzung der 
Leiter der 50 bedeutendsten kommunalen Behörden in den USA durch- 
ftihrte und 1964 zu demselben Thema eine Untersuchung in der Wirt¬ 
schaft des Bezirkes von Philadelphia.) 53 

Aber kehren wir zu den sowjetischen Juden zurück. Viele von ihnen, die 
ins Ausland ausgewandert waren, tönten dort über ihre ehemalige Tätig¬ 
keit in den Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen und als Kinoregisseure. So 
erfahren wir zum Beispiel von einem jüdischen Autor: »Durch seine [Sy- 
rokomskijs] Unterstützung waren alle leitenden Posten der >Literaturnaja 
Gaseta< [>Literaturzeitung<] mit Juden besetzt.« 54 

Trotzdem lesen wir 20 Jahre später die folgende Bewertung jener Zeit: 
»Der neue Antisemitismus gewann an Kraft... und stellte in der zweiten 
Hälfte der 60er-Jahre bereits ein komplettes System von Diskreditierung, 
Erniedrigung und Isolation eines ganzen Volkes dar.« 55 

Wie ist dies alles in Einklang zu bringen? Wie sollen wir denn zu ruhi¬ 
gen und ausgewogenen Urteilen kommen? 

Zur selben Zeit gingen aus Bereichen, in denen Spitzenvertreter der 
Wirtschaft zugange waren, Signale ein, die von den Juden beunruhigt auf¬ 
genommen wurden. »In der Sowjetunion ist zu einem bekannten Grade 
die der jüdischen Soziologie vertraute Tendenz zur Konzentration von 
Juden in spezifischen Bereichen des nationalen Wirtschaftslebens erhalten 
geblieben.« 56 Währenddessen wurde Chruschtschow bewusst, dass die 
sowjetische Wirtschaft wesentlich von Massendiebstahl und Betrug do¬ 
miniert wurde. 

So »begann 1961 die Kampagne gegen den >Diebstahl von sozialisti¬ 
schem Eigentumu, die einen offen antisemitischen Charakter hatte«. 57 Ab 
1961 folgten die Straferlasse aus dem Obersten Sowjet, zuerst gegen die 
»Valuta-Spekulanten«, dann gegen Schmiergelder und danach zur Ein¬ 
führung der Todesstrafe für die genannten Vergehen, wobei diese Strafe 
gesetzeswidrig auch bei Verbrechen angewandt wurde, die vor dem Erlass 
dieser Anordnungen stattgefunden hatten (zum Besispiel im Fall von Ja. 
Rokotow und W. Fajbischenko). Gleich im ersten Jahr begannen die Hin- 


437 



Kapitel 11 


richtungen. Bei den ersten neun Gerichtsprozessen wurden elf Menschen 
zum Tode verurteilt, unter ihnen »vielleicht sechs Juden« 58 . Die »Jüdische 
Enzyklopädie« ist genauer: »In der Zeit von 1961 bis 1964 wurden in der 
UdSSR wegen Wirtschaftsverbrechen hingerichtet: in der RSFSR 39 
Juden, in der Ukraine 79« und in den anderen Republiken 43. 59 Bei die¬ 
sen Prozessen »war die erdrückende Mehrheit der Angeklagten Juden«. 
(Dabei bestand die »Öffendichkeit« des Prozesses darin, dass bei den Ge¬ 
richtsmitteilungen die vollständigen Namen der Angeklagten publik ge¬ 
macht wurden, was in der Rechtssprechung ein üblicher Vorgang war, und 
so »wurde völlig klar, dass es Juden waren«. 60 ) 

Später, bei dem großen Prozess in Frunse von 1962 waren von den 46 
Angeklagten offensichdich 19 Juden. »Es gibt keinerlei Anlass zu denken, 
dass diese neue Politik als ein System von antijüdischen Maßnahmen ge¬ 
dacht war. Aber sobald die neue Gesetzgebung umgesetzt wurde, bekam 
sie einen andjüdischen Charakter« - gemeint ist wohl die Veröffentli¬ 
chung der vollständigen Namen, also auch der Namen der angeklagten 
Juden, denn weder das Gericht noch die Regierung oder die Presse er¬ 
laubten sich direkte Anschuldigungen. Und wenn die Zeitung »Sowjeti¬ 
sches Kirgisien« schreibt: »Sie saßen auf unterschiedlichen Posten, aber sie 
waren eng miteinander verbunden«, dann diktiert das Misstrauen die 
Frage: »Aber wodurch waren sie >eng verbündend Darauf geht die Zeitung 
mit keinem Wort ein, überlässt es dem Leser, Vermutungen darüber an¬ 
zustellen, und legt den Gedanken nahe, dass den Kern der kriminellen Or¬ 
ganisation Menschen bildeten, >die eng miteinander verbunden< waren, 
und zwar durch ihr Judentum«; sie »hebt die Rolle der Juden bei diesem 
Verbrechen hervor«. 61 Aber »eng miteinander verbunden« hätten sie auch 
durch Abmachungen, Gewinnsucht, Kalküle oder Machenschaften sein 
können. Und es ist erstaunlich, dass niemand argumentiert, dass diese Per¬ 
sonen unschuldig waren (was durchaus hätte sein können). Dagegen ist es 
bereits Judenhetze, wenn man ihre Namen öffentlich nennt. 

Im Januar 1962 fand der Valuta-Schieber-Prozess in Vilnius statt. Dort 
waren alle acht Angeklagten Juden (allerdings wurden im Laufe des Pro¬ 
zesses die Namen der nichtjüdischen Nomenklatur-Beamten verschwie¬ 
gen, ein allgegenwärtiger sowjetischer Trick). Diesmal hatte die Anklage 
einen direkten antijüdischen Akzent: »Die Absprachen wurden in der Sy¬ 
nagoge getroffen, Streitigkeiten wurden durch den Rabbiner geregelt.« 62 


438 





Die Zeit bis zum Sechs-Tage-Krieg 


S. Schwaxz sieht mit voller Überzeugung in diesen gerichtlich-wirt¬ 
schaftlichen Verfolgungen nur ein Ausarten des Antisemitismus, ohne auf 
irgendeine Weise die »Tendenzen einer Konzentration von Juden in spezi¬ 
fischen Bereichen des Wirtschaftslebens« zu berücksichtigen. Von der west¬ 
lichen Presse wurde sie ebenfalls als eine grausame Kampagne gegen die 
Juden gedeutet, als Erniedrigung und Isolatton eines ganzen Volkes, und Bert- 
rand Russell protestierte dagegen in einem Brief an Chruschtschow, und 
Chruschtschow antwortete auf diesen Brief persönlich. 63 Danach aber hü¬ 
tete sich die sowjetische Regierung scheinbar davor, die Juden anzufassen. 

Im Westen wurde der staatliche Antisemitismus zur »prekärsten Frage« 
in der UdSSR (als ob es im Land nicht andere prekäre Fragen gab) oder 
zum »verbotensten Thema« erklärt. (Obwohl es eine Unzahl verbotener 
Themen gab, einschließlich des furchtbaren Kampfes gegen die Bauern 
durch die Kollektivierung oder der Auslieferung von drei Millionen Sol¬ 
daten, die allein im ersten Kriegsjahr in deutsche Kriegsgefangenschaft ge¬ 
raten waren [an Stalin], oder des vernichtenden atomaren »Experiments«, 
das 1954 auf dem Tozker Truppenübungsplatz an eigenen Truppen durch- 
gefiihrt wurde.) Natürlich ließ die Kommunistische Partei in der Zeit 
nach Stalin keine öffentlichen Aussagen gegen die Juden zu. Es ist aber gut 
möglich, dass es instruierende »geschlossene Vorträge« oder »Instruk¬ 
tionsveranstaltungen« gab, das wäre durchaus im sowjetischen Stil. Eine 
einleuchtende Schlussfolgerung ist auch bei Solomon Schwarz zu lesen: 
»Es gibt überhaupt keine ausreichend rationale Begründung für die anti¬ 
jüdische Politik der sowjetischen Regierung«, das Abwürgen des jüdischen 
Kulturlebens »kann rätselhaft erscheinen. Wie ist diese barbarische Politik 
zu erklären?« 64 

Teilweise ist sie dadurch zu erklären, dass in einem Land, in dem alles 
Lebendige unterbunden wurde, man davon ausgehen muss, dass ein der¬ 
art lebendiges und bewegliches Volk nicht verschont werden würde. In 
den 60er-Jahren kam noch das internationale Kalkül der UdSSR hinzu: 
Eine Kampagne gegen Israel wurde gebraucht. Man fand den bequemen, 
zweideutigen und unverbindlichen Terminus »Antizionismus«, der »zum 
Damoklesschwert wurde, das über der gesamten jüdischen Bevölkerung 
des Landes schwebte«. 65 Eine Zeitungskampagne gegen den »Zionismus« 
wurde zum undurchlässigen Schutzschirm, es ließ sich nicht nachweisen, 
dass es sich dabei um einfachen Antisemitismus handelte. Zeitgleich tönte 


439 



Kapitel 11 


es gefährlich und bedrohlich: »Der Zionismus ist eine Waffe des amerika¬ 
nischen Imperialismus.« Die Juden »mussten direkt oder indirekt ihr e 
Loyalität nachweisen, indem sie auf die eine oder andere Weise ihre Um¬ 
gebung davon überzeugten, dass sie nichts mit dem eigenen Judentum zu 
tun haben, geschweige denn mit dem Zionismus«. 66 

Die Empfindungen eines durchschnittlichen Juden in der UdSSR 
waren tatsächlich zunehmend von Niedergeschlagenheit geprägt, wie es 
einer von ihnen deudich formuliert hat: »In den Jahren der Verfolgung 
und Demütigungen entwickelten die Juden einen bestimmten psychi¬ 
schen Komplex des Misstrauens gegenüber jeder Äußerung, die an sie ge¬ 
richtet war und von Nicht-Juden ausging. Sie waren bereit, in allem eine 
verborgene oder direkte Anspielung auf ihre Nationalität zu erkennen ... 
Die Juden können niemals öffendich über ihr Judentum reden, und es ist 
offiziell akzeptiert, dass man darüber schweigen sollte, als ob es sich um 
eine Art Laster oder eine kriminelle Vergangenheit handele.« 67 

Eine tiefe Spur hinterließ 1959 ein Zwischenfall in Malachowka, einer 
Siedlung »eine halbe Stunde von Moskau entfernt, ... mit 30000 Ein¬ 
wohnern, von denen etwa 10% Juden sind ... In der Nacht auf den 
4. Oktober gingen das Dach der Synagoge und ... das Häuschen des jü¬ 
dischen Friedhofwächters in Flammen auf. Bei dem Brand kam die Ehe¬ 
frau des Wächters um. In derselben Nacht wurden in Malachowka Flug¬ 
blätter aufgeklebt und verteilt: Weg mit den Juden aus dem Handel ... 
Wir retteten sie vor den Deutschen ... Sie haben sich so schnell wieder zu 
viel herausgenommen, dass das russische Volk nicht mehr versteht, ... wer 
denn Gast in wessen Land ist.«< 68 

Der Zustand wachsender Niedergeschlagenheit wucherte sogar in ein 
Syndrom aus, das Dora Sturman beschreibt: Ein Teil der »jüdischen Be¬ 
wohner steigerte sich in einen Hass gegenüber Israel hinein und hielt es 
für einen Generator des Antisemitismus in der sowjetischen Politik. Ich 
erinnere mich an den Ausspruch einer erfolgreichen jüdischen Lehrerin: 
Wenn man eine anständige Bombe auf dieses ganze Israel werfen würde, 
wäre unser Leben viel einfachem« 69 

Aber hierbei handelt es sich um eine hässliche Ausnahme. Allgemein 
bewirkte das Toben der antizionistischen Kampagne ein »verstärktes 
Wahrnehmen des eigenen Judentums und wachsende Sympathien gegen¬ 
über Israel als einem Vorposten des Judentums im Allgemeinen«. 70 


440 





Die Zeit bis zum Sechs-Tage-Krieg 


Uns wird auch folgende Erklärung der damaligen gesellschaftlichen Si¬ 
tuation angeboten: Ja, unter Chruschtschow »gehörte die Angst um das ei¬ 
gene Leben der Vergangenheit an«, aber es wurde »das Fundament eines 
neuen Antisemitismus gelegt«: eine junge Nomenklatura-Generation, 
hungrig nach den Kasten-Privilegien, »kämpfte darum, die führenden 
Positionen in Kultur, Wissenschaft, Handel und Finanzen zu erobern. 
Hierbei fand auch die >Bekanntschaft< der frisch gebackenen sowjetischen 
Aristokratie mit den Juden statt, die in diesen Bereichen traditionell eine 
gewichtige Rolle spielten.« Und »die soziale Struktur der jüdischen Bevöl¬ 
kerung, die hauptsächlich in den Hauptzentren des Landes versammelt 
war, erinnerte die machthabende Spitze an die Struktur ihrer eigener 
Schicht.« 71 

So ein Treffen hat zweifellos stattgefunden, es war die historische 
»Wachablösung« der Juden durch die Russen an der Spitze der sowje¬ 
tischen Gesellschaft. Dabei entwickelte sich zweifelsohne ein Antago¬ 
nismus, durch den hindurch, ich erinnere mich, zu Chruschtschows Zei¬ 
ten bei den Gesprächen in jüdischen Kreisen nicht nur Hohn, sondern 
auch bittere Enttäuschung zu hören waren - man fühlte sich beleidigt, 
weil Emporkömmlinge aus dem Dorf, »Mushiki«, Bauernpack, an die 
Spitze gelangt waren. 

Doch im Großen und Ganzen war durch den Druck unterschiedlicher 
Einflüsse, aber auch durch die größere Umsicht der sowjetischen Regie¬ 
rung 1965 »die Verbreitung und Schärfe des zeitgenössischen sowjetischen 
Antisemitismus weit geringer« als jener, der »in den Kriegs- und in den 
ersten Nachkriegsjahren« zu beobachten war. Es war »offenbar eine merk¬ 
liche Abschwächung« zu beobachten, »vielleicht ein einsetzendes Abster¬ 
ben der >Quote<«. 72 Allgemein empfand sich das Judentum in den 60er- 
Jahren im Wohlstand, das können wir bei vielen Autoren hören. (Ein 
Gegengewicht zu dem gerade Gelesenen darüber, dass in den 60er-Jahren 
»der neue Antisemitismus an Kraft gewann«.) 20 Jahre später wird dieser 
Eindruck wiederholt ausgesprochen: »Für >die Juden insgesamt war die 
Zeit von Chruschtschow eine der ruhigsten in der ganzen sowjetischen 
Geschichte.« 73 

»In den Jahren 1956 und 1957 entstanden viele neue zionistische Ar¬ 
beitskreise, in denen junge Juden mitwirkten, die vorher kein besonderes 
Interesse an jüdischen nationalen Problemen und am Zionismus gehabt 


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Kapitel 11 


hatten. Ein wichtiger Anstoß für die Erweckung des nationalen Selbstbe¬ 
wusstseins bei den Juden in der UdSSR und die Schaffung eines Solidari- 
tätsgefiühls für den Staat Israel wurde der Sinai-Feldzug [1956]«; und »ein 
Katalysator für das Wiedererstehen der zionistischen Bewegung in der 
UdSSR wurde für viele Juden das Internationale Fesdval der Jugend und 
Studenten [Moskau, 1957] ... In der Zeit zwischen dem Festival und 
dem Sechs-Tage-Krieg [1967] gewannen die zionistischen Aktivitäten in 
der UdSSR an Umfang. Die Verbindungen zwischen den sowjetischen 
Juden und der israelischen Botschaft mehrten sich, die Kontakte wurden 
weniger gefährlich«, »die Bedeutung des jüdischen »SamisdatI stieg 
sprunghaft an. 74 « 

In der Übergangsphase zwischen den 50er- und 60er-Jahren, während 
Chruschtschows »Tauwetter«, konnten sich die Juden in der UdSSR nicht 
nur geistig auffichten und die Angst abschütteln, die sie in den Zeiten der 
»Kosmopoliten«-Hetze und des »Arzteprozesses« erdrückt hatte, es wurde 
in der Gesellschaft der Hauptstadt »sogar populär, ein Jude zu sein«. Die 
jüdische Thematik wurde vom Samisdat aufgegriffen und kam in Poesie- 
Abenden, die bei der Jugend sehr beliebt waren, zum Ausdruck. Rimma 
Kasakowa hat den Mut gefunden und von der Bühne ihre jüdische Ab¬ 
stammung proklamiert; den neuen Trend hat auch Jewtuschenko sofort 
aufgeschnappt und in seinem »Babij Jar« 75 zum Ausdruck gebracht, in 
dem er sich zu einem Juden im Geiste erklärte. Sein Gedicht (und der Mut 
der »Literaturzeitung«, die es publiziert hat) erklang wie eine Himmels¬ 
posaune ftir sowohl das ganze sowjetische als auch das Weltjudentum. Da¬ 
nach rezitierte Jewtuschenko dieses Gedicht bei vielen öffentlichen Le¬ 
sungen, immer von Beifallsstürmen begleitet. Nach einiger Zeit nahm sich 
auch Schostakowitsch, der sich nicht wenig mit der jüdischen Thematik 
beschäftigt hatte, des Gedichts an und verwendete es für seine 13. Sym¬ 
phonie. Sie wurde nur begrenzt zur Aufführung zugelassen. »Babij Jar« 
hatte für das Judentum, und zwar nicht nur das sowjetische, die Wirkung 
eines aufmunternden und heilenden Strahls, eines »revolutionären Akts 
... in der Entwicklung des öffentlichen Bewusstseins in der Sowjetunion« 


1 Samisdat: im Selbstverlag zumeist als Typoskript vervielfältigte, offiziell verbo¬ 
tene Literatur 


442 



Die Zeit bis zum Sechs-Tage-Krieg 


und erwies sich daher »als das bedeutendste Ereignis seit der Einstellung 
des >Arzteprozesses<«. 76 

In den Jahren 1964 und 1965 kehrte das jüdische Thema auch in die 
Literatur zurück, mit »Ein Sommer in Sosnjaki« von Anatolij Rybakow 
und dem Tagebuch von Mascha Rolnik 77 (»eine klare Nachahmung des 
/Tagebuchs der Anne Frank<« 78 ). 

»Nachdem Chruschtschow all seiner Ämter enthoben worden war, 
wurde die Regierungspolitik gegenüber den Juden etwas milder. Der 
Kampf gegen den Judaismus wurde abgeschwächt, fast alle Einschrän¬ 
kungen bezüglich der Matzen wurden aufgehoben ... Nach und nach ließ 
der Kampf gegen die Wirtschaftskriminalität nach ...« Allerdings »wurde 
in der sowjetischen Presse eine Propaganda-Kampagne gegen die zionisti¬ 
sche Tätigkeit unter den sowjetischen Juden und ihre Verbindungen zur 
Israelischen Botschaft lanciert«. 79 

Alle diese Schwankungen und Umbrüche der Situation in der Sowjet¬ 
union gingen am jüdischen Selbstbewusstsein durchaus nicht spurlos vor¬ 
über, sondern hinterließen einen tiefen Einschnitt. 

Bei der Volkszählung von 1959 nannten nur 21% der Juden Jiddisch 
als ihre Muttersprache (1926 waren es 72% gewesen). 80 Noch in den /Oer- 
Jahren sah man die Dinge so: »Das russische Judentum, das einmal das jü¬ 
dischste der Welt gewesen war, wurde nun das unjüdischste.« 81 »Die heu¬ 
tige Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft birgt für das Judentum 
eine Zerstörung seines geistigen und intellektuellen Potenzials.« 82 Oder 
genauer gesagt, wie es ein anderer Autor später formulierte: »[Den Juden 
in der UdSSR] erlaubt man weder sich zu assimilieren noch Jude zu 
sein.« 83 

Allerdings starb in der gesamten sowjetischen Periode die jüdische 
Selbstwahrnehmung nie völlig ab. 

1966 proklamierte sogar das offizielle »Sowjetisch Heimland«, dass 
»selbst die assimilierten Juden, die Russisch sprachen, trotz allem ihren ei¬ 
genen, von anderen Bevölkerungsschichten unterscheidbaren Charakter 
beibehielten«. 84 Geschweige denn die Juden von Odessa, Kiew, Charkow, 
die »mit ihrer Jüdischkeit gelegentlich prahlten und sich mitunter weiger¬ 
ten, mit den >Gojim< freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten«. 85 

Der Wissenschaftler LewTumerman erinnerte sich (1977, bereits in Is¬ 
rael) an die frühere sowjetische Zeit und dass er damals »jeglichen Natio- 


443 



Kapitel 11 


nalismus ablehnte«. Aber nun, auf jene Jahre zurückblickend, »bemerkte 
ich mit Verwunderung etwas, das mir damals entging: Trotz der scheinbar 
totalen Assimilation mit dem russischen Umfeld blieb mein engerer 
Freundeskreis jüdisch.« 86 

Die Aufrichtigkeit seiner Aussage muss nicht angezweifelt werden, sie 
ist einfach dem Leben entnommen. Man akzeptiert das vorbehaltlos, eine 
solche Situation habe ich mehr als einmal beobachten können, sie ruft bei 
den Russen auch keinerlei Verbitterung hervor. 

Ein anderer jüdischer Autor bemerkt: In der UdSSR »kämpften alle 
nicht-religiösen Juden aller Richtungen gemeinsam ftir das Prinzip der 
>Rassenreinheit<«, und er ergänzt: »Nichts wäre natürlicher. Menschen, ftir 
die das Judentum nur ein leerer Begriff ist und die dabei nicht assimiliert 
sind, findet man nur sehr selten.« 87 

Sehr charakteristisch ist auch das Eingeständnis von Nathan Schtscha- 
ranskij, das er kurz nach seiner Ankunft in Israel niederschrieb: »Vieles 
von meinem Judentum wurde mir bereits von meiner Familie mit auf den 
Weg gegeben. Unsere Familie war zwar assimiliert, aber trotzdem jüdisch.« 
Der Vater war »ein einfacher sowjetischer Journalist« und so »begeistert 
von den revolutionären Ideen des >Glücks ftir jedermanm und nicht nur 
ftir die Juden, dass er ein absolut loyaler Sowjetbürger wurde.« Aber nach 
dem Sechs-Tage-Krieg 1967 und dann 1968 nach den Ereignissen in der 
Tschechoslowakei »spürte ich plötzlich eine klare Differenz zwischen mir 
und den Nicht-Juden, die mich umgaben ... Das Gefühl eines grund¬ 
sätzlichen Unterschieds zwischen meinem jüdischen Bewusstsein und 
dem nationalen Bewusstsein der russischen Menschen.« 88 

Ein weiteres, sehr nachdenkliches Zeugnis (1975): »Die Bemühungen, 
die in den letzten 100 Jahren von der jüdischen Bildungsschicht unter¬ 
nommen wurden, um zu einer russischen nationalen Form zu finden, 
waren in der Tat von titanischem Ausmaß. Allerdings führten sie nicht zu 
seelischer Ausgeglichenheit; im Gegenteil, sie ließen die Schmerzlichkeit 
einer binationalen Existenz deudicher werden.« Und auf »die tragische 
Frage von Alexander Blök 1 : >Mein Russland, mein Leben, müssen wir ge¬ 
meinsam leiden?<, eine Frage, auf die ein Russe in der Regel eine eindeu¬ 
tige Antwort hat, antwortete die russisch-jüdische Intelligenzija, manch- 


1 Alexander Blök (1880-1921): Dichter des russischen Symbolismus 


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Die Zeit bis zum Sechs-Tage-Krieg 


mal nach kurzem Nachdenken: >Nein, nicht gemeinsam. Nebeneinander, 
bis die Zeit reif ist, aber nicht gemeinsam^ ... Verpflichtungen sind kein 
Ersatz für eine Heimat.« Und dadurch »waren dem Judentum bei allen 
scharfen Wendungen der russischen Geschichte die Hände nie gebun¬ 
den«. 89 

Sehr ehrlich. Man kann nur davon träumen, dass alle russischen Juden 
die Klarheit erlangen, dieses Dilemma anzuerkennen. 

Denn gewöhnlich sieht man das ganze Problem nur »im Antisemi¬ 
tismus«: »Nachdem man uns verweigert hat, uns allem wirklich Russi¬ 
schen anzuschließen, verbot jener [sowjetische] Antisemitismus, uns 
allem Jüdischen zu nähern ... Der Antisemitismus ist nicht so sehr be¬ 
ängstigend durch das, was erden Juden antut (indem er die bekannten Ein¬ 
schränkungen aufbaut), wie durch das, was er an den Juden tut , indem er 
sie in Neurotiker, Unterdrückte, Komplexbeladene und Benachteiligte 
verwandelt.« 90 

Tatsächlich wurden jene Juden, die sich zur Gänze als Juden wahrnah¬ 
men, vollständig, schnell und sicher von diesen krankhaften Zuständen 
geheilt. 

Die jüdische Selbstwahrnehmung in der UdSSR erstarkte nach und 
nach, als die Juden die geschichdichen Prüfungen ablegten, die ihnen das 
20. Jahrhundert stellte. Zuerst war es die Shoa während des Zweiten Welt¬ 
krieges. (Durch die Bemühungen der sowjetischen Verzerrungen und das 
Verschweigen verzögerte sich ihre Wahrnehmung beim sowjetischen Ju¬ 
dentum.) 

Ein weiterer Anstoß war die Kampagne gegen die »Kosmopoliten« in 
den Jahren 1949/50. 

Danach kam die totale Bedrohung einer stalinistischen Vernichtung, 
die durch den baldigen Tod des Tyrannen beseitigt wurde. 

Aber angefangen mit Chruschtschows »Tauwetter« und danach, in den 
60er-Jahren auch schon ohne »Tauwetter«, konnte sich das sowjetische Ju¬ 
dentum schnell aufrichten und nahm sich selbst eben als sowjetisches Ju¬ 
dentum wahr. 

Bereits in der zweiten Hälfte der 50er-Jahre führte »das wachsende 
Gefühl der Verbitterung, das weite Teile des sowjetischen Judentums er¬ 
griffen hatte«, zu einer »Stärkung des Gefühls einer nationalen Solida¬ 
rität«. 91 


445 



Kapitel 11 


Aber »erst Ende der 60er-Jahre begann eine sehr kleine Gruppe von 
Wissenschaftlern - wobei es sich nicht um Geisteswissenschaftler handel¬ 
te (die bedeutendste Figur unter ihnen war gewiss Alexander Woronel) - 
mit Überzeugung ... ein jüdisches nationales Bewusstsein in Russland 
wiederherzustellen«. 92 

Während so das Selbstbewusstsein der sowjetischen Juden wuchs, er¬ 
eignete sich der Sechs-Tage-Krieg, der fast sofort gewonnen wurde, was 
wie ein Wunder anmutete. Israel erhob sich in ihren Vorstellungen empor, 
der Krieg erweckte in ihnen ein Gefühl der Seelen- und der Blutsver¬ 
wandtschaft. 

Aber die sowjetische Regierung, durch Nassers peinliche Niederlage in 
Rage versetzt, stürzte sich sofort auf die Juden mit einer Kampagne gegen 
»Judaismus - Zionismus - Faschismus« und mit der Frage, ob nicht alle 
Juden »Zionisten« seien, und damit, dass eine »weltweite Verschwörung« 
des Zionismus »eine konsequente, unvermeidliche Folge der gesamten jüdi¬ 
schen Geschichte, der jüdischen Religion und des durch sie geschaffenen jüdi¬ 
schen nationalen Charakters sei«, dass »das Judentum eine sehr bequeme 
Religion zur Ergreifung der Weltherrschaft sei, da es ziemlich konsequent 
eine Ideologie der Rassenherrschaft und der Apartheid umsetzt«. 93 

Die Kampagne im Fernsehen und in den Zeitungen wurde zusätzlich 
vom dramatischen Ende der diplomatischen Beziehungen zu Israel be¬ 
gleitet. Die sowjetischen Juden hatten allen Grund, Angst zu haben: »Es 
schien, als ob sich die Lage dahingehend entwickelte, dass es jeden Mo¬ 
ment zu Pogromaufrufen kommen konnte.« 94 

Aber unter der Kruste dieser Angst bereitete sich das jüdische nationa¬ 
le Bewusstsein auf eine neue und nicht mehr umkehrbare Explosion vor. 

»Verbitterung, Gram, Erbostheit, Unglaube an die Zukunft sammelten 
sich, um letztendlich nach außen zu brechen und zu einer völligen Abkehr 
von [diesem] Land und [dieser] Gesellschaft zu fuhren - zur Emigra¬ 
tion.« 95 

»Der Sieg der israelischen Armee bewirkte ein Erwachen des nationa¬ 
len Selbstbewusstseins bei vielen Tausenden fast völlig assimilierten sow¬ 
jetischen Juden ... Ein Prozess der nationalen Wiedergeburt setzte ein ... 
Aktivitäten diverser zionistischer Gruppen in den unterschiedlichen Städ¬ 
ten des Landes wurden angekurbelt ... 1969 wurden Versuche unter¬ 
nommen, eine [UdSSR-weite] vereinigte zionistische Organisation zu 


446 



Die Zeit bis zum Sechs-Tage-Krieg 


schaffen ... Die Anzahl der Juden, die Anträge auf eine Ausreise nach Is¬ 
rael stellten, wuchs.« 96 

Die zahlreichen Ablehnungen der Ausreisegesuche führten zu der miss¬ 
glückten Flugzeugentführung vom 15. Juni 1970. Der anschließende 
»Flugzeugprozess« 1 kann als historischer Wendepunkt des Schicksals des 
sowjetischen Judentums betrachtet werden. 


1 Siehe unten S. 494. 


447 



Kapitel 12 

Die Abkehr vom Bolschewismus 


Z u Beginn des 20. Jahrhunderts, als Europa sich bereits an der Schwel¬ 
le zu einer allumfassenden, auf der Vernunft begründeten Weitsicht 
wähnte, hat niemand Voraussagen können, mit welch archaischer Ge¬ 
walt gerade in diesem Jahrhundert die nationalen Gefühle aller Völker der 
Welt auflodern würden. Und hundert Jahre später sind wir immer noch 
erstaunt: Nicht ein nahes Ableben der Nationalgefuhle (wie es uns ein 
ganzes Jahrhundert lang die International-Sozialisten einzureden versuch¬ 
ten), sondern ihr Erstarken scheint in der kommenden Zeit wahrschein¬ 
licher. 

Aber macht denn nicht gerade die Multinationalität der Menschheit 
ihre Vielfältigkeit und ihren Reichtum aus? Eine Erosion der Nationen 
wäre aller Wahrscheinlichkeit nach ein Verlust ftir die Menschheit, eine 
Entropie des Geistes. (Und die Jahrhunderte der nationalen Kulturen 
würden zu toten, von niemandem benötigten Speichern werden.) Das ist 
eine kümmerliche industrielle Denkweise, der zufolge bei allgemeiner 
Gleichartigkeit die Organisation des Lebens auf dem Planeten einfacher 
wäre. Das Leben wäre auch um einiges widerwärtiger. 

Im sowjetischen Imperium redete man allerdings immer schon auf- 
dringlich-triumphierend vom Einebnen und Zusammenfließen der Na¬ 
tionen, darüber, dass »bei uns keine Nationalitätenfragen existieren«, erst 
recht keine »jüdische Frage«. 

Alle nationalen Fragen, selbst die der Gagausen 1 , stellen sich irgend¬ 
wann. Die jüdische Frage ist die Frage einer Nation, die seit 3000 Jahren 
in aller Welt verstreut und dabei im Geiste vereint eine einzigartige 
Existenz fuhrt, im Widerspruch zu allen Vorstellungen von Staadichkeit 
und Territorialität lebt und dennoch auf lebendigste und stärkste Art 


1 Gagausen: chrisdich-orthodoxes türkisches Volk in Moldawien, der Dobrudsha 
und Bessarabien 


448 



Die Abkehr vom Bolschewismus 

und Weise auf die gesamte Weltgeschichte einwirkt, sodass die Juden auch 
»die Achse der Weltgeschichte« genannt wurden. Warum sollte denn diese 
Frage nicht existieren? 

Diese dümmlichen Zweifel wären auch nie aufgekommen, wenn mit 
der jüdischen Frage zu verschiedenen Zeitpunkten nicht diverse politi¬ 
sche Spiele gespielt worden wären, in jeder Epoche, wie sie es gerade 
brauchte. 

So auch bei uns in Russland. In der vorrevolutionären Gesellschaft galt, 
wie wir gesehen haben, als »Antisemitismus« sogar das »Verschweigen« der 
jüdischen Frage. Mehr als das: Im Bewusstsein der russischen Gesellschaft 
wurde die jüdische Frage - damals verstanden als bürgerliche Gleichwer¬ 
tigkeit oder Vollwertigkeit- gar zur zentralen Frage des russischen öffent¬ 
lichen Lebens, zumindest zum Mittelpunkt des Gewissens des Einzelnen, 
zu seinem Lackmustest. 

Es gab aber auch die Gegensituation: Mit dem Erstarken des europäi¬ 
schen Sozialismus wurden alle nationalen Fragen zu einem ärgerlichen 
Hindernis auf dem Weg dieser großen Lehre, und die jüdische Frage (die 
Marx direkt dem Kapitalismus zugeordnet hatte) erschien erst recht wie 
eine aufgeblasene Nichtigkeit. Mommsen bestätigt, dass in den Kreisen 
»des wesdich-russischen sozialistischen Judentums« der geringste Versuch, 
die jüdische Frage anzusprechen, dazu führte, dass man als »Reaktionär« 
und »Antisemit« verrufen wurde. (Das war noch in der Zeit vor der Grün¬ 
dung des »Bund«.) 

Diese beinharte sozialistische Position wurde von der UdSSR über¬ 
nommen. Ab 1918 war es bei uns strikt (unter Androhung von Gefäng¬ 
nis und sogar Erschießung) verboten, in irgendeiner Weise die jüdische 
Frage hervorzuheben. (Abgesehen von Mideidsbekundungen angesichts 
des Schicksals der Juden unter dem Zarenregime und Rührung ob ihrer 
aktiven Integration in die kommunistische Bewegung.) Das Bewusstsein 
der Inteüigenzija folgte diesem neuen Kanon größtenteils freiwillig und 
gerne; die Übrigen folgten gezwungenermaßen. 

Diese Verhältnisse behielt die kommunistische Regierung unerschüt¬ 
terlich auch während des deutsch-sowjetischen Krieges bei: Angeblich ist 
auch damals keine besondere »jüdische Frage« aufgetaucht. Und bis zum 
Schluss, bis zum eigenen Niedergang unter Gorbatschow, hörte diese 
Macht nicht auf, eisern zu behaupten: Eine jüdische Frage gibt es nicht. 


449 



Kapitel 12 

nein, nein und nochmals nein! (Man hatte sie gegen die »zionistische« 
Frage ausgetauscht.) 

Aber bereits seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als die sowjeti¬ 
schen Juden das Ausmaß der jüdischen Vernichtung unter Hitler erkann¬ 
ten und danach Stalins »kosmopolitische« Kampagne Ende der 40er-Jahre 
zu spüren bekamen, manifestierte sich im Bewusstsein der sowjetischen 
gebildeten Öffendichkeit das Gegenteil: dass es in der UdSSR eine jüdi¬ 
sche Frage gibt, ja doch, und wie es sie gibt! So stellte sich wieder das vor¬ 
revolutionäre Verständnis ein, dass diese Frage sogar zentral für die russi¬ 
sche Gesellschaft und für das Gewissen des Einzelnen sei; dass die jüdische 
Frage das »Maß der wahren Menschlichkeit« 1 sei. 

Im Westen waren es nur die Führer des Zionismus, die seit dem Ende 
des 19. Jahrhunderts überzeugt von der historischen Einzigartigkeit und 
der unveränderten Dringlichkeit der jüdischen Frage sprachen. (Auch 
wenn einige von ihnen der Starrsinnigkeit des europäischen Sozialismus 
eng verbunden blieben.) 

Nach der Gründung Israels verwirrten die Stürme, die um den neuen 
Staat tobten, den Unschuldszustand des europäischen sozialistischen Be¬ 
wusstseins. 

Hier drängen sich zwei kleine, aber zu ihrer Zeit breit diskutierte und 
typische Beispiele auf: Bei einem der so genannten »Dialoge zwischen Ost 
und West« (eine trickreiche Einrichtung aus der Zeit des Kalten Krieges, 
bei der osteuropäische Beamte oder Regimehörige als Gesprächsgegner 
der westlichen Diskussionsteilnehmer aufgestellt wurden und wirre 
Staatsdogmen als ihre eigenen, aus tiefster Seele stammenden Überzeu¬ 
gungen präsentierten), der Anfang 1967 stattfand, erklärte der slowaki¬ 
sche Schriftsteller Ladislav Mnjacko, ein würdiger Vertreter des sozialisti¬ 
schen Ostens, recht scharfsinnig, dass er während seiner Tätigkeit, gar in 
seinem ganzen Leben, nie irgendeinen Konflikt mit der kommunistischen 
Regierung gehabt habe, bis auf einen Fall, als man ihm den Führerschein 
abnahm, weil er gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen hatte. Sein 
französischer Widersacher erklärte erzürnt, dass es sicherlich einen Punkt 
gab, in dem Mnjacko sich hätte gegen die Regierung stellen sollen: Als im 
Nachbarland Ungarn der Aufstand in Blut ertränkt wurde. Aber nein, die 
Niederschlagung in Ungarn tangierte Mnjackos Seelenfrieden nicht und 
veranlasste ihn zu keinerlei hastigen oder dreisten Schritten. Nach diesem 


450 



Die Abkehr vom Bolschewismus 


»Gespräch« vergingen ein paar Monate - und der Sechs-Tage-Krieg lo¬ 
derte auf. Die treu-kommunistische tschechoslowakische Regierung unter 
Novotny beschuldigte Israel der Aggression und beendete alle diplomati¬ 
schen Beziehungen mit dem Land. Und was geschah dann? Mnjacko (ein 
Slowake, der mit einer Jüdin verheiratet war), den die Unterdrückung Un¬ 
garns unberührt gelassen hatte, erzürnte und entrüstete sich nun derma¬ 
ßen, dass er seine Heimat verließ und als Zeichen des Protests nach Israel 
zog. 

Das zweite Beispiel, ebenfalls aus dem Jahre 1967: Der bekannte fran¬ 
zösische Sozialist Daniel Mayer veröffendichte zum Zeitpunkt des Sechs- 
Tage-Krieges in »Le Monde«, dass er von nun an: 1) sich schäme, ein 
Sozialist zu sein, weil die UdSSR sich sozialistisch nenne (als in der 
UdSSR nicht nur das Volk abgeschlachtet wurde, was [ftir ihn] wohl 
irgendwie in Ordnung ging, sondern sogar auch Sozialisten vernichtet 
wurden, da hatte er sich nicht geschämt); 2) sich schäme, Franzose zu sein 
(wohl wegen der falschen Position de Gaulles); 3) sich schäme, Mensch zu 
sein (ist das nicht ein wenig zu viel?); und sich lediglich nicht schäme, ein 
Jude zu sein. 2 

Wir sind bereit, sowohl Mnjackos Entrüstung als auch Mayers Zorn zu 
teilen, und richten unsere Aufmerksamkeit lediglich auf die Radikalität 
ihrer Emotionen — wo sie doch vorher lange Zeit dem Kommunismus 
loyal und ergeben waren. Denn dieser Gefuhlsausbruch ist auch ein As¬ 
pekt der jüdischen Frage im 20. Jahrhundert. 

Wie kann man denn sagen, es hätte diese Frage »nicht gegeben«? 

Wer in der Zeit zwischen den 50er- und 80er-Jahren die amerikani¬ 
schen Radiosendungen hörte, die in die UdSSR übertragen wurden, der 
konnte den Eindruck gewinnen, dass es keine Frage in unserem Land 
gäbe, die so wichtig wäre wie die jüdische. (Zur selben Zeit in den Ver¬ 
einigten Staaten, wo man die Juden »durchaus als ... sehr privilegierte 
Minderheit bezeichnen kann« und wo sie »beispiellose Positionen erreicht 
haben, findet die Mehrheit [der amerikanischen Juden] dennoch, dass 
Hass und Diskriminierung seitens der christlichen Mitbürger düstere Tat¬ 
sachen in unserem heutigen Alltag sind« 3 ; aber das laut auszusprechen, 
Wirde nicht glaubwürdig Hingen. Deshalb gibt es keine jüdische Frage; 
auf sie aufmerksam zu machen und sie zu stellen gehört sich nicht und gilt 
als unanständig.) 


451 



Kapitel 12 


Wir müssen uns angewöhnen, über die jüdische Frage nicht im Flüs¬ 
terton und ängsdich zu sprechen, sondern klar, deudich und begründet. 
Ohne glühende Leidenschaft, sondern mitfühlend, sowohl das unge¬ 
wöhnliche und nicht einfache jüdische historische Schicksal begreifend als 
auch unsere Jahrhunderte, die ebenfalls voller großer Leiden sind. Dann 
werden sich die oft ausufernden beiderseitigen Vorurteile verflüchtigen 
und eine ruhige Nüchternheit wird einkehren. 

Bei der Arbeit an diesem Buch stellte ich fest, dass die jüdische Frage 
nicht nur immer und überall in der Weltgeschichte präsent war. Sie war 
auch nie national begrenzt wie andere nationale Fragen, sondern ging - 
vielleicht durch den jüdischen Glauben bedingt? - immer in etwas ganz 
Wesentliches ein. 

* 

Ende der 60er-Jahre, als ich meinen Eindruck überprüfte, dass das kom¬ 
munistische Regime tatsächlich dem Untergang geweiht war, wurde ich in 
meiner Meinung wesentlich von der Beobachtung bestätigt, dass sich auch 
die Juden von ihm so zahlreich abgewendet hatten. 

Es gab Zeiten, da sie geschlossen und konsequent das sowjetische Re¬ 
gime unterstützten und seine Zukunft zweifelsfrei gesichert zu sein schien. 
Aber dann begannen die Juden - zuerst die denkende Elite und dann auch 
der Rest — sich von ihm zu entfernen. Bedeutete das nicht, dass seine Jahre 
gezählt waren? Das war symptomatisch. 

Wann genau kam es dazu, dass die Juden von einer zuverlässigen Stüt¬ 
ze zu der vielleicht wichtigsten Opposition wurden? 

Zu sagen, dass die Juden immer auf der Seite der Freiheit stehen, wäre 
nicht richtig. Wir haben zu viele von ihnen als Lobpreiser unseres Fana¬ 
tismus gesehen. Aber dann haben sie sich abgewandt. Und ohne sie - 
dabei auch noch selbst in die Jahre kommend - verlor der bolschewisti¬ 
sche Fanatismus nicht nur seine Hitzigkeit, er hörte sogar auf, Fanatismus 
zu sein, er wurde auf russische Weise faul und in Breshnews Art träge. 

Die kommunistische Regierung erfüllte nach dem sowjetisch-deut¬ 
schen Krieg die Hoffnungen der Juden nicht: Es stellte sich heraus, dass 
es schlimmer als vorher war, unter ihr zu leben. Wir haben die wichtigsten 
Stufen dieser Spaltung gesehen. Die Unterstützung des neugeborenen 


452 



Die Abkehr vom Bolschewismus 


Staates Israels durch die Sowjetunion inspirierte die sowjetischen Juden. 
Die Hetzjagd auf die »Kosmopoliten« - der Kommunismus fing an, die 
Juden abzudrängen und einzugrenzen - beunruhigte sie sehr, aber in ers¬ 
ter Linie die jüdische Intelligenzija und nicht die breite jüdische Masse. 
Die furchtbare Bedrohung einer stalinistischen Abrechnung rüttelte sie 
weit mehr auf, aber sie war nur kurzfristig und verschwand bald auf wun¬ 
dersame Weise. In der Folgephase, während der »Herrschaft der sieben« 
und nach dem Machtantritt Chruschtschows, traten Enttäuschungen an 
die Stelle der jüdischen Hoffnungen. Irgendwie verschwamm die Aussicht 
auf eine stabile Verbesserung. 

Dann aber platzte der Sechs-Tage-Krieg herein, der mit biblischer Ge¬ 
walt sowohl das weltweite als auch das sowjetische Judentum erschütter¬ 
te. Eine lawinenartige Wiederbelebung des jüdischen Bewusstseins setzte 
ein. Nach dem Sechs-Tage-Krieg »veränderte sich viel ... Ein Impuls zu 
handeln war da. Es gingen Briefe und Petitionen an die sowjetischen und 
die internationalen Organe ein. Das nationale Leben erwachte wieder: 
Während der Feiertage war es kaum möglich, einen Platz in der Synago¬ 
ge zu finden, es entstanden illegale Arbeitskreise für das Studium der jü¬ 
dischen Geschichte, Kultur und des Hebräischen.« 4 

Zeitgleich erstarkte der Kampf gegen den »Zionismus«, der bereits mit 
dem »Imperialismus« verflochten wurde. Dadurch wurde den Juden die¬ 
ser stumpfsinnige Bolschewismus nur noch fremder und widerlicher - 
und woher stammte er denn überhaupt? 

Man muss allerdings sagen, dass viele gebildete Juden ihre Abwendung 
vom Kommunismus schweren Herzens durchlebten. Sich von seinem 
Ideal abzuwenden ist schwierig, handelte es sich doch um »das große 
und vermudich unvermeidliche, die ganze Menschheit betreffende Expe¬ 
riment, das 1917 in Russland begonnen und von uralten, anziehenden 
und scheinbar erhabenen Ideen gestützt wurde, von denen bei weitem 
nicht alle ins Verderben fuhren und viele bis zum heutigen Tag ihre posi¬ 
tive Bedeutung beibehalten haben ... Der Marxismus setzt Bildung vo¬ 
raus.« 5 

Viele jüdische Publizisten hielten noch lange und heißblütig am Begriff 
»Stalinismus« fest, eine bequeme Art, die frühe Sowjetmacht zu rechtfer¬ 
tigen. Es war nicht so einfach, sich von dem Vertrauten und Geliebten zu 
trennen: Gab es denn überhaupt eine Alternative dazu?. 


453 



Kapitel 12 


Es gab auch Versuche, den Einfluss der Intelligenzija auf die regieren¬ 
den Kreise auszuweiten. Einer dieser Versuche (1966) war der »Brief an 
den XXIII. Parteitag« der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, ver¬ 
fasst von G. Pomeranz. Der Entwurf des Briefes schlug der KPdSU vor, 
der »wissenschaftlich-kreativen Bildungsschicht« zu glauben, die »nicht 
Anarchie anstrebt, sondern die Gesetzlichkeit will, ... nicht das bestehen¬ 
de System zerstören, sondern es flexibler, vernünftiger, humaner machen« 
und aus einem intellektuellen Kern ein beratendes »theoretisches Zen¬ 
trum« schaffen will, dass systemorientierte Empfehlungen für die adminis¬ 
trative Leitung des Landes erarbeiten soll. 6 

Dieser Versuch blieb in der Luft hängen. 

Vielen geisterten noch lange die »verstaubten Kommissarenhelme« vor 
dem inneren Auge. 

Aber es gab bereits keine Wahl mehr. Die sowjetischen Juden sagten sich 
vom Kommunismus los. 

Und nun, im Wegbrechen, richteten sie sich gegen ihn. Dies wäre der 
Moment gewesen, um mit reinigender Reue selbst von der ehemals tat¬ 
kräftigen Teilnahme am Triumph des Sowjetregimes und von der grausa¬ 
men Rolle, die man dabei gespielt hat, zu sprechen. 

Aber nein, so etwas kam fast nicht vor. (Auf die Ausnahmen komme ich 
gleich zu sprechen.) Der Sammelband »Russland und die Juden« von 
1924, der solcherart zeitgemäß, angemessen und geistig durchdringend 
ist, wurde zu eben dieser Zeit von der jüdischen Öffentlichkeit verrissen. 
Selbst nach der heutigen Meinung des kenntnisreichen Schimon Mär¬ 
kisch »traut sich heutzutage niemand, die Kommissare mit ihren Haken¬ 
nasen und ihrem jüdischen Akzent in Schutz zu nehmen: Man hat Angst, 
den Ruf eines Sowjettreuen, eines Tschekisten oder weiß Gott wessen zu 
bekommen ... Ich sage aber ohne jede Umschweife: Das Verhalten der 
jungen jüdischen Männer und Frauen, die sich den Roten anschlossen, ist 
tausend Mal verständlicher als die Beweggründe der Autoren des oben ge¬ 
nannten Werkes.« 7 

Einige jüdische Autoren begannen dennoch, verschiedene Aspekte 
der Vergangenheit so einzugestehen, wie sie waren, aber in überaus vor¬ 
sichtigen Tönen: »Die Rolle jener >russisch-jüdischen Intelligenzija<, die 
in den Vorkriegsjahren und in den ersten Nachkriegsjahren entstanden 
war, neigte sich dem Ende zu. Diese Schicht war - zu einem bestimmten 


454 



Die Abkehr vom Bolschewismus 


Teil aus Überzeugung - der Träger der marxistischen Ideologie und pre¬ 
digte - vielleicht schüchtern und im Stillen, im Gegensatz zur Praxis - die 
Ideale des Liberalismus, des Internationalismus und des Humanismus.« 8 
Ein Träger der marxistischen Ideologie? Ja, natürlich. Ideale des Interna¬ 
tionalismus? Oh, allerdings. Aber Ideale des Liberalismus und des Huma¬ 
nismus? Nur in der poststalinistischen Zeit, nachdem man sich besonnen 
hatte. 

Allerdings lesen wir bei der Mehrheit der jüdischen Kommentatoren 
der spätsowjetischen Periode etwas ganz anderes. Bei der Rückschau auf 
den gesamten Zeitraum seit 1917 sahen sie unter diesem Regime aus¬ 
schließlich jüdische Qualen. »Unter den zahlreichen Nationalitäten der 
Sowjetunion wurden die Juden immer als das >unzuverlässigste< Element 
hervorgehoben. « 9 

Wie gedächtnisschwach muss man sein, um so etwas 1983 sagen zu 
können? Immerl Auch in den 20er-Jahren? Und in den 30ern?! Und als 
das unzuverlässigste ?! Wie kann man alles derart vergessen? 

»Wenn man die sowjetische Geschichte aus der Vogelperspektive be¬ 
trachtet, stellt sie sich zur Gänze als eine konsequente Zermalmung und 
Vernichtung der Juden dar.« Zur Gänze! Aber wir haben doch in den vo¬ 
rangegangenen Kapiteln überprüft und gesehen: Gab es denn für eine 
Mehrheit der Juden - ganz zu schweigen von der hohen Dichte an der 
Staatsspitze - nicht eine Periode des Wohlstands, des massenhaften Um¬ 
ziehens in die Städte, der Möglichkeit des Hochschulzuganges und der 
kulturellen Blüte? Immerhin gibt es eine Einschränkung: »Es gab ... 
>FIuktuationen<, aber die Gesamttendenz wurde beibehalten ... Die sow¬ 
jetische Regierung, die überhaupt alle Nationalitäten zerstörte, ging mit 
den Juden im Ganzen am skrupellosesten um.« 10 

Ein anderer Autor sieht die Lage so: Zu einem frühen Moment, nach 
den erhörten Hilferufen Lenins und der bolschewistischen Partei an die 
Juden, im Staatsapparat mitzuwirken, siedelte auch eine bedeutende An¬ 
zahl Juden aus den Dörfern des verhassten ehemaligen Ansiedlungsrayons 
in die großen Städte, näher an die Avantgarde. Diese »Entstehung des bol¬ 
schewistischen Regimes, das den Großteil der Juden in ein deklassiertes 
Element« verwandelte, sie in den Ruin trieb, in Verbannung schickte und 
Familien zerstörte«, sieht er als eine »Katastrophe der Lebensbräuche« für 
die »Mehrheit der jüdischen Bevölkerung«. (Es kommt darauf an, aus 


455 



Kapitel 12 


wessen Sicht man dieses Bild betrachtet. Aber der Autor selbst betont, 
etwas weiter unten, dass in den 20er- und 30er-Jahren »die Kinder der ehe¬ 
maligen jüdischen Kleinbürger ... technische Hochschulen und die Uni¬ 
versitäten der Hauptstädte abgeschlossen hatten und >Kommandeure< auf 
den >Großbaustellen< des Aufbau-Alltags wurden«.) Und noch eine etwas 
nebulöse Formulierung: »Zu Beginn des Jahrhunderts war das Haupt¬ 
merkmal der jüdischen Aktivität eine ... Begeisterung ... durch die Idee 
des Aufbaus einer neuen gerechten Gesellschaft«, aber die Revolutionsar¬ 
mee »formierte sich aus offensichtlichem Abschaum, aus all jenen, die 
»nichts waren<«. Und »nach der Festigung des Regimes« wollte dieser Ab¬ 
schaum »sein Motto in die Tat umsetzen und »alles werden< und dabei auch 
die eigenen Führer aus dem Weg räumen ... So manifestierte sich die 
Macht des Pöbels - ein unbegrenzter Totalitarismus.« (Aus dem Kontext 
geht hervor, dass die Juden damit nichts zu tun hatten und höchstens 
unter den entfernten Führern zu finden waren.) Diese Säuberung dauer¬ 
te »vier Jahrzehnte lang«, bis zur »Mitte der 50er-Jahre«; in dieser Zeit sieht 
der Autor die letzte »bittere Pille der historisch vorgeschriebenen Enttäu¬ 
schungen« für die »»begeistertem Juden«. 11 Wieder der gleiche Stand¬ 
punkt: die ganze sowjetische Geschichte ist eine der Unterdrückung und 
Verdrängung der Juden. 

Nun erklang ein vereintes Protestgestöhn aus so vielen jüdischen Mün¬ 
dern: »Nicht wir haben diese Regierung gewählt!« 

Man geht sogar noch weiter: »Es gibt keine Möglichkeit, sie [die Juden] 
zu einer loyalen sowjetischen Elite heranzuzüchten.« 12 

Um Himmels willen, diese Methode hat 30 Jahre fehlerfrei funktioniert 
— und erst dann auf einmal nicht mehr? Woher kommen denn die vielen 
glänzenden, weithin bekannten Namen? Wir haben ja nun wirklich aus¬ 
reichend viele genannt. 

Warum hat denn die Mehrheit der Juden 30 bis 40 Jahre lang das Wesen 
des sowjetischen Systems nicht gesehen — und dann auf einmal doch? Was 
hat ihr die Augen geöffnet? 

Wohl in entscheidendem Maße eben die Tatsache, dass diese Macht 
sich plötzlich gegen sie wendete und die Juden zu vertreiben begann, nicht 
nur aus den regierenden und befehlshabenden Bereichen, sondern auch 
aus den Kultur- und den Wissenschaftsinstitutionen. »Die Enttäuschung 
war so frisch und schmerzhaft, dass man nicht die Kraft und den Mut 


456 



Die Abkehr vom Bolschewismus 


hatte, selbst mit den Kindern darüber zu sprechen. Und die Kinder? .... 
Bei der überwiegenden Mehrheit dominierten die gewohnten Wünsche: 
Promotion, Karriere und Ähnliches.« 13 

Es stand allerdings an, die eigene Position genauer zu betrachten. 

* 

In den 70er-Jahren ertönte ein Widerhall, es kam sogar zu einer Mei¬ 
nungsgleichheit, die ein halbes Jahrhundert lang undenkbar gewesen war. 

Zum Beispiel schrieb 1929 Schulgin: »Man muss das zugeben, was pas¬ 
siert ist. Ein nacktes Abstreiten, .... dass die Juden an nichts schuld seien, 
weder an der Russischen Revolution noch an der Konsolidierung des Bol¬ 
schewismus noch an den Schrecken des Kommunismus, ist der schlech¬ 
teste Weg ... Ein großer Schritt nach vorne ist, wenn man den wahllosen 
Vorwurf an das Judentum, an allen Leiden, die Russland durchlebt hat, 
schuld zu sein, zu einem gewissen Maße differenziert. Gut ist, wenn man 
>Nuancen< entdecken kann.« 14 

Zum Glück sind solche Nuancen - und noch wesentlich eindeutiger: 
Begreifen und sogar Reue - bei einzelnen Juden wahrzunehmen gewesen; 
bei ehrlichem Verstand und weiser Lebenserfahrung der Autoren deudich 
genug. Das ist sehr erfreulich, und es gibt Anlass zur Hoffnung. 

Der amerikanische Intellektuelle Dan Levin, der nach Israel auswan- 
derte, schreibt: »Nicht zufällig ist es so, dass kein amerikanischer Schrift¬ 
steller, der den Versuch unternommen hat, zu beschreiben und zu erklä¬ 
ren, was mit dem sowjetischen Judentum passiert ist, das wichtigste 
Thema tangiert: die Verantwortung für den Kommunismus ... In Russ¬ 
land hängt der volkstümliche Antisemitismus auf vielerlei Arten damit zu¬ 
sammen, dass das russische Volk in den Juden die Ursache für all das sieht, 
was ihm durch die Revolution angetan wurde. Aber die amerikanischen 
Schriftsteller - Juden und Exkommunisten - wollen die Schleier der Ver¬ 
gangenheit nicht lüften. Dabei ist das Vergessen der Vergangenheit eine 
furchtbare Sache.« 15 

Zeitgleich mit ihm schrieb ein Jude, der aus der UdSSR emigriert war, 
dass die Erfahrung des russischen (sowjetischen) Judentums, im Gegen¬ 
satz zu dem europäischen, dessen historische Erfahrung »eine Erfahrung 
der Konfrontation mit einer externen bösen Kraft sei, eine andere Betrach- 


457 



Kapitel 12 


tungsweise fordere: nicht von innen nach außen, sondern im Gegenteil, 
einen Blick in sich hinein; gerade dort müsse man suchen«. »In unserer 
Realität sind wir mit nur einer jüdischen Geistesgesinnung konfron¬ 
tiert worden - sie war durch den Kommissar manifestiert und ihr Name 
war Marxismus.« Und etwas weiter lesen wir »über unsere jungen Zionis¬ 
ten, die es verstehen, so viel Verachtung gegenüber Russland auszudrü¬ 
cken, mit seiner Schroffheit und Wildheit, und dabei die alte jüdische 
Nation davon abtrennen und ihm gegenüberstellen ... Ich sehe irgend¬ 
wie deudich, dass jene, die heute diese überheblichen Hymnen singen und 
das Judentum allgemein lobpreisen (ohne die mindesten Schuldgefühle, 
ohne die geringste Fähigkeit, in sich zu schauen), noch gestern gesagt 
haben: >Ich wäre nicht gegen die Sowjetmacht, wenn da nicht ihr Antise¬ 
mitismus wäre.< Und noch vorgestern warfen sich diese Menschen mit 
Begeisterung in die Brust und schrieen: >Es lebe die große Völkerbrü¬ 
derschaft! Ewigen Ruhm dem Vater und Freund, dem genialen Genossen 
Stalinb« 16 

Aber wenn es heute klar ersichtlich ist, dass so viele Juden in der eiser¬ 
nen bolschewistischen Leitung und noch mehr in der ideologischen Füh¬ 
rung des riesigen Landes auf dem Holzweg waren, stellt sich dann nicht 
die Frage nach einem Gefühl der Verantwortung Vit jene 7 . Muss man nicht 
gar fragen: Gibt es eine moralische Verantwortung - nicht ein gegenseiti¬ 
ges Decken, sondern die Verantwortung, sich daran zu erinnern und es zu- 
zugeberit Die Deutschen der Nachkriegsgenerationen erkennen ihre Ver¬ 
antwortung gegenüber den Juden auf die direkteste Weise an, sowohl mo¬ 
ralisch als auch materiell, als Schuldige gegenüber den Betroffenen: Sie 
leisten schon seit vielen Jahren Kompensationszahlungen an Israel allge¬ 
mein und individuell an die überlebenden Betroffenen. 

Und die Juden? Als Michail Heifez, ein Überlebender der sowjetischen 
Lager, den wir mehrfach in dieser Arbeit zitieren, wahre seelische Größe 
zeigte und im Namen seines Volkes bereut hat, was die Juden in der 
UdSSR im Namen des Kommunismus angerichtet haben, wurde er bit¬ 
terböse verhöhnt. 

Die ganze gebildete Gesellschaft, der Kulturkreis, hat in den 20er- und 
30er-Jahren aufrichtig nichts bemerkt, als die Russen misshandelt wurden, 
sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass es solche Misshandlungen geben 
könnte, aber sie bemerkte die Misshandlung der Juden, sobald diese auf- 


458 



Die Abkehr vom Bolschewismus 

trat. Viktor Perelman zum Beispiel, der in der Emigration die jüdische 
antisowjetische Zeitschrift »Wremja i My« [»Die Zeit und wir«] heraus¬ 
gibt, diente dem Regime an unsauberster Stelle, in der »Literaturnaja Ga- 
seta« [»Literaturzeitung«] unter Tschakowskij, allerdings nur bis zu dem 
Tag, da er mit der jüdischen Frage konfrontiert wurde. Danach wandte er 
sich sofort ab. 

Auf einem höheren Niveau lautete die Verallgemeinerung: »Der Zu¬ 
sammenbruch ... der Illusionen über einen selbstverständlichen Zutritt 
zu den russischen öffentlichen Bewegungen, der Illusionen, man könne in 
Russland etwas verändern.« 17 

Nachdem man sich bereits seiner eindeutigen Ablehnungshaltung 
gegenüber dem sowjetischen Regime bewusst geworden war, nahmen so 
die Juden die Rolle der Opposition ein; genauer gesagt, aufgrund ihrer 
Rolle in der Gesellschaft die der intellektuellen Opposition. Es ist klar, 
dass es nicht ihr Aufstand in Nowotscherkassk und nicht ihre Unruhen in 
Krasnodar, Alexandrow, Murom und Kostroma waren. Aber der Kinore¬ 
gisseur M. Romm hatte den Mut, unzweideutig in einer öffentlichen Rede 
über die bekannte Kampagne gegen die »Kosmopoliten« zu sprechen, die 
zu einem der ersten Dokumente des Samisdats wurde. (Romm selbst, 
Autor von »Lenin im Oktober« [1937], »Lenin im Jahre 1918« [1939], 
fünffacher Preisträger des Stalinpreises, der zur richtigen Zeit die ideolo¬ 
gische Wende vollzog, wurde eine Art geistiger Führer des sowjetischen Ju¬ 
dentums.) Seit dieser Zeit gab es aus dem jüdischen Lager viel Verstärkung 
für die »demokratische Bewegung«, das »Dissidententum«, die einen mu¬ 
tigen Bestandteil dieser Bewegung stellte. 

Bereits in Israel schrieb ein ehemaliger Teilnehmer dieser Bewegung, 
auf das Moskauer Brodeln zurückblickend: »Ein großer Teil (wenn nicht 
gar der Großteil) der russischen Demokraten ist der Herkunft nach jü¬ 
disch ... Sie nehmen sich nicht als Juden wahr und verstehen nicht, dass 
ihr Auditorium größtenteils auch jüdisch ist.« 18 

So waren die Juden wieder russische Revolutionäre geworden und 
gleichzeitig Erben jener russischen Intelligenzija, die unter leidenschaft¬ 
licher Mithilfe der jüdischen Bolschewiken in den ersten zehn Jahren nach 
der Revolution ausgerottet wurde. Sie waren der wahre und aufrichtige 
Kern der neu entstehenden oppositionellen Öffentlichkeit, sodass eine 
progressive Bewegung ohne die Juden wieder unmöglich war. 


459 



Kapitel 12 


Wie wurde der Strom der verlogenen politischen (und zumeist halb ge¬ 
heimen) Prozesse gestoppt? Durch Alexander Ginsburg, und dann durch 
die Aktion von Pawel Litwinow und Larissa Bogoras: Ich übertreibe nicht, 
wenn ich sage, dass ihr Manifest »An die öffentliche Meinung in aller 
Welt«, das sie nicht den Launen des Samisdats überließen, sondern mutig 
vor den Kameras des KGB an den Westen übergaben, ein Meilenstein in 
der Geschichte der sowjetischen Ideologie war. Wer waren jene sieben 
Tapferen, die bleischweren Schrittes am 25. August 1968 auf dem Richt¬ 
platz am Roten Platz aufmarschierten? Nicht um erfolgreich zu protestie¬ 
ren, sondern um mit ihrem Opfergang Russland von der Schande der Er¬ 
eignisse in der Tschechoslowakei [1968] reinzuwaschen. Vier von ihnen 
waren Juden. (Und in der Bevölkerung stellten die Juden 1970 weniger als 
1%, das muss an dieser Stelle auch gesagt werden.) Unvergessen bleibt 
auch Semjon Glusman, der in seinem Kampf gegen die »Klapsmühlen« 
seine Freiheit nicht schonte. Viele jüdische Intellektuelle in Moskau waren 
unter den Ersten, die von der Partei bestraft wurden. 

Aber nur von wenigen Dissidenten konnte man auch nur die Andeu¬ 
tung eines Bedauerns über die Vergangenheit ihrer jüdischen Väter hören. 
P. Litwinow hat nie auch nur ein Wort über die Rolle seines Großvaters in 
der Propaganda-Maschinerie verloren. Wir erfahren von W. Belozerkow- 
skij nicht, wie viele unschuldige Menschen sein Vater mit der schweren 
Mauser-Pistole umgebracht hat. Die Kommunistin Raissa Lert, die sich 
auf ihre alten Tage der Dissidentenbewegung verschrieben hat, war selbst, 
nachdem »Der Archipel Gulag« schon erschienen war, immer noch stolz, 
jener Partei angehört zu haben, der sie in ihrer Jugend »aufrichtig und 
begeistert beigetreten« war und der sie »all ihre Leidenschaft der Seele, alle 
Kraft und alle Gedanken gewidmet« und unter der sie selbst gelitten 
hatte, aber jetzt war es »nicht mehr dieselbe« Partei. 19 Es dämmert ihr nicht 
einmal, dass ja sie selbst am frühen Parteiterror beteiligt gewesen sein 
könnte. 

In den Strom der Dissidentenbewegung nach 1968 trat vorbehaltlos 
auch Andrej Sacharow ein. Zu seinen zahlreichen neuen Sorgen und Pro¬ 
testen gehörten auch viele individuelle Fälle der persönlichsten Art. Unter 
diesen waren am häufigsten Fälle von sowjetischen Bürgern, denen die 
Regierung die Ausreise verweigert hatte (im Westen unter dem Namen 
»Refuseniks« bekannt). Er erzählte mir gutmütig, ohne die empörende Be- 


460 



Die Abkehr vom Bolschewismus 


deutung des Gesagten zu begreifen, dass ihm, als er versuchte, das Thema 
der Refuseniks etwas allgemeiner zu klären, das Akademiemitglied Gel¬ 
fand sagte: »Wir sind es leid, diesem Volk dabei zu helfen, seine Probleme 
zu lösen.« Und das Akademiemitglied Seldowitsch meinte, »ich werde 
nichts zugunsten von jemandem unterschreiben, der für etwas leidet. Ich 
erhalte mir die Option, jene zu verteidigen, die für ihre Nationalität lei¬ 
den.« Mit anderen Worten - ich werde mich nur für Juden einsetzen. 

Es entstand auch eine Dissidentenbewegung, die rein jüdisch war und 
sich nur mit der Frage der Unterdrückung der Juden und ihrer Emigra¬ 
tion beschäftigte (auf diese komme ich später zu sprechen). 

* 

Das öffentliche Bewusstsein wählt sich oft einzelne Personen aus, um eine 
Wende ausdrücken und um diese zu inspirieren. So ein typisches - und 
präzises - Sprachrohr der Weitsicht und der Stimmung der Intelligenzija 
in der UdSSR der 60er-Jahre wurde Alexander Galitsch. (»Galitsch ist ein 
Pseudonym«, klärt uns N. Rubenstein auf. »Es ist eine Wortbildung aus 
mehreren Silben des Nach-, Vor- und Vatersnamen Ginsburg Alexander 
Arkadjewitsch. Die Wahl eines Pseudonyms ist eine verantwortungsvolle 
Angelegenheit.« 20 Das ist richtig, und man darf davon ausgehen, dass der 
Autor sich dessen bewusst war, dass neben »einer Wortbildung« »Galitsch« 
auch der Name einer uralten russischen Stadt ist und aus einem älteren 
slawischen Wortbestand kommt.) Alexander Galitsch spiegelte sehr fein¬ 
fühlig die verschiedenen Stimmungen der Intelligenzija wider. Tonband¬ 
aufzeichnungen seiner gitarrenunterlegten Mischung aus Gesang und Le¬ 
sung waren weit verbreitet und markierten fast eine ganze Epoche des ge¬ 
sellschaftlichen Aufbruchs in den 60er-Jahren, den sie mit großer Kraft 
und gar Zorn zum Ausdruck brachten. Die Meinung des »Kulturkreises« 
war einhellig: »der populärste Volksdichtem , ein »Barde des zeitgenössi¬ 
schen Russlands«. 

Galitsch war 22 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg begann. Er erzählt, 
er wurde aus gesundheitlichen Gründen vom Wehrdienst freigestellt und 
fuhr nach Grosnij, wo er »irgendwie unerwartet leicht die Stelle des Lite¬ 
raturleiters im städtischen Dramatischen Theater bekam«. Zusätzlich »or¬ 
ganisierte er ein Theater für politische Satire«. Danach wurde er evakuiert, 


461 



Kapitel 12 


fuhr über Krasnowodsk nach Tschirtschik bei Taschkent, von dort aus 
1942 mit der neu formierten Theatertruppe für Frontauftritte weiter nach 
Moskau; bei ihr verbrachte er auch den Rest des Krieges. Er erinnert sich, 
wie er mehrfach in Sanitätszügen auftrat, ftir die Verwundeten Schüttel¬ 
reime dichtete und nach den Auftritten mit dem sympathischen Zug¬ 
kommandanten in dessen Abteil medizinischen Alkohol trank. »Wir alle 
zusammen - wohl jeder auf seine Art - wirkten an einer großen gemein¬ 
samen Sache mit: Wir verteidigten unsere Heimat.« 21 Nach dem Krieg 
wurde er ein bekannter sowjetischer Dramaturg, zehn seiner Stücke wur¬ 
den »in vielen Theatern in der Sowjetunion und im Ausland« aufgeführt. 
Er war auch als Drehbuchautor aktiv und wirkte bei der Entstehung zahl¬ 
reicher Filme mit. Das war in den 40er- und 50er-Jahren, einer Zeit des 
allgemeinen geistigen Stillstands. Da tanzte er nicht aus der Reihe. Er 
schrieb ein Drehbuch über die Tschekisten und wurde dafür mit einem 
Preis ausgezeichnet. 

Doch zu Beginn der 60er-Jahre wandelte sich Galitsch. Er fand den 
Mut, sein erfolgreiches und abgesichertes Leben aufzugeben und sozusa¬ 
gen »auf den Platz hinauszugehen«. Ab diesem Moment begann er in Mos¬ 
kauer Wohnungen mit der Gitarre aufzutreten. Er verzichtete auf die 
Möglichkeit, gedruckt zu werden, obwohl, selbstverständlich, eine sdlle 
Sehnsucht blieb: »auf einem Buchumschlag nicht irgendeinen, sondern 
den eigenen Namen zu lesen«! 

Seine regimefeindlichen Lieder, sowohl sozial-bissig als auch moralisch¬ 
fordernd, hatten den unzweifelbaren Nutzen, dass sie die öffendiche Stim¬ 
mung aufwiegelten. 

Die in seinen Texten hauptsächlich besungene Epoche ist die späte Sta¬ 
linzeit und die Jahre danach, ohne dass die lichte leninistische Vergan¬ 
genheit kritisch tangiert würde. (Obwohl man einmal etwas Gutes findet: 
»Fuhren mit blutiger Ladung | ziehen durch die Stadttore Moskaus«.) In 
den besten Fällen ruft er die Gesellschaft zu moralischer Erneuerung und 
zum Widerstand auf (»Goldgräber-Walzer«, »Ich wähle die Freiheit«, »Bal¬ 
lade von den sauberen Händen«, »Vom Ausfallen der Fragebögen sind un¬ 
sere Hände voller Tintenkleckse«, »Jeden Tag posaunt das Schweigen lo¬ 
bend von der gedankenvollen Sinnlosigkeit«). Einmal schreibt er grausa¬ 
me Wahrheiten über die Vergangenheit: »1943 starb die Infanterie ohne 
Sinn und umsonst«, ein andermal »rote Legenden«: »Fast ein Drittel der 


462 



Die Abkehr vom Bolschewismus 


Lagerhäftlinge waren aus dem ZK. | Es gab Zeiten, da bekam man für die 
Farbe Rot | zehn Jahre mehr!« Da ist es wieder, das Gejammer über die 
armen Kommunisten! Aber er sprach auch einmal die Enteignung der 
Bauern an, »die Entrechteten der allerersten Stunde«. Trotz alledem war 
sein Hauptschlag gegen die Nomenklatura seiner Zeit gerichtet (»Hinter 
der Stadt sind Zäune, hinter den Zäunen sind Führer.«) Hier ist er be¬ 
rechtigterweise schroff, aber leider reduziert er das Thema auf den Hass 
gegenüber ihrem privilegierten Alltag — seht her, wie sie fressen, saufen, 
feiern. Die Lieder wurden gehässig, die Vorwürfe waren primitiv und 
derb, auf dem Niveau der »rot-proletarischen« Agitationsflugblätter. 
Wenn Galitsch seine Aufmerksamkeit von den Führern »aufs Volk« rich¬ 
tet, sind die Charaktere fast ausschließlich Dummköpfe, eitle Gecken, 
Widerlinge, Dreckskerle ... ein sehr trostloses Bild. 

Für sein erzählerisches »Ich« fand er, ganz im Zeichen der damaligen 
Zeit, eine passende Daseinsform: Er zählte sich zu all den Leidenden, Ver¬ 
folgten und Vernichteten. »Ich war Fußvolk und sterbe als Fußvolk«; 
»Und wir, das Fußvolk, werden im Kampf getötet«. Am meisten war er of¬ 
fenbar ein Lagerhäftling, der lange Zeit eingesessen hatte. Viele seiner Lie¬ 
der sind aus der Sicht eines Exhäftlings geschrieben: »Und der andere La¬ 
gerinsasse - bin ich höchstpersönlich«; »Mit dem Hufeisen bin ich in der 
Schlittenspur festgefroren, | im Eis, das ich mit der Brechstange aufge¬ 
schlagen habe! | Nicht umsonst habe ich mich 20 Jahre lang | in jenen 
Lager abgeplagt«; »Als bloße Nummern | starben wir«; »wir wurden aus 
dem Lager an die Front geschickt«. So kam es, dass viele Hörer sogar 
sicher waren, dass Galitsch dort gewesen war: »Die Leute versuchten bei 
Galitsch herauszufinden, wann und wo er im Lager gesessen hatte.« 22 

Doch wie hat er seine Vergangenheit wahrgenommen? Seine langwieri¬ 
ge Teilnahme am öffentlichen sowjetischen Lügen, welches das Volk ein¬ 
gelullt hat? Was mich am meisten gewundert hat: Bei solch anklagendem 
Pathos gab es bei ihm nirgends auch nur einen Ton, kein Wort über die ei¬ 
gene Reue\ Als er später dichtete: »Eine Partei-Ilias, eine Geschenke-Schlei- 
merei!«, war er sich da im Klaren darüber, dass er auch übersieh sang? Seine 
Verse »Wenn du mit Salbungsöl handelst« sind scheinbar Ratschläge an 
einen Unbekannten, dabei hat auch er sein halbes Leben lang »mit Öl ge¬ 
handelt«. Hätte er sich nicht von seinen Auftragsdramen und -filmen los¬ 
sagen können? Aber nein! »Wir haben keine Lobgesänge auf die Henker 


463 



Kapitel 12 


gesungen!« Eben doch! Vermudich war ihm die Situation doch klar, oder 
sie wurde ihm nach und nach bewusst, denn er sagte später, bereits nach¬ 
dem er Russland verlassen hatte: »Ich war ein erfolgreicher Drehbuchau¬ 
tor, ein erfolgreicher Dramaturg, ein erfolgreicher sowjetischer Speichel¬ 
lecker. Und ich habe begriffen, dass ich so nicht weiterleben konnte. Ich 
musste endlich Klartext reden; ich musste die Wahrheit sagen ...« 

Aber damals, in den 60er-Jahren, hatte er keine Skrupel, das Pathos des 
Volkszoms sogar gegen das christliche Gebot (»Richtet nicht, auf dass 
auch ihr nicht gerichtet werdet«) zu wenden: 

Nein! Verachtenswürdig in seinem Grundwesen 

Ist dieser Daseinsgrundsatz! - 

Galitsch stützte sich auf die besungenen Leiden und nahm selbstsicher die 
Rolle des Anklägers ein: »Ich bin nicht gewählt. Aber ich bin der Richter!« 
Er fühlte sich in dieser Rolle so wohl, dass er in seinem umfangreichen 
»Poem über Stalin« (»Weihnachtslegende«), in dem er geschmacklos Sta¬ 
lin und Christus miteinander verflochten hat, seine agnostische Formel er¬ 
dichtete, die in der Tat berühmten, später in Zitaten zerfledderten Verse, 
die so viel Schaden angerichtet haben: 

Fürchtet euch nicht vor Flamme und Hölle, 

Fürchtet euch nur vor jenem, 

Der euch sagt: »Ich weiß, wie es richtig ist!« 

Aber wie es richtig ist, lehrte uns auch Christus ... Ein uferloser intellek¬ 
tueller Anarchismus, der jedem klaren Gedanken und jedem entschlosse¬ 
nen Vorschlag den Mund verbietet. Stattdessen: lassen wir uns treiben, wie 
eine gedankenlose (dafür pluralistische) Herde und sehen wir mal, wo wir 
landen. 

Ein Punkt, der Galitsch stetig schmerzte und der aus seinen Liedern 
sprach, war das Gefühl der jüdischen Gemeinschaft und des jüdischen 
Leidens: »Unser Zug fährt nach Auschwitz, heute und jeden Tag.« »Auf 
den Flüssen von Babylon« - das ist in sich geschlossen und mit dramatur¬ 
gischer Dichte erfüllt. So auch das Poem »Kaddisch«. Oder »Mein sechs¬ 
zackiger Stern, brenne auf meinem Ärmel und auf der Brust«. Oder »Er- 


464 



Die Abkehr vom Bolschewismus 


innerungen an Odessa« (»Ich wollte Mandelstam und Chagall vereinen«). 
Hier sind sowohl lyrische als auch leidenschaftliche Klänge zu spüren. In 
»Euer Stammesbruder und euer Paria, | Euer letzter Sänger des Exodus« 
richtet sich Galitsch an die Juden, die das Land verlassen. 

Das jüdische Gedächtnis war bei ihm derart omnipräsent, dass er es 
auch in Gedichte mit nichtjüdischer Thematik ständig nebenher einflie¬ 
ßen ließ: »keine Hakennase«, »Weder ein Tatare noch ein Jid«, »Bist du 
noch nicht in Israel, du alter Sack?!«, und selbst Arina Rodionowna 1 singt 
ihm ein Wiegenlied auf Jiddisch. Aber bei ihm kommt kein einziger Jude 
vor, der erfolgreich wäre oder der nicht unterdrückt wird, der einen guten 
Posten hat, an einem Instimt, in einer Redaktion oder im Handelsnetz ar¬ 
beitet. Die Juden sind immer entweder erniedrigt, leidend oder sie sitzen 
und sterben im Lager. Ebenfalls berühmt sind die Verse: 

Es ist nicht euer Los, Juden, Kammerherren zu sein ... 

Im Senat oder in der Synode zu sitzen. 

Es ist euer Los, auf den Solowki-Inseln und im Butyrka-Gefängnis ein¬ 
zusitzen. 

Was für ein kurzes Gedächtnis - nicht nur bei Galitsch, sondern bei allen 
Hörern, die diese Zeilen aufrichtig, innig aufnahmen: Was ist denn mit 
jenen 20 Jahren, in denen das sowjetische Judentum nicht in den Lagern 
auf den Solowki-Inseln saß, sondern in der Mehrheit eben als »Kammer¬ 
herren und im Senat« protzte? 

Man hatte sie vergessen. Aufrichtig, total vergessen. Es ist so schwer, 
etwas Schlechtes über sich im Gedächtnis zu behalten. 

Da es in Galitsch’ Liedern unter jenen, die erfolgreich sind oder zu ei¬ 
genem Nutzen das System melken, scheinbar keinen einzigen Juden gibt, 
sondern nur Russen, besteht seine Satire eben darin, sich - bewusst oder 
unbewusst - auf die Russen zu stürzen, auf die diversen Klim Petrowitschs 
und Genossen Paramonows, und den ganzen sozialen Zorn gegen sie zu 
richten, indem man betont »russischartige« Namen, Gestalten und Ein¬ 
zelheiten verwendet und eine Aneinanderreihung von Denunzianten, Po- 


1 Arina Rodionowna: die Amme des russischen Dichters Alexander Puschkin 
( 1799 - 1837 ) 


465 



Kapitel 12 


lizeiapparatschiks, Wüstlingen, Dummköpfen und Trunkenbolden er¬ 
schafft. Mal ist das entstandene Bild eher karikaturhaft, mal voll verach¬ 
tenden Bedauerns (das wir, leider zu Recht, verdienen): »Der Gast ließ die 
fettige Zottelmähne hängen | und fing an, ein Volkslied zu singen ... Und 
lacht wie verrückt, | dass sich die Balken biegen, | und will ein Gespräch 
fuhren | über die Rettung Russlands.« All diese ewig Betrunkenen, die 
nicht zwischen Kerosin und Wodka unterscheiden, die nichts tun außer 
zu saufen, oder solche, die einfach verloren wirken oder einfältig sind. Er 
wurde, wie gesagt, zu den Dichtem des Volkes gezählt ... Es gibt bei ihm 
keinen einzigen heldenhaften Soldaten, keinen meisterhaften Handwer¬ 
ker, keinen russischen Intellektuellen und nicht einmal einen anständigen 
Lagerhäftling (die wichtigsten Merkmale der Lagerinsassen hat Galitsch 
für sich eingenommen), denn alle Russen sind ja »die Saat der Polizeige¬ 
walt« und stellen die Vorgesetzten. Hier ein Gedicht direkt über Russland: 
»Jeder Lügner ist ein Messias, | ... aber versuche mal zu fragen: | Gab es 
das denn, Brüder, wirklich, | jenes >Urrussland< in Russland?« »Es ist über¬ 
füllt mit Verderbnis vom Deckel bis zum Boden.« Und an derselben Stel¬ 
le, mit Verzweiflung: »Aber irgendwo, vermutlich, | existiert es?!« Jenes un¬ 
sichtbare Russland, wo »unter einem milden Himmel | jeder mit jedem 
Gottes Wort und Brot teilt«. 

Ich flehe dich an: 

Halte durch! 

Bleib auch beim Verwesen lebendig, 

Um zumindest im Herzen, wie in Kitesh 1 

Dein Läuten zu hören! 

Galitsch war, als sich die Möglichkeit und die Versuchung auszuwandern 
bot, zwischen dem untergegangenen Kitesh und dem heutigen Übel hin 
und her gerissen: »Es ist immer derselbe Teufelskreis, das Märchen vom 
weißen Stier, ein Ring, den man nicht schließen und nicht öffnen kann!« 


1 Kitesh: legendäre Stadt, deren Bewohner die Reinheit ihres Glaubens und ihrer 
Lebensweise bewahrten. Versunken im See Swedojar, konnte sie nicht von den 
Tataren eingenommen werden. In der Literatur steht »Kitesh« als Symbol der 
unversehrten altrussischen Tradition. 


466 



Die Abkehr vom Bolschewismus 


Er wanderte aus - aber mit den Worten: »Mich, einen russischen Poeten, 
kann man nicht durch >Punkt fünf< aus Russland ausstoßen!« 

Doch andere, die das Land verließen, schöpften aus seinen Liedern Im¬ 
pulse für Ekel und Verachtung gegenüber Russland. Oder zumindest die 
Gewissheit, dass es richtig sei, mit Russland zu brechen. Hier eine Stim¬ 
me bereits aus Israel: »Wir haben uns von Russland verabschiedet. Nicht 
ohne Schmerzen, aber für immer ... Russland hält uns noch immer fest 
im Griff. Aber ... in einem Jahr, in zehn Jahren, in 100 Jahren werden wir 
Russland verlassen haben und an unserer eigenen Türschwelle angekom¬ 
men sein. Wenn wir Galitsch hören, wird uns nochmals bewusst, wie rich¬ 
tig dieser Weg ist.« 23 


467 



Kapitel 13 

Der Wendepunkt zur Anklage Russlands 


^ie Abkehr der Juden vom sowjetischen Kommunismus war sicher- 
-J lieh eine Bewegung von historischem Ausmaß. 

In den 20er- und 30er-Jahren schien die Art und Weise, wie das sowje¬ 
tische Judentum mit dem Bolschewismus verwachsen war, nicht mehr zu 
lösen. Doch plötzlich trennten sie sich. Das wäre ja eigentlich ein Grund 
zur Freude gewesen! 

Es ist klar, dass nicht zu erwarten war, wie man es von keinem Men¬ 
schen und keiner Nation erwarten darf, dass bei dieser Neubewertung der 
eigenen Rolle Bedauern über die ehemalige Teilnahme zu hören sein 
würde. Aber ich habe absolut nicht erwartet , dass eine derartige Schrägla¬ 
ge entstehen würde, dass anstelle auch nur eines Hauchs von Reue oder 
zumindest einer in der Seele empfundenen Beschämung die Abkehr der 
Juden vom Kommunismus von einer zornigen Anklage an das russische 
Volk begleitet sein würde: Es seien die Russen, welche die Demokratie 
(vom Februar 1917) in Russland zerstört hätten, die Russen seien schuld, 
dass diese Macht ab 1918 so fest im Sattel saß! 

Natürlich sind wir schuld, keine Frage! Und sogar noch weiter zurück¬ 
blickend: Alleine die hässlichen Szenen der strahlenden Februarrevolution 
wären noch nicht Grund genug dafür. Aber die Position der neu bekehr¬ 
ten Kämpfer gegen den Bolschewismus war folgende: Nun mussten alle 
akzeptieren, dass sie schon immer gegen diese Macht gekämpft hatten und 
alle sollten es gefälligst unterlassen, daran zu erinnern, dass sie einmal ihre 
Lieblingsmacht gewesen war und dass sie dieser Tyrannei treu und erge¬ 
ben gedient hatten; nein, es seien die »Eingeborenen«, die von Beginn an 
dieses Regime aufgebaut, es gestärkt und geliebt hatten: 

»Die Anführer des Oktoberumsturzes ... waren eher Geführte denn 
Führer [diese Eiserne Partei Neuen Typs war »geführt«?], sie setzten nur in 
die Tat um, was die Masse von ihnen forderte, sie verwirklichten die Wün¬ 
sche, die im Unterbewusstsein des Volkes schlummerten. Sie hatten nie 


468 



Der Wendepunkt zur Anklage Russlands 


den Kontakt zu der Volksbasis verloren.« Weiter lesen wir: »Der Oktober¬ 
umsturz erwies sich als ein Unglück filr Russland. Das Land hätte sich 
auch anders entwickeln können ... Damals [gemeint ist die tobende An¬ 
archie während und nach der Februarrevolution] zeigten sich erste Keime 
von Achtung der Menschenwürde durch den Staat, Ansätze von Recht 
und Freiheit, aber sie wurden vom Volkszorn hinweggefegt.« 1 

Eine spätere Deutung, die sinnverwirrend die Rolle der Juden in den 
Reihen der Bolschewiken neu bewertet, lautet: »Der Bolschewismus Le¬ 
nins und der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei der Bol¬ 
schewiken (RSDRPb) war lediglich eine intellektuelle und zivilisierte 
Umsetzung des Bolschewismus des Pöbels. Gäbe es den Ersteren nicht, 
hätte der Letztere gewonnen, der um einiges furchtbarer gewesen wäre.« 
Und deshalb gilt: »Durch die breit gefächerte Teilnahme an der bolsche¬ 
wistischen Revolution, indem sie ihr Kader aus Intellektuellen und Orga¬ 
nisatoren zur Verfügung gestellt haben, retteten die Juden Russland vor 
einer totalen Flerrschaft der grauen Massen. Sie gaben dem Bolsche¬ 
wismus das zu jener Zeit humanste mögliche Gesicht.« 2 Dann allerdings 
geschah Folgendes: »Genau so, wie das revoltierende Volk in Form der Le¬ 
ninistischen Partei die Demokratie der Intelligenzija stürzte [wann hat es 
denn so eine Demokratie gegeben?], hat später das gebändigte Volk in 
Form der stalinistischen Bürokratie versucht, sich von ... allem zu be¬ 
freien, was noch Spuren von freiem intellektuellen Geist aufwies.« 3 Ja, ja, 
natürlich: »Die Schuld der Intelligenzija an den folgenden traurigen Er¬ 
eignissen der russischen Geschichte ist stark übertrieben.« Ihre Schuld sei 
überhaupt »die Schuld sich selbst gegenüber« 4 und keinesfalls die Schuld 
vor dem Volk. Im Gegenteil, »es täte dem Volk mal ganz gut, sich seiner 
Schuld vor der Intelligenzija bewusst zu werden«. 5 

Überhaupt sei doch sowieso klar: »Eine totalitäre Macht ... ist ihrem 
Wesen und Ursprung nach eine Volksmacht.« 6 »Das ist ein totalitäres 
Land ... Das russische Volk hat sich so entschieden.« 7 

Und das alles, weil »die tatarische Urgewalt die orthodoxe Seele Russ¬ 
lands von innen in Besitz genommen hat« 8 , und dabei sei »die asiatische 
soziale und geistige Struktur, welche die Russen von den Mongolen geerbt 
haben, eine Struktur des Stillstands und unfähig zu Entwicklung und 
Fortschritt«. 9 (Allerdings gibt es eine Theorie, die auch von Lew Gumil- 
jow entwickelt wurde, dass es überhaupt kein Tatarenjoch, sondern statt- 


469 



Kapitel 13 


dessen eine freundschaftliche Union mit den Tataren gegeben hätte. Die 
einfachste Antwort darauf findet man in der russischen Folklore: In den 
zahlreichen Sprichwörtern über die Tataren figurieren sie immer als Fein¬ 
de und Unterdrücker; und die Folklore ist immer aufrichtig, man kann sie 
nicht zurechtbiegen wie eine wissenschaftliche Theorie.) So war dann 
auch »die Oktoberrevolution ein in ihrer Prägnanz bis dahin unbekannter 
Ausbruch der asiatischen Substanz«. 10 

Bei allen, welche die russische Geschichte zerfleddern und mit Füßen 
treten wollen, giltTschaadajew 1 (der unbestritten ein herausragender Den¬ 
ker ist) als beliebtester und populärster Analytiker. Seine Werke wurden 
zuerst im Samisdat und danach in den Emigrationsverlagen sorgsam aus¬ 
gewählt, zusammengetragen, seine sowohl publizierten als auch unpubli- 
zierten Texte wurden, sofern sie in den gewählten Kontext passten, mit 
Leidenschaft immer wieder veröffendicht. Die unpassenden Zitate jedoch 
werden ignoriert, ebenso wie die Tatsache, dass die Hauptgegner Tschaa- 
dajews unter seinen Zeitgenossen nicht Nikolaus I. und Benckendorff, 
sondern seine Freunde Puschkin, Wjasemskij, die Familie Karamsin und 
Jasykow waren. 

Zu Beginn der 70er-Jahre gewann die Hetze gegen alles Russische 
immer mehr an Schwung. In einem anonymen Samisdat-Artikel von »S. 
Telegin« (G. Kopylow), der vor Verachtung gegenüber Russland als einem 
schlecht beschaffenen Material strotzte, konnte man Ausdrücke wie »rus- 
sisch-kulturisch«, »ein menschlicher Schweinestall« lesen; und während 
der schweren Waldbrände von 1972 verfluchte eben jener »S. Telegin« in 
einem Samisdat-Flugblatt ganz Russland: Russische Wälder brennen? Das 
ist die Vergeltung für deine Missetaten! »Das ganze Volk schmilzt zu einer 
reaktionären Masse zusammen«, schreibt G. Pomeranz; »beim Klang sei¬ 
nes geliebten Akkordeons werde ich rasend, jeglicher Kontakt mit dieser 
Masse weckt in mir ein Gefühl dumpfer Gereiztheit.« 11 Das ist sehr ehr¬ 
lich und entspricht wohl auch wirklich seinen Gefühlen - dem eigenen 
Herzen kann man nicht befehlen. »Die Juden, das jüdische Schicksal, das 
ist nur eine Umschreibung für das Schicksal der Bildungsschicht in die- 


1 Pjotr Jakowlewitsch Tschaadajew (1794—1856): politischer Denker, Ge¬ 
schichtsphilosoph, Verfasser der »Philosophischen Briefe«, in denen er sich mit 
den Traditionen der russischen Geistesgeschichte auseinander setzt 


470 



Der Wendepunkt zur Anklage Russlands 


sem Land, für das Schicksal ihrer Kultur, und die jüdische Verwaisung ist 
ein Symbol ftir eine andere, eine geistige Einsamkeit, die durch den Sturz 
des traditionellen Glaubens an das Volk hervorgerufen wird.« 12 (Wie sehr 
hat sich doch in Russland seit dem 19. Jahrhundert das ewige »Problem 
des Volkes« verändert. Nun, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, 
verstand man unter dem Begriff »das Volk« jene stumpfe, mit der eigenen 
Existenz und den eigenen Führern zufriedene Masse von Eingeborenen, 
in deren Mitte, in den Städten dieses Landes, die Juden durch ein grausa¬ 
mes Schicksal leiden mussten. Diese Masse zu lieben ist unmöglich; sich 
um sie zu sorgen ist widernatürlich.) Derselbe Autor, B. Chasanow, ur¬ 
teilte noch vor seiner Ausreise so: »Das Russland, das ich liebe, ist eine pla¬ 
tonische Idee; es existiert in Wirklichkeit nicht. Das Russland, das ich um 
mich herum sehe, widert mich an«, es handelte sich um »in ihrer Art ein¬ 
zigartige Augias-Ställe« mit »räudigen Bewohnern«; »irgendwann wird 
Russland bitter bezahlen müssen für das, was es heute darstellt«. 13 

Sicherlich wird Russland bezahlen müssen. Allerdings nicht ftir den ka¬ 
tastrophalen Zustand, in dem es sich befindet. Dieser Zustand ist bereits 
eine Strafe für frühere Fehler. 


* 


In den 60er-Jahren gab es in den gebildeten Kreisen viele Diskussionen 
und Anschauungen über die Lage in der UdSSR, über die Perspektiven 
und im Weiteren über Russland selbst. Wegen der strengen Aufsicht durch 
die staadichen Institutionen fand dieser Gedankenaustausch nur in per¬ 
sönlichen Gesprächen und in Form von Samisdat-Artikeln statt, die da¬ 
mals zumeist noch ängstlich unter Pseudonym verfasst waren. Aber sobald 
die jüdische Emigration einsetzte, ergossen sich die Anschuldigungen un¬ 
gehindert und bitterböse im freien Westen: Am zahlreichsten und lautes¬ 
ten waren die Stimmen der Vertreter der jüdischen Intelligenzija, die aus¬ 
gereist waren, sodass andere Stimmen gar nicht erst zu hören waren. 

1968 floh Arkadij Belinkow in den Westen. Er war ein kompromisslo¬ 
ser Gegner des sowjetischen Regimes, aber doch nicht etwa des russischen 
Volkes? Man lese den Artikel »Ein Land der Sklaven, ein Land der Herr¬ 
scher ...«, in dem von ihm zusammengestellten Journal »Nowyj Kolokol« 
[»Die neue Glocke«]: Gegen wen richten sich seine Anschuldigungen? 


471 



Kapitel 13 


(Wir müssen allerdings berücksichtigen, dass dieser Artikel noch in der 
UdSSR geschrieben wurde und der Autor noch nicht jene Furchtlosigkeit 
erlangt hatte, die ihm das Ausland bot: direkt das Regime zu attackieren.) 
Belinkow verwendet das Wort »sowjetisch« nicht ein einziges Mal! Statt- 
dessen geht er den üblichen Weg: Das ewig versklavte Russland, Freiheit 
»ist für unsere Heimat schlimmer als zerstoßenes Glas zu fressen«, in Russ¬ 
land »hängt man entweder die Falschen oder man hängt falsch, aber 
immer hängt man zu wenig«. Bereits in den 1820er-Jahren zeugte angeb¬ 
lich »vieles davon, dass während der Jahrhunderte dauernden Evolution 
die Einwohner [Russlands] ... zu einer Herde von Verrätern, Denunzian¬ 
ten und Henkern mutieren würde«; »Angst ist etwas Urrussisches: Man 
packte die warmen Sachen zusammen und wartete, dass es an der Tür 
klopft« - noch nicht einmal das war eine »sowjetische« Angst.. Wann hat 
man denn, bitteschön, vor der Revolution nachts darauf gewartet, dass es 
an der Tür klopfte? »Das Gericht in Russland urteilt nicht, denn es weiß 
sowieso alles im Voraus. Deshalb verurteilt es in Russland nur.« 14 Sollten 
wir wohl glauben, dass es auch während der Reformationen zur Zeit Ale¬ 
xanders so war und in den Zeiten, da es noch Geschworenengerichte gab 
und Weltrichter? Was ftir eine verantwortungsvolle, wohl durchdachte 
Argumentation ... 

Aber es kommt noch dicker! Dem Autor steigt dermaßen die Galle 
hoch, dass er auch Schriftsteller an den Pranger stellt: Karamsin, Shu- 
kowskij, Tjutschew, sogar Puschkin und die russische Gesellschaft im All¬ 
gemeinen seien nicht ausreichend revolutionär gewesen: »Eine widerliche 
Sklavengesellschaft, Nachfahren von Sklaven und Urahnen von Sklaven«, 
»bei jedem Darmwind erzitterte man vor Angst über die mögÜchen 
Konsequenzen«, »die russische Intelligenzija unterstützte gerne jeden Ver¬ 
such ... die Freiheit zu ersticken«. 15 

So beißt man die Hand, die einen ftittert. 

Wenn es sich bei Belinkow nur um eine »Tarnung des Antisowjeti¬ 
schen« handelte, um eine verborgene Geste, warum hat er dann im Aus¬ 
land seinen Text nicht umgeschrieben? Wenn Belinkow wirklich anders 
gedacht hat, nicht das im Sinn hatte, warum ist es dann so veröffendicht 
worden? 

Nein, genau das war sein Hass. 

Hat man sich auf diese Weise vom Kommunismus abgewandt? ... 


472 



Der Wendepunkt zur Anklage Russlands 


Ungefähr zur selben Zeit, Ende der 60er-Jahre, erschien in London ein 
jüdischer Sammelband zu sowjetischen Themen, in dem folgender Brief 
aus der UdSSR zu lesen ist: »In den unendlichen Tiefen der Labyrinthe 
der russischen Seele sitzt mit Gewissheit irgendwo ein Pogromist... Es sit¬ 
zen dort auch ein Sklave und ein Schurke.« 16 Bereitwillig greift Belozer- 
kowskij diesen Hohn auf: »Die Russen sind ein starkes Volk, aber im Kopf 
sind sie ein wenig schwach.« 17 »Mögen all diese Russen, Ukrainer ... im 
Suff ihre Frauen anknurren, Wodka saufen und sich vom kommunisti¬ 
schen Bluff verzücken lassen ... ohne uns ... Sie sind auf allen vieren ge¬ 
krochen und haben Bäume und Steine angebetet - und wir gaben ihn en 
den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.« 18 

»Dass ihr endlich schweigen wolltet; das würde Weisheit für euch sein.« 
(Hiob 13,5) 

(Es sei angemerkt, dass jegliche hässlichen Urteile über »die russische 
Seele« oder »den russischen Charakter« im Allgemeinen bei keinem zivili¬ 
sierten Menschen auch nur den geringsten Protest auslösen. Die Frage, ob 
man denn »über eine Nation im Ganzen« urteilen dürfe, wird gar nicht 
erst gestellt. Wenn jemand das russische Volk an sich nicht mag oder gar 
verachtet oder sogar öffentlich kundtut, dass »Russland eine Abfallgrube« 
sei, so ist das in Russland kein Vergehen; es wirkt nicht einmal rückstän¬ 
dig. Niemand wendet sich dann an den Präsidenten, den Premierminis¬ 
ter, die Senatoren oder die Kongressabgeordneten mit der entrüsteten 
Frage: » Wie bewerten Sie so ein Schüren der nationalen Zwietracht?« Wir 
haben uns ja selbst noch schlimmer beschimpft, schon seit dem 19. Jahr¬ 
hundert und besonders kurz vor der Revolution. Wir haben da eine reich¬ 
haltige Tradition.) 

Wir lesen weiter und erfahren: »Religionsprediger, die halbe Analpha¬ 
beten waren«, »die Orthodoxie verdient nicht das Vertrauen der Intelli- 
genzija« ([Pseudonym] »Telegin«). Die Russen haben »so einfach den 
Glauben der Väter abgelegt, sie sahen unberührt zu, als die Kirchen ge¬ 
sprengt wurden«. Ha, ein Verdacht kommt auf: »Vielleicht hatte das rus¬ 
sische Volk die Macht des Christentums nur vorübergehend akzeptiert« — 
also nur für 950 Jahre - »und wartete nur auf die Möglichkeit, sich davon 
zu befreien?« 19 , in der Revolution. Wie viel Feindschaft muss sich denn 
angestaut haben, um so etwas behaupten zu können! (Aber nicht einmal 
russische Autoren sind auf diesem Feld der verzerrten Wahrnehmung 


473 



Kapitel 13 


standhaft geblieben. So lesen wir zum Beispiel bei S. Rafalskij - sein Vater 
war meines Wissens Priester — einem bedeutenden Publizisten der russi¬ 
schen nachrevolutionären Exilanten: »Das orthodoxe Heilige Russland 
hat ohne viel Widerstand die Zerstörung der eigenen Heiligtümer zuge¬ 
lassen.« 20 Das Röcheln jener, die während der Kirchenaufstände von 1918 
von der Tscheka mit Maschinengewehren niedergemäht wurden, ist in 
Paris in der Tat nur schwer zu hören gewesen. Und danach gab es keine 
Aufständischen mehr, das stimmt. Es wäre interessant gewesen zu sehen, 
wie dieser Pfarrerssohn in der UdSSR der 20er-Jahre Widerstand gegen 
die Zerstörung der Heiligtümer geleistet hätte.) 

Oder man sprach gerade heraus: »Die Orthodoxie ist eine hottentotti¬ 
sche Religion« (M. Grobman). Oder sie sei eine »Zügellosigkeit, die von 
Rubljow, Dionisij und Berdjajew 1 aromadsiert wurde«; die Idee einer 
»Wiederherstellung der so genannten >urrussischen historischen Orthodo- 
xie< erschreckt viele ... Das ist die düsterste Zukunft für Russland und für 
das Christentum.« 21 Oder ähnlich der Prosaist F. Gorenstein: »Als Ehren¬ 
vorsitzender des >Bundes des Russischen Volkes« fungierte Jesus Christus, 
den man sich als den obersten Rädelsführer der ganzen Welt vorstellte.« 22 

Allzu straff gespannt, zerspringt der Bogen. 

Allerdings muss man unter all diesen offenen Grobheiten den samt¬ 
weichen Samisdat-Philosophen und Essayisten Grigorij Pomeranz her¬ 
vorheben. Er schrieb auf Ebenen, die quasi über aller Polemik lagen, über 
das Schicksal der Völker im Allgemeinen , über das Schicksal der Bildungs¬ 
schicht im Allgemeinen, das Volk existierte bei ihm fast nirgendwo mehr, 
höchstens vertreten durch Buschmänner. Im Samisdat der 60er-Jahre las 
ich bei ihm: »Das Volk ist eine abgestandene Brühe, das eigentliche Salz 
liegt in uns selbst«, in der Intelligenzija. »Eine grenzüberschreitende Soli¬ 
darität unter der Intelligenzija ist realistischer als eine Solidarität zwischen 
der Intelligenzija und dem Volk.« 

Das klang damals sehr zeitgemäß und auf eine neue Art auch weise. Nur 
dass bei den tschechoslowakischen Ereignissen von 1968 gerade die Ein¬ 
heit der Intelligenzija und der »trüben Brühe« des inexistenten Volkes eine 

1 Hl. Andrej Rubljow (*1360/70, f vor 1427): Mönch des AncLronnikow-Klos- 
ters in Moskau, der bedeutendste russische Monumental-, Miniatur- und Iko¬ 
nenmaler seiner Zeit, ebenso wie Dionisij (2. Hälfte 15./1. Hälfte 16. Jh.); Ni- 
kolaj Alexandrowitsch Berdjajew (1874—1948): russischer Religionsphilosoph 


474 



Der Wendepunkt zur Anklage Russlands 


geistige Einheit schuf, die über eine halbe Million sowjetischer Soldaten 
nicht brechen konnte; es waren die Nerven der tschechoslowakischen 
kommunistischen Führer, die versagten. (Zwölf Jahre später wiederholte 
sich diese Erfahrung in Polen.) 

In seiner Art, die vor eindeutigen Stellungnahmen zurückweicht, in der 
eine Vielzahl parallel verlaufender Gedankengänge sich nicht zu einer 
strikten und klaren Konstruktion zusammenfindet, schrieb Pomeranz 
dabei scheinbar keinesfalls über Nationales , oh nein, Gott bewahre! »Wir 
sind überall nicht ganz fremd. Wir sind überall nicht ganz heimisch.« Und 
daher pries er das Konzept einer Diaspora an sich, für jedermann. Er 
durchstreifte - scheinbar absolut über den Dingend schwebend - den Re¬ 
lativismus und den Agnostizismus. »Ein Aufruf zum Glauben, zur Tradi¬ 
tion, zum Volk wird verflucht von dem anderen.« »Nach den Regeln, die 
für Warschauer Studenten aufgestellt wurden, kann man nur eine Nation 
lieben«, aber was, klagt Pomeranz, »wenn ich durch Blutsbande mit die¬ 
sem Land verbunden bin, aber auch andere Länder liebe?« 23 

Das ist eine listige Falle. Natürlich kann man mehr als eine Nation oder 
ein Land lieben. Aber eine Heimat haben, ihr Kind sein, geht nur mit einer 
Nation, wie man auch nur eine Mutter haben kann. 

Um den Betrachtungsgegenstand zu verdeutlichen, scheint es mir an¬ 
gebracht, über einen Briefwechsel zu berichten, den ich mit dem Ehepaar 
Pomeranz 1967 führte. Zu jener Zeit wurde mein Roman »Im ersten Kreis 
der Hölle« als Typoskript im Samisdat herumgereicht. Unter den ersten, 
die sich bei mir beschwerten, waren G. S. Pomeranz und seine Ehefrau S. 
A. Mirkina. Sie fühlten sich durch die ungeschickte und fehlerhafte Art 
und Weise, mit der ich die jüdische Frage behandeln würde, verletzt; ich 
hätte im »Ersten Kreis« die Juden auf eine nicht wieder gutzumachende 
Art erniedrigt und damit auch mich selbst. Worin bestand denn die Er¬ 
niedrigung? Ich hatte doch darauf verzichtet, auf jene grausamen Juden 
hinzuweisen, welche die Spitzenpositionen des Staatsapparats in den An¬ 
fangszeiten des Sowjetregimes erklommen hatten. Aber in den Briefen der 
Familie Pomeranz gab es eine Fülle von Schattierungen, Nuancen, mir 
wurde vorgeworfen, ich sei gegenüber dem jüdischen Schmerz gefühllos. 

Ich antwortete ihnen, sie antworteten mir. In diesen Briefen wurde 
auch das Recht diskutiert, über ganze Nationen zu urteilen, obwohl ich 
das in meinem Roman nicht getan hatte. 


475 



Kapitel 13 


Pomeranz schlug damals mir und überhaupt jedem Schriftsteller und 
jedem, der über menschliche, psychologische und soziale Belange urteilt, 
vor, sich so zu verhalten und so zu denken, als ob es auf der Welt überhaupt 
keine Nationen gäbe. Man solle nicht nur darauf verzichten, über die Na¬ 
tionen im Ganzen zu urteilen, sondern auch in jedem Individuum seine 
Nationalität nicht zu bemerken. »Es ist natürlich und verzeihbar, dass 
Iwan Denissowitsch den Zesar Markowitsch als einen Nicht-Russen be¬ 
trachtet. Für einen Intellektuellen wäre so etwas peinlich und für einen 
Christen (nicht einen Getauften, sondern einen Christen) eine Todsünde - 
>Darin gibt es keinen Unterschied zwischen Juden und Griechen^« 1 

Ein erhabener Standpunkt. Mit Gottes Hilfe werden wir vielleicht alle 
einmal in diese Höhen emporsteigen. Ohne einen solchen Standpunkt 
hätte etwas allgemein Menschliches auch keinen Sinn, nicht einmal das 
Christentum. 

Allerdings hat man uns schon einmal mit zerstörerischer Wirkung 
davon überzeugt, dass es keine Nationen gibt; man hat uns ebenfalls ge¬ 
lehrt, unsere eigene Nation möglichst schnell zu zerstören. Was wir da¬ 
raufhin auch ohne zu zweifeln getan haben. 

Ein weiterer Punkt: Überlegungen hin oder her, wie soll man denn als 
Schriftsteller konkrete Personen zeichnen, wenn man auf alles Nationale 
verzichten soll? Wie kann es denn ohne Nationen einzelne Sprachen 
geben? Jeder Schriftsteller, der die Welt abbildet, kann in keiner Sprache 
außer der nationalen schreiben. Mit dem Absterben der Nationen würden 
auch die Sprachen sterben. 

Aus einem leeren Gefäß kann man nichts essen und nichts trinken. 

Mir fällt auf, dass es am häufigsten Juden sind, die dafür plädieren: Ach¬ 
tet nicht auf die Nationalität! Was hat denn die »Nationalität« damit zu 
tun? Wie kann es denn »nationale Eigenschaften« oder einen »nationalen 
Charakter« geben? 

Ich war damals bereit, mit Begeisterung diesem Vorschlag zuzustimmen 
und zu sagen: »Einverstanden! Verzichten wir doch darauf! Ab nun wer¬ 
den wir ...« 

Aber man muss doch sehen, wohin unser unglückseliges Zeitalter 
treibt. Menschen unterscheiden wohl am ehesten andere Menschen aus 


1 Römer 10,12 


476 



Der Wendepunkt zur Anklage Russlands 


irgendeinem Grund nach nationalen Gesichtspunkten. Und Hand aufs 
Herz: Die Juden achten besonders aufmerksam, eifersüchtig und verstoh¬ 
len auf die nationale Zugehörigkeit. Und sortieren nach ihr aus - und zwar 
Angehörige ihrer Nation. 

Wie soll man sich dem gegenüber verhalten, was weiter oben in diesem 
Kapitel beschrieben wird, nämlich dass die Juden so oft über die Russen 
im Ganzen urteilen, und zwar fast immer abwertend und verurteilend? 
Derselbe Pomeranz schreibt über »die krankhaften Eigenschaften des rus¬ 
sischen Wesens«, darunter die »innere Unbeständigkeit«. (Er hat dabei kei¬ 
nerlei Skrupel, über eine ganze Nation zu urteilen. Was wohl wäre, wenn 
es jemand wagte, von den »krankhaften Eigenschaften des jüdischen We¬ 
sens« zu sprechen?) Die russische »Masse hat es zugelassen., dass die Schre¬ 
cken der staadichen Willkürherrschaft über sie herfielen, genauso, wie sie 
später die stalinistischen Todeslager zugelassen hat «. 24 (Es war also nicht 
die sowjetische internationalistische Behördenriege, die sich wohl furcht¬ 
bar dagegen gewehrt hat, sondern diese stumpfsinnige Masse, die es zu¬ 
gelassen hat...) Es wird sogar noch ausfallender: »Der russische Nationa¬ 
lismus nimmt unausweichlich einen aggressiven, pogromwütigen Cha¬ 
rakter an .« 25 Also ist jeder Russe, der sein Volk liebt, ein potenzieller 
Pogromist! 

Das heißt wohl, dass uns, ähnlich den Personen in Tschechows Stücken, 
nichts anderes übrig bleibt als zu seufzen und zu sagen: »Es ist noch zu 
früh!« 

Aber das Bemerkenswerteste, sozusagen die Krönung des zweiten Brie¬ 
fes von Pomeranz an mich, in dem er so eindringlich verlangt, die natio¬ 
nalen Unterschiede nicht zu beachten, kommt erst noch. In diesem mehr¬ 
seitigen leidenschaftlichen Brief (der in einer sichtlich gereizten, harten 
Handschrift geschrieben wurde) wies er mich an — und zwar in Form eines 
Ultimatums! -, wie ich meinen so widerlichen Roman »Im Ersten Kreis 
der Hölle« noch retten könne. Ich hätte nur noch einen Ausweg: Ich 
müsse Gerassimowitsch zu einem Juden umschreibend. Damit die herausra¬ 
gende geistige Tat in diesem Roman explizit von einem Juden vollbracht 
würde! »Dass Gerassimowitsch einem russischen Prototypen nachemp¬ 
funden wird, ist absolut unwichtig « — so schrieb mir der Verächter der Na¬ 
tionen, nur die Kursivsetzung ist von mir. Allerdings sah er noch einen 
Rettungsweg für mich: Wenn ich trotz allem Gerassimowitsch russisch 


477 



Kapitel 13 


ließe, dann müsse ich eine gleichwertige Hauptperson einfiigen, nämlich 
einen edlen und selbsdosen Juden. Wenn ich mich aber weigerte, das eine 
oder das andere zu tun, so drohte mir Pomeranz, gegen mich eine öffent¬ 
liche Kampagne zu entfachen. (Auf diesen Vorschlag habe ich nicht mehr 
geantwortet.) 

Diese einseitige Kampagne führte er dann unter der Bezeichnung »Un¬ 
sere Polemik« im Westen und, nachdem es erlaubt wurde, auch in der 
UdSSR fort, wobei er sich wiederholte und seine alten Artikel erneut 
veröffentlichte, allerdings nicht ohne die Fehler, auf die ihn seine Oppo¬ 
nenten hingewiesen hatten, korrigiert zu haben. In diesen Publikationen 
offenbarte er sich: Es gäbe nur ein absolutes Böses in der Welt und das 
war und ist das Hitler-Regime. In dieser Hinsicht ist unser Philosoph kei¬ 
neswegs ein Relativist. Aber sobald die Rede auf den Kommunismus 
kommt, beginnt dieser ehemalige Lagerinsasse, der gewiss kein Kommu¬ 
nist ist, plötzlich davon zu reden, und mit den Jahren immer vehementer 
(indem er meine Unnachgiebigkeit dem Kommunismus gegenüber in 
Frage stellt), dass der Kommunismus nicht zweifelsfrei böse sei. Und durch 
die frühe Tscheka »wehte sogar ein Hauch demokratischen Geistes «. 26 
Nein, laut Pomeranz ist das unbestreitbare Böse vielmehr der Geist eines 
sturen Antikommunismus, besonders dann, wenn er sich auf den russi¬ 
schen Nationalismus stützt. (Der, wie man uns gesagt hat, allzeit po¬ 
grombereit ist.) 

Dahin also ist Pomeranz mit seiner erhabenen Sanftheit und »Nationa- 
litätenlosigkeit« gekommen. 

Wie kann man denn mit einer solch unausgewogenen Bewertungsweise 
und mit solchen Vorurteilen dem gegenseitigen Verständnis zwischen 
Russen und Juden dienen? 

Den Splitter im fremden Auge, aber nicht den Balken im eigenen sehen. 

Ungefähr zur selben Zeit, als mein Briefwechsel mit Pomeranz statt¬ 
fand, fertigte ein liberaler Unbekannter im Leningrader Parteiapparat eine 
Kopie von einem Geheimbericht irgendwelcher Genossen mit Namen 
Schtscherbakow, Smirnow und Utechin an, der von angeblicher »des¬ 
truktiver zionistischer Aktivität« und »subtilen Formen von ideologischer 
Diversion« in Leningrad handelte. »Wie sollen wir dagegen Vorgehen?«, 
wurde ich von jüdischen Bekannten gefragt. Ich antwortete, noch bevor 
ich das Dokument gelesen hatte: »Ist doch klar: Ihr müsst damit an die 


478 



Der Wendepunkt zur Anklage Russlands 


Öffentlichkeit gehen! Ihr müsst diesen Bericht im Samisdat vervielfälti¬ 
gen! Unsere Stärke liegt in der Öffendichkeit, der Publikmachung, Glas- 
nost!« Aber meine Bekannten schienen verlegen. »So kann man das nicht 
veröffentlichen, das würde falsch verstanden werden.« 

Nachdem ich den Bericht gelesen hatte, konnte ich ihre Befürchtungen 
nachvollziehen. Aus dem Bericht ging hervor, dass das literarische Ju¬ 
gendtreffen im Schriftstellerhaus am 30. Januar 1968 in politischer Hin¬ 
sicht eine aufrichtige und mutige Veranstaltung gewesen war: Die Politik 
mitsamt ihren Bestimmungen und ihrer Ideologie wurde mal verdeckt, 
mal ganz offen kritisiert und lächerlich gemacht. Aus dem Bericht ging 
auch hervor, dass die Äußerungen während der Aktion auch einen natio¬ 
nalen Sinn verfolgten (vermutlich war die Mehrheit der versammelten Ju¬ 
gend jüdischer Herkunft): Aus den Äußerungen war klar herauszuhören, 
dass die Sprecher sich durch die Russen gekränkt fühlten, aber auch eine 
klare Antipathie und gar Verachtung für sie empfanden und voller Sehn¬ 
sucht nach der Erhabenheit des jüdischen Geistes waren. Das war es, was 
meine Bekannten veranlasste, die Veröffentlichung des Berichts zu unter¬ 
lassen. 

Ich fühlte mich wie vom Schlag getroffen - die Anschuldigungen, die 
bei all den Auftritten an jenem Abend geäußert worden, waren angebracht. 
Der Poet Ufland soll dort gesagt haben, dass »sich Russland im Schau¬ 
fenster eines Bierkiosks wiederspiegelt«. Das stimmt doch! Und das ist ja 
das Schreckliche. Es scheint, dass an jenem Abend offen oder verdeckt der 
Vorwurf erklungen sei, die Russen würden unter den Biertheken umher¬ 
kriechen und ihre Frauen würden sie aus dem Dreck ziehen; dass sie 
Wodka bis zur Besinnungslosigkeit tränken, dass sie Lästermäuler und 
Diebe seien ... 

Es ist auch notwendig, dass wir uns selbst von der Seite betrachten und 
unsere katastrophalen Fehler wahrnehmen. Ich konnte auf einmal einen 
jüdischen Standpunkt einnehmen, mich umblicken und zusammen mit 
den anderen Angst bekommen: Oh Gott, wo sind wir, Juden, hingekom¬ 
men! Kartenspiele, Domino, Pöbel, der mit offenem Mund vor dem Fern¬ 
seher hockt. Was sind das für Tiere, was für Vieh, das uns umgibt! Sie 
haben weder Gott noch irgendwelche geistigen Interessen! Und wie viel 
Verbitterung steigt sofort wegen der ganzen Beschränkungen und man¬ 
nigfaltigen Unterdrückung in einem auf. 


479 



Kapitel 13 


Aber man vergisst dabei, dass die eigendichen Russen vernichtet, abge¬ 
schlachtet und unterdrückt wurden. Der Rest wurde zum Narren ge¬ 
macht, bestialisiert und zur Verzweiflung getrieben, und zwar von den 
bolschewistischen Halsabschneidern und nicht ohne die fleißige Beteili¬ 
gung der Väter heutiger junger jüdischer Intellektueller. Die moderne jü¬ 
dische Generation ist angewidert von den Fratzen jener, die ab den 40er- 
Jahren an die Staatsspitze aufgestiegen sind - auch uns widern sie an. 
Denn die Würdigen sind alle vernichtet worden und niemand ist übrig 
geblieben. 

»Blick nicht zurück«, belehrte uns Pomeranz später in einem seiner Es¬ 
says aus dem Samisdat, blick nicht zurück, denn so hat Orpheus Eurydi¬ 
ke verloren. 

Aber wir haben schon jetzt viel mehr verloren als Eurydike. 

Man hat schon seit den 20er-Jahren versucht uns einzutrichtern: Werft 
alles Vergangene über den Bord der Gegenwart. 

Aber ein altes russisches Sprichwort lautet: Geh nach vorne, aber blick 
zurück. 

Wir können es uns nicht leisten, nicht zurückzublicken - wir würden 
sonst nichts begreifen. 

* 

Selbst wenn wir versuchen, nicht zurückzublicken, erinnert man uns den¬ 
noch sofort daran: Angeblich sei »die Achse [der russischen Frage] der 
Minderwertigkeitskomplex der geistlosen Führer des Volkes im Verlauf seiner 
jahrhundertiangen Geschichte«. Dieser Komplex sei es gewesen, der »den 
russischen Zarismus dazu trieb, Eroberungskriege zu fuhren ... Ein Min¬ 
derwertigkeitskomplex ist eine Krankheit der Mittelmäßigkeit.« 27 Wollen 
Sie eine Erklärung für die Revolution in Russland 1917? Kommen Sie 
nicht selbst darauf? Es ist eben jener »Minderwertigkeitskomplex, der die 
Revolution in Russland bedingte«. 28 (Oh, der unsterbliche Freud hat alles 
auf der Welt an den Fingern einer Hand erklären können.) 

Und überhaupt: »Der russische Sozialismus ist ein direktes Erbe der 
russischen Autokratie« 29 , explizit direktes , das braucht nicht einmal be¬ 
wiesen zu werden. Es wird beinahe im Chor vorgetragen: »Zwischen dem 
Zarismus und dem Kommunismus gibt es ... unmittelbare Parallelen, ... 


480 



Der Wendepunkt zur Anklage Russlands 


eine qualitative Ähnlichkeit.« 30 Was ist denn auch anderes von der »aus 
Blut und Provokation zusammengemischten russischen Geschichte« 31 zu 
erwarten? In einer Rezension des interessanten Buches »Die Ideologie des 
National-Bolschewismus« von Agurskij fuhrt selbst eine kleine Verände¬ 
rung der Bewertung zu einem völlig neuen Bild, und wir erhalten Fol¬ 
gendes: »In der wirklichen Geschichte der sowjetischen Gesellschaft be¬ 
gann schon sehr früh ein Prozess der Verschmelzung von traditionellen 
Urideen der russischen nationalen Selbstwahrnehmung mit der Pra xi s 
und der Ideologie der regierenden Partei.« »Die Parteiideologie sattelte be¬ 
reits Mitte der 20er-Jahre auf ein anderes Pferd um.« Bereits Mitte der 
20er-Jahre!? Wieso haben wir das denn damals nicht bemerkt? Das Wort 
»russisch« war damals doch völlig tabu, »ich bin ein Russe« auszusprechen, 
war doch absolut unmöglich, das wäre ja konterrevolutionär gewesen! Ich 
kann mich noch gut daran erinnern. Aber nein, nun stellt sich plötzlich 
heraus, dass schon damals, auf dem Höhepunkt der Verfolgung alles Rus¬ 
sischen und Orthodoxen, die Parteiideologie »sich in ihrer Praxis immer 
intensiver und konsequenter von nationalen Ideen leiten lässt«. »Die sow¬ 
jetische Regierung arbeitete unter einem internationalistischen Tarnman¬ 
tel in Wirklichkeit an der Festigung des russischen Staates.« 32 Doch, doch! 
»Trotz der internationalistischen Deklarationen blieb die Revolution in 
Russland eine nationale Angelegenheit.« 33 Und »das durch die Revolution 
umgewälzte Russland baute einen Staat des Volkes auf«. 34 

Des Volkesl Wie kann man denn wagen, so etwas zu behaupten? Immer¬ 
hin wissen all diese Autoren bestens über den Roten Terror Bescheid; über 
die Millionen Bauern, die bei der Kollektivierung umgekommen sind, und 
über den unersättlichen Gulag. 

Aber nein, Russland, in all seinen historischen Manifestationen und 
Formen ist aussichtslos und unwiderruflich verurteilt. Es steht immer 
unter Verdacht: »Die russische Idee« ist ohne Antisemitismus »irgendwie 
keine Idee mehr und nicht mehr russisch«. Und weiter: »Die Feindschaft 
gegenüber der Kultur ist eine spezifisch russische Erscheinung.« »Wie oft 
haben wir die Beteuerungen anhören müssen, dass auf der ganzen Welt 
sie allein die Reinheit und Unberührtheit bewahrt hätten und allein in¬ 
mitten der heimischen Gefilde Gott bewahrten.« 35 »In diesem verkrüp¬ 
pelten Land soll angeblich ein großer Herzensreichtum Unterschlupf 
gefunden haben. Dieser Herzensreichtum wird uns immer als eine Art 


481 



Kapitel 13 

Nationalheiligtum vorgefiihrt, wie ein einzigartiges Produkt ähnlich dem 
Presskaviar.« 36 

Lacht uns ruhig aus, macht eure Späße, das tut uns nur gut. Zweifellos 
steckt in dem Gesagten ein Kern Wahrheit, so unangenehm das auch sein 
mag. Aber wenn man etwas Derartiges äußert, sollte man nicht so hasser¬ 
füllt sein. Es war uns bereits lange klar, wie tief unser Volk unter den 
Kommunisten gesunken ist, als wir in jenen 70er-Jahren so schüchtern 
und zaghaft begannen, von der Hoffnung auf eine Wiederauferstehung 
unserer Gesellschaft und Kultur zu schreiben. Merkwürdigerweise stürz¬ 
ten sich aber die jüdischen Autoren jener Epoche mit ungebremstem Zorn 
auf die Hoffnung einer russischen Renaissance, sodass man den Eindruck 
gewinnen konnte (vielleicht war dieser Eindruck sogar richtig?), sie hät¬ 
ten Angst, die sowjetische Kultur könnte von der russischen abgelöst wer¬ 
den. »Ich befurchte, das >Aufblühen< dieses dem Untergang geweihten 
Landes wird noch widerlicher als sein gegenwärtiges [in den 70er- und 
80er-Jahren] Verwelken.« 37 

Wenn wir nun auf die »demokratischen« 90er-Jahre zurückblicken, so 
stellen wir fest, dass diese Voraussage durchaus visionär war. Es stellt sich 
nur die Frage, ob sie mitfühlend oder schadenfroh gemeint war. 

Es gab auch solche Stimmen: »Seid gewarnt, wenn man euch von der 
Liebe zur Heimat erzählt: Diese Liebe ist mit Hass geladen ... Hütet euch 
vor Berichten, nach denen es in Russland den Russen am schlechtesten 
geht, dass die Russen am meisten gelitten haben, dass die Bevölkerungs¬ 
zahl der Russen stetig sinkt ...« Was bekanntlich alles gelogen ist. »Seid 
vorsichtig, wenn man euch von dem großen Staatsmann erzählt, der ... 
hinterhältig umgebracht wurde« (Stolypin). Das ist wohl auch eine Lüge? 
Nein: »Nicht, weil die Fakten, die euch vorgelegt werden, falsch sind«, 
aber trotzdem, akzeptiert nicht einmal die wahren Fakten: »Seid vorsich¬ 
tig!«, »Hütet euch!« 38 

Dieser Strom der späten leidenschaftlichen Anschuldigungen hat etwas 
Verblüffendes. 

Wer hätte bei der Begeisterung der 20er-Jahre gedacht, dass bereits nach 
dem Zerfall und Sturz jener munteren Apparat-Struktur in Russland die 
Juden, die bis dahin selbst zur Genüge unter dem Kommunismus gelitten 
hatten und die ihn scheinbar verdammten und vor ihm geflohen waren, 
nun so zahlreich von Israel, Europa und Übersee aus nicht den Kommu- 


482 



Der Wendepunkt zur Anklage Russlands 


nismus, sondern gerade Russland verfluchen und mit Füßen treten wür¬ 
den? Dass sie derart selbstsicher und vielstimmig über die vielfältige Schul¬ 
digkeit und Schlechtigkeit Russlands richten würden, über seine uner¬ 
schöpfliche Schuld vor den Juden, und dabei auch noch fast ausnahmslos 
selbst an diese Schuld glauben würden, was ja der Sache die Krone auf¬ 
setzt! In der Zwischenzeit wird mit einem laudosen Flankenmanöver von 
der eigenen Verantwortung ftir die Teilhabe an den Erschießungen durch 
die Tscheka abgelenkt, an den Lastkähnen, die voll gefüllt mit Todge¬ 
weihten im Weißen und Kaspischen Meer versenkt wurden, von der eige¬ 
nen Beteiligung am Schrecken der Kollektivierung, dem Hunger in der 
Ukraine, an der aktiven Mitschuld an all den Widerlichkeiten der sowje¬ 
tischen Herrschaft, von ihrem talentierten Eifer im Dienste der Verblö¬ 
dung der »Eingeborenen«. All diese Aktivitäten sind das genaue Gegenteil 
von Reue. 

Aber die Verantwortung für jene Geschehnisse müssen wir, egal, ob wir 
uns als Brüder oder als Fremde sehen, teilen. 

Reue, und zwar beiderseitige Reue für wirklich alles, was geschehen ist, 
wäre der sauberste und reinigendste Weg. 

Ich werde nicht aufhören, die Russen dazu aufzurufen. 

Und ich rufe die Juden dazu auf. Nicht für Trotzkij, Kamenew und Si- 
nowjew Reue zu zeigen, über die ist sowieso alles klar, man kann sich auch 
von ihnen lossagen: »Das waren keine Juden!« Sondern aufrichtig auf das 
gesamte Ausmaß des frühsowjetischen Terrorapparats zurückzublicken, 
auf jene »Unscheinbaren« wie Isaj Dawidowitsch Berg, der den bekann¬ 
ten Gaswagen (»Seelenvernichter«) 39 auch zum Leidwesen der Juden er¬ 
funden hat, und noch Unauffälligere, solche, die im sowjetischen Apparat 
Akten sammelten und nie an die Öffentlichkeit traten. 

Allerdings würden die Juden nicht mehr Juden sein, wenn sie alle in 
irgendeiner Hinsicht mit einer Stimme sprechen würden. 

Das gilt auch für den besprochenen Fall. Doch auch ganz andere Stim¬ 
men sind hierzu erklungen. 

Im selben Zeitraum, nämlich seit dem Beginn des großen Exodus der 
Juden aus der UdSSR, hat es zum Glück für alle und zur großen Ehre der 
Juden Stimmen gegeben, die dem Judentum treu geblieben sind und dabei 
die geistige Größe hatten, die Geschichte umfassend zu begreifen. Wie er¬ 
freut man doch war, diese Stimmen damals zu vernehmen und seit jener 


483 



Kapitel 13 


Zeit weiterhin vernehmen zu können! Was fiir Hoffnungen das doch für 
die Zukunft weckt! Angesichts der fatalen Einschnitte und Ausfälle in den 
russischen Reihen sind ihr Verständnis und ihre Unterstützung besonders 
wertvoll. 

Es erklang ja bereits Ende des 19. Jahrhunderts die melancholische Mei¬ 
nung: »Jedes Land hat die Juden, die es verdient.« 40 

Das Entscheidende ist immer, in welche Richtung die Gefühle strömen. 

Wenn nicht die alternativen jüdischen Stimmen aus der dritten Emi¬ 
grationswelle und aus Israel zu vernehmen wären, müsste man an der Un¬ 
wahrscheinlichkeit einer russisch-jüdischen Kommunikation und eines 
gegenseitigen Verständnisses verzweifeln. 

Roman Rutman, von Beruf Kybernetiker, publizierte erstmals 1973 in 
der Emigration, unmittelbar nach seiner Ausreise nach Israel. Er beschrieb 
in einer sehr warmherzigen und überzeugenden Erzählung, wie diese 
Emigration zum Leben erwachte und an Schwung gewann, und zeigte 
schon damals klar erkennbare Sympathien ftir Russland. Der Bericht war 
auch dementsprechend ausdrucksstark betitelt: »Dem Gehenden eine 
Verbeugung, dem Bleibenden die Bruderschaft«. 41 Unter den ersten An¬ 
klängen eines Bewusstwerdens war, wie er schreibt, die Frage: »Sind wir 
Juden oder Russen?« Unter den Klängen des Abschieds war die Äußerung: 
»Russland, das für die Menschheit gekreuzigt wurde«. 

Ein Jahr später, 1974, schlug er in dem Artikel »Der Ring der Krän¬ 
kungen« vor, »einige festgesetzte Konzeptionen über die »jüdische Frage<« 
zu revidieren und »die Gefahr der Verallgemeinerung dieser Konzepte zu 
erkennen«. Das sind die drei Maximen: 1) »Das außergewöhnliche 
Schicksal des jüdischen Volkes hat dieses zum Symbol der menschlichen 
Leiden gemacht.« 2) »Die Juden in Russland waren immer Opfer einsei¬ 
tiger Verfolgungen.« 3) »Die russische Gesellschaft steht tief in der Schuld 
des jüdischen Volkes.« Er zitiert einen Satz aus meinem Buch »Der Archi¬ 
pel Gulag«: »Dieser Krieg hat uns allgemein gezeigt, dass es das Schlimms¬ 
te auf der Welt ist, Russe zu sein.« Rutman begreift, dass dies keine leere 
Phrase ist: Die Verluste dieses Krieges, die Kriegsgefangenschaft und davor 
der revolutionäre Terror, die Hungerkatastrophen. Die »sinnlose Vernich¬ 
tung sowohl der geistigen Blüte der Nation als auch ihrer Stütze, des Bau¬ 
erntums«. Obwohl die zeitgemäße russische Literatur und die demokrati¬ 
sche Bewegung als Wiedergutmachung für vorangegangene Sünden und 


484 



Der Wendepunkt zur Anklage Russlands 


Verfolgungen die These predigt, das russische Volk stehe in der Schuld des 
jüdischen, zieht der Autor das begründete Konzept des »Rings der Krän¬ 
kungen« einem »verzückten Geplappere über die Leiden und Talente des 
jüdischen Volkes« vor. »Um den >Ring der Kränkungen< zu durchbrechen, 
muss von beiden Seiten daran gerüttelt werden.« 42 

Da ist sie - eine nachdenkliche, freundschaftliche und ruhige Stimme. 

Die Stimme von Michail Heifez, einem ehemaligen Lagerinsassen, er¬ 
klang in jenen Jahren ebenfalls oft und deutlich. »Als großer Anhänger 
meines eigenes Volkes kann ich sehr wohl mit den Nationalisten anderer 
Völker mitfahlen.« 43 Er haue den Mut, den Aufruf zu einer jüdischen 
Reue auf folgende vergleichende Art zu verfassen: »Die Erfahrung des 
deutschen Volkes, das sich nicht von seiner furchtbaren und verbrecheri¬ 
schen Vergangenheit abwendet, das nicht versucht, die Verantwortung für 
das Hkler-Regime an Fremde weiterzureichen oder Ähnliches, sondern 
sich stetig in der Flamme einer nationalen Reue reinigt und einen Staat 
schuf, welcher der Menschheit zum ersten Mal Begeisterung und Achtung 
vor den Deutschen einflösst, diese Erfahrung sollte meiner Meinung nach 
ein Vorbild auch für jene Völker werden, die an den Verbrechen des Bol¬ 
schewismus teilhatten. Unter ihnen auch für die Juden.« »Wir, die Juden, 
sollten ehrliche Schlussfolgerungen aus unserem Spiel >auf einer fremden 
Hochzeit< ziehen; ein Spiel, von dem bereits Jabotinsky erstaunlich pro¬ 
phetisch gesprochen hatte.« 44 

M. Heifez bewies wahre Geistesgröße, indem er von der »reellen Schuld 
der assimilierten Juden gegenüber den Völkern jener Länder, in denen sie 
unterkamen«, sprach, »einer Schuld, die es nicht erlaubt, nicht erlauben 
darf, ruhig in der Diaspora zu leben«. Über das sowjetische Judentum in 
den 20er- und 30er-Jahren schreibt er: »Wer hat das Recht, sie für diesen 
historischen Irrtum [die leidenschaftliche Teilnahme am Aufbau des 
Kommunismus] und die historische Abrechnung mit Russland für den 
Ansiedlungsrayon und die Pogrome zu verurteilen? Wer, außer uns, ihren 
Nachfahren, die das bitter bereuen?« 45 (Heifez erwähnt, dass seine Lager¬ 
genossen B. Penson und M. Korenblit, die sich ebenfalls Gedanken über 
die jüdisch-russische Beziehung machten, diese Einschätzung mit ihm 
teilten.) 

Fast zeitgleich mit diesen Worten des bereits emigrierten Heifez erklang 
auch innerhalb der UdSSR ein lebhafter Aufruf zur Reue, verfasst von 


485 



Kapitel 13 


Felix Swetow in dem Samisdat-Roman »Öffne mir die Pforten«. 46 (Es ist 
kein Zufall, dass aufgrund der jüdischen Sensibilität und des jüdischen 
Verstandes F. Swetow einer der Ersten war, welche die einsetzende russi¬ 
sche religiöse Wiedergeburt wahrnahmen.) 

Später, bereits während des leidenschaftlichen Disputs rund um die 
Werke von Astafjew und Eidelman, schrieb Jurij Stein »über unsere spezi¬ 
fischen aschkenasischen Komplexe, die durch eine Mischung aus dem eli¬ 
tären Bewusstsein, Angehörige des auserwählten Volkes zu sein, und der 
Psychologie eines Schted-Bewohners entstanden sind. Daher rühren auch 
unsere Ansprüche auf die Monopolisierung der eigenen Leiden ... Es ist 
an der Zeit, uns selbst als eine normale Nation wahrzunehmen, die allen 
Parametern nach würdig und nicht unfehlbar ist, wie alle anderen Natio¬ 
nen der Welt auch. Das gilt umso mehr jetzt, da wir nun endlich unseren 
eigenen unabhängigen Staat haben und der Welt bewiesen haben, dass 
Juden es nicht schlechter als die großen Nationen verstehen, sich zu ver¬ 
teidigen und das Land zu bestellen.« 47 

Als die linksliberale Pletze gegen die Schriftsteller W. Astafjew, W. Ras¬ 
putin und W. Below anfing, wurden sie von der Literaturwissenschaftle¬ 
rin Maria Schnejerson mit ganzem Herzen verteidigt. Schnejerson be¬ 
wahrte sich in der Emigration eine warmherzige, tiefe und zuweilen me¬ 
lancholische Liebe für Russland und zeigte Verständnis für die russischen 
Probleme aus der Sicht einer Betroffenen. 48 

In den 70er-Jahren erschien im Westen ein umfassendes, qualifiziertes 
und aufrüttelndes Buch über die Zerstörung der Natur durch die Kom¬ 
munisten. Der sowjetische Verfasser figurierte verständlicherweise nur 
unter dem Pseudonym B. Komarow. Einige Zeit später konnte der Autor 
emigrieren und seinen wahren Namen mitteilen: Zeev Wolfson. Wir er¬ 
fuhren auch, dass er einer derjenigen war, die ein Album über die zerstör¬ 
ten oder entweihten Kirchen Zentralrusslands zusammenstellten. 49 

Im zerstörten Russland waren sehr wenige handlungsfähige Kräfte 
übrig geblieben, die sich für die russischen Belange einsetzten; zum Glück 
gab es diese freundschaftliche und mitfühlende jüdische Unterstützung. 
In diesen Zeiten des Verfalls und unter harten Verfolgungen seitens der 
Regierung begann unsere Organisation »Russischer Gesellschaftlicher 
Fonds«, dem ich mein gesamtes Honorar für »Archipel Gulag« gespendet 
habe, die Verfolgten zu unterstützen. Angefangen mit dem ersten, fähigen 


486 



Der Wendepunkt zur Anklage Russlands 


und selbsdosen Verwalter des Fonds, Alexander Ginzburg, gab es unter 
den Mitarbeitern nicht wenige Juden und Halbjuden. (Was den geblen¬ 
deten rechtsradikalen russischen Kreisen den Vorwand lieferte, unseren 
Fonds als »jüdisch« abzustempeln.) 

Ähnlich rege war die Teilnahme an unserer Publikationsreihe INRI (Is- 
sledowanija Nowejschej Russkoj Istorii [Untersuchungen der Neuesten 
Russischen Geschichte]) durch M. Bernstam und danach durch Ju. 
Felschtinskij und D. Sturman. 

Im Kampf gegen die kommunistischen Lügen zeichneten sich durch 
vielseitige, mit frischen Gedanken glänzende, zutiefst überzeugende Pu¬ 
blizistik in einer angemessenen, ausgeglichenen Form die Autoren M. 
Agurskij, D. Sturman, A. Nekritsch, M. Geller, A. Serebrennikow aus. 

Und wo, wenn nicht hier, muss an die Heldentat des US-amerikani¬ 
schen Professors Julius Epstein erinnert werden, an sein Verdienst um 
Russland. Im überheblichen Amerika, das immer davon überzeugt ist, 
Recht zu haben, und das so leicht die eigenen Verbrechen übersieht, war 
er es, der durch einsame Bemühungen das Geheimnis um die »Operation 
Keelhaul« lüftete: Nach dem Krieg lieferten die Amerikaner bereits vom 
eigenen Kontinent Hunderte und Tausende Russen und Kosaken, die naiv 
glaubten, im »freien« Land endgültig in Sicherheit zu sein, an die stalinis- 
tischen Henker in die UdSSR aus. 50 

All diese Beispiele können helfen, ein aufrichtiges russisch-jüdisches 
Verständnis aufzubauen, wenn es nicht von beiden Seiten durch Intole¬ 
ranz und Hass verbaut wird. 

Leider rufen selbst die vorsichtigsten Bemühungen um Reflexion, Reue 
und Gerechtigkeit zornige Proteste seitens der - sowohl russischen als auch 
jüdischen - Wächter des radikalen Nationalismus hervor. »Kaum ruft Sol- 
schenizyn zur nationalen Reue auf«, gemeint ist der Aufruf an die Russen, 
und das kritisiert der Autor auch nicht, »schon stehen auch unsere [jüdi¬ 
schen] Landsleute in vorderster Linie.« Er nennt zwar keine Namen, aber 
es wird klar, dass in erster Linie M. Heifez gemeint ist. »Plötzlich steüt sich 
heraus, dass wir die meiste Schuld haben, wir haben geholfen, nein, 
schlimmer noch, wir haben die Sowjetmacht eingesetzt... und waren un¬ 
verhältnismäßig stark in den diversen Staatsorganen vertreten.« 51 

Auf diejenigen, die mit der Stimme der Reue gesprochen haben, stürz¬ 
te man sich sofort wutentbrannt. »Sie ziehen es vor, in ihrem hurra-pa- 


487 



Kapitel 13 


triotischen Inneren einen Mund voll Spucke zu bilden« - was für ein Stil, 
was für eine edle Ausdrucksweise! - »und sorgfältig all jene >Ahnen< zu be¬ 
spucken, Trotzkij und Bagrizkij, Kogan und Dunajewskij zu verfluchen.« 
»M. Heifez ruft uns auf, »sich in der Flamme einer nationalen Reue zu rei¬ 
nigend?!)« 52 

Wie sehr hat F. Swetow für den autobiografischen Helden seines Ro¬ 
mans leiden müssen: »Das Buch über den Übertritt zum Christentum ... 
wird keinesfalls der abstrakten Suche nach einem Weg zur Reue dienen, 
sondern vielmehr einem recht konkreten Antisemitismus und der Juden¬ 
hetze ... Dieses Buch ist antisemitisch.« Was sollte man denn auch schon 
bereuen?, entrüstet sich der unermüdliche David Märkisch. Der Held in 
Swetows Roman sieht einen »Verrat« darin, dass »wir dieses Land in einem 
jämmerlichen Zustand im Stich lassen, an dem wir auch noch ausschlie߬ 
lich selbst die Schuld tragen: Denn es waren, wie sich herausstellt, wir, die 
jene blutige Revolution gemacht haben, wir haben Väterchen Zar er¬ 
schossen, wir haben die orthodoxe Kirche entweiht und vergewaltigt und 
außerdem haben wir den Archipel Gulag gegründet.« So meint Swetow 
das wohl. Alles falsch. Erstens haben die »Genossen« Trotzkij, Swerdlow, 
Berman und Frenkel nichts mit dem Judentum zu tun. Und zweitens ist 
die Fragestellung nach irgendeiner Kollektivschuld nicht zulässig. 53 (Ganz 
anderes gilt, wenn es sich um Russen handelt, die werden gleich alle auf 
einen Streich angeklagt, angefangen mit dem Starez Filofej.) 1 

Sein Bruder Schimon Märkisch sieht die Lage so: »Was die letzte Welle 
der Emigranten aus der UdSSR anbelangt, ... ob sie nun nach Israel oder 
in die USA ging, so kann da von einer wahren, nicht »von Phantasien ge¬ 
nährtem Russophobie keine Rede sein. Umso augenfälliger sind Fälle von 
Selbsthass, die sich zu direktem Antisemitismus steigern.« 54 

Sobald ein Jude also Reue zeigt, handelt es sich bereits um Antisemi¬ 
tismus. (Eine neue Variante des Phänomens.) 

Es sind die Russen, die ihre nationale Schuld einsehen sollen. »Die Idee 
einer nationalen Reue kann ohne die klare Einsicht einer nationalen 


1 Starez Filofej (1. Hälfte 16. Jh.): Mönch des Jeleasarow-Klosters in Pskow, der 
in seinen Sendschreiben die später einflussreiche ideologische Konzeption von 
Moskau als »Drittem Rom« und Nachfolger der byzantinischen Weltmacht for¬ 
mulierte 


488 



Der Wendepunkt zur Anklage Russlands 


Schuld nicht umgesetzt werden ... Die Schuld ist riesig, und es gibt nie¬ 
manden, auf den man sie abwälzen könnte. Diese Schuld betrifft nicht nur 
die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart, in der Russland zur Ge¬ 
nüge Widerlichkeiten begeht, und in der Zukunft könnten es noch mehr 
werden.« So schreibt Anfang der 70er-Jahre Schragin. 55 

Nun, auch wir werden nicht müde, die Russen zur Reue aufzurufen; 
ohne Reue werden wir keine Zukunft haben. Die Situation ist folgender¬ 
maßen: Die kommunistischen Missetaten wurden nur von jenen wahrge¬ 
nommen, die direkt davon betroffen waren oder ihren Opfern nahe stan¬ 
den. Und jene, die nicht betroffen waren, versuchten, sie nicht zu bemer¬ 
ken. Nun haben sie es vergessen, vergeben und ihnen ist nicht klar: Was 
sollen wir denn bereuen? (Noch unklarer ist für sie, wer jene Missetaten 
beging.) 

Jeden Tag empfinden wir Scham für unser selbstzerstörerisches Volk. 

Gleichzeitig empfinden wir für dieses Volk Liebe. Und wir suchen keine 
Wege, die von ihm wegftihren. 

Aus irgendeinem Grund haben wir nicht endgültig den Glauben an die¬ 
ses Volk verloren. 

Aber habt denn ihr an unserer riesigen Schuld, an unserer misslunge¬ 
nen Geschichte wirklich gar keinen Anteil? 

Schimon Märkisch gibt Jabotinskys Ideen aus den 20er-Jahren so wie¬ 
der: »Jabotinsky hat mehrfach (zu unterschiedlichen Anlässen) bemerkt: 
Russland ist ein fremdes Land, unser Interesse an Russland ist distanziert 
und kühl, auch wenn wir Mitgefühl haben. Seine Sorgen, Enttäuschun¬ 
gen und Freuden sind nicht die unsrigen, genauso wie die unsrigen nicht 
seine sind.« Märkisch fügt hinzu: »Das entspricht genau meiner Einstel¬ 
lung gegenüber den russischen ... Sorgen.« Er schlägt vor, endgültig »die 
Dinge beim Namen zu nennen. Allerdings glänzen die freien, wesdichen 
Russen in diesem heiklen Punkt auch nicht gerade mit Mut ... Ich ziehe 
es vor, es klar mit Feinden zu tun zu haben.« 56 

Man müsste aber diesen Ausspruch in zwei Teile trennen: Warum ist 
denn »die Dinge beim Namen nennen«, klar zu sprechen, gleichbedeu¬ 
tend mit Feind sein? Es heißt ja, ein Freund sei nicht der, welcher sagt, was 
ich hören will, sondern der, welcher sagt, was ich wissen muss. 

Es ist eben dieses Missverhältnis, dass »die Dinge beim Namen zu nen¬ 
nen« gleichbedeutend mit »Feindschaft« ist, von dem wir alle loskommen 


489 



Kapitel 13 

müssen. Und ich rufe alle auf, auch die Juden, sich geschichdich und für 
immer davon loszusagen! 

Ich bemühe mich in diesem Buch, »die Dinge beim Namen zu nen¬ 
nen«. Und habe zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass ich dabei feind¬ 
selig den Juden gegenüber wäre. Ich schreibe mit mehr Mitgefühl gegen¬ 
über den Juden, als im Gegenzug viele Juden über Russen schreiben. 

Das Ziel dieses Buchs ist, wie schon im Titel angedeutet, eben die Er¬ 
kenntnis der Notwendigkeit eines gegenseitigen Verstehens, wir müssen die 
Situation und die Selbstwahmehmung der jeweils anderen Seite nachemp¬ 
finden können. Mit diesem Buch reiche ich die Hand zum gegenseitigen 
Verständnis, und zwar ftir all unsere Zukunft. 

Aber es ist notwendig, dass dies auf beiden Seiten erfolgt! 

Der Verflechtung des jüdischen mit dem russischen Schicksal, die sich 
seit dem 18. Jahrhundert entwickelt hat und die so explosiv im 20. Jahr¬ 
hundert zutage getreten ist, liegt irgendein verborgener historischer 
Schlüssel zugrunde, den wir auch der Zukunft wegen nicht verlieren dür¬ 
fen. Darin liegt vielleicht eine geheime Vorsehung; umso mehr sollten wir 
bemüht sein, sie zu erkennen und zu erfüllen. 

Es scheint offenkundig zu sein, dass die Wahrheit über unsere gemein¬ 
same Vergangenheit sowohl ftir die Juden als auch ftir die ^Russen mora¬ 
lisch notwendig ist. 


490 



Kapitel 14 

Der Beginn des Exodus 


D ie Epoche des Exodus, wie sie von den Juden selbst genannt worden 
ist, setzte sozusagen schleichend ein: Ihren Beginn markiert ein Ar¬ 
tikel in den »Iswestija« [»Nachrichten«] vom Dezember 1966, in dem das 
Einverständnis der Regierung, »Familienzusammenführungen« zuzulas¬ 
sen, in wohlgewählten Ausdrücken mitgeteilt wurde. Unter »diesem 
Schlagwort erhielten die Juden das Recht, die UdSSR zu verlassen«. 1 Ein 
halbes Jahr später brach der Sechs-Tage-Krieg aus, in all seinen histori¬ 
schen Dimensionen. »Wie jedes Epos begann auch der Exodus mit gleich 
mehreren Wundern. Und, wie es sich für ein Epos gehört, wurden den 
Juden Russlands - der Generation des Exodus - drei Wunder gegeben«: 
das Wunder der Staatsgründung Israels, »das Purim-Wunder von 1953« 
(gemeint ist der Tod Stalins) und »das Wunder des frohen, glänzenden, be¬ 
rauschenden Sieges im Jahre 1967«. 2 

Der Sechs-Tage-Krieg gab dem Selbstbewusstsein der sowjetischen 
Juden und den abflauenden Assimilationsbemühungen vieler einen star¬ 
ken und unumkehrbaren Schub. Er rief deudiche Bestrebungen nach der 
Vermittlung jüdischen Wissens hervor, die in privaten Arbeitskreisen 
stattfand, und nach einem Studium des Hebräischen. Letztendlich Heß 
der Sechs-Tage-Krieg auch eine Weltanschauung entstehen, die zur Emi¬ 
gration führte. 

Aber wie war denn das nationale Selbstempfinden unter den sowjeti¬ 
schen Juden Ende der 60er-Jahre, kurz vor Beginn des Exodus? Die retro¬ 
spektive Betrachtung der eigenen jüdischen Gefühle ist wohl nicht ver¬ 
fälscht, wenn man von einem damals beständigen Gefühl der Unterdrü¬ 
ckung oder Einengung liest: »Wenn sie das Wort Jude hören, ziehen sie 
den Kopf ein, als ob sie einen Schlag erwarteten. Sie selbst versuchen, die¬ 
ses bewusste Wort so selten wie möglich zu benutzen; wenn sie es doch 
einmal aussprechen müssen, dann tun sie es möglichst schnell und mit ge¬ 
dämpfter Stimme, als ob sie dabei am Hals gepackt würden ... Unter die- 


491 



Kapitel 14 


sen Leuten sind auch solche, die von einer ewigen Angst besessen sind, die 
sich in ihrem Unterbewusstsein unauslöschbar festgesetzt hat.« 3 Eine jü¬ 
dische Literatin schreibt: Ihr ganzes Berufsleben habe sie mit dem Gefühl 
verbracht, dass »ihre Arbeit vielleicht abgelehnt werden könnte, weil sie 
Jüdin ist«. 4 Dieses Gefühl der Unterdrückung existierte zweifellos bei vie¬ 
len Juden, auch wenn sie ofifensichdich im Vergleich mit der Masse der 
Bevölkerung materiell besser gestellt waren. 

Die Beschwerden der kulturschaffenden Juden richten sich in erster 
Linie auch nicht gegen die wirtschaftlichen, sondern gegen die kulturellen 
Behinderungen. »Die sowjetischen Juden versuchen ... weiterhin an der 
russischen Kultur teilzuhaben. Sie kämpfen um die russische Kultur in 
ihrem Inneren.« 5 Dora Sturman erinnert sich: »Wenn man die russischen 
Juden, deren Interessen an Russland gebunden sind, plötzlich als Usur¬ 
patoren und Fremde bezeichnet und ihnen - wenn auch vielleicht nur 
auf dem Papier oder mit Worten — das Recht nimmt, sich mit russischen 
Angelegenheiten und russischer Geschichte zu befassen, so empfinden 
sie Kränkung und Unverständnis. Mit dem Auftauchen des Samisdats 
und des Tamisdats 1 trat die Xenophobie gegenüber den Juden, die sich 
als Russen fühlten, und die in bestimmten Kreisen russischer Literaten 
zu finden ist, hervor. Bis dahin war diese Xenophobie nur auf der Straße 
oder im Umgang mit Behörden wahrzunehmen gewesen, nun offenbarte 
sie sich zum ersten Mal seit vielen Jahren auch auf einer elitär-intel¬ 
lektuellen Ebene, unter anderem bei den Dissidenten. Verständlicher¬ 
weise waren die Juden, die sich mit den Russen identifizierten, erschüt¬ 
tert.« 6 

Galitsch schreibt: »Eine Menge Menschen, die in den 20er-, 30er- und 
40er-Jahren erzogen wurden, waren von klein auf, eigendich von Geburt 
an, daran gewöhnt, sich als Russen zu sehen, ... und sie waren in der Tat 
mit all ihren Gedanken der russischen Kultur verbunden.« 7 

Ein anderer Autor malt das Bild eines »zeitgenössischen russischen 
Alltagsjuden«, der »gerne mit Herz und Verstand dem Land dienen würde. 
Er ... betrachtete sorgfältig seine eigenen Mankos. Er erkannte sie ... 
Und er versuchte, sie loszuwerden ... Er hörte auf, zu gestikulieren. Er be¬ 
freite sich von den Besonderheiten der Intonation, die in seiner Sprache 


1 Tamisdat: im Westen in russischer Sprache veröffentlichte Literatur 


492 



Der Beginn des Exodus 


üblich sind und ins Russische übertragen wurden ... Irgendwann ver¬ 
spürte er den Wunsch, mit den Russen zu verschmelzen, sich nicht mehr 
von ihnen zu unterscheiden.« So kommt es, dass »Sie jahrelang das Wort 
>Jude< nicht zu hören bekommen. Vielleicht haben die meisten vergessen, 
dass Sie Jude sind. Aber Sie selbst können das niemals vergessen. Sie 
werden immer durch das Schweigen daran erinnert. Es erzeugt in Ihnen 
ein derart aufgeladenes Feld, dass jedes Staubkorn darin förmlich explo¬ 
dieren könnte. Wenn Sie dann das Wort >Jude< hören, klingt es wie ein 
Schicksalsschlag.« Sehr plastisch ausgedrückt. Derselbe Autor versäumt 
überdies nicht zu erörtern, mit welchen Verlusten dieses Bestreben, sich in 
einen Russen zu verwandeln, bezahlt wurde. »Er hat zu vieles über Bord 
geworfen.« Das macht arm. »Jetzt brauchte er sehr viel sagende, mehr¬ 
deutige, sehr flexible Wörter. Aber solche Wörter sind in ihm nicht mehr 
vorhanden ... Wenn er nicht mehr in der Lage ist, ein Wort, das er benö¬ 
tigt, zu finden oder zu hören, dann stirbt etwas in ihm.« Er hat »die Into¬ 
nation der jüdischen Sprache«, in der »so viel Freude, Verspieltheit, Witz, 
Durchhaltevermögen und Ironie« 8 zum Ausdruck gebracht werden, ver¬ 
loren. 

Natürlich haben nicht alle Juden diese Erfahrungen im vollen Umfang 
und mit all ihrer Problematik durchmachen müssen, eher eine kleine 
Minderheit, die oberste Kulturschicht, und dort auch nur wirklich jene, 
die hartnäckig versucht haben, sich mit den Russen zu identifizieren. Von 
einem solchen Kreis, der auf die Intelligenzija im Allgemeinen ausgewei¬ 
tet wurde, sprach G. Pomeranz, als er folgende Zeilen verfasste: »Wir sind 
überall nicht ganz fremd. Wir sind überall nicht ganz heimisch.« Wir wur¬ 
den zu »einer Art nichtisraelischer Juden, Menschen der Luft, die im all¬ 
täglichen Sein all ihre Wurzeln verloren haben«. 9 

Eine sehr genaue Beschreibung. 

Bei einem anderen Autor lesen wir eine Weiterfuhrung dieses Gedan¬ 
kens: »Ich sehe klar, dass sie [die Juden] im heutigen Russland eine Schein¬ 
existenz fuhren.« 10 

Dort, wo eine Verschmelzung nicht erreicht wurde, kommt es unwei¬ 
gerlich zur Abkühlung, Entfremdung. 

Nathan Schtscharanskij hat mehrfach wiederholt, dass er sich ab einem 
bestimmten Zeitpunkt nicht mehr wie einer von jenen wahrnahm, welche 
die Einwohner dieses Landes waren. 


493 



Kapitel 14 


L. Chnoch hat während des »Flugzeugprozesses« im Dezember 1970 1 
offenherzig erklärt: »In einem Land zu leben, dass ich nicht mehr als mein 
Land empfinde, wurde für mich unerträglich.« (Es ist klar, dass man län¬ 
ger als zwei bis drei Monate braucht, um zu dieser Überzeugung zu ge¬ 
langen.) 

Eine ganzheitliche Sichtweise und mutig zum Ausdruck gebracht. 

Eben dieses Empfinden verbreitete sich immer stärker innerhalb immer 
größerer Kreise der sowjetischen Juden. 

Ein jüdischer Journalist drückte es später, 1982, so aus: »Ich bin ein 
Fremder ... Ich bin fremd im eigenen Land, dass ich abstrakt liebe, aber 
konkret einfach nur furchte.« 11 

Anfang der 70er-Jahre sagte mir L. K. Tschukowskaja bei einem Ge¬ 
spräch (ich habe das noch damals notiert): »Der jetzige Exodus ist mit Stie¬ 
feln in das Judentum eingetreten worden. Ich trauere um jene, die von den 
Russen gezwungen wurden, sich einzubilden, sie seien Juden. Den Juden 
ist ihre nationale Eigenart abhanden gekommen, und die künstliche Er¬ 
weckung ihrer nationalen Gefühle erscheint mir verlogen.« 

Oh, das ist bei weitem nicht so! Lidija Kornejewna ist hier etwas We¬ 
sentliches entgangen, auch wenn sie Kontakt zu zahlreichen Juden in den 
beiden russischen Metropolen hatte. Das Erwachen der jüdischen Gefüh¬ 
le war durchaus naturgemäß und erfolgte entsprechend den Gesetzen der 
Achse der Weltgeschichte. Man kann wirklich nicht sagen, es sei »mit Stie¬ 
feln eingetreten« worden. Ein plötzliches Erwachen! »Auch das Wort 
>Jude< kann stolz klingen!« 12 

Ein anderer jüdischer Publizist schildert die Suche nach dem Sinn des¬ 
sen, was er in der UdSSR während seiner Jugendjahre erlebte, so: »Was 
können wir, die >Enkel< und Erben dieses grausamen Experiments, die erst 
hier mit dem Kopf die Schale durchbrochen haben und in Israel geboren 
wurden, was können und dürfen wir über unsere Väter und Großväter 


1 Flugzeugprozess: versuchte Flugzeug-Entführung durch eine Gruppe Leningra- 
der Juden im Juni 1970, denen die Ausreise nach Israel von den sowjetischen Be¬ 
hörden verweigert worden war. In dem Prozess im Dezember 1970 wurden zwei 
der Entführer zum Tode verurteilt, aufgrund der Appelle von US-Präsident 
Richard Nixon und 19 anderer Regierungschefs jedoch begnadigt und zu 
15 Jahren Haft verurteilt. Im April 1979 wurden sie in New York gegen zwei 
sowjetische Spione ausgetauscht. 


494 



Der Beginn des Exodus 


sagen? Dass sie uns keine jüdische Bildung< gegeben haben? Aber ist denn 
die Erfahrung ihrer Lebenswege, ihrer Biografien, die von uns verinner¬ 
licht wird und die jeder von uns, auch wenn vielleicht nur mit Kinder¬ 
schritten, nachgegangen ist, von den kindlichen Träumereien bis zu der 
gnadenlosen Lebensreife, ist das etwa nicht die jüdische Erziehung? Denn 
unser Empfinden des eigenen Judentums basiert größtenteils auf der Er¬ 
fahrung ihrer (aber auch unserer) Misserfolge, Katastrophen und Ver¬ 
zweiflung. Wir sollten daher diese Vergangenheit wertschätzen ... Haben 
wir wirklich ein Recht, mit Steinen nach den zerborstenen Schädeln der 
Romantiker vergangener Tage zu werfen?!« 13 

Eine offenherzige und ehrliche Beschreibung der Bindung an die Väter- 
und Großvätergeneration, die in den frühsowjetischen Jahren derartige 
Ambitionen an den Tag legte; sie verleiht dem Bild andere Dimensionen. 
(Man kann aber auch im gesamten Artikel den Zorn gegenüber den Pri¬ 
vilegien und Vorteilen der »neuen Klasse« erahnen, von der jene »Roman¬ 
tiker« verdrängt wurden.) 

In einem Samisdat-Artikel wurde ebenfalls zu Recht nuanciert: »Es wird 
wiederholt die zutiefst falsche Meinung vorgetragen, dass es sich bei dem 
aktuellen Auflodern des nationalen Selbstbewusstseins der assimilierten 
sowjetischen Juden lediglich um eine Folgereaktion auf den wiedererstar¬ 
kenden Antisemitismus handelt. Viel eher aber haben wir es hier einfach 
mit einem zeidichen Zusammenfallen zu tun.« 14 

Teilnehmer dieses Prozesses beschreiben recht unterschiedlich die Art 
ihrer damaligen Selbsterkenntnis. Die einen schreiben: »Fast alle glaubten, 
dass in den 60er-Jahren nichts passierte«, gemeint ist die Rückkehr zum Ju¬ 
dentum; allerdings »spürte man nach dem Krieg von 1967 etwas Neues in 
der Luft«. »Ich bin überzeugt, dass der Wendepunkt der >Flugzeugprozess< 
war.« 15 Andere hingegen schreiben: »In Leningrad, Moskau und Riga ent¬ 
standen jüdische Gruppen bereits Mitte der 60er-Jahre.« Ende der 60er 
entstand in Leningrad bereits ein jüdisches »konspiratives Zentrum«. Aber 
worin bestand eigentlich das Konspirative? »Es entstanden Unterrichts¬ 
gruppen ftir Hebräisch, fxir jüdische Geschichte ... Nicht so sehr, um He¬ 
bräisch zu lernen, sondern eher als Kontakt- und Kommunikationsmög¬ 
lichkeit für diejenigen, die sich dafür interessierten. Das eigentliche Lernen 
beschränkte sich meistens auf ein paar Hundert Vokabeln ... Alle Funk¬ 
tionäre und die Leute, die sie umgaben, waren ausnahmslos Menschen, 


495 



Kapitel 14 


denen nicht nur die jüdische Religion eher fremd war, sondern die auch 
nur sehr wenig Ahnung von den jüdischen Traditionen hatten.« »Die 
Juden der 60er-Jahre hatten eine sehr vage Vorstellung vom Zionismus.« 
Nichtsdestotrotz: »Wir empfanden uns in ausreichendem Maße als Juden 
und verspürten keinerlei Bedarf an irgendwelchen >Fortbildungskursen< 
für unsere jüdische Qualifikation.« Der antiisraelische Propagandasturm 
bewirkte »ein Wachsen der inneren Sympathie gegenüber dem Judentum 
an sich und gegenüber Israel ... Wenn man uns damals gesagt hätte, dass 
Israel sich völlig vom Judentum entfernt hat, dass es so etwas gar nicht 
mehr gibt, dann hätte es in unseren Augen an nichts eingebüßt.« Danach 
wandelte sich die Bewegung »von einem Untergrundarbeitskreis zu einer 
Massenbewegung, einem offenen und salonfähigem Ereignis«. Allerdings 
»glaubte niemand daran, dass eine Ausreise, zumindest zu unseren Lebzei¬ 
ten, möglich sein würde. Dafür glaubten alle an die Wahrscheinlichkeit, 
im Lager zu landen.« 16 (Der Interviewer kommentiert: »Bedauerlicher¬ 
weise ist jede Konspiration unlösbar mit >Teufelszeug< verbunden. Ich sah 
das in der jüdischen Bewegung in den 70er-Jahren, bereits nach den Le- 
ningrader Gerichtsurteilen.« 17 ) 1 

So begann und verlief die Aneignung der jüdischen Kultur anfangs 
noch ohne direkten Wunsch nach Ausreise - und anfangs überschattete 
die Aneignung nicht den Alltag der Teilnehmer und veränderte ihn auch 
nicht. »Ich bin mir nicht sicher, ob die Zionisten die Alija [Hebräisch für 
»Aufstieg«, im übertragenen Sinne die Rückkehr in die historische Hei¬ 
mat] angefangen haben«, die ersten zionistischen Gruppen waren dafür zu 
schwach. »In einem gewissen Maße war es die Sowjetmacht selbst, die sie 
ins Leben rief, indem sie einen gewaltigen Sturm rund um den Sechs- 
Tage-Krieg entfachte. In der sowjetischen Presse entstand das Bild des 
kriegerischen, unbesiegbaren Juden, und dieses Bild kompensierte den 
Minderwertigkeitskomplex der sowjetischen Juden.« 18 

Es galt aber auch: »Verberge deine jüdische Angst< vor den Augen der 
Mitarbeiter und den Ohren der Nachbarn.« Anfangs war die große Angst 
noch da: »Dieser Papierfetzen, auf dem die Angaben für eine Einladung 
[nach Israel] notiert wurden ... Man fühlt sich, als ob man sein eigenes 
Urteil unterschreibt und das Urteil für seine Kinder und Verwandten.« 


1 Vgl. unten S. 497. 


496 



Der Beginn des Exodus 


Schon bald allerdings »hörte man mit dem Flüstern auf und begann die 
Dinge laut auszusprechen«. »Man fing an sich zu versammeln, man be¬ 
ging« die jüdischen Feiertage und »lernte in Arbeitskreisen Geschichte 
und Hebräisch«. Ab Ende 1969 »fingen die Juden an, Briefe mit Dutzen¬ 
den oder Hunderten von Unterschriften zu schreiben, die an die »auslän¬ 
dische öffendiche Meinung< adressiert waren. Sie verlangten, dass man sie 
nach Israel »herausließec« 19 Das sowjetische Judentum, das »von der jüdi¬ 
schen Welt abgeschnitten war und im Schmelztiegel des pharaonisch-sta- 
linistischen Imperiums steckte,... schien endgültig für das Judentum ver¬ 
loren zu sein. Aber plötzlich ereignete sich die Wiedergeburt der zionisti¬ 
schen Bewegung in Russland, die Rückkehr zu dem uralten Aufruf Moses: 
»Lass mein Volk ziehen! < 1 « 20 

>>1970 begann die ganze Welt von den russischen Juden zu reden.« Sie 
»erhoben sich, sie verspürten Entschlossenheit ... Zwischen ihnen und 
ihrem Traum stand nur noch eine Mauer - die Mauer des staatlichen Ver¬ 
bots. Sie zu durchbrechen, umzustoßen, durch sie hindurchzufliegen, war 
der einzige Wunsch ... »Flieht aus dem Babylon des NordensU«, erklang 
der Aufruf der Angeklagten im »Flugzeugprozess«, der Gruppe um E. Kus- 
nezow und M. Dymschiz. 21 Im Dezember 1970, während ihres Prozes¬ 
ses in Leningrad, »schwiegen sie nicht, sie versteckten sich nicht, sie er¬ 
klärten öfifendich ihre Absicht, ein Flugzeug zu entfuhren und damit ins 
Ausland, nach Israel, zu fliehen. Dabei wussten sie, dass ihnen dafür die 
Erschießung drohte! ... Ihre >Geständnisse< waren im Grunde genommen 
eine Deklaration des Zionismus.« 22 Einige Monate später, im Mai 1971, 
fand ein zweiter Prozess statt mit der Anklage der »zionistischen Organi¬ 
sation von Leningrad«, anschließend gab es Prozesse in Riga und Ki- 
schinjow. 

Diese Prozesse, besonders die beiden in Leningrad, waren nur neue 
große Anstöße für das jüdische Selbstbewusstsein. Bald darauf, ab Okto¬ 
ber 1972, begann die Publikation der Samisdat-Zeitschrift »Jewrei w 
SSSR« [»Juden in der UdSSR«]. Dort spiegelten sich alle Formen des 
Kampfes um die Ausreise- nach Israel sowie die Forderungen nach einer 
freien Entwicklung der jüdischen Kultur in der UdSSR für diejenigen, die 
im Land bleiben sollten, wider. 


1 Exodus 5,1 


497 



Kapitel 14 


Aber selbst da war die Mehrheit der sowjetischen Juden bei weitem 
noch nicht an der Idee der Emigration, die sich nun abzeichnete, interes¬ 
siert. »Als die sowjetischen Juden wussten, dass sie keine Wahl hatten, und 
man einfach alles ertragen und sich anpassen musste, war es für sie schein¬ 
bar einfacher als jetzt, da sie die Möglichkeit haben, selbst zu entscheiden, 
wo sie leben und was sie tun wollen ... Die erste Welle der Flüchtlinge aus 
Russland Ende der 60er-Jahre war noch von einem Wunsch getrieben: den 
Rest ihrer Tage in dem einzigen Land zu verbringen, wo es keinen Antise¬ 
mitismus gibt, in Israel.« (Mit Ausnahme jener, schränkt der Autor des 
Beitrages ein, die emigrierten, um sich zu bereichern.) 23 

Ein Teil »der sowjetischen Juden wäre froh gewesen, sich von ihrer na¬ 
tionalen Zugehörigkeit loszusagen, wenn man es ihnen erlaubt hätte« 24 , 
derart eingeschüchtert waren sie. Aus diesen Kreisen stammen auch jene 
Juden, die »dieses Israel« verfluchten: Wegen dieses Staates würde die Kar¬ 
riere der gesetzeshörigen Juden gebremst: »Wegen der Emigranten werden 
auch wir leiden müssen.« 

Für die sowjetische Regierung muss das plötzliche Erwachen des natio¬ 
nalen Bewusstseins der sowjetischen Juden, das nicht nur ftir sie, sondern 
für die ganze Welt derart überraschend kam, Besorgnis erregend gewesen 
sein. Sie verstärkte die Propaganda gegen Israel und gegen den Zionismus, 
um die Menschen stärker einzuschüchtern. Im März 1970 wandte die Re¬ 
gierung einen abgenutzten sowjetischen Trick an: Sie ließ »die Bürger 
selbst« ihre Meinung kundtun, in diesem Fall die »Bürger jüdischer 
Nationalität«. Zu dieser Vorstellung in Form einer öffentlichen Pressekon¬ 
ferenz erschienen nicht nur die abgebrühtesten »staatlichen Vorzeigeju- 
den« wie Wergelis, Dragunskij, Tschakowskij, Besymenskij, Dolmatow- 
skij, der Regisseur Donskoj, die Polit-Schwätzer und Geschichtsverfäl¬ 
scher Mitin und Minz, sondern auch ein Namensvetter von Bjalik, die 
Akademiemitglieder Frumkin und Kassirskij, die weltbekannten Musiker 
Flier, Sak und die Künstlerinnen Plissezkaja und Bystrizkaja sowie der Re¬ 
gisseur Plutschek. Diese jedoch waren in ihren Positionen derart gefestigt, 
dass eine Weigerung, die »Erklärung« zu unterschreiben, keine ernsthaf¬ 
ten Konsequenzen ftir sie gehabt hätte. Sie unterschrieben trotzdem ... 
Die »Erklärung« »prangerte die Aggression der machthabenden israeli¬ 
schen Regierungskreise an, ... welche die Barbarei des Hitler-Regimes 
wieder aufleben lassen«. »Der Zionismus war immer ein Wortführer des 


498 



Der Beginn des Exodus 


chauvinistischen Standpunktes der jüdischen Bourgeoisie und ihrer jüdi¬ 
schen Wahnideen«, und die Teilnehmer an der Unterschriftenaktion be¬ 
absichtigen, »den leichtgläubigen Opfern der zionistischen Propaganda 
die Augen zu öffnen«: »Die werktätigen Juden unter der Leitung der leni¬ 
nistischen Partei erlangten völlige Freiheit vom verhassten Zarismus.« 
Welch ein Rückgriff auf die Ereignisse vor einem halben Jahrhundert! 
Dort sah man also den obersten Unterdrücker. 

Aber die Zeiten hatten sich geändert. Eine Woche nach dem Auftritt 
der »Verstaatlichten« erhob sich die Stimme des jungen Ingenieurs I. Sil¬ 
berberg, der sich entschlossen hatte, unumkehrbar mit diesem Land zu 
brechen und auszuwandern. Er veröffentlichte im Samisdat ein offenes 
Antwortschreiben auf die »Erklärung«, nannte die Teilnehmer »lakaien¬ 
hafte Kleingeister« und sagte sich vom früheren Glauben los: »Wir haben 
naiverweise auf >unsere< Juden gehofft - die Kaganowitschs, Ehrenburgs 
und so weiter.« (Also hatte man doch auf sie gehofft?) Sofort wurden auch 
die Russen angeklagt: Haben denn nach den 50er-Jahren »die reuevollen 
und erniedrigten Russen, ... nachdem sie über die Ereignisse der Vergan¬ 
genheit spärliche Tränen vergossen haben, ... etwa den neu gewonnenen 
Brüdern Liebe und Verbundenheit geschworen?« Die Einseitigkeit der 
russischen Schuld gegenüber den Juden wurde von ihm erst gar nicht an- 
gezweifelt. 

Danach wiederholten sich solche Vorkommnisse. Ein Jahr später er¬ 
langte ein weiterer offener Brief im Samisdat Bekanntheit, diesmal von 
dem ehemals erfolgreichen Kinoregisseur Michail Kalik, der aus dem Ver¬ 
band der Sowjetischen Filmschaffenden ausgeschlossen wurde, nachdem 
er den Wunsch geäußert hatte, nach Israel auszureisen. Diesen Brief über 
die Treue zur jüdischen Kultur adressierte Kalik überraschenderweise »An 
die russische Intelligenzija«. Als ob er nicht sein ganzes Leben in der 
UdSSR in der Schicht der Erfolgreichen verbracht, sondern jahrelang in 
den unterdrückten niederen Klassen für seine Freiheit gekämpft hätte, be¬ 
lehrte er nun, von der Höhe seines opfervollen Lebens aus, die rückstän¬ 
digen russischen Intellektuellen: »Ihr werdet hier bleiben ... mit eurem 
Schweigen? Wollt ihr denn euren >demütigen Enthusiasmus< beibehalten? 
... Wer soll denn dann für die moralische Gesundheit der Nation, des 
Landes, der Gesellschaft verantwortlich sein?« Ein weiteres halbes Jahr 
später erschien im Samisdat der offene Brief des sowjetischen Schriffstel- 


499 



Kapitel 14 


lers Grigorij Swirskij. Man hatte ihn zum Äußersten getrieben, indem 
man ihn zur Strafe für einen Auftritt gegen den Antisemitismus im Zen¬ 
tralen Literaturhaus von 1968 einige Jahre lang nicht hatte veröffendichen 
lassen und sogar seinen Namen in der neuesten Ausgabe der Literarischen 
Enzyklopädie nicht mehr auflistete. Er bezeichnete das mit verständlicher 
Bitterkeit als »Mord« (doch vergaß er dabei sich umzudrehen und auf die 
anderen zurückzublicken, denen dasselbe widerfahren war und unter 
denen so viele Größen waren). »Wie ich weiterleben werde, weiß ich 
nicht«, schrieb er in einem Brief an den sowjetischen Schriftstellerver¬ 
band. (Das hatten alle 6000 Mitglieder des Schriftstellerverbandes ge¬ 
meinsam: Sie waren überzeugt, dass der Staat verpflichtet sei, sie durch 
rein literarische Tätigkeit zu ernähren.) Das sind »die Gründe, die mich, 
einen Menschen der russischen Kultur, ja mehr als das, einen russischen 
Schriftsteller und Fachmann für russische Literatur, dazu zwingen, mich 
als Juden zu fühlen und die endgültige Entscheidung zu treffen, mit mei¬ 
ner Familie nach Israel auszuwandern«. »Ich möchte ein israelischer 
Schriftsteller werden.« (Aber so eine beruflich-nationale Verlegung erwies 
sich als unüberlegt: Swirskij hatte, wie zahlreiche frühe Emigranten, nicht 
erwartet, dass es schwierig sein würde, sich den israelischen Gegebenhei¬ 
ten anzupassen; er musste auch dieses Land verlassen.) 

Es war allerdings überraschend und verletzend, dass aus dem Stim¬ 
mengewirr der erwachten jüdischen Selbstwahrnehmung zahlreiche anti¬ 
russische Gefühle und Anschuldigungen erklangen. Aus diesen Gefühlen 
der - wie wir gelesen haben - »gnadenlosen Lebensreife« hören wir leider 
auch keine Reue unserer jüdischen Brüder, nicht einmal für die 20er- 
Jahre, heraus. Es gibt nicht auch nur den Anflug einer Wahrnehmung der 
Russen als eines Leid tragenden Volkes. Allerdings erklangen im vorange¬ 
gangenen Kapitel zwischen den Stimmen der »Verbiesterten« auch ande¬ 
re Töne. Sich bereits aus Israel auf jene Zeiten zurückbesinnend, wurden 
auch nüchterne Bewertungen gegeben: »In [der Samisdat-Zeitschrift] 
>Juden in der UdSSR< haben wir uns zu sehr darauf konzentriert, offene 
Rechnungen mit Russland zu begleichen ...« Aufgrund dessen »haben wir 
uns zu wenig mit Israel und unserem Leben dort beschäftigt, ... mit dem 
Programm der zukünftigen Handlungen«. 25 

* 


500 



Der Beginn des Exodus 


Für Normalsterbliche schien es ein Ding der Unmöglichkeit, den Stahl¬ 
mantel, der die UdSSR komplett umschloss, mit den Mitteln des alltäg¬ 
lichen Lebens und ohne Waffen zu durchbrechen. Aber nun, im Zustand 
der Verzweiflung, gelang es! Im Kampf um die Ausreisefreiheit nach Israel 
bewiesen die Juden außergewöhnliche Standhaftigkeit und Erfindungsga¬ 
be: Beschwerden beim Obersten Sowjet, Demonstrationen und Hunger¬ 
streiks der Refuseniks (so nannten sich die Juden, deren Ausreiseantrag ab¬ 
gelehnt wurde); Seminare von jüdischen Wissenschaftlern, die ihre Arbeit 
verloren hatten, mit dem erklärten Ziel, »ihre Fachkenntnisse nicht zu ver¬ 
lieren«; die Einberufung eines internationalen Symposiums solcher Wis¬ 
senschaftler in Moskau (Ende 1976); und letztendlich die Weigerung, den 
Militärdienst abzuleisten. 

Natürlich konnte der Erfolg dieses Kampfes nur bei starker internatio¬ 
naler Unterstützung von jüdischer Seite erreicht werden. »Die weltweite 
jüdische Solidarität war ftir uns eine erstaunliche und die einzige Hoff¬ 
nung spendende Entdeckung in jener trosdosen Situation«, erinnert sich 
einer der ersten (1971) Refuseniks. 26 Die Hilfe war sofort auch materiel¬ 
ler Art: »In Moskau entstand unter den Refuseniks eine besondere Art der 
Unabhängigkeit, die auf der starken wirtschaftlichen Unterstützung durch 
Juden aus dem Westen basierte.« 27 Um so mehr begann man vom Westen 
eine ebenso starke gesellschaftliche und auch politische Unterstützung zu 
erwarten. 

Die erste schwere Prüfung kam 1972. Irgendjemand in der oberen 
sowjetischen Führungsriege dachte sich: Die jüdische gebildete Schicht 
verlässt das Land. Diese Schicht hat in der UdSSR eine kostenlose Hoch¬ 
schulausbildung erhalten und danach die Möglichkeit gehabt, wissen¬ 
schaftliche Grade zu erlangen. Jetzt wird all dieses wissenschaftliche 
Know-how, das zu besonders günstigen Konditionen erlangt wurde, außer 
Landes geschafft, um für andere Länder zu arbeiten? Sollten wir sie nicht 
mit einer besonderen Steuer zur Kasse bitten? Warum soll denn ein Land 
kostenlos Fachkräfte für andere Länder ausbilden, und das auch noch auf 
Kosten der eigenen Bevölkerung, die auf diese Ausbildung verzichten 
muss, weil die Ausbildungsstellen bereits besetzt sind? Man begann ein 
entsprechendes Gesetz vorzubereiten. Das Projekt wurde nicht verschwie¬ 
gen, sondern wurde schnell weithin bekannt, unter der jüdischen Bevöl¬ 
kerungheiß diskutiert und trat dann auch am 3. August 1972 durch einen 


501 



Kapitel 14 


Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR in Kraft. Genannt 
wurde diese Steuer »Rückerstattung der staadichen Ausbildungskosten 
durch die Bürger der UdSSR, die ihren ständigen Wohnsitz ins Ausland 
verlegen«. Die Gebühren sollten, in Abhängigkeit von der Art der Hoch¬ 
schule, zwischen 3600 und 9800 Rubel betragen. (3600 Rubel waren da¬ 
mals das Jahresgehalt eines leitenden wissenschafdichen Mitarbeiters ohne 
Habilitation.) 

Ein Sturm der weltweiten Entrüstung brach los. In der 55-jährigen 
Geschichte des sowjetischen Regimes hat keine seiner massenhaften 
Untaten einen derartig einheidichen und starken Protest hervorgerufen 
wie die Einführung einer Steuer auf Emigranten mit Hochschulbildung. 
Da waren die amerikanischen Akademiemitglieder; 5000 amerikanische 
Professoren Unterzeichneten ein Protestschreiben (Herbst 1972); zwei 
Drittel der amerikanischen Senatoren stoppten den geplanten Vertrag 
über Handelserleichterungen für die UdSSR. Auch die europäischen 
Parlamentarier protestierten. Auf der anderen Seite, in der UdSSR, unter¬ 
schrieben 500 sowjedsche Juden einen offenen Brief an den UNO-Gene- 
ralsekretär Waldheim (noch wusste niemand, dass dieser selbst bald 
verdammt werden sollte): »Leibeigenschaft für Menschen mit Hoch¬ 
schulbildung«. (Im Bemühen, ihr angetrebtes Ziel zu erreichen, hörten sie 
ihre eigenen Worte nicht mehr - wie paradox das in einem Land klingt, 
dessen Kolchosen-System eine wirkliche Manifestierung der Leibeigen¬ 
schaft war.) 

Die sowjetische Regierung gab klein bei, die Anordnung wurde außer 
Kraft gesetzt. 

Dann die Sache mit dem Vertrag über die Handelserleichterungen. Im 
April 1973 machte der Gewerkschaftsführer George Meany klar, dass die¬ 
ser Vertrag für die USA nicht von Vorteil sei und auch nicht die erhoffte 
Verbesserung der angespannten internationalen Beziehungen mit sich 
bringen würde. Allerdings wurden seine Argumente von den Senatoren, 
die gänzlich von dem jüdischen Problem eingenommen waren, nicht ge¬ 
hört. Sie waren mit dem Vertrag einverstanden, allerdings nur, wenn er die 
»Jackson-Korrektur« enthielte: Der Vertrag sollte nur dann in Kraft tre¬ 
ten, wenn die Ausreise der Juden aus der UdSSR im Ganzen ungehindert 
sein würde. Dieser Deal des amerikanischen Kapitals wurde weltweit ver¬ 
nommen: Wir werden der sowjetischen Regierung helfen, wenn sie aus 


502 



Der Beginn des Exodus 

ihrem Land die Juden, und zwar nur diese und niemanden sonst, ausrei- 
sen lässt. 

Niemand hat sich getraut, öffentlich auszusprechen: Meine Herren, 55 
Jahre lang haben nicht nur einige Zehntausend, sondern Millionen unse¬ 
rer Mitbürger davon geträumt, dem verhassten Sowjetregime zu entflie¬ 
hen, aber dieses Recht wurde niemandem und niemals gewährt, und 
weder die politischen noch die öffentlichen Akteure des Westen haben 
sich je darüber gewundert oder protestiert oder versucht, die sowjetische 
Regierung wenigstens mit Wirtschaftssanktionen daftir zu bestrafen. 
(Einen einzigen Versuch hatte es gegeben, der zudem erfolglos gewesen 
war: 1931 wurde eine Kampagne gegen die sowjetischen Dumping-Holz- 
preise lanciert, die durch die Fronarbeit der Lagerinsassen in den Holzfäl¬ 
lerbetrieben ermöglicht wurden. Und selbst in diesem einzigen Fall waren 
nicht politische, sondern wohl wirtschaftliche Faktoren Anlass der Ak¬ 
tion.) 15 Millionen Bauern wurden beim Kampf gegen die »Kulaken« ver¬ 
nichtet, sechs Millionen Bauern ließ man 1932 verhungern, ganz zu 
schweigen von den Millionen Toten während der Massenerschießungen 
und während des Lagerterrors; zu dieser Zeit unterschrieb man mit den 
sowjetischen Führern zufrieden Verträge, man gewährte ihnen Kredite, 
man schüttelte ihre ehrlichen Hände, man war um ihre Gunst bemüht 
und prahlte mit dem Erreichten vor den eigenen Parlamenten. Doch erst, 
als speziell die Juden betroffen waren, zuckte ein Funken wahren Mitge¬ 
fühls durch den Westen und man wurde sich endlich darüber klar, um was 
fiir ein Regime es sich hier eigentlich handelte. (Ich schrieb 1972 auf 
einem zufälligen Fetzen Papier: »Gott sei Dank, sie haben etwas begriffen. 
Aber wie lang wird die Einsicht währen? Es würde jetzt doch reichen, dass 
lediglich das jüdische Emigrationsproblem gelöst würde, und ihr wärt für 
den ganzen Umfang der Ereignisse, für die Probleme der Russen und des 
Kommunismus wieder taub und blind; ihr werdet sofort wieder aufhören, 
irgendetwas zu verstehen.«) 

»Sie können sich nicht vorstellen, wie enthusiastisch sie [die Jackson- 
Korrektur] von den sowjetischen Juden aufgenommen wurde ... >Endlich 
ist ein machtvoller Hebel gefunden, um die Regierung in der UdSSR zu 
beeinflussen.«« 28 Aber 1975 wurde die Jackson-Korrektur plötzlich irrele¬ 
vant: Die sowjetische Regierung verzichtete überraschenderweise auf den 
Vertrag über die Handelserleichterungen mit den Amerikanern. (Genauer 


503 



Kapitel 14 


gesagt, erhoffte sich die Regierung, von den anderen Staaten, wegen deren 
Konkurrenzkampf miteinander, noch größere Kredite zu bekommen.) 

Die sowjetische Absage beeindruckte die jüdischen Aktivisten in Ost 
und West, aber nicht für lange. In Amerika und Europa erklangen immer 
lauter die Stimmen für eine Unterstützung der Emigration aus der 
UdSSR: »Amerikanische nationale Konferenz zum Schutze der sowjeti¬ 
schen Juden«; »Verband der Räte der Solidarität mit den sowjetischen 
Juden«; »Studentenkomitee des Kampfes für das sowjetische Judentum«; 
»Tag der nationalen Solidarität Amerikas mit den Juden in der UdSSR« 
(13. April 1975), mehr als 100000 Demonstranten marschierten durch 
Manhattan, unter ihnen die Senatoren Jackson und Humphrey (beide be¬ 
warben sich damals um das Amt des Präsidenten); »Hunderte unter¬ 
schiedlicher Protestaktionen fanden statt ... Die meist besuchten waren 
die alljährlichen >Sonntage der Solidarität - Demonstrationen und Mee¬ 
tings in New York, an denen bis zu 250000 Menschen teilnahmen. (Sie 
fanden 1974 bis 1987 statt.)« 29 In Oxford fand ein dreitägiges Treffen mit 
18 Nobelpreisträgern statt mit dem Ziel, den Elektrochemiker und kor¬ 
respondierendes Akademiemitglied Lewitsch zu unterstützen; weitere 650 
Wissenschaftler weltweit unterstützten ihn ebenfalls. Lewitsch wurde die 
Ausreise erlaubt. Im Januar 1978 verlangten über 100 amerikanische Wis¬ 
senschaftler in einem Telegramm an Breshnew, die Ausreise von Professor 
Mejman zu erlauben. Und noch eine weltweite Kampagne, und wieder 
Jubel über den Erfolg: Der Mathematiker Tschudnowskij hatte die Er¬ 
laubnis erhalten, das Land zu verlassen, um eine medizinische Behandlung 
zu bekommen, die in der UdSSR nicht durchführbar war. Aber es waren 
nicht nur berühmte Leute: Für kurze Zeit erklangen weltweit Namen, die 
vorher niemand gekannt hatte und die schnell wieder in Vergessenheit ge¬ 
rieten. Besonders Aufsehen erregend berichtete die Weltpresse (im Mai 
1978) über einen sehr berührenden Fall: Ein siebenjähriges Mädchen aus 
Moskau, Jessika Kaz, ist unheilbar krank, aber man verweigert ihr und den 
Eltern die Ausreise in die USA, was für ein Skandal! Senator Edward Ken¬ 
nedy greift persönlich ein und ist erfolgreich. Die Presse triumphiert. Alle 
Fernsehsender zeigen in den Hauptnachrichten die Ankunft am Flugha¬ 
fen, Tränen der Freude, das Mädchen wird auf Händen getragen. Der Ra¬ 
diosender »The Voice of America« widmet auf Russisch eine ganze Sen¬ 
dung der Geschichte der Rettung von Jessika Kaz (ohne daran zu denken, 


504 



Der Beginn des Exodus 


dass vor den russischen Familien, die unheilbar kranke Kinder haben, 
immer noch eine undurchdringliche Mauer aufragt). Aber plötzlich - 
nach einer medizinischen Untersuchung - stellt sich heraus, dass Jessika 
gar nicht krank ist, sondern dass die trickreichen Eltern die ganze Welt be¬ 
logen haben, um sicher ausreisen zu dürfen. (Man murmelte im Radio un¬ 
auffällig davon und kehrte die Sache unter den Tisch. Würde man irgend¬ 
jemandem sonst einen solchen Bluff verzeihen?) Der folgende Fall ist nicht 
unähnlich: W. Borissow, der bereits neun Jahre in einer psychiatrischen 
Anstalt inhaftiert war, entschloss sich in diesem Gefängnis zu einem Hun¬ 
gerstreik. »The Voice of America« widmete ihm die gleiche Aufmerksam¬ 
keit wie dem schnell wieder freien Uja Lewin, der gerade mal 15 Tage ab- 
sitzen musste; um Letzteren ist sogar mehr Aufhebens gemacht worden. 
Jeder beliebige Refusenik brauchte nur ein Statement über seine Ausreise¬ 
verweigerung zu unterschreiben, und es wurde sofort von »The Voice of 
America«, »Radio Liberty« und BBC gesendet, zusammen mit den Haupt¬ 
nachrichten; jetzt fällt es schwer zu glauben, wie laut damals diese Stim¬ 
men erklangen. 

Natürlich wird zu Recht bemerkt: Die ganze auf die einsetzende Bewe¬ 
gung der sowjetischen Juden gerichtete Aufmerksamkeit ließ im weltwei¬ 
ten, besonders im amerikanischen Judentum eine aufregende Wahrneh¬ 
mung der eigenen Nationalität wach werden. »Die Begeisterung des Mit¬ 
erlebens entstand im wesdichen Judentum unter dem Einfluss der 
prophetenhaften Besessenheit der ersten Zionisten« aus der UdSSR. »Die 
wesdichen Juden sahen ihre Ideale in Aktion. Sie begannen an die russi¬ 
schen Juden zu glauben ... Das bedeutete für sie, an die besten Eigen¬ 
schaften in sich selbst zu glauben, ... an das, was sie gerne die ganze Zeit 
um sich herum sehen würden, ... aber nicht sahen.« 30 Es gibt auch fol¬ 
gende Interpretation, die nicht ohne hintergründige Ironie ist: »Die an¬ 
gebotene Ware {der auferstandene Geist des Judentums) fand begeisterte 
Käufer (die amerikanischen Juden). Weder Amerika noch die amerikani¬ 
schen Juden interessieren sich für die sowjetischen Juden an sich. Die Ware 
war explizit der Geist eines jüdischen Aufstandes. Die Juden Amerikas 
(und mit ihnen die Juden Londons, Amsterdams, Paris’ usw.), deren jüdi¬ 
sche Gefühle durch den Triumph des Sechs-Tage-Krieges in Wallung ge¬ 
bracht worden waren, ... sahen die Möglichkeit einer Teilnahme ... Eine 
bequeme Art des >Kampfes< ... ohne wirklich viel Aufwand.« 31 


505 



Kapitel 14 


Man muss allerdings zugeben: Die geistigen Höhenflüge hier wie dort 
verstärkten sich gegenseitig und brachten die Wände des sowjetischen Ge¬ 
fängnisses immer mehr ins Wanken. 

* 

Man geht allgemein davon aus, dass die jüdische Emigration aus der 
UdSSR 1971 einsetzte: 13000 Auswanderer in diesem Jahr. (Von ihnen 
reisten 98% nach Israel.) 1972 waren es 32000, 1973 dann 35000 (drei 
Jahre lang lag die Quote derjenigen, die nach Israel gingen, zwischen 85 
und 100%). Allerdings stammte der Großteil der Emigranten nicht aus 
den russischen Zentren, die Mehrheit kam aus Georgien und den balti¬ 
schen Republiken. (Obwohl ein georgischer Delegierter auf einem inter¬ 
nationalen Kongress behauptete: »Georgien ist ein Land ohne Antisemi¬ 
tismus.« Nicht wenige georgische Juden waren enttäuscht, als sie in Israel 
ankamen, und wollten wieder zurück.) Es gab hingegen keine Massen¬ 
ausreise aus dem mittleren Streifen der UdSSR. Dann, als die Ausreise wie¬ 
der erschwert wurde, entstand große Verbitterung (R. Nudelman): »Der 
verspätete Mut [der zukünftigen Refitseniks] wäre vielleicht gar nicht nötig 
gewesen, wenn sie rechtzeitig die freigeschlagene Bresche genutzt hätten.« 
Ihm wird erwidert: »Aber die Menschen brauchen doch Zeit, um zu rei¬ 
fen! ... Wie lange haben wir gebraucht, um zu begreifen, dass wir nicht 
bleiben konnten und durften, dass es einfach ein Verbrechen an den eige¬ 
nen Kindern wäre.« 33 

»Auf, auf! Flieht aus dem Lande des Nordens! Spruch des Herrn.« (Sa- 
charja 2,10) 

Allerdings entwickelte sich die jüdische Emigration bereits kräftig in 
den russischen und ukrainischen Städten. Bis zum März 1973 waren 
700000 Ausreiseanträge gestellt. Doch plötzlich brach im Herbst 1973 
der Jom-Kippur-Krieg aus, der eine Wende hinsichtlich des Ausreisewil¬ 
lens mit sich brachte. »Das Antlitz Israels veränderte sich nach dem Jom- 
Kippur-Krieg dramatisch. Statt eines selbstsicheren und mutigen Landes 
mit großem materiellen Wohlstand, Zukunftsglauben und einer stabilen 
Regierung zeigte sich Israel plötzlich als ein verwirrtes, brüchiges, von in¬ 
neren Gegensätzen zum Zerreißen angespanntes Land. Das Lebensniveau 
sank drastisch.« 34 


506 



Der Beginn des Exodus 


1974 emigrierten aus der UdSSR lediglich 20000 Juden. Und in den 
Jahren 1975 und 1976 reisten aus Wien, das als Transitpunkt fungierte, 
»bis zu 50% der sowjetischen Juden nicht nach Israel. In dieser Zeit ent¬ 
stand die Bezeichnung >Direktler <« 35 - für diejenigen, die direkt in die USA 
emigrierten. Nach 1977 »schwankt ihr Anteil zwischen 70% und 98%«. 36 

»Ehrlich gesagt, ist das nachvollziehbar. Der jüdische Staat war als ein 
nationaler Zufluchtsort ftir die Juden aus der ganzen Welt gedacht. Ein 
Ort, der ihnen in erster Linie eine sichere Existenz garantieren sollte. Aber 
das war nicht der Fall. Das Land wurde ftir lange Jahre zum Kampfge¬ 
biet.« 37 

Außerdem »stellte sich recht bald heraus, dass Israel nicht intelligente 
Juden, ... sondern eine jüdische Intelligenzija braucht«. Worauf »ein klar 
denkender Jude ... mit Entsetzen erkannte, dass er als derjenige, als wel¬ 
cher er sich selbst begriff, in Israel nichts zu suchen hatte«: Es zeigte sich, 
dass man in Israel von der jüdischen nationalen Kultur durchdrungen sein 
musste - erst jetzt also »gelangten die Ankömmlinge zu der Erkenntnis, 
einen tragischen Fehler begangen zu haben: Es machte keinen Sinn, aus 
Russland auszureisen« (unter anderem auch wegen des Verlustes der ge¬ 
sellschaftlichen Stellung) 38 , und die Briefe an die noch nicht Ausgereisten 
berichteten von dieser Situation. »Der Ton und der Inhalt der Briefe aus 
dieser Zeit sind fast ausschließlich negativ. Israel sei ein Land, in dem der 
Staat in alle Bereiche des Lebens eines Individuums eindringt und diese zu 
regeln versucht.« 39 »Die Vorurteile gegenüber einer Emigration nach Is¬ 
rael entstanden bei vielen bereits Mitte der 70er-Jahre.« 40 »In der Mos¬ 
kauer und Leningrader Intelligenzija bildete sich die feste Überzeugung, 
Israel sei ein Land mit einer geschlossenen, geistig verarmten Gesellschaft, 
das auf seine streng nationalen Probleme fixiert sei und das die eigene Kul¬ 
tur den aktuellen ideologischen Interessen unterordne. Bestenfalls ... eine 
kulturelle Provinz, schlimmstenfalls ... ein weiterer totalitärer Staat, nur 
ohne einen Unterdrückungsapparat.« 41 »Bei vielen sowjetischen Juden 
entstand, nicht ganz ohne Grund, der Eindruck, mit einer Emigration aus 
der UdSSR nach Israel würden sie ein autoritäres Regime gegen ein ande¬ 
res tauschen.« 42 

Als 1972 und 1973 jährlich über 30000 sowjetische Juden nach Israel 
kamen, wurden sie am Flughafen von Golda Meir, die dabei vor Freude 
weinte, persönlich begrüßt, und die israelischen Medien nannten diese 


507 



Kapitel 14 


Massenankunft »das Wunder des 20. Jahrhunderts«. Damals »fuhren alle 
nach Israel. Und auf diejenigen, welche nach Rom abbogen«, also nicht 
nach Israel fuhren, »zeigte man mit dem Finger. Aber von Jahr zu Jahr sank 
die Zahl der Ankömmlinge. Von Zehntausenden auf Tausende, von Tau¬ 
senden auf Hunderte, von Hunderten auf Einzelne. Und in Wien zeigte 
man mit dem Finger bereits nicht mehr auf diejenigen, welche nach Rom 
abbogen, sondern eben auf jene >Einzelnen<, auf die »Eigenbrötler^, die 
»Unnormalem, die weiterhin nach Israel ausreisen wollten.« 43 »Wenn frü¬ 
her Israel die Regel war und man sich rechtfertigen musste, warum man 
>falsch< fuhr, war die Situation nun umgekehrt: Eher musste man erklären, 
warum man nach Israel wollte.« 44 

»Von Idealismus getragen war lediglich die erste Ausreisewelle«; »ab 
1974 kam aus der UdSSR, wenn man so sagen darf, die zweite Staffel, der 
Israel lieb und teuer war, aber hauptsächlich, solange es nur aus der Ferne 
betrachtet wurde«. 45 Dem folgt diese Überlegung: »Vielleicht hängt das 
Phänomen der Neschira [.Neschira - die Abkehr vom Weg nach Israel; 
Noschrim (hebr.) - die Abgefallenen] damit zusammen, dass die frühere 
Emigration hauptsächlich aus den Randgebieten [der UdSSR] erfolgte, 
wo die [jüdischen] Traditionen noch stark sind, während die jetzige Emi¬ 
gration aus den Zentren kommt, wo die Juden einen Großteil ihrer Tra¬ 
ditionen verloren haben?« 46 

Wie auch immer, doch »je weiter sich die Tore der Emigration öffne¬ 
ten, desto weniger Jüdisches trieb dieser Strom«, die Mehrheit der Akti¬ 
visten kannte nicht einmal das hebräische Alphabet. 47 »Nicht die Aneig¬ 
nung des Judentums, sondern die Möglichkeit, es loszuwerden, wurde ... 
der Hauptgrund für eine Emigration.« 48 So äußerte man sich in Israel iro¬ 
nisch, »die Welt wurde nicht erfüllt von den Schritten der Juden, die sich 
beeilten, ihr Haus zum Leben zu erwecken ... Die Nachfolger berück¬ 
sichtigten schnell die Fehler der Avantgarde: Sie strömten massiv und flink 
dahin, wo mit fremden Händen bereits ein fremdes Leben aufgebaut wor¬ 
den war. Diese Bewegung hatte einen betont massenhaften Charakter - 
hier zeigte sich endlich die sprichwördiche »jüdische Gemeinschafix« 49 
Nun ja, angeblich »waren diese Leute wegen mangelnder »intellektueller 
Freiheit aus der UdSSR ausgereist und deshalb mussten sie anscheinend 
in Deutschland und England leben« 50 , oder noch einfacher, in die USA 
ausreisen. Es wird auch allgemein zugegeben: Die Diaspora wird mitder- 


508 



Der Beginn des Exodus 


weile eben deshalb gebraucht, weil »es irgendjemanden geben muss, der 
dem ressourcenlosen Israel Geld zuschaufelt und Alarm schlägt, wenn Is¬ 
rael benachteiligt wird. Andererseits verewigt diese Diaspora auch den 
Antisemitismus. « 51 

A. Woronel fasst die Sache noch allgemeiner auf: »Die Situation der rus¬ 
sischen Juden und das Problem ihrer Unfreiheit ist nur ein Abbild der all¬ 
gemeinen Krise des gesamten Judentums ... Das Problem der sowjeti¬ 
schen Juden hilft uns, die Verwirrung in unseren eigenen Reihen besser 
wahrnehmen zu können.« »Der Zynismus der sowjetischen Juden«, die ge¬ 
fälschte Einladungen aus Israel benützen, statt »sich dem Schicksal zu 
übergeben, das ihnen den Pfad der Ehre vorschreibt, ist nicht mehr und 
nicht weniger als ein Spiegelbild des Zynismus und des Zerfalls, der die 
ganze jüdische (und nichtjüdische) Welt ergriffen hat«. »Unter dem Ein¬ 
fluss des >Business<, der Konkurrenz und der unbegrenzten Möglichkeiten 
der freien Welt rücken die Gewissensfragen immer weiter in den Hinter¬ 
grund.« 52 

Also handelt es sich bei dem Strom der Aussiedler lediglich um eine 
Massenflucht vor den Schwierigkeiten des harten sowjetischen Alltags in 
den leichten wesdichen, was ja aus menschlicher Sicht durchaus ver¬ 
ständlich ist. Aber wie kann man denn dann von einer »Repatriierung« 
sprechen? Und worin besteht denn die »geistige Überlegenheit« jener, 
die sich zu einer Ausreise aus dem »Land der Sklaven« entschieden haben? 
Die sowjetischen Juden, die um eine Ausreise kämpften, verkündeten in 
jenen Jahren lautstark: »Lass mein Volk ziehen!« Aber das war ein ge¬ 
kürztes Zitat. In der Bibel heißt es: »Lass mein Volk ziehen, damit sie mir 
in der Wüste ein Fest feiern!« (Exodus 5,1) Aber irgendwie fuhren viele, 
die man ziehen ließ, nicht in die Wüste, sondern in das wohlhabende 
Amerika. 


* 

Aber waren, sowohl zu Beginn als auch in den erfolgreichen Jahren der un¬ 
erwarteten Emigrationsmöglichkeit, zionistische Überzeugungen und der 
Wunsch, nach Israel auswandern zu dürfen, wirklich der Hauptanlass für 
die Ausreisebestrebungen? Einige jüdische Autoren bezeugen, dass dies 
nicht der Fall war. 


509 



Kapitel 14 


»Die Situation in der Sowjetunion Ende der 60er-Jahre war die Situa¬ 
tion der Alija und nicht die einet zionistischen Bewegung. Es gab eine 
Gruppe von Menschen, die innerlich bereit waren, aus der UdSSR zu flie¬ 
hen. Und innerhalb dieser Gruppe setzte etwas ein, was man bedingt eine 
>zionisdsche Bewegung< nennen darf.« 53 An den aktiven Arbeitskreisen für 
jüdische Geschichte und Kultur nahmen jene teil, deren »ausgeprägtestes 
persönliches Merkmal bestenfalls darin bestand, dass ihnen jegliches Kar¬ 
rierestreben fehlte, das eigendich in den Kreisen der sowjetisch-jüdischen 
Intelligenzija weit verbreitet war. Deshalb widmeten sie ihre gesamte Frei¬ 
zeit jüdischen Angelegenheiten.« 54 Für sie begann bereits Ende der 70er- 
Jahre »das Zeitalter der Hebräisch-Lehrer« und ab den frühen 80er-Jahren 
waren »die Thora-Lehrer die Einzigen, die weiterhin auf den Geist ein¬ 
wirkten«. 55 

Die Beweggründe für eine Ausreise werden so erklärt: »Die Sowjet¬ 
macht errichtete Hindernisse in einem Bereich, der für sie am wichtigsten 
war - dem beruflichen Weiterkommen«, und folglich »drohte dem Ju¬ 
dentum der Verfall«. 56 Sie wurden »von einem gesichtslosen behördlichen 
Schicksal ... zuerst zum Judentum und danach zum Zionismus getrie¬ 
ben«. 57 »Viele ... sind nie ernsthaft mit Antisemitismus oder politischen 
Verfolgungen konfrontiert worden. Die Perspektivlosigkeit der eigenen 
Existenz als russische Juden deprimierte sie ... Dem konnten sie weder 
durch >Assimilation< noch durch >Judentum< entfliehen.« 58 »Das Gefühl 
der Unvereinbarkeit und Bitterkeit wuchs«, »Dutzende von Unfähigen ... 
zerren dich ins Ungewisse ... ziehen dich unterWasser.« 59 Das führte zu 
dem Bestreben, auf welche Weise auch immer der Sowjetunion zu ent¬ 
kommen. »Diese berauschende Aussicht, dass ein Mensch, der vollkom¬ 
men von der sowjetischen Macht kontrolliert wird, plötzlich innerhalb 
von drei Monaten frei werden kann, ... war außerordendich anste¬ 
ckend.« 60 

Selbstverständlich entstand um das Phänomen der Ausreise eine kom¬ 
plexe Aura unterschiedlichster Stimmungen. Einige schreiben, die jüdi¬ 
sche Mehrheit, »die auch jene >zionistische< Tür benutzt, ... verlässt mit 
Trauer und Schwermut dieses vertraute, leidvolle Russland«. 61 (Hier 
drückt die Sprache unbewusst den wahren Sachverhalt aus: leidvoll, weil 
es von den Juden mit Leid gefüllt wurde). Andere schreiben: »Für die er¬ 
drückende Mehrheit war die Entscheidung auszureisen eine >Kopfgeburt<, 


510 



Der Beginn des Exodus 


während sie tief im Inneren eigentlich dagegen waren.« 62 Man hatte sich 
an das Land und seine Traditionen gewöhnt. Wie groß diese »Mehrheit« 
war, vermag niemand zu sagen. Aber die uns bekannten Stimmungen 
schwanken zwischen den gediegenen Versen von Lija Wladimirowa: 

Euch aber, meinen Lieben, meinen Stolzen, 

Vermache ich Gedächtnis und Weggang. - 

und dem damals verbreiteten Witz: »Wer als Letzter geht, möge bitte nicht 
vergessen, das Licht hinter sich auszumachen.« 

Das Erwachen der Emigrationsbewegung der sowjetischen Juden fiel 
zeidich mit dem Beginn der »Dissidenten«-Bewegung in der UdSSR zu¬ 
sammen. Hier bestand natürlich ein innerer Zusammenhang: »Für einige 
von ihnen [den jüdischen Intellektuellen] ist >die nationale Selbstwahr- 
nehmung des Judentums in der UdSSR< eine abweichende Form, eine Art 
des Andersdenkens.« 63 Ihren ungeduldigen Ausbruch aus dem Land be¬ 
trachteten- sie auch als einen verzweifelten, wichtigen politischen Kampf. 
Im Grunde genommen wiederholte sich das Dilemma der Zionisten vom 
Anfang des 20. Jahrhunderts: Wenn man sich das Ziel setzt, Russland zu 
verlassen, ist es dann noch nötig, in diesem Land politisch aktiv zu sein? 
Damals tendierte man eher dafür, nun eher dagegen. Aber bei wachsen¬ 
dem Mut bei den Ausreisebemühungen musste unweigerlich auch der po¬ 
litische Mut wachsen, und manche Aktivisten waren in beiden Lagern 
aktiv. So beschlossen (allerdings etwas später, 1976) einige Mitglieder der 
jüdischen Bewegung — W. Rubin, A. Schtscharanskij, W. Slepak - auf ei¬ 
gene Faust die Dissidentenvereinigung »Helsinki-Gruppe« zu unterstüt¬ 
zen, aber das wurde »in jüdischen Kreisen als ein nicht zu rechtfertigendes 
und unangebrachtes Risiko verurteilt«, denn es würde »zur sofortigen und 
totalen Verstärkung der staadichen Unterdrückung der jüdischen Aktivis¬ 
ten« führen und außerdem die jüdische Bewegung »zu einem Anhängsel 
der Dissidentenbewegung« degradieren. 64 

Andererseits haben nicht wenige Dissidenten von der Zeitgleichheit der 
beiden Bewegungen profitiert, indem sie die Emigration als eine Mög¬ 
lichkeit nutzten, vom Schlachtfeld zu fliehen, um die eigene Haut zu ret¬ 
ten. Das Ganze wurde mit theoretischen Begründungen untermauert: 
»Jeder ehrliche Mensch in der UdSSR ist ein ewiger Schuldner Israels und 


511 



Kapitel 14 


deshalb ... ist das Tor der Emigration, das dank Israel im Eisernen Vor¬ 
hang aufgegangen ist, eine Absicherung für jene wenigen, die bereit sind, 
sich der seelenlosen Tyrannei der KPdSU entgegenzustemmen und für die 
Menschenrechte in der UdSSR einzutreten. Das Fehlen jeglicher »Hinter- 
türchem würde sich in fataler Weise auf die aktuelle demokratische Bewe¬ 
gung auswirken.« 65 

Man muss zugeben, dass diese Erklärung ziemlich zynisch ist und der 
Dissidentenbewegung einen rechten Bärendienst erweist. Ein Opponent 
bemerkt die kritische Stelle: Diese »>Gegner< [der KPdSU] spielen ein 
ziemlich merkwürdiges Spiel: Sie engagieren sich in der demokratischen 
Bewegung, wobei von Anfang an sicher ist, dass es für sie ein »Hintertür- 
ehern gibt. Aber damit demonstrieren sie den provisorischen und inkon¬ 
sequenten Charakter ihrer Tätigkeit. Haben denn potenzielle Emigranten 
das Recht, über Veränderungen in Russland zu reden, umso mehr, wenn 
sie es im Namen Russlands tun?« 66 

Ein Dissident mit einer lebhaften Phantasie (der später, in der Emigra¬ 
tion, ein orthodoxer Priester wurde) schlug folgende Konstruktion vor: 
Die jüdische Emigration führe eine »Revolution im Bewusstsein des sow¬ 
jetischen Menschen durch«, »ein Jude, der für das Recht auf Ausreise 
kämpft, wird zu einem Kämpfer für die [allgemeine] Befreiung« ... »Die 
jüdische Bewegung wird zu jener sozialen Drüse, welche für die Produk¬ 
tion der Hormone des Rechtsempfindens verantwordich ist«, sie würde zu 
»einer Art Ferment zur ständigen Heranreifung der Dissidentenbewe¬ 
gung«, »Russland »wird leer<«, »das »Auslands das bis dahin eher mytholo¬ 
gischen Charakter hatte, wird von den eigenen Mitbürgern besiedelt«, 
»der jüdische Exodus ... führt das sowjetische totalitäre Moskowien nach 
und nach in die Gefilde der Freiheit«. 67 

Folgender Standpunkt wurde bereitwillig verinnerlicht und über Jahre 
hinweg laut verkündet: »Das Recht auf Emigration ist eines der Grund¬ 
rechte des Menschen« ... Im Chor wurde immer aufs Neue wiederholt, 
dass es sich um eine »erzwungene Flucht« handelte, und »Behauptungen 
über eine privilegierte Lage der Juden bei den Ausreiseangelegenheiten 
galten als Frevel«. 68 

Es ist gewiss eine erzwungene Flucht, wenn man sich von einem sin¬ 
kenden Schiff in ein Rettungsboot begibt. Aber ein Rettungsbootzu haben, 
ist ein gewaltiges Privileg. Nach einem halben Jahrhundert zermürbender 


512 



Der Beginn des Exodus 


Sowjetherrschaft war eine Situation eingekehrt, in der die Juden ein sol¬ 
ches Boot hatten und die anderen nicht. Die Feinfühligeren fanden Worte 
für ihr Gefühl der Beschämung: »Man darf für die Repatriierung der 
Juden kämpfen, das ist jedem klar. Man kann für das Recht auf Ausreise 
für jeden kämpfen, das ist auch klar ... Aber man darf nicht für ein Recht 
auf Ausreise kämpfen, das aus irgendeinem Grund nur für Juden gilt.« 69 
Entgegen den gutgläubigen Theoretikern der Emigration, denen zufolge 
alle sowjetischen Bürger auf diese Weise das Ausland für sich erschließen 
und sich dadurch in der UdSSR freier fühlen könnten, ist das Gegenteil 
der Fall: Die sowjetischen Menschen empfanden ihre Ausweglosigkeit 
nun viel deutlicher und sahen, dass sie belogen wurden und eigentlich 
Sklaven waren. Unter den Emigranten gab es auch solche, die klar er¬ 
kannten: »Das Heikelste an der ganzen Geschichte ist doch, dass es sich 
bei denjenigen, die ausreisen, um Juden handelt. Irgendwie wurde die 
ganze Angelegenheit zu einer Art Authentizitätsprobe.« 70 

In der Tat. Aber man war so geblendet von der eigenen Wahrnehmung, 
dass man das nicht bemerkte. 

Doch was sollten die Einwohner des »totalitären Moskowien« denken, 
die bleiben mussten? Die Stimmungen sind breit gefächert, angefangen 
mit Verärgerung im Volk (Ihr Juden dürft das, und wir dürfen das nicht 
...) bis hin zur intellektuellen Bestürzung. Letztere sprach L. K. Tschu- 
kowskaja bei einem Gespräch mit mir an: »Dutzende der wertvollsten 
Menschen verlassen das Land, ohne sie werden die inneren menschlichen 
Bindungen, die lebenswichtig für das Land sind, zugrunde gehen. Die 
Knoten, die das Gewebe einer Kultur bilden, lösen sich auf.« 

Wie wir gerade gelesen haben: »Russland wird leer« ... 

Über diesen Exodus lesen wir bei einem nachdenklichen jüdischen 
Autor, der auch emigrierte: »Das russische Judentum durchlebte die bei¬ 
spiellose Erfahrung einer Verschmelzung mit dem russischen Volk und der 
russischen Kultur, es mischte sich in das Schicksal und die Geschichte 
Russlands ein und stieß sich plötzlich ab, so, wie sich zwei gleich gelade¬ 
ne Teilchen abstoßen, und verschwand.« (Ein wirklich präziser und tief 
greifender Vergleich!) »Das Erstaunlichste an diesem Exodus ist seine Frei¬ 
willigkeit zum Zeitpunkt der höchsten Assimilation ... Die russische Alija 
in den 70er-Jahren ... hatte einen pathetischen Charakter ... Wir winden 
nicht durch einen königlichen Erlass oder einen Parteibeschluss des Lan- 


513 



Kapitel 1 4 


des verwiesen und mussten uns nicht durch Flucht vor dem vernichten¬ 
den Zorn eines Volkspogroms retten ... Diese Tatsache wird den Beteilig¬ 
ten an den historischen Ereignissen nicht sofort klar.« 71 

Dabei ist es unbestritten, dass die Emigration der Juden aus der UdSSR 
den Auftakt einer großen gesamthistorischen Bewegung darstellt. Der Be¬ 
ginn des Exodus markiert den Endpunkt der 200 Jahre andauernden Epo¬ 
che der erzwungenermaßen gemeinsamen Existenz von Russen und 
Juden. Von da an hatte jeder russische Jude die Möglichkeit erlangt, selbst 
zu entscheiden: Sollte er in Russland leben oder sollte er es verlassen. In 
der zweiten Hälfte der 80er-Jahre war die Ausreise nach Israel bereits un¬ 
problematisch und erforderte nicht mehr den Kampf des Einzelnen. 

Alles, was mit dem Judentum in Russland innerhalb der vorangegan¬ 
genen zwei Jahrhunderte passiert war — angefangen mit dem Ansied¬ 
lungsrayon und der Ausdehnung über seine Grenzen hinweg, die Blüte¬ 
zeit, der Aufstieg in die sowjetischen Regierungskreise und die neuen Be¬ 
schränkungen und letztendlich der Exodus -, ist nicht einfach ein Spiel 
des Zufalls am Rande der Geschichte. Das Judentum hatte einen Zyklus 
der Ausbreitung rund um den Mittelmeerraum, bis hin in den Osten Eu¬ 
ropas, beendet und bewegte sich nun zurück in sein Ursprungsland. 

In diesem Zyklus und in seinem Abschluss zeichnet sich ein Vorhaben 
ab, das nicht von Menschen erdacht ist. Vielleicht vermögen unsere Nach¬ 
fahren dieses Vorhaben besser zu erkennen. Und es zu begreifen. 


514 



Kapitel 15 

Über die Assimilation 


W ann und wie ist diese außergewöhnliche Lebensweise der Juden 
entstanden, »überall zu Gast« zu sein? Einer verbreiteten Auffas¬ 
sung zufolge soll die jahrhundertelange jüdische Zerstreuung mit der Zer¬ 
störung Jerusalems durch Tims im Jahre 70 nach Christi Geburt begon¬ 
nen haben, die sie gewaltsam ihrer Heimat beraubte, und seit dieser Zeit 
seien die Juden gezwungen, in der Welt umherzuwandern. Das trifft nicht 
zu, denn: »Eine gewaltige Mehrheit der Juden lebte schon damals in der 
Diaspora; in Palästina war kaum ein Achtel des Volkes geblieben.« 1 Der 
Ursprung der jüdischen Diaspora ist viel früher anzusetzen: »Schon im 
Zeitalter der babylonischen Gefangenschaft [6. Jahrhundert v. Chr.], ver¬ 
mutlich bereits davor, waren die Juden überwiegend ein Volk in der Dias¬ 
pora; Palästina war lediglich das religiöse und zum Teil das kulturelle Zen¬ 
trum.« 2 

Die Diaspora der Juden war bereits in den frühen Büchern der Bibel 
vorausgesagt worden. »Euch aber zerstreue ich unter die Völker.« (Leviti- 
kus 26,33). »Der Herr wird euch unter die Völker verstreuen. Nur einige 
von euch werden übrig bleiben in den Nationen, zu denen der Herr euch 
fuhrt.« (Deuteronomium 4,27). 

»Nur eine unbedeutende Anzahl von Juden kehrte aus der [babyloni¬ 
schen] Gefangenschaft heim, >viele blieben in Babylon, weil sie ihr Hab 
und Gut nicht aufgeben wolltem.« Auch andere große Ansiedlungen 
außerhalb Palästinas entstanden, »die Juden waren ... in den großen Han¬ 
dels- und Wirtschaftszentren der antiken Welt zahlreich vertreten« (so 
stellten unter den Ptolemäern die Juden z.B. zwei Fünftel der Bevölkerung 
Alexandrias). »Es handelte sich dabei überwiegend um Händler und 
Handwerker.« 3 Der jüdisch-hellenistische Philosoph Philon von Alexan¬ 
dria (er starb Mitte des ersten Jahrhunderts, ca. 20 Jahre vor der Zerstö¬ 
rung des Tempels) bezeugt: »[Die Juden] betrachten als ihre Metropolis 
die Heilige Stadt, in welcher der heilige Tempel des Allmächtigen Gottes 


515 



Kapitel 15 


steht; aber als ihre Heimat betrachten sie jene Länder, die sie als Aufent¬ 
haltsort von ihren Vätern, Großvätern und Urvätern geerbt haben und in 
denen sie geboren und erzogen wurden.« 4 

Michail Gerschenson schrieb in seinen Überlegungen über das Schick¬ 
sal des jüdischen Volkes in der Zeit nach Babylon: Die Juden »lebten sich 
in der Fremde ein und strebten nicht zurück in die Heimat, wie man es 
eigendich erwarten sollte«. »Man wird sich daran erinnern, dass das jüdi¬ 
sche Königreich noch bestand, aber ein Großteil der Juden bereits über die 
Länder des Orients verstreut war; der Zweite Tempel stand noch in all sei¬ 
ner Pracht, aber in den Straßen und Häusern Jerusalems war die biblische 
Sprache nicht mehr zu hören: Das ganze Volk sprach Syrisch oder Grie¬ 
chisch.« Schon damals schienen die Juden in gewisser Weise ein Bewusst¬ 
sein entwickelt zu haben: »Es lohnt sich nicht, eine nationale Unabhän¬ 
gigkeit zu bewahren, man sollte lernen, ohne sie unter einer Fremdherr¬ 
schaft leben zu können, man soll sich nicht an einen Ort oder eine Sprache 
klammern.« 5 

Auch heutige jüdische Autoren behielten diese Sichtweise bei: »Die 
Juden der Antike zerstreuten sich und bildeten große Zentren in der Di¬ 
aspora, noch bevor der jüdische Staat vernichtet wurde.« 0 »Das Volk, wel¬ 
ches die Thora erhalten hatte, wollte nicht in sein Land zurückkehren. 
Hier liegt etwas Tieferes verborgen, das wir noch nicht in vollem Umfang 
begriffen haben. Es ist viel einfacher, von den jüdischen Werten und dem 
Erhalt des Judentums dahinzureden, als die wahren Gründe zu klären, 
warum man so lange im Galut lebte.« 7 (»Galut« - Vertreibung. Selbst bis 
weit in das 20. Jahrhundert hinein gab es im Hebräischen keinen Begriff, 
um den Zustand einer »Diaspora«, also eines freiwilligen Exils, zu be¬ 
schreiben, sondern nur »Galut«, als Folge der Vertreibung.) 

Aus den historischen Zeugnissen sehen wir, dass die Zerstreuung der 
Juden nicht nur ihr unglückliches Schicksal war, sondern auch eine frei¬ 
willige Suche. Vielleicht war es nicht nur ein beklagenswertes Unglück, 
sondern auch eine Möglichkeit, das eigene Leben leichter zu machen? 
Dies ist für das Verständnis der Diaspora von Bedeutung. 

Im Judentum gibt es auch heute keine einhellige Meinung darüber, ob 
denn die Diaspora letztendlich ein Fluch oder ein Segen sei. 

Der Standpunkt des Zionismus war von dem Moment der Entstehung 
dieser Bewegung an schon alleine durch seine Grundidee klar definiert: 


516 



Über die Assimilation 


»Unsere Zerstreuung ist für uns selbst das größte Übel, und den anderen 
bringt sie auch weder Frieden noch etwas Gutes ... Wir sind überall Gäste 
... und trotzdem sind wir nicht willkommen, man will uns loswerden.« 8 
»Ein Mensch, der kein Zuhause hat, fühlt sich überall nur als Gast, das ist 
doch der wahre Fluch der Diaspora, ihre wahre Bitternis!« 9 »Einige sagen, 
dass die Existenz vieler >Heime< die Überlebenschancen der Juden erhöht. 
Ich bin der Meinung, dass ein Volk, das in vielen fremden Heimen zu Gast 
ist und sich nicht um sein eigenes Heim kümmert, nicht damit rechnen 
kann, in Sicherheit zu sein. Die Zugangsmöglichkeit zu zahlreichen Hei¬ 
men wirkt sich verführerisch aus.« 10 

Aber die gegenteilige Meinung ist viel stärker vertreten, sie scheint 
auch realistischer zu sein. »Es ist wahrscheinlich, dass das jüdische Volk 
nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Vertreibung und Zerstreuung 
überlebt hat«, »die jüdische Diaspora ist keine Episode, sondern ein 
organischer >Bestandteil< der jüdischen Geschichte«. 11 »Diese Frage sollte 
man sich stellen: Blieb das jüdische Volk in all seiner Einzigartigkeit trotz 
oder dank seiner Vertreibung und Zerstreuung erhalten?« »Die Tragödie, 
die sich im Jahre 70 n. Chr. ereignete, zerstörte den Staat, erwies sich 
aber als eine notwendige Voraussetzung für die Rettung des Volkes«; 
»der einzigartig sensibilisierte Instinkt eines nationalen Selbsterhaltes« 
führte zur Rettung durch die Diaspora. 12 »Das Judentum erlangte nie 
volle Klarheit bei seinem Verständnis der eigenen Lage und deren Ursa¬ 
chen. Die Vertreibung schien eine Strafe für die eigenen Sünden zu sein, 
erwies sich aber als besondere Gnade, die der Herr seinem Volk zuteil 
werden ließ. Durch die Diaspora erarbeitete sich der Jude das Zeichen 
der Auserwähltheit, das er auf seiner Stirn ahnte ... Das Leben in der 
Diaspora ist für ihn nichts Widernatürliches ... Selbst in den Zeiten der 
größtmöglichen staadichen Stabilität hinterließ das Judentum auf sei¬ 
nem Weg Stützpunkte, errichtete in den entlegensten Gebieten Außen¬ 
posten, als ob es die eigene Vertreibung vorausahnen und sich dafür rüs¬ 
ten würde, sich in vorbereitete Stellungen zurückziehen zu müssen«; 
»die Diaspora stellt dadurch eine spezifische Existenzform des Judentums 
im irdischen Zeit-Raum-Gefüge dar«. 13 Dabei blieben die Juden in der 
Diaspora ausgesprochen mobil. »Das jüdische Volk wird nirgends hei¬ 
misch, selbst wenn es über mehrere Generationen hinweg am selben Ort 
lebt.« 14 


517 



Kapitel 15 


Nach einer derart weidäufigen Zerstreuung, an deren Ende die Juden 
sich als kleine zesplitterte Gruppen inmitten anderer Völker wiederfan¬ 
den, mussten sie sich eine eindeutige Position zu diesen Völkern erarbei¬ 
ten und Verhaltensregeln ihnen gegenüber aufstellen. Sollte man eine ma¬ 
ximale Verbindung, gar eine Verschmelzung anstreben oder sollte man 
sich abwenden und absondern? Die Heilige Schrift enthält viele Ver¬ 
mächtnisse einer solchen Trennung. Sogar die verwandten Nachbarn - die 
Samariter und Israeliten - wurden von den Juden so radikal gemieden, 
dass es kaum möglich war, ein Stück Brot von ihnen anzunehmen. Auch 
Mischehen waren strengstens verboten. »Wir werden unsere Töchter nicht 
den Völkern im Land zu Frauen geben, noch ihre Töchter fiir unsere 
Söhne nehmen.« (Nehemia 10,31) Und Esra fordert auf, bereits beste¬ 
hende Ehen aufzulösen, auch jene, in denen es bereits Kinder gibt! 

In der Diaspora haben die Juden sich im Laufe von Jahrtausenden nicht 
mit den Völkern vermischt, so wie sich Öl nicht mit Wasser vermischt, 
sondern nach oben steigt und an der Oberfläche bleibt. Im Laufe all die¬ 
ser langen Jahrhunderte nahmen sie sich als etwas Besonderes wahr. Bis 
zum 18. Jahrhundert »haben die Juden als Volk nie irgendwelche Assimi¬ 
lationstendenzen gezeigt«. Die noch vor der Revolution erschienene »Jü¬ 
dische Enzyklopädie« fuhrt die Meinung von Marx an, der zufolge »die 
Juden sich nicht assimiliert haben, weil sie eine wirtschaftlich höher ent¬ 
wickelte Schicht bildeten, d.h. eine Klasse der Kapitalisten waren, umge¬ 
ben von Land bearbeitenden und kleinbürgerlichen Völkern«, und wider¬ 
spricht ihm: Die Wirtschaft sei nebensächlich gewesen, »die Juden der Di¬ 
aspora schufen bewusst ihr eigenes Wirtschaftssystem, das sie von einer 
Assimilation abschirmte. Sie taten das kraft der Erkenntnis der eigenen 
kulturellen Überlegenheit«, die wiederum durch »den geistigen Inhalt des 
Judaismus in seiner vollkommenen Form« bedingt war. »Letzteres schütz¬ 
te vor Nachahmungen.« 15 

Doch »ab der Mitte des 18. Jahrhunderts begannen die Juden, die Mög¬ 
lichkeit der Assimilation in Betracht zu ziehen. Daraus entwickelte sich im 
Westeuropa des 19. Jahrhunderts ... bereits ein Keim der Zersetzung der 
jüdischen Nation.« Die Assimiladon setzt ein, wenn »die umgebende Kul¬ 
tur das gleiche Niveau wie die jüdische Kultur erreicht oder wenn die jü¬ 
dische Kultur keine eigenen Werte mehr schafft«. Bei den europäischen 
Juden »erlahmte ab dem Ende des 18. Jahrhunderts der nationale Wille: Er 


518 



Über die Assimilation 


versumpfte in übertriebener Erwartungshaltung. Andere Völker began¬ 
nen, Hochkulturen aufzubauen, welche die jüdische Kultur überschatte¬ 
ten.« 16 Gerade zu dieser Zeit, von der napoleonischen Epoche an, begann 
eine europaweite Emanzipation; in einem Land nach dem anderen öffne¬ 
ten sich den Juden die Türen zur sozialen Gleichheit; dadurch wurde die 
Assimilierung umso natürlicher. (An dieser Stelle sei noch ein für uns wich¬ 
tiger Gesichtspunkt hinzugefugt: dass es »keine einseitige Assimilation 
gibt«, dass es so etwas nicht geben kann und dass folglich »die Juden bei 
ihrer Assimilierung eigene nationale Merkmale in fremde Kulturen im¬ 
portierten«. Heine und Börne, Ricardo und Marx, Beaconsfield-Disraeli 
und Lassalle, Meyerbeer und Mendelssohn haben bei ihrer »Assimilierung 
jüdische Merkmale an die Kultur, die sie umgab, weitergegeben«. 17 ) 

In Einzelfällen findet die Assimilation auch einen besonders deutlichen 
Ausdruck der eigenen Schaffenskraft. Im Allgemeinen »war die Assimila¬ 
tion jener Preis, den die Juden für die Vorteile einer Eingliederung in die 
europäische Kultur zahlen mussten«, und die gebildeten Juden redeten 
sich ein, dass »das Judentum keine Nation, sondern lediglich eine religiö¬ 
se Gruppe« 18 sei. »Als das jüdische Volk in die Gemeinschaft der europä¬ 
ischen Völker eintrat, verblasste sein Antlitz ... Deutliche nationale Merk¬ 
male waren nur noch bei Ghetto-Juden augenfällig ... Ein intellektueller 
Jude versuchte mit allen Mitteln, nicht einem Juden ähnlich zu sein.« So 
verbreitete sich die »Theorie, dass es keine jüdische Nation gibt, sondern 
nur >Polen, Franzosen, Deutsche mosaischen Glaubens<«. 19 

Marx, und später Lenin, sahen die Gesamtlösung der jüdischen Frage 
in einer vollständigen Assimilation der Juden in den Ländern, in denen sie 
leben. 

Im Gegensatz zu der Grobheit und Radikalität dieser Ideologen sind die 
Überlegungen von M. O. Gerschenson, die er 1920, also bereits gegen 
Ende seines Lebens, verfasste, von großem Interesse. Sie sind umso inte¬ 
ressanter, als Gerschenson nicht nur ein wirklich geistreicher Intellektuel¬ 
ler, sondern ein in hohem Maße assimilierter russischer Jude war. Trotz¬ 
dem ist die Anteilnahme an der jüdischen Thematik in ihm nie ganz ver¬ 
dorrt oder abgestorben, sondern kam in dem Artikel »Die Schicksale des 
jüdischen Volkes« zum Ausdruck. 

Entgegen der Behauptung der seinerzeitigen »Jüdischen Enzyklopädie« 
ist Gerschenson der Meinung, dass die Assimilierung der Juden ein ural- 


519 



Kapitel 15 


ter Prozess sei, der eine jahrhundertalte Tradition habe. Immer und unab¬ 
änderlich habe eine Stimme »ihn [den Juden] gelockt, sich mit dem Um¬ 
feld zu vermischen, daher besteht im Judentum schon seit Urzeiten ein un¬ 
auslöschlicher Drang nach Assimilation«. Eine andere Stimme »verlangte, 
die eigene nationale Einzigardgkeit stärker als das eigene Leben zu schüt¬ 
zen. Die gesamte Geschichte der Zerstreuung ist ein immer währender 
Streit zweier Tendenzen im Judentum: des Menschlichen und des Über¬ 
menschlichen, des individuellen Willens und des Volkswillens ... Die For¬ 
derungen, die der nationale Wille an das einzelne Individuum stellte, 
waren derart gnadenlos, fast jenseits der menschlichen Kräfte, dass ohne 
die große Hoffnung, die allen gemeinsam ist, ein Jude bei jedem Schritt 
verzweifeln und der Versuchung nachgeben müsste, von den eigenen Brü¬ 
dern abzufallen und auf das merkwürdige, qualvolle gemeinsame Unter¬ 
fangen zu verzichten.« Im Widerspruch zu der Meinung, dass der Beginn 
der Assimilation vom Ende des 18. Jahrhunderts an ein erklärbarer Pro¬ 
zess sei, äußert Gerschenson seine Verwunderung: »Ist es nicht merkwür¬ 
dig, dass die Assimilierung gerade in den letzten 100 Jahren derart an Stär¬ 
ke und Bedeutung gewonnen hat? Dabei ist doch gerade in dieser Zeit, in 
der die Gleichstellung der Juden in den diversen Bereichen des Lebens 
stattfand, die Versuchung [vom Judentum abzufallen] deudich schwächer 
geworden.« Nein, er sieht den Ursprung woanders: »Es ist keine äußere 
Kraft, die das Judentum spaltet: Es zerfällt von innen heraus. Die Haupt¬ 
achse des Judentums, die religiöse Einheit der jüdischen Nation, ist 
morsch und brüchig geworden.« Wie findet denn die Assimilation statt 
und wohin führt sie? »Es entsteht der Eindruck, ... [dass die Juden] zu¬ 
tiefst von einem kosmopolitischen Geist oder zumindest einem Geist der 
lokalen Kultur durchdrungen sind: Sie glauben an das, woran die anderen 
auch glauben, sie glauben an das nicht, woran die anderen auch nicht glau¬ 
ben, sie lieben dasselbe wie die anderen.« Aber nein: »Sie lieben dasselbe, 
aber sie lieben es anders ... Sie sind aufrichtig von dem leidenschaftlichen 
Wunsch besessen, an die fremden Götter zu glauben ... Sie mühen sich, 
das zu heben, was im Mittelpunkt des zeitgenössischen kulturellen Lebens 
steht ... Sie geben vor, es zu lieben, und zwar aufrichtig, und versuchen 
sich selbst davon zu überzeugen, dass sie es tun.« Aber nein! Man kann nur 
den eigenen, im Blut liegenden Glauben lieben, »den die Seele aus ihrem 
Schoß unter Qualen geboren hat«. 20 


520 



Über die Assimilation 


Jüdische Autoren geben unverfälscht jene seelischen Qualen wieder, die 
ein Jude bei der Assimilation durchleiden muss. »Wenn Sie sich entschei¬ 
den vorzugeben, kein Jude zu sein, oder einen anderen Glauben anzu¬ 
nehmen, haben Sie die ganze Zeit in ihrem Innersten mit Ihrem Juden¬ 
tum zu kämpfen ... Sie leben unter immenser Anspannung ... Zu einem 
gewissen Maße ist das unsittlich; es handelt sich hierbei um eine Art geis¬ 
tige Unterdrückung seiner selbst.« 21 (Dieses Drama ist hervorragend in 
Tschechows Erzählung »Die Laufdistel« wiedergegeben.) »Die Assimilie- 
rung verlangt, wie eine böse Stielmutter, sich in allen Bereichen an sie an¬ 
zupassen: in den Ansichten über den Lebenssinn und die zwischen¬ 
menschlichen Beziehungen, in den Forderungen und Bedürfnissen, im 
Lebensstil und in den Gewohnheiten. Sie verzerrte die Psychologie des 
Volkes im Allgemeinen ... und die der Bildungsschicht im Besonderen.« 
Sie führte dazu, »dass man sich von sich selbst lossagte, im Endeffekt lag 
ihr die Idee der Selbstzerstörung zugrunde«. 22 »Eine qualvolle, erniedri¬ 
gende Suche nach dem eigenen >Wir<.« 23 Aber »selbst die vollständigste As¬ 
similation ist illusorisch: Sie wird nie etwas Natürliches«, sie befreit einen 
nicht von »der Notwendigkeit, in ständiger Anspannung zu leben« 24 . 

Damit ist das Misstrauen der Kernbevölkerung, die einen ständig um¬ 
gibt, gemeint. Aber es gibt zusätzliche Anschuldigungen aus den eigenen 
jüdischen Reihen: ein Ansteigen »von nutznießerischen und unterwer¬ 
fungswilligen Verhaltensmustern«, »Bestrebungen zu fliehen, seinem Ju¬ 
dentum zu entsagen«, die eine Form erreichen, die als »nationales Rene¬ 
gatentum« 25 bezeichnet wird. 

Trotzdem kann man sagen, dass im 19. Jahrhundert die Meinung vor¬ 
herrschte, dass eine Assimilation sowohl notwendig als auch möglich sei, 
irgendwann eintreten werde und sogar vorherbestimmt sei. Aber der auf¬ 
kommende Zionismus warf ein ganz neues Licht auf dieses Problem. Vor 
dem Auftreten des Zionismus gab es »einen qualvollen Zwiespalt, ... ein 
Merkmal, das dem ganzen Judentum eigen war« 26 , der Zwiespalt zwischen 
der religiösen Tradition und der Außenwelt, die sie umgab. 

Anfang des 20. Jahrhunderts schrieb Jabotinsky: »Wenn ein Jude eine 
fremde Kultur annimmt, ... kann man sich auf die Tiefe und Beständig¬ 
keit dieser Wandlung nicht verlassen. Ein assimilierter Jude hält dem erst¬ 
besten Druck nicht stand und gibt die >angenommene< Kultur ohne jeg¬ 
lichen Widerstand auf, sobald er sich vergewissert hat, dass ihre Herrschaft 


521 



Kapitel 15 


zu Ende ist ... und er dieser Kultur nicht mehr als Stütze dienen kann.« 
Jabotinsky verweist als aussagekräftiges Beispiel auf die eingedeutschten 
Juden, die sich im deutsch dominierten Österreich-Ungarn bei wachsen¬ 
der tschechischer, ungarischer, polnischer Kultur auf die Seite der neuen 
Strömungen stellten. Es handele sich letztendlich eigendich »um gewisse 
objektive Merkmale, die ein wirkliches, ein Blutsband zwischen dem 
Menschen und seiner Kultur, die von seinen Vorfahren erschaffen wurde, 
herstellen«. 27 Selbstredend ist seine Feststellung richtig, auch wenn der 
Begriff »objektive Merkmale« etwas trocken klingt. (Jabotinsky trat nicht 
nur mehrfach gegen eine Assimilation auf, er richtete auch eine eindring¬ 
liche Warnung an die Juden, es tunlichst zu unterlassen, sich an der russi¬ 
schen Politik, Literatur und Kunst zu beteiligen: Nur einige Jahre später 
und die Russen würden sich von den Juden solche Dienste verbitten. 28 ) 

Die Unbeständigkeit der Assimilation sehen wir an vielen Beispielen, 
sowohl in Massen- als auch in Einzelfällen, in Europa wie in Russland, in 
der Vergangenheit ebenso wie in unserer Zeit. 

Folgender Fall: Benjamin Disraeli, Sohn eines religiös indifferenten Va¬ 
ters, lässt sich in seiner Jugend taufen und passt sich nicht nur der engli¬ 
schen Lebensart an, sondern wird zu einer Art Symbolgestalt des British 
Empire. Wovon träumt er wohl, wenn er in seiner Freizeit seiner Leiden¬ 
schaft nachgeht und Romane schreibt? Von den einzigartigen Verdiensten 
und dem Messianismus des Judentums, er schreibt mit inbrünstiger Liebe 
von Palästina und der Vision, sein israelisches Vaterland auferstehen zu 
lassen. 29 

Was ist mit Gerschenson? Ein angesehener Fachmann für russische Kul¬ 
tur und ein Puschkin-Experte, dem man sogar seine »Slawophilie« zum 
Vorwurf machte, schreibt er an seinem Lebensabend: »Seit meiner Kind¬ 
heit bin ich mit der europäischen Kultur verwachsen, habe ich ihren Geist 
in mich aufgenommen ... und vieles an ihr liebe ich aufrichtig ... Aber 
tief in meinem Inneren lebe ich anders. Schon seit vielen Jahren höre ich 
da eine eindringliche und geheimnisvolle Stimme beständig flüstern: Das 
ist es nicht, das ist es nicht! Irgendein anderer Wille in mir wendet sich mit 
Schwermut und Sehnsucht von dieser Kultur, von allem, was mich um¬ 
gibt, ab ... Ich lebe gleich einem Fremden, der sich in einem fremden 
Land heimisch gemacht hat. Ich werde von den Einheimischen geliebt 
und liebe sie auch und arbeite fleißig für ihr Wohl... Aber ich weiß auch, 


522 



Über die Assimilation 


dass ich fremd bin, und sehne mich im Verborgenen nach den heimischen 
Gefilden.« 30 

Gerade nach diesem Bekenntnis Gerschensons ist es angebracht, an die 
Überlegungen zu erinnern, die wir zu Beginn dieses Kapitels angestellt 
haben: Offensichtlich ist es nötig, bei dem Begriff »Assimilation« zwischen 
drei Arten zu unterscheiden: einer alltäglich-gesellschaftlichen Assimila¬ 
tion, bei welcher der Assimilierte vollwertig in das gesellschaftliche Leben 
der einheimischen Nation involviert ist und ihre Interessen teilt (in die¬ 
sem Sinne würde sich wohl die absolute Mehrheit der heutigen russischen, 
europäischen und amerikanischen Juden assimiliert nennen), einer kultu¬ 
rellen Assimilation und einer resdosen Assimilation bis in die Tiefen des 
Geistes, die zwar möglich ist, aber weitaus seltener vorkommt. Die dritte 
Art ist die schwierigste und ergibt sich nicht automatisch aus den ersten 
beiden. (So ist der »Briefwechsel zwischen zwei Zimmerwinkeln« zwi¬ 
schen Wjatscheslaw Iwanow und M. O. Gerschenson, dieses »kleine Buch 
von enormer Wichtigkeit«, einem Kritiker zufolge »der Beweis ftir die 
nicht vollständige geistige Assimilation eines Juden, wenngleich seine kul¬ 
turelle Assimilation offenkundig ist«. 31 ) 

Ein ehemaliger Revolutionär, der nach der Revolution zu einem »be¬ 
kehrten« Emigranten wurde, schreibt verzückt, es sei fast ein Wunder, dass 
die russischen Juden in den neuen Ländern, in die sie während der Emi¬ 
gration geflohen waren, »eine gewaltige Menge nationaler Energie« an den 
Tag legten und »ihre urtümliche jüdische Kultur« aufbauten. Das gelte 
sogar für London: Sie eröffneten eigene Schulen mit jiddischer Unter¬ 
richtssprache, schufen eigene öffentliche Organisationen, erbauten eine 
eigene stabile wirtschaftliche Basis. Sie verschmolzen nicht mit dem eng¬ 
lischen Alltagsleben, sondern passten sich lediglich den gegebenen Forde¬ 
rungen an und unterstützten mit ihrer Existenz sogar die alteingesessenen 
englischen Juden. (Die wiederum ihre eigenen Strukturen haben: den Bri¬ 
tish Jewish Council und das, was unter dem Begriff »Jüdische Gemeinde 
Großbritanniens« zusammengefasst wird, und das in England, wo der As- 
similierungsprozess sozusagen als abgeschlossen gilt.) Dasselbe beobach¬ 
tet er in Frankreich. Und die Situation in den USA sieht er als eine be¬ 
sonders »herausragende Heldentat« 32 an. 

Natürlich stellt die immer währende, zuverlässige, unwiderrufliche 
gegenseitige Unterstützung eine hervorragende Eigenschaft dar, die das 


523 



Kapitel 15 


jüdische Volk rettet und beschützt. Aber sie bringt auch alle Assimila¬ 
tionsbestrebungen ins Wanken. 

Nicht nur der erstarkende Zionismus, sondern auch der gesamte Ver¬ 
lauf des 20. Jahrhunderts gab dem Judentum starke Impulse, sich von 
allen Assimilationsbemühungen abzuwenden. 

Der überzeugte Zionist Max Brod schrieb 1939, am Vorabend des 
Zweiten Weltkrieges: »In den Zeiten der weit weniger entwickelten Staat¬ 
lichkeit des 19. Jahrhunderts war es noch möglich, die Theorie der Assi¬ 
milation zu verkünden«, aber »diese Theorie hat in einer Epoche, in der 
sich die Völker immer stärker zusammenballen, jeglichen Sinn verloren«. 
»Wir, die Juden, werden von den Völkern, in denen der kriegerische Geist 
des Nationalismus auflodert, unweigerlich zerdrückt werden, wenn wir 
nicht an uns selbst denken und uns rechtzeitig zurückziehen.« 33 

Ziemlich streng ist die Bewertung von Martin Buber (1941): »Bisher 
hat die jüdische Existenz nur dazu ausgereicht, Götzenthrone zu erschüt¬ 
tern, nicht aber einen Thron Gottes aufzurichten. Das macht die Un¬ 
heimlichkeit der jüdischen Existenz inmitten der Völker aus. Das Juden¬ 
tum prätendiert das Absolute zu lehren, aber faktisch lehrt es nur das Nein 
zum Leben der Völker, vielmehr es ist dieses Nein und nichts mehr. 
Darum ist es den Völkern ein Grauen geworden.« 34 

Danach wurde die jüdische Geschichte von zwei tiefen Furchen durch¬ 
zogen: Der Shoa und der Staatsgründung Israels. Sie warfen ein neues, 
überaus grelles Licht auf das Problem der Assimilation. 

Die Folgen der Staatsgründung Israels für das Judentum in aller Welt 
wurden in jenen Tagen von Arthur Koestler in seinem Buch »Promise and 
Fulfilment: Palestine 1917-1947« und dem Artikel »Juda am Scheideweg« 
durchdacht und klar formuliert. 

Koestler war in seiner Jugend ein leidenschaftlicher Zionist und siedel¬ 
te 1926 von Wien in einen palästinensischen Kibbuz über. Danach war er 
einige Jahre in Jerusalem als Journalist tätig, hatte in Jabotinskys Zeitung 
regelmäßig seine eigene Kolumne auf Hebräisch und arbeitete nebenher 
für diverse deutsche Zeitungen. Nun schrieb er: «... wenn die mystische 
Sehnsucht nach der Rückkehr nach Palästina aus dem jüdischen Glauben 
entfernt ist, dann sind die eigentlichen Grundlagen und der Hauptinhalt 
dieses Glaubens nicht mehr vorhanden.« »Tatsächlich ist der Großteil der 
Gebete, Riten und Symbole des Judentums seit der Wiederherstellung des 


524 



Über die Assimilation 


jüdischen Staates sinnlos geworden. ... Der Herr Israels hat den Bund ge¬ 
halten und Kanaan den Nachkommen Abrahams zurückgegeben. ... 
Wenn er [ein gläubiger Jude] es ablehnt, dem Gebot zu gehorchen und in 
das Land seiner Väter zurückzukehren, stellt er sich außerhalb des Bundes 
und schließt sich ... aus der Gemeinschaft aus ...« Für jene Juden, die 
»ungenau« in Religionsfragen sind, ist nicht klar, wozu man Opfer für die 
Erhaltung der »jüdischen Werte« bringen soll, die nicht in der religiösen 
Doktrin verankert sind. »Diese Religion wird jedoch sinnlos, wenn man 
weiter um die Rückkehr nach Zion betet und dabei fest entschlossen ist, 
diesem femzubleiben.« Ja, die Entscheidung sei qualvoll, aber »ich glau¬ 
be, daß die Wahl jetzt und hier getroffen werden muß, und zwar um der 
nächsten Generation willen ... Will ich nach Israel auswandern? Und 
wenn nicht, welches Recht habe ich, mich weiterhin als Juden zu be¬ 
zeichnen und damit meinen Kindern das Stigma des Andersseins aufzu¬ 
drücken?« »... die nichtjüdische Welt im großen und ganzen [wird] eine 
aufrichtige Assimilation der Juden begrüßen«, und etwa ab der dritten Ge¬ 
neration »wird das jüdische Problem nach und nach ... verschwinden«. 35 

Die in London erscheinende jüdische Zeitung »Jewish Chronicle« 
widerspricht Koesder: »Glauben Sie nicht, daß es die vernünftigste und 
ehrenwerteste Politik der Juden in der Diaspora ist, so weiterzumachen 
wie in der Vergangenheit und gleichzeitig den Staat Israel... aufbauen zu 
helfen?« Koesder bleibt unbeugsam: »Das ist die Tragödie der Juden, die 
den Kuchen gleichzeitig besitzen und verspeisen wollen. Dieser Weg fuhrt 
zur Katastrophe.« 36 

Die Zeitung hält dagegen, dass alle bisherigen Assimilationsversuche er¬ 
folglos geblieben seien; warum sollte es nun anders werden? Weil »bis jetzt 
alle Assimilationsversuche mit halbem Herzen durchgefuhrt wurden und 
auf der falschen Annahme beruhen, die Juden könnten vollwertige Mit¬ 
glieder ihres Gastvolkes werden und trotzdem ihre Religion beibehalten 
und das Auserwählte Volk bleiben«. »In Wirklichkeit ist ethnische Assimi¬ 
lation unmöglich, wenn man am mosaischen Glauben festhält; und der mo¬ 
saische Glaube wird bei ethnischer Assimilation unhaltbar. Die jüdische Re¬ 
ligion setzt die nationale Absonderung weiter fort - um diese Tatsache 
kann man nicht herumkommen.« Also lässt sich sagen: »Vor der Erneue¬ 
rung Israels bedeutete der Verzicht auf das Judentum die Verleugnung der 
Solidarität mit den Verfolgten und hätte als feige Kapitulation aufgefaßt 


525 



Kapitel 1 5 


werden können.« Aber »fortan ist es nicht mehr eine Frage der Kapitula¬ 
tion, sonders des freien Entschlusses«. 37 

So stellte Koesder die Juden der Diaspora vor eine harte Wahl, »entwe¬ 
der Israelis zu werden oder aulzuhören, Juden zu sein. Er selbst entschied 
sich fair Letzteres.« 38 (Man braucht nicht hervorheben, dass Koesders 
Schlussfolgerungen in der Diaspora überwiegend mit stürmischer Ableh¬ 
nung aufgenommen wurden.) 

Aber jene, die sich fair die erste Option entschieden, die Bürger des Staa¬ 
tes Israel, hatten nicht nur Unterstützung von neuer Seite bekommen, 
sondern konnten dadurch eine neue Sichtweise dieses ewigen Problems 
gewinnen. Ein heutiger israelischer Autor schreibt dezidiert: »Ein Exilju¬ 
de ist ein amoralisches Wesen. Er nutzt alle Vorteile des Landes, das ihm 
eine Heimstatt gewährt hat, ohne sich vollständig mit diesem Land zu 
identifizieren.« »Diese Menschen beanspruchen für sich einen Status, den 
kein anderes Volk auf der Welt besitzt — sie wollen, dass man ihnen er¬ 
laubt, zwei Heimaten zu haben: eine, in der sie leben, und eine zweite, >in 
der ihr Herz lebte Und dann wundern sie sich, dass sie gehasst werden!« 39 

Und wie sie sich wundern: »Weshalb denn, warum sind denn Juden so 
unbeliebt? (Und unbeliebt sind sie, da kommt man nicht drum herum, 
sonst müsste man sich auch von nichts befreien.) Von was muss man sich 
befreien? Nicht vom Judentum, das ist klar ...« »Wir wissen bestens, dass 
wir uns befreien müssen, ganz entschieden, aber bis jetzt konnten wir 
nicht klar sagen, von was wir uns befreien müssen.« 40 

Selten wird die natürliche Frage gestellt: Was müssen wir tun, um be¬ 
liebt zu werden? Viel öfter sehen die jüdischen Autoren die ganze sie um¬ 
gebende Welt als etwas Feindliches an und verzweifeln daran: »Die Welt 
hat sich in zwei Lager gespalten: in jene, die mit dem jüdischen Volk sym¬ 
pathisieren, und jene, die versuchen, es zu vernichten.« 41 Oder es wird ein 
verzweifelt stolzer Standpunkt eingenommen: »Es ist entwürdigend, sich 
darauf zu verlassen, dass die Regierung dich vor dem Volk, das dich nicht 
liebt, beschützt; es ist entwürdigend, den besten und würdigsten Vertre¬ 
tern dieses Volkes dafür dankbar zu sein, dass sie ein gutes Wort für dich 
eingelegt haben.« 42 

Ein andere israelische Stimme klingt dagegen ernüchternder: »Es ist 
durchaus nicht so, dass sich die Welt nur aufgrund ihrer Einstellung 
gegenüber den Juden in zwei Lager teilen lässt, auch wenn es uns wegen 


526 



Über die Assimilation 


unserer Überempfindlichkeit manchmal so scheint.« A. Woronel schreibt: 
»Die Juden widmen zu viel Aufmerksamkeit den Antisemiten und zu 
wenig sich selbst.« 43 

Der eigene Staat, Israel, muss das Zentrum werden, das die Zukunft 
aller Juden der Welt garantiert. Schon in den 20er-Jahren schrieb Einstein 
persönlich an Pjotr Rutenberg, einen ehemaligen Sozialrevolutionär, ver- 
mudich den Hauptautor der revolutionären Forderungen vom 9. Januar 
1905 und den Gefährten und späteren Henker von Gapon. 1 Rutenberg 
widmete sich letztendlich dem Wiederaufbau Palästinas, und Einstein er¬ 
mutigte Ihn: »Zuallererst muss Ihr [der Kolonisten in Palästina] Leben ge¬ 
schützt werden, denn Sie opfern sich für den Geist und für das Ansehen 
des ganzen jüdischen Volkes. Es ist notwendig zu demonstrieren, dass wir 
ein Volk sind, das über ausreichend Lebenswillen und Kraft verfugt, die 
große Tat zu vollbringen, die zum verbindenden Medium und zum Schutz 
der kommenden Generationen wird. Für uns und unsere Nachfahren 
muss das Land die gleiche gewaltige Bedeutung haben, wie sie der Tempel 
für unsere Vorfahren hatte.« 44 

Diese Überzeugung wird von israelischen Autoren in unterschiedlicher 
Weise untermauert. »Für das jüdische Problem gibt es offensichtlich ohne 
die Existenz eines jüdischen Staates keine zuverlässige Lösung.« 45 Es ist das 
Konzept »der Festigung Israels als eines Zentrums, das die Zukunft der 
Juden weltweit garantiert«. 46 Nur Israel sei der richtige Ort für die Juden, 
an dem »geschichtliches Handeln nicht in einem historischen Fiasko 
endet«. 47 

Und »jene Katastrophe, deren Gespenst die ganze Zeit im kollektiven 
Unterbewusstsein der Israeliten existiert« 48 , ist in jenem winzigen Land, 
das in ständigem Belagerungszustand lebt, nur als unterschwelliges Grol¬ 
len zu vernehmen. 

* 

Wie verhält es sich heute in Hinblick auf Assimilation, Diaspora und Is¬ 
rael, welche Tendenzen, welche Hoffnungen gibt es? 

Eigentlich ist die Assimilation bis in die 1990er-Jahre sehr weit fortge¬ 
schritten. So »verspricht für 80-90% der amerikanischen Juden die ak- 


1 Vgl. Solschenizyn, Russ.-jiid. Geschichte, S. 348. 


527 



Kapitel 15 


tuelle Entwicklung des jüdischen Lebens in Richtung einer allmählichen 
Assimilation« zu gehen. Dies nicht nur in den USA: »In der Mehrzahl der 
Gemeinden der Diaspora verschwindet das jüdische Leben allmählich.« 
Die meisten zeitgenössischen Juden »haben keine direkten schmerzhaften 
Erinnerungen, die mit der Shoa verbunden sind ... Sie solidarisieren sich 
viel weniger mit Israel, als ihre Eltern es taten.« Unbestritten geht auch die 
Tendenz in Richtung »einer dramadschen Abnahme der Bedeutung der 
Diaspora, des unabwendbaren Verlustes ihrer wesendichen Merkmale«. 
»Werden unsere Enkelkinder noch Juden sein? Wie lange wird die Dias¬ 
pora diese Jahrtausendwende überleben? Raw Adin Steinsalz, einer der 
wichtigsten Lehrer unserer Zeit, ... warnt davor, dass die Juden der Dias¬ 
pora keine Gruppe mehr sind, >deren Sicherheit nicht gewährleistet ist<.« 
Dadurch sind sie paradoxerweise »im Begriff auszusterben, indem sie sich 
an der >Katastrophe der Selbstvernichtung< beteiligen«. Hinzu kommt, 
dass der »Antisemitismus in den wesdichen Ländern nicht mehr als ein 
Element betrachtet werden kann, das die jüdische Selbstwahrnehmung 
stärkt. Es gibt so gut wie keine antisemitische Diskriminierung in Politik 
und Wirtschaft, an den Hochschulen, in den gesellschaftlichen Klubs 
usw.« 49 Im heutigen Europa »gibt es genügend Juden, die sich nicht als 
Juden empfinden und auf jeden Versuch, sie dieser künstlich konstruier¬ 
ten Gemeinschaft zuzurechnen, allergisch reagieren«. »Der assimilierte 
Jude will sich nicht jüdisch fühlen, er legt alle Züge seiner Rasse ab« (Sar¬ 
tre). 50 Wir wollen auch die folgende eindringliche Bewertung derselben 
Autorin nicht unterwähnt lassen: »Die europäischen Juden sehen sich 
selbst nicht als Juden, da sie der Meinung sind, dass sie erst durch den 
Antisemitismus zum Judentum genötigt wurden. Es entsteht ein Wider¬ 
spruch: Ein Jude wird nur dann zum Juden, wenn er bedroht wird. Dann 
rettet er sich als Jude. Aber wenn er selbst eine Quelle der Bedrohung dar¬ 
stellt, ist er kein Jude.« 51 

So »zeichnen sich die Umrisse des Untergangs der Diaspora gerade in 
dem Moment ab, da die Juden im Westen über so viel Freiheit, Wohlstand 
und, zumindest äußerlich, so viel Macht verfügen, wie es in der Ge¬ 
schichte des Judentums noch nie der Fall gewesen ist«. »Wenn die vor¬ 
herrschenden Tendenzen erhalten bleiben, wird die Mehrheit der Diaspo¬ 
ra einfach verschwinden. Es ist notwendig, die Wahrscheinlichkeit einer 
zwar freiwilligen, aber dennoch erniedrigenden allmählichen Selbstzer- 


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Über die Assimilation 


Störung der Diaspora realistisch einzugestehen ... Arthur Koestler, ein Be¬ 
fürworter der Assimilation, könnte damit Recht gehabt haben, als er in 
den 50er-Jahren den Untergang der Diaspora voraussagte.« 52 

Gleichzeitig gilt aber auch, dass »die Juden in der ganzen Welt, manch¬ 
mal sogar zu ihrem eigenen Erstaunen, sich an dem Schicksal Israels per¬ 
sönlich beteiligt fühlen«. »Wenn, Gott bewahre, Israel vernichtet würde, 
dann würden auch die Juden in den anderen Ländern verschwinden. Ich 
weiß nicht, warum das so ist, aber die Juden würden einen zweiten Ver¬ 
nichtungsschlag in unserem Jahrhundert nicht überleben.« 53 Ein anderer 
Autor sieht in der »jüdischen Mythologie einer unabwendbaren Katastro¬ 
phe« etwas, das explizit der Diaspora zugeordnet werden müsse. Dadurch 
seien es gerade »die amerikanischen (und sowjetischen) Juden, die an die¬ 
sem Konzept der Katastrophe festhalten« als einer Art Vorbereitung: 
Wenn Israel fiele, müssten sie die Fahne der Nation weitertragen. 54 Und 
so, »bei einer Vielzahl von Hypothesen, die versuchen, die Bestimmung 
der jüdischen Diaspora zu deuten, sehen fast alle deren Rolle darin, dass 
sie das Judentum praktisch unzerstörbar macht und ihm ewiges Leben 
garantiert, zumindest solange die Menschheit existieren wird«. 55 

Es gibt auch Standpunkte, welche die Diaspora recht kämpferisch als 
ein Existenzprinzip verteidigen: »Wir sind gegen die historische Forde¬ 
rung, die Alija zu Ende durchzuftihren. Wir fühlen uns selbst nicht im 
Exil« (der amerikanische Professor Leonard Fein). Im Juni 1994 »wandte 
sich Shoshana Cardin, die Präsidentin des Jüdischen Weltkongresses, an 
Israel mit der aggressiven Erklärung: Wir haben nicht vor, Israel nur als 
Futter für die Alija zu dienen, und wir bezweifeln, dass ihr auch nur die 
geringste Ahnung habt, wie reichhaltig und harmonisch das Leben der 
amerikanischen Juden ist.«< 56 Andere Stimmen sind pathetisch: »Wenn 
wir für die Welt von irgendeinem Interesse sind, so nicht durch unsere 
Staatsformen, sondern durch die Diaspora, die als eines der faszinierends¬ 
ten Wunder der Weltgeschichte angesehen wird.« 57 Andere wiederum äu¬ 
ßern sich ironisch: »Ein schlauer Mann hat sich ... eine elegante Ausrede 
ausgedacht: Angeblich bestünde die Auserwähltheit des jüdischen Volkes 
eben darin, ewig in Zerstreuung zu leben.« 58 »Das Wunder der Staats¬ 
gründung Israels gab der Diaspora rückwirkend einen neuen Sinn und 
löste gleichzeitig die ganze Geschichte in genialer Weise auf, die gerade im 
Begriff war, sich etwas in die Länge zu ziehen. Kurz gesagt, sie krönte das 


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Kapitel 15 


Wunder der Diaspora. Sie krönte sie zwar, aber sie löste sie nicht auf.« 59 
Aber »das hat auch etwas Ironisches, denn die Ziele, für die wir so hart ge¬ 
kämpft haben und die uns mit Stolz und einem Gefühl der Einzigartig¬ 
keit erfüllt haben, sind bereits erreicht«. 60 

Wie das Schicksal der Diaspora zu verstehen und vorauszusagen ist, 
hängt in vielem von dem Phänomen der Mischehen ab. Mischehen sind 
das mächtigste und zuverlässigste Assimilationsmittel. (Nicht umsonst 
werden sie in der Bibel derart streng verboten: »Sie haben dem Herrn die 
Treue gebrochen, sie haben Bastarde geboren.« Hosea 5,7) Als Arnold 
Toynbee Mischehen als ein Mittel im Kampf gegen den Antisemitismus 
vorschlug, wandten sich Hunderte Rabbiner dagegen. »Sobald Mischehen 
eine Massenerscheinung werden, bedeuten sie das Ende des Judentums.« 61 

Allgemein wird ein starker Anstieg der Mischehen in den westlichen 
Ländern registriert: »Statistische Angaben über das >Verschwinden< lassen 
einen erschaudern. In den 60er-Jahren betrug in den USA, der größten 
jüdischen Gemeinde der Welt, der Prozentsatz der >Mischehen< ungefähr 
6%. Heute [in den 90er-Jahren], gerade mal eine Generation später, sind 
es bereits 60% - das Zehnfache. Der Anteil der >Mischehen< in Europa 
und Lateinamerika ist ungefähr genauso hoch ... Zusätzlich gilt, dass 
die Geburtenrate in allen westlichen jüdischen Familien, mit Ausnah¬ 
me der orthodoxen Juden, außergewöhnlich niedrig ist.« Hinzu kommt, 
dass »nur ein unbedeutender Prozentsatz der Kinder aus solchen >Misch- 
ehen< bereit ist, eine deutlich ausgeprägte jüdische Lebensweise zu pfle¬ 
gen«. 62 

Wie ist die Situation in Russland? Die »Jüdische Enzyklopädie« nennt 
folgende Zahlen: 1988 waren in der RSFSR 73% der verheirateten jüdi¬ 
schen Männer und 63% der verheirateten jüdischen Frauen mit Nicht- 
Juden verheiratet (ein Anstieg von 13 bzw. 20% gegenüber 1978). »Sol¬ 
che Ehepartner verlieren objektiv viel schneller jegliche jüdische Selbst¬ 
wahrnehmung und sind eher bereit, bei Volkszählungen eine andere 
Nationalität anzugeben.« 63 

Es lässt sich also sagen, dass fast überall mehr oder weniger eine »Ero¬ 
sion des jüdischen Lebens« stattfindet, ein »Verwaschen der Rassen-, Re- 
ligions- und ethnischen Unterteilungen, die noch bis vor kurzem eine Bar¬ 
riere für Assimilation oder >Mischehen< darstellten«. Heute, da »der Anti¬ 
semitismus im alltäglichen Leben derart zurückgegangen ist, ... sind viele 


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Über die Assimilation 


große Prinzipien verloren gegangen, die in der Vergangenheit starke Stüt¬ 
zen der Selbstidentifikation waren«. 64 

Die Exiljuden werden von den Israelis häufig scharf kritisiert. Dreißig 
oder vierzig Jahre nach der Gründung des Staates Israel kamen von dort 
spöttische, aber auch zornige Fragen an die Diaspora: »Was wird eigent¬ 
lich aus den heutigen Juden? Am wahrscheinlichsten ist es, dass sie für 
immer in ihrer wahren geschichdichen Heimat bleiben - im Exil.« 65 »Die 
algerischen Juden haben Frankreich Israel vorgezogen. Danach haben die 
Juden des Irans, als sie das Land Khomeinis verließen, in ihrer Mehrheit 
Israel verschmäht.« »Wenn sie ihre alten Siedlungsgebiete aufgeben, su¬ 
chen sie Länder mit einem höheren Lebensstandard. Die Liebe zu Zion an 
sich ist kein Argument.« 66 »Das ewige Bild der klassischen bevorstehen¬ 
den Katastrophe« lockt inzwischen keine Juden mehr nach Israel.« 67 »Die 
Juden sind ein Volk, das durch die eigene staatenlose, außerhalb der Ge¬ 
schichte stehende Existenz verfuhrt wurde.« 68 »Die Juden haben die Prü¬ 
fung nicht bestanden. Sie wollen weiterhin nicht in ihre Heimat zurück¬ 
kehren. Sie ziehen es vor, im Exil zu leben und sich jedes Mal über Anti¬ 
semitismus zu beschweren, sobald sie jemand kritisiert ... Und dass ja 
niemand auch nur ein böses Wort über Israel sagt, denn Kritik an Israel 
sei ja angeblich >Antisemitismus<. Wenn sie sich derart für Israel ereifern, 
warum ziehen sie denn nicht hierher und leben nicht hier? Aber nein, das 
ist ja genau das, was sie nicht wollen!« 69 »Die Mehrheit der Juden hat 
schon entschieden: Sie wollen nicht unabhängig sein ... Man schaue sich 
mal die Juden in Russland an. Ein Teil von ihnen hat sich für die Unab¬ 
hängigkeit entschieden, der Rest zieht es vor, weiterhin das Leben einer 
Zecke auf dem russischen Hund zu fuhren. Und wenn der russische Hund 
ein bisschen krank geworden ist, ein bisschen böse, dann suchen sie sich 
den amerikanischen Hund. Schließlich leben die Juden schon seit 2000 
Jahren so.« 70 

So kommt es, dass ein Jude der Diaspora »angesichts eines Israelis ... 
häufig Komplexe bekommt und bereit ist, einen Berg unverständlicher 
Schuld zu tragen, ... ohne den Mut zu haben, mit dem Israeli dessen har¬ 
tes Los zu teilen. Dieses Minderwertigkeitsgefühl wird dadurch kompen¬ 
siert, dass man sein eigenes Judentum krampfhaft hochhält ... und Un¬ 
bedeutendes aus der jüdischen Symbolik demonstrativ zur Schau stellt.« 
Dabei »geht ein Jude der Diaspora das besondere Risiko ein, alleine einer 


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Kapitel 15 


antisemitischen Gewalt gegenübertreten zu müssen«. Auf der anderen 
Seite »kann ein Israeli machen, was er will, die Diaspora hat keine Wahl: 
Sie wird sich gleich einer ungeliebten, aber treuen Ehefrau leise an seine 
Seite stellen.« 71 

Man liest auch diese Prognose: »Allem Anschein nach wird die Dias¬ 
pora bis 2021 um eine weitere Million Seelen und Leiber kleiner sein.« 
»Die Vorgänge in den Tiefen der jüdischen Geschichte ... legen es nahe, 
dass es eine weitere zahlenmäßige Verringerung des weltweiten Judentums 
geben wird, da sich seine Mitglieder verstärkt nicht mehr in der Diaspo¬ 
ra, sondern in Zion konzentrieren werden.« 72 

Aber vielleicht sdmmt das gar nicht? Vielleicht hatte der russische Jude 
Iossif Bikerman recht, der überzeugt war, die Diaspora sei unzerstörbar: 
»Ich akzeptiere das Exil, in dem wir 2000 Jahre lang gelebt haben und in 
dem wir in unserer Gemeinschaft nur gestärkt wurden, und wo wir weiter¬ 
hin leben und uns behaupten müssen.« 73 Vielleicht werden die beiden 
Stimmen, die ein Jude laut Gerschenson immer hört — mit der Umgebung 
verschmelzen oder die eigene nationale Besonderheit bewahren -, ewig zu 
hören sein? 

Ein angesehener Historiker kommt (nach dem Zweiten Weltkrieg) zu 
folgendem Schluss: »Das Paradoxe im Leben der zeitgenössischen Juden 
besteht darin, dass bei steigendem Einfluss der Juden im Leben der ande¬ 
ren Völker das jüdische nationale Selbstbewusstsein nicht abgeschwächt 
wird; manchmal wird es sogar noch verstärkt.« 74 

Es folgen nun einige Zeugnisse aus der sowjetischen »internationalisti¬ 
schen« Zeit, aus diversen Kreisen der russischen Juden. 

»Ich habe mich immer sehr deutlich als Jude wahrgenommen ... Ich 
wurde sehr schnell in Kreise involviert, in denen die jüdische Frage das 
Hauptthema war, so etwa mit 17 Jahren, sobald ich der Schule entwach¬ 
sen war.« Der Vater war »ein Mensch mit starken jüdischen Überzeugun¬ 
gen. Er kannte keinerlei Traditionen, beachtete die Mizwot 1 nicht, kann¬ 
te die Sprache nicht, aber ... alles, was er wusste, war auf irgendeine Weise 
tief in ihm, dem Juden, seiner jüdischen Selbstidentifikation unter¬ 
stellt.« 75 


1 Mizwa, pl. Mizwot (hebr. »Gebot«): die Gesamtheit der religiösen Gebote und 
Verbote des Judentums 


532 



Über die Assimilation 


Der aus Odessa stammende Schriftsteller Arkadij Lwow schreibt: »Als 
zehnjähriger Junge suchte ich die Juden unter den Wissenschaftlern, den 
Schriftstellern, den Politikern heraus. Und natürlich suchte ich - als 
junger Pionier! - zuallererst die Juden unter den Regierungsmitgliedern 
heraus«, so war Lasar Kaganowitsch die Nummer drei im Staat, vor 
Woroschilow und Kalinin, »und ich war stolz auf Stalins Volkskommissar 
Kaganowitsch ... Ich war stolz auf Swerdlow und auf Urizkij ... Ich war 
stolz auf Trotzkij - ja, ja, ich war stolz auf Trotzkij!« Lwow dachte, dass 
Osterman [noch zu Zeiten Peters des Großen] ein Jude gewesen sei. Als er 
erfuhr, dass es sich um einen Deutschen handelte, »fühlte ich mich ge¬ 
kränkt, ich hatte das Gefühl, etwas verloren zu haben«, dafür »erzählte ich 
allen voll Stolz: Schafirow war ein Jude«. 76 

Aber es gab auch sehr viele Juden in Russland, die keine Angst hatten, 
»in der Dichte der assimilierenden Massen unterzugehen« 77 , die sich 
selbsdos dem russischen Element, der russischen Kultur überantworteten: 

»In den früheren Zeiten waren nur wenige Juden in der Lage, diese 
Erfahrung zu machen: Antokolskij, Lewitan, Rubinstein und einige an¬ 
dere. Später wurden es mehr. Wie tief vermochten sie es, Russland zu 
begreifen, sie ergründeten es mit ihrer uralten und feinen Intuition des 
Verstandes und des Herzens! Russland ließ sich mit Hingabe von ihnen 
erfassen - in seinem Flimmern, in seinem geheimnisvollen Spiel aus Licht 
und Dunkel, in seinem Kämpfen und Leiden. Es lockte ihr Herz mit 
seinem dramatischen Kampf zwischen Gut und Böse, mit seinen Irrlich¬ 
tern, seinen Schwächen, seiner Kraft, seinem Charisma. Aber vor ein 
paar Jahrzehnten wurden es nicht einige wenige, sondern Tausende Ju¬ 
den, welche die kulturellen Schätze Russlands wahrnahmen ... Und viele 
von ihnen fühlten sich aufrichtig als Russen - in ihrer Seele, ihren Ge¬ 
danken, den Geschmäckern und Gewohnheiten ... Aber trotzdem gibt es 
etwas in der Seele eines Juden, ... einen einzelnen Ton, einen einzelnen 
Missklang, einen einzigen haarfeinen Riss, aber durch ihn sickert früher 
oder später vieles durch: Von außen kommen Misstrauen, Hohn und 
Feindseligkeit herein; von innen dringt eine uralte Erinnerung an die 
Oberfläche. 

Wer bin ich denn nun? Wer bin ich? Bin ich ein Russe? 

Nein, nein. Ich bin ein russischer Jude.« 78 


533 



Kapitel 15 


Ja, mag sein, dass jede Assimilation ihre unüberwindbaren Grenzen hat. 
Darin verbirgt sich der Unterschied zwischen einer vollen geistigen Assi¬ 
milation und einer kulturellen Assimilation, geschweige denn der weit 
verbreiteten Assimilation in den Bereichen des alltäglichen Lebens. Die 
Juden haben, schicksalhaft ftir das Judentum, sich selbst bewahrt, und sie 
bewahren bei allen äußeren Anzeichen einer Assimilation »das innere 
Wesen eines Juden« (Solomon Lurje). 

Das Bestreben, sich endgültig mit dem Rest der Menschheit zu verei¬ 
nen, trotz der strengen Verbote, welche die Thora auferlegt, scheint etwas 
Natürliches und Lebendiges zu sein. Aber ist es denn zu verwirklichen? 
Noch im 20. Jahrhundert glaubten einige: »Eine Vereinigung der gesam¬ 
ten Menschheit ist das Ideal des judaistischen Erlösertums.« 79 Doch trifft 
das zu? Gab es denn so ein Ideal wirklich? 

Viel eher ist energischer Widerspruch zu vernehmen: »Niemand wird 
mich davon überzeugen können oder mich zwingen, ftir eine universelle 
Idee meinen eigenen, jüdischen Standpunkt aufzugeben, meine eigenen, 
jüdischen Interessen zu opfern, mag es sich um proletarischen Interna- 
tionalismus< handeln [an den wir, dumm wie wir sind, in den 20er-Jahren 
geglaubt haben] oder ein >Großrussland< oder den >Triumpf des Christen- 
tums<, >das Wohl der Menschheit oder was auch immer.« 80 

Aber wir treffen bei der nichtzionistischen und nichtreligiösen, bereits 
zu drei Vierteln assimilierten jüdischen Intelligenzija auch auf andere 
Überzeugungen. Zu ihnen gehört T. M. L., eine breit gebildete Frau mit 
einem ausgeprägten politischen Interesse. Sie sagte mir 1967 in Moskau: 
»Es wäre furchtbar, nur unter Juden zu leben. Das Wertvollste an unserem 
Volk ist der Kosmopolitismus. Es wäre grauenvoll, wenn sich alle in einem 
kleinen militaristischen Staat versammeln würden. Für assimilierte Juden 
ist so etwas überhaupt nicht nachvollziehbar.« Ich erwiderte ihr schüch¬ 
tern: »Aber das dürfte doch ftir assimilierte Juden kein Problem sein, sie 
sind ja bereits keine Juden mehr.« Worauf sie mir sagte: »Nein, gewisse 
Gene in uns bleiben immer erhalten.« 

Der Schlüssel ftir das Problem liegt jedoch nicht in einer fatalen Ab¬ 
stammung, nicht im Blut, nicht in den Genen, sondern in der Frage: 
Wessen Schmerz liegt einem näher am Herzen: der jüdische oder der 
Schmerz der Kernnation, inmitten derer man aufgewachsen ist? »Die Na¬ 
tionalitätszugehörigkeit beschränkt sich leider nicht auf Sprachkennt- 


534 



Über die Assimilation 


nisse, nicht auf Kulturnähe, nicht einmal auf die Bindung an die Natur 
und Lebensweise eines Volkes. Sie hat eine andere Dimension: die Ge¬ 
meinsamkeit eines historischen Schicksals, die für jeden Menschen durch 
seine Beteiligung an der Geschichte und dem Schicksal des eigenen Vol¬ 
kes definiert wird. Aber während anderen diese Beteiligung von Geburt 
an vorgegeben ist, ist sie für einen Juden eine Angelegenheit der freien 
Entscheidung, und diese Wahl ist keineswegs einfach.« 81 

Bis jetzt ist die Assimilation nicht sehr überzeugend in Erscheinung ge¬ 
treten. Alle, die den Weg einer allgemeinen Assimilation vorgeschlagen 
hatten, mussten sich früher oder später für bankrott erklären. 

Das Problem der Assimilation bleibt also weiterhin schwer zu lösen. 
Auch wenn im historischen Rückblick der Prozess der Assimilation sehr 
weit fortgeschritten zu sein scheint, kann man keinesfalls daraus die 
Schlussfolgerung ziehen, dass er die Diaspora ablösen wird. 

»[Nicht einmal] das sowjetische Leben hat einen hundertprozentig as¬ 
similierten Juden hervorbringen können, ... einen Juden, der auf der 
höchsten, der psychologischen Ebene, assimiliert gewesen wäre.« 82 Der jü¬ 
dische Kritiker schließt: »Wo immer man auch hinsieht, man findet in 
jeder assimilierten Flüssigkeit einen nichdöslichen jüdischen Boden¬ 
satz.« 83 

Aber es gibt immerhin einzelne herausragende Gestalten, es gibt indi¬ 
viduelle Fälle von Assimilation in breitestem Umfang. Und wir in Russ¬ 
land heißen solche Menschen aus tiefstem Herzen willkommen. 

* 

»Ein russischer Jude ... Ein Jude, ein Russe ... Wie viel Blut und Tränen 
sind um diese Verbindung, diese Unterscheidung geflossen, wie viel un¬ 
sägliches Leid hat sich angestaut, dessen Ende noch lange nicht absehbar 
ist, und wie viel erfreuliches geistiges und kulturelles Wachstum ist hier 
trotz allem entstanden ... Es gab und gibt immer noch sehr viele Juden, 
die auf ihre Schultern das schwere Kreuz genommen haben, sowohl rus¬ 
sischer Jude als auch Russe zu sein. Zwei Lieben, zwei Leidenschaften, zwei 
Kämpfe ... Ist das nicht zu viel für ein Herz? Ja, das ist zu viel. Aber darin 
besteht eben die fatale Tragik dieser Zweiheit. Und eine Zweiheit - der Be¬ 
griff drückt es bereits aus - ist eben nicht dasselbe wie eine Einheit. Ein 


535 



Kapitel 15 


Zustand der Ausgewogenheit ist hier nicht von vornherein gegeben, son¬ 
dern das angestrebte Ziel.« 84 Diese Zeilen sind im französischen Exil 1927 
rückblickend auf das vorrevolutionäre Russland geschrieben worden. 

Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, und ein anderer russischer Jude, 
dessen Leben im sowjetischen Russland verlaufen ist, schreibt zurückbli¬ 
ckend: 

»Wir, die Juden, wir sind in Russland aufgewachsen und sind merk¬ 
würdige Mischwesen - wir sind russische Juden ... Man sagt über uns: der 
Nationalität nach Juden, der Kultur nach Russen. Ist denn Kultur und Na¬ 
tionalität so etwas wie ein Kleid auf einer Puppe? Wenn eine gewaltige 
Presse ein Metall in ein anderes drückt, kann man die beiden Metalle 
nachher nicht mehr trennen, selbst wenn man sie zerschneidet. Wir sind 
jahrzehntelang unter einem furchtbaren Druck zusammengepresst wor¬ 
den. Meine nationalen Gefühle haben mitderweile keine andere Aus¬ 
drucksweise außer derjenigen, die mir meine Kultur bietet. Meine Kultur 
ist durch und durch von meinen nationalen Adern durchzogen. Trennen 
Sie mich doch, ich würde auch gerne erfahren, welche Zellen meiner Seele 
russisch und welche jüdisch gefärbt sind. Aber es gab nicht nur Druck, 
nicht nur gewaltsame Verschmelzung, es gab auch unerwartete Gemein¬ 
samkeiten dieser sich gegenseitig durchdringenden Schichten in den Tie¬ 
fen meiner Seele. Man gewinnt den Eindruck, sie würden sich gegensei¬ 
tig zu einer neuen Fülle ergänzen: der Raum ergänze die Zeit, die seelische 
Breite ergänze die seelische Tiefe, eine totale Akzeptanz die totale Ableh¬ 
nung. Und es bestand beiderseits Eifersucht über den Status eines auser¬ 
wählten Volkes. Deshalb kann ich nicht sagen, dass ich über zwei Seelen 
verfugte, die miteinander kämpfen, sich gegenseitig die Kraft rauben und 
mich spalten -würden. Ich habe eine Seele, ... und sie ist nicht zwiespältig, 
nicht gespalten, nicht gemischt, sondern eins.« 85 

Und aus Russland antwortet man ihm: 

»Ich glaube, dass diese Begegnung nicht zufällig war - der Kontakt der 
Seele Judäas und der slawischen Seele; ich glaube, dass dieses Treffen vor¬ 
bestimmt war.« 86 


536 



Nachwort 


A ls ich 1990 »April Siebzehn« fertig stellte und das umfangreiche Ma¬ 
terial sortierte, das in »Das Rote Rad« nicht aufgenommen werden 
konnte, entschied ich mich, einen Teil dieses Materials als historische Ab¬ 
handlung über die Rolle der Juden in der Russischen Revolution zu ver¬ 
arbeiten. 

Fast sofort wurde mir klar, dass für das Verständnis der Ereignisse ein 
Rückblick auf die vorangegangenen Epochen unumgänglich war. Ich ging 
immer weiter in der Zeit zurück, bis ich bei der ersten Aufnahme der 
Juden im Russischen Reich im Jahre 1772 angekommen war, das auch den 
Beginn meiner Untersuchung markiert. Die Revolution von 1917 war ein 
weiterer Wendepunkt für das Schicksal der russischen Juden, sodass meine 
Arbeit sich auch auf die Zeit danach ausdehnte. So wurde der Buchtitel 
»Zweihundert Jahre zusammen« geboren. 

Allerdings habe ich nicht sofort jene markante historische Schwelle 
wahrgenommen, die entstand, als die Juden - pünktlich zum 200-jähri¬ 
gen Jubiläum ihres Aufenthalts in Russland - in den 1970er-Jahren und 
dann ab 1987 ungehindert und in breiten Strömen aus der UdSSR emi¬ 
grierten. Durch diesen Prozess wurde erstmals in der Geschichte der Zu¬ 
stand der Unfreiwilligkeit für die russischen Juden beendet: Sie waren 
nicht mehr an dieses Land gebunden, Israel wartete auf sie, alle Länder der 
Welt waren ihnen zugänglich. Diese historische Schwelle führte dazu, dass 
ich meinen Plan änderte. Ursprünglich sollte meine Darstellung die Zeit 
bis zur Mitte der 1990er-Jahre abdecken, was nun hinfällig geworden war: 
Durch den Exodus verschwand auch die Einzigartigkeit der russisch-jüdi¬ 
schen Verflechtungen. 

Mittlerweile hat eine ganz neue Periode in der Geschichte des nun 
freien russischen Judentums und seiner Beziehungen zu dem neuen Russ¬ 
land begonnen. Diese Periode führte zu stürmischen und wesendichen 
Änderungen; allerdings ist sie bisher noch zu kurz, als dass man weitere 


537 



Nachwort 


Resultate Voraussagen und darüber urteilen könnte, ob für sie gerade rus¬ 
sisch-jüdische Eigenschaften maßgeblich sein oder ob weltweit verbreitete 
Gesetzmäßigkeiten der jüdischen Diaspora die entscheidende Rolle spie¬ 
len werden. Die Entwicklung dieses neuen Themas zu verfolgen, liegt be¬ 
reits außerhalb der Lebensfrist des Autors. 


538 



Abkürzungsverzeichnis 


Bolschewiken : Bolseviki. Dokumeniy po istorii bol’sevizma s 1903 po 1916 god 
byvsego Moskovskogo Ochxannogo Otdelenija (Die Bolschewiken: Dokumente zur 
Geschichte des Bolschewismus von 1903 bis 1916 der ehemaligen Moskauer Ge¬ 
heimpolizei). Hg. von M. A. Cjavlovskij, mit zus. Informauonen von A. M. Sere- 
brennikov. New York: Telex, 1990. 

BRJ-1, BRJ-2: Kniga o russkom evrejstve. Bd. 1: Ot 1860-ch godov do Revoljucii 
1917 g. (Buch über das russische Judentum. Von den 1860er-Jahren bis zur Revolu¬ 
tion 1917). New York: Sojuz Russkich Evreev (Vereinigung der russischen Juden), 
I960; Bd. 2:1917—1967gg. (Buch über das russische Judentum. Von 1917 bis 1967). 
Ebd., 1968. 

JE: Evrejskaja Enciklopedija (Jüdische Enzyklopädie), in 16 Bänden, St. Petersburg: 
Obscestvo dlja Naucnych Evrejskich Izdanij i Izd-vo Brokgauz-Efron (Gesellschaft 
für wissenschaftliche jüdische Ausgaben und der Verlag Brockhaus-Efron), 
1906-1913. 

JüdTrib: Evrejskaja tribuna. Ezenedel’nik, posvjascennyj interesam russkich evreev 
(Jüdische Tribüne. Den Interessen der russischen Juden gewidmete Wochenzeitung). 
Paris 1920-1924. 

JW-1, JW-2: Evrejskij mir. Ezegodnik na 1939 g. (Jüdische Welt. Jahrbuch 1939). 
Bd. 1: Paris: Ob”edinenie russko-evrejskoj intelligencii (Vereinigung der russisch-jü¬ 
dischen Intelligenzija), 1939; Bd. 2: New York: Sojuz russkich evreev v N’ju-Jorke 
(Verband der russischen Juden in New York), 1944. 

KJE: Kratkaja Evrejskaja Enciklopedija (Kleine Jüdische Enzyklopädie), Jerusalem: 
Obscestvo po issledovaniju evrejskich obscin, 1976ff. (wird fortgesetzt). 

Kontinent-. Kontinent. Literaturnyj, obscestvenno-politiceskij i religioznyj zurnal 
(Kontinent: Zeitschrift ftir Literatur, Gesellschaftspolitik und Religion), Paris-Mos¬ 
kau 1974ff. 

LuW: Strana i mir. Obscestvenno-politiceskij, ekonomiceskij i kuTturno-filosofskij 
zurnal (Das Land und die Welt: Zeitschrift ftir Gesellschaftspolitik, Wirtschaft, Kul¬ 
tur und Philosophie). München 1984—1992. 


539 



Abkürzung! Verzeichnis 


Overman: Okcjabr’skaja revoljucija pered sudom amerikanskich senatorov: OficiaT- 
nyj otcet »overmenskoj komissii« Senata (Die Oktoberrevolution vor dem Gericht 
der amerikanischen Senatoren: Offizieller Bericht der »Overman-Kommission« des 
Senats). Moskau-Leningrad: GIZ, 1927. 

RJE: Rossijskaja Evrejskaja finciklopedija (Russische Jüdische Enzyklopädie), 2. ver¬ 
besserte und erweiterte Aufl., Moskau 1994ff. 

RuJ : Rossija i evrei (Russland und die Juden), Sammelbd. 1, Paris: YMCA-Press, 1978 
(Nachdruck der Originalausgabe Berlin: Osnova, 1924, hg. von der Vaterländischen 
Vereinigung russischer Juden im Ausland). 

Sintaksis: Sintaksis. Publicistika, kritika, polemika (Syntax. Publizistik, Kritik, Pole¬ 
mik), Paris 1978ff. 

ZuW: Vremja i my. Mezdunarodnyj zurnal literatury i obscestvennych problem (Die 
Zeit und wir. Internationale Zeitschrift: für Literatur und Gesellschaftsprobleme). Tel 
Aviv-New York 1976fF. 

»22«: »22«. Obscestvenno-politiceskij zurnal evrejskoj intelligencii iz SSSR v Izraile 
(»22«. Gesellschaftspolitische und literarische Zeitschrift der jüdischen Intelligenzija 
aus der UdSSR in Israel), Tel Aviv 1978fF. 


540 



Anmerkungen 


Die vom Autor mit * gekennzeichneten bibliografischen Angaben verweisen auf ein 
Zitat aus zweiter Hand. Deutschsprachige Zitate werden in dieser Ausgabe, soweit 
möglich, im Original wiedergegeben. Russische Namen und bibliografische Angaben 
wurden in den Anmerkungen — im Gegensatz zum Text—in wissenschaftlicher Trans¬ 
literation wiedergegeben. (Anm. d. Lekt.) 


Zum Geleit 


1 JE, Bd. 7, Sp. 434-436. 

2 KJE, 1982, Bd. 2, Sp. 405. 

3 A. Voronel’: Legkoe porchanie vokrug tjazelych problem (Leichtes Herumflat¬ 
tern um schwere Probleme), in: »22«, 1992, Nr. 82, S. 125. 

4 Ed. Norden: Perescityvaja evreev (Bestandsaufnahme der Juden), in: »22«, 1991, 
Nr. 79, S. 118. 

5 Ebd. 

6 KJE, Bd. 2, Sp. 7. 

7 I. M. Bikerman: K samopoznaniju evreja: Cem my byli, cem my stali, cem my 
dolzny byt’ (Über die Selbsterkenntnis des Juden. Was wir waren, was wir ge¬ 
worden sind, was wir sein sollen), Paris 1939, S. 12. 

8 A. Koesder: Juda na pereput’e (Judas am Scheideweg), in: Zu W Tel Aviv, 1978, 
Nr. 33, S. 99. [Hier zitiert aus: Arthur Koesder, »Juda am Scheideweg«. In: 
Ders., Die Armut der Psychologie. Der Mensch als Opfer des Versuchs, irratio¬ 
nalem Verhalten mit radonalen Methoden beizukommen. Bern-München: 
Scherz, 1980, S. 95-130, hier S. 96.] 

9 A. Kucerskij: Evrejskaja paradigma (Das jüdische Paradigma), in: »22«, 1993, 
Nr. 88, S. 142. 

10 S. Ja. Lur’e: Antisemitizm v drevnem mire (Antisemidsmus in der antiken Welt), 
Tel Aviv: Sova, 1976, S. 171 (Nachdruck der Originalausgabe Petrograd: Byloe, 
1922). 

11 G. Galkin: Cto takoe »evrejskost’«? (Was ist »Jüdischkeit«?), in: »22«, 1989, Nr. 
66, S. 94f. 

12 G. B. Sliozberg: Dela minuvsich dnej. Zapiski russkogo evreja (Die Angelegen¬ 
heiten vergangener Tage. Aufzeichnungen eines russischen Juden), in 3 Bden, 
Paris 1933-1934, Bd. 1, S. 7. 

13 Hannah Arendt: Antisemidzm (Antisemitismus), in: Sintaksis, 1989, Nr. 26, 
S. 147. [Hier zidert aus: Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herr- 


541 



Anmerkungen zum Geleit 

schaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus. München-Zürich: Piper, 
1986, S. 165.] 

14 Arnos Oz: O vremeni i o sebe (Über die Zeit und über mich), in: Kontinent, 
1991, Nr. 66, S. 240. 

15 D. Levin: Na kraju soblazna (Am Rande der Versuchung). Interview, in: »22«, 
1978, Nr. RS. 56. 

16 G. Galkin: Cto takoe »evrejskost’«?* ..., in: »22«, 1989, Nr. 66, S. 88f. 

17 KJE, Bd. 6, Sp. 230. 

18 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze s nacala Vtoroj mirovoj vojny (1939-1965) 
(Die Juden in der Sowjetunion seit Beginn des Zweiten "Weltkriegs) 
[1939-1965]), New York: Verlag des Amerikanischen Jüdischen Arbeiterkomi¬ 
tees, 1966, S. 8. 

19 D. Sturman: O nacional’nych fobijach (Über nationale Phobien), in: »22«, 
1989, Nr. 68, S. 148. 

20 I. Libler: Izrail’ - diaspora: Krizis idendfikacii (Israel - Diaspora: Eine Idenüfi- 
kationskrise), in: »22«, 1995, Nr. 95, S. 153f. 

21 A. Kacenelenbojgen: Andsemitizm i evrejskoe gosudarstvo (Der Andsemidsmus 
und der jüdische Staat), in: »22«, 1989, Nr. 64, S. 173. 

22 G. Svet: Evrei v russkoj muzyke (Die Juden in der russischen Musik), in: BRJ-1, 

S. 465. 

23 KJE, Bd. 5, Sp. 323f. 

24 Ju. Karabcievskij: Bor’ba s evreem (Der Kampf gegen den Juden), in: LuW, 
München 1989, Nr. 5, S. 11 lf. 

25 RJE, Bd. 1, S. 5. 

26 KJE, Bd. 5, Sp. 49. 

27 Great Jewish Speeches Throughout History. Coli, and ed. by Steve Israel and 
Seth Forman. Northvale (New Jersey); London: Jason Aronson Inc., 1994, 
S. 70. 

28 Arnos Oz: Ponjatie otecestva (Der Begriff des Vaterlands), in: »22«, 1978, 
Nr. 1,S.30. 

29 Sergij Bulgakov: Rasizm i chrisdanstvo (Rassismus und Christentum), in: Ders., 
Chrisdanstvo i evrejskij vopros (Das Christentum und die jüdische Frage), Paris: 
YMCA-Press, 1991, S. 66, 93f. 

30 Arnos Oz: O vremeni..., in: Kontinent, 1991, Nr. 66, S. 234. 

31 Ders.: Ponjatie otecestva ..., in: »22«, 1978, Nr. 1, S. 29f. 

32 I. M. Bikerman: K samopoznaniju evreja ..., S. 101. 

33 Nikolaj Berdjaev: Filosofija neravenstva (Die Philosophie der Ungleichheit), 
Paris: YMCA-Press, 1970, S. 74. 

34 M. Gersenzon: Sud’by evrejskogo naroda (Schicksale des jüdischen Volkes), 
in: »22«, 1981, Nr. 19, S. 106. 

35 £d. Norden: Perescityvaja evreev ..., in: »22«, 1991, Nr. 79, S. 119. 

36 J. Mueller: Dialektika tragedii: andsemitizm i kommunizm v Central’noj i Vos- 
tocnoj Evrope (Die Dialektik einer Tragödie: Andsemidsmus und Kommu¬ 
nismus in Mittel- und Osteuropa), in: »22«, 1990, Nr. 73, S. 96. 

37 Jean-Paul Sartre: Razmyslenija o evrejskom voprose (Nachdenken über die 
jüdische Frage), in: Neva, 1991, Nr. 7, S. 151. [Hier zitiert aus: Jean-Paul Sar- 


542 



Anmerkungen zum Geleit 


tre, »Betrachtungen zur Judenfrage«. In: Ders., Drei Essays. Frankfurt/M.- 
Berlin-Wien: Ullstein, 1985, S. 108-190, hierS. 143.] 

38 Aleksandr Melichov: Ispoved 1 evreja (Bekenntnisse eines Juden), St. Petersburg: 
Novyj Gelikon, 1994, S. 14. 

39 I. M. Bikerman: Ksamopoznaniju evreja ..., S. 64. 

40 G. A. Landau: Revoljucionnye idei v evrejskoj obscestvennosti (Revolutionäre 
Ideen in der jüdischen Öffentlichkeit), in: Ru], S. 103. 

41 VI. Zabotinskij: Na loznom puti (Auf dem falschen Weg), in: Ders., Fel’etony 
(Feuilletons), St. Petersburg: Tipografija »Gerold«, 1913, S. 249; ders.: Vmesto 
apologii (Anstelle einer Apologie), in: Ebd., S. 205. 

42 A. Eterman: Istina s blizkogo rasstojanija (Die Wahrheit aus der Nähe), in: »22«, 
1988, Nr. 61, S. 98; vgl. auch: A. Voronel’, in: »22«, 1978, Nr. 2, S. 193; V. Me- 
niker, in: »22«, 1978, Nr. 3, S. 181. 

43 Nikolaj Berdjaev: Filosofija neravenstva ..., S. 82f. 

44 V. S. Sojov’ev: Nacional’nyj vopros v Rossii (Die nationale Frage in Russland). 
Teil 1:1883—1888, in: Ders., Sobranie socinenij (Gesammelte Werke in 10 Bän¬ 
den), Brüssel, 1966, Bd. 5, S. 13, 16 (Nachdruck der Ausgabe: Gesammelte 
Werke, 2. Ausgabe, St. Petersburg 1911—1914). 

45 A. Stejnzal’c: Kto my: tragiceskie aktery ili samobytnaja nacija? (Wer sind wir - 
tragische Schauspieler oder eine eigenständige Nation?), in: ZuW, 1975, Nr. 1, 
S. 139f. 

46 M. Vartburg: O sebe, ob Izraile, o evrejstve (Über mich, über Israel, über das Ju¬ 
dentum), in: »22«, 1986, Nr. 47, S. 220. 

47 A. Stejnzal’c: Kto my .... in ZuW, 1975, Nr. 1, S. I4lf. 

48 M. Gersenzon: Sud’by evrejskogo naroda (Schicksale des jüdischen Volkes), in: 
»22«, 1981, Nr. 19, S. 106-108. 

49 S. Ettinger: Kratkaja evrejskaja encyklopedija na russkom jazyke: Interv’ju s re- 
dakcionnym kollektivom (Kleine Jüdische Enzyklopädie in russischer Sprache: 
Interview mit dem Redaktionsgremium), in: »22«, 1987, Nr. 55, S. 208. 

50 N. Wajman: Krizis celi (Zielkrise), in: »22«, 1979, Nr. 7, S. 150. 

51 G. B. Sliozberg: Dela minuvsich dnej ..., Bd. 3, S. 309f. 

52 Arnos Oz: O vremeni i o sebe ..., in: Kontinent, 1991, Nr. 66, S. 242f. 

53 M. Gersenzon: Sud’by evrejskogo naroda ..., in: »22«, 1981, Nr. 19, S. 
114-116. 

54 F. M. Dostoevskij: Dnevnik pisatelja za 1877, 1880 i 1881 gody (Tagebuch des 
Schriftstellers aus den Jahren 1877, 1880 und 1881), Moskau-Leningrad: GIZ, 
1929. März 1877, Kap. 3, S. 83. 

55 JE, Bd. 14, Sp. 405. 

56 E. Mendzerickij: I Tora, i geny (Sowohl die Thora als auch die Gene), in: »22«, 
1992, Nr. 80, S. 152,164. 

57 Gosudarstvennyj archiv Rossijskoj Federacii (Staatliches Archiv der Russi¬ 
schen Föderation) (GARF), Fond 5802, Verzeichnis 1, Archiveinheit 31, 
Bl. 4l9f. 

58 N. Berdjaev: Christianstvo i antisemitizm (Religioznaja sud’ba evrejstva) (Chris¬ 
tentum und Antisemitismus [Das religiöse Schicksal des Judentums]), Paris: 
Izdanie Religiozno-filosofskoj akademii, [1938], S. 4f. 


543 



Anmerkungen zum Geleit 


59 N. Struve: Ot izdatelja (Vom Herausgeber), in: Sergij Bulgakov: Christianstvo 
i evrejskij vopros (Das Christentum und die jüdische Frage), Paris: YMCA-Press, 
1991, S. 6. 

60 Sergij Bulgakov: Sion (Zion), in: Ebd., S. 7f. 

61 P. Samorodnickij: Strannyj narodec (Ein seltsames Völkchen), in: »22«, 1980, 
Nr. 15, S. 137. 

62 S. Cirjul’nikov: Filosofija evrejskoj anomalii* (Die Philosophie der jüdischen 
Anomalie), in: ZuW, 1984, Nr. 77, S. 144. 

63 A. Voronel’: Unikal’nost Izrailja (Die Einzigartigkeit Israels), in: »22«, 1981, 
Nr. 20, S. 123. 

64 P. Samorodnickij: Strannyj narodec (Ein seltsames Völkchen), in: »22«, 1980, 
Nr. 15, S. 145. 

65 R. Visse: »Svet dlja narodov«? (»Ein Licht fiir die Völker«?), in: »22«, 1991, 
Nr. 77, S. 111. 

66 A. Voronel’: Nakanune XXI veka (Am Vorabend des 21. Jahrhunderts), in: »22«, 
1991, Nr. 74, S. 141. 

67 D. Segre: Sionizm do i posle nacional’nogo vozrozdenija (Der Zionis¬ 
mus vor und nach der nationalen Wiedergeburt), in: »22«, 1978, Nr. 3, 
S. 142. 

68 D. Levin: Na kraju soblazna (Am Rande der Versuchung). Interview, in: »22«, 
1978, Nr. 1, S. 53. 

69 I. El’dad: Evrejskaja anomalija v trech izmerenijach (Die jüdische Anomalie 
in drei Dimensionen), in: ZuW, 1984, Nr. 76, S. 140, 147. 

70 A. Voronel’: Nakanune XXI veka ..., in: »22«, 1991, Nr. 74, S. 146£ 

71 S. Cirjul’nikov: Filosofija evrejskoj anomalii ..., in: ZuW, New York, 1984, 
Nr.77,S. 149,152, 154f. 

72 A. Kucerskij: Evrejskaja paradigma (Das jüdische Paradigma), in: »22«, 1993, 
Nr. v 88, S. 136. 

73 A. Scaranskij: [Interview], in: »22«, 1986, Nr. 49, S. 112. 

74 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo (Russland und das russische Juden¬ 
tum), in: Ru], S. 13. 

75 ZuW, 1976, Nr. 11, S. 192. 

76 Stefan Zweig: Ne vnesnjaja misura, no vnutrennee vospitanie (Kein äußeres 
Wirken, sondern innerliche Leistung), in: ZuW, 1976, Nr. 11, S. 193-195. 
[Hier zitiert aus: Stefan Zweig, »Für die >Fraie Tribune<, Paris«. In: Ders., Die 
schlaflose Welt. Aufsätze und Vorträge aus den Jahren 1909-1941. Frank- 
fixrt/M.: Fischer, 1992, S. 273-275.] 

77 Max Brod: Ljubov’ na rasstojanii (Distanzliebe), in: Ebd., S. 200-202. 

78 R. Nudel’man [in einem Gespräch mit L. Pljusc], in: »22«, 1978, Nr. 3, 
S. 192. 

79 A. Voronel’: Iakov ostalsja odin (Jakob blieb allein), in: »22«, 1985, Nr. 40, 
S. 126. 

80 Sonja Margolina: Das Ende der Lügen: Rußland und die Juden im 20. Jahr¬ 
hundert, Berlin: Siedler, 1992, S. 151. 

81 I. El’dad: Evrejskaja anomalija ..., in: ZuW, 1984, Nr. 76, S. 147. 


544 



Anmerkungen zu Kapitel 1 


82 N. Voronel’, in: Ogljanis’ v razdum’e ...: [Kruglyj stol] (Blicke nachdenklich zu¬ 
rück ... [Gesprächsrunde]), in: »22«, 1982, Nr. 24, S. 118. 

83 A. Voronel’: Trepet iudejskich zabot (Judas sorgenvolles Bangen), 2. Auflage, 
Moskau-Jerusalem: Ramat-Gan, 1981, S. 63. 

84 Ders.: Agasfericeskoe soznanie i sionizm (Agasphärisches Bewusstsein und Zio¬ 
nismus), in: »22«, 1992, Nr. 80, S. 204. 


Anmerkungen zu Kapitel 1 


1 Rec (Die Rede) vom 7. März 1917, S. 2. 

2 Birzevye vedomosti (Börsennachrichten) vom 8. März 1917 (hier und im Wei¬ 
teren aus der Morgenausgabe zitiert), S. 5. 

3 Ebd., 10. März 1917, S. 6. 

4 KJE, 1994, Bd. 7, Sp. 377. 

5 Rec’ vom 9. März 1917, S. 4, und vom 10. März 1917, S. 5, u.a. 

6 Birzevye vedomosti vom 9. März 1917, S. 2. 

7 Ebd., 10. März 1917, S. 2. 

8 KJE, Bd. 7, Sp. 377. 

9 G. B. Sliozberg: Dela minuvsich dnej. Zapiski russkogo evreja (Die Angelegen¬ 
heiten vergangener Tage. Aufzeichnungen eines russischen Juden), in 3 Bden, 
Paris 1933-1934, Bd. 3, S. 360. 

10 KJE, Bd. 7, Sp. 377. 

11 Rec vom 25. März 1917, S. 6. 

12 Ebd. 

13 R. G. Vinaver: Vospominanija (New York 1944) (Erinnerungen, New York 
1944), in: Archiv des Hoover Institute of War, Revolution and Peace, Stan¬ 
ford/Kalifornien. Typoskript, S. 92. 

14 Russkaja volja (Russische Freiheit) vom 29. März 1917, S. 5. 

15 G. B. Sliozberg: Dela minuvsich dnej ..., Bd. 3, S. 360. 

16 B. Orlov: Rossija bez evreev (Russland ohne Juden), in: »22«, 1988, Nr. 60, 
S. 157. 

17 Rec vom 17. März 1917, S. 5- 

18 Padenie carskogo rezima: Stenograficeskie otcety doprosov i pokazanij, dannych 
v 1917 g. v Crezvycajnoj Sledstvennoj Komissii Vremennogo Pravitel’stva 
(Der Sturz des Zarenregimes. Stenografische Mitschrift der Verhöre und der 
Aussagen, die 1917 vor der Außerordentlichen Untersuchungskommission 
der Provisorischen Regierung gemacht wurden), Leningrad: GIZ, 1924, Bd. 1, 
S. 119-121,429. 

19 Russkaja volja vom 21. April 1917, S. 4. 

20 Izvestija Petrogradskogo Soveta Rabocich i Soldatskich Deputatov (Nachrichten 
des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten; im Weiteren: 
Izvestija) vom 6. März 1917, S. 4. 

21 Ebd., S. 2. 

22 Vgl. z.B.: Birzevye vedomosti vom 8. und 12. April 1917; Russkaja volja vom 
9. April 1917; Izvestija vom 15. und 28. April 1917 u.a. 


545 



Anmerkungen zu Kapitel 2 


23 JE, Bd. 15, Sp. 281-284. 

24 Izvestija vom 26. März 1917, S. 2. 

25 Russkaja volja vom 15. April 1917, S. 4. 

26 Birzevye vedomosd vom 23. April 1917, S. 3. 

27 Ebd., 19. Mai 1917, S. 1. 

28 Den (Der Tag) vom 10. Mai 1917. 

29 Birzevye vedomosti vom 11. März 1917, S. 2. 

30 Ebd., 10. März 1917, S. 6. 

31 Rec’ vom 10. März 1917, S. 3. 

32 Encyclopaedia Judaica, Bd. 14, Jerusalem: Keter Publishing House Ltd., 1971, 
S. 961. 

33 G. Ja. Aronson: Interview mit »Radio Liberty«, in: Vospominanija o revoljucii 
1917 goda (Erinnerungen an die Revolution des Jahres 1917), Interview Nr. 66, 
München, 1966, S. 13f. 

34 G. Aronson: Revoljucionnaja junost: Vospominania 1903-1917 (Eine revolu¬ 
tionäre Jugend: Erinnerungen 1903-1917), in: Inter-University Project on the 
History of the Menshevik Movement, Paper No. 6, New York, August 1961, 
S. 133. 

35 KJE, Bd. 7, Sp. 378. 

36 V. Nabokov: Vremennoe pravitelstvo (Die Provisorische Regierung), in: Archiv 
Russkoj Revoljucii (Archiv der Russischen Revolution), hg. von I.V. Gessen, 
Berlin: Slovo, 1922-1937, Bd. 1, S. 15. 

37 A. Balk: Poslednie pjat’ dnej carskogo Petrograda (23-28 fevralja 1917): Dnev- 
nik poslednego Petrogradskogo Gradonacal’nika (Die letzten fünf Tage des 
Petrograds der Zarenzeit [23.-28. Februar 1917]: Tagebuch des letzten Petro- 
grader Stadtoberhaupts), in: Archiv des Hoover Insutute ofWar, Revolution and 
Peace, Stanford/Kalifornien. Typoskript, S. 16. 

38 Overman, S. 5. 

39 D. O. Zaslavskij, VI. A. Kantorovic: Chronika Fevralskoj revoljucii (Chronik 
der Februarrevolution), Petrograd: Byloe, 1924, Bd. 1, S. 63, 65. 

40 RJE, 1995, Bd. 2, S. 502. 

41 KJE, Bd. 7, Sp. 381. 

42 G. A. Landau: Revoljucionnye idei v evrejskoj obscestvennosti (Revolutionäre 
Ideen in der jüdischen Öffentlichkeit), in: RuJ, S. 116. 

43 Claude Anet: La revoludon russe: Juin-Novembre 1917, Paris: Payot et C-ie, 
1918, S. 61. 

44 V. B. Stankevic: Vospominanija, 1914-1919 (Erinnerungen, 1914—1919), Ber¬ 
lin: I. P. Ladyznikov Verlag, 1920, S. 86. 


Anmerkungen zu Kapitel 2 

1 Delo naroda (Die Sache des Volkes) vom 25. März 1917, S. 3. 

2 Russkaja volja (Russische Freiheit) vom 14. April 1917, S. 1, und vom 20. April 
1917, S. 1; Rec’ (Die Rede) vom 16. April 1917, S. 1, und vom 20. April 1917, 
S. 1. 


546 



Anmerkungen zu Kapitel 2 


3 Russkaja volja vom 23. April 1917, S. 4. 

4 Birzevye vedomosti (Börsennadirichten) vom 24. Mai 1917, S. 2. 

5 Vgl. z. B. Russkaja volja vom 10. Mai 1917, S. 5; Birzevye vedomosti vom 
9. Mai 1917, S. 5, und vom 1. Juni 1917, S. 6; Rec vom 29. Juli 1917, S. 6. 

6 KJE, 1994, Bd. 7, Sp. 399. 

7 Ebd., Sp. 380f. 

8 Ebd., Sp. 379. 

9 G. Aronson: Evrejskaja obscestvennost’ v Rossii v 1917-1918 (Die jüdische Öf¬ 
fentlichkeit in Russland 1917-1918), in: BRJ-2, S. 6. 

10 KJE, Bd. 7, Sp. 378. 

11 Izvestija (Nachrichten) vom 9. April 1917, S. 4. 

12 KJE, Bd. 7, Sp. 378f. 

13 Ebd., Sp. 378. 

14 Izvestija vom 15. September 1917, S. 2. 

15 KJE, Bd. 6, Sp. 85; Bd. 7, Sp. 379. 

16 KJE, Bd. 7, Sp. 378. 

17 Birzevye vedomosti vom 12. April 1917, S. 4. 

18 KJE, Bd. 6, Sp. 463f. 

19 D. S. Pasmanik: Cego ze my dobivaemsja? (Wonach streben wir nun eigent¬ 
lich?), in: RuJ, S. 211. 

20 KJE, Bd. 7, Sp. 378. 

21 Ebd., Sp. 379. 

22 Ebd., Sp. 380f. 

23 Ebd., Sp. 379. 

24 Rec’ vom 27. April 1917, S. 3. 

25 KJE, Bd. 7, Sp. 378. 

26 Russkaja volja vom 25. April 1917, S. 5. 

27 A.I. Denikin: Ocerki Russkoj Smuty (Skizzen des Russischen Aufruhrs), Paris 
1922. Bd. 1: Krusenie vlasti i armii. Fevral’-Sentjabr’ 1917 (Der Zusammen¬ 
bruch der Macht und der Armee. Februar—September 1917). 2. Teil, S. 129f. 

28 KJE, Bd. 7, Sp. 379. 

29 Birzevye vedomosti vom 5. Mai 1917, S. 2. 

30 KJE, Bd. 4, Sp. 775. 

31 KJE, Bd. 5, Sp. 475. 

32 Obscee delo (Gemeinsame Sache) vom 14. und 16. Oktober 1917. 

33 Antony C. Sutton: Wall Street i bol sevickaja revoljucija (Die Wall Street und die 
bolschewistische Revolution) Aus d. Engl. [Wall Street and the Bolshevik Revo¬ 
lution, New Rochelle/N.Y. 1974], Moskau 1998, S. 14-36. 

34 Rec vom 27. Juni 1917, S. 3, und vom 28. Juni, S. 2f. 

35 Ebd., 2. August 1917, S. 3. 

36 Vyssij Sovet Narodnogo Chozjajstva (Oberster Rat für Volkswirtschaft). 

37 RJE, Bd. 1, S. 240,427; Bd. 2, S. 124; Bd. 3, S. 29,179,280. 

38 RJE, Bd. 1, S. 473; Bd. 3, S. 41. 

39 Narodnoe soprotivlenie kommunizmu v Rossii: Ural i Prikam’e. Nojabr’ 
1917-Janvar’ 1919 (Der Volkswiderstand gegen den Kommunismus in Russ¬ 
land: Ural und Kama-Region. November 1917-Januar 1919), hg. von M. 


547 



Anmerkungen zu Kapitel 2 


Bernstam. Paris: YMCA-Press, 1982, S. 356. (Issledovanija Novejsej Russkoj Is- 
torii [Forschungen zur Neuesten Russischen Geschichte], Bd. 3). 

40 RJE, Bd. 2, S. 85; Bd. 3, S. 106. 

41 RJE, Bd. 3, S. 224, 505; Bd. 1, S. 239. 

42 Rec’vom 28. Juni 1917, S. 2. 

43 Russkaja volja vom 13. April 1917, S. 3. 

44 Ebd., 9. April, S. 3. 

45 Birzevye vedomosd vom 7. Mai 1917, S. 3. 

46 G. Aronson: Evrejskaja obscestvennost’ ..., in: BRJ-2, S. 7- 

47 KJE, Bd. 7, S. 381. 

48 Ebd. 

49 I. O. Levin: Evrei v revoljucii (Juden in der Revolution), in: RuJ, S. 124. 

50 KJE, Bd. 7, S. 399. 

51 G. Aronson: Evrejskaja obscestvennost ..., in: BRJ-2, S. 10; KJE, Bd. 7, S. 381. 

52 RJE, Bd. 3, S. 162,293. 

53 G. Aronson: Evrejskaja obscestvennost’..., in: BRJ-2, S. 7. 

54 Izvestija vom 8. November 1917, S. 5. 

55 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija i evrejstvo (Bolsevizm i iudaizm) (Die Rus¬ 
sische Revolution und das Judentum [Bolschewismus und Judaismus]), Paris 

1923, S. 153f. 

56 Rec’ vom 28. Juli 1917, S. 3. 

57 Ebd.; G. Lelevic: Oktjabr’ v Stavke (Der Oktober im Hauptquartier), Gomel’ 
1922, S. 13, 66f. 

58 V. B. Stankevic: Vospominanija, 1914-1919 (Erinnerungen, 1914—1919), Ber¬ 
lin: I. P. Ladyznikov Verlag, 1920, S. 86£ 

59 A.I. Denikin: Ocerki Russkoj Smuty ..., Bd. 1, S. 216. 

60 Nik. Suchanov: Zapiski o revoljucii (Notizen über die Revolution), Berlin u.a.: 
Z. I. Grzebin Verlag, 1923, Buch 5, S. 287. 

61 Russkaja Volja vom 7. Mai 1917, S. 4. 

62 Ebd., S. 6. 

63 Zurnaly zasedanij Vremennogo Pravitel’stva (Journale der Sitzungen der Provi¬ 
sorischen Regierung), Petrograd 1917. Bd. 1: März-Mai. Sitzung vom 6. April 
(Journal 44, Art. 5) und vom 27. April (Journal 64, An. 4). 

64 Rec’vom 28. Juni 1917, S. 2. 

65 Ebd., 3. Mai, S. 6. 

66 Ivan Nazivin: Zapiski o revoljucii (Notizen über die Revolution), Wien 1921, 
S. 28. 

67 Russkaja volja vom 17. Juni 1917, Abendausgabe, S. 4. 

68 Rec’ vom 9. September 1917, S. 3. 

69 Ebd., 8. August, S. 5. 

70 Russkaja volja vom 17. Juni 1917, Abendausgabe, S. 4. 

71 V. Nabokov: Vremennoe pravitel’stvo (Die Provisorische Regierung), in: Archiv 
Russkoj Revoljucii (Archiv der Russischen Revolution), hg. von I.V. Gessen, 
Berlin: Slovo, 1922, Bd. 1, S. 80. 

72 V. I. Lenin: Socinenija v 45 t. (Werke in 45 Bänden), 4. Auflage, Moskau: Gos- 
politizdat, 1941-1967, Bd. 4, S. 311. 


548 



Anmerkungen zu Kapitel 3 


73 Izvestija vom 28. Juni 1917, S. 5. 

74 Ebd., 30. Juni, S. 10. 

75 Rec’ vom 20. Oktober 1917, S. 3. 

76 Izvestija vom 26. Oktober 1917, S. 2. 

77 Delo naroda vom 29. Oktober 1917, S. 1. 

78 Rec’vom 11. Juli 1917, S. 3. 

79 Ebd., 21. Juli, S. 4. 

80 Ebd., 16. September, S. 3. 

81 G. A. Landau: Revoljucionnye idei v evrejskoj obscestvennosti (Revolutionäre 
Ideen in der jüdischen Öffentlichkeit), in: RuJ, S. 105f. 

82 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija ..., S. 245. 

83 Rec’ vom 26. Juli 1917, S. 3. 

84 I. El’dad: Tak kto ze nasledniki Zabotinskogo? (Wer sind denn nun Zabotinskijs 
Erben?) (Interview), in: »22«, 1980, Nr. 16, S. 120. 

85 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija ..., S. 179—181. 

86 Rec’ vom 16. August 1917, S. 3. 

87 V. Boguslavskij: V zascitu Kunjaeva (Zur Verteidigung Kunjajews), in: »22«, 
1980, Nr. 16, S. 169. 

88 Lenin: Socinenija ..., Bd. 30, S. 231. 

89 KJE, Bd. 7, S. 381. 

90 Ch. M. Astrachan: Bolseviki i ich politiceskie protivniki v 1917 godu (Die Bol¬ 
schewiken und ihre politischen Gegner im Jahre 1917), Leningrad 1973, S. 407. 

91 Aron Abramovic: V resajuscej vojne: Ucastie i rol’ evreev SSSR v vojne protiv 
nacizma (Im entscheidenden Krieg: Die Teilnahme und die Rolle der Juden der 
UdSSR im Krieg gegen den Nazismus), 2. Auf!., Tel Aviv 1982, Bd. 1, S. 45f. 

92 L. Trockij: Istorija russkoj revoljucii (Die Geschichte der Russischen Revolu¬ 
tion), Berlin: Granit, 1933, Bd. 2: Oktjabr’skaja revoljucija (Die Oktoberrevo¬ 
lution), Teil 2, S. 361. 


Anmerkungen zu Kapitel 3 

1 KJE, 1994, Bd. 7, Sp. 399. 

2 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija i evrejstvo (Bolsevizm i iudaizm) (Die Rus¬ 
sische Revolution und das Judentum [Bolschewismus und Judaismus]), Paris, 
1923, S. 155. 

3 S. Gringaus: Evrejskaja nacional’naja avtonomija v Litve i drugich stranach Pri- 
baltiki (Die jüdische nationale Autonomie in Litauen und anderen Ländern des 
Baltikums), in: BRJ-2, S. 46. 

4 KJE, Bd. 2, Sp. 312. 

5 Izvestija (Nachrichten) vom 12. Oktober 1920, S. 1. 

6 N. Lenin: O evrejskom voprose v Rossii (Über die jüdische Frage in Russland). 
Einleitung von S. Dimanstejn, Moskau: Proletarij, 1924, S. 17f. 

7 Leonard Schapiro: The Role of the Jews in the Russian Revolutionary Move¬ 
ment, in: The Slavonic and East European Review, vol. 40, London: Athlone 
Press, 1961-62, S. 164. 


549 



Anmerkungen zu Kapitel 3 

8 M. Chejfec: Nasi obscie uroki (Unsere gemeinsamen Lektionen), in: »22«, 
Nr. 14, S. 162. 

9 JüdTrib vom 7. September 1923, S. 1. 

10 D. Sub: Evrei v russkoj revolucii (Die Juden in der Russischen Revolution), in: 
JW-2, S. 142. 

11 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm v SSSR (Die Juden und der Antisemitismus in der 
UdSSR), Moskau-Leningrad: GIZ, 1929, S. 260-262. 

12 D. S. Pasmanik: Cego ze my dobivaemsja? (Wonach streben wir eigentlich?), in: 
RuJ, S. 211. 

13 S. TonjorofF: Jews in World Reconstrucüon, in: The American Hebrew: The Na¬ 
tional Jewish Weekly, 10. September 1920, S. 507. 

14 Literaturnyj kur’er (Literarischer Kurier) [in USA vierteljährlich erscheinende 
Zeitschrift] 1985, Nr. 11, S. 67. 

15 M. Agurskij: Ideologija nacional-bolsevizma (Die Ideologie des Nadonal-Bol- 
schewismus), Paris: YMCA-Press, 1980, S. 264. 

16 S. Cirjul’nikov: SSSR, evrei i Izrail’ (Die UdSSR, die Juden und Israel), in: ZuW, 
1987, Nr. 96, S. 155. 

17 Leonard Schapiro: The Role of the Jews ..., in: The Slavonic and East Europe¬ 
an Review, Bd. 40,1961-62, S. 164f. 

18 M. Agurskij: Ideologija nacional-bolsevizma, S. 264. 

19 Overman, S. 7. 

20 Robert Conquest: Bolsoj terror (Der große Terror) (aus d. Engl.), Florenz: Edi- 
zioni Aurora 1974, S. 192. 

21 Den (Der Tag) vom 5. Dezember 1917, S. 2. 

22 S. S. Maslov: Rossija posle cetyrech let revoljucii (Russland nach vier Jahren 
Revolution), Paris: Russkaja pecat’, 1922, Bd. 2, S. 190. 

23 S. E. Trubeckoj: Minuvsee (Vergangenes), Paris: YMCA-Press, 1989, S. 195f. — 
Vserossijskaja Memuarnaja Biblioteka (Allrussische Memoirenbibliothek) 
(VMB). Serija: Nase nedavnee (Reihe: Unsere jüngere Vergangenheit), Bd. 10. 

24 Russkaja volja (Russische Freiheit) vom 8. Juli 1917, Abendausgabe, S. 4. 

25 Bolschewiken, S. 318. 

26 KJE, Bd. 5, Sp. 476. 

27 KJE, Bd. 6, Sp. 124. 

28 RJE, Bd. 1, S. 267. 

29 Nizegorodskij Partarchiv (Niznij Novgoroder Parteiarchiv), Fonds 1, Inh.verz. 
1, Archiveinheit 66, Bl. 3, 12 u.a. 

30 Ju. Larin: Evrei i andsemiuzm ..., S. 258. 

31 Bolschewiken, S. 340; RJE, Bd. 1, S. 100f„ 376,427,465f.; Bd. 2, S. 51,61,321, 
482; Bd. 3, S. 306. 

32 RJE, Bd. 1, S. 160, 250, 234,483, 502, 533; Bd. 3, S. 260. 

33 Zemlja sibirskaja, dal’nevostocnaja (Sibirisches, fernöstliches Land), Omsk, 
1993, Nr. 5-6 (Mai-Juni), S. 35-37. 

34 Izvestija vom 7. April 1931, S. 2. 

35 Izvesdja vom 6. März 1928, S. 5; RJE,- Bd. 2, S. 295f. 

36 Ivan Nazivin: Zapiski o revoljucii (Nodzen über die Revoludon), Wien 1921, 
S. 93. 


550 



Anmerkungen zu Kapitel 3 


37 P. I. Negretov: V. G. Korolenko. Letopis’ zizni i tvorcestva, 1917-1921 (V. G. 
Korolenko. Chronik des Lebens und des Schaffens. 1917-1921). Redaktion 
A. V. Chrabrovickij. Moskau: Kniga, 1990, S. 97, 106. 

38 G. Aronson: Evrejskaja obscestvennost’ v Rossii v 1917-1918 (Die jüdische Öf- 
fendichkeit in Russland 1917-1918), in: BRJ-2, S. 16. 

39 Bolschewiken , S. 283f. 

40 Lev Trockij: Dnevniki i pis’ma (Tagebücher und Briefe), New York: Ermitaz, 
1986, S. 101. 

41 M. Chejfec: Careubijstvo v 1918 godu (Der Zarenmord im Jahr 1918), Knigo- 
tovariscestvo »Moskva-Ierusalim«, 1991, S. 246f., 258, 268-271. 

42 Ebd., S. 355. 

43 Ebd., S. 246, 378-380. 

44 Izvestija vom 28. April 1918, S. 4. 

45 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm ...*, S. 7—8 (unter Bezug auf: S. Agurskij: Evrej- 
skij rabocij v kommunisticeskom dvizenii [Der jüdische Arbeiter in der kom¬ 
munistischen Bewegung], Minsk: GIZ, 1926, S. 155). 

46 Izvestija vom 27. Juni 1918, S. 4. 

47 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm ..., S. 259. 

48 N. Lenin: O evrejskom voprose ..., S. 17f. 

49 KJE, Bd. 4, Sp. 766. 

50 Cerkovnye vedomosti (Kirchliche Mitteilungen), St. Petersburg, 1918, Nr. 1 
(5. Januar), S. 38. 

51 A. Mensoj: »Bej zidov!« (»Haut die Jidden!«), in: Pravda, 3. Juli 1919, S. 1. 

52 Sledstvennoe delo Patriarcha Tichona. Sbornik dokumentov po materialam 
Central’nogo archiva FSB RF (Ermitdungsakte gegen den Patriarchen Tichon. 
Dokumentensammlung anhand von Unterlagen aus dem Zentralen Archiv des 
Inlandsgeheimdienstes FSB der Russischen Föderation), Moskau 2000, Doku¬ 
ment Nr. 58, S. 600-604. 

53 GARF (Staadiches Archiv der Russischen Föderation), Fonds 130, Inh.verz. 
4, Archiveinheit 94, Bl. 1: Sitzungsprotokoll des Meinen Sownarkom vom 
2. September 1920, Nr. 546. 

54 GARF, Fonds 1235, Inh.verz. 56, Dossier 26, Bl. 43. 

55 S. S. Maslov: Rossijaposle cetyrech ..., Bd. 2, S. 43. 

56 Sergij Bulgakov: Christianstvo i evrejskij vopros (Das Christentum und die jü¬ 
dische Frage), Paris: YMCA-Press, 1991, S. 76. 

57 Ebd., S. 98, 121, 124. 

58 D. S. Pasmanik: Russkajarevoljucija ..., S. 156. 

59 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo (Russland und das russische Juden¬ 
tum), in: RuJ, S. 25- 

60 Ders.: K samopoznaniju evreja: Cem my byli, cem my stali, cem my dolzny byt’ 
(Über die Selbsterkenntnis des Juden: Was wir waren, was wir geworden sind, 
was wir sein sollen), Paris, 1939, S. 42. 

61 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo, in: RuJ, S. 14£ 

62 G. A. Landau: Revoljucionnye idei v evrejskoj obscestvennosti (Revolutionäre 
Ideen in der jüdischen Öffendichkeit), in: RuJ, S. 117. 

63 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija ..., S. 156. 


551 



Anmerkungen zu Kapitel 3 

64 D. Sub: Evrei vrusskoj revolucii ..., in: JW-2, S. 143. 

65 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija .... S. 157. 

66 S. Avineri: Vozvrascenie v istoriju (Rückkehr in die Geschichte), in: »22«, 1990, 
Nr. 73, S. 112. 

67 D. Sturman: O nacional’nych fobijach (Über nationale Phobien) in: »22«, 1989, 
Nr. 68, S. 149£ 

68 I. O. Levin: Evrei v revoljucii (Die Juden in der Revolution) in: Ru], S. 127. 

69 G. A. Landau: Revoljucionnye idei.... in Ru], S. 109. 

70 D. O. Linskij: O nacional’nom samosoznanii russkogo evreja (Über das natio¬ 
nale Selbstverständnis des russischen Juden), in: RuJ, S. l45f. 

71 D. S. Pasmanik: Cego ze my dobivaemsja? ..., in: Ru], S. 225. 

72 Ders.: Russkaja revoljucija i evrejstvo ..., S. 129. 

73 The Jewish Chronicle vom 28. März 1919, S. 10. 

74 Mentor: Peace, War - and Bolshevism, in: The Jewish Chronicle vom 4. April 
1919, S. 7. 

75 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo ..., in: RuJ, S. 34. 

76 Sergij Bulgakov: Christianstvo ..., S. 124f. 

77 I. O. Levin: Evrei vrevoljucii..., in: RuJ, S. 125f. 

78 Norman Podgorec: Evrei v sovremennom mire (Die Juden in der modernen 
Welt) (Interview), in: ZuW, 1985, Nr. 86, S. 113. 

79 A. Sutton: Wall Street i bolsevickaja revoljucija (Die Wall Street und die bol¬ 
schewistische Revolution) (aus d. Engl.), Moskau 1998, S. I4l£ 

80 Ariadna Tyrkova-Williams: From Liberty to Brest-Litovsk, London: Macmillan 
and Co., 1919, S. 297-299. 

81 Overman, S. 22£, 26f. 

82 J. Mueller: Dialektika tragedii: antisemitizm i kommunizm v Central’noj i Vos- 
tocnoj Evrope (Die Dialektik einer Tragödie: Antisemitismus und Kommu¬ 
nismus in Mittel- und Osteuropa), in: »22«, 1990, Nr. 73, S. 96; s. auch: Jüd- 
Trib, 1920, Nr. 10, S. 3. 

83 RJE, Bd. 1, S. 154. 

84 Ebd., S. 22. 

85 Chaim Potok: The Gates of November: Chronicles of the Slepak Family, New 
York: Alfred A. Knopf, 1996, S. 37, 44£ 

86 G. Aronson: Evrejskij vopros v epochu Stalina (Die jüdische Frage in der Sta¬ 
linzeit), in: BRJ-2, S. 133—135. 

87 Ebd., S. 135f. 

88 KJE, Bd. 1, Sp. 560. 

89 RJE, Bd. 1, S. 478; Bd. 2, S. 78,163; Bd. 3, S. 286. 

90 S. Dimanstejn: Revoljucionnoe dvizenie sredi evreev (Die revolutionäre Bewe¬ 
gung unter den Juden), in: 1905: Istorija revoljucionnogo dvizenija v otdel’nych 
ocerkach (1905. Geschichte der revolutionären Bewegung in Einzelstudien), hg. 
vonM. N. Pokrovskij, Bd. 3, Lieferung 1, Moskau-Leningrad: GIZ, 1927, S. 125. 

91 KJE, Bd. 1, Sp. 560. 

92 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo ..., in: RuJ, S. 44. 

93 D. Azbel’: Do, vo vremja i posle (Vor, während und nach), in: ZuW, 1989, 
Nr. 104, S. 231. 


552 



Anmerkungen zu Kapitel 3 


94 Nezavisimoe rabocee dvizenie v 1918 godu. Dokumenty i materialy (Die unab¬ 
hängige Arbeiterbewegung im Jahr 1918. Dokumente und Materialien), hg. von 
M. Bernstam, Paris: YMCA-Press, 1981, S. 291-293 (INRI [Forschungen zur 
Neuesten Russischen Geschichte] Bd. 2). 

95 RJE, Bd. 1, S. 135£, 199f. 

96 Ebd., S. 331,419; Bd. 2, S. 22l£, 230. 

97 Ebd.,Bd. 2, S. 36, 51f-, 176. 

98 I. B. Sechtman: Sovetskaja Rossija, sionizm i Izrail’ (Sowjetrussland, der Zio¬ 
nismus und Israel), in: BRJ-2, S. 317. 

99 Ebd., S. 315. 

100 S. Gepstejn: Russkie sionisty v bor’be za Palesdnu (Die russischen Zionisten im 
Kampf um Palästina), in: BRJ-2, S. 390-392. 

101 M. Chejfec: Nasi obscie uroki ..., in: »22«, 1980, Nr. 14, S. 162. 

102 RJE, Bd. 2, S. 276f. 

103 AriadnaTyrkova-Williams: From Liberty ..., S. 299. 

104 B. Orlov: Mifo Fanni Kaplan (Die Fanny-Kaplan-Legende), in: ZuW, 1975, Nr. 
2; G. Nilov: Urickij, Volodarskij i drugie (Urickij, Volodarskij und andere), in: 
LuW, 1989, Nr. 6. 

105 Nikolaj Konjaev: On ubival, slovno pisal stichotvorenie (Er tötete gerade so, als 
schriebe er ein Gedicht), in: Don, Rostow am Don, 1995, Nr. 10, S. 240f„ 
250-252. 

106 V. F. Kiemen t’ev: V bolsevickoj Moskve (1918-1920) (Im bolschewisdschen 
Moskau, 1918-1920), Moskau: Russkij put, 1998, S. 241-245. - Vserossijska- 
ja Memuarnaja Biblioteka (Allrussische Memoirenbibliothek) (VMB). Serija: 
Nase nedavnee (Reihe: Unsere jüngere Vergangenheit), Bd. 3. 

107 G. A. Landau: Revoljucionnye idei ..., in: RuJ, S. 110. 

108 D. AzbeF: Do, vo vremja i posle in: ZuW, 1989, Nr. 104, S. 191-196, 199, 
203, 209, 223, 225f. 

109 V. S. Mandel’: Konservativnye i razrusitel’nye eiementy v evrejstve (Konservad- 
ve und zerstörerische Elemente im Judentum), in: RuJ, S. 200. 

110 G. A. Landau: Revoljucionnye idei ..., in: RuJ, S. 11 lf. 

1111. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo ..., in: RuJ, S. 22. 

112 D. S. Pasmanik: Cego ze my dobivaemsja? ..., in: RuJ, S. 212. 

113 Ders.: Russkaja revoljucija ..., S. 200. 

114 Ebd., S. 157. 

115 D. Sturman: Gorodu i miru (An die Stadt und die Welt), Paris-New York: 
Tret’ja volna, 1988, S. 357. 

116 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija ..., S. 11. 

117 Sonja Margolina: Das Ende der Lügen: Rußland und die Juden im 20. Jahr¬ 
hundert. Berlin: Siedler, 1992, S. 99£ 

118 I. O. Levin: Evrei v revoljucii..., in: RuJ, S. 123. 

119 D. S.^Pasmanik: Russkaja revoljucija ..., S. 198. 

120 A.I. Singareva [Nachwort], in: Dnevnik A.I. Singareva. Kak eto bylo: Petro- 
pavlovskaja krepost’ 27.XI.1917-5.L1918 (Das Tagebuch des A.I. Singarev. 
Wie es war: Peter- und Pauls-Festung, 27.11.1917-5.1.1918), 2. Auflage, Mos¬ 
kau 1918, S. 66-68. 


553 



Anmerkungen zu Kapitel 4 

1 G. A. Landau: Revoljucionnye idei v evrejskoj obscestvennosti (Revolutionäre 
Ideen in der jüdischen Öffendichkeit), in: RuJ, S. 117. 

2 Pitirim Sorokin: Leaves from a Russian Diary, New York: E. E Dutton & Co., 
1925, S. 267. 

3 RJE , Bd. 1, Sp. 686. 

4 Aron Abramovic: V resajuscej vojne. Ucastie i rol’ evreev SSSR v vojne proriv 
nacizma (Im entscheidenden Krieg. Die Beteiligung und Rolle der Juden der 
UdSSR im Krieg gegen den Nazismus), 2. Aufl., Tel Aviv, 1982, Bd. 1, S. 45—61. 

5 RJE, Bd. 3, S. 285. 

6 RJE, Bd. 1, S. 122, 340,404, 515; Bd. 2, S. 120, 126, 434, 511. 

7 RJE, Bd. 3, S. 61, 278, 305, 503. 

8 RJE, Bd. 1, S. 144; Bd. 2, S. 354, 388f. 

9 Cervonnoe kazacestvo: vospominanija veteranov (Das rote Kosakentum. Er¬ 
innerungen von Veteranen) [Sammelband], Moskau: Voenizdat, 1969. 

10 V. V. Sul’gin: »Cto nam vnich ne nravitsja ...« Ob Antisemitizme vRossii (»Was 
uns an ihnen nicht gefällt ...«. Über den Andsemitismus in Russland), Paris 

1929, S. 145. 

11 Ebd.,S. 157. 

12 B. Mirskij: Cernajasotnja (Die Schwarze Hundertschaft), in: JüdTrib vom 1. Fe¬ 
bruar 1924, S. 3. 

13 S. P. Mel’gunov: »Krasnyj Terror« v Rossii, 1918-1923 (Der »Rote Terror« 
in Russland, 1918-1923), 2. erg. Aufl., Berlin: Vataga, 1924, S. 43,48, 57,70£, 
72f. 

14 Ebd., S. 50, 99, 100,105, 109,113. 

15 Columbia University, New York, Trotsky’s Archive, bMs Russ 13 T-160, Dos¬ 
sier: »Partijnaja perepiska No. 9 za 1919 g.« (Parteikorrespondenz Nr. 9 / 1919), 
S. 9. 

16 L. Ju. Kricevskij: Evrei v apparate VCK OGPU v 20-e gody (Die Juden im Ap¬ 
parat der bei der Vereinigten Staadichen Politischen Verwaltung eingerichteten 
Allrussischen Außerordendichen Kommission zur Bekämpfung der Konterre¬ 
volution und Sabotage in den 20er-Jahren), in: Evrei i russkaja revoljucija. Ma- 
terialy i issledovanija (Die Juden und die Russische Revolution. Materialien und 
Forschungen), hg. von O. V. Budnickij, Moskau-Jerusalem: Gesarim, 1999, 
S. 321, 344. 

17 Ebd., S. 327-329. 

18 RJE, Bd. 1, S. 106, 124, 223, 288; Bd. 2, S. 22, 176, 302, 350, 393; Bd. 3, 
S. 374,473. 

19 S. S. Maslov: Rossija posle cetyrech let revoljucii (Russland nach vier Jahren Re¬ 
volution), Paris: Russkaja pecat’, 1922, Bd. 2, S. 193. 

20 P. I. Negretov: V. G. Korolenko. Letopis’ zizni i tvorcestva, 1917-1921 (V. G. 
Korolenko. Chronik des Lebens und des Schaffens, 1917—1921), Redaktion: 
A. V. Chrabrovickij, Moskau: Kniga, 1990, S. 151-154, 232—236. 

21 G. A. Landau: Revoljucionnye idei .... in: RuJ, S. 117f. 

22 S. S. Maslov: Rossija posle cetyrech ..., S. 196. 


554 



Anmerkungen zu Kapitel 4 


23 RJE, Bd. 2, S. 388f. 

24 V. V. Sul’gin: »Cto nam v nich .Anhang, S. 313-318. 

25 Cekist o CK (Iz archiva »Osoboj Sledstvennoj Komissil na Juge Rossii«) (Ein 
Tschekist über die Tscheka [Aus dem Archiv des »Sonder-Untersuchungsaus- 
schusses für Südrussland«]), in: Na cuzoj storone. Istoriko-literaturnye sborniki 
(In der Fremde. Historische und literarische Sammelbände), hg. von S. P. 
Mel’gunov, Berlin: Vataga; Prag: Plamja, 1925, Bd. 9, S. 111-141. 

26 Aleksej Remizov: Vzvichrennaja Rus’ (Aufgewirbeltes Russland), London: Over- 
seas Publications, 1979, S. 376f. 

27 V. V. Sul’gin: »Cto nam vnich ...«, S. 95f. 

28 S. S. Maslov: Rossija posle cetyrech ..., S. 44. 

29 Izlozenie besedy s B. Linkol’nom (Wiedergabe eines Gesprächs mit B. Lincoln), 
siehe bei V. Ljubarskij: Cto delat’, a ne kto vinovat (Was tun, und nicht wessen 
Schuld), in: ZuW, 1990, Nr. 109, S. 134. 

30 RuJ, S. 6f. 

31 G. A. Landau: Revoljucionnye idei .... in: RuJ, S. 100. 

32 Ju. Steklov: Narodnaja oborona — nacional’naja oborona (Verteidigung eines 
Volks als nationale Verteidigung), in: Izvestija (Nachrichten) vom 18. Mai 1920, 
S. 1. 

33 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm v SSSR (Die Juden und der Antisemitismus in der 
UdSSR), Moskau-Leningrad: GIZ, 1929, S. 31. 

34 KJE, Bd. 6, Sp. 646; Bd. 1, Sp. 326. 

35 J. Mueller: Dialektika tragedii: antisemitizm i kommunizm v Central’noj 
i Vostocnoj Evrope (Die Dialektik einer Tragödie: Antisemitismus und 
Kommunismus in Mittel- und Osteuropa), in: »22«, 1990, Nr. 73, S. 96, 
99f. 

36 KJE, Bd. 4, S P . 733f. 

37 J. Mueller: Dialektika tragedii ..., in: »22«, 1990, Nr. 73, S. 99. 

38 Ebd., S. lOOf. 

39 G. A. Landau: Revoljucionnye idei ..., in: RuJ, S. 115. 

40 I. B. Sechtman: Evrejskaja obscestvennost’ na Ukraine (1917-1919)* (Die 
jüdische Öffentlichkeit in der Ukraine, 1917-1919), in: BRJ-2, S. 22. 

41 Ebd., S. 29, 30, 35. 

42 V. I. Lenin: Socinenija v 45 t. (Werke in 45 Bänden), 4. Auflage, Moskau: Gos- 
politizdat, 1941-1967, Bd. 30, S. 246. 

43 I. B. Sechtman: Evrejskaja obscestvennost’ ..., in: BRJ-2, S. 33£ 

44 Ebd., S. 35-37. 

45 KJE, Bd. 4, Sp. 256. 

46 RJE, Bd. 1, S. 407. 

47 I. M. Trockij: Evrejskie pogromy na Ukraine i v Belorussii 1918-1920 gg. (Ju¬ 
denpogrome in der Ukraine und in Weißrussland 1918-1920), in: BRJ-2*, 
S. 59. 

48 Ebd., S. 62. 

49 Ebd. 

50 D. S. Pasmanik: Cego ze my dobivaemsja? (Wonach streben wir eigentlich?), 
in: RuJ, S. 211. 


555 



Anmerkungen zu Kapitel 4 


51 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo (Russland und das russische Juden¬ 
tum), in: RuJ, S. 66£ 

52 KJE, Bd. 6, Sp. 570. 

53 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo .... in: RuJ , S. 65. 

54 S. S. Maslov: Rossija posle cetyrech ..., S. 25f. 

55 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm ..., S. 40f. 

56 S. S. Maslov: Rossija posle cetyrech ..., S. 40. 

57 J. Mueller: Dialekxika tragedii..., in: »22«, 1990, Nr. 73, S. 97. 

58 V. Litvinov: Machno i evrei (Machno und die Juden), in: »22«, 1983, Nr. 28, 
S. 191-206. 

59 KJE, Bd. 6, Sp. 574. 

60 Evrejskie pogromy, 1918—1921 (Judenpogrome 1918—1921), hg. von Z. S. Os- 
trovskij, Moskau: AO »Skola i kniga«, 1926. 

61 Evrejskie pogromy .... S. 73f. 

62 KJE, Bd. 7, Sp. 403. 

63 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija i evrejstvo (Bol sevizm i iudaizm) (Die Rus¬ 
sische Revolution und das Judentum [Bolschewismus und Judaismus]), Paris, 

1923, S. 169. v 

64 T. I. Polner: Ziznennyj put Knjazja Georgija Evgenievica L’vova (Der Lebens¬ 
weg des Fürsten Georgij Jewgenjewitsch Lwow), Paris, 1932, S. 274. 

65 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija ..., S. 176f. 

66 KJE, Bd. 7, S P . 403. 

67 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stalina.Vlast’ i antisemitizm (Stalins Ge¬ 
heimpolitik. Macht und Antisemitismus). Moskau: Mezdunarodnye otnosenija, 
2001, S. 56f. 

68 D. S. Pasmanik: Cego ze my dobivaemsja? ..., in: RuJ, S. 216. 

69 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stalina ..., S. 56. 

70 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija ..., S. 185. 

71 General A. von Lampe: Priciny neudaci vooruzennogo vystuplenija belych (Die 
Gründe frir den Misserfolg des bewaffneten Kampfes der Weißen), in: Posev, 
1981, Nr. 3, S. 38f. (Nachdruck aus »Russkij kolokol« [Russische Glocke], 
1929, Nr. 6-7). 

72 KJE, Bd. 6, Sp. 572. 

73 V. V. Sul’gin: »Cto nam v nich ...«, S. 97f. 

74 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo ..., in: RuJ, S. 64. 

75 V. V. Sul’gin: »Cto nam v nich ...«, S. 86. 

76 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija ..., S. 186f. 

77 I. M. Bikerman, Rossija i russkoe evrejstvo ..., in: RuJ, S. 65f. 

78 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija .... S. 173f. 

79 KJE, Bd. 6, Sp. 572-574. 

80 D. O. Linskij: O nacional’nom samosoznanii russkogo evreja (Über das natio¬ 
nale Selbstverständnis des russischen Juden), in: RuJ, S. 149-151. 

81 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija .... S. 183. 

82 V. V. Sul’gin: »Cto nam v nich ...«, S. 55, 81 £ 

83 D. O. Linskij: O nacional’nom samosoznanii..., in: RuJ, S. 157, I60f. 

84 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija ..., S. 181, 187. 


556 



Anmerkungen zu Kapitel 5 


85 I. O. Levin: Evrei v revoljucii (Die Juden in der Revolution), in: Ruf, S. 136. 

86 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejsrvo in: Ruf, S. 81 f. 

87 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija S. 181. 

88 KJE, Bd. 4, Sp. 598. 

89 Michael J. Cohen: Churchill and che Jews, London-Totowa, New York: Frank 
Cass, 1985, S. 56f. 

90 Fürst Gr. N. Trubeckoj: Ocerk vzaimootnosenij Vooruzennych Sil Juga Rossii 
i Predstavitelej Francuzskogo Komandovanija (Überblick über die Beziehungen 
zwischen den südrussischen Streitkräften und den Vertretern des Französischen 
Kommandos), Ekaterinodar, 1919, in: Ders., Gody smut i nadezd (Jahre der 
Wirren und der Hoffnungen), Montreal, 1981, S. 202. 

91 Ju. Larin: Evrei i andsemitizm ..., S. 38. 

92 Evrejskie pogromy ..., S. 74. 

93 Bol saja Sovetskaja Enciklopedija (Große Sowjetische Enzyklopädie), 1. Auflage, 
Moskau, 1932, Bd. 24, S. 148. 

94 KJE, Bd. 6, Sp. 569. 

95 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stalina ..., S. 56. 

96 I. B. Sechtman: Sovetskaja Rossija, sionizm i Izrail’ (Sowjetrussland, der Zio¬ 
nismus und Israel), in: BRJ-2, S. 321; KJE, Bd. 6, Sp. 85; Bd. 1, Sp. 560. 

97 I. O. Levin: Evrei v revoljucii..., in: RuJ, S. 134. 

98 KJE, Bd. 6, Sp. 570, 574. 

99 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo ..., in: RuJ, S. 63. 

100 S. S. Maslov: Rossija posle cetyrech ..., S. 26. 

101 S. M. Svarc: Antisemitizm v Sovetskom Sojuze (Antisemitismus in der Sowjet¬ 
union), New York: Izd-vo im. Cechova, 1952, S. 14. 

102 D. O. Linskij: O nacional’nom samosoznanii, in: RuJ, S. 147-149. 

103 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejsrvo .... in: RuJ, S. 58-60. 


Anmerkungen zu Kapitel 5 

1 KJE, Bd. 8, Sp. 294. 

2 James Parkes: Evrei sredi narodov. Obzor pricin antisemitizma (Die Juden unter 
den Völkern. Übersicht über die Ursachen des Antisemitismus), Paris: YMCA- 
Press, 1932, S. 44. 

3 D. Charuv: Evrejskaja emigracija iz Rossijskoj imperii i Sovetskogo Sojuza. Sta- 
tisticeskij aspekt (Die jüdische Emigration aus dem Russischen Reich und der 
Sowjetunion. Der statistische Aspekt), in: Russkoe evrejstvo v zarubez’e. Stat’i, 
publikacii, memuary i esse. (Das russische Judentum im Ausland. Artikel, Pu¬ 
blikationen, Memoiren und Essays), hg. von M. Parchomovskij, Jerusalem, 
1998, Bd. 1 (6), S. 352. 

4 Gleb Struve: Russkaja literatura v izgnanii (Die russische Literatur im Exil), 
2. Aufl., Paris: YMCA-Press, 1984, S. 24. 

5 A. Sedych: Russkie evrei v emigrantskoj literature (Die russischen Juden in der 
Emigrantenliteratur), in: BRJ-2, S. 426f. 


557 



Anmerkungen zu Kapitel 5 


6 Ebd., S. 426. 

7 Evrei v kul’mre Russkogo zarubez’ja. Stat’i, publikacii, memuary i esse (Die 
Juden in der Kultur der russischen Emigradon), in 5 Bden, Jerusalem, 
1992-1996, hg. von M. Parchomovskij; Russkoje evrejstvo v zarubeze .... 
hg. von M. Parchomovskij u.a. 

8 Roman GuT: Ja unes Rossiju (Ich habe Russland mitgenommen), New York: 
Most, 1984, Bd. 2: Rossija vo Francii (Russland in Frankreich), S. 99. 

9 M. Osorgin: Russkoe odinocesrvo (Die russische Einsamkeit), hg. von A. Raz- 
gon, in: Evrei v kulture ..., Bd. 1, S. 15-17 [Nachdruck aus: Rassvet (Morgen¬ 
röte), Paris, 15- Februar 1925, Nr. 7]. 

10 Ebd., S. 18£ 

11 A. Sedych: Russkie evrei ..., in: BRJ-2, S. 427. 

12 Ebd., S. 429f. 

13 I. Levitan: Russkie izdatel’stva v 20-ch gg. v Berline (Russische Verlage im Ber¬ 
lin der 20er Jahre), in: BRJ-2, S. 448. 

14 A. Sedych: Russkie evrei..., in: BRJ-2, S. 431, 432. 

15 Ebd., S. 431-434. 

16 V. V. Sul’gin: »Cto nam v nich ne nravitsja ...« Ob Andsemitizme v Rossii (»Was 
uns an ihnen nicht gefällt ...« Über den Antisemitismus in Russland), Paris, 
1929, S. 210. 

17 A. Sedych: Russkie evrei..., in: BRJ-2, S. 432, 434. 

18 Ebd., S. 435f. 

19 KJE, Bd. 9, Sp. 253. 

20 Roman GuT: Ja unes Rossiju ..., Bd. 2, S. 100. 

21 Gleb Struve: Russkaja literatura ..., S. 230. 

22 KJE, Bd. 9, Sp. 255. 

23 A. Sedych: Russkie evrei..., in: BRJ-2, S. 443. 

24 Ebd., S. 432. 

25 S. S. Maslov: Rossija posle cetyrech let revoljucii (Russland nach vier Jahren 
Revolution), Paris: Russkaja pecat’, 1922, Bd. 2, S. 37. 

26 B. Mirskij: Cernaja sotnja (Die Schwarze Hundertschaft), in: JiidTi-ib vom 
1. Februar 1924, S. 3. 

27 S. Litovcev: Disput ob andsemitizme (Disput über den Antisemitismus), in: 
Poslednie novosti (Neueste Nachrichten) vom 29. Mai 1928, S. 2. 

28 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija i evrejstvo (Bolsevizm i iudaizm) (Die Rus¬ 
sische Revolution und das Judentum [Bolschewismus und Judaismus]), Paris, 

1923, S. 9. 

29 Ebd. 

30 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo (Russland und das russische Juden¬ 
tum), in: RuJ, S. llf. 

31 K evrejam vsech stran! (An die Juden aller Länder!), in: RuJ, S. 6. 

32 Georges Batault: Le probleme juif, 5. Aufl., Paris, 1921. 

33 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija ...*, S. 15£, 95. 

34 Hilaire Belloc: The Jews, London, 1922. 

35 D. S. Pasmanik: Russkaja revoljucija ...*, S. 16, 78. 

36 Ebd., S. 11-13. 


558 



Anmerkungen zu Kapitel 5 


37 M. Agurskij: Ideologija nacional-bolsevizma (Die Ideologie des National-Bol- 
schewismus), Paris: YMCA-Press, 1980, S. 195. 

38 Norman Cohn: Blagoslovenie na genocid. Mif o vsemirnom zagovore evreev 
v «Protokolach sionskich mudrecov« (Die Absegnung des Völkermordes. Die 
Legende von der Weltverschwörung der Juden in den »Protokollen der Weisen 
von Zion«) (aus d. Engl.), Moskau: Progress, 1990, S. 24. 

39 KJE, Bd. 6, Sp. 846. 

40 Burcev erhielt diese Informationen 1934 von General K. I. Globacev, der von 
Februar 1915 bis März 1917 der Leiter der Geheimpolizei in St. Petersburg ge¬ 
wesen war, und veröffentlichte sie 1938 in Paris in seiner Studie über die »Pro¬ 
tokolle«. Siehe: V. L. Burcev: V pogone za provokatorami. »Protokoly sionskich 
mudrecov« - dokazannyj podlog (Auf der Jagd nach den Provokateuren. Die 
»Protokolle der Weisen von Zion«, erwiesenermaßen eine Fälschung), Vorwort 
von Ju. V. Davydov, Anm. von L. G. Aronov, Moskau, 1991. 

41 KJE, Bd. 6, Sp. 847. 

42 Ebd. 

43 KJE, Bd. 6, Sp. 848. 

44 A. V. Kartasev: Izbrannye i pomilovannye (Erwählte und Begnadigte), in: Seit*. 
Literaturnyj sbornik (Der Schild. Literarischer Sammelband), hg. von L. An- 
dreev, M. Gor’kij, F. Sologub, 3. erw. Aufl., Moskau: Russkoe obscestvo dlja 
izucenija evrejskoj zizni, 1916, S. 110-115. 

45 Ju. Delevskij: Protokoly sionskich mudrecov (Istorija odnogo podloga) (Die Pro¬ 
tokolle der Weisen von Zion [Geschichte einer Fälschung]), Berlin 1923. 

46 GARF (Staatliches Archiv der Russischen Föderation), Fonds 5802, Inh.verz. 
1, Archiveinheit 31, Bl. 417—421. — Das Vorwort von A. V. Kartasev wurde 
von V. L. Burcev bei Erscheinen des Buches im Jahr 1938 nicht veröffentlicht, 
ist jedoch in seinen Papieren erhalten gebheben. Von der Existenz dieses Vor¬ 
worts erfuhren wir aus dem Artikel von O. Budnickij: »Evrejskij vopros« v emi- 
grantskoj publicistike 1920-1930-ch (Die »jüdische Frage« in der Pub lizis tik 
der Emigration in den 1920er- und 1930er-Jahren), in: Evrei i russkaja revolju- 
cija. Materialy i issledovanija (Die Juden und die Russische Revolution. Materi¬ 
ahen und Forschungen), hg. von O. V. Budnickij, Moskau-Jerusalem: Gesarim, 
1999. 

47 I. Gar: Evrei v Pribaltijskich stranach pod nemeckoj okkupaciej (Die Juden in 
den Ländern des Baltikums unter der deutschen Besatzung), in: BRJ-2, S. 95. 

48 K evrejam vsech stran!, in: RuJ, S. 6. 

49 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo ..., in: RtiJ, S. 87-89. 

50 D. S. Pasmanik: Cego ze my dobivaemsja? (Wonach streben wir eigentlich?), in: 
RuJ, S. 219. 

51 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo ..., in: RuJ, S. 84, 89. 

52 KJE, Bd. 7, Sp. 890. 

53 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo ..., in: RuJ, S. 40. 

54 Ebd., S. 12. 

55 Ebd., S. 47,48, 72. 

56 Ju. Delevskij: Mensee li zlo bolseviki? (Sind die Bolschewiken das geringere 
Übel?), in: JüdTrib vom 19. September 1922, S. 2. 


559 



Anmerkungen zu Kapitel 5 

57 D. S. Pasmanik: Cego ze my dobivaemsja? ..in: RuJ, S. 221. 

58 G. Ryklin: Slucaj s Babelem (Ein Zwischenfall mit Babel), in: Izvestija (Nach¬ 
richten) vom 16. März 1928, S. 5. 

59 Posiednie novosd (Neueste Nachrichten) vom 13. August 1936, S. 2. 

60 St. Ivanovic: Evrei i sovetskaja diktatura (Die Juden und die sowjetische Dikta¬ 
tur), in: JW-1 , S. 53. 

61 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo ..., in: RuJ, S. 23f. 

62 Ebd., S. 54£ 

63 D. S. Pasmanik: Russkajarevoljucija .... S. 7, 14. 

64 D. O. Linskij: O nacional’nom samosoznanii russkogo evreja (Über das natio¬ 
nale Selbstverständnis des russischen Juden), in: RuJ, S. 141, l44f. 

65 I. O. Levin: Evrei v revoljucü (Die Juden in der Revolution), in: RuJ, S. 124. 

66 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo ..., in: RuJ, S. 24. 

67 D. S. Pasmanik: Cego ze my dobivaemsja? ..., in: RuJ, S. 215. 

68 K evrejam vsech stran!, in: RuJ, S. 5. 

69 Ebd., S. 7f. 

70 G. A. Landau: Revoljucionnye idei v evrejskoj obscestvennösti (Revolutionäre 
Ideen in der jüdischen Öffendichkeit), in: RuJ, S. 100. 

71 Ebd., S. 104. 

72 K evrejam vsech stran!, in: RuJ, S. 6. 

73 G. A. Landau: Revoljucionnye idei..., in: RuJ, S. 118. 

74 D. S. Pasmanik: Cego ze my dobivaemsja? ..., in: RuJ, S. 225. 

75 Ju. Delevskij: Mensee li zlo ..., in: JüdTribv om 19. September 1922, S. 3. 

76 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo, in: RuJ, S. 78. 

77 Ebd., S. 52, 53f. 

78 D. O. Linskij: O nacional’nom samosoznanii..., in: RuJ, S. 149. 

79 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstv, in: RuJ, S. 92. 

80 V. S. Mandel’: Konservativnye i razrusitel’nye elementy v evrejstve (Konservati¬ 
ve und zerstörerische Elemente im Judentum), in: RuJ, S. 202. 

81 D. O. Linskij: O nacional’nom samosoznanii ..., in: RuJ, S. 153f. 

82 D. S. Pasmanik: Cego ze my dobivaemsja? ..., in: RuJ, S. 227f. 

83 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo ..., in: RuJ, S. 93. 

84 D. S. Pasmanik: Cego ze my dobivaemsja? ..., in: RuJ, S. 217f. 

85 Die Informationen über die Verhaftung uiid den Tod G. A. Landaus wurden aus 
folgendem Artikel bezogen: V. Gessen: Iosif Gessen: jurist, politik i zurnahst 
(Iosif Gessen: Jurist, Politiker und Journalist), in: Evrei v kul’ture russkogo za- 
rubez’ja, Jerusalem 1993, Bd. 2, S. 543. 

86 Fedor Stepun: Byvsee i nesbyvseesja (Gewesenes und nicht zustande Gekom¬ 
menes), 2. Aufl., London: Overseas Publications, 1990, Bd. 1, S. 301. 

87 V. S. Mandel’: Konservativnye i razrusitel’nye elementy ..., in: RuJ, S. 204. 

88 D. S. Pasmanik: Cego ze my dobivaemsja? ..., in: RuJ, S. 210. 

89 Ebd., S. 212f. 

90 D. O. Linskij: O nacional’nom samosoznanii ..., in: RuJ, S. 152. 

91 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo ..., in: RuJ, S. 74f. 

92 G. A. Landau: Revoljucionnye idei ..., in: RuJ, S. lOOf. 

93 D. S. Pasmanik: Cego ze my dobivaemsja?..., in: RuJ, S. 226. 


560 



Anmerkungen zu Kapitel 6 


94 A. Kuliser: Ob otvetstvennosti i bezotvetstvennosti (Über Verantwortung und 
Verantwortungslosigkeit), in: JüdTrib vom 6. April 1923, S. 3f. 

95 B. Mirskij: »16 punktov« (»16 Punkte«), in: JüdTrib vom 7. April 1924, S. 2. 

96 S. Pozner: V cem ze delo? (Worum geht es eigentlich?), in: Ebd., S. lf. 

97 S. Markis: O evrejskoj nenavisri k Rossii (Über den jüdischen Hass auf Russ¬ 
land), in: »22«, 1984, Nr. 38, S. 218. 

98 I. M. Bikerman: K samopozaniju evreja: Cem my byli, cem my stali, cem my 
dolzny byt’ (Zur Selbsterkenntnis des Juden: Was wir waren, was wir geworden 
sind, was wir sein sollen), Paris 1939, S. 25. 

99 P. N. Miljukov: Nacional’nost’ i nacija* (Nationalität und Nation), in: JüdTrib 
vom 1. September 1922, S. lf. 

100 Ebd. 

101 Poslednie novosti vom 14. Oktober 1927, S. 2, und vom 19. Oktober 1927, 
S. lf. 

102 Izvestija (Nachrichten) vom 21. Oktober 1927, S. 3. 

103 Ebd.*, 22. Oktober 1927, S. 1. 

104 Ebd., 23. Oktober 1927, S. 1. 

105 Poslednie novosti* vom 25. Oktober 1927, S. 2, und vom 26. Oktober 1927, S. 
1. 

106 RJE, Bd. 2, S. 59. 

107 Poslednie novosti vom 23- Oktober 1927, S. 1. 

108 V. V. Sul’gin: »Cto nam vnich ...«, S. 156. 

109 Poslednie novosti vom 29. Mai 1928. 

110 S. Litovcev: Disput ob antisemitizme ..., in: Poslednie novosti vom 29. Mai 
1928, 5. 2. 

111 V. V. Sul’gin: »Cto nam v nich ...«, S. 11. 

112 S. M. Ginzburg: O russko-evrejskoj intelligencii (Über die russisch-jüdische In- 
teüigenzija), in: JW-1, S. 33. 

113 Predislovie (Vorwort), in: JW-1, S. 7. 


Anmerkungen zu Kapitel 6 

1 M. Popovskij: O nas - so vsej iskrennost’ju (Über uns - in aller Aufrichtigkeit), 
in: Novyj amerikanec (Der neue Amerikaner), New York, 20.-26. September 

1981 (Nr. 84), S. 7. 

2 A. L’vov: Gde ty, Adam (Wo bist du, Adam?), in: Novaja gazeta (Neue Zeitung), 
New York, 28. November-4. Dezember 1981 (Nr. 82), S. 4. 

3 KJE, Bd. 1, Sp. 235. 

4 Ebd., Bd. 5, Sp. 477f. 

5 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm v SSSR (Die Juden und der Antisemitismus in der 
UdSSR), Moskau-Leningrad: GIZ, 1929, S. 58-60. 

6 M. Agurskij: Ideologija nacional-bolsevizma (Die Ideologie des National-Bol- 
schewismus), Paris: YMCA-Press, 1980, S. 265. 

7 KJE, Bd. 1, Sp. 326. 


561 



Anmerkungen zu Kapitel 6 


8 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm S. 63f., 74. 

9 Izvestija (Nachrichten) vom 11. Dezember 1927, S. 1. 

10 S. M. Svarc: Antisemitizm v Sovetskom Sojuze (Antisemitismus in der Sowjet¬ 
union), New York: Izd-vo im. Cechova, 1952, S. 44—46, 48f. (unter Bezug auf: 
L. Zinger: Materialy i issledovaiiija Ob”edinennoj statistiko-ekonomiceskoj ko- 
missii pri CK ORT’a (Materialien und Studien der Vereinigten Statistik- und 
Wirtschaftskommission beim ZK des ORT), Moskau 1927. Teil 1: Evrejskoe 
naselenie v SSSR (statistiko-ekonomiceskij obzor) (Die jüdische Bevölkerung in 
der UdSSR [statistischer und wirtschaftlicher Überblick]), Moskau-Leningrad: 
Socegiz, 1932. 

11 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo (Russland und das russische Juden¬ 
tum), in: RuJ, S. 28. 

12 S. M. Svarc: Antisemitizm ..., S. 7, 17, 25, 29, 39. 

13 KJE, Bd. 8, Sp. 16lf. 

14 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo ..., in: RuJ, S. 22f. 

15 KJE, Bd. 8, Sp. 186. 

16 G. Axonson: Evrejskij vopros v epochu Stalina (Die jüdische Frage in der Sta¬ 
linzeit), in: BRJ-2, S. 137. 

17 RJE, Bd. 2, S. 218. 

18 N. Bucharin: [Vortrag auf der XXIV. Leningrader Gouvernements-Parteikonfe¬ 
renz], in: Pravda (Wahrheit) vom 2. Februar 1927, S. 4. 

19 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm ..., S. 86. 

20 Ju. Larin*: Evrei i antisemitizm ..., S. 124f. (Unter Bezug auf die stenografische 
Mitschrift der Rede Kljucnikovs und mit dem Hinweis, dass ein Teil der Rede 
in Rabocaja Moskva [Arbeitendes Moskau] vom 7. Dezember 1926 gedruckt 
worden war.) 

21 Ebd., S. 127. 

22 M. Agurskij, Ideologija .... S. 223. 

23 G. P. Fedotov: Lico Rossii. Sbornik statej (1918-1931) (Das Anditz Russlands. 
Aufsatzsammlung, 1918-1931), Paris: YMCA-Press, 1967, S. 57. 

24 G. Simon: Evrei carstvujut v Rossii. Iz vospominanij amerikanca (Die Juden re¬ 
gieren in Russland. Aus den Erinnerungen eines Amerikaners), Paris: Rodnik, 
1929, S. 50. 

25 Brief von V. I. Vernadskij an 1.1. Petrunkevic vom 14. Juni 1927, in: Novyj mir 
(Neue Welt), 1989, Nr. 12, S. 219. 

26 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm ..., S. 61—63, 86. 

27 Ebd., S. 259. 

28 E. S.: O nacional’nom sostave RKP (Über die nationale Zusammensetzung der 
Russischen Kommunistischen Partei), in: Pravda (Wahrheit) vom 21. August 
1923, S. 5. 

29 M. Agurskij: Ideologija ..., S. 264. 

30 I. I. Site: Dnevnik »Velikogo pereloma« (mart 1928 — avgust 1931) (Tagebuch 
des »Großen Umbruchs« [März 1928-August 1931]), Paris: YMCA-Press, 
1991, S. 202. 

31 Evrei v kommunisticeskoj partii (Die Juden in der Kommunistischen Partei), in: 
JüdTrib vom 1. Juni 1923 (Nr. 164). 


562 



Anmerkungen zu Kapitel 6 


32 Ju. Larin: Evrei i anrisemitizm S. 257, 268. 

33 E. S.: O nacional’nom sosrave RKP in: Pravda (Wahrheit) vom 21. August 
1923, S. 5. 

34 M. Agurskij: Ideologija S. 303. 

35 Ju. Larin: Evrei i antisemidzm ..., S. 258. 

36 M. Agurskij: Ideologija ..., S. 238f. 

37 Izvestija (Nachrichten) vom 17. Mai 1922, S. 4. 

38 Bolschewiken , S. 316. 

39 L. Ju. Kricevskij: Evrei v apparate VCK OGPU v 20-e gody (Die Juden im Ap¬ 
parat der bei der Vereinigten Staadichen Politischen Verwaltung eingerichteten 
Allrussischen Außerordentlichen Kommission zur Bekämpfung der Konter- 
revoluuon und Sabotage in den 20er-Jahren), in: Evrei i russkaja revoljucija. Ma- 
terialy i issledovanija (Die Juden und die Russische Revolution. Materialien und 
Forschungen), hg. und zusammengestellt von O. V. Budnickij, Moskau-Jerusa¬ 
lem: Gesarim, 1999, S. 330—336. 

40 Ebd., S. 340, 344f. 

41 RJE, Bd. 3, S. 178. 

42 RJE, Bd. l.S. 21. 

43 Izvestija (Nachrichten) vom 18. Dezember 1927, S. 1, 3f. 

44 RJE, Bd. 3, S. 115£, 286, 374, 394,414. 

45 D. Azbel’: Do, vo vremja i posle (Vor, während und nach), in: ZuW, 1989, 
Nr. 105, S. 204f. 

46 Leonard Schapiro: The Role of the Jews in the Russian Revoludonary Move¬ 
ment, in: The Slavonic and East European Review, Bd. 40, London: Athlone 
Press, 1961-62, S. 165. 

47 M. Zarubeznyj: Evrei v Kremle (Die Juden im Kreml), in: Alef, Tel Aviv, Fe¬ 
bruar 1989 (No. 263), S. 24-28. 

48 Aron Abramovic: V resajuscej vojne: Ucasde i rol’ evreev SSSR v vojne protiv 
nacizma (Im entscheidenden Krieg: Die Beteiligung und Rolle der Juden der 
UdSSR im Krieg gegen den Nazismus), 2. Aufl., Tel Aviv 1982, Bd. 1. 

49 IcchakArad: Holocaust. Katastrofa evropejskogo evrejstva (1933-1945) (Holo¬ 
caust. Die Katastrophe des europäischen Judentums [1933-1945]), Jerusalem 
1990, S. 96. 

50 Darüber schreibt insbesondere D. S. Pasmanik in: Russkaja revoljucija i evrejst- 
vo (Bolsevizm i iudaizm) (Die Russische Revolution und das Judentum [Bol¬ 
schewismus und Judaismus]), Paris 1923, S. 148. 

51 RJE, Bd. 2, S. 499£; Bd. 3, S. 273,422. 

52 Izvesdja (Nachrichten) vom 22. Dezember 1927, S. 1. 

53 Vladimir N. Ipadeff: The Life of a Chemist, Stanford, 1946, S. 377. 

54 G. A. Solomon: Sredi krasnych vozdej (Unter den roten Führern), Paris: Misen’, 
1930, Teil 2. 

55 Ipadeff: The Life ..., S. 377. 

56 JüdTrib* vom 6. Juli 1922 (Nr. 130), S. 6. 

57 M. Zarubeznyj: Evrei v Kremle ..., in: Alef Februar 1989 (No. 263), 
S. 26£ 

58 Izvesdja (Nachrichten) vom 25. August 1927, S. 2. 


563 



Anmerkungen zu Kapitel 6 


59 RJE, Bd. 1, S. 331. 

60 Ebd., S. 105, 536, 538; Bd. 2, S. 256. 

61 RJE, Bd. 3, S. 31 lf. 

62 RJE, Bd. 3, S. 302. 

63 RJE, Bd. 1, S. 197f-, 234, 275f.; Bd. 2, S. 18,140, 518; Bd. 3, S. 260. 

64 Izvestija (Nachrichten) vom 27. November 1927, S. 4. 

65 RJE, Bd. 3, S. 383. 

66 B. Bruckus: Evrejskoe naselenie pod kommunisticeskoj vlasr’ju (Die jüdische 
Bevölkerung unter der kommunistischen Macht), in: Sovremennye zapiski 
(Zeitgenössische Notizen), Paris 1928, Bd. 36, S. 519-521. 

67 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm ..., S. 73. 

68 G. Pomeranc: Son o spravedlivom vozmezdii (Der Traum von der gerechten Ver¬ 
geltung), im Sintaksis, 1980, Nr. 6, S. 52£, 68. 

69 B. Mirskij: Cernajasotnja (Die Schwarze Hundertschaft), in: JüdTrib vom 1. Fe¬ 
bruar 1924 (Nr. 58), S. 3. 

70 St. Ivanovic: Evrei i sovetskaja diktatura (Die Juden und die sowjetische Dikta¬ 
tur), in: JW-1, S. 47. 

71 M. Chejfec: Mesto i vremja (evrejskie zametki) (Ort und Zeit [Jüdische No¬ 
tizen]), Paris: Tret’ja volna, 1978, S. 43. 

72 Ebd., S. 44f. 

73 V. Boguslavskij: V zascitu Kunjaeva (Zur Verteidigung Kunjajews) in: »22«, 
1980, Nr. 16, S. 174. 

74 R. Rutman: Solzhenitsyn and the Jewish Question, in: Soviet Jewish AfFairs, 
1974, Bd. 4, Nr. 2, S. 7. 

75 M. Agurskij: Ideologija ..., S. 150. 

76 K evrejam vsech stran! (An die Juden aller Länder!), in: RuJ, S. 7. 

77 I. M. Bikerman: K samopozaniju evreja: Cem my byli, cem my stali, cem my 
dolzny byt’ (Zur Selbsterkenntnis des Juden: Was wir waren, was wir geworden 
sind, was wir sein sollen), Paris 1939, S. 70. 

78 S. Ja. Lur’e: Antisemitizm v drevnem mire (Der Andsemitismus in der antiken 
Welt), Tel Aviv: Sova, 1976, S. 8. [Nachdruck der Originalausgabe Petrograd: 
Byloe, 1922] 

79 E. Kuskova: Kto oni i kak byt’? (Wer sind sie und wie soll man sich verhalten?), 
in: JüdTrib vom 19. Oktober 1922 (Nr. 144), S. lf. 

80 S. S. Maslov: Rossija posle cetyrech let revoljucii (Russland nach vier Jahren 
Revolution), Paris: Russkaja pecat’, 1922, Bd. 2, S. 41. 

81 Ebd., S. 41-43,155, 176f. 

82 Ebd., S. 42,44f. 

83 D. S. Pasmanik, Russkaja revoljucija i evrejstvo ...*, S. 198f. 

84 Ebd., S. 198, 200. 

85 G. A. Landau: Revoljucionnye idei v evrejskoj obscestvennosti (Revolutionäre 
Ideen in der jüdischen Öffendichkeit), in: RuJ, S. 101. 

86 D. S. Pasmanik: Cego ze my dobivaemsja? (Wonach streben wir eigentlich?), in: 
RuJ, S. 217. 

87 M. Kozakov: [Brief] in: Bibliothek des Fonds »Russkoe Zarubez’e« (Russische 
Diaspora) (BFRZ), F. 1, E-60, S. 1. 


564 



Anmerkungen zu Kapitel 6 


88 V. V. Sul’gin: »Cto nam v nich ne nravitsja ...« Ob Antisemitizme v Rossii (»Was 
uns an ihnen nicht gefällt ...« Über den Antisemitismus in Russland), Paris 

1929, S. 41-43. 

89 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm ..., S. 254. 

90 G. Rimskij: Pravitel’stvennyj antisemitizm v Sovetskoj Rossii (Antisemitismus 
der Regierung in Sowjetrussland), in: JüdTrib vom 7. September 1923 (Nr. 
170), S. 3. 

91 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm ..., S. 240—244. 

92 Ebd., S. 244. 

93 Ebd., S. 47. 

94 Ebd., S. 35, 86, 102, 108-110, 120. 

95 Ebd., S. 121, 134£ 

96 Ebd., S. I44f, 148£ 

97 Ebd., S. 238-240, 244£, 247f. 

98 S. M. Svarc: Antisemitizm ..., S. 8, 39. 

99 V. Aleksandrova: Evrei v sovetskoj literature (Die Juden in der sowjetischen 
Literamr), in: BRJ-2, S. 290. 

100 S. M. Svarc: Antisemitizm ..., S. 83f. 

101 L. S.: Na bor’bu s posobnikami kontrrevoljucii (Bekämpft die Helfershelfer der 
Konterrevolution), in: Pravda (Wahrheit) vom 17. Mai 1928, S. 4. 

102 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm ..., S. 9, 119£» 269f., 276£, 280-282. 

103 Ebd., S. 27,45£, 106, 116, 252, 254£, 257. 

104 Ebd., S. 138, 283,288. 

105 Ebd., S. 259, 278. 

106 S. M. Svarc: Antisemitizm ..., S. 72f. 

107 Ebd.*, S. 32. 

108 Ebd.*, S. 88f. 

109 Ebd.*, S. 90f. 

110 G. A. Landau: Revoljucionnye idei ..., in: RuJ, S. 101. 

111S. M. Svarc: Antisemitizm ..., S. 73, 74. 

112 NEP i evrei (Die NÖP und die Juden), in: JüdTrib vom 21. September 1923 
(Nr. 171), S. 3f. 

113 KJE, Bd. 8, Sp. 170£ 

114 KJE, Bd. 8, Sp. 186. 

115 Ju. Latin: Evrei i antisemitizm ..., S. 75, 77-80, 107. 

116 G. Aronson: Evrejskij vopros ..., in BRJ-2, S. 137. 

117 Ju. Larin*: Evrei i antisemitizm ..., S. 121f. 

118 Samuel Ettinger: Russian Society and the Jews, in: Bulletin on Soviet and East 
European Jewish Affairs, 1970, Nr. 5, S. 38f. 

119 Izvestija (Nachrichten) vom 22. April 1928, S. 7. 

120 KJE, Bd. 8, Sp. 187. 

121 Ebd., Sp. 161. 

122 Ebd., Sp. 188. 

123 G. Aronson: Evrejskij vopros ..., in: BRJ-2, S. 136. 

124 NEP i evrei ..., in: JiidTribvom 21. September 1923 (Nr. 171), S. 3f. 

125 G. Simon: Evrei carsvujut..., S. 22, 159, 192, 217, 237. 


565 



Anmerkungen zu Kapitel 6 


126 B. Bruckus: Evrejskoe nasledie .... in: Sovremennye zapiski (Zeitgenössische 
Notizen), 1928, Bd. 36, S. 511f. 

127 Ebd., S. 513-518. 

128 D. S. Pasmanile Russkaja revoljucija S. 194, 195. 

129 V. I. Lenin: Doklad o zamene razverstki natural’nym nalogom. 15 marta 1921 
(Vortrag über die Ersetzung der Ablieferungspflicht durch eine Naturalsteuer. 
15. März 1921), in: V. I. Lenin: Socinenijav45 t. (Werke in 45 Bänden), 4. Auf¬ 
lage, Moskau: Gospoliüzdat, 1941—1967, Bd. 32, S. 201. 

130 A. Sutton: Wall Street i bolsevickaja revoljucija (Die Wall Street und 
die bolschewistische Revolution) (aus d. Engl.), Moskau 1998, S. 64—66, 
193. 

131 V. I. Lenin: Polnoe sobranie socinenij (Vollständige Werksausgabe) in 55 Bän¬ 
den, 5. Aufl., Bd. 53, S. 267. 

132 B. Bruckus: Evrejskoe naselenie .... in: Sovremennye zapiski (Zeitgenössische 
Notizen), 1928, Bd. 36, S. 525. 

133 Ebd., S. 524-526. 

134 Ju. Larin*: Evrei i antisemitizm ..., S. 293, 297f. 

135 P. Struve: Proekt evrejskoj kolonizacii Rossii (Das Projekt der jüdischen Koloni¬ 
sierung Russlands), in: Vozrozdenie (Wiedergeburt), Paris, 25- Oktober 1925 
(Nr. 145), S. 1. 

136 RuT (Das Steuer), Berlin, 1. Oktober 1925 (Nr. 1469), S. 1. 

137 M. Benediktov: Evrejskaja kolonizacija v SSSR (Die jüdische Kolonisierung in 
der UdSSR), in: Poslednie novosti (Neueste Nachrichten) vom 6. November 
1925 (Nr. 1699), S. 2. 

138 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm ..., S. 295, 296, 300-302. 

139 KJE, Bd. 8, Sp. 184. 

140 Ebd., Bd. 8, Sp. 185, 188. 

141 Ebd., Bd. 6, Sp. 139f.. 

142 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm ..., S. 74, 174f., 308. 

143 Ebd., S. 150-152, 233f. 

144 Izvestija (Nachrichten) vom 1. Mai 1928, S. 4. 

145 Ebd., 13. Juli 1927, S. 4. 

146 Ebd. 

147 KJE, Bd. 2, Sp. 552; Bd. 4, Sp. 599. 

148 G. Aronson: Evrejskij vopros ..., in: BRJ-2, S. 137. 

149 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm ..., S. 97f., 236. 

150 Ebd., S. 206. 

151 KJE, Bd. 4, Sp. 600. 

152 Ebd., Bd. 2, Sp. 554. 

153 Ebd., Sp. 354. 

154 G. Aronson: Evrejskij vopros ..., in: BRJ-2, S. 137. 

155 KJE, Bd. 2, Sp. 554. 

156 Chruscev i mif o Birobidzane (Chruschtschow und der Mythos von 
Birobidzan), in: Socialisticeskij vestnik (Sozialistischer Bote), New York 1958, 
Nr. 7-8, S. 142£ 

157 Encyclopaedia Britannica, 15. Aufl., 1981, Bd. 10, S. 817, Sp. 2. 


566 



Anmerkungen zu Kapitel 6 


158 KJE*, Bd. 1, Sp. 445f. 

159 Ju. Lärm: Evrei i antisemitizm S. 183f. 

160 Chruscev i mifin: Socialisuceskij vestnik*, 1958, Nr. 7-8, S. 144. 

161 Ju. Lärm: Evrei i antisemitizm ..., S. 188, 189. 

162 KJE ; Bd. 1, Sp. 448; Bd. 8, Sp. 188. 

163 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm ..., S.184, 186-189. 

164 KJE, Bd. 8, Sp. 188. 

165 Ebd., Bd. 8, Sp. 146. 

166 Ebd., Sp. 165f. 

167 Ebd., Sp. 166. 

168 Ebd., Bd. 7, Sp. 947. 

169 Ebd., Bd. 2, Sp. 465. 

170 G. Aronson: Evrejskij vopros ..., in: BRJ-2, S. 137. 

171 KJE, Bd. 2, Sp. 465. 

172 B. Orlov: Rossija bez evreev (Russland ohne Juden), in: »22«, 1988, Nr. 60, 
S. 161. 

173 Leonard Schapiro: The Role of the Jews ..., in: The Slavonic and East Europe¬ 
an Review, Bd. 40, 1961-62, S. 167. 

174 K evrejam vsech stran! ..., in: Ru], S. 5. 

175 D. S. Pasmanik: Cego ze my dobivaemsja? .... in: Ru], S. 214. 

176 Ders., Russkajarevoljucija ...*, S. 195. 

177 KJE, Bd. 2, Sp. 439; RJE, Bd. 2, S. 432; B. Orlov: Rossija bez evreev (Russland 
ohne Juden), in: »22«, 1988, Nr. 60, S. 161. 

178 I. Sluckij: Sud’ba ivrit v Rossii (Das Schicksal des Hebräischen in Russland), in: 
BRJ-2, S. 24lf„ 246. 

179 KJE, Bd. 2, Sp. 422. 

180 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze s nacala Vtoroj mirovoj vojny (1939-1965) 
(Die Juden in der Sowjetunion seit Beginn des Zweiten Weltkriegs, 
1939-1965), New York: Verlag des Amerikanischen Jüdischen Arbeiterkomi¬ 
tees, 1966, S. 407. 

181 Ju. Latin: Evrei i andsemitizm ..., S. 56. 

182 KJE, Bd. 1, Sp. 326; Bd. 2, Sp. 465; Bd. 6, Sp. 125. 

183 Ju. Mark: Evrejskaja skola v Sovetskom Sojuze (Die jüdische Schule in der 
Sowjetunion), in: BRJ-2, S. 235-238. 

184 KJE, Bd. 8, Sp. 175. 

185 Ebd., Sp. 177-179; RJE, Bd. 2, S. 195f. 

186 Ju. Mark: Literatura na idis v Sovetskoj Rossii (Jiddische Literatur in Sowjet¬ 
russland), in: BRJ-2, S. 224-229. 

187 M. Sluckij: Sud’ba ivrit..., in: BRJ-2, S. 245, 247. 

188 KJE, Bd. 8, Sp. 174,18l£ 

189 G. Svet: Evrejskij teatr v Sovetskoj Rossii (Jüdisches Theater in Sowjetrussland), 
in: BRJ-2, S. 266-271. 

190 KJE, Bd. 9, Sp. 477. 

191 KJE, Bd. 4, Sp. 616. 

192 G. Svet: Evrejskij teatr ..., in: BRJ-2, S. 273-278. 

193 KJE, Bd. 8, Sp. 183. 


567 



Anmerkungen zu Kapitel 6 


194 V. Levirina: Stoilo li szigat’ svoj chram ... (Hat es sich gelohnt, unseren Tempel 
niederzubrennen ...), in: »22«, 1984, Nr. 34, S. 204. 

195 I. B. Sechtman: Sovetskaja Rossija, sionizm i IzraiT (Sowjetrussland, der Zio¬ 
nismus und Israel), in: BRJ-2, S. 321—323. 

196 KJE, Bd. 8,Sp. 200. 

197 Ebd., Sp. 201. 

198 Ebd., Bd. 5, Sp. 476; Bd. 7, Sp. 948. 

199 M. Chejfec: Vospominanij grustnyj svitok (Ein trauriges Bündel an Erinnerun¬ 
gen), Jerusalem 1996, S. 74—79. 

200 I. B. Sechtman: Sovetskaja Rossija ..., in: BRJ-2 , S. 324f. 

201 D. S. Pasmanik: Cego ze my dobivaemsja? ..., in: RuJ, S. 214. 

202 KJE, Bd. 7, Sp. 948; I. B. Sechtman: Sovetskaja Rossija .... in: BRJ-2, 
S. 325-328. 

203 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo ...,in: RuJ, S. 92. 

204 Ebd., S. 53. 

205 I. O. Levin: Evrei v revoljucii (Die Juden in der Revolution), in: RuJ, S. 138. 

206 G. A. Landau: Revoljucionnye idei ..., in: RuJ, S. 118. 

207 KJE, Bd. 8, Sp. 199. 

208 G. B. Sliozberg: Dela minuvsich dnej. Zapiski russkogo evreja (Die Angelegen¬ 
heiten vergangener Tage. Aufzeichnungen eines russischen Juden), Paris 1934, 
Bd. 3, S. 376. 

209 St. Ivanovic: Evrei i sovetskaja diktatura ..., in: JW-1, S. 47. 

210 Jerusalem Post vom 13. April 1973 und 7. Oktober 1979. 

211 Sonja Margolina: Das Ende der Lügen: Rußland und die Juden im 20. Jahr¬ 
hundert, Berlin: Siedler Verlag, 1992, S. 106. 

212 M. Agurskij: Ideologija ..., S. 114. 

213 KJE, Bd. 1, Sp. 235. 

214 S. Pozner: Sovetskaja Rossija* (Sowjetrussland), in: JW-1, S. 271. 

215 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm* .... S. 304. 

216 KJE, Bd. 8, Sp. 194. 

217 Pochod na sinagogi v Sovetskoj Rossii* (Der Feldzug gegen die Synagogen in 
Sowjetrussland), in: JüdTrib vom 21. April 1922 (Nr. 120), S. 7. 

218 KJE, Bd. 8, Sp. 196. 

219 G. Svet: Evrejskaja religija v Sovetskoj Rossii (Die mosaische Religion in Sow¬ 
jetrussland), in: BRJ-2, S. 205—207. 

220 KJE, Bd. 8, Sp. 194. 

221 Ebd., Sp. 195. 

222 G. Svet: Evrejskaja religija ..., in: BRJ-2, S. 209. 

223 KJE, Bd. 4, Sp. Tbl. 

224 Ebd., Bd. 8, Sp. 195. 

225 G. Svet: Evrejskaja religija ..., in: BRJ-2, S. 208. 

226 KJE, Bd. 8, Sp. 197. 

227 Ebd., Sp. 198. 

228 G. Svet: Evrejskaja religija ..., in: BRJ-2, S. 208f. 

229 KJE, Bd. 8, Sp. 199. 

230 Ju. Larin: Evrei i andsemitizm ..., S. 285. 


568 



Anmerkungen zu Kapitel 6 


231 I. Sluckij: Sud’ba ivrit..in: BRJ-2, S. 246. 

232 Sorok sorokov. ATbom-ukazatel’ vsech moskovskich cerkvej (Die Vierzig mal 
Vierzig. Album aller Moskauer Kirchen) in 4 Bden (zusammengestellt von 
S. Zvonarev [P. Palamarcuk]), Paris: YMCA-Press, 1988. Bd. 1, S. 13; S. Pozner: 
Sovetskaja Rossija ..., in: JW-1, S. 271. 

233 M. Popovskij: Ö nas .... in: Novyj amerikanec (Der neue Amerikaner), New 
York, 20.—26. September 1981 (Nr. 84), S. 7. 

234 KJE , Bd. 4, Sp. 275; RJE, Bd. 3, S. 439. 

235 Ebd., Bd. 1, Sp. 653. 

236 Ebd., Bd. 4, Sp. 276f. 

237 A. Tyrkova-Williams: Teni minuvsego (Schatten des Vergangenen), in: ZuW, 
New York, 1990, Nr. 111, S. 214£ 

238 KJE, Bd. 4, Sp. 860-862. 

239 Ebd., Bd. 1, Sp. 547. 

240 Ebd., Bd. 5, Sp. 54l£; RJE, Bd. 2, S. 86f. 

241 RJE, Bd. 1, S. 377. 

242 Ebd., Bd. 2, S. 287. 

243 Ebd., Bd. 1, S. 288, 409. 

244 Ebd., Bd. 3, S. 336. 

245 M. Agurskij: Ideologija ..., S. 240. 

246 Ebd., S. 240-242, 244. 

247 Izvestija (Nachrichten) vom 13. Oktober 1927, S. 2. 

248 Em. Jaroslavskij: Prodv andsemitizma (Gegen den Andsemidsmus), in: Pravda 
(Wahrheit) vom 12. November 1927, S. 2. 

249 Izvesdja (Nachrichten) vom 11. Dezember 1927, S. 1. 

250 Ebd., 22. Dezember 1927, S. 2-4; 23. Dezember 1927, S. 4, 5. 

251 RJE, Bd. 2, S. 93; Bd. 3, S. 497. 

252 S. Margolina: Das Ende der Lügen ..., S. 84. 

253 M. Popovskij: O nas ..., in: Novyj amerikanec (Der neue Amerikaner), New 
York, 20.-26. September 1981 (Nr. 84), S. 7. 

254 N. Semasko: Evrei na zemle (Die Juden auf der Erde), in: Izvesdja (Nachrich¬ 
ten) vom 20. August 1927, S. 3. 

255 S. Ettinger, in: Bulledn on Soviet and East European Jewish Affairs, 1970, 
Nr. 5, S. 38f. 

256 Pravda (Wahrheit) vom 13. August 1925, S. 3. 

257 Sorok Sorokov ..., Bd. 1*, S. 15. 

258 S. Margolina: Das Ende der Lügen ..., S. 79. 

259 A. Voronel’: Trepet iudejskich zabot (Judas sorgenvolles Bangen), 2. Aufl., Mos¬ 
kau-Jerusalem: Ramat-Gan, 1981, S. 120. 

260 Izvesdja (Nachrichten) vom 22. September 1930, S. 1, 3£, und vom 25. Sep¬ 
tember 1930, S. 1. 

261 D. Sturman: Om - vedali (Sie wussten es), in: »22«, 1990, Nr. 73, S. 126-144. 

262 I. Zundelevic: Voschozdenie (Aufsdeg), in: »22«, 1983, Nr. 29, S. 54. 

263 S. Margolina: Das Ende der Lügen ..., S. 144£ 

264 G. Surmak: Sul’gin i ego apologety (Schulgin und seine Apologeten), in: Novyj 
mir (Neue Welt), 1994, Nr. 11, S. 244. 


569 



Anmerkungen zu Kapitel 7 

1 Izvestija (Nachrichten) vom 22. Januar 1928, S. 1. 

2 Izvestija vom 26. Januar 1928, S. 3. 

3 A. Sutton: Wall Street i bolsevickaja revoljucija (Die Wall Street und die bol- 
schewisdsche Revolution) (aus d. Engl.), Moskau, 1998, S. 210, 212. 

4 Ebd., S. 214, 215- 

5 A. Voronel’, in: »22«, 1986, Nr. 50, S. 160. 

6 Izvestija vom 30. November 1936, S. 2. 

7 RJE, Bd. 1, S. 527f. 

8 Robert Conquest: Bolsoj terror (Der große Terror) (aus d. Engl.), Florenz: Edi- 
zioni Aurora 1974, S. 70, 73. 

9 RJE, Bd. 3, S. 95. 

10 Izvesdjavom 14. Juli 1930, S. 1. 

11 Izvesdjavom 11. Februar 1934, S. lf. 

12 RJE, Bd. 2, S. 163. 

13 RJE, Bd. 3, S. 189. 

14 Ebd., S. 283, 344. 

15 Izvesdjavom 18. Januar 1936, S. 1; 6. Februar 1936, S. 3. 

16 RJE, Bd. 1, S. 394. 

17 Ebd., S. 313. 

18 Siehez.B. Izvesdjavom 12. Juli 1930, 14. und 17. März 1931, 6. Januar 1934, 
10. Januar 1936 und 21. Februar 1936. 

19 Izvestija vom 25- Dezember 1930, S. 1. 

20 Izvesdjavom 14. März 1931, S. 3f; 17. März 1931, S. lf. 

21 Izvestija vom 2. Februar 1931, S. 4; 30. Mai 1931, S. 1. 

22 Izvestija vom 20. Februar 1936, S. 4. 

23 RJE, Bd. 3, S. 497. 

24 RJE, Bd. 2, S. 98, 256. 

25 RJE, Bd. 1, S. 418. 

26 Ebd., S. 483. 

27 Siehe z.B. Izvestija vom 17. Mai 1931, S. 3. 

28 Izvesdjavom 9. Dezember 1936, S. 1. 

29 Izvestija vom 7. Juli 1930, S. 2. 

30 RJE, Bd. 1, S. 222, 387; Bd. 3, S. 237,464. 

31 Izvestija vom 14. November 1930, S. 2; 16. November 1930, S. 4. 

32 Izvesdjavom 13. Februar 1931, S. 3. 

33 Izvesdjavom 9. April 1936, S. 2. 

34 Izvesdjavom 5. November 1930, S. 2; 11. November 1930, S. 5. 

35 Izvestija vom 11. Juni 1936, S. 2. 

36 V. Boguslavskij: V zascitu Kunjaeva (Zur Verteidigung Kunjajews), in: »22«, 
1980, Nr. 16, S. 174. 

37 Izvestija vom 24. April 1931, S. 2. 

38 Izvestija vom 18. Mai 1930, S. 1. 

39 KJE, Bd. 4, Sp. 879. 

40 RJE, Bd. 3, S. 58. 


570 



Anmerkungen zu Kapitel 7 


41 RJE, Bd. 1, S. 101. 

42 A. Abramovic: V resajuscej vojne. Ucastie i roF evreev SSSR v vojne protiv 
nacizma (Im entscheidenden Krieg. Die Beteiligung und Rolle der Juden 
der UdSSR im Krieg gegen den Nazismus), 2. Aufl., Tel Aviv 1982, Bd. 1, 
S. 61. 

43 RJE, Bd. 1, S. 63, 376, 515; Bd. 2, S. 120, 491; Bd. 3, S. 300f. 

44 RJE, Bd. 1, S. 244, 350; Bd. 2, S. 78; Bd. 3, S. 179, 206E, 493f.; A. Abramovic: 
Vresajuscej vojne ..., Bd. 1, S. 62. 

45 L. Ju. Kricevskij: Evrei v apparate VCK OGPU v 20-e gody (Die Juden im Ap¬ 
parat der bei der Vereinigten Staatlichen Politischen Verwaltung eingerichteten 
Allrussischen Außerordentlichen Kommission zur Bekämpfung von Konterre¬ 
volution und Sabotage in den 20er Jahren), in: Evrei i russkaja revoljucija. Ma- 
terialy i issledovanija (Die Juden und die Russische Revolution. Materialien und 
Forschungen), hg. und zusammengestellt von O. V. Budmckij, Moskau-Jerusa¬ 
lem: Gesarim, 1999, S. 343f.; Izvestija vom 20. Dezember 1937, S. 2. 

46 Izvestija vom 27. November 1935, S. 1; 29. November 1935, S. 1. 

47 Robert Conquest: Bolsoj terror ..., S. 187. 

48 RJE, Bd. 3, S. 473. 49. 

49 Aleksandr Orlov: Aus dem Vorwort zum Buch »Tajnaja istorija stalinskich pres- 
tuplenij« (Die geheime Geschichte der Stalinschen Verbrechen), in: ZuW, 1982, 
Nr. 67, S. 202. 

50 RJE, Bd. 2, S. 62. 

51 Izvestija vom 27. September 1936, S. 1; 30. September 1936, S. 3; RJE, Bd. 1, 
S. 124. 

52 RJE, Bd. 2, S. 187, 218, 432; Bd. 3, S. 358. 

53 A. Kokurin, N. Petrov: NKVD. Struktura, funkcii, kadry (Das NKWD. Struk¬ 
turen, Funktionen, Kader), in: Svobodnaja mysF (Freies Denken), 1997, Nr. 6, 
S. 113-116. 

54 RJE, Bd. 2, S. 22, 5l£, 389. 

55 A. Kokurin, N. Petrov: NKVD ..., in: Svobodnaja mysF, 1997, Nr. 6, S. 118. 

56 RJE, Bd. 2, S. 293; Bd. 3, S. 311. 

57 RJE, Bd. 1, S. 170. 

58 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stahna. Vlast’ i anusemitizm (Stalins Ge¬ 
heimpolitik. Macht und Antisemitismus), Moskau: Mezdunarodnye otnosenija, 
2001, S. 210. 

59 In Kursivschrift hervorgehoben sind die Namen der Erschossenen und das Jahr 
der Hinrichtung, anderenfalls bedeutet die Zahl das Jahr der Festnahme; ge¬ 
sondert angegeben sind Personen, die in Erwartung der Verhaftung Selbstmord 
begingen oder die in der Haft starben. 

60 Siehe z.B. in N. V. Petrov, K. V. Skorkin: Kto rukovodil NKVD, 1934-1941. 
Spravocnik (Wer leitete das NKWD, 1934-1941. Ein Nachschlagewerk), Mos¬ 
kau: Zven’ja, 1999. 

61 Pavel Sudoplatov: Specoperacii. Lubjanka i Kreml: 1930-1950 gg. (Sonderein¬ 
sätze. Die Lubjanka und der Kreml: 1930-1950), Moskau: OLMA-Press, 1997, 
S. 400f. 

62 Izvestija vom 16. Mai 1992, S. 6. 


571 



Anmerkungen zu Kapitel 7 


63 E. Zirnov: »Procedura kazni nosila omerzitel’nyj charakter« (»Die Hinrich¬ 
tungsprozedur war abscheulich«), in: Komsomol’skaja pravda (Komsomol- 
Wahrheit) vom 28. Oktober 1990, S. 2. 

64 R. Conquest: Bolsoj terror S. 797f. 

65 L. Ju. Kricevskij, S. 343f. 

66 R. Conquest: Bolsoj terror S. 459. 

67 Ju. Margolin: Tel’-Avivskij bioknot (Tel Aviver Notizbuch), in: Novoe russkoe 
slovo (Das neue russische Wort), New York, 5. August 1968. 

68 R. Conquest: Bolsoj terror ..., S. 427f., 430. 

69 Siehe z.B. in: O. F. Suvenirov: Tragedija RKKA, 1937—1938 (Die Tragödie der 
Roten Arbeiter-und Bauernarmee, 1937—1938), Moskau: Terra, 1998. 

70 RJE, Bd. 3, S.430; A. Abramovic: V resajuscej vojne ..., Bd. 1, S. 66; V. Katun- 
cev, I. Koc: Incident. Podopleka Chasanskich sobytij (Ein Zwischenfall: Der 
Hintergrund der Ereignisse am Chasan-See), in: Rodina (Heimat), 1991, Nr. 
6-7, S. 17. 

71 RJE, Bd. 3, S. 82; A. Abramovic: V resajuscej vojne ..., Bd. 1, S. 64-66. 

72 St. Ivanovic: Evrei i sovetskaja diktatura (Die Juden und die sowjetische Dikta¬ 
tur), in: JW-1, S. 43. 

73 Ebd., S. 44-46. 

74 Brief von V. I. Vernadskij an 1.1. Petrunkevic vom 14. Juni 1927, in: Novyj mir 
(Neue Welt), 1989, Nr. 12, S. 220. 

75 M. Chejfec: Uroki proslogo (Lehren der Vergangenheit), in: »22«, 1989, Nr. 63, 
S. 202. 

76 S. Margolina: Das Ende der Lügen: Rußland und die Juden im 20. Jahrhundert, 
Berlin: Siedler Verlag, 1992, S. 84. 

77 M. Carinnik: Ukrainsko-evrejskij dialog (Ukrainisch-jüdischer Dialog), in: 
»22«, 1984, Nr. 37, S. 160. 

78 S. M. Svarc: Antisemitizm v Sovetskom Sojuze (Antisemitismus in der Sowjet¬ 
union), New York: Izd-vo im. Cechova, 1952, S. 8, 98f., 107f. 

79 New York Times vom 15. Januar 1931, S. 9. 

80 I. V. Stalin: Socinenija (Werke). In 13 Bden. Moskau: Gospolitizdat, 
1946-1951. Bd. 13, S. 28. 

81 Izvestija vom 30. November 1936, S. 2. 

82 S. Pozner: Sovetskaja Rossija (Sowjetrussland), in: JW-1, S. 260. 

83 S. M. Svarc: Antisemitizm ..., S. 118. 

84 St. Ivanovic: Evrei i sovetskaja diktatura ..., in: JW-1, S. 50-52. 

85 Ebd., S. 51f. 

86 B. Orlov: Rossija bez evreev (Russland ohne Juden), in: »22«, 1988, Nr. 60, 
S. 160. 

87 Ju. Margolin: Tel’-Avivskij bioknot (Tel Aviver Notizbuch), in: Novoe russkoe 
slovo (Das neue russische Wort), New York, 5. August 1968. 

88 KJE, Bd. 8, Sp. 167. 

89 Ebd., Sp. 176. 

90 Ju. Mark: Evrejskaja skola v Sovetskom Sojuze (Die jüdische Schule in der Sow¬ 
jetunion), in: BRJ-2, S. 239. 

91 KJE, Bd. 8, Sp. 176£, 179. 


572 



Anmerkungen zu Kapitel 7 


92 RJE, Bd. 2, S. 58,432. 

93 KJE, Bd. 8, Sp. 179, 181. 

94 Ju. Mark: Literatura na idis v Sovetskoj Rossii (Jiddische Literatur in Sowjet¬ 
russland), in: BRJ-2, S. 216. 

95 Ebd., S. 230. 

96 KJE, Bd. 8, Sp. 182f. 

97 RJE, Bd. 1, S. 15,417; Bd. 2, S. 84. 

98 KJE, Bd. 8, Sp. 198f. 

99 G. Svet: Evrejskaja religija v Sovetskoj Rossii (Die mosaische Religion in Sow¬ 
jetrussland), in: BRJ-2, S. 209. 

100 RJE, Bd. 1, S. 145; Bd. 2, S. 260. 

101 Izvestija vom 19. Juli 1931, S. 2. 

102 KJE, Bd. 8, Sp. 173, 190, 193. 

103 Izvestija vom 12. Dezember 1930, S. 2. 

104 S. M. Svarc: Birobidzan, in: BRJ-2, S. 170f., 200. 

105 Ebd., S. 177f. 

106 Ebd., S. 173, 180. 

107 Izvestija vom 26. Oktober 1936, S. 3. 

108 RJE, Bd. 1, S. 214. 

109 S. M. Svarc: Birobidzan*, in: BRJ-2, S. 176. 

UQ KJE, Bd. 8,Sp. 190. 

111 S. M. Svarc: Birobidzan*, in: BRJ-2, S. 177. 

112 Ebd., S. 178, 179. 

113 Beni Peled: My ne mozem zdat’ esce dve tysjaci let! (Wir können nicht noch 
2000 Jahre warten!) (Interview), in: »22«, 1981, Nr. 17, S. 116. 

114 KJE, Bd. 5, Sp. 477£ 

115 G. Aronson: Evrejskij vopros v epochu Stalina (Die jüdische Frage in der Sta- 
linzeit), in: BRJ-2, S. 137. 

116 Ju. Larin: Evrei i antisemitizm v SSSR (Die Juden und der Andsemiusmus in der 
UdSSR), Moskau-Leningrad: GIZ, 1929, S. 245. 

117 KJE, Bd. 8, Sp. 190. 

118 Ebd. 

119 S. Pozner: Sovetskaja Rossija, in: JW-1, S. 264. 

120 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja polidka ..., S. 198. 

121 KJE, Bd. 8, Sp. 190. 

122 G. Aronson: Evrejskij vopros ..., in BRJ-2, S. 138. 

123 Ebd., S. I40f. 

124 RJE, Bd. 2, S. 150. 

125 G. Svet: Evrei v russkoj muzykal’noj kul’ture v sovetskij period (Die Juden in der 
russischen Musikkultur in der Sowjetzeit), in: BRJ-2, S. 256-262. 

126 KJE, Bd. 2, Sp. 393f. 

127 Jurij Elagin: Ukroscenie iskusstv (Die Zähmung der Künste), Vorwort von 
M. Rostropovic, New York: Ermitaz, 1988, S. 340-345. 

128 KJE, Bd. 4, Sp. 277. 

129 Ebd., Sp. 275- 

130 Ebd., Sp. 211 i. 


573 



Anmerkungen zu Kapitel 8 


131 Ebd.,Sp. 116. 

132 RJE, BtL 1, S. 245f. 

133 L. Kopelev: O pravde i cerpimosti (Über die Wahrheit und die Toleranz), New 
York: Khronika Press, 1982, S. 56f. 

134 RJE, Bd. 1, S. 108,238f. 

135 P. Sudoplatov: Specoperacii ..., S. 19. 

136 KJE ; Bd. 4, Sp. 397. 

137 KJE, Bd. 8, S P . 190£ 

138 L. L. Mininberg: Sovetskie evrei v n.auke i promyslennosti SSSR v period Vto- 
roj mirovoj vojny (1941-1945) (Die sowjetischen Juden in der Wirtschaft und 
der Industrie der UdSSR in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, 1941—1945), Mos¬ 
kau 1995, S. 16. 

139 Alexander Weissberg: Conspiracy of Silence, London 1952, S. 359f. 

140 KJE, Bd. 4, Sp. 660. 

141 RJE, Bd. 3, S. 401. 

142 Izvestija vom 7. April 1931, S. 2; 11. April 1931, S. 3; 12. April 1931, S. 4; RJE, 
Bd. 2, S. 6l£ 

143 KJE, Bd. 8, Sp. 191. 

144 Ebd. 

145 S. M. Svarc: Andsemitizm ..., S. 111 f, 114, 121f. 

146 RJE, Bd. 1, S. 486; Bd. 2, S. 196. 

147 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze s nacala Vtoroj mirovoj vojny (1939-1965) 
(Die Juden in der Sowjetunion seit Beginn des Zweiten Weltkriegs, 
1939-1965), New York: Verlag des Amerikanischen Jüdischen Arbeiterkomi¬ 
tees, 1966, S. 410. 

148 Z. Sejnis: M. M. Litvinov: Poslednie dni (M. M. Litvinov: Die letzten Tage), in: 
Soversenno sekretno (Streng geheim), Moskau 1992, Nr. 4, S. 15. 

149 LevTrockij: Pocemu oni kajalis’ (Warum sie bereut haben), in: ZuW, 1985, Nr. 
87, S. 226. 

150 E. Kuliser: Izgnanie i deportacija evreev (Die Vertreibung und die Deportation 
der Juden), in: JW-2, S. 259. 

151 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 33f. 

152 The Sentinel, Chicago, Vol. XXXXIII, Nr. 13 vom 27. Juni 1946, S. 5. 

153 G. Aronson: Evrejskij vopros ..., in: BRJ-2, S. 141. 

154 I. Sechtman: Sovetskoe evrejstvo v germano-sovetskoj vojne (Das sowjetische 
Judentum im deutsch-sowjetischen Krieg), in: JW-2, S. 22l£ 


Anmerkungen zu Kapitel 8 

1 S. Badas: Kolyma ty moja, Kolyma ... (Kolyma, du meine Kolyma ...), New 
York: Effect Publishing Inc., 1986, S. 65£ 

2 V. Lemport: ßllipsy sud’by (Ellipsen des Schicksals), in: ZuW, 1991, Nr. 113, 
S. 168. 

3 A. Voronel’: Trepet iudejskich zabot (Judas sorgenvolles Bangen), 2. Aufl., Mos¬ 
kau-Jerusalem: Ramat-Gan, 1981, S. 28£ 


574 



Anmerkungen zu Kapitel 9 

4 M. Chejfec: Mesto i vremja (evrejskie zametki) (Ort und Zeit [Jüdische Noti¬ 
zen]), Paris: Tret’ja volna, 1978, S. 93. 

5 A. Zisman: »Kniga o russkom evrejstve« (»Das Buch vom russischen Juden¬ 
tum«), in: Novaja Zarja (Neue Morgenröte), San Francisco, 7. Mai 1960, S. 3. 

6 Iosif (Joseph) Berger: Krusenie pokoienija. Vospominanija (Der Untergang 
einer Generation. Erinnerungen), (aus dem Engl.), Firenze: Edizioni Aurora, 
1973, S. 148-164. 

7 Izvestija (Nachrichten) vom 5. August 1933, S. lf. 

8 Belomorsko-Baltijskij Kanal imeni Stalina. Istorija stroitelstva (Der Weißmeer- 
Ostsee-Kanal [Stalin-Kanal]. Baugeschichte), hg. von M. Gor’kij, L. L. Aver- 
bach, S. G. Firin, [Moskau:] Istorija Fabrik i Zavodov (Geschichte der Fabriken 
und Werke), 1934. 

9 Näheres zu Frenkel in »Der Archipel Gulag«. 

10 G. Mironova: Tunnel’ v prosloe (Tunnel in die Vergangenheit), in: Komso- 
mol’skaja pravda (Komsomol-Wahrheit) vom 18. April 1989, S. 1. 

11 RJE, Bd. 1, S. 526£; Bd. 2, S. 27. 

12 Asir Sandler: Uzelki na pamjat. Zapiski reabilitirovannogo (Knoten ins Ta¬ 
schentuch. Aufzeichnungen eines Rehabilitierten), Magadaner Buchverlag, 
1988, S. 22, 62-64. 

Anmerkungen zu Kapitel 9 

1 I. Sechtman: Sovetskoe evrejstvo v germano-sovetskoj vojne (Sowjetisches Ju¬ 
dentum im deutsch-russischen Krieg), in: JW-2, S. 225f. 

2 A. A. Gol’dstejn: Sud’ba evreev v okkupirovannoj nemcami Sovetskoj Rossii 
(Das Schicksal der Juden im von den Deutschen besetzten Sowjetrussland), in: 
BRJ-2 , S. 89, 92. 

3 Rescue: Information Bulletin of the Hebrew Sheltering and Immigrant Aid So¬ 
ciety (HIAS), July-August 1946 (vol. III, Nr. 7-8), S. 2. Zitiert nach: S. Svarc: 
Evrei v Sovetskom Sojuze c nacala Vtoroj mirovoj vojny (1939-1965) (Die 
Juden in der Sowjetunion seit Beginn des Zweiten Weltkriegs [1939-1965]), 
New York: Izd. Amerikanskogo Evrejskogo Rabocego Komiteta, 1966, S. 45. 

4 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 55. 

5 Mose Kaganovic: Der idiser ontajl in partizanerbavegung fun Sovet-Russland 
(Der jüdische Anteil an der Partisanenbewegung von Sowjetrussland), Rom 
1948, S. 188. Zitiert nach: S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 45f. 

6 M. Kupoveckij: Ljudskie poteri evrejskogo naselenijavposlevoennych granicach 
SSSR v gody Velikoj Otecestvennoj vojny (Die menschlichen Verluste der jüdi¬ 
schen Bevölkerung innerhalb der Nachlöriegs-Grenzen der UdSSR in den Jah¬ 
ren des Großen Vaterländischen Kriegs), in: Vestnik Evrejskogo Universiteta v 
Moskve (Bote der Jüdischen Universtität in Moskau), 1995, Nr. 2 (9), S. 137, 
145, 151. 

7 YitzhakArad: Holocaust: Katastrofa evropejskogo evrejstva (1933-1945): Sbor- 
nik statej (Holocaust: Die Katastrophe des europäischen Judenmms 
[1933-1945]: Aufsatzsammlung), Jerusalem: Yad Vashem, 1990, S. 62. 


575 



Anmerkungen zu Kapitel 9 


8 M. Kupoveckij: Ljudskie poteri .... S. 245. 

9 Y. Arad: Holocaust, S. 61. 

10 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze...,S. 181. 

11 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stalina: Vlast’ i antisemidzm* (Stalins Ge¬ 
heimpolitik. Macht und Antisemitismus). Moskau: Mezdunarodnye otnosenija, 

2001, S. 431. 

12 KJE, Bd. 4, Sp. 176. 

13 S. M. Svarc: Birobidzan, in: BRJ-2, S. 187. 

14 I. Sechtman: Sovetskoe evrejstvo ..., in: JW-2 , S. 226f. 

15 G. Aronson: Evrejskij vopros v epochu Stalina (Die jüdische Frage in der Epo¬ 
che Stalins), in: BRJ-2, S. 144. 

16 S. Cirjul’nikov: SSSR, evrei i IzraiT (Die UdSSR, die Juden und Israel), in: ZuW, 
1987, Nr. 96, S. 15lf- 

17 I. Sechmant: Sovetskoe evrejstvo ..., in: JW-2, S. 224. 

18 Sovetskij tyl vpervyj period Velikoj Otecestvennoj vojny (Sbornik) (Das sowje¬ 
tische Hinterland in der Anfangsphase des Großen Vaterländischen Kriegs, Sam¬ 
melband), Moskau 1988, S. 139. 

19 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 53. 

20 L. L. Mininberg: Sovetskie evrei v nauke i promyslennosti SSSR v period Vto- 
roj mirovoj vojny (1941-1945) (Russische Juden in Wissenschaft und Industrie 
der UdSSR in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, 1941-1945), Moskau 1995, 
S. 13. 

21 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 53. 

22 Ebd., S. 46, 53. 

23 Y. Arad: Otnosenie sovetskogo rukovodstva k Cholokosty (Die Einstellung 
der sowjetischen Führung zum Holocaust), in: Vestnik Evrejskogo Univer- 
siteta v Moskve (Bote der Jüdischen Universtität in Moskau), 1995, Nr. 2 (9), 
S. 23. 

24 I. Sechtman: Sovetskoe evrejstvo ..., in: JW-2, S. 238. 

25 Ebd., S. 237. 

26 Doklad Predsedatelja Gosudarstvennogo Komiteta Oborony tov. I.V. Stalina na 
torzestvennom zasedanii Moskovskogo Soveta deputatov trudjascichsja 6 no- 
jabrja 1941 goda (Vortrag des Vorsitzenden des Staatlichen Komitees der Ver¬ 
teidigung, Genossen I. V. Stalin, bei der feierlichen Sitzung des Moskauer Rats 
der Arbeiterdeputierten vom 6. November 1941), in: Pravda (Wahrheit) vom 7. 
November 1941, S. lf. 

27 Y. Arad: Otnosenie sovetskogo rukovodstva ..., S. 17. 

28 Izvestija (Nachrichten) vom 7. Januar 1942, S. lf. 

29 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ...*, S. 138-145. 

30 G. Aronson: Evrejskij vopros ..., in: BRJ-2, S. 146. 

31 S. Svejbis: fivakuacija i sovetskie evrei v gody Katastrofy (Evakuation und die 
sowjetischen Juden in den Jahren der Katastrophe), in: Vestnik Evrejskogo Uni- 
versiteta v Moskve (Bote der Jüdischen Universtität in Moskau), 1995, Nr. 2 (9), 
S. 47. 

32 Pravda vom 18. November 1938, S. 1. 

33 Pravda vom 28. November 1938, S. 2f. 


576 



Anmerkungen zu Kapitel 9 


34 Y. Arad: Otnosenie sovetskogo rukovodstva ..., S. 15f. 

35 S. Svejbis: Evakuacija i sovetskie evrei ..S. 47f. 

36 KJE, Bd. 8, Sp. 223. 

37 Ebd., Sp. 49. 

38 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stalina ..., S. 231. 

39 Ebd., S. 233-235. 

40 G. Aronson: Evrejskij vopros ..., in: BRJ-2, S. 148. 

41 P. Sudoplatov: Specoperacii: Lubjanka i Kreml’: 1930-1950 gody (Sonderein¬ 
sätze: Die Lubjanka und der Kreml: 1930-1950), Moskau: OLMA-Press, 1997, 
S. 465, 470. 

42 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 239. 

43 G.V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stalina ..., S. 237-239. 

44 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 166-170. 

45 D. Sub: Evrei v russkoj revolucii (Die Juden in der Russischen Revoludon), in: 
JW-2, S. 145. 

46 L. Ju. Kricevskij: Evrei v apparate VCK OGPU v 20-e gody (Die Juden im Ap¬ 
parat der bei der Vereinigten Staatlichen Politischen Verwaltung eingerichteten 
Allrussischen Außerordendichen Kommission zur Bekämpfung der Konterre¬ 
volution und Sabotage in den 20er-Jahren), in: Evrei i russkaja revoljucija. Ma- 
terialy i issledovanija (Die Juden und die Russische Revolution. Materialien und 
Forschungen), hg. von O. V. Budnickij, Moskau-Jerusalem: Gesarim, 1999, 
S. 344. 

47 E. Stalinskij: Evrei v Krasnoj armii (Juden in der Roten Armee), in: JW-2, 
S. 243-245. 

48 G. Aronson: Evrejskij vopros ..., in: BRJ-2, S. 143. 

49 V. Anfilov: Kak »opravdalsja« Stalin (Wie Stalin sich »rechtfertigte«), in: Rodi- 
na (Heimat) 1991, Nr. 6-7, S. 31; RJE, Bd. 2, S. 276£ 

50 A. Abramovic: V resajuscej vojne: Ucastie i rol’ evreev SSSR v vojne pro- 
tiv nacizma (Im entscheidenden Krieg: Die Teilnahme und die Rolle der Ju¬ 
den der UdSSR im Krieg gegen den Nazismus), Tel Aviv 1992, Bd. 2, S. 
536-578. 

51 Y. Arad: Holocaust..., S. 93. 

52 M. Visnjak: Mezdunarodnaja konvencija protiv antisemitizma (Die internatio¬ 
nale Konvention gegen den Antisemitismus), in: JW-2, S. 98. 

53 G. Aronson: Evrejskij vopros ..., in: BRJ-2, S. 143. 

54 A. Abramovic: V resajuscej vojne ..., Bd. 2, S. 548-555. 

55 Ocerki evrejskogo geroizma: V 3 t. (Skizzen des jüdischen Heldentums. In drei 
Bänden), zusammengestellt von G. S. Sapiro, S. L. Averbuch, Kiev, Tel Aviv 
1994-1997. 

56 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stahna ..., S. 245 (mit Verweis auf das ehe¬ 
malige Zentralarchiv der Partei beim ZK der KPdSU, heute RGASPI, Fonds 17, 
Verzeichnis 125, Nr. 127, Blatt 220). 

57 Y. Arad: Holocaust..., S. 128. 

58 L. L. Mininberg: Sovetskie evrei v nauke .... S. 18, 444£, 452, 474£ 

59 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 154-156. 

60 E. Stalinskij: Evrei v Krasnoj armii ..., in: JW-2, S. 250. 


577 



Ayimerkungen zu Kapitel 9 

61 A. Abramovic: V resajuscej vojne Bd. 2, S. 562. 

62 S. Frejlich: Istorija odnogo boja (Geschichte eines Kampfes), in: Kinoscenarii 
(Filmszenarien), Moskau 1990, Nr. 3, S. 132. 

63 L. Lazarev: Zapiski pozilogo celoveka (Aufzeichnungen eines betagten Men¬ 
schen), in: Znamja (Fahne), 2001, Nr. 6, S. 167. 

64 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 154. 

65 Dr. Jerzy Gliksman: Jewish Exiles in Soviet Russia (1939-1943), Teil 2, Juli 
1947, S. 17, in: Archiv Atnerikanskogo Evrejskogo Komiteta v N’ju-Jorke 
(Archiv des Amerikanischen Jüdischen Komitees in New York). Zitiert nach: 
S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 157. 

66 KJE, Bd. 8, Sp. 223. 

67 Rachel Erlich: Summary Report on Eighteen Intensive Interviews with Jewish 
DP’s from Poland and the Soviet Union. Oktober 1948, S. 27, in: Archiv des 
Amerikanischen Jüdischen Komitees in New York. Zitiert nach: Antisemitizm v 
Sovetskom Sojuze (Antisemitismus in der Sowjetunion), New York: Izd-vo im. 
Cechova, 1952, S. 192. 

68 Y. Arad: Holocaust, S. 128. 

69 E. Stalinskij: Evrei v Krasnoj armii.... in: JW-2, S. 240. 

70 A. Voronel’: Ljudi na vojne, ili esce raz ob unikal’nosri Israilja (Menschen im 
Krieg, oder noch einmal von der Einzigartigkeit Israels), in: »22«, 1984, Nr. 34, 
S. 146. 

71 KJE, Bd. 1, Artikel »Voennaja sluzba« (Militärdienst), Sp. 690; Bd. 4, Artikel 
»Katastrofa« (Katastrophe), Sp. 159; in dem Artikel »Sovetskij Sojuz« (Bd. 8, Sp. 
224) gibt die KJE die Zahl der Juden in der sowjetischen Armee mit 450 000 an 
und nochmals 25000-30000 in den Reihen der Partisanen. 

72 Y. Arad: Holocaust..., S. 102. 

73 Ebd., S. 86. 

74 KJE, Bd. 8, Sp. 441. 

75 Y. Arad: Holocaust..., S. 98-102. 

76 So glauben wir beispielsweise, dass die Zahl der »Ostjuden«, die vor der An¬ 
kunft der Deutschen mobilisiert werden konnten, etwas niedriger, dafür 
der durchschnitdiche Anteil der Armeeangehörigen an der Gesamtbevölke¬ 
rung der UdSSR möglicherweise etwas höher war, als von Y. Arad vorgerech¬ 
net. 

77 In der eben erscheinenden Militärenzyklopädie sind wohl zum ersten Mal An¬ 
gaben über die Gesamtzahl der in den Jahren des Großen Vaterländischen Krie¬ 
ges Einberufenen gemacht worden: 30 Millionen. Vgl.: Voennaja enciklopedi- 
ja: V 8 t. (Militärenzyklopädie in 8 Bänden), Moskau: Voenizdat, 2001, 
Bd. 5, S. 182. 

78 KJE, Bd. 7, Sp. 385. 

79 KJE, Bd. 1, Sp. 686. 

80 Ebd., S. 686f. 

81 Y. Arad: Holocaust..., S. 118. 

82 A. Abramovic: Vresajuscej vojne ..., Bd. 2, S. 531f. 

83 KJE, Bd. 8, Sp. 232. 

84 Y. Arad: Holocaust..., S. 96. 


578 



Anmerkungen zu Kapitel 9 


85 Ebd., S. 126. 

86 Ju. Kölker [Rezension des Nachschlagewerks »Schriftsteller aus Leningrad als 
Frontkämpfer 1941-1945«], zusammengestellt von V. Bachtin, Leningrad: So- 
vetskij pisatel’, 1985), in: LuW, 1987, Nr. 5, S. 138. 

87 S. Certok, in: Russkaja mysF (Der russische Gedanke) vom 1. Mai 1992, 
S. 18. 

88 M. Gol’dstejn, in Russkaja mysl’ vom 1. August 1986, S. 10. 

89 RJE, Bd. 1, S. 296f. 

90 A. P. Artem’ev: Bratskij boevoj sojuz narodov SSSR v Velikoj Otecestvennoj 
vojne (Der brüderliche Kampfbund der Völker der UdSSR im Großen Vater¬ 
ländischen Krieg), Moskau: Mysl’, 1975, S. 58f. 

91 KJE, Bd. 8, Sp. 1051; P. Sudoplatov: Specoperacii..., S. 217—228. 

92 KJE, Bd. 5, Sp. 83; Ocerki evrejskogo geroizma ..., Bd. 1, S. 405-430. 

93 RJE, Bd. 3, S. 383. 

94 V. Kagan: Pravil’noe resenie* (Die richuge Entscheidung), in: »22«, November 
1990 — Januar 1991, Nr. 74, S. 252. (Hierbei handelt es sich um eine Rezension 
des Buches von I. Degen: Iz doma rabstva [Aus dem Haus der Sklaverei], Tel 
Aviv: Morija, 1986.) 

95 Ebd., S. 252. 

96 S. Ja. Lur’e: Antisemitizm v drevnem mire (Antisemitismus in der antiken Welt), 
Tel Aviv: Sova, 1976, S. 77 (Erstausgabe Petrograd: Byloe, 1922). 

97 V. Aleksandrova: Evrei v sovetskoj literature (Die Juden in der sowjetischen 
Literatur), in: BRJ-2, S. 297. 

98 S. M. Svarc: Antisemitizm ..., S. 197. 

99 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 6. 

100 G.V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stalina .... S. 242. 

101 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 157. 

102 Dr. Jerzy Gliksman: Jewish Exiles in Soviet Russia (1939-1943). Teil 2, Juli 
1947, S. 6, in: Archiv des Amerikanischen Jüdischen Komitees in New York. 
Zitiert nach: S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 157. 

103 S. M. Svarc: Andsemidzm ..., S. 191. 

104 Rachel Erlich: Summary Report ..., S. 9£, in: Archiv des Amerikanischen 
Jüdischen Komitees in New York. Zitiert nach: S. M. Svarc: Antisemitizm ..., 
S. 192. 

105 Ebd., S. 26. Zitiert nach: S. M. Svarc: Antisemitizm ..., S. 194. 

106 Dr. Jerzy Gliksman: Jewish Exiles ..., S. 17. Zitiert nach: S. Svarc: Evrei v 
ovetskom Sojuze .... S. 159. 

107 Ebd., S. 15. Zitiert nach: S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 159. 

108 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 157. 

109 Ebd., S. 158. 

110 Bulletin of the Rescue Committee of the Jewish Agency for Palestine. März 
1945, S. 2f. Zitiert nach: S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 160. 

111S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 184. 

112 L. Sapiro: Evrei v Sovetskoj Rossii posle Stalina (Die Juden in Sowjetrussland 
nach Stalin), in: BRJ-2, S. 359. 

113 Trial of the Major War Criminals before the International Military Tribunal, 


579 



Anmerkungen zu Kapitel 9 


Nuremberg, 14 November 1945-1 October 1946. Nürnberg 1949, Bd. 38, 
S. 292£, Dok. 102-R. Zitiere nach: S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze .... 
S. 101. 

114 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 88. 

115 Trial of the Major War Criminals ..., Bd. 37, S. 672-683, Dok. 180-L. Zidert 
nach: S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 89. 

116 I. Gar: Evrei v Pribaltiskich stranach pod nemeckoj okkupaciej (Die Juden in 
den baltischen Ländern unter deutscher Besatzung), in: BRJ-2, S. 97. 

117 KJE, Bd. 8, Sp. 218. 

118 Trial ofthe Major War Criminals ..., Bd. 37, S. 672—683, Dok. 180-L. Zidert 
nach: S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 89f. 

119 KJE, Bd. 8, Sp. 218. 

120 Ebd., S. 218. 

121 Trial of the Major War Criminals ..., Bd. 37, S. 672-683, Dok. 180-L. Zidert 
nach: S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 90. 

122 KJE, Bd. 8, S. 218. 

123 Trial of the Major War Criminals ..., Bd. 37, S. 672—683, Dok. 180-L. Zitiert 
nach: S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 89f. 

124 Unictozenie evreev SSSR v gody nemeckoj okkupacii (1941—1945): Sbornik 
dokumentov i materialov (Die Vernichtung der Juden der UdSSR in den Jahren 
der deutschen Besatzung [1941-1945]: Sammlung von Dokumenten und Ma¬ 
terialien), hg. von Y. Arad, Jerusalem: Yad Vashem, 1991, S. 12. 

125 Trial of the Major War Criminals ..., Bd. 37, S. 672-683, Dok. 180-L. Zitiert 
nach: S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze .... S. 91f. 

126 KJE, Bd. 8, Sp. 218. 

127 S.M. Svarc: Andsemidzm ...*, S. 134f. 

128 Ebd.*, S. 132. 

129 Ebd.*, S. 93. 

130 I. Sechtman: Sovetskoe evrejstvo ..., in: JW-2, S. 235f- 

131 A. Vajs: Otnosenie nekotorych krugov ukrainskogo nacional’nogo dvizenija k 
evrejam v period Vtoroj mirovoj vojny* (Das Verhältnis einiger Kreise der ukrai¬ 
nischen Nadonalbewegung zu den Juden in der Zeit des Zweiten Weltkriegs), 
in: Vestnik Evrejskogo Universiteta v Moskve (Bote der Jüdischen Universutät 
in Moskau), 1995, Nr. 2 (9), S. 106. 

132 Ebd., S. 105-107. 

133 Ebd., S. 106f. 

134 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 98, 101. 

135 KEJ, Bd. 8, Sp. 218. 

136 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 99. 

137 A. A. Gol’dstejn: Sud’ba evreev v okkupirovannoj .... in: BRJ-2, S. 74. 

138 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 102. 

139 Ebd., S. 74, 90. 

140 Unictozenie evreev SSSR .. .*, S. 4. 

141 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 65. 

142 I. Sechtman: Sovetskoe evrejstvo ..., in: JW-2, S. 229. 

143 KJE*, Bd. 8, Sp. 218. 


580 



Anmerkungen zu Kapitel 9 


144 Die Zahlen variieren von Quelle zu Quelle; die genauen Statistiken dieser Ver¬ 
nichtung kann man wohl nicht mehr feststellen. Siehe auch den zitierten Arti- 
kel von A. A. Gol’dstejn, in: BRJ (1968), den Sammelband von Y. Arad: 
Unictozenie evreev SSSR ... (1991), den Artikel »Sovetskij Sojuz« (Sowjet¬ 
union), in: KJE, Bd. 8 (1996). 

145 KJE, Bd. 1, Sp. 275. 

146 KJE, Bd. 6, Sp. 125f. 

147 Unictozenie evreev SSSR .... S. 16. 

148 Ebd., S. 17. 

149 Ebd., S. 26f. 

150 KJE, Bd. 8, Sp. 222. 

151 Unictozenie evreev SSSR ..., S. 24. 

152 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 108. 

153 Ebd.*, S. 121-124. 

154 KJE, Bd. 5, Sp. 366. 

155 RJE, Bd. 1, S. 499. 

156 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ...*, S. 127. 

157 Ebd.*, S. 129. 

158 Ebd.*, S. 125f. 

159 Ebd.*, S. 121, 128. 

160 Unictozenie evreev SSSR ..., S. 386£ 

161 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ...*, S. 132. 

162 Ebd., S. 171-173. 

163 Y. Arad: Holocaust.... S. 91. 

164 M. Kupoveckij: Ljudskie poteri evrejskogo naselenija ..., S. 134—155. 

165 KJE, Bd. 8, Sp. 299. 

166 E. M. Andreev, L. E. Darskij, T. L. Char’kova: Naselenie Sovetskogo Sojuza, 
1922-1991 (Die Bevölkerung der Sowjetunion, 1922-1991), Moskau 1993, 
S. 78. 

167 KJE, Bd. 4, Sp. 175. 

168 M. Kaganskaja: Mif protiv real’nosti (Mythos gegen Wirklichkeit), in: »22«, 
1988, Nr. 58, S. 144. 

169 N. Gudna: Orientacija na Chram (Orientierung am Tempel), ebd., S. 191- 

170 M. Kaganskaja: Mif prodv real’nosd ..., ebd., S. I4lf. 

171 A. Menes: Katastrofa i vozrozdenie (Katastrophe und Erneuerung), in: JW-2, 
S. 111. 

172 Ben-Baruch: Ten’ (Schatten), in: »22«, 1988, Nr. 58, S. 197f., 200. 

173 Uri Avneri: Poslednjaja mest Adol’fa Gidera (Die letzte Rache Adolf Hiders), 
in: »22«, 1993, Nr. 85, S. 132,134,139. 

174 M. Chejfec: Cto nado vyjasnit’ vo vremeni (Was man im Verlauf der Zeit klären 
muss), in: »22«, 1989, Nr. 64, S. 218-219. 

175 Sonja Margolina: Das Ende der Lügen. Rußland und die Juden im 20. Jahr¬ 
hundert. Berlin: Siedler Verlag, 1992, S. 137f. 

176 Dan Levin: Na kraju soblazna (Interv’ju) (Am Rande der Versuchung [Inter¬ 
view]), in: »22«, 1978, Nr. 1, S. 55. 

177 D. Chmel’nickij: Pod zvonkij golos krovi, ili s samosoznaniem napereves (Zum 


581 



Atimerkungen zu Kapitel 10 


lauten Klang des Blutes, oder mit dem Selbstbewusstsein im Anschlag), in: »22«, 
1992, Nr. 80, S. 175. 

178 S. Margolina: Germanija i evrei: vtoraja popytka (Deutschland und die Juden: 
der zweite Versuch), in: LuW, 1991, Nr. 3, S. 142. 

179 S. Margolina: Das Ende der Lügen, S. 150f. 


Anmerkungen zu Kapitel 10 

1 I. M. Bikerman: Rossija i russkoe evrejstvo (Russland und russisches Judentum), 
in: RuJ, S. 80. 

2 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze s nacala Vtoroj mirovoj vojny (1939-1965) 
(Die Juden in der Sowjetunion seit Beginn des Zweiten Weltkriegs) 
[1939-1965]), New York: Izd. Amerikanskogo Evrejskogo Rabocego Komiteta, 
1966, S. 198. 

3 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stalina: Vlast i antisemitizm (Stalins Ge¬ 
heimpolitik. Macht und Andsemitismus). Moskau: Mezdunarodnye otnosenija, 
2001, S. 259f. 

4 Ebd., S. 310. 

5 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 181f., 195. 

6 Chruscev i evrejskij vopros (Chruschtschow und die jüdische Frage), in: Socia- 
lisuceskij vestnik* (Sozialistischer Bote), New York 1961, Nr. 1, S. 19. 

7 KJE, Bd. 8, Sp. 236. 

8 Socialisdceskij vestnik (Sozialisdscher Bote), 1961, Nr. 1, S. 19f.; BRJ-2, S. 146. 

9 Chruscev i mif o Birobidzane (Chruschtschow und der Mythos von Biro- 
bidshan), in: Socialisdceskij vestnik (Sozialistischer Bote), 1958, Nr. 7-8, 

S. 145. 

10 M. Blinkova: Znanie i mnenie (Wissen und Meinung), in: Strelec (Der Schüt¬ 
ze), Jersey City 1988, Nr. 12, S. 12. 

11 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stalina ..., S. 428f. 

12 E. Markis: Kak ich ubivali (Wie sie umgebracht wurden), in: »22«, 1982, Nr. 
25, S. 203. 

13 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stahna ..., S. 430. 

14 KJE, Bd. 4, Sp. 602. 

15 R Sudoplatov: Specoperacii: Lubjanka i Kreml’: 1930-1950 gody (Sonderein¬ 
sätze: Die Lubjanka und der Kreml, 1930-1950), Moskau: Olma-Press, 1997, 
S. 466f. 

16 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stalina ..., S. 435. 

17 Krymskoe delo (Der Krim-Prozess), in: Socialisdceskij vestnik (Sozialisdscher 
Bote), 1957, Nr. 5, S. 98. 

18 S. M. Svarc: Birobidzan, in: BRJ-2, S. 189. 

19 Ebd., S. 192, 195f. 

20 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 185f. 

21 Ebd., S. 130. 

22 Ebd., S. 217f. 

23 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stahna ..., S. 403f. 


582 



Anmerkungen zu Kapitel 10 


24 S. Cirjul’nikov: SSSR, evrei i IzraiP (Die UdSSR, die Juden und Israel), in: ZuW, 
1987, Nr. 96, S. 156. 

25 Ebd.,S. 150. 

26 I. Erenburg: Po povody odnogo pis’ma (Einen Brief betreffend), in: Pravda 
(Wahrheit) vom 21. September 1948, S. 3. 

27 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stalina ..., S. 353, 398. 

28 Ebd.*, S. 361, 363f. 

29 Ebd., S. 366, 369. 

30 Ebd., S. 376, 379, 404. 

31 KJE, Bd. 8, Sp. 243. 

32 Ebd., Sp. 248. 

33 Pravda (Wahrheit) vom 28. Januar 1949, S. 3. 

34 Na cuzdych pozicijach: (O proiskach antipatrioticeskoj gruppy teatral’nych kri- 
tikov) (Auf fremden Positionen: Über die Tätigkeit einer Gruppe antipatrioti¬ 
scher Theaterkritiker), in: Kul’tura i zizn (Kultur und Leben) vom 30. Januar 

1949, S. 2f. 

35 V. Perelman: ... Vinovaty sami evrei (Schuld sind die Juden selbst), in: ZuW, 
1977, Nr. 23, S. 216. 

36 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stalina ..., S. 321, 323. 

37 G. Aronson: Evrejskij vopros v epochu Stalina (Die jüdische Frage in der Epo¬ 
che Stalins), in: BRJ-2, S. 150. 

38 Ebd. 

39 A. Nekric: Pochod protiv »kosmopolitov« v MGU (Die Kampagne gegen die 
»Kosmopoliten« an der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität), in: 
Kontinent, 1981, Nr. 28, S. 301—320. 

40 L. L. Mininberg: Sovetskie evrei v nauke i promyslennosti SSSR v period Vto- 
roj mirovoj vojny (1941—1945) (Russische Juden in Wissenschaft und Industrie 
der UdSSR in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, 1941-1945), Moskau 1995, 
S. 413-415. 

41 Ebd., S. 4l6f„ 427,430. 

42 Ebd., S. 442. 

43 KJE, Bd. 6, Sp. 855. 

44 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stalina ..., S. 515, 518. 

45 KJE, Bd. 8, Sp. 190. 

46 I. Domal’skij: Technologija nenavisti* (Technologie des Hasses), in: ZiiW, 1978, 
Nr. 25, S. 120. 

47 S. Margolina: Das Ende der Lügen: Rußland und die Juden im 20. Jahrhundert. 
Berlin: Siedler Verlag, 1992, S. 86. 

48 M. Chejfec: Mesto i vremja (evrejskie zametki) (Ort und Zeit [Jüdische No¬ 
tizen] f Paris: Tref ja volna, 1978, S. 68f. 

49 S. M. Svarc: Antisemitizm .v Sovetskom Sojuze (Antisemitismus in der Sowjet¬ 
union), New York: Izd-vo im. Cechova, 1952, S. 225f., 229. 

50 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 161-163; L. Sapiro: Evrei v Sovets- 
koj Rossii posle Stalina (Die Juden in Sowjetrussland nach Stalin), in: BRJ-2, 
S. 373. 

51 KJE, Bd. 8, Sp. 245. 


583 



Anmerkungen zu Kapitel 11 


52 KJE, Bd. 1, Sp. 687. 

53 KJE, Bd. 8, Sp. 251. 

54 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stalina ..., S. 473. 

55 G. Aronson: Evrejskij vopros v epochu Stalina (Die jüdische Frage in der Epo¬ 
che Stalins), in: BRJ-2, S. 155f. 

56 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stalina ..., S. 507. 

57 G. Aronson: Evrejskij vopros v epochu Stalina (Die jüdische Frage in der Epo¬ 
che Stalins), in: BRJ-2, S. 152. 

58 V. Boguslavskij: U istokov (An den Quellen), in: »22«, 1968, Nr. 47, S. 102. 

59 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja polidka Stahna* ..., S. 504. 

60 R. Conquest: Bolsoj terror (Der große Terror), (aus dem Engl.), Florenz: 
Edizioni Aurora, 1974, S. 168, 353, 738f., 754, 756f. [Hier zkiert aus: Robert 
Conquest: Der Große Terror. Sowjetunion 1934-1938, ins Deutsche übertra¬ 
gen von Andreas Model, München: Langen Müller, 1992, S. 90, 197, 428f., 
438.] 

61 »Protiv popytok voskresit’ evrejskij nacionalizm«. Obrascenie I. G. Erenburga k 
I. V. Stalinu (»Gegen die Versuche, den jüdischen Nationalismus auferstehen zu 
lassen«. Appell I. G. Ehrenburgs an J. W. Stalin), in: Istocnik: Dokumenty rus- 
skoj istorii (Die Quelle: Dokumente der russischen Geschichte), Moskau 1997, 
Nr. 1, S. 141-146. 

62 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stahna ..., S. 682, 693. 

63 KJE, Bd. 8, Sp. 254f. 

64 G. V. Kostyrcenko: Tajnaja politika Stahna ..., S. 671—685. 

65 N. Sapiro: Slovo rjadovogo sovetskogo evreja (Das Wort eines sowjetischen 
Durchschnittsjuden), in: Russkij antisemitizm i evrei. Sbornik (Der russische 
Antisemitismus und die Juden. Sammelband), London 1968, S. 50. 

66 A. Avtorchanov: Zagadka smerti Stahna (Zagovor Berija) (Das Rätsel um 
Stalins Tod [Die Verschwörung von Berija]), Frankfurt/M.: Posev, 1976, S. 
231-239. 

67 D. Sturman: Ni mne meda tvoego, ni ukusa tvoego (Für mich weder deinen 
Honig, noch deinen Stich), in: »22«, 1985, Nr. 42, S. l40f. 


Anmerkungen zu Kapitel 11 

1 KJE, Bd. 8, Sp. 256. 

2 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze s nacala Vtoroj mirovoj vojny (1939-1965) 
(Die Juden in der Sowjetunion seit Beginn des Zweiten Weltkriegs) 
[1939-1965]), New York: Izd. Amerikanskogo Evrejskogo Rabocego Komiteta, 
1966, S. 247. 

3 Ebd., S. 247f. 

4 Chruscev i evrejskij vopros (Chruschtschow und die jüdische Frage), in: Socia- 
listiceskij vestnik (Sozialistischer Bote), New York 1961, Nr. 1, S. 20. 

5 KJE, Bd. 8, Sp. 257. 

6 Chruscev i evrejskij vopros ..., in: Socialisticeskij vestnik (Sozialistischer Bote), 
1961, Nr. 1, S. 20. 


584 



Anmerkungen zu Kapitel 11 


7 Die Worte N. S. Chruschtschows wurden festgehalten im Bericht des Überset¬ 
zers der französischen Delegation Pierre Loschak: Realites, Paris, Mai 1957, 
S. 64-67, 101—104. Hier zitiert nach der Rückübersetzung des »Sozialistischen 
Boten« (1961, Nr. 1, S. 21). 

8 J. B. Saisberg: Talks with Soviet Leaders on the Jewish Question, in: Jewish Life, 
Februar 1957. Zitiert nach der Übersetzung des »Sozialistischen Boten« (1961, 
Nr.l, S.20). 

9 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze .. .*, S. 250. 

10 Ebd.*, S. 249-251. 

11 Ebd., S. 241,272. 

12 Ju. Stern: Situacija neustojciva i potomu opasna: (Interv’ju) (Die Situation 
ist instabil und daher gefährlich [Interview]), in: »22«, 1984, Nr. 38, S. 
132. 

13 Andrew Händler: Where Familiarity with Jews Breeds Contempt, in: Red Star, 
Blue Star: The Lives and Times of Jewish Students in Communist Hungary 
(1948-1956), New York: Columbia University Press, 1997, S. 36f. 

14 L. Sapiro: Evrei v Sovetskoj Rossii posle Stalina (Die Juden in Sowjetrussland 
nach Stalin), in: BRJ-2, S. 360f. 

15 David Burg: Die Judenfrage in der Sowjetunion, in: Der Antikommunist, Mün¬ 
chen, Juli-August 1957, Nr. 12, S. 35. 

16 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ...*, S. 238. 

17 Ebd., S. 283-287; KJE, Bd. 8, Sp. 258. 

18 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 281. 

19 E. Finkei stejn: Evrei v SSSR: Put’ v Dvadcat pervyj vek (Die Juden in der 
UdSSR: Der Weg ins 21. Jahrhundert), in: LuW, 1989, Nr. 1, S. 65f. 

20 L. Sapiro: Evrei v Sovetskoj Rossii ..., in: BRJ-2, S. 379f. 

21 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 280, 288. 

22 £. Finkelstejn: Evrei v SSSR...., in: LuW, 1989, Nr. 1, S. 66. 

23 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 304—308. 

24 KJE, Bd. 8, Sp. 259. 

25 L. Sapiro: Evrei v Sovetskoj Rossii ..., in: BRJ-2, S. 358. 

26 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 290. 

27 Ebd., S. 294-296. 

28 KJE, Bd. 8, Sp. 258. 

29 Antisemitskij pamflet v Sovetskom Sojuze (Das antisemitische Pamphlet in der 
Sowjetunion), in: Socialisticeskij vestnik (Sozialistischer Bote), 1965, Nr. 4, 
S. 67. 

30 Ebd.*, S. 68-73. 

31 V Ideologiceskoj komissii pri CK KPSS (In der Ideologischen Kommission beim 
ZK der KPdSU), in: Pravda vom 4. April 1964, S. 4. 

32 Ob odnoj neponjamoj sumiche (Über eine unverständliche Aufregung), in: 
Izvestija vom 4. April 1964, S. 4. 

33 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 303. 

34 RJE, Bd. 1, S. 448. 

35 R. Rutman: Kol’co obid (Ring der Kränkungen), in: Novyj zurnal (Neue Zeit¬ 
schrift), New York 1974, Nr. 117, S. 185. 


585 



Anmerkungen zu Kapitel 11 

36 I. Domal’skij: Technologija nenavisti (Technologie des Hasses), in: ZuW, 1978, 
Nr.26,S. 113f. 

37 KJE, Bd. 8, Sp. 298, 300. 

38 I. Ljast: Alija iz SSSR- demograficeskie prognozy (Alija aus der UdSSR: demo¬ 
grafische Prognosen), in: »22«, 1981, Nr. 21, S. 112f. 

39 G. Rozenbljum, V. Perel’man: Krusenie Cuda: priciny i sledstvija*: (Beseda) 
(Der Sturz des Wunders: Ursachen und Folgen [Gespräch]), in: ZuW, 1977, 
Nr. 24, S. 120. 

40 L. Sapiro: Evrei v Sovetskoj Rossii.... in: BRJ-2, S. 346. 

41 KJE, Bd. 8, Sp. 300. 

42 E. Finkeistejn: Evrei v SSSR ..., in: LuW, 1989, Nr. 1, S. 65. 

43 N. Sapiro: Slovo rjadovogo sovetskogo evreja (Das Wort eines sowjetischen 
Durchschnittsjuden), in: Russkij antisemitizm i evrei. Sbornik (Der russische 
Antisemitismus und die Juden. Sammelband), London 1968, S. 55. 

44 KJE, Bd. 8, Sp. 190. 

45 Narodnoe chozjajstvo SSSR v 1963 godu: Statisticeskij ezegodnik (Volkswirt¬ 
schaft in der UdSSR im Jahre 1963: Statisüsches Jahrbuch), Moskau: Statistika, 
1965, S. 579. 

46 Narodnoe chozjajstvo SSSR v 1969 godu (Volkswirtschaft in der UdSSR im 
Jahre 1969: Statistisches Jahrbuch), Moskau 1970, S. 690; Narodnoe chozjajst¬ 
vo SSSR v 1972 godu (Volkswirtschaft in der UdSSR im Jahre 1972: Statisti¬ 
sches Jahrbuch), Moskau 1972, S. 651. 

47 I. Domal’skij: Technologija nenavisü ..., in: ZuW, 1978, Nr. 25, S. 120. 

48 £. Finkefstejn: Evrei v SSSR ..., in: LuW, 1989, Nr. 1, S. 66. 

49 A. Nov, Zd. N’jut: Evrejskoe naselenie SSSR: demograficeskoe razvitie i profes- 
sional’naja zanjatost’ (Die jüdische Bevölkerung in der UdSSR: demografische 
Entwicklung und Berufsverteilung), in: Evrei v Sovetskoj Rossii (1917-1967) 
(Die Juden in Sowjetrussland [1917—1967]), Jerusalem: Bibliotheka »Alija«, 
1975, S. 180. 

50 M. Chejfec: Mesto i vremja (evrejskie zametki)* (Ort und Zeit [Jüdische Noti¬ 
zen], Paris: Tret’ja volna, 1978, S. 63-65, 67, 70. 

51 L. Sapiro: Evrei v Sovetskoj ..., in: BRJ-2, S. 363. 

52 Ebd. 

53 New York Times vom 21. Oktober 1965, S. 47. 

54 V. Perel’man: O liberalach vsovetskich verchach (Über die Liberalen in den obe¬ 
ren Etagen der Sowjetmacht), in: ZuW, 1985, Nr. 87, S. 174. 

55 £. Finkelstejn: Evrei vSSSR ..., in: LuW, 1989, Nr. 1, S. 66. 

56 L. Sapiro: Evrei v Sovetskoj Rossii..., in: BRJ-2, S. 362. 

57 KJE, Bd. 8, Sp. 261. 

58 S. Svarc: Evrei vSovetskom Sojuze .... S. 326£, 329. 

59 KJE, Bd. 8, Sp. 261. 

60 N. Sapiro: Slovo rjadovogo sovetskogo evreja ..., in: Russkij antisemitizm i evrei 

..., v S. 55. 

61 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 330-333. 

62 Ebd., S. 333f. 

63 Obmen pis’mami mezdu B. Rasselom i N. S. Chruscevym (Der Briefwechsel 


586 



Anmerkungen zu Kapitel 11 

zwischen B. Russell und N. S. Chruschtschow), in: Pravda vom 1. März 1963, 
S. 1. 

64 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 42l£ 

65 E. Finkelstejn: Evrei vSSSR ..., in: LuW, 1989, Nr. 1, S. 65. 

66 Ebd., S. 66f. 

67 N. Sapiro: Slovo rjadovogo sovetskogo evreja ..., in: Russkij andsemitizm i evrei 

.... S. 48, 55. 

68 Socialisticeskij vestnik (Sozialistischer Bote), 1959, Nr. 12, S. 240f. 

69 D. Sturman, in: Sovetskij andsemitizm - priciny i prognozy (Seminar) (Der 
sowjetische Antisemitismus - Gründe und Prognosen [Seminar]), in: »22«, 
1978, Nr. 3,S. 180. 

70 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze .... S. 395. 

71 E. Finkelstejn: Evrei v SSSR ..., in: LuW, 1989, Nr. 1, S. 64f. 

72 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze .... S. 372, 409. 

73 M. Chejfec: Novaja »aristokratija«? (Eine neue »Aristokratie«?), in: Grani: 
Zurnal literatury, iskusstva, nauki i obscestvenno-politiceskoj mysli (Grani [»Fa¬ 
cetten«]: Zeitschrift für Literatur, Kunst, Wissenschaft und gesellschaftspoliti¬ 
sches Denken), Frankfurt/M. 1987, Nr. 146, S. 189. 

74 KJE, Bd. 8, Sp. 262f. 

75 R. Rutman, in: Soviet Jewish AfFairs, London 1974, Bd. 4, Nr. 2, S. 11. 

76 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 371. 

77 Zitiert nach: Novyj mir (Neue Welt), 1964, Nr. 12;MarijaRol’nikajte:Jadolzna 
rasskazat’ (Ich muss erzählen), in: Zvezda (Stern), 1965, Nr. 2 und Nr. 3. 

78 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 373. 

79 KJE, Bd. 8, Sp. 262, 264. 

80 Ebd., Sp. 295, 302. 

81 G. Rozenbljum, V. Perel’man: Krusenie Cuda..., in: ZuW, 1977, Nr. 24, S. 120. 

82 L. Cigelman-Dymerskaja, in: Sovetskij antisemitizm — priciny i prognozy (Se¬ 
minar) (Der sowjetische Antisemitismus - Ursachen und Prognosen [Seminar]), 
in: »22«, 1978, Nr. 3, S. 175. 

83 Ju. Stern: Situacija neustojciva ...: (Interv’ju) (Eine instabile Situation ...: 
[Interview]), in: »22«, 1984, Nr. 38, S. 135. 

84 L. Sapiro: Evrei v Sovetskoj Rossii..., in: BRJ-2*, S. 379. 

85 Ju. Stern: Dvojnaja otvetstvennost: (Interv’ju) (Doppelte Verantwortung: 
[Interview]), in: »22«, 1981, Nr. 21, S. 127. 

86 »22/, 1978, Nr. 1, S. 204. 

87 A. Sterman: Istina s blizkogo rasstojanija (Die Wahrheit aus der Nähe), in: »22«, 
1987, Nr. 52, S. 112. 

88 A. Scaranskij: (Interv’ju) ([Interview]), in: »22«, 1986, Nr. 49, S. lllf. 

89 B. Orlov: Ne te vy ucili alfavity (Ihr habt die falschen Alphabete gelernt), in: 
ZuW, 1975, Nr. 1, S. 129,132f. 

90 V. Boguslavskij: Galutu - s nadezdoj (An die Diaspora mit Hoffnung), in: »22« 
1985, Nr. 40, S. 133f. 

91 S. Svarc: Evrei v Sovetskom Sojuze ..., S. 415. 

92 G. Fajn: V roli vysokooplacivaemych svejcarov (In der Rolle der hoch bezahlten 
Portiere), in: ZuW, 1976, Nr. 12, S. 133f. 


587 



Anmerkungen zu Kapitel 12 


93 R. Nudel’man, in: Sovetskij antisemitizm - priciny i prognozy (Seminar) (Der 
sowjetische Antisemitismus - Ursachen und Prognosen [Seminar]), in: »22«, 
1978, Nr. 3, S. 144. 

94 E. Finkelstejn: Evrei v SSSR .... in : LuW, 1989, Nr. 1, S. 67. 

95 Ebd. 

96 KJE, Bd. 8, Sp. 267. 


Anmerkungen zu Kapitel 12 

1 V. Levitina: Russkij teatr i evrei (Das russische Theater und die Juden), Jerusa¬ 
lem: Biblioteka-Alija, 1988, Bd. 1, S. 24. 

2 Daniel Mayer: J’ai honte d’etre socialist, in: Le Monde vom 6. Juni 1967, 
S. 3. 

3 Michael Medved: The Jewish Question, in: National Review vom 28. Juli 1997, 
S. 53. 

4 M. Chejfec: Mesto i vremja (evrejskie zametki) (Ort und Zeit [Jüdische 
Nodzen], Paris: Tret’ja volna, 1978, S. 174. 

5 Ju. Kölker, in: Russkaja mysl’ (Der russische Gedanke) vom 24. April 1987, 
S. 12. 

6 G. Pomeranc: Proekt pis’maXXIII s”ezdy (Entwurf eines Briefs an den XXIII. 
Parteitag), in: Ders., Neopublikovannoe (Unveröffentlichtes), Frankfurt/M.: 
Posev, 1972, S. 269-276. 

7 S. Markis: Esce raz o nenavisti k samomu sebe (Noch einmal über den Hass 
gegen sich selbst), in: »22«, 1980, Nr. 16, S. 188. 

8 R. Nudel’man, in: Sovetskij antisemidzm - priciny i prognozy (Seminar) (Der 
sowjetische Antisemitismus - Gründe und Prognosen [Seminar]), in: »22«, 

1978, Nr. 3, S. 147. 

9 F. Kölker: Novyj plan pomosci sovetskomu evrejstvu (Ein neuer Hilfsplan für 
das sowjetische Judentum), in: »22«, 1983, Nr. 31, S. 145. 

10 Ju. Stern: Situacija neustojciva i potomu opasna (Interv’ju) (Die Situation ist in¬ 
stabil und daher gefährlich [Interview]), in: »22«, 1984, Nr. 38, S. 130. 

11 V. Boguslavskij: V zascitu Kunjaeva (Zu Kunjajews Verteidigung), in: »22«, 
1980, Nr. 16, S. 169-174. 

12 Ju. Stern: Simacija neustojciva ..., in: »22«, 1984, Nr. 38, S. 130. 

13 V. Boguslavskij: Vzascitu Kunjaeva ..., in: »22«, 1980, Nr. 16, S. 175. 

14 V. V. Sul’gin: »Cto nam v nych ne nravitsja ...«: Ob Antisemitizme v Rossii 
(»Was uns an ihnen nicht gefällt ...«: Über den Antisemitismus in Russland), 
Paris 1929, S. 49f. 

15 Dan Levin: Na kraju soblazna (Interv’ju) (Am Rande der Versuchung [Inter¬ 
view]), in: »22«, 1978, Nr. 1, S. 55. 

16 A. Sukonik: O religioznom i ateisticeskom soznanii (Über das religiöse und 
atheistische Bewusstsein), in: Vesmik Russkogo Christianskogo Dvizenija (Bo¬ 
te der Russischen Christlichen Bewegung), Paris-New York-Moskau 1977, 
Nr. 123, S. 43^6. 


588 



Anmerkungen zu Kapitel 13 

17 R. Nudel’man, in: Ogljanis’ v razdum’e ... (Kruglyj stol) (Blick zurück in Nach¬ 
denklichkeit) ... [RunderTisch]), in: »22«, 1982, Nr. 24, S. 112. 

18 A. Voronel’: Buduscee russkoj alii (Die Zukunft der russischen Alija), in: »22«, 
1978, Nr. 2, S. 186. 

19 R. Lert: Pozdnij opyt (Späte Erfahrung), in: Sintaksis, 1980, Nr. 6, S. 5f- 

20 N. Rubinstejn: Vykljucite magnitofon - pogovorim o poete (Schaltet das Ton¬ 
band ab - sprechen wir über den Dichter), in: ZuW, 1975, Nr. 2, S. 194. 

21 Aleksandr Galic: Pesni. Stichi. Poemy. Kinopovest’. P’esa. Stat’i (Lieder. Ge¬ 
dichte. Poeme. Eine Filmerzählung. Ein Stück. Artikel), Ekaterinburg: U-Fak- 
torija, 1989, S. 552, 556, 56l£ [Im Original folgen Zitate mit Verweis auf die 
folgenden Seiten dieser Ausgabe: S. 216, 98, 224, 26, 226, 181, 90, 92, 21, 
69, 115, 13, 15l£, 248, 87, 24, 119, 639,100, 325,117, 40, 118, 280f„ 599, 
588.] 

22 V. Volin: On vysel na ploscad’ (Er ging auf den Platz hinaus), in: Galic, Pesni 

..., S. 632. 

23 N. Rubinstejn: Vykljucite magnitofon ..., in: ZuW, 1975, Nr. 2, S. 117. 


Anmerkungen zu Kapitel 13 

1 B. Sragin: Protivostojanie ducha (Widerstand des Geistes), London: Overseas 
Publications, 1977, S. 160, 188f. 

2 Nik. Sul’gin: Novoe russkoe samosoznanie (Das neue russische Selbstbewusst¬ 
sein), in: Vek XX i mir (Das 20. Jahrhundert und die Welt), Moskau 1990, 
Nr. 3, S. 27. 

3 M. Meerson-Aksenov: Rozdenie novoj intelligencii (Die Geburt einer neuen In- 
telligenzija), in: Samosoznanie: Sbornik statej (Selbstbewusstsein: Aufsatz¬ 
sammlung), New York: Chronika, 1976, S. 102. 

4 B. Sragin: Protivostojanie ducha ..., S. 246, 249. 

5 O. Altaev: Dvojnoe soznanie intelligencii i psevdo-kul’tura (Das doppelte Be¬ 
wusstsein der Intelhgenzija und die Pseudo-Kultur), in: Vestnik Russkogo Stu- 
denceskogo Christianskogo Dvizenija (Bote der Russischen Studendschen 
Christlichen Bewegung), Paris-New York 1970, Nr. 97, S. 11. 

6 M. Meerson-Aksenov: Rozdenie novoj intelligencii ..., S. 102. 

7 Beni Peled: My ne mozem zdat’ esze dve tysjaci let! (Interv’ju) (Wh können 
nicht noch 2000 Jahre warten! [Interview]), in: »22«, 1981, Nr. 17, S. 114. 

8 N. Prat: Emigrantskie kompleksy v istoriceskom aspekte (Emigranten-Komple- 
xe in geschichdicher Perspekdve), in: ZuW, 1980, Nr. 56, S. 191. 

9 B. Sragin: Protivostojanie ducha ..., S. 304. 

10 Ebd.,S. 305. 

11M. Dejc: Zapiski postoronnego (Notizen eines Unbeteiligten), in: »22«, 1982, 
Nr. 26, S. 156. 

12 B. Chazanov: Novaja Rossija (Neues Russland), in: ZuW, 1976, Nr. 8, S. 143. 

13 Ebd., S. I4l£, 144. 

14 A. Belinkov: Strana rabov, strana gospod ... (Land der Sklaven, Land der Herr- 


589 



Anmerkungen zu Kapitel 13 


scher ...), in: Novyj kolokol: Literaturno-publicisticeskij sbornik (Die neue Glo¬ 
cke: Literarisch-publizistischer Sammelband), London 1972, S. 323, 339, 346, 
350. 

15 Ebd., S. 325-328, 337, 347, 355. 

16 N. Sapiro: Slovo rjadovogo sovetskogo evreja (Das Wort eines sowjetischen 
Durchschnittsjuden), in: Russkij antisemitizm i evrei. Sbornik (Der russische 
Antisemitismus und die Juden. Sammelband), London 1968, S. 50f. 

17 Novyj amerikanec (Der neue Amerikaner), New York, 23.-29. März 1982, 
Nr. 110, S. 11. 

18 Jakov Jakir: Ja pisu Viktoru Krasinu (Ich schreibe an Viktor Krasin), in: Nasa 
strana (Unser Land), Tel Aviv, 12. Dezember 1973. — Zitiert nach: Novyj zumal 
(Neue Zeitschrift), 1974, Nr. 117, S. 190. 

19 Amram: Reakcija ottorzenija (Reaktion der Abstoßung), in: »22«, 1979, Nr. 5, 
S 201. 

20 Novoe russkoe slovo (Das neue russische Wort), New York, 30. November 1975, 
S. 3. 

21 M. Ortov: Pravoslavnoe gosudarstvo i Cerkov’ (Der orthodoxe Staat und die 
Kirche), in: Pravoslavnyj al’manach Put (Orthodoxer Almanach »Der Weg«), 
New York, Mai-Juni 1984, Nr. 3, S. 12, 15. 

22 F. Gorenstejn: Sestoj konec krasnoj zvezdy (Der sechste Zacken des roten 
Sterns), in: ZuW, 1982, Nr. 65, S. 125. 

23 G. Pomeranc: Celovek niotkuda (Der Mensch von nirgendwo), in: Ders., Ne- 
opublikovannoe (UnveröfFendichtes), Frankfurt/M.: Posev, 1972, S. 143, 145, 
l6lf. 

24 Ders.: Snyzemli (Die Träume der Erde), in: »22«, 1980, Nr. 12, S. 129. 

25 Ders.: Celovek niotkuda ..., S. 157. 

26 Ders.: Son o spravedlivom vozmezdii (Der Traum von der gerechten Vergel¬ 
tung), in: Sintaksis, 1980, Nr. 6, S. 21. 

TI L. Frank: Esce raz o »russkom voprose« (Noch einmal von der »russischen 
Frage«), in: Russkaja mysl’ (Der russische Gedanke) vom 19. Mai 1989, S. 13. 

28 Amram, in: Sovetskij antisemitizm — priciny i prognozy (Seminar) (Der sowje¬ 
tische Antisemitismus — Gründe und Prognosen [Seminar]), in: »22«, 1978, Nr. 
3,S. 153. 

29 V. Gusman: Perestrojka: mify i realnost’ (Perestroika: Mythen und Realität), in: 
»22«, 1990, Nr. 70, S. 139,142. 

30 B. Sragin: Protivostojanie ducha ..., S. 99. 

31 M. Amusin: Peterburgskie strasti (St. Petersburger Leidenschaften), in: »22«, 
1995, Nr. 96, S. 191. 

32 I. Serman: (Recenzija) (Rezension), in: »22«, 1982, Nr. 26, S. 210-212. 

33 B. Sragin: Protivostojanie ducha ..., S. 158. 

34 M. Meerson-Aksenov: Rozdenie novoj intelligencii.... S. 102. 

35 B. Chazanov: Pisma bez stempelja (Briefe ohne Poststempel), in: ZuW, 1982, 
Nr. 69, S. 156, 158,163. 

36 Ders.: Novaja Rossija (Neues Russland), in: ZuW, 1976, Nr. 8, S. 142. 

37 M. Vajskopf: Sobstvennyj Platon (Der eigene Platon), in: »22«, 1981, Nr. 22, 
S. 168. 


590 



Anmerkungen zu Kapitel 13 


38 B. Chazanov: Po kom zvonit potonuvsij kolokol (Wem die versunkene Glocke 
schlägt), in: LuW, 1986, Nr. 12, S. 93f. 

39 E. Sirnov: »Procedura kazni nosila omerzitel’nyj charakter« (»Die Hinrich¬ 
tungsprozedur war abscheulich«), in: Komsomol’skaja prawda (Komsomol- 
Wahrheit) vom 28. Oktober 1990, S. 2. 

40 M. Morgulis: Evrejskij vopros v ego osnovanijach i castnostjach (Die jüdische 
Fragen in ihren Grundsätzen und Einzelheiten), in: Voschod (Aufgang), St. Pe¬ 
tersburg, Januar 1881, Buch 1, S. 18. 

41 R. Rutman: Uchodjascemu — poklon, ostajuscemusja - bratstvo (Dem Gehen¬ 
den eine Verbeugung, dem Bleibenden die Bruderschaft), in: Novyj zurnal 
(Neue Zeitschrift), New York 1973, Nr. 112, S. 284—297. 

42 Ders.: Kol’co obid (Ring der Kränkungen), in: Novyj zurnal (Neue Zeitschrift), 
1974, Nr. 117, S. 178-189. Auch auf Englisch in: Soviet Jewish Affairs, Lon¬ 
don 1974, Bd. 4, Nr. 2, S. 3-11. 

43 M. Chejfec: Russkij patriot Vladimir Osipov (Der russische Patriot Vladimir 
Osipov), in: Kontinent, 1981, Nr. 27, S. 209. 

44 Ders.: Nasi obscie uroki (Unsere gemeinsamen Lektionen), in: »22«, 1980, Nr. 
14, S. I62f. 

45 Ders.: Mesto i vremja (evrejskie zametki) (Ort und Zeit [Jüdische Notizen], 
Paris: Tret’ja volna, 1978, S. 42, 45. 

46 F. Svetov: Otverzi mi dveri (Öffne mir die Pforten), Paris: Editeurs Reunis, 
1978. 

47 Ju. Stejn: Pismo v redakciju (Brief an die Redaktion), in: LuW, 1987, Nr. 2, 
S. 112. 

48 M. Sneerson: Razrezennaja pravda (Die genehmigte Wahrheit), in: Kontinent, 
1981, Nr. 28; Dies.: Chudozestvennyj mir pisatelja i pisatel’ v miru (Die künst¬ 
lerische Welt des Schriftstellers und der Schriftsteller in der Welt), in: Kontinent, 
1990, Nr. 62. 

49 B. Komarov: Unictozenie prirody (Die Vernichtung der Natur), Frankfurt/M.: 
Posev, 1978; Razrusennye i oskvernennye chramy: Moskva i Srednjaja Rossija, 
Posleslovie: Predely vandalizma (Zerstörte und entweihte Kirchen: Moskau und 
Mittelrussland, Nachwort: Extrem des Vandalismus), Frankfurt/M.: Posev, 
1980. 

50 Julius Epstein: Operation Keelhaul: The Story of Forced Repatriation from 1944 
to the Present, Old Greenwich, Connecticut: Devin-Adair, 1973. 

51 VI. Zeev: Demonstracija ob«ektivnosti (Objektivitätsdemonstration), in: Novyj 
amerikanec (Der neue Amerikaner), 1.-7. Juni 1982, Nr. 120, S. 37. 

52 V. Boguslavskij: V zascitu Kunjaeva (Zu Kunjajews Verteidigung), in: »22«, 
1980, Nr. 16, S. 166£, 170. 

53 D. Markis: Vykrest (Der Getaufte), in: »22«, 1981, Nr. 18, S. 210. 

54 S. Markis: O evrejskoj nenavisti k Rossii (Über den jüdischen Hass auf Russ¬ 
land), in: »22«, 1984, Nr. 38, S. 218. 

55 B. Sragin: Protivostojanie ducha ..., S. 159. 

56 S. Markis: Esce raz o nenavisti k samomy sebe (Noch einmal vom Hass auf sich 
selbst), in: »22«, 1980, Nr. 16, S. 178-180. 


591 



Anmerkungen zu Kapitel 14 

1 F. Kölker: Novyj plan pomosci sovetskomu evrejstvu (Ein neuer Hilfsplan für 
das sowjetische Judentum), in: »22«, 1983, Nr. 31, S. 145. 

2 V. Boguslavskij: Otcy i deti russkoj alii (Die Väter und Söhne der russischen 
Alija), in: »22«, 1978, Nr. 2, S. 176. 

3 I. Domal’skij: Technologija nenavisd (Technologie des Hasses), in: ZuW, 1978, 
Nr. 25, S. 106f. 

4 N. Voronel’: U kazdogo svoj dom (Jeder hat sein eigenes Haus), in: »22«, 1978, 
Nr. 2, S. 150f. 

5 I. Domal’skij: Technologija nenavisti..., in: ZuW, 1978, Nr. 25, S. 129. 

6 D. Sturman: Razmyselnija nad rukopis’ju (Überlegungen zu einem Manu¬ 
skript), in: »22«, 1980, Nr. 12, S. 133. 

7 Aleksandr Gäbe: Pesni. Stichi. Poemy. Kinopovest’. P’esa. Stat’i (Lieder. Ge¬ 
dichte. Poeme. Filmerzählung. Theaterstück. Artikel), Ekaterinburg: U-Fakto- 
rija, 1989, S. 586. 

8 Rani Aren: V russkom galute (In der russischen Diaspora), in: »22«, 1981, 
Nr. 19, S. 133-135,137. 

9 G. Pomeranc: Celovek niotkuda (Der Mensch von nirgendwo), in: Ders., Ne- 
opublikovannoe (Unveröffentlichtes), FrankfurtM.: Posev, 1972, S. 161, 166. 

10 A. Voronel’: Trepet iudejskich zabot (Judas sorgenvolles Bangen), 2. Auf!., Mos¬ 
kau-Jerusalem: Ramat-Gan, 1981, S. 122. 

11M. Dejc: Zapiski postorennego (Notizen eines Unbeteilgten), in: »22«, 1982, 
Nr. 26, S. 156. 

12 R. Rutman: Uchodjascemu - poklon, ostajuscemusja — bratstvo (Dem Gehen¬ 
den eine Verbeugung, dem Bleibenden die Bruderschaft), in: Novyj zurnal 
(Neue Zeitschrift), New York 1973, Nr. 112, S. 286. 

13 V. Boguslavskij: V zascitu Kunjaeva (Zu Kunjajews Verteidigung), in: »22«, 
1980, Nr. 16, S. 176. 

14 N. Il’skij: Istorija i samosoznanie (Geschichte und Selbstwahrnehmung), in: 
Evrei v SSSR (Die Juden in der UdSSR), 1977, Nr. 15. Zitiert nach: »22«, 1978, 
Nr. l, S. 202. 

15 A. StermamTret’epokolenie (Interv’ju) (Die dritte Generation [Interview]), in: 
»22«, 1986, Nr. 47, S. 124. 

16 V. Boguslavskij: U istokov (Interv’ju) (An den Quellen [Interview]), in: »22«, 
1986, Nr. 47, S. 102,105-108. 

17 Ebd., S. 109. 

18 V. Boguslavskij, in: Ogljanis’vrazdum’e ... (Kruglyj stol) (Blick zurück in Nach¬ 
denklichkeit ... [RunderTisch]), in: »22«, 1982, Nr. 24, S. 113. 

19 Ders.: Otcy i deti..., in: »22«, 1978, Nr. 2, S. 176f. 

20 I. Oren: Ispoved’ (Beichte), in: »22«, 1979, Nr. 7, S. 140. 

21 V. Boguslavskij: Otcy i deti ..., in: »22«, 1978, Nr. 2, S. 177f. 

22 Ders.: U istokov ..., in: »22«, 1986, Nr. 47, S. 121. 

23 G. Fajn: V roh vysokooplacivaemych svejcarov (In der Rolle der hoch bezahlten 
Portiere), in: ZuW, 1976, Nr. 12, S. 135. 

24 I. Domal’skij: Technologija nenavisti..., in: ZuW, 1978, Nr. 25, S. 106. 


592 



Anmerkungen zu Kapitel 14 


25 R. Nudel’man, in: Ogljanis’ v razdum’e ..., in: »22«, 1982, Nr. 24, S. 141. 

26 N. Rubinstejn: Kto citateP? (Wer ist der Leser?), in: ZuW, 1976, Nr. 7, S. 131. 

27 E. Manevic: Pismo v redakciju (Briefan die Redaktion), in: ZuW, 1985, Nr. 85, 
S. 230f. 

28 G. Rozenbljum, V. PerePman: Krusenie Cuda: priciny i sledstvija*: (Beseda) 
(Der Sturz des Wunders: Ursachen und Folgen [Gespräch]), in: ZuW, 1977, 
Nr. 24, S. 128. 

29 KJE, Bd. 8, Sp. 380. 

30 A. VoroneP: Vmesto posleslovija (Anstelle eines Nachwortes), in: »22«, 1983, 
Nr. 31, S. 140. 

31 V. Boguslavskij: Oni nicevo ne ponjali (Sie haben nichts begriffen), in: »22«, 
1984, Nr. 38, S. 156. 

32 F. Kölker: Novyj plan pomosci.... in: »22«, 1983, Nr. 31, S. 144. 

33 Ju. Stern: Situacija neustojciva i potomu opasna: (Interv’ju) (Die Situation ist 
instabil und daher gefährlich [Interview]), in: »22«, 1984, Nr. 38, S. 132f. 

34 E. Manevic: Novaja emigracija: sluchi i real’nost’ (Die neue Emigration: Ge¬ 
rüchte und Realität), in: ZuW, New York 1985, Nr. 87, S. 107f. 

35 F. Kölker: Novyj plan pomosci..., in: »22«, 1983, Nr. 31, S. 144. 

36 V. PerePman: Ogljanis’ v somnenii (Blick zurück im Zweifel), in: ZuW, 1982, 
Nr. 66, S. 152. 

37 S. Cirjufnikov: Izrail’ - god 1986 (Israel im Jahre 1986), in: ZuW, 1986, Nr. 
88, S. 135. 

38 G. Fajn: V roh vysokooplacivaemych ..., in: ZuW, 1976, Nr. 12, S. 135f. 

39 E. Manevic: Novaja emigracija: sluchi i real’nost’ (Die neue Emigration: Ge¬ 
rüchte und Realität), in: ZuW, 1985, Nr. 87, S. 111. 

40 E. Finkeistejn: Most, kotoryj ruchnul ... (Die Brücke, die einstürzte ...), in: 
»22«, 1984, Nr. 38, S. 148. 

41 E. Sotnikova: Pismo v redakciju (Brief an die Redaktion), in: ZuW, 1978, 
Nr. 25, S. 214. 

42 M. Nudler, in: Ogljanis’ v razdum’e ... (Kruglyj stol) (Bück zurück in Nach¬ 
denklichkeit ... [RunderTisch]), in: »22«, 1982, Nr. 24, S. 138. 

43 V. PerePman: Iz pocty redacii (Aus der Redaktionspost), in: ZuW, 1977, Nr. 23, 
S. 217. 

44 Ju. Stern: Dvojnaja otvetstvennost’ (Interv’ju) (Doppelte Verantwortung) 
[Interview]), in: »22«, 1981, Nr. 21, S. 126. 

45 E. Manevic: Novaja emigracija ..., in: ZuW, 1985, Nr. 87, S. 109f. 

46 G. Frejman: Dialog ob alie i emigracii (s A. Voronelem) (Dialog über die Alija 
und die Emigration [mit A. VoroneP], in: »22«, 1983, Nr. 31, S. 119. 

47 A. Eterman:Trete pokolenie (Interv’ju) (Die dritte Generation [Interview]), in: 
»22«, 1986, Nr. 47, S. 126. 

48 B. Orlov: Puti-dorogi »rimskich piligrimov« (Auf den Wegen der »römischen 
Pilger«), in: ZuW, 1977, Nr. 14, S. 126. 

49 N. VoroneP, in: Ogljanis’ v razdum’e ..., in: »22«, 1982, Nr. 24, S. 117f. 

50 Z. Levin: ebd., S. 127. 

51 A. Dobrovic: Pismo v redakciju (Brief an die Redaktion), in: »22«, 1989, Nr. 
67, S. 218. 


593 



Anmerkungen zu Kapitel 14 


52 A. VoroneF: Vmesto posleslovija in: »22«, 1983, Nr. 31, S. 139—141. 

53 V. Boguslavskij, in: Ogljanis’ v razdum’e ..., in: »22«, 1982, Nr. 24, S. 139. 

54 Ders.: U istokov ..., in: »22«, 1986, Nr. 47, S. 105. 

55 A. Eterman: Tret’e pokolenie .... in: »22«, 1986, Nr. 47, S. 136, 140. 

56 A. VoroneF: Dialog ob alie i emigracii (s G. Frejmanom) (Dialog über die Alija 
und die Emigration [mit G. Frejman]), in: »22«, 1983, Nr. 31, S. 119. 

57 L. Kopelev: O pravde i terpimosti (Von Wahrheit und Toleranz), New York: 
Khronika Press, 1982, S. 61. 

58 [R. Nudel’man:] Kolonka redaktora (Kolumne des Herausgebers), in: »22«, 

1979, Nr. 7, S. 97. 

59 E. Angenic: Spusk v bezdnu (Abstieg in das Bodenlose), in: »22«, 1980, Nr. 15, 
S. 166£ 

60 A. Eterman: Tret’e pokolenie ..., in: »22«, 1986, Nr. 47, S. 125. 

61 V. Boguslavskij: V zascitu Kunjaeva (Zu Kunjajews Verteidigung), in: »22«, 

1980, Nr. 16, S. 175. 

62 V. Ljubarskij: Cto delat’, a ne kto vinovat (Was tun, und nicht wessen Schuld), 
in: ZuW, New York 1990, Nr. 109, S. 129. 

63 B. Chazanov: NovajaRossija (Das neue Russland), in: ZuW, 1976, Nr. 8, S. 143. 

64 V. Lazaris: Ironiceskaja pesenka (Ironisches Liedchen), in: »22«, 1978, Nr. 2, 
S. 207. 

65 I. Mel’cuk: Pis’mo v redakciju (Briefan die Redaktion), in: ZuW, 1977, Nr. 23, 
S. 213f. 

66 V. Lazaris: Ironiceskaja pesenka ..., in: »22«, 1978, Nr. 2, S. 200. 

67 M. Aksenov-Meerson: Evrejskij Ischod v rossijskoj Perspektive (Der jüdische 
Exodus aus russischer Sicht), in: ZuW, 1979, Nr. 4L 

68 G. Sucharevskaja: Pis’mo v redakciju (Brief an die Redaktion), in: Sem’ dnej 
(Sieben Tage), New York 1984, Nr. 51. 

69 I. Slomovic, in: Ogljanis’ v razdum’e ..., in: »22«, 1982, Nr. 24, S. 138. 

70 B. Chazanov: Novaja Rossija ..., in: ZuW, 1976, Nr. 8, S. 139. 

71 B. Orlov: Ne te vy ucili alfavity (Ihr habt die falschen Alphabete gelernt), in: 
ZuW, 1975, Nr. 1, S. 127f. 


Anmerkungen zu Kapitel 15 

1 I. M. Bikerman: K samopoznaniju evreja: Cem my byli, cem my stali, cem my 
dolzny byt’ (Über die Selbsterkenntnis des Juden. Was wir waren, was wir ge¬ 
worden sind, was wir sein sollen), Paris 1939, S. 17. 

2 S. Ja. Lur’e: Andseminzm v drevnem mire (Annsemitismus in der antiken Welt), 
Tel Aviv: Sova, 1976, S. 160 (1. Auflage: Petrograd: Byloe, 1922). 

3 Ebd.*, S. 64, 122,159. 

4 Ebd.*, S. 160. 

5 M. Gersenzon: Sud’by evrejskogo naroda (Die Schicksale des jüdischen Volkes), 
in: »22«, 1981, Nr. 19, S. 109f. 

6 S. Cirjul’nikov: Filosofija evrejskoj anomalii (Die Philosophie der jüdischen 
Anomalie), in: ZuW, 1984, Nr. 77, S. 148. 


594 



7 A.-B. Iosua: Golos pisatelja (Die Stimme des Schriftstellers), in: »22«, 1982, 
Nr. 27, S. 158. 

8 Max Brod: Ljubov’ na rasstojanii (Distanzliebe), in: ZuW, 1976, Nr. 11, S. 197f. 

9 Arnos Oz: O vremeni i o sebe (Über die Zeit und über mich), in: Kontinent, 
1991, Nr. 66, S. 260. 

10 A.-B. Iosua: Golos pisatelja ..., in: »22«, 1982, Nr. 27, S. 159. 

11S. Cirjul’nikov: Filosofija evrejskoj anomalii..., in: ZuW, 1984, Nr. 77, S. I49f. 

12 P. Samorodnickij: Strannyj narodec (Ein merkwürdiges Völkchen), in: »22«, 

1980, Nr. 15, S. 153f. 

13 E. Fistejn: Iz Galuta s Ijubov’ju (Aus der Diaspora in Liebe), in: »22«, 1985, 
Nr. 40, S. 112-114. 

14 M. Samir: Sto let vojny (100 Jahre Krieg), in: »22«, 1982, Nr. 27, S. 167. 

15 JE, Bd. 3, Sp. 312. 

16 Ebd., Sp. 313. 

17 Ebd. 

18 M. Krol’: Nacionalizm i assimiljacija v evrejskoj istorii (Nationalismus und As¬ 
similation in der jüdischen Geschichte), in: JW-1, S. 187. 

19 I. L. Klauzner: Literatura na ivrit v Rossii (Literatur in hebräischer Sprache in 
Russland), in: BRJ-1, S. 506. 

20 M. Gersenzon: Sud’by evrejskogo naroda ..., in: »22«, 1981, Nr. 19, 
S. 111-115. 

21 N. Podgorec: Evrei v sovremennom mire (Interv’ju) (Die Juden in der heutigen 
Welt [Interview]), in: ZuW, 1985, Nr. 86, S. 117. 

22 V. Levitina: Stoilo li szigat’ svoj chram ... (Hat es sich gelohnt, unseren Tempel 
niederzubrennen ...), in: »22«, 1984, Nr. 34, S. 194. 

23 V. Boguslavskij: Zametki na poljach (Notizen am Rande), in: »22«, 1984, 
Nr. 35, S. 125. 

24 O. Rapoport: Simptomy odnoj bolezni (Symptome einer Krankheit), in: »22«, 
1978, Nr. 1,S. 122. 

25 L. Cigel’man-Dymerskaja, in: Sovetskij antisemitizm — priciny i prognozy 
(Seminar) (Der sowjetische Antisemitismus - Gründe und Prognosen [Semi¬ 
nar]), in: »22«, 1978, Nr. 3, S, 173f. 

26 G. Saked: Trudno li sochranit’ izrailskuju kul’turu v konfrontacii s drugimi 
kul’turami (Ist es schwierig, die Kultur Israels in der Konfrontation mit anderen 
Kulturen zu bewahren), in: »22«, 1982, Nr. 23, S. 135- 

27 VI. Zabonnskij: Na loznom puti (Auf dem falschen Weg), in: Ders.: Fel’etony 
(Feuilletons), St. Petersburg: Tipografija »Gerol’d«, 1913, S. 251, 260-263. 

28 Ders.: Cetyre stat’i o »cirikovskom incidente« (1909) (Vier Artikel über den 
»Tschirikow-Vorfall« [1909]), ebd., S. 76. 

29 JE, Bd. 4, Sp. 560, 566-568. 

30 Vjaceslav Ivanov und M.O. Gersenzon: Perepiska iz dvuch uglov (Briefwechsel 
zwischen zwei Zimmerwinkeln), Petrograd: Alkonost, 1921, S. 60f. 

31 O. Rapoport: Simptomy odnoj bolezni..., in: »22«, 1978, Nr. 1, S. 123. 

32 M. KroF: Nacionalizm i assimiljacija ..., in: JW-1, S. 191-193. 

33 Max Brod: Ljubov’ na rasstojanii (Distanzliebe), in: ZuW, 1976, Nr. 11, S. 198f. 

34 Martin Buber: Nacional’nye bogi i Bog Izrailja, in ZuW, 1976, Nr. 4, S. 117. 


595 



Anmerkungen zu Kapitel 15 


[Hier zitiert aus: Martin Buber: »Die Götter der Völker und Gott«, in: ders., 
Werke. Zweiter Band: Schriften zur Bibel. München: Kösel; Heidelberg: Lam¬ 
bert Schneider, 1964, S. 1067—1083; hier S. 1071f.] 

35 A. Koesder: Juda na pereput’e (Juda am Scheideweg), ZuW, 1978, Nr. 33, 
S. 104-107, 110. [Hier zitiert aus: Arthur Koesder: »Juda am Scheideweg«, in: 
ders.. Die Armut der Psychologie. Bern-München: Scherz, 1980, S. 95-130, 
hierS. 101£, 105£, 108f.] 

36 Ebd.,S. 112 [S. 110]. 

37 Ebd., S. 117, 126 [S. 116£, 126; Hervorhebung A. S.] 

38 V. Boguslavskij: Galutu - s nadezdoj (An die Diaspora in Hoffnung), in » 22 «, 
1985, Nr. 40, S. 135. 

39 A.-B. Iosua: Golos pisatelja ..., in: » 22 «, 1982, Nr. 27, S. 159. 

40 Ju. Viner: Chocetsja osvobodit’sja (Man will sich befreien), in: » 22 «, 1983, 
Nr. 32, S. 204f. 

41 M. Gol’dstejn: Mysli vsluch (Ausgesprochene Gedanken), in: Russkaja mysl’ 
(Der russische Gedanke) vom 29. Februar 1968, S. 5. 

42 M. Kaganskaja: Nase gostepriimstvo (Unsere Gastfreundschaft), in: » 22 «, 1990, 
Nr. 70, S. 111. 

43 A. Voronel’, in: Ogljanis’ v razdum’e ... (Kruglyj stol) (Blick zurück in Nach¬ 
denklichkeit) ... [RunderTisch]), in: » 22 «, 1982, Nr. 24, S. 131. 

44 A. Cernjak: Neizvestnoe pis’mo Ejnstejna (Ein unbekannter Brief Einsteins), in: 
» 22 «, 1994, Nr. 92, S. 212. 

45 A. Kacenelenbojgen: Antisemitizm i evrejskoe gosudarstvo (Antisemitismus und 
der jüdische Staat), in: » 22 «, 1989, Nr. 64, S. 180. 

46 I. Libler: Izrail’ - diaspora: Krizis identifikacii (Israel — Diaspora: Die Identifi¬ 
kationskrise), in: »22«, 1995, Nr. 95, S. 168. 

47 N. Gutina: Dvusmyslennaja svjaz’ (Zweideutige Verbindung), in: » 22 «, 1981, 
Nr. 19, S. 124. 

48 M. Kaganskaja: Mif protiv realnosti (Der Mythos gegen die Realität), in: » 22 «, 
1988, Nr. 58, S. 141. 

49 I. Libler: Izrail’ — diaspora ..., in: »22«, 1995, Nr. 95, S. l49f., 154, 157. 

50 S. Margolina: Das Ende der Lügen: Rußland und die Juden im 20. Jahrhundert, 
Berlin: Siedler Verlag, 1992, S. 95, 99. 

51 S. Margolina: Germanija i evrei: vtoraja pbpytka (Deutschland und die Juden: 
der zweite Versuch), in: LuW, 1991, Nr. 3, S. 143. 

52 I. Libler: Izrail’ - diaspora ..., in: » 22 «, 1995, Nr. 95, S. 150, 155. 

53 N. Podgorec: Evrei v sovremennom mire (Interv’ju) (Die Juden in der heutigen 
Welt [Interview]), in: ZuW, 1985, Nr. 86, S. 113, 120. 

54 Z. Bar-Sella: Islamskij fundamentalizm i evrejskoe gosudarstvo (Islamischer 
Fundamentalismus und der jüdische Staat), in: » 22 «, 1988, Nr. 58, S. 182-184. 

55 E. Fistejn: Iz Galuta c ljubov’ju ..., in: » 22 «, 1985, Nr. 40, S. 112. 

56 I. Libler: Izrail’ - diaspora ..., in: »22«, 1995, Nr. 95, S. 152. 

57 E. Fistejn: Gljadim nazad my bez bojazni ... (Blicken wir ohne Furcht zu¬ 
rück ...), in: » 22 «, 1984, Nr. 39, S. 135. 

58 N. Voronel’, in: Ogljanis’ v razdum’e ... (Kruglyj stol) (Blick zurück in Nach¬ 
denklichkeit ... [Runder Tisch]), in: »22«, 1982, Nr. 24, S. 118. 


596 



Anmerkungen zu Kapitel 15 


59 E. Fistejn: Iz Galuta c ljubov’ju ..., in: »22«, 1985, Nr. 40, S. 114. 

60 I. Libler: Izrail’ - diaspora in: »22«, 1995, Nr. 95, S. 156. 

61 Ed. Norden: Perescityvaja evreev* (Bescandsaufnahme der Juden), in: »22«, 
1991, Nr. 79, S. 126. 

62 I. Libler: Izrail’ — diaspora ..., in: «22«, 1995, Nr. 95, S. 151f. 

63 KJE, Bd. 8 , S P . 303, Tab. 15. 

64 I. Libler: Izrail’ — diaspora ..., in: »22«, 1995, Nr. 95, S. 156. 

65 N. Gutina: Dvusmyslennaja svjaz’ ..., in: »22«, 1981, Nr. 19, S. 125. 

66 S. Cirjul’nikov: Filosofija evrejskoj anomalii ..., in: ZuW, 1984, Nr. 77, 
S. 148. 

67 I. Libler: Izrail’ - diaspora ..., in: »22«, 1995, Nr. 95, S. 165. 

68 Z. Bar-Sella: Islamskij fundamentalizm ..., in: »22«, 1988, Nr. 58, S. 184. 

69 A.-B. Iosua: Golos pisatelja ..., in: »22«, 1982, Nr. TI, S. 158. 

70 Beni Peled: Soglasenie ne s tem partnerom (Eine Vereinbarung mir dem falschen 
Partner), in: » 22 «, 1983, Nr. 30, S. 125. 

71 E. Fistejn: Iz Galuta c ljubov’ju ..., in: «22«, 1985, Nr. 40, S. 115f. 

72 Ed. Norden: Perescityvaja evreev ..., in: » 22 «, 1991, Nr. 79, S. 120, 130f. 

73 I. M. Bikerman: Ksamopoznaniju evreja ..., S. 62. 

74 S. Ettinger: Novejsij period (Die neuste Periode), in: Istorija evrejskogo naroda 
(Geschichte des jüdischen Volkes), hg. von S. Ettinger, Jerusalem: Gesarim; 
Moskau: Mosty kul’tury, 2001, S. 587. 

75 A. Eterman: Tret’e pokolenie (Interv’ju) (Die dritte Generation [Interview]), in: 
« 22 «, 1986, Nr. 47, S. 123f. 

76 A. L’vov: Vedi za soboj otca tvoego (Führe hinter dir deinen Vater), in: ZuW, 
1980, Nr. 52, S. 183f. 

77 VI. Zaborinskij: Na loznom puti ..., in: ders.: Fel’etony ..., S. 251. 

78 Rani Aren: V russkom galute (In der russischen Diaspora), in: »22«, 1981, Nr. 
19, S. 135f. 

79 G. B. Sliozberg: Dela minuvsich dnej. Zapiski russkogo evreja (Die Angelegen¬ 
heiten vergangener Tage. Aufzeichnungen eines russischen Juden), in 3 Bden, 
Paris 1933-1934, Bd. 1 , S. 4. 

80 S. Markis: Esce raz o nenavisti k samomu sebe (Noch einmal über den Hass auf 
sich selbst), in: »22«, 1980, Nr. 16, S. 189. 

81 L. Cigefman-Dymerskaja, in: Sovetskij antisemitizm ..., in: »22«, 1978, Nr. 3, 

S, 175 . 

82 Ju. Stern: Dvojnaja otvetstvennost’ (Doppelte Verantwortung), in: »22«, 1981, 
Nr. 21, S. 127. 

83 O. Rapoport: Simptomy odnoj bolezni (Symptome einer Krankheit), in: » 22 «, 

1978, Nr. 1 , S. 123. 

84 St. Ivanovic: Semen Juskevic i evrei. Publikacija Ed. Kapitajkina (Semjon Jusch- 
kewitsch und die Juden, hg. von Ed. Kapitajkin), in: Evrej v kul’ture russkogo 
zarubez’ja (Die Juden in der Kultur der russischen Diaspora), Jerusalem 1992, 
Bd. 1.S.29. 

85 [R. Nudel’man:] Koionka redaktora (Kolumne des Herausgebers), in: »22«, 

1979, Nr. 7, S. 95f. 

86 L-skij: Pis’ma iz Rossii (Briefe aus Russland), in: » 22 «, 1981, Nr. 21, S. 150. 


597 



Die Sowjetunion im 20. Jahrhundert 



Folgende Unionsrepubliken sind mit Zahlen bezeichnet: 

1 Estnische SSR 4 Weißrussische SSR 7 Aserbaidschanische SSR 

2 Lettische SSR 5 Moldauische SSR 8 Armenische SSR 

3 Litauische SSR 6 Georgische SSR 9 Tadschikische SSR 


598 










Personenregister 


Abakumow, W.S. 424 
Abramowitsch, AL. 130f., 376 
Abramowitsch, RA 54, 115, 
175 

Abrampolskij, G.Ja. 306 
Abramson, L.M. 306, 308 
Abtschuk, A. 325 
Acheson, D. 419 
Adler, F. 116 
Adshemow, M.S. 26 
Agranow, Ja.S. 139, 218, 303, 
308 

Agurskij, M.S. 85f., 113, 209, 
215f.,271f.,281,312, 342, 
481,487 

Agurskij, S.Ch. 99, 112f. 
Ajsikowitsch (Lawocschkin), 
SA 337 

Ajsman, D.Ja. 29, 56f. 

D’Aktil, AA 280 
Aldanov, MA 119, 178 
Alexander II., russ. Kaiser 472 
Alexander III., russ. Kaiser 378 
Alexandra Fjodorowna, russ. 

Kaiserin 58 
Alexandrow, G.F. 405 
Alexandrowitsch, P. 32 
Alexandrowskij, W. 286 
Alexejew, M.W. 156 
Aljanskij, S.M. 335 
Aperin, A 156 
Aperowitsch, A 52 
Aperowitsch, S. 56 
Ater, V. 369 
Andrejesv, W.W. 65 
Anet, C. 42 
Angel 153 
Angert 350 

Antokolskij, M.M. 533 
Antonow-CHvsejenko, WA 133 
Aad, Y. 37l£, 375-377, 379, 
395,398 
Arajs, Ja.F. 351 
Acbangorodskij, AI. 157 
Aendt, H. 9, 288, 401f. 

Am 350 

Anstam, L.O. 334 
Aonson, G.Ja. 36, 175, 212, 
332, 414 

Aonstam, L.Ja. 312 
Aschinow, PA 154 


Ason 373 

Abel, D.S. 115,121,219 
Abel, M.Ja. 121 
Ach, Sch. 224 
Achberg, O. 110, 250 
Aow, W. (WA Aschkenasi) 
177 

Atafjew, W.P. 486 
Awerbuch 436 
Awerbuch, W. 326 
Awtorchanow, AG. 423 
Awxentjew, N.D. 59, 69,177, 
206 

Aelrod, S.M. 325 
Aelrod, T. 109 

Babel, I.E. 189 
Bachmetjew, BA 54 
Badasch, S.Ju. 345 
Bagrizkij, E.G. 118, 488 
Bak, BA 141 

Balfour, AJ. Earl of B. 76, 117 
Balizkij, WA 303 
Balk, A 37f. 

Baimont, K.D. 172 
Bandera, SA 388f. 

Baron, A. 154 
Basow, G.D. 325 
Bassow 127 
Bataulr, G. 182 
Batjuschin, N.S. 29f. 

Batkin 74 

Beaconsfield siehe Disraeli, B. 
Bednyj, D. (JeA Pridworow) 
101 

Beilis, M.M. 31, 41,140, 185, 
230 

Belawin, W.I. siehe Tichon, 
Patriarch 

Belenkij, Aja. 91, 308 
Belenkij, B.S.301,312 
Belenkij, G.Ja. 91, 312 
Belenkij, Je.Ja. 91 
Belenkij, M. 297, 312 
Belenkij, S.M. 294, 296,312 
Belinkow, AW. 345, 471f. 
Belloc, H. 182 
Beloborodow, AG. 95, 97 
Below, W.I. 486 
Belozerkowskij, W. 460, 473 
Belozkij, M.L. 225, 312 


Belskij, L.N. (AM. Lewin) 138, 
142, 218, 303, 308 
Belskij, T. 397 

Benckendorff, ACh. von 470 
Bendik, AI. 335 
Ben-Gurion, D. 14,419 
Berchin-Benediktow, M.Ju. 177 
Berdjajew, NA 12, 14, 18,474 
Berenson, L.I. 306, 350 
Berg, I.D. 309, 348, 483 
Bergelson, D.R. 266,359, 369, 
419 

Berger, J. 348 

Berija, L.P. 309,416,423-425, 
427 

Berlin, Ja 111 
Berlin, L.E. 132 
Berman, B.D. 139, 303, 308 
Berman, M.D. 139, 218, 304, 
308, 349, 488 
Bernstam, M.S. 487 
Bernstein, A 347 
Bernstein, N.D. 317 
Bernstein-Lilina, S. siehe Lilina, 
S.I. 

Berschader, I. 352f. 

Bespalow, Sch. 74, 164,358 
Besymenskij, AI. 498 
Bikerman, I.M. 12,104f., 109, 
115, 152, 160, 167, 177, 
181, 187f-, 190f„ 194, 197, 
202, 205, 210, 263, 532 
Binstock, G.O. 89,116 
Bitker, G.S. 131,312 
Bjalik, BA 498 
Bjalik, Ch.N. 266 
Blank, I. (A) D. 79 
Blanter, M.I. 333 
Blat, I.M. 306, 308 
Bleichman, I.Ch.Sch. 70 
Bljucher, W.K. 133, 312 
Bljum, W. 286 
Bljumkin, Ja.G. 139 
Bloch, JaN. 176 
Blök, A 444 
Blum, L. 253 
Blumenfeld, G.F. 59 
Bogatin, I. 327 
Bogdanow, B.O. 66, 313f. 
Bogdanow-Malinowskij, AA 
66 


600 



Personen r egi st er 


Bogoras, L.I. 460 
Bofcij, G.I. 139 
Bomasch, M.Ch. 29 
Borissow, W. 505 
Börne, L. 519 
Borodin siehe Grusenberg, 
M.M. 

Bosch, Je.B. 133 
Brams, Ja.I. 176 
Bramson, L.M. 27, 58 
Brandeis, L. 11 
Brandenburgskij-Goldsinskij, 
Ja-N. 92 

Branower, G. 402 

Bratianu, I. 35 

Brenner 301 

Breshnew, L.I. 452, 504 

Brilliant siehe Sokolnikow, G.Ja. 

Brod, M. 23, 524 

Brodskij 88 

Brodskij, I.I. 103,279, 296 
Bronstein 327 
Bronstein, M.P. 317 
Browerman, Ja.M. 306 
Bruzkus, B.D. 226, 247f., 252, 
287 

Buber, M. 524 
Bucharin, N.I. 61, 95, 212f., 
281,285,294, 420 
Budjonnyj, S.M. 133, 166-168, 
279, 333 

Budker, G.I. 4l7f. 
Budvidaite-Kutorgene, E. 387 
Bulak-Balachowitsch, S.N. 155 
Bulgakow, MA 278 
Bulgakow, S.N. 12, 19, 102, 

109 

Bulganin, NA 427 
Bunin, LA. 172 
Burg, D. 429 
Burstein, D. 352, 354 
Burzew, W.L. 185f., 198 
Butaschewitsch-Petraschewskij, 
M. 184 

Bystrizkaja, EA 498 

Cardin, Sh. 529 
Chagall, M. 278,465 
Chait, JuA. 280 
Chajkis, L.Ja. 222, 312 
Chanukajew, AA 132, 312 
Chariton, B.I. 176 
Charitonow, M.M. 54, 312 
Charyk, I. 325 
Chasanow, B. 471 
Chassin, W.Ja. 374 
Chassis, A 223 

Chatajewitsch, M.M. 295, 312 
Chezrow, I.R. 317 
Chintschuk, L.M. 61, 297 
Chmelnizkij, B.M. 145, 152, 
320 

Chnoch, L.G. 494 


Chodorowitsch, NA 32 
Chodorowskij, I.I. 131, 312, 
420 

Chorosch, M.R. 301, 312 
Chruschtschow, N.S. 251,258, 
307, 366, 406,408, 
425-430,434, 437,439, 
441,443,445, 453 
Churchill, W. 112, 118, 164 
Churgin, I.Ja. 225 
Chwesin,T.S. 131, 312 
Cohen, H. 16 
Cohn, N. 183 
Conquest, R. 420 

Dain, Sch. 382 
Dalin, D.Ju. 175 
Dan, EI. 58, 62, 175 
Danilow, A\V. 66 
Daschewskij, P. 326 
Dawidow 111 
Dawidson, S. 133 
Deborin, AM. 116 
Degen, I. 382 

Deljewskij, Ju. (Ja.L.Judelew- 
skij) 177, 185f. 

Delone, S.I. 172 
Denikin, AI. 52, 136, 155f., 
158,160, 163-166,204 
Denisow 111 
Dennis, R.B. 111 
Der Nister (P.M. Kaganowitsch) 
266, 369 

Deribass, T.D. 270, 303 
Deutsch, L.G. 54 
Deutsch, M. 298, 312 
Dikler, F. 346 

Dimanstein, S.M. 55, 82, 91, 
99,116, 257,266,312, 324, 
329,429 

Dioneo-Schklowskij, I.W. 177 
Dionisij 474 
Disraeli, B. 519, 522 
Dobkowskij, I. 113 
Dolmatowskij, Je A 498 
Don-Aminado 177 
Donskoj, M.S. 498 
Dorfman, A 350 
Dostoiewskij, F.M. 17, 200 
Douglas siehe Smuschkewitsch, 
Ja.W. 

Drabkin 88 

Drabkin, Ja.D. (S.I. Gussew) 
131f. 

Dragomirow, AM. 163 
Dragunskij, DA 498 
Drejzer, Je A 87, 312 
Dridso-Losowskij, SA 86, 112, 
340, 370, 4l2f., 419 
Drobnis, Ja.N. 68 
Dsershinskij, F.E. 96£, 135, 

137,139,146, 217f., 220, 
269,274, 420 


Dubnow, S.M. 45,176,263, 
358 

Dubrowin, AI. 31 
Dukelskij, S. 276, 334 
Dumenko, B.M. 133 
Dunajewsldj, I.O. 333, 421, 
488 

Dunditsch, O. 133 
Dunez, Ch. 325 
Dutow, AI. 91 
Dwojlazkij, Sch.M. 297, 312 
Dybenko, P. 133 
Dymow, O. (I.I. Perelman) 

175 

Dymschiz, M. 497 
Dymschiz, W.E. 433 

Efroimson, W.P. 35 l£ 
Ehrenburg, I.G. 364f., 368, 
411,419,421,499 
Eiche, R.I. 220 

Eichenbaum siehe Wolin, W.M. 
Eichenbaum, B.M. 56 
Eichenwald, Ju.I. 174, 178 
Eichmans, F.I. 220 
Eidelman, N.Ja. 486 
Eidman 141 

Einstein, A287f., 370, 527 
Eisenstadt, M.K. (Shelesnow, 
Agus) 176 

Eisenstein, S.M. 277, 368 
Eisner, K. 147 
Ejsmont, N.B. 220 
El Lissitzky 278 
Engels, F. 97 
Epstein, I.Ja. 298, 312 
Epstein, Ju. 487 
Epstein, Sch. (AB.) 369, 407 
Erlich, H.M. 368f. 

Ermler, F.M. 277, 334 
Estedt, AB. 79 
Etingon, N.I. (LA) 138, 303 
Edis, M.M. 356 
Ettinger, Sch. 245, 284 

Fadejew, AA 414 
Fainoerg, Je.L. 295, 312 
Fainerman, B.I. 374, 383 
Fajbischenko, W. 437 
Fajwilowitsch, L.Ja. 306, 308 
Faiike, T.M. 351 
Fast, H. 425 

Fedotow, G.P. 178, 2l4f. 

Fefer, I.S. 325, 369f., 407f., 
4l2f.,4l9 
Fein, L. 529 
Fejgin, W.G.-297,312 
Felabin, L. (A Orlow) 304 
Feldman, B A 335 
Feldman, B.M. 302,312 
Felschtinskij, Ju.G. 487 
Felzman, O.B. 333 
Feuchtwanger, L. 366 


601 



Personenregister 


Filler, S- 91 
Filofej, Starez 488 
Finkeistein, W.S. 317 
Firin, S.G. 349 
Fischman, Ja.M. 39, 56,131, 
312 

Fishman 253 
Fissanowitsch, LI. 373 
Flakserman, G.K. 80 
Flier, Ja.W. 333,498 
Flikser, A 306 
Fondaminskij-Bunakow, I.L 
172,177f. 

Ford, H. 183 
Foschan 306 

Fradkin, I Je. siehe Wolin, B.M. 
Frank, Anne 443 
Frank, S.L. 105 
Frankfurt, S.G. 298 
Freilich, S. 373, 383 
Frenkel, I.L. 333 
Frenkel, Ja A 333 
Frenkel, NA 349, 355, 371, 
488 

Freud, S. 480 
Fridberg 306 
Fridman, D.F. 327 
Fridman, N.M. 28f., 59 
Friman 55 
Fritsche, W.M. 285 
Frurakin, AN. 369,498 
Frumkin, M.I. 91, 226, 299, 

312 

Frumkina-Esther, M.Ja. 114, 
312,324 

Frunse, M.W. 133, 217,223, 
279 

Furman, I. 130 
Furmanow, DA 223 
Furzewa, JeA 436 

Gaj-Stockiand, M.I. 303,308 
Galitsch (Ginsburg), AA 
461-467,492 
Galpern, Aja. 59, 172 
Galpern (Andronnikowa), S.N. 
172 

Gamarnik, Ja.B. 90, 296, 302, 
311f.,319 

Gammerow, B. 351, 373 
Ganezkij, Ja.S. 89 
Ganfman, M.I. 176 
Gansenko, S. 396 
Gapon, G A 54, 527 
Garbai, S. 147 
Garwi, PA. 175 

Gaskowitsch siehe Laschewitsch, 
M.M. 

Gaulle, Ch. de 451 
Gekker, AI. 220 
Gelfand, I.M. 461 
Geller, M.Ja. 487 
Gendelman, M.Ja. 62,71, 316 


Gendin, S.G. 218, 308 
Genkin 345 
German, AP. 280 
Gerschenson, M.O. 13, 17, 
105,516,519, 522f. 
Gerschkowitsch, A 380 
Gerschuni, GA 54 
Gerschuni, Je.P. 380f. 

Gerschuni, W.L. 125, 307,351 
Gerson, W.L. 137, 218, 308 
Gertschikow, M.G. 297, 312 
Gessen, I.W. 172, 174f., 199 
Gilels, E.G. 333,421 

Gimmer-Suchanow siehe 
Suchanow, N.N. 

Ginsburg, Baron 44 
Ginsburg, AI. 352, 460, 487 
Ginsburg, G.R. 333 
Ginsburg, K. 44 
Ginsburg, S.S. 296, 371,416 
Ginsburg-Naumow, AM. 59, 

61 

Ginter, S.G. 317 
Gippius, S.N. 178 
Glasberg, N. 59 
Glasman, M.S. 87 
Glasunow, AK. 280 
Glesarow, L.M. 131 
Gliksberg, AM. siehe Tschor- 
nyj, S. 

Glinka-Jantschewskij, S.K. 31 
Globatschow, K.I. 37 
Glusman, S.F. 460 
Gnedin, JeA 300f., 312, 336 
Gnesin, M.F. 279, 332 
Goglidse, SA 303 
Gogol, N.W. 268 
Goichbarg, AG. 116, 224, 285 
Goldberg, B.I. 132 
Goldberg, B.Z. 360 
Goldenberg, I.P. 42 
Goldenwejser, AB. 367 
Goldin, Ja.G. 142,312 
Goldman, AG. 338 
Goldman, M.I. siehe Liber, M. 
Goldmann, N. 189f. 

Goldstern, M.E. 380 
Goldstein, M.L. 39, 176 
Golman, M. 62 
Goloschtschokin, Sch. (F.) 

94-97, 31 lf. 

Golowinskij, M.W. 184 
Golowinskij, WA 184 
Golzman, AS. 294, 302 
Gomberg-Sorin siehe Sorrn, S.S. 
Gonta, I. 152 
Gontscharow 93 
Gopner, S.I. 150 
Gorbatschow, M.S. 356, 449 
Gorbman, G. (Je.D.) 412 
Gordon 88 
Gordon, BA 178 
Gordon, L.M. 302, 312 


Gorelik 345 
Gorenstein, F. 474 
Gorjanskij, W.I. 189 
Gorkij, M. 99f, 223f., 233, 267 
Gorskij, W.S. 337 
Gottwald, K. 419 
Goz, AR. 60,62,71,315t 
Goz, M.R.315 
Grabar, I.E. 286 
Grätsch, IjV. 350 
Graves, P. 184 
Gremin (N. Gerschel) 348 
Grigorjew, M. (NA Serwetnik) 
153f. 

Grinberg 347 
Grinberg, I. 133, 312f. 

Grinberg, MjL 279 
Grinberg, S. 91 
Grobman, M. 474 
Grodsenskij, Ja.D. 35 lf. 
Gromyko, AA 410 
Grosman, W. 195 
Grossman, W.S. 373,411,421 
Großschopf, A.I. 79 
Grshebin, S.I. 175 
Grusenberg (Borodin), M.M. 
112, 223 

Grusenberg, O.O. 28, 30, 59, 

74 

Gubelman, M.I. siehe Jaroslaw- 
skii, Je.M. 

Gugel, Ja.S. 298,313 
Gukassow, A.O. 177 
Gukowskij, A.I. 177 
Gumiljow, L.N. 469 
Gumiljow, N.S. 138 
Gurewitsch 62 
Gurewitsch 345 
Gurewitsch, A.I. 296, 313 
Gurewitsch, A.M. 381 
Gurewitsch, I.B. 29, 59 
Gurewitsch, W.Ja. 59 
Gurowitsch, Ja.S. 272 
Gusenko, I.S. 340 
Gussew, S.I. siehe Drabkin, 
Ja.D. 

Gutnik, S.M. 151 
Gutschkow, A.1.26 

Halpern siehe Galpern 
Hammer, A. 250 
Harel, E. 434 
Heifez, Aja. 114 
Heifez, G.M. 219 
Heifez, M.R. 96, 117, 228,346, 
417,435t, 458,485,487 
Heifiz, I.E. 334 
Heine, H. 519 
Helphand, I.L. siehe Parvus, 
AL. 

Henoch 38 
Humphrey, H. 504 
Herzen, AI. 203 


602 



Personenregister 


Herzl.T. 118 
Heydrich, R. 391 
Himmler, H. 394 
Hirschfeld siehe Staschewskij, 
AK. 

Hider, A. 196, 293, 309, 323, 
339, 341,347, 358, 
364-367, 375, 383, 385£, 
391, 398f., 406, 450,478, 
485,498 

Hofstein, D.N. 266,419 
Hughes, Ch. 250 

Ibraimow, W. 255 
Ignatjew, S.D. 424 
Indenbaum 92, 232 
Ingal, G. 351 
Inshir, LI. 348, 350 
Iofan, B.M. 327 
IofFe, AA 86 
Ioffe, AF. 288, 337,416 
IofFe, D. 358 
Iollos, G.B. 31 
Ionow (Bernstein), I.I. 335 
Iosselewitsch, A 139, 308 
Ipatjew, N.N. 96 
Ipatjew, W.N. 223 
Ippo, B.M. 132, 301, 313 
Irezkij, W. (W.Ja. Gliksman) 

175 

Isakson, B. 336 
Iwanow, W.I. 523 
Iwanowitsch, St. siehe Portugejs, 
S.O. 

Jabotinsky, Zeev (W.E.) 14, 34, 
48,118,172£, 175,177f, 
485,489, 52l£, 524 
Jackson, G. 503 
Jagoda, G.G. 218£, 296, 303, 
308,319, 349,414,420 
Jakir, I.E. 131,302,313,319, 
349 

Jakowlew 297 

Jakowlew-Epstein, JaA 282£, 
296, 307,310,312 
Jaroslawskij, Ja.M. 103, 131, 
273, 282, 287,294 
Jartschuk, E. (Ch.S.) 56 
Jaschunskij, I.Ch. 358 
Jasykow, N.M. 470 
Jazejko 153 
Jefimow, B.E. 335 
Jenukidse, AS. 281 
Jermakow, P. 96 
Jeshow, N.I. 304, 309, 332, 
348,414 
Jessenin, SA 119 
Jewtuschenko, Je A 442 
JofFe 433 
Joiy, M. 184 
Judowskij, W.G. 90 
Jung, C.-G. 359 


Jurowskij, Ja.M. 94, 96£ 
Jurowskij, L.N. 318 
Juschkewitsch 139 
Juschkewitsch, S.S. 178, 268 
Jusis, I. 220 
Jussefowitsch, I.S. 419 
Jutkewitsch, S.I. 277, 334 

Kagan, A 54, 66 
Kagan, AS. 176 
Kagan, AE. 176 
Kaganow, I. 352 
Kaganowa, E. 335 
Kaganowitsch, Ju.M. 294 
Kaganowitsch, L.M. 90, 287, 
294-296, 298,311,340, 
371,407,416, 428,499, 533 
Kaganowitsch, M. 360, 396, 

398 

Kaganowitsch, M.M.- 294, 298, 
313 

Kaganowitsch, P.M. siehe Der 
Nister 

Kagner, B.M. 350 
Kaktyn, A. 220 
Kakurin, N.E. 142 
Kalaschkin 250 
Kaledin, AM. 156 
Kalik, M.N. 499 
Kalikman, R. 354 
Kalinin, M.I. 10l£, 143, 235, 
254,258,274, 533 
Kalmanowitsch, M.I. 92, 296£, 
310,313 

Kamenew, L.B. 62, 66, 72, 76, 
80£, 85£, 95,111,218, 233, 
280,313,483 
Kamenew, S.S. 87 
Kamenewa, O.D. 276 
Kamenka, BA 111 
Kamenskij, AS. 313 
Kaminka, AI. 174£ 

Kaminskij, G.N. 225, 296, 313, 
420 

Kamkow (Kaz), B.D. 66, 76, 
315 

Kannegisser, L.I. 118—120 * 
Kannegisser, R.E. 119£ 

Kantor, A 113 
Kantorowitsch, Aja. 335£ 

Kantorowitsch, Ja. 72 
Kaplan, F.E. 118f. 

Kaplun, B.G. 38 
Karabtschiewskij, JuA 11 
Karamsin, N.M. 470f. 

Karelin, WA 86 
Karklin, M. 220 
Karlson, K.M. 303 
Karmen, R.L. 334, 336 
Kartaschow, AW. 18, 185£ 
Kasakewitsch, E.G. 329, 411 
Kasakow, I.N. 420 
Kasakowa, R.F. 442 


Kassel, G. 250 
Kassil, LA 336 
Kassirskij, IA 498 
Katharina II., die Große, russ. 

Kaiserin 25 
Katschalow, W.I. 278 
Kaz, B. siehe Kamkow, B.D. 
Kaz, J. 504 

Kazenelenbaum, S.S. 226 
Kazenelson, D. 275 
Kazman, M.I. 157 
Kaznelson, S.B. 138, 218, 303, 
305£,308 
Kegels 347 
Keller, G. 352 
Kennedy, E. 504 
Kerenskij, AF. 27, 31, 36, 53, 
62£, 65, 157,175 
Khomeini, R.M.H. 531 
Kieselstein, I.S. 93 
Kikwidse, W.I. 133 
Kiper, M. 324 
Karow, S.M. 303 
Kirpitschnikow, T. 39 
Kisis, R. 220 

Kit-Wijtenko, I.P. 117, 313 
Kleber siehe Stern, M. 

Kleinman 299 
Klejner, I.M. 313 
Klementjew, W.F. 120, 205 
Kljutschnikow, Ju.W. 213f. 
Knorin, W.G. 220 
Koesder, A 8, 524-526, 529 
Kogan 154 
Kogan, AE. 176 
Kogan, B.B. 420£ 

Kogan, Je.S. 91, 313 
Kogan, L.I. 116, 305, 308, 349, 
488 

Kogan-Semkow, S.M. 55 
Konn, F.Ja. 146 
Kohn, I. 111 
Kokin, M.D.317, 325 
Kokoschkin, F.E 127 
Kolenberg, L.L. 204 
Kolm an, E.Ja. 338 
Kolpaschtschikow, I. 97 
Koltschak, AW. 116, 144, 156, 
161, 165 

Koltun, A (I.) M. 91 
Kolyschko, I.I. 30 
Kolzow-Fridland, M.E. 304, 
308 

Komarow, B. (S. Wolfson) 216, 
486 

Komarow, N.P. 216 
Komissarshewskaja, W.F. 278 
Kondratjew, N.D. 283, 318 
Konowalow, AI. 26, 74 
Kopelew, L. 345, 373 
Kopylow, G. (S. Telegin) 470, 
473 

Kordonskij, SchA 374 


603 



Pe rsonenregister 


Korenblit, M. 485 
Kornejtschuk, AJe. 367 
Kornilow, L.G. 57, 63f., 74, 

157, 171, 198 
Korolenko, W.G. 93, 140 
Korshawin, N.M. 85 
Korsunskij, W.B. 374 
Kosakow, M. 234 
Kosinzew, G.M. 277 
Kossygin, AN. 363 
Kostyrtschenko, G.W 331, 408, 
417, 422 
Kosyr-Sirka 153 
Kodjar, L.S. 302 
Kotljar, S.0.114 
Kotowskij, G.I. 133 
Kowerda, B.S. 204f. 

Kowtjuch, Je.1.133 
Krajnij, L. 135 
KrassiKow, PA 102 
Krassnoschtschokow, AM. (To- 
binson) 55, 313 
Krassnyj, P. 326 
Krejn, AA 279, 332 
Krejn, GA 279 
Krejn, Ju.G. 279 
Kresdnskij, N.N. 137 
Kreuzberg, I.M. 150 
Kriger, E.G. 364 
Kritschewskij, I.L. 317 
Krizman, L.N. 283, 313 
Kruglikow, S.L. 297, 313 
Kxukowskij, G.M. 306, 308 
Kruschinskij 62 
Kugel, AR. 267 
Kujbyschew, W.W. 91,223, 

298, 420 

Kulbak, M.S. 266, 325 
Kulischer, E.M. 359£ 
Kulischer-Junius, AM. 175, 

177 

Kim, Bela 131,146£, 310 
Kupowezkij, M. 360, 399 
Kuskowa, Je.D. 180, 230f. 

Kus nezow, AA 413 
Kusnezow, E.S. 497 
Kvvitko, L.M. 266, 369,419 

Ladowskij, NA 327 
LadyshniKow, I.P. 175 
Lampe, AA. von 159 
Landa, M.M. 132, 302,313 
Landau, AE. 199 
Landau, GA 13, 39, 59, 72, 
106,120,141,148,174, 

191, 199f., 202,242 
Landau, L.D. 337,421 
Landauer, G. 109, 147 
Larin, Ju. (M.S. Lurje) 54, 66, 
90, 99, 166,208L, 213-216, 
227, 234-239,255£, 275, 
285 

Lasarew, L.1.374, 383 


Lasarewitsch, W.S. 131, 313 
Laschewitsch, M.M. (Gasko- 
witsch) 131£ 

Lassalle, F. 519 
Lauris, M. 92 
Lazis, M.I. 135, 220 
Leckert, H. 277 
Lejpunskij, AI. 337 
Lenin, W.I. 53f., 56,60f., 
79-82, 86f., 89, 91, 94-96, 
98,100f., 109£, 114,116, 
118£, 124,137,143f., 149, 
241,247,250,276,279, 
283,316, 334, 359, 431, 
455,459,519 
Lenkawskij, S. 389 
Leplewskij, G.M. 114, 295, 306 
Leplewskij, I.M. 114,137, 
303f., 306, 308 
Lert, R.B. 460 
Leskow, N.S. 229 
Lessin, G. 111 
Levien, M. 109, 147 
Levin, D. 402,457 
Levine, E. 109,147 
Lewin 89 

Lewin, AM. siehe Belskij, L.N. 
Lewin, B. 397 
Lewin, B.I. 336 
Lewin, I. 505 

Lewin, I.O. 60, 109, 126, 163, 
174,191£, 198 
Lewin, I.S. 4l5f. 

Lewin, L.G. 420 
Lewin, RJa. 226, 313 
Lewin-Belskij, L. siehe Belskij, 
L.N. 

Lewit, S.G. 317 
Lewitan, I.I. 105, 518 
Lewitan, Ju.B. 332 
Lewitin-Krassnow, AE. 345 
Lewitow, M.I. 157,171 
Lewitsch, W.G. 504 
Liber, M. (M.I. Goldman) 54, 
58£, 62,316 
Liebknecht, K. 147 
Lifschiz, AE. 436 
Lilina (Bernstein), S.L 88, 121 
Lincoln, B. 145 
Linskij, D.O. 161-163, 191, 
200 

Lissowskij, M.Ja. 131, 313 
Litwakow, M.I. 114, 324 
Litwin, M.I. 304£, 308 
Linvinow, M.M. 223, 296, 
300£, 340, 405,412 
Litwinow, P.M. 460 
Liwschiz 306 

Liwschiz, JaA 116, 138, 313 
Ljachowezkij-Majskij siehe 
Majskij, I.M. 

Ljadow (Mandelstam), M.N. 

66,212 


Ljubimow, I.Je. 296 
Ljuschkow, G.S. 304 
Lojewezkij, DA 350 
Losinskij, S.G. 265 
Losowskij siehe Dridso-Losow- 
skij, SA 

Lubozkij siehe Sagorskij, W.M. 
Lukacz, G. 147 
Lunatscharskij, AW. 91, 99, 
267 

Lunz, D.R. 436 
Lurje, S. 59 

Lurje, S.Ja. 8, 229, 383, 534 
Lurje, M.S. siehe Larin, Ju. 
Luxemburg, R. 147 
Luzkij, M.M. 218 
Lwow, AL. 533 
Lwow, Fürst G.Je. 26, 35, 64, 
156 

Machiavelli, N. 184 
Machno, N.I. 56, 153f. 
Magidow, B.O. 116 
Magnes, J. 108 
Majakowskij, W.W. 257 
Maj-Majewskij, W.S. 158 
Majranowskij, G.M. 309 
Majskij (Ljachowezkij), I.M. 

116, 301,412 
Maklakow, WA 26 
Malkin, B.F. 335 
Mandel, W.S. 191,200 
Mandelbaum, M. 141 
Mandelstam, AN. 59 
Mandelstam, O.E. 114,465 
Mandelstam-Ljadow siehe Lja¬ 
dow, M.N. 

Manewitsch, L.Je. 381 
Manujlow, AA 26 
Manus, I.P. 30 
Mao Tse-tung 112 
Marchlewski, J.J. 146 
Margolin, AD. 152 
Margolin, Ju.B. 324 
Margolin, N.W. 142, 308 
Margoiina, S. 417 
Marjasin, L.E. 225, 297, 313 
Märkisch, D.P. 488 
Märkisch, E.E. 407 
Märkisch, P.D. 266, 329, 368£, 
407, 419 

Märkisch, Sch.P. 454, 488f. 
Markow, A 97 
Markow, N.Je. 31 
Markus, F.M. 301, 313 
Marschak, S.Ja. 368, 421 
Marshail, L. 253£ 

Martow, L. (Ju.O. Zederbaum) 
53, 175 

Martynow, AS. (S.S. Pikker) 89 
Marx, K. 97,290, 293,431, 
449, 518£ 

Maschkewitsch, NA 31 


604 



Personenregister 


Mase, Ja.I. 274 
Masin, E.A. 373 
Maskalik, Ja.-S. 327 
Maslennikow, A.M. 72 
Maslow, S.S. 144, 153, 167, 

180,230-233 
Massamed 351 
May, M. 250 
Mayer, D. 451 
Meany, G. 502 
Mechlis, L.S. 118, 281,295, 
301,312, 371,416 
Medalje, M. 327 
Medalje, Sch. 327 
Medwedjew, P. 96 
Meierhold, W.E. 278 
Meir, G. 4l0f., 507 
Mejer, L. siehe Sacharow, L.N. 
Mejerson 306 
Mejman, N.N. 504 
Meigunow, S.P. 134f. 

Meinik, A. 389 

Melnitschanskij, G.N. 55, 313 
Mendelssohn, F. 519 
Menshinskii, W.R 219, 270, 
420f. 

Mentor 108 

Mereshkowskij, D.S. 178 
Metner, N.K. 10 
Metschnikow, I.I. 10 
Meyerbeer, D. 519 
Michail Alexandrowitsch, Gro߬ 
fürst 97 

Michajlow, L.M. (Jelinson, Poli¬ 
tikus) 93 
Michelson, A. 59 
Michoels, S.M. 267, 367-370, 
407f.,4l2f. 

Mikojan, A.I. 296£, 300 
Miljukow, P.N. 25,28, 65, 

176f. # 185, 203 
Milrud, M.S. 176 
Minajew-Zikanowskij, A.M. 

305,308 
Minin, K. 286 

Minkin-Menson, A.E. 55, 313 
Minor, O.S. 60, 175 
Minz, I.I. 133,415,498 
Minz, M. 345 
Minz, P.M. 359 
Minz, W.M. 359 
Mirkina, SA 474 
Mirkin-Gezewitsch, B.S. (Mir- 
skij, B.) 177 
Mironow 353 
Mironow, F.K. 133 
Mironow, M.P. 178 
Mironow-Kagan, L.G. 303f., 
308 

Mironow-Korol, S.N. 306, 308 
Mischka der Japaner siehe 
Winnizkij, M. 

Mitin, M.B. 498 


Mjasnikow, G. 97 
Mnjacko, L. 450f. 

Mogiljowskij, S.G. 138 
Molotow, W.M. 282, 293,296, 
321£, 340, 365,367, 405, 
407,412 

Moltschanow, GA 303 
Mommsen, T. 449 
Montesquieu, Ch. de 184 
Morgenthau, H. 419 
Moros, Ja.M. 350 
Morosow, G.I. 412 
Mühsam, E. 147 
Murawjow, MA 133 
Mustafa 255 

Nabokow, W.D. 38, 59, 67, 174 
Nachamkis, O. siehe Steklow, 
Ju.M. 

Nachimson, S.M. 77, 91, 131, 
211 

Napoleon III. 184 
Naschatyr 61 
Nashiwin, I.F. 67, 93 
Nasser, G. 446 

Nassimowitsch siehe Tschushak, 
N.N. 

Nathanson, MA 53, 60, 76 
Nebe, A. 391 
Nechamkin, L. 219 
Nekritsch, A.M. 487 
Nemanow, L.M. 176 
Nemirowitsch-Dantschenko, 
W.I. 278 
Neprjachin 299 
Neratow, AA 86 
Neurath, O. 147 
Nikolaj Nikolajewitsch, Gro߬ 
fürst 180 

Nikolaus II., russ. Kaiser 26, 56, 
94-97,184£, 336, 359, 470 
Nikolskij, A.W. 62 
Nogin, W.P. 217 
Nolde, B.E. 73 
Novotny, A. 451 
Nudelman, R.E. 506 
Nussbaum, L. 345 

Oborin, L.N. 333 
Obreimow, I.W. 337 
Ohlendorf, O. 391 
Oistrach, D.F. 333, 421 
Ordshonikidse, G.K. 209f, 

282, 296,298, 300,420 
Orlow, A. siehe Feldbin, L. 304 
Ossorgin, MA 172—174 
Osterman, A.I. 533 
Ostrowskaja, N.I. 133, 313 
Overman, L.-S. 111 
Oz, A. 9, llf, 17 

Pahlen, P. Graf von der 229 
Panina, Gräfin S.W. 88 


Parvus, A.L. (I.L. Helphand) 89, 
300, 336 

Pasmanik, D.S. 48, 62, 74, 80, 
84,103, 107f,124-126, 

152,157f, 160, 162, 
181-183, 19l£, 197f., 205, 
234,249, 263,270 
Pasternak, B.L. 10, 105, 114, 
163 

Pauker, K.W. 218, 303f, 308 
Paulus, Apostel 19 
Peled, B. 330 
Penson, B.S. 485 
Perasitsch, WA 89 
Perelman 347 

Perelman, I.I. siehe Dymow, O. 
Perelman, Ja.I. 336 
Perelman, W.B. 459 
Perwuchin, M.G. 363 
Peschecho now, A.W. '69 
Peter I., der Große, russ. Kaiser 
533 

Peters, Ja.Ch. 220 
Pedjura, S.W. 15l£, I54f, 

I60f., 166, 204, 326, 388 
Petraschewskij siehe Butasche- 
witsch-Petraschewskij, M. 
Petrowskij, G.I. 96 
Petscherskij, L.F. 131, 313 
Philon von Alexandria 515 
Pikker, S.S. siehe Martynow, 

A.S. 

Pilljar, RA. 303 
Pinskij, L.Je. 345 
Pinson, I.D. 141,313 
Pjatakow, G.L. 150 
Pjatnizkij, IA. (Tarschis) 90, 93, 
313 

Pjatnizkij, Je. 131 
Plastinina-Majsel, RA 133, 

141 

Plechanow, G.W. 182 
Pletnjow, D.D. 420 
Piiner, I.I. 305, 308 
Plissezkaja, M.M. 498 
Plutschek, W.N. 498 
Podgorez, N. 15 
Pokrass, Dan.Ja. und Dm.Ja. 

333 

Pokrowskij, M.N. 285 
Poljak, B.J. 176 
Poljakow, AA 176 
Poljakow-Litowzew, S.L. 177, 
181, 206f. 

Polonskij, I. 61 
Polubojarinowa, JeA 31 
Pomeranz, G.S. 227, 454, 470, 
474£, 477f., 480,493 
Popkow, P.S. 413 
Portugejs, S.O. (St. Iwano- 
%vitsch) 175,319, 322f. 
Posern, B.P. 139 
Posharskij, Fürst D.M. 286 


605 



Personenregister 


Posner, S.W. 179 
Pregel, S.Ju. 172 
Primakow, W.M. 133 
Prokofjew, GJe. 303 
Proschjan, P.P. 86 
Protopopow, AD. 30 
Pugatsch 373 
Pugo, B.K. 220 
Purischkewitsch, W.M. 31 
Purnis 306 

Puschkin, AS. 465,470£, 522 

Rachmanow, U. 242 
Radek (Sobelson), K.B. 285, 
319, 336 

Radsiwilowskij, AP. 304, 308 
Rafäilow, I. 92 
Rafalskij, S. 474 
RaFes, M.G. 32,114,313 
Rajew-Kaminskij, M.G. 306, 
308 

Rajskij-Lechtman, N. 306, 308 
Rajsman, Ju.Ja. 277 
Rajwid, P. 141 
Rakosi, M. 147 
Rakowskij, Ch.G. 35 
Rapoporc, Ja.D. 349 
Rappoport, Ch. 336 
Rappoport, G. 306, 308 
Rasch, O. 391 
Rasgon, I.B. 132, 313 
Rasgon, L.E. 346 
Rasputin, G.Je. 30f. 

Rasputin, W.G. 486 
Ratschkowskij, P.I. 184 
Rawrebe, LI. 317, 325 
Redens, S.F. 303 
Reichstein, D.I. 150 
Remisow, AM. 143, 172 
Renan, E. 23f. 

Resanow, AS. 30 
Ressin, I.S. 306, 308 
Ribbentrop, J. von 340, 367 
Ricardo, D. 519 
Rjabuschinskij, P.P. 74 
Rjasanow (Goldendach), D.B. 
310,313 

Rjumin, M.D. 424 
Rjutin, M.N. 294 
Robespierre, M. de 135 
Rodionow, M.1.413 
Roditschew, El. 185 
Rodsjanko, M.W. 26, 37 
Roginskij, G.K. 219,313 
Rojsenman, BA 294, 300, 313 
Rokotow, Ja.G. 437 
Rolland, R. 287 
Rolnik, M.G. 443 
Romm, M.I. 334,421,459 
Roosevelt, X 340 
Roschal, G.G. 277,297 
Roschal, S.G. 38 
Rosenberg, M.I. 30, 301,313 


Rosenblum, G. 434 
Rosengolz, AP. 90, 131,294, 
296-298,313 
Rosenoer, T. 298 
Rosmirowitsch, Je.B. 133 
Rosowskij, N.S. 302, 313 
Rotenberg, AI. 146 
Rotstein, RA. 223, 285, 300 
Rubanowitsch, IA 62 
Rubin, WA. 511 
Rubinin, Je. 300, 313 
Rubinow, Ja.G. 133,313 
Rubinstein, AG. 533 
Rubinstein, B.N. 175 
Rubinstein, D.L. 29, 110 
Rubinstein, M.1.132 
Rubinstein, N.G. 461 
Rubljow, Andrej, Hl. 474 
Ruchimowitsch, M.L. 226, 281, 
298,310,313 
Rudnjew, W.W. 177 
Rudsutak, Ja.E. 220 
Rueman, M. 337 
Rufelewitsch (Taratuta), A 93 
Rusha-Godes (Chelminskaja), 
M.-M. 406 
Russell, B. 439 
Rutenberg, P.M. 54, 59, 527 
Rutkowsfij, A 306, 308 
Rutman, R. 484 
Rybakow, AN. 443 
Ryklin, G.Je. 336 
Rykow, AI. 270, 294 
Ryss, P.Ja. 177 
Rywkin, O.L. 86, 313 

Saakjan 62 
Sacharow, AD. 460 
Sacharow-Mejer, L.N. 218, 308 
Sadow-Sinkowskij, L.N. 154 
Sagorskij (Lubozkij), W.M. 90 
Sak,Ja.I. 333,498 
Sakowskij, L.M. 303 
Saks, S.M. 89,313 
Salin (Lewin), L.B. 218, 303, 
306 

Salkind, IA 55, 86 
Salkind-Semljatschka, R.S. siehe 
Semljatschka, R.S. 

Salpeter, AK. 305, 308 
Salschupin, M.S. 176 
Saltykow-Schtschedrin, M.E. 

79,294 

Salzman, I.M. 371 
Samosud, SA. 332 
Samueli,T. 147 
Samyslowskij, G.G. 31 
Sandler, AS. 356 
Sangwil, S.G. 226, 313 
Sarcni, A.G. 334 
Sartre, J.-P. 528 
Saslawskij, D.I. 114, 286, 336, 
419 


Sawinkow, B.W. 205 
Schachowskoj, Fürst W.N. 74 
Schacht, H. 253 
Schaferan, I.D. 333 
Schafirow, P.P. 533 
Schainskij, W.Ja. 333 
Schanin, AM. 303f., 308 
Schapiro, AM. 113,150 
Schapiro, I.I. 304—306, 308 
Schapiro, L. 221, 434, 436 
Schazkin, LA 86, 313 
Schechtman, G.I. 203 
Scheinin, L.R. 336 
Scheinman, AL. 226 
Scheinman, M.M. 381 
Scher, W.W. 59 
Schereschewskij, NA 421 
Schestow, L.I. 105 
Schewzow, S.P. 88 
Schiff, J. 36,44,48 
Schijron, AS. 306 
Schilman, AL. 133, 313 
Schimeliowitsch, BA 419 
Schimkin, W.I. 179 
Schingarjow, AI. 127 
Schirwindt, Je.G. 219, 308 
Schkljar, G.I. 306, 308 
Schkud, MA 337 
Schlesinger 250 
Schlichter, AG. 142, 256, 282 
Schmidt, W.W. 96 
Schnejerson, M A 486 
Scholem Alejchem 329, 360, 
430 

Scholem, G. 20 
Schostakowitsch, D.D. 442 
Schotman siehe Danilow, AW. 
Schpoljanskij, AP. siehe Don- 
Aminado 
Schragin, B.I. 489 
Schrejder, G.I. 61 
Schtschadenko, Je A 133 
Schtscharanskij, AB. (N.) 21, 
444,493,511 
Schtscheglowitow, I.G. 30f. 
Schtscherbakow, W. 478 
Schtschors, NA 133 
Schub, D. 83 
Schub, E. 277 
Schubnikow, L.W. 337 
Schulgin, W.W. 134, 142,144, 
159f., 162, 177,207, 234, 
457 

Schulman 347 
Schumjazkij, B.S. 276, 334 
Schwarz 135 
Schwarz, I. 298 
Schwarz, N.Sch. 318 
Schwarz, S.M. 9, 59,144, 168, 
209f., 238, 321£, 339f., 360, 
363, 373, 386, 388, 390, 
395, 397f.,4l8,427, 430, 
439 


606 



Personenregister 


Schwarz, S. (I.I.) 138, 150,219 
Schwarzbard, S. 204, 388 
Schwernik, N.M. 362 
Sedych, A (Ja.M. Zwiback) 

176f. 

Seldowitsch, Ja.B. 461 
Selenin, W.R 421 
Selenskij, IA 90, 92, 298, 313 
Selikman, N.P. 308 
Selikson-Bobrowskaja, C.S. 133 
Seljonyj (D.I. Terpilo) 153 
Semjonow, BA 216 
Semjonow, Ja. 179 
Semljatschka (Salkind), R.S. 

89f., 146,294, 340 
Serebrennikow, AM. 487 
Sergi] von Radonesh, Hl. 277 
Sermuks, N.M. 87 
Sewastjanow 353 
Sgovio, T. 350f. 

Snelesnjak (AG. Shelesnjakow) 
88 

Sheiesnjak, M. 152 
Shemtschushina, P.S. 412 
Shewalkin, G.l. 286 
Shiwotowskij, A 111 
Shloba, D.P. 133 
Shukowskij, S.B. 91,313 
Shukowskij, WA 471 
Shushgow, N. 97 
Silberberg, I. 499 
Silberman, I. 242 
Silberminz, WA 317 
Simanowicsch, AS. 30 
Simanowskij, P.Sch. 306, 308 
Simon, G. 246 
Simonow, K.M. 373 
Simons, A. 86 
Sinegub, AP. 76 
Singer, L. 209 

Sinowjew, G.Je. 66, 80f., 85h, 
88h, 95, 119, 121, 139,143, 
216,218, 233, 280,310, 
313,319,483 
Sirota, G.-I. 359 
Sisman, A 347 
Siw, W. 176 

Skljanskii, E.M. 87f., 130h, 142 
Skoropadskyj, P.P. 151 
Skrypnikowa, AP. 350 
Skudre, A 220 
Skundin, B.G. 132 
Skwirskij, B.Je. 301, 313 
Skworzow-Srepanow, I.I. 285 
Slansky, R. 419 
Slaschtschow, JaA 204 
Slawin, A-L. 327 
Slawin, I.Je. 131, 313 
Slepak, S. 113 
Slepak, W.S. 113,511 
Siiosberg, G.B. 9, 16,27, 59 
Sliwa 158 
Slonim, M.L. 206 


Sluzkij, AA 303f., 308 
Sluzkij, BA 373 
Sluzkin, AA 337 
Smidowicsch, P.G. 270 
Smilga, I.T. 137 
Smirnow, W. 478 
Smirnowa, AA 79 
Smolenskin, P. 18 
Smoljar, H. 411 
Smuschkewitsch, Ja.W. 312 
Sobolew, L.S. 367 
Sokolinskij, D.M. 306, 308 
Sokolnikow (Brilliant), G.Ja. 80, 

131.313 
Sokolowskij 153 
Sokolskij-Grinberg, M.M. 279 
Sologub, F.K. 26 

Solomin, I.M. 373 
Solomon, GA 38, 223 
Solomonow, S. 352—355 
Solowejtschik, S.M. 175 
Solowjow, W.S. 14 
Solowjow-Sedoj, W.P. 333 
Solz, AA 294 
Solz, I.G. 296,313 
Sorin, S.S. 55,216,313 
Sorkin, N.S. 131,313 
Sorokin, I.L. 133 
Sosnowskij, L.S. 238, 313 
Spengler, O. 199 
Spiegelglas, S.M. 219, 303, 308 
Spielrein, E.N. 318, 359 
Spielrein, I.N. 318, 359 
Spielrein, Ja.N. 318, 359 
Spielrein, S.N. 359 
Spitzberg, IA 10 lf. 

Stahlecker, W. 386, 391 
Stalin, I.W.81,86, 113-115, 
118,137,219, 251,277, 
280-282, 284, 293h, 296, 
300,310, 321,323, 325, 
331h, 339f., 364h, 369, 371, 
375,404,407h, 410, 
412-414,418-420, 

422-424, 427,439, 445, 

450,464,491,533 
Stanislawski), K.S. 267 
Stankewitscn, W.B. 42, 63 
Starostin siehe Manewitsch, 

L.Je. 

Staschewskij, AK. 55, 301, 

313 

Stein, B.Je. 222, 300h 
Stein, Ju.G. 486 
Steinberg, I.-N.S. 76, 176 
Steinsalz, A 15, 528 
Steklow, Ju.M. (O.M. Nacham- 
kis) 39, 62, 66, 72, 86,146, 

158.313 
Stepun, FA 178 
Stern, G.M. 311-313 
Stern, L.S. 369 
Stern, M. 311 


Stezko, Ja. 389 
Stifter 111 

Stolypin, PA. 31, 97, 185, 482 
Stromin-Strojew, AR. 219 
Struk, I.T. 153 
Struve, P.B. 177,179, 197h, 
253 

Sturman, D.M. 124, 287, 440, 
487,492 
Stutschka, P.I. 96 
Suchanow (Gimmer), N. 32, 
39, 63h, 80, 116,313 
Sudarskij, I. 324 
Sudopiatow, PA 335,407f. 
Sukowkin, N.I. 140 
Sumenson, Je. 89 
SunYat-sen 112f. 
Sundelewitsch, AI. 54 
Surabow, AG. 89 
Suriz, Ja.S. 300f. 

Surkow, AA 428 
Suskin, W.L. 413,419 
Susmanowitsch, G.M. 92 
Sutton, A 110, 291 
Suworin, AS. 179 
Swanidse, AS. 301 
Swerdlow, Ja.M. 54, 80, 85f., 
88, 95h, 130f., 488, 533 
Swerdlow, M. 132 
Swerdlow, W.M. 54, 313 
Swesditsch, P.I. 175 
Swet, G.M. 176 
Swetow, F.G. 486, 488 
Swirskij, G.Z. 500 
Syrokomskij, WA 437 
Syrzow, S.I. 294 

Tairow-Kornblit, Aja. 278 
Tal, B.M. 295,313 
Talmi, L.Ja. 419 
Tanitsch, M.L 333 
Tarano wskij, W. 154 
Tarle, Je.W. 36 
Tarschis siehe Pjatnizkij, IA 
Tchou En-lai 112 
Teffi, NA 172 
Telegin, S. siehe Kopylow, G. 
Tereschtschenko, M.I.44 
Ternowskij 250 
Tess, T.N. 336 
Teumin, E.1.419 
Teusch, W.L. 354h 
Tichon (Belawin), Patriarch 
101h 

Timoschenko, S.K. 133 
Titus, röm. Kaiser 515 
Tjutjunik, Ju. 153 
Tjutschew, F.1.471 
Tobinson siehe Krassno- 
schtschokow, AM. 

Toller, E. 109, 147 
Tolstoj, Graf AN. 367 
Tolstoj, Graf L.N. 79 


607 



Personenregister 


Tomskij, M.P. 294 
Toynbee, A 530 
Trauberg, I.S. 334 
Trauberg, L.S. 277 
Trepper, L. 381 
Trilisser, MA 61,216,218f., 
294, 308 

Trojanowskij, AA 217 
Trotzkij 306 
Trotzkij, I.M. 175 
Trotzkij (Bronstein), L.D. 53, 
55£, 61,65,72,75f., 80f„ 
85-87, 90, 95, Ulf., 118, 
123-125, 128, 130f„ 
136-139,143,158,161, 
233,276, 279-281,294, 
303,306,319,340,483, 
488, 533 

Trubezkoj, Fürst G.N. 165 
Traman, H. 419 
Trumpeldor, J. 48, 72, 74 
Tschaadajew, EJa. 470 
Tschajanow, A.W. 283, 318 
Tschajkowskij, N.W. 69 
Tschakowskij, AB. 459,498 
Tschapajew, W.I. 133 
Tschaplinskij, G.G. 31 
Tschcheidse, N.S. 62 
Tschechow, A.E 477, 521 
Tschemerisskij, A 324 
Tschernomordikow, D.A. 280, 
336 

Tschernow, W.M. 59 
Tschernyschewskij, N.G. 79 
Tschertkow, D.K. 61 
Tschiang Kai-schek 112 
Tschiliga, A 281 
Tschitscherin, G.W. 222,268 
Tschornyj, S. (AM. Gliksberg) 
177 

Tschubin, JaA 295, 313 
Tschudnowskij, G.W. 504 
Tschudnowskij, G.I. 75, 131, 
150 

Tschukowskaja, L.K. 317,494, 
513 

Tschushak (Nassimowitsch), 
N.N. 61, 313 

Tuchatschewskij, M.N. 133, 
142, 312 

Tumerman, LA. 443 
Turgenjew, I.S. 79 
Turowskij, SA. 133, 313 


Tyrkova-Williams, A W. 111, 
118, 180, 278 

Uborewitsch, I.E 133, 312 
Ufland, W. 479 
Uglanow, HA. 216, 281 
Uljanow, N.W. 79 
Ulrich, W.W. 121 
Umanskij, KA 300 
Unschlicnt, I.S. 220, 298 
Urizkij, M.S. 54, 80, 88, 
118-120,131,533 
Urizkij, S.P. 302, 313 
Utechin, N.P. 478 
Utjossow, L.O. 279 

Wajman, D.I. 131 
Wajsberg, A 337 
Waldheim, K. 502 
Wannikow, B.L. 371,416 
Warburg, P. 254 
Wartburg, M. 15 
Wassilenko, N.P. 93 
Wassiljew, A.T. 30 
Watenberg, I.S. 419 
Watenberg-Ostrowskaja, Tsch.S. 
419 

Wazetis, I.1.220 
Weinbaum, M.E. 179 
Weinstein (Rachmiel), AI. 61, 

114f., 226,313 
Weinstein, S.L. 116 
Weinstock, Ja.M. 305, 308 
Weizblit, I.I. 329 
Weizmann, Ch. 370 
Wejzer, I.Ja. 296, 313 
Wenjamin, Metropolit 272 
Werchowskij siehe Staschewskij, 
AK. 

Wergelis, AA 498 
Werite, I.G. 335 
Wernadskij, W.I. 215 
Wertow, D. 277, 334 
Wesnik, Ja.1. 298, 313 
Wilenkin, AA 120 
Wilhelm II., dt. Kaiser 40 
Winawer, M.M. 28, 45,49, 

58£, 73,176,179 
Winawer, R.G. 28 
Winnitschenko, WK. 15 lf-, 
160, 166 

Wmnizkij, M. 132, 141 
Winogradow, W.N. 421 


Wipper, O .Ju. 31 
Wischnjak, AG. 176 
Wischnjak, M.W. 69, 175, 177, 
189, 371 
Wisner, IA 138 
Witkowskij, D.P. 307, 350 
Wjasemskij, Fürst PA 470 
Wladimir, Großfürst, Hl. 211, 
286 

Wladimirowa, L. 511 
Wladimirow-Scheinfinkel, M.K. 
92,226 

Wladimirskij, M.F. 96, 295 
Wojkow, P.L. 96,205 
Wojtinskij, W.S. 69 
Wolf, K.F. 335 
Wolf, M.F. 335 
Wolf M.M. 297, 350 
Wolfson, M.B. 335 
Wolfson, S. siehe Komarow, B. 
Wolin, B.M. (I.Je. Fradkin) 335 
Wohn (Eichenbaum), W.M. 56, 
154 

Wolkowysskij, N.M. 175 
Wolodarskij, W 54, 86, 131 
Wolpe, AM. 302, 313 
Wolynez, G. 153 
Woronel, A W. 287, 346, 446, 
509, 527 

Woroschilow, K.Je. 133,279, 
296, 302,311,407,412, 

427, 533 
Woskow, S.P. 92 
Wostokow, W.I. 164 
Wowsi, M.S. 420 
Wrangel, P.N. Baron 136, 164E 
Wul, L.D. 218, 306, 308 
Wyschinskij, Aja. 294 
Wyssozkij, W.Ja. 178, 315 

Zalkowitsch, I.M. 133, 313 
Zazkis, A 176 

Zederbaum, Ju.O. siehe Mar- 
tow, L. 

Zerereli, I.G. 72 
Zesarskij, W.Je. 305f, 308 
Zetlin, Je.W. 225,313 
Zetlin, M.O. (Amari) 171, 178 
Zetlina, M.S. 171 
Zirjulnikow, S. 85 
Zweig, A 287 
Zweig, S. 22f. 

Zwilling, S.M. 91 


608